Johannes Calvin

Calvin und die Freikirchen

Im Calvin-Jubiläumsjahr hat der Rektor des Martin Bucer Seminars, Thomas Schirrmacher, die deutschen Freikirchen aufgefordert, nicht länger auf die ›schwarzen Legenden‹ Calvins zu hören, sondern sich damit zu beschäftigen, wie groß der Einfluss des reformierten Denkens auf ihre Gründerväter war. In einem Vortrag in der Freien Evangelischen Gemeinde Bonn zum Thema »Calvin und die Freikirchen« schilderte Schirrmacher die ökumenische Bedeutung Calvins.

Weil Calvin als einziger großer Reformator bei Einsetzen der Gegenreformation noch gelebt habe, sei er zum Zentrum der wohl größten Verleumdungskampagne der Kirchengeschichte geworden. Es gebe kaum eine moralische Verfehlung, die ihm nicht angehängt worden sei und die meisten Menschen kennten bis heute über Calvin nur einige »schreckliche« Versatzstücke seiner Theologie, die noch nicht einmal der Beschäftigung wert seien. Diese Verleumdungen seien erst in jüngster Zeit vor allem von katholischen, französischen Historikern aufgedeckt und widerlegt worden.

»Die Grundwahrheiten der reformierten Lehre dürfen nicht in offiziell reformierten Kirchen weggeschlossen werden. Insbesondere taufgesinnte Freikirchen müssen sich daran erinnern, wie stark ihr reformiertes Erbe ursprünglich war«, so Schirrmacher. Dabei gehe es ihm nicht um konfessionelle Streitigkeiten, zumal ja etliche Freikirchen sich dazu lediglich mit der Theologie ihrer Gründer beschäftigen müssten. »Es ist unser Wunsch, dass die Lehre vom Vorrang der Gnade Gottes, die Lehre von Gottes absoluter Souveränität, die sich aber im Eid verbindlich für uns festlegt, die Lehre von der Bedeutung der Gebote für die Ethik und die Wichtigkeit des Einsatzes für Evangelisation, Diakonie und gesellschaftliche Veränderung – um einmal reformierte Grundwahrheiten zu skizzieren – ganz neu in unseren Gemeinde Einzug hält«, so Schirrmacher wörtlich.

Das Martin Bucer Seminar hat zum Calvin-Jubiläum eine deutsche Neuausgabe der ersten Auflage der Institutio, der Hauptschrift Calvins, unter dem Titel Christliche Glaubenslehre veröffentlicht. Soeben erschien zudem ein englischsprachiger Sammelband Calvin and World Mission mit Aufsätzen aus 120 Jahren, die belegen, das Calvin für Weltmission eintrat und erste Missionare aussandte.

Weckruf an einen untreuen Hirten

Der Reformator Johannes Calvin hat 1537 in einem Sendschreiben Bischöfe, Lehrer und Älteste aufgefordert, ihren Dienst an der Kirche von Jesus Christus gewissenhaft wahrzunehmen. Ich gebe hier Auszüge aus dem Schreiben wieder, da es heute mindestens ebenso aktuell ist wie vor rund 470 Jahren:

Ich tue das wirklich nur ungern und zögernd, so kompromißlos an dein Verschulden heranzugehen, daß ich dem Anschein nach mehr eine gerichtliche Anklage erhebe, denn als Warner auftrete. Aber was soll ich dir in dieser offensichtlichen Angelegenheit schmeicheln? Zumal ich dich aufs höchste gefährdet sehe, weil du diese Art von Nachläßigkeit begehst, als ob es irgendeine Spielerei wäre, und dir damit Unterhaltung verschaffst. Ich sage es also noch einmal, und du wirst es nicht abstreiten: die Religion Gottes und sein Volk, die deiner Sorge anbefohlen wurden, sind durch deine Untätigkeit nicht bloß alleingelassen und gehen zugrunde. Sie werden vielmehr durch Unredlichkeit und Schlechtigkeit vernichtet. Wenn nun im Krieg von Gesetzes wegen auf einen Deserteur die Todesstrafe angewandt wird – welche gerechte Strafe gilt dann erst einem Überläufer, der nicht bloß seinen Posten und seine Abteilung verläßt, sondern auch noch als Feind gegen die Heimatstadt vorgeht, deren Verteidigung er gelobt hatte? …

