Gesellschaft

Der kulturelle Placebo-Effekt von „bio“

Auch die neuesten ernüchternden Fakten zu Bio-Lebensmitteln werden den Glauben an die heilsbringende Wirkung von „bio“ nicht erschüttern. Wir unterliegen längst kulturellen Placebo-Effekten, meint Richard Herzinger. Auch wenn ich die Natur deutlich förderlicher bewerte als er, stimme ich zu, wenn Herzinger von der Quasireligion Gesundheit spricht. Gesundheit ist sicher wichtig, macht aber nicht „heil“.

Den Glauben der Deutschen an die heilsbringende Wirkung der Biokost werden aber wohl auch diese ernüchternden Fakten kaum erschüttern können. Denn „bio“ ist längst zu einem Zauberwort geworden, das für einen neuen, quasireligiösen Kult steht: den um die Gesundheit. Diese nicht nur zu erhalten, sondern immer weiter zu steigern ist die Maxime. So entsteht die ebenso überfrachtete wie fälschliche Vorstellung, Nahrungsmittel hätten uns nicht nur satt und leistungsfähig zu machen, sondern könnten auch unsere Gesundheit optimieren. Und uns so dazu verhelfen, unser Leben zu verlängern.

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„Mama? Bist du da?“

Denise Bucher beschreibt in der ZEIT, wie sie als Atheistin den frühen Tod ihrer Mutter verarbeitet. Sie brauche Gott nicht, ist da zu lesen. Was sie schreibt, bewegt und zeigt zugleich, wie trostlos eine Welt ohne Gott sein muss.

Angeblich hat Moses mal gesagt: „Und einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr an eurem Fleisch nicht machen.“ Zum Glück muss ich das nicht glauben und kann mich ruhigen Gewissens den Händen und Werkzeugen des Tätowierers anvertrauen. Es tut weh. Aber es ist ein guter Schmerz, der zum Glück noch ein paar Tage anhält. Es hat also doch etwas auf sich mit dem Klischee, man lasse sich tätowieren, um seelischen in körperlichen Schmerz zu verwandeln. „Hast du das gesehen, Mama? Für dich.“ Sie bleibt stumm. Natürlich. Aber das macht mir jetzt nichts mehr aus. Ich hab sie wieder bei mir. Irgendwie.

Hier: CH-Mutter-Tod-Trauer.pdf.

„Wir raten ab, auf der Straße Kippa zu tragen“

Nach dem Überfall auf einen Berliner Rabbiner rät der Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam seinen jüdischen Studierenden, auf Zeichen des Judentums in der Öffentlichkeit zu verzichten.

Gudrun Gallwitz hat mit Professor Walter Homolka gesprochen:

Bislang hatte ich die Illusion, dass es in Berlin und Brandenburg möglich sein müsste, sich zu seinem jüdischen Glauben zu bekennen. In Frankreich sind die Übergriffe arabischer Migranten gegenüber Juden und jüdischen Einrichtungen schon an der Tagesordnung. In Deutschland war dies bislang nur vereinzelt der Fall.

Wehret den Anfängen! Mehr: www.welt.de.

Wenn Computerspiele zum Götzen werden

Oliver Jungen hat für die FAZ den Kult um die Gamescom beschrieben und dabei eine geradezu religiöse Hingabe an die Spielewelt ausgemacht. „Die Kölner Gamescom ist ein Erlebnis der dritten Art. Die Jugend betet sie an …“.

Eine Messe ist es durchaus, aber im emphatischen Sinne. Für die Kräfte, die hier freigesetzt werden, hat allein die Theologie ein Raster parat. Dreigestuft ist die Hierarchie: Es gibt die Götter – anthropomorphe Geister wie eh und je -, die Religionsgelehrten sowie die Gläubigen, die in rauhen Mengen herrgottsfrüh den Tempelkomplex umringen. Kurz, es handelt sich um einen fröhlichen Polytheismus, eine Religion im vollen Saft. Nichts von Niedergang, nur weil irgendwo ein Umsatz bröckelt, im Gegenteil: Die Gemeinde wächst. Das alles muss man zugestehen, auch wenn es nicht die eigene Religion ist, ja, selbst wenn einem die Sims, die Warcraft-Monster und all die ununterscheidbaren Kampfsoldaten in ihren sinnlosen Wüstenmissionen fremder sind als die ulkigsten Götter im Hinduismus.

