Autorenname: Ron

EKD will Schwangerschaftsabbruch entkriminalisieren

Die Evangelische Kirche in Deutschland will den Schwangerschaftsabbruch entkriminalisieren, lehnt ihn ethisch aber weiter ab. Das ist widersprüchlich, meint der Theologe Ulrich Körtner aus Wien. Er geht mir in senier Kritik nicht weit genug, bringt aber doch einige katastrophale Positionen gut auf den Punkt.

Zum Beispiel hier:

Während das für die EKD unter anderem bedeutet, ihr Augenmerk auf eine strikte Beratungspflicht zu legen, bedeutet es für die Diakonie das Gegenteil. Ihr Argument: Frauen würden durch die Beratungspflicht im Grunde bevormundet. Genauso argumentiert auch die Evangelische Frauenarbeit Deutschland. Mit derart widersprüchlichen Wortmeldungen nimmt man sich politisch aus dem Spiel.

Am meisten hat aber die verblüffende Theologieabstinenz beider Papiere für Kritik und Irritationen gesorgt. Man kann den Stellungnahmen zu Gute halten, dass es sich nicht um kircheninterne Schreiben, sondern um Voten im rechtspolitischen Raum handelt. Aber auch zwischen den Zeilen ist selbst für Eingeweihte von theologischer Reflexion kaum etwas zu erkennen. Mehr noch: Die Diakonie kritisiert in ihrer Stellungnahme ausdrücklich, der jetzige § 218 entspreche „einer unausgesprochen religiösen Setzung“, die in einer pluralistischen Gesellschaft nicht verbindlich gemacht werden könne. Auch so kann eine Kirche dazu beitragen, ihren ohnehin schwindenden öffentlichen Einfluss weiter zu minimieren.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Judith Butlers philosophischer Ausfall

Die Philosophin Seyla Benhabib wirft dem Aufruf „Philosophy for Palestine“, der auch von Judith Butler und Nancy Fraser unterzeichnet wurde, intellektuelles Versagen vor. Christian Geyer-Hindemith hat sich das angeschaut und bringt es gut auf den Punkt: 

Benhabib, wie Butler und Fraser ausge­wiesen in sozialpolitischer Ideen­geschichte, feministischer Theorie und Kritischer Theorie, trägt als zentralen Einwand gegen den Text ihrer Kolleginnen vor, „dass er den Konflikt zwischen Israel und Palästina nur durch die Linse des ,Siedlerkolonialismus‘ sieht und die Gräueltaten der Hamas vom 7. Oktober 2023 zu einem Akt des legitimen Widerstands gegen eine Besatzungsmacht erhebt“.

Die Yale-Professorin nennt es einen „kolossalen Fehler“ des von ihr kritisierten Textes, dass er für die Beschreibung der Hamas den falschen Kontext aufmache. Gestärkt werde nämlich die propagandistische Selbstbeschreibung der Hamas, als angebliche Avantgarde des palästinensischen Befreiungskampfes zu agieren. Stattdessen handelt es sich – so die kühle Analyse Benhabibs von Akteur und Aktion – um eine nihilistische Organisation, welche die Geiselnahme Palästinas und die Ermordung jüdischer Menschen von der Dschihad-Ideologie her begreift, die in der Pornographie der Gewalt schwelgt. Ja, es stimme, wenn Amnesty International erkläre: „Gaza ist das größte Freiluftgefängnis der Welt“, aber das liege auch daran, dass die Hamas eine Vernichtungsagentur sei, deren Charta die Zerstörung des Staates Israel befürworte.

Welch ein monströser philosophischer Ausfall, wenn ebendiese nihilistische Eigenart der Hamas im Aufblättern von Kontexten verwischt wird, wenn Gewalt in Gewaltgeschichte versandet, unförmig wird. In den Worten von Benhabib nicht nur an Butler und Fraser: „Welche moralische und politische Logik leitet Ihre Argumentation?“ Es ist ein intellektuelles Versagen, das hier als rhetorische Frage namhaft gemacht wird, aus berufenem Mund sozusagen.

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Der Antisemitismus der künftigen Elite

Amerika wird nicht nur von rechts bedroht. An den Hochschulen führt eine woke Studentenschaft das Wort und trägt dazu bei, dass der Meinungskorridor immer enger wird – auch hinsichtlich der Krise im Nahen Osten. 

