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Gehirn 2.0

Das Magazin SeitenweiseWirtschaft (NZZ) stellt drei Bücher vor, die sich mit der Frage beschäftigen: Wie verändert das Internet unser Denken?

Bitte diesen Link wählen: dl.nzz.solutionpark.tv.

Gottesbeweise

29546.jpgFolgt man dem Alltagsgeschwätz, verbreiteten Lehrbüchern der Philosophie oder der Demagogie des »Neuen Atheismus«, sind seit Immanuel Kant die theoretischen Gottesbeweise erledigt. Kant hatte Gottesbeweise als ehrsüchtige Absichten eingestuft und in den Bereich der über die Grenzen aller Erfahrung hinausgehenden spekulativen Vernunft verwiesen (I. Kant, Kant-W., Bd. 4, S. 693). Niemand, so der akademische Standpunkt mit und nach Kant, würde sich mehr »rühmen können: er wisse, dass ein Gott« sei ( I. Kant, Kant-W, Bd. 4, S. 693.). »Wer die Theologie, sowohl diejenige des christlichen Glaubens als auch diejenige der Philosophie, aus gewachsener Herkunft erfahren hat, zieht es heute vor, im Bereich des Denkens von Gott zu schweigen«, hat uns Martin Heidegger gesagt (zitiert nach Wilhelm Weischedel, Der Gott der Philosophen, Bd. 2, S. 280). Selbst der durchaus »offene« Logiker Franz von Kutschera kommt nach ausführlicher Analyse der bekannten Gottesbeweise zu dem Resümee: »Es gibt zumindest gegenwärtig keinen brauchbaren rationalen Gottesbeweis« (Franz von Kutschera, Vernunft und Glaube, Berlin; New York: de Gruyter, 1991, S. 41).

Hinter den Kulissen steigt allerdings das Interesse an der Gottesfrage (vgl. auch hier). Zwei Beispiele: Erst kürzlich veranstaltete die Universität Tübingen eine Tagung zum Thema »Gottesbeweise als Herausforderung für die moderne Vernunft« mit sehr honorigen Referenten wie Peter van Inwagen, Armin Kreiner, Richard Swinburne oder Robert Spaemann (hier das Programm). Außerdem ist kürzlich eine umfängliche Darstellung der Gottesbeweise von Joachim Bromand und Guido Kreis beim Suhrkamp Verlag herausgegeben worden. Das Buch:

  • Joachim Bromand und Guido Kreis (Hg.): Gottesbeweise von Anselm bis Gödel, Berlin: Suhrkamp Verlag 2011, 20 Euro

versammelt die großen Gottesbeweise des Mittelalters und der Neuzeit ebenso wie die klassischen Einwände von Hume und Kant. Einleitende Essays führen in die Problematik ein und bieten gut verständliche Rekonstruktionen der jeweiligen Argumentationen. Auch die sprachanalytische Debatte wird ausführlich dokumentiert. Dem Mathematiker Kurt Gödel, dessen ontologischer Gottesbeweis bis heute nicht überzeugend widerlegt worden ist (vgl. dazu auch hier), wurde ein ausführliches Kapitel gewidmet (S. 381487). Sogar der Kalām-Beweis von William L. Craig wird eingehend behandelt (S. 564–598). Im Vorwort schreiben die Bonner Autoren:

Hatte Adorno in der Negativen Dialektik noch generalisierend vermutet, daß »übrigens wohl eine jede [Philosophie] um den ontologischen Gottesbeweis [kreist]«, so scheint sich demgegenüber im nachmetaphysischen Zeitalter jeder ernsthafte Versuch eines Gottesbeweises von selbst zu verbieten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die philosophische Debatte über Gott ist seit einigen Jahren wiedereröffnet und aktueller denn je. Einer der Hauptbeiträge der Philosophie zu dieser Debatte liegt im Projekt der Gottesbeweise. In der sprachanalytischen Metaphysik und Logik werden sie seit Jahrzehnten ausführlich diskutiert. Es ist an der Zeit, die entscheidenden Fragen erneut zu stellen: Was sind eigentlich Gottesbeweise, und wozu sollen sie gut sein?

