Christuszentrierter Einsatz von Musik in der Gemeinde

RudiRudi Tissen ist Pastor und Musiker und schreibt auch selbst Lieder. Auf der E21-Regionalkonferenz in Bonn wird er für die musikalische Gestaltung zuständig sein und einen Workshop zum Thema „Seht unsern Gott! Christuszentrierter Einsatz von Musik in der Gemeinde“ anbieten.

Ich habe kurz mit ihm gesprochen. Hier ein Auszug:

In den letzten Jahren habe ich überwiegend Lieder geschrieben, die für den gemeinsamen Gesang einer Ortsgemeinde bestimmt sind. Aus diesem Grund versuche ich Lieder zu schreiben, die für eine größere Gruppe singbar sind. Das bedeutet zum einen, dass die Melodie nicht zu kompliziert verlaufen darf und schnell zu lernen ist. Zum anderen wünsche ich mir, dass die Gemeinden die Bibel „singen“. Die Herzen der Kinder Gottes sollen mit den unglaublich großen Wahrheiten aus Gottes Wort gefüllt werden. Ich glaube, dass Lieder ein guter Weg dafür sind. Mir ist es deshalb ein großes Anliegen, Lieder zu schreiben, die klar biblische Inhalte vermitteln und Christus, sein Werk und seine Größe, im Zentrum haben. Leitend ist für mich deshalb immer wieder Kolosser 3,16: „Lasst das Wort des Christus reichlich unter euch wohnen!“

Hier mehr: www.evangelium21.net.

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Rauschalarm für Drogeneinsteiger

Weltweit rollt eine Welle für die Legalisierung von Cannabis. Ein Signal mit fatalen Folgen. Drogenmediziner sehen sich gezwungen, öffentlich zu warnen: Die Psychose-Gefahr für junge Menschen wird unterschätzt.

Joachim Müller-Jung hat für die FAZ einen sehr guten Kommentar geschrieben:

Einig ist man sich zumindest darin, dass die Entkriminalisierung des Cannabis-Konsums und damit die Duldung als Freizeitdroge, wie sie in einigen amerikanischen Bundesstaaten noch schneller als irgendwo sonst vollzogen wurde, mehr Hoffnung für den Hanfanbau, aber kaum mehr Klarheit über die gesundheitlichen Folgen bringt. Eine drogenpolitische Nonchalance, gegen die nun eine Reihe europäischer, amerikanischer und australischer Wissenschaftler in zwei hochrenommierten medizinischen Zeitschriften, dem britischen „Lancet Psychiatry“ und „Biological Psychiatry“, ein vehementes Veto einlegen „Welche Beweise braucht es noch?“, fragt der britische Psychiater Robin Murray, dass die Gesellschaft den Zusammenhang zwischen starkem Cannabis-Konsum und gefährlichen Psychosen endlich anerkennt? Nicht alle, nicht einmal sehr viele Cannabis-Konsumenten trifft es so hart, dass sie Episoden von Wahnvorstellungen oder Halluzinationen bis hin zu Angststörungen, Denkblockaden oder schizophrene Symptome zeigen. Doch wer früh anfängt als Teenager, setzt sich klar einem erhöhten Risiko aus.

In England werden heute mehr als dreizehntausend behandlungsbedürftige Cannabis-Opfer – 50 Prozent mehr als vor zehn Jahren – in Kliniken eingewiesen. Ein Grund: Haschisch ist nicht gleich Haschisch. In den sechziger Jahren waren Cannabis-Produkte im Umlauf, die weniger als drei Prozent des psychoaktiven Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) enthielten, heute sind zwanzig Prozent üblich. Viele Pflanzen – nicht zuletzt auch synthetisch leicht herzustellende Mittel – enthalten mittlerweile bis zu 40 Prozent THC. In der gleichen Zeit, in der die Wirkung gesteigert wurde, nahm die Scheu der Jugendlichen ab. In den Vereinigten Staaten, so wird die Erkenntnis des Nationalen Instituts für Suchtmittelmissbrauch zitiert, hat die Risikobereitschaft zugenommen, in sieben Jahren sei die Zahl der (erfassten) Cannabis-Konsumenten von 14,5 auf 22,2 Millionen hochgeschnellt.