Majid Sattar schreibt:

Nicht jeder Demonstrant mit Palästinensertuch ist von Judenhass getrieben. Mancher folgt einfach dem linken Zeitgeist und solidarisiert sich mit dem Underdog, ungetrübt von Kenntnis über den Nahostkonflikt. Neu ist nur das Etikett: Was heute akademisch verschwiemelt Siedlungskolonialismus genannt wird, hieß nach dem Sechs-Tage-Krieg bei linken Studenten schlicht Imperialismus. Damals wie heute galt: Die Bewegung ist von Antisemitismus durchzogen, was spätestens mit der Gleichsetzung von Zionismus und Rassismus klar wird. Antisemitismus war auch in Amerika nie nur rechts beheimatet. In Teilen afroamerikanischer Organisationen gibt es ebenfalls eine Kontinuität. So wie einst bei den „Black Panthers“ erklären nun Vertreter der „Black Lives Matter“-Bewegung ihre Solidarität mit dem „Widerstand“ gegen den Unterdrücker.

Das liberale Amerika wird nicht nur von rechts bedroht. Die aufgeheizte Atmosphäre an den Universitäten wirft ein Licht darauf, dass nach dem Vertrauensverlust staatlicher Institutionen, der auf das Konto der Rechtspopulisten ging, auch zivilgesellschaftliche Leuchttürme bröckeln. Seit Jahren arbeiten eine links-woke Studentenschaft und ihre akademischen Förderer daran, den zulässigen Meinungskorridor einzuengen, Gastvorträge nicht genehmer Wissenschaftler zu sabotieren, politisch korrekte Sprachkodizes durchzusetzen – und am Ende auch zu definieren, wer Opfer und wer Täter ist. Die Diversity-Behörden wirken dabei nicht selten als ihre Verbündeten. Liberale und konservative Wissenschaftler beklagen mitunter, die Diskurswächter wirkten einschüchternd.

Mehr: www.faz.net.

Die Tage Noahs werden am Ende wiederkehren

Hermann Bavink sagt über das Ende der irdischen Zeit (Dogmatik, Bd. 4, S. 674):

Die Gläubigen, von denen nicht viele weise, mächtig oder von edler Geburt sind (1Kor 1,26), haben auf Erden nichts anderes zu erwarten als Leid und Unterdrückung (Röm 8,36; Phil 1,29). Sie sind Fremdlinge und Fremde (Hebr 11,13); ihr Bürgerrecht ist in den Himmeln (Phil 3,20); sie schauen nicht auf das Sichtbare (2Kor 4,18), sondern auf das, was droben ist (Kol 3,2). Sie haben hier keine bleibende Stadt, sondern warten auf die künftige Stadt (Hebr 13,14). Sie sind in Hoffnung gerettet (Röm 8,24) und wissen, dass sie, wenn sie mit Christus leiden, auch mit ihm verherrlicht werden (Röm 6,8; 8,17; Kol 3,4). Deshalb warten sie mit der ganzen seufzenden Schöpfung sehnsüchtig auf die Zukunft Christi und auf die Offenbarung der Herrlichkeit der Kinder Gottes (Röm 8,19.21; 1Kor 15,48ff.), eine Herrlichkeit, mit der die Leiden der gegenwärtigen Zeit nicht zu vergleichen sind (Röm 8,18; 2Kor 4,17). Nirgendwo im Neuen Testament gibt es einen Hoffnungsschimmer, dass die Kirche Christi wieder zu Macht und Herrschaft auf Erden kommen wird. Sie darf höchstens darauf hoffen, dass sie unter Königen und allen, die ein hohes Amt bekleiden, ein ruhiges und friedliches Leben in aller Frömmigkeit und Würde führen kann (Röm 13,1; 1 Tim 2,2). Deshalb empfiehlt das Neue Testament nicht in erster Linie die Tugenden, die den Gläubigen befähigen, die Welt zu erobern, sondern nennt als Früchte des Geistes die Tugenden „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Großzügigkeit, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5,22–23; Eph 4,32; 1Thess 5,14ff.; 1Petr 3,8ff.; 2Petr 1,5–7; 1Joh 2,15; usw.).

