Zeitgeist

K. Bockmühl: Theologie der Anpassung

Klaus Bockmühl schreibt über die Krise der Gegenwartstheologie („Aufgaben der systematischen Theologie heute“, in: Denken im Horizont der Wirklichkeit Gottes: Schriften zur Dogmatik und Theologiegeschichte, Abt. 2, Bd. 1, 1999, S. 105-121, hier S. 114):

Ein gut Teil heutiger Theologie ist Theologie der Anpassung an den Geist des »We never had it so good« mit seinem gezähmten Gottesgedanken und der Ab­lehnung jeglichen Urteils über die Sünde des Menschen. Im allgemei­nen scheint die Botschaft der Theologie an die Öffentlichkeit zu lau­ten: Doch, es gibt einen Gott, aber wir können versprechen, daß er sich nicht einmischt. Die Theologie vermittelt, gewollt oder unge­wollt, den Eindruck der Unwirklichkeit Gottes. 

A. Kuyper: Zeitgeist

Abraham Kyuper schrieb vor ungefähr einhundert Jahren über die neue urbane Einheitskultur:

Im modernen Leben wühlt und herrscht ein Gemeingeist, der diesem Leben Einheit gibt in Ton und Streben, und dieser Gemeingeist wird geboren in den großen Weltstädten und zieht von dort in das Land hinein, um allmählich ganze Nationen zu erobern. Sie bestimmen Mode und Lebenshaltung, sie bilden die Lebensauffassung, die die abirrenden Geister doch wieder in einer gewissen Einheit zusammenfügt. In diesen Weltstädten lebt auf, was die Schrift mit dem Namen „Babylon“ andeutet. Das moderne Babylon ist es, das heute als Königin unsere moderne Gesellschaft mehr und mehr in jeder Lebensäußerung beherrscht, und zwar so tyrannisch, dass niemand, der auf der Höhe der Zeit sein und mitzählen will, auch nur wagt, sich seinen Bestimmungen zu widersetzen. Sklavisch folgt der Mann der Mode, den Gebräuchen und Meinungen dieser Königin. Kräftig organisiert erhebt sich so das Königreich der Welt gegenüber dem Königreich des Christus. Man fühlt, dass, was noch übrig ist von kirchlichem Einfluss auf das Leben, dem Streben jenes Reiches der Welt im Wege steht, und dass diese Hemmungen aus der Vergangenheit den modernen Geist hindern, seine Fittiche frei und fröhlich auszubreiten. Daher das zunehmende Streben, jene kirchlichen Einflüsse von allen Gebieten zurückzuzwingen, … Wissenschaft und Kunst, Genusssucht und Habsucht, alle muss zusammenwirken als Werkzeug im Dienst des allgemeinen Weltgeistes, der immer stärker das ganze Leben modernisiert und von dem modernen „Babylon“ aus seine unaufhaltsamen Triumphe feiert. Dieser Geist ist es, der kosmopolitisch geartet, alle mitlebenden Nationen zu einem Ganzen vereinigt, die ganze zivilisierte Welt unter sein Zepter sammelt und so den Platz einnimmt, der vormals von der Herrschaft Christi eingenommen wurde, und von dem das Reich Christi immer mehr verdrängt wird … Im Mittelpunkt des Lebens ist nicht mehr der von Christus ausgehende Geist tonangebend, sondern der moderne Weltgeist. Und den Brennpunkt seiner Macht findet dieser moderne Zeitgeist, der jeder Religion gleichgültig oder feindlich gesinnt ist, im modernen Babel unserer verschiedenen, aber in Harmonie zusammenwirkenden Weltstädte.

Norbert Bolz: Die Krise des Bildungssystems

Bereits zum dritten Mal wurde der hoch dotierte Tractatus als Preis für philosophische Essayistik vergeben. Bei der feierlichen Verleihung im Rahmen des Philosophicum Lech bedankte sich der Preisträger Norbert Bolz, Medienwissenschaftler und Kulturphilosoph, mit einer pointierten Rede, die seinem Ruf als streitbarer Zeitgenosse wie auch dem Charakter eines Tractatus mehr als gerecht wurde. In seiner gleichermaßen überaus klugen wie pointierten Rede spricht Bolz über das deutsche Bildungssystem, über ‚Political Correctness‘ und die Folgen eines mehr und mehr erstarkenden konformistischen Zeitgeistes.

Zitat:

Die Wissenschaft ist längst in den Dienst des Gruppenkultus getreten. Und an dem typischen Campusphänomen der politischen Korrektheit kann man sehen, dass nicht mehr die Wissenschaft verfolgt wird, sondern sie selbst die Verfolgung des häretischen Geistes organisiert. An den Universitäten darf man heute dumm sein, aber man darf nicht von der Parteilinie abweichen.

