Autorenname: Ron

Die Infragestellung der Dogmatik durch Ernst Troeltsch

Was Hermann Diem im Jahre 1960 über die Auflösung der Dogmatik geschrieben hat, trifft es sehr gut. Heute ist freilich – von Ausnahmen abgesehen – die Dogmatik noch mehr zu „Religionsgeschichte, -psychologie, -soziologie und -philosophie“ verkommen als vor 60 Jahren. Diem schreibt (Dogmatik, Bd. 2, 1960, S. 7 u. 9): 

Das Symbolum Athanasii, das als drittes und „ökumenisches“ Symbol auch von den Reformationskirchen rezipiert wurde und das nicht nur in den Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche steht, sondern zu dem sich auch die Evangelische Kirche in Deutschland im Vorspruch ihrer Grundordnung vom 13. Juli 1948 bekennt, beginnt mit den Worten: „Quicunque vult salvus esse, ante omnia opus est, ut teneat catholicam fidem, quam nisi quisque integram inviolatamque servaverit, absque dubio in aeternum peribit.“ „Wer da will selig werden, der muß für allen Dingen den rechten christlichen Glauben haben. Wer denselben nicht ganz und rein hält, der wird ohne Zweifel ewiglich verloren sein“ (zit. nach Bekenntnisschriften der Evang.-lutherischen Kirche, 1930, S. 28). Darauf folgen die einzelnen Glaubenssätze, und zum Schluß heißt es noch einmal: „Haec est fides catholica, quam nisi quisque fideliter firmiterque crediderit, salvus esse non poterit.“ „Das ist der rechte christliche Glaube; wer denselben nicht fest und treulich gleubt, der kann nicht selig werden“ (S. 30).

Hier wird mit aller Eindeutigkeit der Glaube als ein Fürwahrhalten von Sätzen einer bestimmten Lehre verstanden. Auch wenn sich der Glaube in diesem Fürwahrhalten nicht erschöpft, so wird dieses jedenfalls als ein integrierender Bestandteil des Glaubens angesehen. Diesem Glaubensverständnis wird nicht erst seit heute, aber heute wieder einmal besonders heftig widersprochen. Dieser Widerspruch richtet sich nicht nur gegen die Zumutung, bestimmte Sätze für wahr zu halten und dieses Verhalten dann als Glaube zu bezeichnen. Man zieht vielmehr in Zweifel, daß diese Glaubenssätze heute noch Gültigkeit haben und weiterhin, daß es überhaupt Wahrheitskriterien gibt, vor denen sie als gültig ausgewiesen werden können. Damit ist aber die Dogmatik, welche sich um die Gewinnung und Anwendung dieser Wahrheitskriterien zu bemühen hat, heute wohl die fragwürdigste aller theologischen Disziplinen geworden. Daß die Dogmatiker selbst diese radikale Infragestellung ihrer Arbeit im allgemeinen nicht zur Kenntnis nehmen oder, wenn sie das tun, allzu leicht mit ihr fertig werden, macht die Sache nicht besser.

Als auch die Theologie, nachdem sich die historische Betrachtung ihres Gegenstandes bemächtigt hatte, nicht mehr umhin konnte, die ihr gestellte Wahrheitsfrage als eine historische Tatsachenfrage und eine Sinnfrage zugleich zu behandeln, führte das keineswegs zu einer neuen Verständigung über die spezielle Aufgabe der Dogmatik in der Theologie und über das Wesen dogmatischer Aussagen und Urteile. Es ging vielmehr gerade umgekehrt: Als diese Entwicklung bei Ernst Troeltsch ein vorläufiges Ende erreicht hatte, war die Dogmatik restlos in die Religionsgeschichte, -psychologie, -soziologie und -philosophie hinein aufgelöst. In konsequenter Anwendung des historischen Denkens auf das Christentum versuchte Troeltsch zu zeigen, daß auch die christliche Offenbarung, mit welcher es die Theologie zu tun hat, dem Prinzip der durchgängigen Kontinuität alles historischen Geschehens unterworfen ist. Der Begriff des Dogmatischen konnte von daher nur noch in einem abwertenden Sinn gebraucht werden: dogmatisch denkt, wer die historische Bedingtheit aller Wahrheit verkennt. Damit war nicht bloß die alte orthodoxe Dogmatik verurteilt, sondern Troeltsch kämpfte gegen die letzten Reste dogmatischen Denkens auch bei denen, welche zwar die historische Fragestellung aufgenommen, aber sie, wie er meinte, nicht konsequent durchgehalten hätten.