Zur Posaune, Wächter; zu den Waffen, Hirte! Was zögerst du? Was bleibst du träge? Was schläfst du? Solange dein Verstand durch nebensächliche Dinge und Angelegenheiten abgelenkt ist, die nichts zur Sache tun, wendest du dich nicht der Sache zu, und alles geht gänzlich zugrunde! Unseliger, du bist dem Herrn für so viele Tote verantwortlich, du bist ein so vielfacher Mörder, so oft hast du dir Blutschuld aufgeladen: der Herr wird jeden Blutstropfen aus deiner Hand zurück- fordern! Und du bleibst unerschrocken bei solchem Donnerschlag? Du erschauderst nicht? Du bist nicht beunruhigt? Du brichst nicht an Leib und Seele ganz und gar zusammen? Oh Mensch, in dir ist allzuviel Rücksichtslosigkeit und Halsstarrigkeit, wenn du durch ein solches Gottesurteil nicht aus der Fassung gebracht wirst, dessen Wucht sicherlich nicht einmal Himmel und Erde und die stummen Elemente selbst aushalten würden! Dabei rede ich noch sehr zurückhaltend, wenn ich dich einen Mörder und einen Verräter der Deinen nenne. Denn mehr als alles andere ist dies ein übles Verbrechen, daß du Christus selbst, soweit er bei dir ist, nochmals verkaufst und nochmals kreuzigst. Denn wenn du die Gemeinde (die Christus durch sein Blut erworben hat) der Vernichtung preisgibst und nur deine Habsucht befriedigst, was ist das anderes, als das Blut Christi, das als Kaufpreis für sie aufgeboten wurde, selbst zu verschachern? Was heißt wohl Christus kreuzigen, wenn nicht dies: sein Blut geringschätzig verhöhnen, und demzufolge mit ihm selbst Spott zu treiben? Und er sollte diese ganz unerhörte Entehrung immer weiter ertragen, er, den der Vater mit Ehre und Ruhm gekrönt hat? Wenn du aber klug bist, wirst du das heilige Blut Christi nun höher schätzen, so hoch wie es ihm gebührt. Wie sehr wirst du nach ihm verlangen, wenn du durch die Härte des Opfers (Christi) lernst, wie wertvoll es vom Herrn selbst gemacht wurde! …

Calvin zum zweiten Gebot

Die Institutio zum zweiten Gebot (II,8,16):

»Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, noch des, das im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht …«

Wie Gott im vorigen Gebot kundtat, daß er der eine ist, außer welchem keinerlei andere Götter zu denken oder zu verehren sind, so gibt er jetzt deutlich zu verstehen, was für ein Gott er ist und welcher Gottesdienst ihm zu seiner Verehrung wohlgefällt, damit wir ihm nicht etwas Fleischliches anzudichten wagen! Die Absicht dieses Gebotes geht dahin, daß er seine rechte Verehrung nicht durch abergläubische Gebräuche entweihen lassen will. Deshalb will er uns — und das ist im wesentlichen der Inhalt des Gebots — von allen fleischlichen Vorstellungen, die unser Sinn, wenn er Gott nach seiner eigenen, groben Art denken will, notwendig aufbringt, gänzlich wegrufen und abziehen und uns zu dem rechtmäßigen Gottes­dienst, der da geistlich ist und den er selbst angeordnet hat, bereit machen. Das scheußlichste Laster, das bei der Übertretung dieses Gebots eintreten kann, nennt er mit Namen: den offenen Götzendienst.