Obwohl die Verfasser sehr viel wert auf Verständlichkeit legen, ist das Buch keine Profanlektüre, teilweise werden Grundkenntnisse der formalen Logik vorausgesetzt. Aber für Philosophen, Theologen und interessierte Laien ist Gottesbeweise von nun an ein unentbehrliches Nachschlagewerk.

Hier eine Leseprobe mit dem Inhaltsverzeichnis.

Doppelt schnell lesen

Mit etwas Übung fliegen die Augen über die Zeilen – und das Verständnis leidet dabei nicht. Das funktioniert, doch die Methoden müssen geübt werden. DIE WELT schreibt:

Schnell-Lese-Techniken können helfen, um den Bücherberg besser in den Griff zu bekommen. Doch wer Erfolg haben will, muss üben. »Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass alles, was man schneller macht, deswegen auch schlechter wird«, sagt der Lesetrainer und Autor Wolfgang Schmitz. »Schnelleres Lesen kann auch heißen: intensiveres Lesen.«

Mehr: www.welt.de.

Der Aufstieg des Westens

201106291006.jpgDer britische Historiker Niall Ferguson stellt sich die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass der Westen die anderen großen Zivilisationen überholen und zeitweise dominieren konnte.

In der Einleitung weist er darauf hin, dass die künftigen Kolonial- und Großmächte Europas um das Jahr 1500 nur 10 Prozent der Landmasse und 16 Prozent der Weltbevölkerung umfassten, aber im Jahre 1913 schon 60 Prozent der Fläche und der Weltbevölkerung beherrschten und 79 Prozent der Weltwirtschaft.

Wie konnte es dazu kommen? Fergusons Antwort verweist auf sechs Faktoren, denen jeweils ein Kapitel gewidmet ist: Wettbewerb, sowohl zwischen den Fürstentümern, Königreichen und Staaten als auch unter den Unternehmen; Wissenschaft, womit im Wesentlichen die Naturwissenschaften und deren Anwendungen in Technik und Militärwesen gemeint sind; sichere Eigentumsund Verfügungsrechte, die zu Rechtsstaat und repräsentativen Demokratien geführt haben; medizinischer Fortschritt und die daraus resultierende Verlängerung der Lebenserwartung; die Erhöhung des materiellen Lebensstandards sowie die Arbeitsethik, die Ferguson ähnlich wie Weber mit dem Protestantismus verbindet.

Mehr hier: www.faz.net.

Die Feldbusch des Protestantismus

Margot Käßmanns weichgespülter Kuschelglaube manifestiert sich in dem Buch Sehnsucht nach Leben. Denken ist überflüssig – man muss ihr einfach glauben. Jemand hat das Buch für DIE WELT gelesen und bissig rezensiert:

Denn die moralisch Gefallene brauchte nur eine blitzartige Turbo-Auszeit von wenigen Monaten, um als Märtyrerin ihrer selbst vom Olymp der Halbgötter hinabzusteigen und dem geistig dürstenden Volk ihre Glaubensbotschaft zu überbringen: Die Gezeichnete als Gesegnete.

»Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand« – das Zitat von Arno Pötzsch, mit dem sie sich vor Jahresfrist in ihr amerikanisches Sühne-Sabbatical verabschiedete, ist derweil zum Leitmotiv ihrer beachtlichen Bücherproduktion geworden.

Der Satz ist so wunderbar handlich und passt zu jeder Lebenssituation. Irgendwo zwischen Hegel und Nina Ruge (»Alles wird gut«) angesiedelt, hilft er dem Gestrauchelten, wieder aufzustehen. Wären die »Pleite-Griechen« nicht Anhänger der orthodoxen Kirche, müsste man ihnen Käßmann ans Herz legen.

»Sehnsucht nach Leben« heißt ihr jüngstes Werk, das sogleich die Bestsellerlisten eroberte. Nach Veröffentlichungen wie »Was ich Dir mitgeben möchte« und »Meine Füße auf weitem Raum« geht es in der schmalen Fibel wieder einmal um das große Ganze: »Sich sehnen, das ist etwas sehr Emotionales, da geht es um ganz Eigenes, es schwingen Lebensfragen, Hoffnungen mit.«

Hier: www.welt.de.