Mehr: www.faz.net.

Peking will Religionen sinisieren

Die FAZ meldet (26.04.16, Nr. 97, S. 5), dass in China die Religionen in Zukunft stärker gedrängt werden, ihren Glauben mit den Anliegen des Sozialismus abzugleichen. Ein Auszug:

Chinas Führung will die Religionsgemeinschaften des Landes künftig stärker kontrollieren. Bei einer Arbeitskonferenz der Kommunistischen Partei zu Religionsfragen legte Parteichef Xi Jinping am Wochenende neue Richtlinien vor. Danach wird von den Religionsgemeinschaften jetzt auch verlangt, dass sie ihre Lehrsätze der chinesischen Realität anpassen.

Der Parteichef verfügte, dass die Partei die religiösen Führer und die Gläubigen mit Hilfe der „sozialistischen Kernwerte“ führen solle, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete. Er rief die Religionsgemeinschaften dazu auf, sich den Anweisungen der atheistischen Kommunistischen Partei zu unterwerfen. Xi Jinping warnte vor einer Infiltration durch ausländische Kräfte mit religiösen Mitteln. Die Religionsgemeinschaften müssten den Sozialismus mit chinesischen Charakteristiken unterstützen, sagte Xi Jinping. Dazu sollten sie ihre Lehrsätze so interpretieren, dass sie Chinas Fortschritt dienten und mit der nationalen Kultur in Einklang stünden. Eine „Sinisierung“ der in China praktizierten Religionen sei eine der Hauptaufgaben in der derzeitigen Lage.

VD: JS

Interview mit Martyn Lloyd-Jones

Im Dezember 1970 hat die säkulare Journalistin Joan Bakewell Dr. Martyn Lloyd-Jones interviewt. Ich habe die Aufnahmen kürzlich bei Youtube gefunden und war über drei Dinge erstaunt.

Zum einen finde ich beeindruckend, wie gut die Journalistin sich im Vorfeld informiert hatte und das sie in der Lage war, in fairer Weise die richtigen Fragen zu stellen.

Es mag zweitens schon damals erstaunlich gewesen sein, wie klar Lloyd-Jones geantwortet hat. Er spricht beispielsweise davon, dass der christliche Glaube dogmatisch und exklusive ist. Er lässt sich nicht in die Position eines alles tolerierenden Kirchenmanns drängen. Er spricht mit großer Deutlichkeit über Sünde. Dürfen wir heute noch auf so klare Antworten hoffen? Ob wohl Verkündiger und Theologen, z.B. im christlichen TV oder Radio, die Fragen noch eindeutig beantworteten?

Schon damals wurde Martyn Lloyd-Jones mit dem Vorwurf konfrontiert, die Evangelikalen kümmerten sich nur darum, wie Christen in den Himmel kommen. Der große Prediger stellt mit wenigen Sätzen klar, dass so eine Art des Evangelikalismus unbiblisch ist und Christen selbstverständlich eine soziale Verantwortung auf Erden haben.

An einer Stelle stimme ich übrigens nicht mit Martyn Lloyd-Jones überein. Wir sollten nicht behaupten, dass das Gesetz nur im Alten Testament zu finden ist. So, wie wir schon im AT die Gnade und das Evangelium finden, so werden wir im NT mit dem Gesetz und Gericht konfrontiert. Aber das ist hier Nebensache. Reinhören und nachmachen!

Glauben Muslime und Christen an den selben Gott?

Glauben Muslime und Christen an einen Gott? Miroslav Volf meint „Ja!“ und hat das in seinem Buch  Allah: A Christian Response zu begründen versucht (vgl. die Besprechung des Buches von Mark Durie hier: Volf.pdf).