Calvin und die Festigkeit des Glaubens

Johannes Calvin begründet in seinem Schreiben an Kardinal Sadolet von 1539 die Gewissheit des Glaubens mit dem Hinweis darauf, dass Gott selbst sein Zeugnis in die menschlichen Herzen meißelt.

Zugleich warnt er vor Hochmut und Blindheit: »Ich gebe vielmehr zu, daß auch reine und wirklich fromme Herzen nicht immer alle Geheimnisse Gottes begreifen, ja manchmal sogar sonnenklaren Dingen gegenüber blind sind und zwar nach Gottes Vorsehung, die sie auf diese Weise an demütige Bescheidenheit gewöhnen will.« Wir können nicht alles wissen, was wir wissen wollen. Jedoch: »Die Wahrheit dieses Wortes [gemeint ist das biblische Wort] aber ist ihnen klar und eindeutig genug, daß weder Menschen noch Engel sie ins Wanken zu bringen vermögen.«

So also stehen die Dinge: der Glaube der Christen darf sich nicht auf menschliches Zeugnis gründen, nicht auf schwankende Meinungen stützen, noch sich durch Autorität von Menschen absichern, sondern er muß uns mit dem Finger des lebendigen Gottes ins Herz gemeißelt sein, damit ihn kein Irrtum mit seiner Verblendung auslöschen kann. Folglich hat niemand an Christus Anteil, der nicht an diesen elementaren Dingen festhält: Es ist ein Gott, und er allein erleuchtet unsere Sinne zur Erkenntnis seiner Wahrheit, er versiegelt sie durch denselben Geist in unseren Herzen und macht durch ihre zuverlässige Bestätigung unser Gewissen fest. Das ist, um mich so auszudrücken, jene volle und feste Gewißheit, die Paulus uns rühmt: Wie sie dem Zweifel keinen Raum gibt, so ist sie auch bei der Verteidigung vor den Menschen nicht unschlüssig oder schwankend, welcher Partei sie sich eher anschließen soll, sondern hört nicht auf, fest in sich selbst zu stehen, mag sie auch die ganze Welt wider sich haben.

Hier hat auch jene Fähigkeit zu klarem Urteil ihren Ursprung, die wir der Kirche zuschreiben und ihr ungeschmälert bewahrt wissen wollen. Denn mag die Welt auch noch so toben und vom Lärm verschiedenster Meinungen widerhallen. Wer glaubt, ist niemals so verlassen, daß er den richtigen Weg zum Heil nicht einhalten könnte. Dennoch träume ich dabei nicht von einer Klarheit im Glauben, die bei der Unterscheidung zwischen wahr und falsch nirgends auf Abwege gerät und niemals sich täuscht; ich rede auch nicht einem Eigensinn das Wort, der auf das ganze Menschengeschlecht gleichsam von oben herabsieht, sich um keines Menschen Urteil kümmert und keinerlei Vorliebe für Gebildete oder Ungebildete kennt. Ich gebe vielmehr zu, daß auch reine und wirklich fromme Herzen nicht immer alle Geheimnisse Gottes begreifen, ja manchmal sogar sonnenklaren Dingen gegenüber blind sind und zwar nach Gottes Vorsehung, die sie auf diese Weise an demütige Bescheidenheit gewöhnen will. Umgekehrt auch das gebe ich zu , ist ihre Ehrfurcht vor allen Guten, geschweige denn vor der Kirche, so groß, daß sie sich nicht ohne weiteres von einem Menschen umstimmen lassen, bei dem sie etwas von rechter Erkenntnis Christi erspürt haben: Lieber halten sie einmal ihr Urteil zurück, als daß sie leichtfertig eine Spaltung vom Zaun brechen. Nur darauf beharre ich: Solange sie bei Gottes Wort bleiben, können sie niemals so in die Enge getrieben werden, daß sie ins Verderben geraten. Die Wahrheit dieses Wortes aber ist ihnen klar und eindeutig genug, daß weder Menschen noch Engel sie ins Wanken zu bringen vermögen.