Das macht Einsamkeit

Niemand ist gerne allein. Dass es sich bei Einsamkeit nicht nur um ein abstraktes Gefühl handelt, sondern sie auch messbare Folgen für die Gesundheit haben kann, zeigen aktuelle Forschungsergebnisse der Universitätsmedizin Leipzig. 

DIE WELT schreibt: 

Für die Studie beobachteten die Forscher für einen Zeitraum von sechs Jahren mithilfe regelmäßiger MRT-Scans die Hirnsubstanz von 1.992 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter zwischen 50 und 82 Jahren. Begleitend wurden die Probanden zudem zu ihren sozialen Kontakten befragt. Sie absolvierten außerdem diverse Gedächtnis- sowie Aufmerksamkeits-Tests und ihre mentale Flexibilität wurde überprüft.

Dabei fanden die Forscher heraus: Bei Menschen, die wenig soziale Kontakte haben und älter als 50 Jahre sind, nimmt die Struktur der grauen Hirnsubstanz im Zeitverlauf stärker ab als bei Personen, die weniger isoliert sind. Auch die kognitive Leistungsfähigkeit nimmt bei ihnen ab. Die graue Substanz ist essenziell für das Gehirn: Sie steuert alle Hirnfunktionen sowie das Zentralnervensystem. Vor allem im Hippocampus und der Hirnrinde konnten die Forscher bei einsamen Probanden einen rapiden Abbau der grauen Substanz feststellen. Der Hippocampus ist insbesondere für Gedächtnisleistungen und Lernprozesse zuständig, ist aber auch beteiligt bei der Bildung von Emotionen. Die Hirnrinde hingegen ist hauptsächlich für kognitive Funktionen wie Sprache, Entscheidungen und Willkürmotorik zuständig. 

Mehr: www.welt.de.

Jungprediger Workshop 2023 mit Nigel Styles in Wetzlar

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Vom 26.10. bis 28.10. 2023 startet in Wetzlar ein neuer Jungprediger Workshop. Diesmal geht es um das Buch Josua. Hauptreferent ist Nigel Styles, Director des „Cornhill Training Course“ und Leiter von „Proclamation Trust“ in London (England). Larry Normen, Pastor der English Church Leipzig, hat schon an mehreren dieser Workshops teilgenommen und sagt darüber:   

Ich finde dieses Workshop immer ein jährliches Highlight. Man genießt gute Bibellehre, die einem hilft, Christus durch ein Buch der Bibel besser zu verstehen, zu lieben und zu verkünden. Man genießt erfrischende Gemeinschaft mit anderen Christen, die Gottes Wort Vollzeit, Teilzeit oder in ihrer Freizeit verkünden. Und man darf auch eine kurze Predigt in einer kleinen Gruppe halten, und wertvollen, freundlichen Feedback bekommen, woraus man lernen kann, Gottes Wort besser zu verkünden. 

Ein Flyer mit weiteren Informationen und einer Anmeldemöglichkeit kann hier heruntergeladen werden: Flyer JPK 2023.pdf.

Francis Schaeffer: Kunst als schöpferisches Werk

Francis Schaeffer schreibt über den Wert von Kunst (Kunst und die Bibel, 1981, S. 31–32):

Als Christen wissen wir, warum ein Kunstwerk Wert besitzt. Warum? Erstens, weil es ein Produkt schöpferischer Tätigkeit ist, und das ist wertvoll, weil Gott der Schöpfer ist. Der erste Satz in der Bibel erklärt, daß der Schöpfer schuf: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Gleichermaßen lauten die ersten Worte des Prologs zum Johannesevangelium: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort … Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und oh ne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist“ (Joh. 1,1.3). Der erste Grund, warum schöpferische Tätigkeit wertvoll ist, besteht also darin, daß Gott der Schöpfer ist.

Zweitens ist ein Kunstwerk als ein Schöpferwerk des halb wertvoll, weil der Mensch nach dem Bilde Gottes gemacht ist, und darum kann der Mensch nicht nur lieben, denken und Emotionen empfinden, sondern er hat eben falls die Fähigkeit, schöpferisch tätig zu werden. Weil wir nach dem Bilde Gottes geschaffen worden sind, sind wir dazu berufen, schöpferisch zu sein und zu wirken. Ein Tier wird niemals ein Kunstwerk anfertigen. Nirgendwo jedoch werden wir Menschen oder eine Kultur finden können, die keine Kunst hervorbringen. Kreativität ist eines der Unterscheidungsmerkmale zwischen Mensch und Nicht-Mensch. Alle Menschen sind in gewissem Maße schöpferisch. Kreativität ist ein Grundbestandteil unseres Menschseins.