Thabiti Anyabwile, im Jahr 2014 Hauptreferent der E21-Konferenz in Hamburg, ist selbst vom Islam zum Christentum konvertiert und entfaltet in dem nachfolgenden Interview seine Sicht der Dinge (leider nur in englischer Sprache):

Im Gespräch mit Andrew Page

In der Zeit vom 18. bis 21. Mai veranstaltet Evangelium21 gemeinsam mit dem Martin Bucer Seminar die Spurgeon-Konferenz in München. Andrew Page aus England wird als Hauptreferent mit den Teilnehmern das Johannesevangelium durcharbeiten. Ich habe für Evangelium21 im Vorfeld kurz mit Andrew gesprochen:

Andrew Page ist Hauptredner der Spurgeon-Konferenz in München

Andrew Page
Andrew Page (Quelle: A. Page)

E21: Andrew, bald wirst Du in München auf der Spurgeon-Konferenz das Johannesevangelium auslegen. Wir als Veranstalter freuen uns auf Dich. Allerdings kennt Dich nicht jeder im deutschsprachigen Europa. Kannst Du uns etwas über Dich erzählen?

Ich bin nicht in einem gläubigen Elternhaus aufgewachsen und bin mit 14 Jahren Christ geworden. Nachdem ich Französisch und Deutsch studiert habe, war ich zwei Jahre lang Lehrer. Nebenbei habe ich angefangen zu predigen: Meine Vorbilder waren John Stott und David Jackman. Später habe ich Theologie studiert; danach war ich 20 Jahre lang Missionar in Österreich, wo ich unter Studenten gearbeitet habe und dann später Pastor der Innsbrucker Baptistengemeinde war. Seit 2007 bin ich wieder in England.

E21: Denkst Du ab und zu mal an deine Zeit in Österreich?

Selbstverständlich! Wenn ich nicht nach Österreich gegangen wäre, hätte ich fast Angst, was aus mir geworden wäre. Der Herr hat so viel in meinem Leben getan: Ich habe gelernt, was für Gaben er mir gegeben hat, ich habe ihn besser kennen gelernt, und ich bin durch den Kontakt zu österreichischen Geschwistern sehr gewachsen.

E21: Wenn man heute im internationalen Kontext Deinen Namen hört, assoziiert man sofort das Markus-Theater. Kannst Du uns etwas über das Projekt erzählen?

Beim Markus-Theater spielt ein Team von 15 Christen aus einer Gemeinde oder einer Studentengruppe jede Begebenheit des Markusevangeliums als Rundtheater. Ich staune, wie der Herr das wachsen hat lassen: Es findet jetzt in 23 Ländern statt. Und ich bin vom Hintergrund her kein Theater-Typ!

Mehr hier: www.evangelium21.net.

Schon für die Spurgeon-Konferenz angemeldet? Das geht hier: www.evangelium21.net.

Schlimm, wie Kirchen mit ihrem Liedgut umgehen

Konfirmation in einer Kleinstadt an der Ruhr. Es ist eine gelungene kirchliche Feier. Nur an einem hapert es: dem Gesang. Der alte Kirchenlieder-Kanon wird nicht gepflegt, ein neuer nicht aufgebaut. Erstaunlich, dass der leitende Feuilletonredakteur der Zeitschrift DIE WELT die Christenheit in Deutschland darauf aufmerksam macht, dass es vielerorts um das Liedgut und den Gesang nicht gut bestellt ist.

Tilman Krause schreibt:

So weit, so gut und auf eine überzeugende Weise zeitgemäß. Aber: Was nahezu vollkommen auf der Strecke blieb, war das Zutrauen in die musikalische Überlieferung. Ein einziges von unseren wunderschönen, altbekannten Kirchenliedern war vorgesehen: „Großer Gott, wir loben dich“. Und hier erhoben denn auch einige Gemeindemitglieder ihre Stimme.