Es ist eine ständige neutestamentliche Erwartung, dass in dem Maße, in dem das Evangelium vom Kreuz in der Welt verbreitet wird, auch die Feindseligkeit der Welt zum Ausdruck kommen wird. Christus ist dazu bestimmt, viele aufzurichten, aber auch dafür, viele zu Fall und ihre feindseligen Gedanken an den Tag zu bringen. Er ist zum Gericht (κρισις, krisis) in die Welt gekommen, damit die, die nicht sehen, sehen und die, die sehen, blind werden (Mt 21,44; Lk 2,34; Joh 3,19–21; 8,39; Röm 9,32–33; 1Kor 1,23; 2Kor 2,16; Hebr 4,12; 1Petr 2,7–8). In der Endzeit, der Zeit vor der Wiederkunft Christi, wird die Bosheit der Menschen ein furchtbares Ausmaß annehmen. Die Tage Noahs werden wiederkehren. Wollust, Sinneslust, Gesetzlosigkeit, Habgier, Unglaube, Hochmut, Spott und Verleumdung werden in furchtbarer Weise ausbrechen (Mt 24,37ff.; Lk 17,26ff.; 2Tim 3,1ff.; 2Petr 3,3; Judas 18). Auch unter den Gläubigen wird es zu einem weitreichenden Glaubensabfall kommen. Die Versuchungen werden so stark sein, dass, wenn es möglich wäre, sogar die Auserwählten zu Fall gebracht würden. Die Liebe vieler wird erkalten, und die Wachsamkeit wird so weit nachlassen, dass die klugen wie die törichten Jungfrauen einschlafen werden. Der Abfall wird so allgemein sein, dass Jesus fragen kann, ob der Menschensohn bei seinem Kommen noch Glauben auf der Erde finden wird (Mt 24,24.44ff.; 25,1ff.; Lk 18,8; 1Tim 4,1).

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Das Herrsein des Christus

Emil Brunner beschreibt das Thema des Römerbriefes anhand von Röm 1,1–7 mit folgenden Worten (Der Römerbrief, 1959, S. 9): 

Damit ist bereits das Thema des ganzen Briefes angegeben. Von Gott aus:
das Herrsein des Christus, des Offenharers der Gottesliebe; vom Menschen aus: der „Gehorsam des Glaubens“. Daß Christus wirklich mein Herr wird: das ist der Glaube; und nicht anders kann Christus mein Herr sein als dadurch, daß ich in ihm den erkenne und anerkenne, indem Gott mich zu seinem Eigentum macht.

#DuBistEinMann

Mit einem Eilverfahren wollte eine Transperson den Slogan #DuBistEinMann unterbinden. Allerdings ist sie damit gescheitert, weil die Gerichte in Deutschland die Meindungsfreiheit schützen möchten. Die NZZ schreibt: 

Was war passiert? Im März dieses Jahres rief die Transperson Monro auf der Plattform X, vormals Twitter, dazu auf, den Deutschen Frauenrat zu unterstützen. Auf dessen Onlineprofil tummelten sich laut Monro viele «Terfs». «Terfs» bedeutet «trans-exclusionary radical feminists» und wird als Schimpfwort für Frauen verwendet, die davon ausgehen, dass es zwei biologische Geschlechter gibt. Daraufhin antwortete eine Vertreterin von Radfem Berlin Richtung Monro: «Times changed! #DuBistEinMann».

Monro empfand dies offenbar als verletzend. Per Eilantrag auf Unterlassung wollte sie den Feministinnen diese Äusserung gerichtlich untersagen lassen. Das blieb in erster und zweiter Instanz erfolglos. Monro zog den Eilantrag schliesslich zurück.

Sowohl das Landgericht als auch das Oberlandesgericht Frankfurt am Main bewerteten das Recht der Feministinnen, ihre Meinung frei zu äussern, höher als den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Transperson. Eine richtige, aber keine selbstverständliche Stärkung der Meinungsfreiheit.

Mehr: www.nzz.ch.

Die Postmoderne verfängt sich in ihren eigenen Logiken

Anna Mayr beschreibt in dem Artikel „Warum sich die postmoderne Linke soschwertut, den Terror gegen Israel zuverurteilen“, wie sich die Postmodernen angesichts der Krise im Nahen Osten selbst zerlegen. Die Theoretiker der Postmoderne von gestern haben den Diktatoren von heute einen roten Teppich ausgelegt. Wenn sich Probleme nicht mit vernünftigen Argumenten lösen lassen, werden die Säbel gezogen. 

Mayr schreibt: 

Es gibt ein Video im Internet, das ganz gut erklärt, warum diese Positionierung vielen nicht gelang. Darin sitzt die Sängerin Achan Malonda neben dem Autor Fabian Wolff, der sich jahrelang als Jude ausgegeben hatte, auch als jüdischer Autor bei ZEIT ONLINE Texte veröffentlichte, ohne wirklich Jude zu sein. Die beiden sprechen über die Solidarität zwischen People of Color und Juden. Malonda fragt darin Wolff, den sie zu dem Zeitpunkt wohl für einen Juden hält: „Denkst du, dass sie euch im Prinzip whiteness ge-offered haben?“ Übersetzung: Denkst du, Juden können sich aktiv dafür entscheiden, Weiße zu sein? Er stimmt ihr zu. Juden hätten die Wahl, ob sie zu den Diskriminierten gehören wollten oder nicht.