Aber diese Aussage läßt sich nicht einfach umkehren. Nicht jede Schöpfung ist große Kunst. Auch ist nicht alles, was der Mensch macht, gut, sei es vom moralischen oder intellektuellen Standpunkt her betrachtet. Wenn Kreativität an sich selbst etwas Gutes ist, bedeutet das nicht, daß jedes Produkt der menschlichen Kreativität unbedingt gut ist. Denn obwohl der Mensch nach dem Bilde Gottes erschaffen wurde, befindet er sich jetzt in einem gefallenen Zustand. – Abgesehen davon haben verschiedene Menschen unterschiedliche Gaben und Talente, und deshalb kann auch nicht jeder alles gleich gut schaffen. Wir wollen jedoch festhalten, daß Kreativität an sich etwas Gutes ist.

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Kultur des Todes (17): Lauterbach will aktive Sterbehilfe

Unser Gesundheitsminister Karl Lauterbach unterstützt die liberalste Vorlage zur Regelung der Sterbehilfe, über den noch in dieser Woche parlamentarisch abgestimmt werden soll. Das Ärzteblatt meldet:

In dem gemeinsamen Entwurf wird vorgeschlagen, Sterbewilligen den Zugang zu tödlich wirkenden Medikamenten zu ermöglichen, wenn sie zuvor eine Beratung in Anspruch genommen haben. Dabei sollen „Ärztinnen und Ärzte des Vertrauens“ die ersten Ansprechpartner sein, so Helling-Plahr. Vor einer Verschreibung sollen aber eine Beratung und das Einhalten einer Wartefrist verpflichtend sein.

In Härtefällen – wenn sich jemand „in einem existenziellen Leidenszustand mit anhaltenden Symptomen“ befindet – sollen auch ohne Beratung tödliche Mittel verschrieben werden dürfen. In solchen Fällen muss allerdings ein zweiter, unabhängiger Arzt zur gleichen Einschätzung kommen. Finde sich kein Arzt, der zur Verschreibung der Mittel bereit sei, solle eine im jeweiligen Bundesland zuständige Behörde entscheiden.

Ich zitiere mal aus dem Hippokratischen Eid, den meines Erachtens ein seriöser Arzt nach wie vor ernstnehmen sollte:

Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten. Auch werde ich nie einer Frau ein Abtreibungsmittel geben. Heilig und rein werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren.

Was ist Neo-Calvinismus?

N. Gray Sutanto und Cory Brock klären die Frage, was Neo-Calvnismus ist und ob wir ihn nach brauchen. Sie schreiben zur Frage der „zwei Reiche“:

Sicherlich waren Bavinck und Kuyper der Meinung, dass mit der Erneuerung der Menschen durch das Christentum auch die Kulturen und Institutionen, zu denen diese Menschen gehören, verändert werden. Sie waren überzeugt, dass der Glaube für die Arbeit und das ganze restliche Leben von Bedeutung ist. Die Gnade stellt schließlich die Natur wieder her. Das Christentum gibt Zeugnis von der natürlichen (oder besser: schöpferischen) Art und Weise, menschliche Beziehungen und die Gesellschaft zu gestalten.

Wenn der Einzelne zu Christus zurückgeführt wird, erkennt er, dass Christus der König ist. Die Kirche muss jedoch verstehen, dass die gegenwärtige Ordnung die Zeit der allgemeinen Gnade ist und nicht das endgültige (eschatologische) Reich Gottes. Wenn Christen also fragen: „Welche Zeit ist es?“, so antworten die Neo-Calvinisten, dass jetzt eine Zeit von Gottes Geduld ist – eine Zeit, das Reich Gottes zu bezeugen. Nur die Wiederkunft Christi kann die Familie, den Staat und die Kirche zu einem lebendigen Organismus vereinigen. Für Bavinck und Kuyper erkennt ein christlicher Herrscher daher den Unterschied zwischen der vom Geist gewirkten Kirche, der von der allgemeinen Gnade getragenen Welt und dem Staat als Diener der Gerechtigkeit Gottes.