Calvin über Glauben und Werke

Calvin bestreitet, dass Werke irgendeinen Anteil an der Rechtfertigung des Menschen haben (vgl. hier). Aber ist der Glaube nicht ohne Werke tot (vgl. Jak 2,17)? Calvin: Da wo Christus ist, »da ist der Geist der Heiligung, der die Herzen zu neuem Leben umschafft«.

Johannes Calvin schreibt 1539 in seinem Brief an Kardinal Sadolet:

Gleichwohl tut man Christus Unrecht, wenn man unter dem Vorwand seiner Gnade gute Werke verwirft, ist er doch gekommen, das Volk »angenehm zu machen für Gott, eifrig zu guten Werken«. Und ähnliche Zeugnisse dafür gibt es in Fülle, aus denen hervorgeht, Christus sei deshalb erschienen, damit wir durch ihn als Menschen, die recht handeln, Gott angenehm sein sollen. Unsere Gegner führen freilich stets die Schmähung im Munde, daß wir mit dem Hinweis auf die Rechtfertigung aus Gnaden den Eifer nach guten Werken im christlichen Leben ersticken. Doch das ist zu lächerlich, als daß es uns ernsthaft beschweren könnte. Daß gute Werke an der Rechtfertigung des Menschen irgendeinen Anteil haben, bestreiten wir allerdings; im Leben der Gerechtfertigten aber beanspruchen wir für sie das ganze Feld. Denn wer Gerechtigkeit erlangt hat, besitzt Christus, Christus aber kann nirgends ohne seinen Geist sein. Daraus geht klar hervor, daß die Gerechtigkeit aus Gnaden notwendig mit der Wiedergeburt verbunden ist. Wenn man also genau verstehen will, wie unzertrennlich Glaube und Werke zusammengehören, muß man auf Christus sehen, der uns, wie der Apostel lehrt, zur Gerechtigkeit und Heiligung gegeben ist (1Kor 1,30). Wo immer sich also diese Glaubensgerechtigkeit findet, die wir als ein Geschenk der Gnade verkündigen, dort ist auch Christus. Wo aber Christus ist, da ist der Geist der Heiligung, der die Herzen zu neuem Leben umschafft. Und umgekehrt: Wo sich der Eifer nach Uneigennützigkeit und Heiligung nicht regt, dort ist auch weder Christi Geist noch Christus selbst. Wo aber Christus nicht ist, da gibt es auch keine Gerechtigkeit, ja nicht einmal Glaube, kann doch ohne den Geist der Heiligung der Glaube Christus nicht als [Unterpfand der] Gerechtigkeit ergreifen. Wenn also Christus nach unserer Predigt zu einem geistlichen Leben erneuert, welche er rechtfertigt, wenn er sie der Gewalt der Sünde entreißt und in das Reich seiner Gerechtigkeit versetzt28, wenn er sie in das Ebenbild Gottes verwandelt und sie schließlich durch seinen Geist zum Gehorsam gegen seinen Willen umgestaltet: dann bleibt Euch keine Möglichkeit mehr zur Klage, unsere Lehre lasse fleischlichen Begierden die Zügel schießen. Etwas anderes aber wollten die von Euch angeführten Schriftstellen doch nicht bezwecken. Wenn Ihr sie also dazu mißbrauchen wollt, die Rechtfertigung aus Gnaden niederzureißen, dann habt Ihr Euch verrechnet!

Calvin über die Glaubensgerechtigkeit

Kardinal Sadolet forderte 1539 den Stadtrat und die Bürgerschaft von Genf auf, in die Arme der Katholischen Kirche zurückzukehren. Der Antwortbrief von Johannes Calvin zählt zu den beeindruckendsten Streitschriften, die der Reformator geschrieben hat. Calvin stellt klar, dass mit dem Verschwinden der Glaubengerechtigkeit auch Christi Herrlichkeit erlischt, die Kirche zerstört wird und die Hoffnung auf unser Heil scheitert.