Wenn man das weiterdenkt, können Juden alles nur falsch machen: Werden sie zu Weißen, sind sie Teil der Mehrheitsgesellschaft. Lassen sie sich unterdrücken, sind sie selber schuld, denn sie hätten sich anders entscheiden können.

…

Judith Butler, postmoderne Vordenkerin, hat vor einigen Tagen einen Essay veröffentlicht, in dem nichts drinsteht. Eigentlich hat Butler die Hamas einst unterstützt, als Freiheitskämpfer für die Palästinenser. Doch in ihrem neuen Essay steht zig Absätze lang immer wieder das Gleiche: Die Gewalt ist durch nichts zu rechtfertigen, und man muss dennoch die Gewalt der Besatzungsmacht Israel sehen. Es wird deutlich, dass sie(nachvollziehbarerweise) nicht weiß, wohin sie noch denken soll. Von radikalen angloamerikanischen Postmodernen wird sie bereits geächtet; sie sei wohlauch nur eine reaktionäre, weiße Progressive, schreibt einer auf Twitter. Butler ist jüdisch.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.zeit.de.

VD: JL

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Der Westen und die Religion

Es ist höchste Zeit, dass sich ein religionslos gewordener Westen wieder der Religion zuwendet, intellektuell und lebenspraktisch. Sonst versteht er bald die Welt nicht mehr, meint Martin Grichting in einem ziemlich schonungsfreien Beitrag für die NZZ. Seiner Meinung nach unterschätzen die Politiker die Wirkmächtigkeit religiöser Lehren, da sie nicht mehr davon verstehen. 

Grichting schreibt: 

Wenn es heute um die Frage nach der Ursache von islamisch motivierter Gewalt und Parallelgesellschaften geht, begegnet man immer wieder Deutungen, die den religiösen Hintergrund ausblenden. Die Weigerung muslimischer Migranten, sich in die westlichen Gesellschaften zu integrieren, sei das Erbe des Kolonialismus sowie die Folge rassistischer, wirtschaftlicher und sozialer Diskriminierung. Das führe zu Abschottung und in der Folge zu Gewalt.

Akte der Entmenschlichung, wie die Welt sie beim Überfall der Hamas auf Israel gesehen hat, werden mit der Psychologie frustrierter und perspektivloser Männer oder mit dem Einsatz von Drogen «erklärt». Sosehr das alles auch eine Rolle spielt: Der Elefant im Raum ist die Religion. Man ist offenbar nicht in der Lage, ihn zu sehen.

Nicht nur Gewaltaufrufe gehören zum Bestand islamischer Lehre. Vielmehr segregiert diese Religion die Menschen: «Nehmt euch die Juden und Christen nicht zu Freunden! Sie sind einander Freunde. Wer von euch sich ihnen anschliesst, der gehört zu ihnen.» So lautet die Ansage des Koran [Sure 5,51]. Sie bedeutet im heutigen Kontext: Wer sich im Westen integriert, ist ein Verräter. Nur wer sich in einer Parallelgesellschaft auf Distanz hält, ist ein guter Gläubiger.

Mehr: www.nzz.ch.

Antisemitismus als „Dekolonisierungstool“

Politiker, Medien sowie gewöhnliche Bürger sind darüber überrascht, dass Linke sich in den letzten Tagen eindeutig auf die Seite der Palästinenser oder gar der Hamas gestellt haben. Wie ist es möglich, dass genau jene Gruppen, die seit Jahren nachdrücklich vor einem rechten Antisemitimus warnen, jetzt auf der Seite derer stehen, die Israel mit unvorstellbarer Brutalität überfallen haben? 

Das kommt nicht aus dem Nichts. Viele Linke hegen schon lange gewisse Sympathien mit dem palästinensischen Befreiungskampf. Der Siegeszug gegen „den Westen“ wird in den Zusammenhang einer größeren Revolution gestellt. Die Adorno-Preisträgerin Judith Butler, die übrigens selbst Jüdin und zudem Pazifistin ist, hat bekanntlich einmal gesagt, dass Hamas und Hisbollah als Teil der globalen linken Bewegung zu sehen seien.