Mehr: www.evangelium21.net.

 

Abschaffung des Geschlechts

Die Selbstdefinition der eigenen Geschlechtszugehörigkeit, welche die Ampel einführen will, ist vollkommen beliebig. Das geplante Selbstbestimmungsgesetz überfordert Jugendliche maßlos. Heike Schmoll weist in ihrem FAZ-Kommentar darauf hin, dass (in geradezu fahrlässiger Weise) auf Gutachten verzichtet wird:

Fragwürdig ist, dass der Gesetzentwurf schon Minderjährigen mit 14 Jahren die Möglichkeit geben will, ihren Geschlechtseintrag und den Vornamen zu ändern. Ausgerechnet in der Pubertät, wenn jeder Heranwachsende mit dem eigenen Körper hadert und die körperlichen Veränderungen gerade bei Mädchen besonders groß sind? Wenn die Eltern nicht zustimmen, soll auch das Familiengericht entscheiden können. Bisher waren bei einer Änderung des Geschlechtseintrags die Amtsgerichte zuständig, die dann zwei Fachgutachten einholen mussten. Nun soll es das Standesamt sein, auf Gutachten wird verzichtet.

In Großbritannien hat sich die Anzahl der Kinder unter zehn Jahren, die eine Transgender-Behandlung suchen, in den vergangenen Jahren vervielfacht. In Schweden stieg die Diagnosehäufigkeit einer Transidentität vor allem bei den 13 bis 17 Jahre alten Mädchen in den Jahren 2008 bis 2018 um 1500 Prozent. Schweden hat die Behandlung mit Pubertätsblockern wegen ihrer unklaren Langzeitfolgen inzwischen ausgesetzt.

Schwedische Studien zeigten zudem, „dass hinter der Ablehnung des eigenen Geschlechts nicht selten komplexe psychische Störungen wie Angststörungen, Depressionen, ADHS oder Autismus stecken.“

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Berufung

Berufung guinness 3a29dfbbDer Herold Verlag hat erfreulicherweise die erweiterte Auflage des Buches Berufung von Os Guinness herausgegeben. Schon diese Worte aus dem Eingangskapitel sind stark:

Gottes Ruf ist das Herzstück des Evangeliums, der besten Nachricht, die es gibt. Wenn wir aber entdecken wollen, was Gottes Ruf für uns alles beinhaltet, dann müssen wir ihn zuerst von all den Klischees und Verdrehungen befreien, die dem Begriff „Berufung“ noch immer anhaften. Vieler dieser Verdrehungen werden uns unterwegs begegnen, während wir die großen Wahrheiten von Gottes Ruf ausführlicher betrachten. Aber es lohnt sich, gleich zu Beginn auf zwei besonders weit verbreitete Verzerrungen hinsichtlich der Berufung einzugehen. Und zwar darauf, dass die Bedeutung der Berufung entweder unterschätzt oder sie ihres Inhalts beraubt wird. Unterschätzt wird unsere Vorstellung der göttlichen Berufung heutzutage häufig, indem wir sie auf das Leben des Einzelnen reduzieren. Alles dreht sich nur noch um uns – ich, mich und mein, „weil wir es wert sind“. Und ja, Gottes Berufung betrifft auf ganz persönliche und intime Art und Weise jeden Einzelnen von uns. Aber gleichzeitig ergeht Gottes Ruf an eine neue Menschheit, und zwar zu einem neuen gemeinsamen Lebensweg, dessen Endziel der neue Himmel und die neue Erde ist. Daher hat Gottes Berufung eine überwältigende schöpferische Kraft und weitreichende Auswirkungen. Es sollte uns deshalb auch nicht überraschen, dass Gottes Ruf die Geschichte nachweislich verändert und in der Welt einen Unterschied gemacht hat – sowohl was die Kultur ganzer Gesellschaften betrifft als auch in Bezug auf das Leben Einzelner. Genau diese Ehrfurcht und das Erstaunen darüber müssen wir gleich zu Beginn zurückgewinnen und erkennen, wie jeder Einzelne von uns in dieses große Bild hineinpasst, von dem wir letztendlich ein kleiner Teil sind.