Es ist nicht alles Gott, was glänzt

Gottwasglänzt.jpgUnsere Welt ist eine Götzenfabrik. Die Götzen verzaubern unsere Sinne und unseren Verstand. Wir dienen ihnen gern. Ergeben opfern wir ihnen unser Leben.

In seinem neuen Buch Es ist nicht alles Gott, was glänzt horcht der amerikanische Theologe und Pastor Tim Keller die Götzen aus. Er hört genau hin und erspürt, dass sich unsere Welt im Blick auf die Götzenverehrung nicht wesentlich von der Antike unterscheidet. Jede Zeit hat ihre eigenen Götzen. Im alten Griechenland wurden der Göttervater Zeus oder die Liebesgöttin Aphrodite verehrt. Heute heißen unsere Götter Schönheit, Macht, Geld oder Erfolg. In der Antike waren die Götzenwohnungen Tempel, heute sind es hochgeschossene Bankgebäude, Fitnesscenter oder Stadien.

Götzendienst ist für Keller kein überkommener Aberglaube. Wir müssen nicht alte Bücher lesen oder weite Reisen unternehmen, um Götzen zu finden. Die Heimat der Götzen ist unser Herz. Alles kann nämlich zum Götzen werden. Alles, was uns wichtiger ist als Gott, alles, von dem wir uns das versprechen, was allein er geben kann, ist ein Götze. Also können auch gute Dinge zum Götzen werden: erfüllte Sexualität, Reichtum, beruflicher Erfolg oder politische Macht erobern im menschlichen Herzen schnell den Platz, der nur Gott gehört.

Mächtiger als persönliche Götzen sind für Tim Keller solche, die unsere Kultur oder die Religion beherrschen. Kulturellen Götzen kommen wir nur schwer auf die Spur, weil sie fast unmerklich unser Denken und Empfinden systemisch prägen und positiv in die Gesellschaft integriert sind. In den westlichen Kulturen wird heute besonders die individuelle Freiheit angebetet, was zum Zerbruch der Familien, zu zügellosem Materialismus, Karrieresucht und der Verherrlichung von Sex, Schönheit und Profit führt (vgl. S. 168). Fast noch verführerischer sind religiöse Götzen, die sogar inmitten lebendiger Gemeinden beheimatet sein können. Geistliche Gaben oder Erfolg im Dienst werden gelegentlich mit Gott selbst verwechselt. Auch hinter geistlichem Perfektionismus oder Moralismus verbirgt sich ein religiöser Götzendienst. »Der Mensch neigt dazu, dass er immer versucht, Gott und andere durch sein untadeliges Verhalten und seine Perfektion zu beeindrucken und zu manipulieren … Wir mögen zwar mit Worten bekennen, dass Jesus unser Vorbild und unsere Inspiration sei, aber dennoch erwarten wir die Erlösung als Lohn für unser moralisch einwandfreies Leben« (S. 170).

Götzendienst ist aus der Sicht der Zehn Gebote Sünde (vgl. 2Mose 20,4–5). Aber wir können diese Götzen nicht so einfach rauswerfen. Es genügt nicht, wenn wir uns von falschen Göttern trennen. Keller zeigt, und hier sehe ich eine Stärke des Buches, wie sich tiefer liegende Götzen schnell einen Weg bahnen, um dann unerfüllte Sehnsüchte zu stillen. »Appelle wie ›Ich will mich nicht mehr vom Geld beherrschen lassen‹, werden wenig bringen, wenn wir keine vollständige ›Herz-OP‹ bekommen. Und das ist möglich, wenn wir unser Vertrauen auf Gott setzen« (S. 99).