Der Historiker Vojin Saša Vukadinović erklärt erfreulicherweise in einem Beitrag für die linke Wochenzeitung JUNGLE WORLD, dass für Teile der Linken dieser Kampf gegen Israel eine konsequente Umsetzung der sogenannten „Dekolonisierung“ ist. Er schreibt: 

Was der Imperativ „decolonize!“, der seit einigen Jahren nicht nur den identitätspolitischen Aktivismus befeuert, sondern in Windeseile von den hiesigen Geistes- und Sozialwissenschaften adaptiert worden ist, in Bezug auf Israel meint, hat die Hamas am 7. Oktober demonstriert. Die universitäre Anhängerschaft dieses Kampfbegriffs bemüht sich nun um Schadensbegrenzung. Zwar dürfte sie in den kommenden Monaten versuchen, sich aus der Affäre zu winden, doch daran, was dieser neumodische wie gesellschaftlich akzeptierte antisemitische Code meint, gibt es keinen Zweifel mehr. Wer ihn verwendet, bezieht Position.

Wenige sind dabei so ehrlich wie Najma Sharif, eine US-amerikanische Influencerin, die für die TeenVogue und In Style schreibt. Noch am Tag des Pogroms setzte sie einen Tweet ab, in dem es hieß: „Was dachtet Ihr alle denn, was Dekolonisierung bedeutet? Vibes? Seminararbeiten? Essays? Loser.“ Der Zuspruch für diese unverhohlene Bejahung des Massenmords lag in kürzester Zeit im sechsstelligen Bereich. Höhnend legte Sharif noch nach: „Wenn ‚nicht so‘, wie denn sonst. Zeigt’s uns lol.“

Statt darüber nachzudenken, in welchem Verhältnis ihr Weltbild und ihr Jargon zum Massaker stehen könnten, sind die Verfechterinnen und Verfechter des Dekolonisierungsgedankens nun bestrebt, diesen zu retten. So behauptete Vanessa Thompson, die vor einigen Jahren an der Goethe-Universität Frankfurt am Main lehrte, nun Professorin an der Queen’s University in Kanada ist und einen deutschsprachigen Reader zu Abolitionismus herausgegeben hat, auf Twitter, dass „das, was passiert“, das „unmittelbare Resultat von Besatzung und Landraub“ sei. Während diese Umschreibung des palästinensischen Überfalls zeigt, dass Thompson ein objektiver Begriff für den Terror nicht über die Tastatur geht, integriert sie ihn umgekehrt sehr flott: Es sei „abstoßend“, dass Menschen die israelischen Opfer betrauern, nicht aber den „Massenmord an den Palästinensern“. 

Auch Frédéric Schwilden hat für DIE WELT diesen Zusammenhang beobachtet, wenn er schreibt: 

Dass es diese Menschen gibt und gab, das wusste ich. Aber dass es so viele sind, macht mich ratlos. Und noch ratloser sollte uns machen, dass diese Menschen in ihrem Sein sogar systemisch unterstützt worden sind und noch werden. Die Bundesregierung fördert stolz jedes Projekt, dass irgendwas mit „Intersektionalität“ und „Postkolonialismus“ im Namen trägt. Und da sind nicht die jungen Männer, die auf der Straße rauchen, oder die Muttis am Gemüsestand. Das sind die akademischen Weißbrote. Aber sie sind der intellektuelle Nährboden, der diese Leute ermutigt, der denen, wie es dann so oft heißt, „eine Stimme“ gibt.

Höhepunkt dieser Haltung war eine Documenta, bei der ein indonesisches Kollektiv aus post-kolonialer Perspektive Karikaturen in Kassel auf- und erst nach großen Protesten wieder abhängte, auf der Juden unter anderem mit SS-Runen im Gesicht oder mit Schweinenasen gezeigt wurden. Die Hamburger Kunsthochschule fand das so überzeugend, dass sie zwei Männern des indonesischen Kuratoren-Kollektivs der Documenta eine Gastprofessur gab.

Die beiden Professoren wiederum likten nach dem Terror dieser Woche einen Beitrag auf Instagram, in dem Jugendliche in Neukölln die Hamas bejubeln.

Und weiter sagt er:

Der Philosoph und Historiker Konstantin Sakkas veröffentlichte vor einiger Zeit den Text mit dem allessagenden Titel: „Die Geburt des Postkolonialismus aus dem Geist des Faschismus“. Er beschreibt das alles sehr gut. Da ist ein Diversity-besoffenes Milieu, das außer ein bisschen Judith Butler wenig gelesen und oft gar nichts verstanden hat. Und dieses Milieu hält es seit einiger Zeit für besonders progressiv, alles zu dekolonialisieren. Besonders Israel natürlich. Es sind Harvard-Absolventinnen, Menschen, die feministische Außenpolitik gut finden, die Gender- oder Postcolonial Studies studieren und sich für queeres Leben und Black Lives Matter einsetzen.

VD: JL

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