Bei den neuen Gesängen jedoch, von denen der Verfasser dieser Zeilen noch nie etwas gehört hatte, blieb es weitgehend stumm. „Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang“, hieß das erste, das gar nicht mal schlecht oder besonders schwer zu singen war. Das galt auch für die folgenden: „Wohl denen, die noch träumen in dieser schweren Zeit!“ oder „Vergiss es nie, dass du lebst, war keine eigene Idee von dir“.

Über die wacklige Grammatik sah man gern hinweg, und der Refrain „Du bist du, das ist der Clou, du bist du“ erinnerte auf lustige Weise an das Schu-bi-du in ZDF-Hitparaden aus den Siebzigerjahren. Schließlich entpuppte sich „Möge die Straße uns zusammenführen“ mit dem bildkräftigen Refrain „Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand“ als richtiger Ohrwurm, mit dem man beschwingt die Kirche verlies.

Nur: Das alles nahmen die Gemeindemitglieder erst recht nicht an. Sie blieben zusehends still. Fragte man herum, erfuhr man, dass auch ihnen dieses neuere Liedgut unbekannt war. Aber wäre es dann nicht besser, die Menschen „dort abzuholen, wo sie stehen“ und sie bei solchen Gelegenheiten mit den Liedern zu konfrontieren, die sie kennen?

Dass die Einladung zu aktiver Mitgestaltung des Gottesdienstes an die Kirche bindet, hat man in dieser Gemeinde offenbar erkannt. Dass die einfachste Mitgestaltung von jeher im Mitsingen besteht, hingegen nicht. In keiner anderen Handlung (außer dem Abendmahl) erleben wir uns jedoch so intensiv als Christen wie im gemeinsamen Singen.

Dieses Singen müssen wir wieder lernen. Beginnen wir mit dem, was sich bewährt hat.

Mehr: www.welt.de.

„Viele Kinder von heute werden totale Narzissten“

Immer mehr Eltern versagen kläglich, wenn es darum geht, den Nachwuchs zu erziehen, sagt die Ärztin und Kinder- und Jugendtherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger. Das wird gravierende Folgen für das spätere Zusammenleben und die zukünftige Gesellschaft haben.

Hier ein Auszug aus einem Interview mit der FAZ:

Was konkret machen die Eltern falsch?

Ich sehe bei vielen Eltern eine extreme Angst, ihren Kindern durch zu strenge Regeln irgendwas zu verbauen oder sie zu zerstören. Sie vermitteln ihrem Kind, dass es tun kann, was es will, und trauen sich nicht, von ihm zu verlangen, dass es sich anstrengen soll. Sie sagen zum Beispiel: „Hauptsache, du bleibst nicht sitzen. Deine Noten sind nicht so wichtig.“ Oder, anderes Beispiel: Bei mir in der Beratung habe ich einen Neunjährigen, der schläft noch immer im Ehebett zwischen seinen Eltern, einem älteren Akademikerpaar. Wenn sie sagen, dass er das nicht mehr machen soll, schlägt er sie. Und das lassen sie sich gefallen. Aber Eltern müssen stark sein und ihre Führungsautorität behalten! Sonst wird das Kind früh autonom und wechselt in eine Peergroup. Es sagt dann zum Beispiel: „Ich gehe nicht mehr mit euch Klamotten kaufen, sondern mit meinen Freunden.“

Das ist doch nicht so schlimm.