Andreas Dück hat das Buch gründlich gelesen (das kann ich sagen, denn ich habe die Markierungen im Buch gesehen) und eine Rezension veröffentlicht. Trotzdem wird er das Buch noch einmal lesen, da es ihn so gepackt hat. Er schreibt: 

Spannend finde ich auch den Studienteil am Ende des Buches. Wenn ich mir die Fragen mancher christlichen Jüngerschaftskurse anschaue, bin ich oft enttäuscht vom Niveau und der Vorhersehbarkeit der Antworten. Bei Os Guinness finde ich jedoch Fragen, die auf den Inhalt des Kapitels eingehen und zu einem anregenden Austausch einladen. Das macht diese Ausgabe des Buches zu einem hervorragenden Werkzeug für Buchleseprojekte in Jugend-, Studenten-, Männer- und Frauengruppen. Eine besondere Zielgruppe sehe ich in Menschen, die sich für Kunst, Kultur, Wissenschaft, Theologie, Politik oder Wirtschaft interessieren und in einem dieser Bereiche engagieren wollen. Das Buch bietet einen brillant durchdachten und gleichzeitig inspirierenden Leitfaden für ein bewusst gelebtes Leben in der Nachfolge Jesu.

Der wertige Umschlag, der leichte Schreibstil und die ausgezeichnete Übersetzung laden zum Aufschlagen, Lesen und Nachdenken ein. Für eine stärkere Nutzung sollte das Buch aber eine Hülle bekommen, da sich das schöne Weiß des Umschlags mit zunehmendem Gebrauch verfärbt. Ich für meinen Teil setze das Buch noch einmal auf meine Leseliste.

Die Rezension kann hier nachgelesen werden: www.evangelium21.net. Das Buch selbst kann am Besten hier bestellt werden: herold-mission.com.

Vom Reiz des Götzendienstes

Bei der Debatte über die „Gott ist queer“-Predigt (vgl. hier und hier) musste ich mehrfach an Ludwig Feuerbachs Kritik der christlichen Religion denken. Feuerbach war davon überzeugt, dass der Mensch ganz auf den Menschen geworfen ist und deshalb Gott nur eine Projektion sein kann. In seinen eigenen Worten heißt das (Vorlesungen über das Wesen der Religion, 3. Aufl., Bd. 6, Gesammelte Werke, Berlin: Akademie Verlag, 1984, S. 212):

Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel heißt, sondern der Mensch schuf, wie ich im „Wesen des Christentums“ zeigte, Gott nach seinem Bilde. Und auch der Rationalist, der sogenannte Denk- oder Vemunftgläubige, schafft den Gott, den er verehrt, nach seinem Bilde; das lebendige Urbild, das Original des rationalistischen Gottes ist der rationalistische Mensch. Jeder Gott ist ein Wesen der Einbildung, ein Bild, und zwar ein Bild des Menschen, aber ein Bild, das der Mensch außer sich setzt und als ein selbständiges Wesen vorstellt.

Wenn – im Gefolge der Schleichermachschen Theologie – das biblische Gottesbild nur Ausdruck dessen ist, was Menschen über Gott empfinden, hat Feuerbach recht und dann darf der Schriftbefund gern mit weiteren Projektionen bereichert werden. Dann darf man auch sagen: Gott ist queer. Das ist einfach ein weiteres Gefühl, das dem „Gefühlsspeicher“ der Bibel hinzugefügt wird. Der Mensch schafft sich eben einen Gott – so würde Feuerbach sagen – nach seinem eigenen Begehren.

Angesichts von 2Mose 20,3–4 ist das ein gefährliches Manöver, denn dort lesen wir: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.“

Warum sind die Produkte unserer menschlichen Götzenfabriken so attraktiv? David Wells hat diese Frage so beantwortet (God in the Wasteland, 1994, S. 53–54):

Warum sind den Menschen die Ersatzgötter lieber als Gott? Der wohl wichtigste Grund ist, dass man sich so der Rechenschaftspflicht gegenüber Gott entzieht. Wir können den Götzen zu unseren eigenen Bedingungen begegnen, weil sie unsere eigenen Schöpfungen sind. Sie sind sicher, vorhersehbar und kontrollierbar; sie sind, in Jeremias farbenfroher Sprache, die „Vogelscheuchen im Gurkenfeld“ (10,5). Sie sind tragbar und vollständig unter der Kontrolle des Benutzers. Sie haben nichts von der Bedrohung durch einen Gott, der vom Sinai herab donnert und dessen Vorsehung in dieser Welt uns so oft unverständlich und gefährlich erscheint. Menschen, die „im Zentrum ihres Lebens und ihrer Loyalität bleiben, autonome Architekten ihrer eigenen Zukunft“, … vermeiden dadurch die Konfrontation mit Gott und seiner Wahrheit. Sie müssen nur sich selbst gegenübertreten. Das ist der Reiz des Götzendienstes.