Hier der entsprechende Abschnitt aus dem Brief von 1539:

Im übrigen sprecht Ihr uns selbst durch Euer Zeugnis frei. Denn unter unseren Glaubenssätzen, die Ihr genau meintet durchnehmen zu müssen, führt Ihr keinen an, dessen Kenntnis für den Aufbau der Kirche nicht höchst notwendig wäre. Die Rechtfertigung aus Glauben berührt Ihr an erster Stelle. Darüber führen wir ja auch den ersten und härtesten Streit mit Euch. Gehört sie etwa zu jenen spitzfindigen und unnützen Fragen? Nein, wenn ihre Erkenntnis verschwindet, ist Christi Herrlichkeit erloschen, die Religion abgeschafft, die Kirche zerstört und die Hoffnung auf unser Heil völlig gescheitert. Diese Lehre also, behaupten wir, die das Herzstück der Religion war, ist von Euch wider göttliches Recht aus dem Bewußtsein der Menschen getilgt worden. Den klaren Beweis in dieser Sache führen unsere Bücher. Und die haarsträubende Unwissenheit, die darüber bis heute noch in allen Euren Gemeinden herrscht, zeigt, daß wir keineswegs fälschlich Klage erheben. Ihr aber hängt uns aus schierer Boshaftigkeit die üble Nachrede an, wir machten alles vom Glauben abhängig und ließen so keinen Raum mehr übrig für die Werke. Ich will mich an dieser Stelle auf keinen ordentlichen Disput einlassen, den man ja nur in einem umfangreichen Buch zu Ende führen könnte. Wenn Ihr aber in den Katechismus hineinsehen würdet, den ich selbst für die Genfer zusammengestellt habe, während ich bei ihnen als Pastor tätig war, so würden drei Worte genügen, um Euch, besiegt, verstummen zu lassen. Gleichwohl will ich Euch hier in Kürze darlegen, wie wir darüber reden.

Zunächst lassen wir den Menschen mit seiner Selbsterkenntnis den Anfang machen, und das nicht leichtfertig oder oberflächlich, vielmehr soll er sich mit seinem Gewissen vor Gottes Richterstuhl stellen. Und wenn er dann vom Zustand seiner Ungerechtigkeit sattsam überführt ist, soll er zugleich auch die Strenge des Urteilsspruchs bedenken, der über alle Sünder ergeht. So wirft er sich, durch sein Elend aus der Fassung gebracht und zu Boden geschlagen, vor Gott nieder und demütigt sich: Er läßt alles Selbstvertrauen fahren und seufzt, als wäre er dem äußersten Verderben preisgegeben. Dann zeigen wir ihm den einzigen Ankergrund seines Heils, die Barmherzigkeit Gottes, die uns in Christus dargeboten wird, ist doch in ihm alles erfüllt, was zu unserem Heil gehört. Weil also alle Sterblichen vor Gott als Sünder verloren sind, nennen wir Christus unsere einzige Gerechtigkeit: Er hat mit seinem Gehorsam unsere Übertretungen getilgt, mit seinem Opfer Gottes Zorn besänftigt, mit seinem Blut unsere Flecken abgewaschen, durch sein Kreuz unseren Fluch aufgehoben, mit seinem Tod für uns alles beglichen. Auf diese Weise also, lehren wir, wird in Christus der Mensch mit Gott, dem Vater versöhnt: nicht durch irgendein Verdienst, nicht durch die Würdigkeit seiner Werke, sondern allein durch unverdiente Gnade. Weil wir aber im Glauben Christus umfassen und gleichsam in Gemeinschaft mit ihm eintreten, nennen wir diesen Glauben nach der Weise der Schrift Glaubensgerechtigkeit.