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VD: JS

Kinder-Koks

Methylphenidat, ein Wirkstoff, der unter dem Namen Ritalin bekannt geworden ist. Im Jahr 1993 haben deutsche Ärzte noch 34 Kilogramm Ritalin verschrieben. 2001 waren es bereits 603 Kilogramm und 2011 dann knapp 1,8 Tonnen.

Meist wird Ritalin Kindern mit einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) verschrieben. Ritalin korrigiert einen niedrigen Dopamin-Spiegel im Gehirn und fördert so die Konzentrationsfähigkeit.

Der Wirkstoff wird inzwischen gern missbraucht. Als Pulver durch die Nase gezogen, wirkt Ritalin ganz und gar nicht mehr beruhigend. Im 15-jährigen Paul hat es den Unternehmer geweckt. Hier ein „Geschäftsbericht“ aus der FAZ:

Paul war 15, als er anfing, mit einem Rauschmittel zu handeln, dessen unerlaubter Besitz oder Verkauf vom Betäubungsmittelgesetz unter Strafe gestellt wird. Es heißt Methylphenidat, eine chemische Substanz, die wie Amphetamine oder Kokain wirkt. Bekannter als der Name Methylphenidat allerdings ist der Name eines Medikaments, das daraus hergestellt wird: Ritalin. Es wird Kindern mit ADHS verschrieben, also Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Sie leiden darunter, dass ihre Gehirnzellen schlecht kommunizieren. Was die Kinder sehen, hören oder lesen, all diese äußeren Reize werden nicht normal gefiltert, gewichtet und verarbeitet im Kopf. Zuständig für die richtige Reizmeldung wäre der Botenstoff Dopamin, er steuert das Lernvermögen, die Aufmerksamkeit, das Schlafbedürfnis. Ritalin korrigiert einen zu niedrigen Dopamin-Spiegel im Gehirn von ADHS-Kindern: Es macht Trödler aktiver, Träumer konzentrierter und Zappler ruhiger.

Die Europäische Arzneimittelagentur empfiehlt die Behandlung von ADHS mit Methylphenidat, obwohl ihr Ausschuss für Humanarzneimittel herausgefunden hat, dass die Substanz auch „schwerwiegende psychiatrische Störungen“ verursachen kann. Am häufigsten meldeten Ärzte und Patienten: „Verhaltensauffälligkeiten, anomales Denken, Wut, Feindseligkeit, Aggression, Agitation, Tick, Reizbarkeit, Angststörung, Weinen, Depression, Schläfrigkeit, . . . Nervosität, psychotische Störung, Stimmungsschwankungen, morbide Gedanken, Zwangsstörungen, Persönlichkeitsveränderung, Ruhelosigkeit, Verwirrtheitszustand, Halluzinationen, Lethargie, Paranoia und Suizidverhalten“.

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Der supersüße Spion im Wohnzimmer

Die jüngste Datenpanne beim Versicherungskonzern Allianz zeigt, wie risikobehaftet die neuen Technologien für den Datenschutz sind. Die digitale und vernetzte Welt der Daten wird immer anfälliger für den Missbrauch, sogar im Privathaushalt. Vom Smartphone bis zum kommunizierenden Plastikhasen sind heute alle möglichen Geräte mit der digitalen Cloud verbunden. Auch wer die Diktierfunktion des neuesten MAC Betriebssystems Mountain Lion (10.8) nutzt, stimmt der Übertragung seiner Texte an Apple zu. Was aber passiert mit diesen Daten? Peter Läppert hat in einem Beitrag für die FAZ viele gute Fragen gestellt. Die Antworten stehen aus. Trotzdem können die Nutzer gegensteuern.