In einem Nachwort erklärt Keller auf der Grundlage von Römer 1,21–25, wie wir Götzen aufspüren und dem Glauben an den lebendigen Gott Raum geben können. Zurecht verweist er auf Martin Luther, der in seinem »Großen Katechismus« (1529) und in seiner Abhandlung »Von den Guten Werken« (1520) die Frage der Abgötterei sehr eingängig behandelt. Warum beginnen die Zehn Gebote mit einem Verbot des Götzendienstes? »Weil die grundsätzliche Ursache hinter jeder Sünde Götzendienst ist. Wann immer wir eines der Gebote brechen, haben wir zuvor schon das erste Gebot gebrochen« (S. 208). Wesentlich am Götzendienst ist, dass wir Gott nicht Gott sein lassen, also unser Herz für etwas mehr schlägt als für Gott. Deshalb schreibt Keller: »Paulus gibt uns zwei Empfehlungen, wie wir die Götzen loswerden können: ›Wir sollen uns nach oben orientieren‹ und: ›unser Leben ist mit Christus bei Gott verborgen‹ (Kolosser 3,1–3). Das heißt, wir sollen das, was Jesus für uns getan hat, wertschätzen, uns darüber freuen und darin ruhen. So entsteht fröhlicher Lobpreis, und wir nehmen die Gegenwart Gottes wahr, wenn wir beten« (S. 214).

Es ist nicht alles Gott, was glänzt, ist ein goldig gestaltetes und leicht zu lesendes Buch. Der Autor illustriert seine Botschaft immer wieder anhand von eingängigen Anekdoten oder greift auf biblische Geschichten zurück. Der theologisch versierte Leser wird an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Tiefgang erwarten. Aber das Buch ist nicht für Theologen geschrieben. Es wurde für verunsicherte Christen und suchende Menschen verfasst. Es ist ein seelsorgerliches Buch. Keller erreicht die Tiefenschichten des Herzens und macht auf einfühlsame Weise Mut, die löchernen Zisternen zu verlassen und zur Quelle des Lebens zu gehen (vgl. Jeremia 2,13).

  • Timothy Keller: Es ist nicht alles Gott, was glänzt: Was im Leben wirklich trägt, Asslar: Gerth Medien, 2011, ISBN: 3865915892, 14,99 €.

Ferdinand Hahn: Theologie des Neuen Testaments

Nachfolgend meine Buchbesprechung zu:

  • Hahn, Ferdinand: Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1: Die Vielfalt des Neuen Testaments, Bd. 2: Die Einheit des Neuen Testaments, 3. Aufl., Tübingen: Mohr Siebeck 2003, 1736 S., 39,90 Euro.

ursprünglich erschienen in Glauben und Denken heute 1/2011:

Ferdinand Hahn, von 1976 bis zu seiner Emeritierung 1994 Professor für Neues Testament an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, zählt international zu den renommiertesten Neutestamentlern. Er wirkte maßgeblich an der ökumenischen Einheitsübersetzung mit und publizierte fast genau fünfzig Jahre, nachdem Rudolf Bultmann seine Theologie des Neuen Testamentes vorlegte, seine eigene Theologie in zwei Bänden (2003). Bereits zwei Jahre später erschien eine korrigierte und erweiterte Auflage. Nun ist das Werk erfreulicherweise als durchgesehene zweibändige UTB-Taschenbuchausgabe herausgegeben worden. Die Bände sind nur zusammen erhältlich. Allerdings wird das Werk mit 1736 Seiten von Mohr Siebeck in Tübingen für 39,90 Euro abgegeben (früher 219,00 Euro). Damit sollte es auch für Pastoren und Studenten erschwinglich sein.

Ferdinand Hahn bietet mit diesem Lehrbuch eine Gesamtübersicht über das Neue Testament. Im ersten Band erläutert er zunächst die Geschichte der Neutestamentlichen Theologie und beschreibt seine eigene Aufgabenstellung. Er stellt die NT-Theologie thematisch dar und fragt dabei, anders als Bultmann, neben der Vielfalt auch nach den Gemeinsamkeiten und der Einheit des neutestamentlichen Zeugnisses. Hahn setzt die Einheit des NTs nicht voraus, sondern will sie mittels Analyse der verschiedenen Traditionen historisch-kritisch erarbeiten (vgl. I, 22–28). Die zweite große Aufgabe betrifft die immer noch umstrittene Beziehung zwischen der Jesusüberlieferung und der urchristlichen Verkündigung. Den einleitenden Ausführungen folgt eine Darstellung der Vielfalt des urchristlichen Zeugnisses in Gestalt einer Theologiegeschichte des Urchristentums. Der Autor behandelt die Frage nach der theologischen Relevanz der Botschaft Jesu und erörtert die Verkündigung der aramäisch und der griechisch sprechenden Gemeinden. Hahn geht auf die paulinische und die seiner Auffassung nach deuteropaulinische Theologie und die außerpaulinischen Schriften des Judenchristentums ebenso ein wie auf die synoptischen Evangelien samt der Apostelgeschichte und der johanneischen Theologie.

