Die tiefere Gerechtigkeit

John Stott zu Matthäus 5,19–20 (Die Botschaft der Bergpredigt, 2010, S. 79)

Die Pharisäer meinten, es sei genug, nach außen hin mit dem Gesetz übereinzustimmen. Der „Lehrer der Gerechtigkeit“, der in den Schriftrollen vom Toten Meer auftaucht, war strenger, wie Davies erklärt: „Hier wurde das Gesetz noch verzweifelter’… als bei den Pharisäern interpretiert und ernst genommen … Das ,ganze’ Gesetz sollte so, wie es in der Tradition der Sekte (der Essener von Qumran) interpretiert wurde, gehalten werden.“

Aber Jesus ist noch radikaler, denn wo die Essener nach immer mehr Gehorsam verlangen, erwartet er immer noch tieferen. Dieser tiefe Gehorsam ist es, der Gerechtigkeit des Herzens bedeutet und nur in demjenigen möglich ist, der durch den Heiligen Geist erneuert worden ist. Darum ist der Eintritt ins Reich Gottes also unmöglich ohne eine „bessere (d. h. tiefere) Gerechtigkeit“ als die der Pharisäer: Weil solch eine Gerechtigkeit die Wiedergeburt belegt, ohne die niemand ins Reich Gottes kommt.

Die Botschaft der Bergpredigt: Kommentar und Gesprächsleitfaden zu Matthäus 5-7 von John Stott

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Kommentare

  1. Schandor meint:

    Ich glaube John Stott nicht.
    Es ist typisch für anglophone Theologen: Sie sind zutiefst optimistisch.
    Nein, Luthers simul trifft die Sache, John Stotts Optimismus nicht.
    Die bessere Gerechtigkeit ist nicht die, die wir durch den Heiligen Geist (was bedeutet das?) erreichen, sondern durch die Anrechnung der Gerechtigkeit Jesu Christi.

    John Stotts Rat ist diesmal nicht gut.

  2. @Schandor: Nun, das würde Stott nicht abstreiten, dass die Gerechtigkeit Jesu uns vor Gott annehmbar macht. Siehe sein Buch Das Kreuz.

    Liebe Grüße, Ron

  3. Schandor meint:

    Dann ist’s wohl nur schlecht verstanden von mir.
    In diesem Fall herrscht Zufriedenheit 🙂

  4. Rolf Eicken meint:

    @Ron
    Ich habe eine ganz pragmatische Frage: Waren Johannes d. Täufer und Jesus nun Mitglied der Essener oder eher nicht? Ich habe mich mit den Essenern beschäftigt, konnte diese Frage aber nicht klären. Der Sprache nach wäre es möglich (z.B. …wer Ohren hat zu hören – usw.)
    LG
    Rolf

  5. @Schandor
    John Stott gehörte zur anglikanischen Kirche. Der „anglophone Optimismus“ passt sicher zum Methodismus, aber sind darüber hinaus auch andere Strömungen betroffen? Weißt du darüber Genaueres? Würde mich interessieren.
    Liebe Grüße
    Florian

  6. @Schandor: wie kommst du darauf, in Mt 5 eine zugerechnete Gerechtigkeit (forensisch) zu sehen? Liest du da nicht Paulus in Matthäus hinein? Der Kontext spricht meiner Meinung nach nicht dafür, anders als bei Paulus, der ja bewusst die forensische Sprache benutzt. Viel eher stellen die darauf folgenden Antithesen doch eher den Kontrast zwischen äußerem Gehorsam und innerem Gehorsam (nicht dass hierbei ein Gegensatz besteht, wenn diese beiden Punkte richtig zusammen gebracht werden –> äußerer Gehorsam folgt aus innerem Gehorsam).
    Damit sage ich natürlich nicht, dass ich nicht an eine forensische Zurechnung der Gerechtigkeit glaube und dass diese auch Bedingung für ein Leben in Heiligung ist, aber ich zweifle daran, dass das Jesus bzw. Matthäus hier an dieser Stelle gemeint haben. Ich lasse mich aber gerne eines besseren belehren, da ich immer wieder mit dieser Stelle hadere.

  7. @Rolf, schön von Dir zu hören! Die These, Jesus und Johannes hätten den Essenern nahgestanden, gilt als widerlegt. Siehe z.B.: Hartmut Stegemann. Die Essener, Qumran, Johannes der Täufer und Jesus, Freiburg im Breisgau: Verlag Herder, 1993, ab S. 292.