Längst sind auch andere Geräte auf diese Weise mit Sendefunktionen versehen worden, etwa Roboterstaubsauger (mit WLAN und Kamera.) Ähnlich funktioniert auch Microsoft Kinect, ein Spielecontroller mit Kameras, Infrarotkameras und Mikrofonen. Oder das iPhone oder iPad mit der Sprachsteuerung Siri. Es ist inzwischen bekannt, dass Apple Daten von Siri-Dialogen auf einer eigenen Wolke speichert. Nicht bekannt ist, was das Unternehmen damit tut.

Smartphones speichern ohnehin kaum noch etwas auf dem Gerät selbst, alles steigt auf in die digitale Wolke. Alle Android-Geräte nutzen Googles Cloud, alle Apple-Geräte die iCloud, alle Blackberrys die von Research in Motion (RIM). Allerdings geschieht das mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen; Google verdient explizit Geld mit der Auswertung dieser Daten. Apple hält sich bedeckt, was das angeht, und RIM schließt eine Auswertung explizit aus.

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VD: JS

Die Axt an die Wurzel

Die Bagatellisierung der Ehe schreitet voran. Daniel Deckers kommentiert in der FAZ das Gedrängele der Parteien um eine Neudefinition von Familie und Ehe mit klaren Worten:

Stellten die Parteien den Bundestagsabgeordneten eine Entscheidung in der Sache frei, würden beide Wünsche eher morgen als übermorgen Wirklichkeit. Denn wer nicht ohnehin davon überzeugt ist, dass weder Ochs und Esel den Lauf der Emanzipationsgeschichte aufhalten, der möchte am Ende nicht auf der falschen Seite der Barrikade gekämpft haben. Welches diese Seite ist, lässt sich nicht überhören. Wer es wagt, die Lebenslügen einer Gesellschaft mit spitzfindigen Unterscheidungen oder grundsätzlichen Erwägungen zu stören, der kann sicher sein, wegen „Diskriminierung“ und „Homophonie“ an den Pranger gestellt zu werden.

Ob das Grundgesetz als letzte Barriere gegen eine Bagatellisierung der Ehe („Verantwortung übernehmen“) und eine weitere Entleerung des Familienbegriffs taugt, steht vor dem Hintergrund der bisherigen Entscheidungen der obersten Bundesgerichte dahin. Doch bis zu einer letztlich konsequenten Abschaffung des Grundgesetzartikels sechs Absatz eins sollte nicht der als begründungspflichtig gelten, der auf der besonderen Schutzwürdigkeit von Ehe und Familie besteht, sondern der, der sie bestreitet.

Die Verfasser des Grundgesetzes hatten mit eigenen Augen gesehen und mitunter am eigenen Leib erfahren, wie die Nationalsozialisten Ehe und Familie in den Dienst völkischer Ideologie nahmen und zu zersetzen versuchten. In der DDR vollzog sich Ähnliches wenig später im Namen des Sozialismus.

Die besondere Schutzpflicht des Staates ist eine ebenso logische wie erfahrungsgesättigte Folge der besonderen Schutzbedürftigkeit von Ehe und Familie. Wer diese bestreitet, legt die Axt an die Wurzel des Staates und der Gesellschaft. Eine reale wie eine symbolische Ordnung würde zerstört, die auch von den meisten Zeitgenossen noch immer als Ideal angesehen wird.

Das Bild mit der Axt hatte übrigens auch Martin Rhonheimer bemüht.

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Es war nie so anstrengend, ein Kind zu erziehen

Früher verlangten Eltern Gehorsam. Heute stellen viele Familien kaum noch Regeln auf, alles wird ausdiskutiert. Das Ergebnis: Kinder werden zu geliebten Nervensägen. Freia Peters schreibt für DIE WELT über die Wandlung der Erziehung:

Ecarius hat Familien zwischen 1908 bis 1994 analysiert und mehr als hundert Großeltern, Eltern und Kinder über ihre Erziehung befragt. „Es gibt einen steten Wandel vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt“, sagt Ecarius. In der älteren Generation (1908-1929) war die Machtbalance zwischen den Generationen klar verteilt: Die Eltern verlangten Gehorsam, Unterordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit – wer sich nicht daran hielt, wurde bestraft.