Kurz zu Paulus: Hahn lehnt die These von einer allmählichen »Entwicklung« oder »Wandlung« des paulinischen Denkens, wie sie beispielsweise von Udo Schnelle oder Jürgen Becker vertreten wird, ab. Angesichts der Tatsache, dass die uns überlieferten Briefe aus einem relativ kurzen Zeitraum stammen und nach Christian Dietzfelbinger »die Probleme Gesetz und Gerechtigkeit für den ehemaligen Phärisäer Paulus von seiner Berufung an grundlegende Bedeutung im Zusammenhang mit der Christuserkenntnis hatten“, hält er sie für problematisch (I, 181). Insgesamt lasse sich zeigen, »daß eine innere Einheit der Theologie des Paulus vorhanden ist, die nur durch verschiedene Situationsbezogenheit in geringfügigem Maße modifiziert wurde« (I, 181). Das gilt auch für die z.B. von Heikki Räisänen behauptete Uneinheitlichkeit des Gesetzesverständnisses bei Paulus (I, 232). Es kann »mit der Mehrheit der Ausleger die Einheitlichkeit des Gesetzesverständnisses schon deswegen vorausgesetzt werden, weil sich die Aussagen der verschiedenen Briefe wenn nicht decken so doch ergänzen und weil einzelne Spannungen einen erkennbareren sachlichen Grund haben« (I, 233). Hervorheben möchte ich auch, dass Hahn, anders als viele neuere Exegeten, den Galaterbrief für einen frühen Paulusbrief hält. Die in diesem Brief und anderswo entwickelte Rechtfertigungslehre ist, verschränkt mit der Christologie, nach Hahn die Mitte der paulinischen Theologie (vgl. I, 187). »Angesichts der hohen Bedeutung der Frage nach der Rechtfertigung für das Selbstverständnis des Apostels überrascht es nicht«, schreibt er, »daß gerade diese Thematik seine Soteriologie entscheidend bestimmt“. »Es trifft keinesfalls zu«, so Hahn weiter, »daß die Rechtfertigungslehre erst in einer späteren Lebensphase im Zusammenhang der Auseinandersetzungen mit judaisierenden Gegnern ausgebildet worden sei. Sie begegnet auch nicht nur im Galater- und im Römerbrief, sondern ebenso in wichtigen Aussagen der Korintherbriefe und des Philipperbriefs. Dabei zeigen die meist kurzen Aussagen außerhalb des Galater- und Römerbriefs, daß Paulus eine Kenntnis der Rechtfertigungsbotschaft in seinen Gemeinden voraussetzt.« (I, 245). Wenig später stellt er fest: »Obwohl auch in neuerer Zeit die zentrale Stellung der Rechtfertigungslehre bisweilen in Frage gestellt wird, kann bei einer sorgfältigen Analyse der Texte ihre Bedeutung nicht bestritten werden« (I, 246). Der erste Band endet mit einem Ausblick auf die Übergangszeit zur Alten Kirche.

Im zweiten Band folgt eine ausführliche Erörterung der Einheit des neutestamentlichen Zeugnisses anhand von Einzelthemen. Nach Hahn erfüllt die neutestamentliche Theologie »ihre Aufgabe erst dann, wenn die Frage beantwortet wird, wie die vielfältigen urchristlichen Zeugnisse inhaltlich zusammengehören« (II, XVII). Denn: »Wenn das Neue Testament in seiner Verbindung mit dem Alten Testament Grundlage der christlichen Botschaft, des christlichen Glaubens und der christlichen Kirche war und ist, muß nach dem dafür maßgebenden Zeugnis und dessen Einheit gefragt werden« (II, XVII).