Es kommt darauf an, in welchem Alter das passiert. Dadurch, dass die Pubertät heute schon viel früher einsetzt als noch vor einer Generation, kann das heute schon mit 12 der Fall sein statt mit 17. Da wird dann also mit 12 die Bindung, die ein Kind eigentlich noch zu seinen Eltern haben sollte, auf ein führendes Peergroup-Mitglied übertragen. Das bedeutet im Klartext, dass dann der Einäugige den Blinden führt, denn der Altersabstand zwischen beiden ist gering. Das ist kulturhistorisch absurd. Werte wurden Jahrtausende lang immer von einer Generation zur nächsten weitergegeben und dann in der Pubertät von der nachfolgenden Generation in Frage gestellt und transformiert. So ist die Ordnung, so sind die Regeln. Jetzt aber haben wir eine horizontale Übertragung innerhalb der Peergroup, mit 13 oder 14. Das ist eine Novität und führt zu absurden Betriebskulturen, die narzisstisch und brutal sind. So wird Potential vernichtet, denn diese Kinder sind ja nicht dümmer als wir. Aber sie können ihren Intellekt nicht nutzen, oder sie kehren der Gesellschaft den Rücken zu.

Mehr: www.faz.net.

VD: DV

 

Tim Keller über das „Vaterunser“

Tim Keller schreibt in seinem bemerkenswerten Buch Beten (Gießen: Brunnen, 2016, S. 130–131, Hervorhebung von mir):

Interessanterweise ist die Formulierung des Vaterunsers bei Lukas nicht Wort für Wort dieselbe wie bei Matthäus. Das Vaterunser ist so etwas wie die Zusammenfassung aller anderen Gebete, die große Gebetsvorlage, was die Prioritäten und Themen, den Zweck, ja den Geist allen Betens betrifft. Und so gilt: „Mag er [der Beter] auch noch so verschiedene Worte brauchen, so soll er doch im Sinn keine Abweichung eintreten lassen.“ Das Vaterunser muss all unseren Gebeten seinen Stempel aufdrücken und sie durch und durch prägen, und wie könnte man das besser erreichen als durch Luthers Übung, zwei Mal täglich das Vaterunser mit eigenen Worten nachzubeten, um anschließend zum freien Lob- und Bittgebet überzugehen?

Nicht minder wichtig ist die Tatsache, dass Jesus das Vaterunser im Plural und nicht im Singular formuliert hat. Wir bitten Gott, uns zu geben, was wir brauchen. Calvin schreibt: „Die Gebete der Christen müssen auch die anderen mit umfassen und ihr Ziel … in der Förderung der Gemeinschaft der Gläubigen haben.“ Der amerikanische Theologe Michael S. Horton stellt klar, dass nach Calvin „der öffentliche Gottesdienst die private Andacht prägt und nicht umgekehrt“. Calvin war die Gestaltung des Gemeindegottesdienstes und der Liturgie ein großes Anliegen, weil er hierin eine wichtige Vorlage für das private Gebet des einzelnen Christen sah.

 

Türkei: Mord an Christen ist für Staatsanwälte kein Terror

Am 18. April 2007 hatten fünf junge Männer in der osttürkischen Provinzhauptstadt Malatya drei Christen grausam ermordet und wurden auf frischer Tat von der Polizei festgenommen. Necati Aydın, Uğur Yüksel und der Deutsche Tilmann Geske hatten sich in den Räumen des evangelischen Zirve-Verlages mit ein paar jungen Männern, die Interesse am christlichen Glauben bekundet hatten, über einige Wochen hinweg zum Bibelstudium getroffen. Dies war offenbar nur ein Vorwand, um sich das Vertrauen der späteren Opfer zu erschleichen.

Obwohl die Taten politisch motiviert waren, ließ man den Terrorverdacht jetzt fallen. Deniz Yücel hat für DIE WELT berichtet:

Wer steht in der Türkei unter Terrorverdacht? Zum Beispiel die Anglistin Meral Camci, der Historiker Muzaffer Kaya, die Psychologin Esra Mungan und der Mathematiker Kivanc Ersoy. Sie gehören zu den insgesamt 2212 Wissenschaftlern, die Anfang des Jahres einen Aufruf zum Ende der Gewalt in den kurdischen Gebieten unterzeichnet und damit den Zorn von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan auf sich gezogen hatten. Mehrere Dutzend weitere Unterzeichner verloren ihren Job, gegen einige Hundert dieser Wissenschaftler wurden Disziplinar- oder Strafverfahren eröffnet. Und vier sitzen in Haft. Der Vorwurf: Werbung für eine terroristische Vereinigung.