In der jüngsten Generation (1967-1994) sind die Eltern nicht mehr Respekts- sondern Vertrauensperson. Es gibt keine klare Hierarchisierung mehr von Alt nach Jung. Das Kind steht stärker im Mittelpunkt, auch die Freizeit wird nach ihm ausgerichtet. Kinder müssen weniger im Haushalt helfen und haben zu Hause kaum Pflichten zu erfüllen. Fehlverhalten wird nicht mehr körperlich bestraft, sondern verhandelt und diskutiert. Zwar gibt es Regeln, aber nur wenige und die Übergänge sind fließend.

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Lebensformenwandel

Das „Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie“ setzt sich im aktuellen Newsletter nachdenklich mit dem Wandel der Lebensformen und des Familienbegriffs auseinander:

Zu den Ritualen postmoderner Feuilleton-Diskurse gehört es, „Mythen“ zu „dekonstruieren“, die das Bewusstsein vermeintlich unaufgeklärter Zeitgenossen vernebelten. Eine besonders beliebte Zielscheibe ihrer Kritik ist die „soziale Konstruktion“ der Familie als Gemeinschaft von Vater, Mutter und Kindern. Dieses „idealisierte“ Bild der bürgerlichen Kernfamilie sei ein Relikt der Nachkriegszeit, das den Blick auf die „Dynamik“ familialer Lebensformen verstelle. Der Rückzug der Kernfamilie seit den 1960er Jahren bedeute keinen Verlust, sondern einen Gewinn an „Vielfalt“. Es gebe daher keine Krise, sondern einen „Wandel“ der Familie. Sie werde heute mehr mit „Partnerschaft“ assoziiert, während Kinder eine geringere Rolle spielten. Neue Lebensformen wie das „Living apart together“ (LAT) stünden für ein „verändertes Partnerschaftsideal, das stärker auf Autonomie setzt“. Familie wandele so ihre Gestalt: Sie sei „nicht mehr so stark auf den Haushalt beschränkt“ und habe „zunehmend den Charakter von sozialen Netzwerken“.

„Familie“ ist also alles und nichts. In Fernsehtalkshows ist solcher Beliebigkeit Beifall sicher, Erkenntniswert fehlt ihr jedoch ebenso wie praktischer Nutzen. Aufschlussreicher ist da die amtliche Bevölkerungsstatistik. Sie geht zunächst von den Haushalten als kleinster Zelle der Gesellschaft aus. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts verwendete sie dafür oft synonym den Begriff Familie. In der großen Mehrzahl der Haushalte lebten bis dato Eltern mit ihren Kindern; Single-Haushalte waren noch äußerst selten. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben sich diese Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehrt: Ein-Personenhaushalte sind zur (relativen) Mehrheit und Familienhaushalte zur Minderheit geworden. Leben wir also in einer Single-Gesellschaft? Das wäre ein Fehlschluss, der einen trivialen Sachverhalt übersieht: In Familienhaushalten leben immer mehrere Personen – ihr Anteil an der Bevölkerung ist deshalb wesentlich größer als der an der Zahl der Haushalte. Die Hälfte der Bevölkerung in Privathaushalten bilden noch immer Eltern mit ihren Kindern. Familien mit außerhalb des Haushalts lebenden Kindern sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Gemeinsam mit kinderlosen Paaren fallen sie unter die Kategorie „Paare ohne Kinder“. Zusammen bilden diese Paare etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung, während etwa ein Fünftel als „Single“ ohne Partner im Haushalt lebt. Bleiben die Minderjährigen außen vor, dann ist etwa jeder vierte Erwachsene Single.

Hier: i-daf.org.

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