In fünf großen Teilen bespricht Hahn das Alte Testament als Bibel des Urchristentums, die Offenbarung Gottes in Jesus Christus, sowie jeweils die soteriologische, ekklesiologische und eschatologische Dimension des Offenbarungsgeschehens. Da Hahn nicht nur Einzelinterpretationen erarbeitet, sondern thematisch verwandte Aussagen systematisch miteinander in Beziehung setzt, erkennt der Leser schnell die fundamentaltheologische Bedeutung der neutestamentlichen Exegese. Hahn liefert, um nur zwei Beispiele zu nennen, im Teil zur soteriologischen Dimension des Offenbarungshandelns eine umfängliche neutestamentliche Anthropologie mit materialreichen Abschnitten zur Geschöpflichkeit und zum Sündersein des Menschen (II, 310–335) sowie eine Soteriologie, die die herausragende Bedeutung des Osterereignisses hervorhebt. Für Hahn ist das Ostergeschehen kein »historisches Ereignis« in dem Sinn, dass die Auferstehung faktisch oder objektiv nachgewiesen werden könnte wie etwa die Kreuzigung. Das Zeugnis von der Auferstehung ist aber historisches Faktum, das sich mit wissenschaftlichen Mitteln weder bestätigen noch hinterfragen lässt (I, 130–131). Eine neutestamentliche Theologie muss, so der Autor, von der »im Ostergeschehen kulminierenden Geschichte Jesu« ausgehen (I, 131). »Ostern ist das ‚Urdatum‘ einer genuin christlichen Verkündigung« (I, 131).

Ausgehend von diesen Voraussetzungen kann Hahn im zweiten Band beeindruckend herausarbeiten, welchen hohen Stellenwert Jesu Tod und Auferstehung innerhalb des reichen neutestamentlichen Befundes haben. Hahn schreibt, um nur ein Thema herauszunehmen, über den Sühnetod: »Die große Zahl der hierher gehörenden Textstellen läßt erkennen, daß die Sühnevorstellung im Blick auf Jesu Sterben für das Urchristentum im Vordergrund stand und dementsprechend für das Neue Testament zentral ist. Die Auffassung von der stellvertretenden Sühne ist die fundamentale Deutungskategorie für Jesu Tod, die sich aus alttestamentlicher Tradition nahelegte« (II, 386).

Beide Bände enthalten einen Anhang mit Literaturübersichten sowie ein Stellen-, Personen- und Sachregister (I, 772–862 u. II, 808–874). Der Satz ist glänzend gelungen; die Durchnummerierung der Absätze erleichtert die Orientierung. Da Hahn hebräische und griechische Zitate ohne Umschrift anbietet, ist die Vertrautheit mit den biblischen Sprachen für den Leser ein Vorteil. Fast immer wurden Übersetzungen der Zitate in den Text eingearbeitet. Dadurch sind die Ausführungen auch ohne Kenntnis der Ursprachen verständlich.

Der Ertrag dieser Neutestamentlichen Theologie ist trotz historisch-kritischer Vorgehensweise ungemein fruchtbar, da Hahn sich gegen die religionsgeschichtliche Schule dafür entschieden hat, konsequent beim neutestamentlichen Kanon zu bleiben, nach einer einheitlichen Theologie sucht und seine Leser möglichst nahe an die neutestamentlichen Texte heranführt. Kavin Rowe’s Bekenntnis, das Werk von Hahn sei »die bedeutendste Theologie seit Bultmann« (Journal of Biblical Literature, 25, no. 2, 2006, 394), ist keine Übertreibung.

Theologen und Pastoren mit besonderem Interesse am Neuen Testament liegt somit neben den Werken von Peter Stuhlmacher und Ulrich Wilckens (letztgenanntes ist noch nicht abgeschlossen) eine weitere empfehlenswerte deutschsprachige Darstellung der neutestamentlichen Theologie vor.

