Die Respektlosigkeit gegenüber Familien
Leander Scholz ist ein Philosoph und Schriftsteller aus Berlin. Für die Leser der WELT hat er mal aufgeschrieben, weshalb es für ihn und eine Frau ein zermürbender Kampf war, als sie beide noch in Vollzeit erwerbstätig waren. Das unbeirrbare Ideal von Politik und Wirtschaft, dass beide Elternteile in Vollzeit arbeiten, geht seiner Meinung nach hartnäckig an der Lebensrealität vieler Familien vorbei:
Die Aufteilung der Familienarbeit ist längst zum Gegenstand eines politischen Streits geworden. Aber trotz zahlreicher Versuche, die Familien in eine paritätische Richtung zu drängen, entscheiden sich die meisten für ein Modell, bei dem ein Elternteil weniger erwerbstätig ist und dafür einen größeren Anteil an der Familienarbeit übernimmt. Das ist auch bei uns der Fall, nur in Umkehrung der traditionellen Rollenverteilung. Als wir noch beide in Vollzeit gearbeitet haben, war der Kampf um die Zeit oft zermürbend. Wir stritten darum, wer den anstehenden Arzttermin mit Kind wahrnimmt, wer Überstunden machen darf, weil es gerade wichtig ist, oder einen Abendtermin wahrnehmen kann.
Alles auszuhandeln, ist nicht nur anstrengend, sondern erzeugt auch ein dauerhaft schlechtes Gewissen. Ständig stellt sich das quälende Gefühl ein, entweder der Familie oder aber den beruflichen Ansprüchen nicht zu genügen. Familienarbeit ist aufwendig und braucht Zeit. Wenn alles nur noch nebenbei und in Hetze geschieht, wird das Familienleben zum Stressfaktor. Das unbeirrbare Ideal der Politik, dass beide Elternteile in Vollzeit arbeiten, geht hartnäckig an der Lebensrealität vieler Familien vorbei.
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