Was habt Ihr da zu beißen und auseinanderzupflücken, Sadolet? Etwa, daß wir für die Werke keinen Raum lassen? In der Tat, wenn es um die Rechtfertigung des Menschen geht, bestreiten wir ihnen auch nur ein Haar breit Geltung. Denn überall redet die Schrift unüberhörbar davon, daß alle verloren sind, und es klagt einen jeden sein eigenes Gewissen schwer genug an. Keine Hoffnung bleibt uns übrig als allein Gottes Güte, die uns die Sünden vergibt und Gerechtigkeit zuspricht: so lehrt es dieselbe Schrift. Und beides, erklärt sie, geschieht umsonst: so kann sie am Ende verkünden, der Mensch sei ohne Werke selig (Röm 4,7). Was aber bringt uns denn dann das Wort Gerechtigkeit zur Kenntnis, wenn es auf gute Werke keinerlei Rücksicht nimmt? Ja, wenn Ihr darauf achten wolltet, was die Schrift mit dem Wort »rechtfertigen« bezeichnet, würdet Ihr an dieser Stelle nicht stecken bleiben. Sie bezieht es nämlich nicht auf die eigene Gerechtigkeit des Menschen, sondern auf Gottes Güte, die den Sünder gegen sein Verdienst annimmt und ihm Gerechtigkeit verschafft und zwar dadurch, daß sie is ihm seine Ungerechtigkeit nicht anrechnet. Darin, sage ich, besteht unsere Gerechtigkeit, wie sie Paulus beschreibt, daß Gott uns mit sich selbst in Christus versöhnt hat (2Kor 5,19). Auf welche Weise das geschehen ist, folgt gleich darauf: »indem er ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete«. Daß wir durch den Glauben dieses Gutes teilhaftig werden, zeigt er schließlich, indem er feststellt, daß der Dienst dieser Versöhnung im Evangelium beschlossen liegt. Doch ein »weiter Begriff«, sagt Ihr, ist das Wort Glaube, und seine Bedeutung liege noch tiefer verborgen. Aber doch verbindet ihn Paulus, sooft er ihm das Vermögen unserer Rechtfertigung zuschreibt, alsbald mit der unverdienten Verheißung göttlicher Zuwendung, hält ihn aber von jeder Beziehung auf die Werke fern. Daher der ihm vertraute Schluß: »Wenn aus Glauben, dann nicht aus den Werken«, und umgekehrt: »Wenn aus den Werken, dann nicht aus Glauben«.

Die Mystik oder das Wort

180px-Göz_Bernhard_Skizze.jpgDer wohl bedeutendste deutschsprachige katholische Theologe des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner (1904–1984), hat am Ende seiner Schaffenszeit die Vermutung geäußert, dass »der Christ der Zukunft ein Mystiker sei oder nicht mehr sei«.

Tatsächlich sind es erfahrungsstheologische Entwürfe, die sich im Anschluss an die ›unterkühlte‹ Wort-Theologie eines Karl Barth oder Emil Brunner konfessionelle Grenzen sprengender Popularität erfreuen. Im katholischen, evangelischen und freikirchlichen Raum erleben wir seit Jahrzehnten Aufbrüche in eine mystische Frömmigkeit.

Was viele Menschen suchen, ist nicht mehr die durch das Wort vermittelte und verbindlich gemachte Gottesbeziehung, sondern das unmittelbare Erleben Gottes im Innern der Seele bis hin zu somatischen Manifestationen der göttlichen Gegenwart. Diese Sehnsucht verlangt eine Berührung Gottes oder einen »Gotteskuss«. Was der Mystiker und mit ihm der Spiritualist oder Schwärmer möchte, das ist die unmittelbare Gegenwart Gottes. Die unio mystica, das Gefühl, fest mit Gott verbunden zu sein, ist eben mehr als eine durch das Wort geordnete Beziehung, es ist die direkte Erfahrung Gottes im Menschen. Die Mystik verheißt die unvermittelte Verbindung mit dem Absoluten.

In der kleinen Ausarbeitung »Mystik oder das Wort« versuche ich mich an einer reformatorischen Beurteilung der Mystik. Sie kann hier herunter geladen werden: MystikoderdasWort.pdf

Warum gibt es heute noch so viele Calvinisten?

Timothy George geht in einem CT-Beitrag der Frage nach, warum Calvin auch heute noch für viele Menschen so attraktiv ist.