Keine Terroristen sind in den Augen der Staatsanwaltschaft hingegen die fünf Männer, die im April 2007 in der südostanatolischen Stadt Malatya drei Christen ermordet haben. Wie zunächst die Tageszeitung „Cumhuriyet“ berichtete, hat die Staatsanwaltschaft Malatya in ihrem Schlussplädoyer den Anklagepunkt der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung fallen gelassen.

Die Morde an dem 36-jährigen türkischen Pastor Necati Aydin, dem 32-jährigen türkischen Christen Ugur Yüksel und dem 45-jährigen deutschen Missionar Tilmann Geske hatten für internationales Aufsehen gesorgt. Die Täter waren in die Räume des evangelikalen Zirve-Verlags eingedrungen, hatten ihre Opfer geknebelt, sie an Händen und Füßen gefesselt und schließlich ihre Kehle durchgeschnitten. „Ich gehe fest davon aus, dass die türkischen Behörden alles unternehmen werden, um dieses Verbrechen aufzuklären und die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen“, sagte damals Frank-Walter Steinmeier, wie heute Bundesaußenminister.

Und die Voraussetzungen für eine Ahndung des Verbrechens schienen wirklich günstig, immerhin waren die Mörder noch am Tatort festgenommen worden. Doch es folgte eine jahrelange juristische Farce. Im Jahr 2012 wurde die Anklage mit den Prozessen gegen die vermeintliche Putschistenorganisation Ergenekon zusammengeführt, die mit Billigung der AKP-Regierung von Staatsanwälten aus dem Umfeld der Gülen-Bewegung gegen hochrangige Militärs, aber auch gegen Journalisten, Wissenschaftler und andere Personen des öffentlichen Lebens betrieben wurden. So wuchs die Zahl der Angeklagten im Zirve-Prozess auf 21 Personen, darunter Kommandanten der Gendarmerie in Malatya. Nach einer Gesetzesnovelle, mit der die Dauer der Untersuchungshaft auf fünf Jahre beschränkt wurde, wurden die fünf Attentäter im März 2014 aus dem Gefängnis entlassen und unter Hausarrest gestellt.

Etliche Christen in der Türkei werden neuerdings von der Terrororganisation IS bedroht. Die Bonner Querschnitte weisen darauf hin, dass seit einiger Zeit der christliche Radiosender „radio shema 98.0“ in Ankara massiv bedroht wird, so dass die Polizei anhaltend mit zwei Autos vor der Tür steht. Zeitgleich geriet die protestantische Kurtuluş-Gemeinde, zu deren Arbeitszweigen auch Radio Shema gehört, derart unter Druck, dass vor Gottesdiensten bis zu 50 Polizisten jeden einzelnen Gottesdienstbesucher genau kontrollierten, um etwaige Anschläge zu verhindern. Soner Tufan, Generalmanager von Radio Shema, schrieb: „Bislang haben wir noch nie gesehen, dass uns die Polizei so ernsthaft schützt.“ Auch habe er erfahren, dass der Premierminister der Türkei angeordnet habe, „alles zu tun, um uns zu schützen“.

Auch die anderen evangelischen Gemeinden in der Türkei sind informiert worden, dass der IS mit Anschlägen gedroht habe, weshalb die Polizei mit verstärkten Patrouillen versuchen werde, die Gemeinden zu schützen. Auch das Büro des Bibelkorrespondenzkurses in Istanbul hat in den letzten Monaten verstärk Drohungen vor allem per Telefon erhalten, wie aus Mitarbeiterkreisen bekannt wurde. Auch hier wird vermutet, dass dies aus dem Umfeld des IS kommen könnte.

Aufgrund der aktuellen Situation riefen türkische Pastoren und Leiter die Christen in aller Welt dazu auf, verstärkt für ihre Glaubensgeschwister in der Türkei zu beten.

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