Aber die Früchte des Ersatzes von Gott durch das eigene Ich – in welcher Form auch immer – und der damit verbundene Verlust der Rechenschaftspflicht gegenüber Gott, können sehr bitter werden. G.K. Beale hat argumentiert, dass die Anklage des Propheten Jesaja gegen Israel wegen seines Götzendienstes beispielhaft für die gesamte alttestamentliche Anklage gegen das Volk Gottes wegen seiner Treulosigkeit ist. Die Ironie besteht darin, dass diejenigen, die Götzen anbeten, so leblos werden wie die Götzen, die sie anbeten, und dass diejenigen, die sich in der Anbetung dieser Götzen entflammen, von den Feuern des göttlichen Gerichts verzehrt werden. Sie bilden sich ein, die große geistige Wirklichkeit zu erkennen, sind aber in Wirklichkeit unheilbar blind. Und so ist es in jedem Zeitalter. Nachdem sie Gott verdrängt haben, können die Sünder die Tiefe ihrer Sünde nicht mehr ermessen, auch wenn sie ein gequältes Gewissen haben. In der Folge des geistigen Zerfalls wird typischerweise „das Schuldbewusstsein verdrängt und ins Unterbewusstsein getrieben“, sagt Emil Brunner, und „dort nimmt es die seltsamsten Formen an“. Der Zorn Gottes beispielsweise „drückt sich in den Gestalten der Furien und der rächenden Gottheiten aus“. Diese Furien tauchen in Obsessionen auf, die zutiefst böse sein können und die immer zerstörerisch sind.

An diesem Punkt sollte klar sein, dass Weltlichkeit nicht einfach eine unschuldige kulturelle Eskapade ist, und noch weniger eine Angelegenheit, bei der es sich lediglich um unbedeutende Verhaltensverstöße oder die Übertretung trivialer Regeln der Kirche oder der erwarteten Praktiken der Frömmigkeit handelt. Weltlichkeit ist eine religiöse Angelegenheit. Die Welt, wie die Autoren des Neuen Testaments sie beschreiben, ist eine Alternative zu Gott. Sie bietet sich selbst als ein alternatives Zentrum der Treue an. Sie liefert einen gefälschten Sinn. Sie ist das Mittel, das Satan in seinem Kampf gegen Gott einsetzt. Teil dieser „Welt“ zu sein, bedeutet, Teil der satanischen Feindschaft gegen Gott zu sein. Deshalb ist die Weltlichkeit so oft götzendienerisch, und deshalb sind die biblischen Sanktionen gegen sie so streng. „Wisst ihr nicht“, fragt Jakobus, „dass die Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer also ein Freund der Welt sein will, macht sich zum Feind Gottes“ (Jak 4,4).

Michael Green: Frühe Christen hatten Sinn für historische Korrektheit

Michael Green schrieb einmal über die Glaubwürdigkeit des Neuen Testaments (I Believe in the Holy Spirit, Hodder and Stoughton, 1975, S. 48):

Viele Gelehrte des Neuen Testaments scheinen zu glauben, dass die frühen Christen keinen Sinn für historische Korrektheit hatten und es ihnen ein Leichtes war, sich irgendeinen Spruch auszudenken und ihn Jesus zuzuschreiben oder eine Botschaft von einem der christlichen Propheten in der Gemeinde zu hören, um sie dann dem historischen Jesus in den Mund zu legen … Es ist ein verblüffendes Kompliment für ihre historische Zuverlässigkeit, dass wir fast nichts von den großen Problemen, die die Urkirche beschäftigten, in den Evangelien wiederfinden. Wie leicht hätten sie versuchen können, ihre Probleme in Bezug auf Gesetzestreue, Geistbesitz, Beschneidung, Gesetz und Gnade zu lösen, indem sie ‚Worte Jesu‘  erfanden, um die fraglichen Angelegenheiten zu regeln.

Das Zitat habe ich übrigens in diesem Logos-Lexham-Produkt gefunden: John Stott, The Preacher’s Notebook: The Collected Quotes, Illustrations, and Prayers of John Stott, Lexham Press, 2018, das es gerade im Sonderangebot gibt: www.logos.com.

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