Calvin, a displaced refugee, speaks directly to the homeless mind of many contemporaries looking for a place to stand. »We are always on the road,« Calvin wrote. Like Augustine, Calvin reminds us that our true homeland, our ultimate patria, is that city with foundations that God is preparing for all who know and love him. In the meantime, believers are »just sojourners on this earth so that with hope and patience they strive toward a better life.«

George erinnert daran, dass der Reformator viele hilfreiche Impulse von anderen großen Lehren der Kirche empfing.

The most remarkable thing about Calvin’s theology is how unremarkable it is, especially when set against the Catholic, Augustinian, and Lutheran traditions he inherited, reframed, and passed on to others. In retrospect, Calvin stands out next to Luther as one of the two great shaping theologians of the Protestant movement. But we should not detach him from other seminal thinkers with whom he shared certain basic assumptions about God, the Bible, human beings, and the work of Christ in the world. Martin Bucer in Strasbourg, Heinrich Bullinger in Zurich, Johannes Oecolampadius in Basel, Peter Martyr Vermigli from Italy, and Luther’s successor, Philip Melanchthon, were all Calvin’s friends and colleagues in the work of reform.

Hier die Quelle: www.christianitytoday.com.

Für wen lebst Du?

Johannes Calvin schrieb 1539 in seinem Brief an Sadolet:

Für Gott nämlich, nicht für uns selbst sind wir in erster Linie auf der Welt. Denn wie aus Gott alles hervorgegangen ist, und in ihm seinen Bestand hat, so muss auf ihn hin, wie Paulus sagt (Röm 11,36), auch alles bezogen werden.

Wie Calvin das Evangelium sah

Tullian Tchividjian hat in seinem Blog einen Auszug aus Calvin’s Vorwort zu Olivétan’s »Märtyrerbibel« wiedergegeben (die französische Bibel aus dem Jahr 1534, die auf der Grundlage der griechischen und hebräischen Urtexte übersetzt worden ist). Als Johannes Calvin diese Einleitung schrieb, muss er ungefähr 25 Jahre alt gewesen sein (siehe allerdings den Kommentar von Sebastian). Ich gebe das Zitat gekürzt wieder und halte mich dabei an den Satz von Justin Taylor:

Without the gospel

    everything is useless and vain;

without the gospel

    we are not Christians;

without the gospel

    all riches is poverty,
    all wisdom folly before God;
    strength is weakness,
    and all the justice of man is under the condemnation of God.

But by the knowledge of the gospel we are made

    children of God,
    brothers of Jesus Christ,
    fellow townsmen with the saints,
    citizens of the Kingdom of Heaven,
    heirs of God with Jesus Christ, by whom

      the poor are made rich,
      the weak strong,
      the fools wise,
      the sinner justified,
      the desolate comforted,
      the doubting sure,
      and slaves free.

It is the power of God for the salvation of all those who believe.
It follows that every good thing we could think or desire is to be found in this same Jesus Christ alone.

Und nun die deutsche Rekonstruktion dank der Angaben in den Kommentaren:

Ohne das Evangelium

    sind wir alle unbrauchbar und nichtig,

ohne das Evangelium

    sind wir keine Christen,

ohne das Evangelium

    ist aller Reichtum Armut,
    unsere Weisheit Torheit vor Gott,

Aber durch die Kenntnis des Evangeliums werden wir

    Kinder Gottes,
    Brüder Jesu Christi,
    Mitbürger der Heiligen,
    Bürger des Himmelreichs,
    Erben Gottes zusammen mit Jesus Christus, durch welchen

      die Armen reich,
      die Schwachen mächtig,
      die Törichten weise,
      die Sünder gerecht,
      die Verzweifelten getrost,
      die Zweifler gewiss
      und die Unfreien frei geworden sind.

Das Evangelium ist das Wort des Lebens.
Es folgt daraus, das alles Gute, das wir denken und verlangen können, in diesem Jesus Christus allein zu finden ist.

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