    Liebe Grüße, Ron

  8. Rolf Eicken meint:

    @Ron, herzlichen Dank für den Lektürehinweis; denn den kann ich für meinen Urlaub in Spanien gut brauchen. Bin schon ganz gespannt!
    Liebe Grüße
    Rolf

  9. @Florian

    Nein, da kann ich nicht dienen; es is mir nur beim Lesen theologischer Lektüre aus jenem Bereich immer wieder aufgefallen. Heiligungsoptimismen stammen meines Wissens auch eher aus Amerika als aus Europa.

    @Niklas
    Mit der Bergpredigt führt und Jesus von Nazareth unser Herz vor Augen.
    Im Grunde wiederholt er damit das alte Wort: Seid heilig, denn ich bin heilig.
    Aber er führt es genauer aus.
    Wir können nicht an uns und in uns heilig sein, das ist hier unmöglich.
    Das war im AT so und auch nach Jesus von Nazareth.
    Es ist und bleibt unmöglich, und das wollte Jesus uns in der Bergrede sagen.
    Äußerer Gehorsam ist Gehorsam, innerer Gehorsam ist Gehorsam.
    Heilig heißt aber weder nur innerer oder äußerer Gehorsam, sondern beides.
    Außer gewissen Heiligungsperfektionisten, die bereits die letzte Heiligungsstufe erklommen haben, wird es hier auf Erden wohl niemandem möglich sein, sich in dermaßen weltentrückte Moralregionen emporzuschwingen.
    Die Heiliggewordenen brauchen Jesus nicht mehr und begehen damit die Sünde wider den Heiligen Geist. Wodurch sie Jesus mehr brauchen als alle anderen und alles andere.
    Die zerquälten Herzen, die Mortifikationsmeister und andere Akrobaten der Unseligkeit zermartern sich in Selbstverleugnung, reißen sich Augen aus, weil das hübsche Nachbarsmädchen ihre schönen Beine dummerweise wieder im Minirock über den Hof hat gehen lassen; sie reißen sich die Füße aus, weil die sie daraufhin in gewisse Gässchen getragen haben, in denen unziemliche Verlockungen angeboten werden, nur um daraufhin zu sehen: Das Böse steckt im Herzen und kann nicht versiegen.
    Darum hat Paulus schreiben müssen: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen …
    Nein, ich meine nicht, Jesus habe die forensische Gerechtigkeit in der Bergrede durchklingen lassen wollen.
    Doch jede geistige Medizin bedarf zu ihrer Wirkung der Einsicht des Patienten: Ich bin todkrank, wenn nicht schon gestorben.
    Und nun zu John Stotts Optimismus, der mir hier zunichte zu machen scheint, was Luthers Reformation als große Erkenntnis fand:
    „Dieser tiefe Gehorsam ist es, der Gerechtigkeit des Herzens bedeutet und nur in demjenigen möglich ist, der durch den Heiligen Geist erneuert worden ist.“
    Das ist zuviel! Denn die Gerechtigkeit des Herzen ist römisch und osiandrisch. Niemals werden wir einen solchen Heiligungsstand auf Erden finden, in welchem wir sagen dürften: Ja, ich, ich persönlich, ich habe diesen Zustand endlich erreicht und bin … ja, bin jetzt im Herzen gerecht geworden!

  10. … Ziel und Ausrichtung unseres Erdendaseins: „Werden wie Jesus…“
    Jesus sagt: Ich tue nur, was ich den Vater tun sehe… ist das unser Bildungsziel ?
    Sehn manche von uns, was der Vater vorhat? Was ER gerade am Tagesprogramm hat?
    und sowieso: Ohne Heiligen Geist sind wir die Rebe, die nicht mehr am Weinstock ist.
    Euch allen liebe Grüße für Eure erbaulichen Diskussionen.
    Lg Hella Hagspiel-Keller

  11. @Dr. Hella Hagspiel-Keller

    Is it irony or mimezine?

  12. Hallo zusammen,
    die angerechnete Gerechtigkeit ist die Erlösung von unserer Schuld für getane Sünden (Vergangenheit); und das immer jeden Tag neu, weil wohl niemand Zeit seines Lebens sündlos lebt. Auch durch diese Vergebung bleibt meine Natur jedoch noch diesselbe. Jesu Maßstab für unserer Leben ist allerdings Matth. 5,48, die Forderung, dass wir so vollkommen sein sollen, wie der Vater auch ist (hier wohl die „tiefere Gerechtigkeit“). M. E. ist das höchste Gebot im NT. So und nun macht mal! Watchman Nee schreibt in „Das normale Christenleben“, dass es nur das Leben Jesu selbst ist, welches diesen Ansprüchen genügt. Und dieses Leben des Auferweckten Jesus wird uns dynamisch vermittelt durch den Heiligen Geist – wenn wir in IHM bleiben (Rebe am Weinstock). Das wird uns mit der Zeit zwar immer besser, aber in diesem Körper auch nie vollkommen gelingen.

    Gruß T.

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