Hier der Audiomitschnitt dieser ausgezeichneten Rede:

VD: LR

»Bitte kein Lamento mehr, es wäre Unglauben«

Auf einem Werkstattkongress in Kassel orientieren sich die Protestanten neu. Sie wollen ihre Botschaft ungewohnt formulieren, Menschen von heute erreichen und gegen den Trend wachsen. Der Rheinische Merkur schreibt: »Die evangelische Kirche will nicht mehr hinnehmen, was die Zeit ihr bietet, Alterung, weniger Geld und Bedeutungsverlust, sondern ihre Rolle neu definieren und ihren Auftrag wieder entdecken. Das ist die Botschaft aus Kassel. »Wir sollten mit dem eigenen Glauben ernst machen, der Treue Gottes Vertrauen schenken«, stimmt der gastgebende Bischof Martin Hein im Eröffnungsgottesdienst die Teilnehmer ein. ›Bitte kein Lamento mehr, es wäre Unglauben.‹«

Weiter heißt es:

Wolfgang Huber hat in Kassel einen seiner letzten öffentlichen Auftritte als Ratsvorsitzender. Ist das sein Vermächtnis? Wie gewohnt setzt er die Gesten sparsam, aber die Stimme schlägt Schneisen. Jedes Argument sitzt, jede Beobachtung trifft. Er ist eine Spur ungeduldiger geworden, fordert eine Theologie, »die sich der Orientierungssuche unserer Zeit stellt und auf sie aus der Kraft der biblischen Texte und aus der Weite der kirchlichen Überlieferungen antwortet«. Die Theologie, sagt er, müsse im religiösen Pluralismus ihr Verhältnis zur Kirche neu klären. Und wirbt für eine Befreiung der Kirche aus einer Milieugefangenschaft: »Unsere Berührungsängste halten uns von vielen kulturell Kreativen genauso fern wie von wirtschaftlich Erfolgreichen.« Er spürt »eine Angst, für fromm gehalten zu werden. Manchmal hält sie uns davon ab, unsere Glaubensgewissheit zur Sprache zu bringen.« Bei solchen Sätzen klatschen die Teilnehmer im blau ausgeleuchteten Saal. Auch, als er eine »verbreitete Abneigung gegen die Vorstellung von wachsenden Gemeinden in der Kirche« kritisiert: »Wir dürfen das Wachstum als Ziel nicht aus den Augen verlieren.«

Den Artikel »Der Zukunft zugewandt« gibt es hier: www.merkur.de.

»Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her«

Immer häufiger entdecke ich im Raum der Kirche folgendes Argumentationsmuster: Weil die Menschen vernünftigen Überlegungen nicht mehr zugänglich sind, müssen wir mehr in die Beziehungsarbeit investieren. Weil Jugendliche heute die Sprache und Konzepte der Bibel nicht mehr verstehen, müssen wir Übertragungen schaffen, die sich dem Verstehenshorizont postmoderner Subkulturen fügen. Weil das traditionelle Familienbild nicht mehr konsensfähig ist, müssen wir andere Formen des Zusammenlebens aufwerten. Weil der biblische Sündenbegriff und das damit verbundene Sühneverständnis unpopulär geworden sind, reden wir in unseren evangelistischen Bemühungen nicht mehr über Gottes Heiligkeit und Zorn, sondern über unsere Bedürfnisse nach mehr Spiritualität.

Das alles ist ja nicht völlig falsch. Natürlich sollen wir, um eine Formulierung von John Stott aufzugreifen, »doppelt Hören«, also achtsam wahrnehmen, was Gott sagt und was die Menschen bewegt. Aber was, wenn aus dem zeitgemäßen Christsein eine zeithörige Frömmigkeit wird? Was, wenn die evangelikale Glaubenskultur den Geist der Welt mehr fürchtet als Gott (vgl. 1Kor 2 u. Röm 12,2)?

Ich vermute, dass sich die Entwicklungen in Gesellschaft und vor allem in den Kirchen auch anders herum interpretieren lassen: Weil wir das christlichen Familienbild nicht mehr leben und begründen, öffnen sich immer mehr Menschen für alternative Lebensmodelle. Weil wir nur noch über den Wie-Glauben (fides qua creditur) diskutieren, schwindet das Verständnis für die Inhalte des Glaubens (fides quae creditur), was die Gläubigen in den Gemeinden tief verunsichert und natürlich Wankelmütigkeit fördert. Weil die präventive Seelsorge durch Predigt, Katechese und Gebet immer häufiger einer unterhaltsamem Theologie weichen muss, steigt der Bedarf an spezialisierter Seelsorge und Psychotherapie immens. Weil wir der Heiligkeit Gottes kaum noch liturgischen Raum geben, ist uns das Bewusstsein für unsere Sündhaftigkeit und die teure Gnade, von der wir alle leben, verloren gegangen.

Kurz: Selbstverständlich ändert sich Gemeinde und muss sich auch ändern. Wir sollten uns jedoch mehr Zeit für die Ursachenbekämpfung nehmen. Blicken wir auf Christus. Dieser Blick befreit von den lähmenden Verstrickungen mit dem Weltgeist. Und dieser Blick setzt im Leib Christi die Kraft frei, das prophetische Amt der Kulturkritik wahrzunehmen. Wenn wir diesen Blick nicht üben, wird wohl das ernüchternde Wort Kurt Tucholsky’s über die Kirchen seine Gültigkeit behalten: »Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her, auf dass ihnen niemand entwische«.