 

Calvin – Ein großer Reformator

201105211546.jpgJoel hat mich darauf hingewiesen, dass die Calvin-Biografie von TH. L. Parker, erschienen bei Hänssler, derzeit sehr günstig zu haben ist. Vielen Dank für den Hinweis! Parker, eine Calvin-Kenner, porträtiert den Theologen und Prediger Johannes Calvin und lässt viele authentische Quellen sprechen.

Das Buch mit 340 Seiten gibt es zur Zeit für ca. 10 Euro neuwertig aus zweiter Hand oder auch bei Hänssler.

Zum Beispiel hier:

 

Calvins Bibel- und Gesetzesverständnis

201105191603.jpgReiner Zimmermann schreibt in:

  • Reiner Zimmermann: Calvinismus in seiner Vielfalt: Die Bedeutung des Reformators für die evangelische Christenheit, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlagsgesellschaft, 2011, S. 98

Calvin wusste sich – wie wir sahen – durchaus als Schüler Luthers. So konnte auch er sein »Sola scriptura« anerkennen. Aber Calvin glaubt nicht, dass Gott die Absicht habe, alle Menschen zu erlösen, im Mittelpunkt seines Bibelverständnisses steht Gottes Ehre, die die Erwählten durch ihren Glauben und Gehorsam bekennen und verkünden sollen. Calvin vertritt, wie auch Zwingli, die Verbalinspiration aller biblischen Bücher: »Die Theologie soll darstellen, was in der Bibel niedergelegt ist. Der Gedanke der Inspiration der Schrift wird damit zur Lehre vom Diktat des Heiligen Geistes, unfehlbar von jenen Menschen vermittelt, die die Worte der Schrift niederschrieben.« Dementsprechend galten auch bei den Puritanern – als Schülern von Knox und Calvin – alle Texte der Bibel als gleichwertig, die alttestamentlichen wie die des Neuen Testaments, es sei denn, alttestamentliche Ordnungen wurden ausdrücklich von Jesus oder den Aposteln für nicht mehr gültig erklärt. »Das Alte Testament nimmt bei Calvin eine andere Stellung als in der lutherischen Theologie ein: Das zeremonielle Mosaische Gesetz ist mit dem Erscheinen Christi abgeschafft. Dagegen gilt das alttestamentliche Moralgesetz auch für die Christen. Sie stehen unter seiner Verpflichtung und sollen ihren Wandel nach den Vorschriften führen, die man der Gesetzesverkündigung der Schrift entnehmen kann. Desgleichen soll das gesellschaftliche Leben nach der Richtschnur des biblischen Gesetzes gestaltet werden.«

 

Das Leben nach der digitalen Explosion

201105180826.jpgDie Zeitschrift Christianity Today hat mit Tim Challies (siehe auch seine Rezension des Buches Love Wins von Rob Bell) über sein neuen Buch Next Story: Life and Faith After the Digital Explosion gesprochen.

Ein Auszug:

CT: You point out that the „new Calvinists“ gained influence by adopting technology. How do you see those tools shaping the movement?

Challies: You can’t really understand new Calvinism apart from the Internet. It allowed us to hear from these people in an unprecedented way. We seem to have short attention spans, and much of what we’re learning and hearing comes through social media. Far more people are getting John Piper in 140-character chunks than are listening to his 45-minute sermons, which means we’re not learning in more holistic ways.

CT: Is a specifically Reformed understanding of technology possible?

Challies: If it is, I don’t know that I want to major in it. But certainly, I am Reformed in my understanding of God’s sovereignty over all creation and my heightened sense of human depravity. A Reformed understanding would take into account God’s sovereignty even over technology as the starting point and ending point. God saw fit to allow us technology, and God cares how we use it. Our job is to ensure that we’re using technology in a way that’s subject to his authority.

CT: Does the emphasis on depravity lead to a stronger sense of caution or skepticism toward new technologies?

Challies: I think Reformed theology causes us to expend more effort understanding our sinfulness. That might give us a different starting point when we look at technology. We might have more reasons to doubt ourselves, but we also need a heightened sense of God’s sovereignty.

Mehr hier: www.christianitytoday.com.

 

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