H.J. Iwand und der Zeitgeist

Bundesarchiv_Bild_194-1282-30A,_Wuppertal,_Evangelische_Gesellschaft,_Jahrestagung.jpgIn diesen Urlaubstagen gönnte ich mir endlich wieder einmal ein Buch, dass ich nicht lesen muss, sondern lesen will. So habe ich einige Stunden mit der hochspannenden Lektüre Befreiende Erkenntnis von Gerard C. den Hertog verbracht. Die Dissertation ist der Theologie des deutschen Lutheraners Hans Joachim Iwands (1899–1960) gewidmet, der sich besonders in den 30er Jahren eingehend mit dem Verhältnis von Geschichte und Offenbarung beschäftigte.

Während er noch 1931 offen lies, ob die Geschichte Offenbarungscharakter besitzt, öffnete ihm die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten die Augen für das Deformierungspotential einer Theologie, die der Geschichte oder einer Kultur normative Offenbarungsqualität zuschreibt. Eine neuprotestantische Kirche, die das Denken der Zeit als Willen Gottes vernimmt und eine Synthese von Christentum und Kultur anstrebt, kann seiner Meinung nach den ideologischen Mächten in dieser Welt nichts mehr entgegensetzen. Wo Zeitgeist und Verkündigung an einem Strang ziehen, da geht es mit Sicherheit schief, rief er seinen Studenten 1937, inzwischen zur Bekennenden Kirche gehörend, in einem Predigerseminar zu. Und bei Oeynhäuser Theologenkonvent 1935 formulierte er äußerst scharf:

Hirsch [Anm: Emanuel Hirsch gehörte zu den Wortführern der Deutschen Christen] und andere meinen, mit dem Jahre 1933 sei eine neue christliche Epoche angebrochen. Also haben diese Herren niemals von Luther zu Jesus Christus hingefunden. Wenn wir in Jesus Christus die Ruhe unseres Herzens haben, dann hat derjenige, der im Jahre 1933 eine neue Offenbarung erlebt hat, bewiesen, daß er noch niemals an Gott geglaubt hat. Alle, die glauben, da sei die neue Zeit angebrochen, beweisen damit, daß sie Gott nicht kennen.

Eine Kirche, die zulässt, dass das Evangelium zugedeckt wird, ist eine sprach- und tatenlose Kirche. Achten wird darauf, dass die Botschaft vom Kreuz uns und die Welt aufwühlt!

Zum Foto: Hans Joachim Iwand (2. von links) auf der Jahrestagung der Ev. Gesellschaft in Wuppertag 1956. Rechts Karl Barth.

Wie viel Umgestaltung verträgt der christliche Glaube?

Auf Einladung der FTA habe ich am 5. Dezember vormittags im Plenum einen kurzen Vortrag zur Emerging Church gehalten. Meinen ursprünglichen Plan, in 30 Minuten die Stellvertretende Sühne, die Neue Paulusperspektive, die Reich Gottes-Theologie von N.T. Wright und die dekonstruktivistische Hermeneutik abzuhandeln, habe ich doch schnell wieder verworfen. Stattdessen habe ich mir kurzfristig Brian McLarens (von Peter Aschoff exzellent übersetzten) Vortrag über den postmodernen Paradigmenwechsel angehört und muss prompt widersprechen. Wir brauchen kein post-protestantisches Weltbild, sondern ein bußfertiges Herz.

Hier kann das Skript zum Vortrag herunter geladen werden: fta-emch-101.pdf.

Rebellion of Thought

Vor wenigen Tagen ist in den U.S.A. eine DVD über den Postmodernismus mit dem Titel REBELLION OF THOUGHT erschienen. Das redaktionell von David Fletcher (Wheaton College) verantwortete Projekt enthält Interviews mit evangelikalen Hochschuldozenten über die Wurzeln und Strukturen postmodernen Denkens und führt in die postmoderne Kultur ein.

Bei YouTube kann ein Trailer zum Film abgerufen werden.

Die befragten Kritiker des Postmodernismus sind:

  • Angus Menuge (Philosoph, Concordia University)
  • D.A. Carson (Neutestamentler, Trinity Evangelical Divinity School)
  • Jim Spiegel (Philosoph, Taylor University)
  • Bruce Ellis Benson (Philosoph, Wheaton College)
  • Gene Edward Veith, Jr. (Journalist, World Magazine)

Was heißt hier ›liberal‹?

In der ZeitGeist-Debatte hat sich eine Diskussion mit Tobias Künkler über die Liberale Theologie entwickelt. Der gesamte Dialog kann nach wie vor im ZeitGeist-Blog verfolgt werden. Mein nachfolgender Beitrag widmet sich der Frage, ob sich gute Ansätze des theologische Liberalismus mit dem konservativen Evangelikalismus zusammenführen lassen. Hier die PDF-Datei: Wasistliberal?.pdf

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