Historische Theologie

Dezisionismus bei Karl Barth

Wolfhart Pannenberg schreibt über die theozentrische Wende bei Karl Barth (Problemgeschichte der neueren evangelischen Theologie in Deutschland, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 201):

Es ist ein tief ironisches Phänomen, daß gerade der entschlossene Theozentrismus Barths, der allen Anthropozentrismus und Subjektivismus der neuzeitlichen Theologie überwinden sollte, auf eine äußerste Zuspitzung eben dieses von Barth bekämpften Subjektivismus hinausläuft. Die anthropologische Begründung der Theologie bei Schleiermacher konnte immerhin noch mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit auftreten, und ähnliches gilt – wenn auch mit Einschränkungen noch von der ethischen Begründung der Wahrheit des christlichen Offenbarungsanspruchs in der Erweckungstheologie von Tholuck bis hin zu Wilhelm Herrmanns Beschreibung des »Weges zur Religion«.

Die Wurzel für diese »Entscheidungstheologie« liegt nach Pannenberg – angelehnt an Karl Löwith – in Kierkegaards »Sprung in den Glauben« (vgl. S. 204,  zum »Sprung« siehe auch hier).

Barth über die Entstehung der Barmer Erklärung

Warum heißt die »Barmer Erklärung« eigentlich nicht »Barmer Bekenntnis«? Die Antwort gab Karl Barth am 2. März 1964 in einem Gespräch mit Tübinger Stiftlern.

Hier ein Mitschnitt:

[podcast]http://www.karlbarth.unibas.ch/fileadmin/downloads/mp3/EntstehungDerBarmerErklaerung.mp3[/podcast]

Ein herzliches Dankeschön geht an das Karl Barth-Archiv Basel, das das Tondokument zur Verfügung stellt.

Der berühmte Satz, den Galilei nie sagte

201103271635.jpg»Und sie bewegt sich doch« – dieser Ausspruch sollte die Standfestigkeit des Astronomen Galileis gegenüber der Inquisition zeigen. Der Satz fiel allerdings nie. Trotzdem wird die Geschichte um Galilei immer wieder dafür missbraucht, um die Vorstellung vom aufrechten Wissenschaftler und der fortschrittsfeindlichen Kirche zu befestigen (auch Brian McLaren hat dieses Bild eindringlich bemüht, vgl. dazu Fußnote 5 in dem Vortrag hier). Bemerkenswert ehrlich schreibt DIE WELT dazu:

Die Päpste hatten gegen die These vom heliozentrischen Weltbild gar nicht so viel einzuwenden – solange sie nicht mit dem Anspruch absoluter Wahrheit auftrat. Das war nicht nur hinsichtlich der biblischen Lehren nachvollziehbar, sondern auch wissenschaftlich: Denn ein letzter Beweis fehlte zu diesem Zeitpunkt ja noch. Von Kerkerhaft, Folter und erzwungenen Eingeständnissen konnte erst recht keine Rede sein: Galilei logierte zunächst in der florentinischen Botschaft in der Villa Medici, während des Prozesses erhielt er eine Drei-Zimmer-Wohnung mit Aussicht auf die Vatikanischen Gärten.

So viel Komfort hinderte ihn freilich nicht daran, im Prozess mit triumphaler Selbstgewissheit aufzutreten – als »geistige Pygmäen« bezeichnete er all jene, die an seinen Lehren zweifelten. Das Urteil der Inquisition, das ihm am Ende die Weiterverbreitung seiner Ideen und seine Lehrtätigkeit untersagte, ging auch auf seine trotzige Unerbittlichkeit zurück. Galilei lebte noch neun weitere Jahre, die letzten verbrachte er in seinem Landhaus im florentinischen Stadtteil Arcetri.

Hier mehr: www.welt.de.

Friedrich Schleiermacher

201103241058.jpgWer durchschauen möchte, wie sehr – trotz Neo-Orthodoxie –, die Theologie der Gegenwart von Friedrich Schleiermacher (1768–1834) geprägt ist, sollte sich diese ausgezeichneten Beiträge des DLF anhören (vgl. auch diesen Beitrag):

Teil 1:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/03/22/dlf_20110322_0940_7a6fa86c.mp3[/podcast]

Teil 2:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/03/23/dlf_20110323_0941_ea510c36.mp3[/podcast]

Teil 3:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/03/24/dlf_20110324_0942_0d896c7d.mp3[/podcast]

Horton: Missionale Gemeinde oder neues Mönchtum? (Teil 3)

»Zur Kirche gehen« oder »Kirche sein«?

Wenn wir Reich Gottes bauen, indem wir »Evangelium leben«, dann hat es durchaus Sinn, nicht länger zur Kirche zu gehen. Dann könnten wir unser Jüngersein vor Ort leben oder in nachbarschaftlichen Hilfsprojekte investieren. Willard merkt dazu an: »Es ist ein tragischer Fehler, zu denken, Jesus habe uns kurz vor seiner Himmelfahrt sagen wollen, wir sollten – nach modernem Verständnis – Gemeinden gründen … Er wollte vielmehr, dass wir ›Brückenköpfe‹ oder Operationsbasen für das Reich Gottes bauen, wo immer wir auch sind … Die äußerlichen Auswirkungen eines Lebens in Christus bedeuten eine andauernde, moralische Revolution, die solange geht, bis der Plan mit der Menschheit auf Erden vollendet ist.« Die Frage an echte Jünger muss daher lauten: »Werdet ihr eure Kirchen verlassen, um zu seiner Gemeinde zu werden?«

Kimball drückt es ähnlich aus: »Wir können nicht ›zur Kirche gehen‹, wir sind die Kirche.« Von hier aus zieht Kimball die bekannte Grenzlinie zwischen Evangelisation (Mission) und den Kennzeichen der Gemeinde (Gnadenmittel). Kimball hält die Entwicklung seit der Reformation für falsch:

In ihrem Bemühen, der Bibel zu ihrem Recht zu verhelfen und die gesunde Lehre aufzurichten, definierten die Reformatoren die Kennzeichen einer echten Kirche: Sie ist der Ort, an dem das Evangelium verkündet werden soll, die Sakramente richtig ausgeteilt und die Kirchenzucht ausgeübt werden soll. Diese Kennzeichen haben die Definition von Kirche allerdings im Laufe der Zeit immer mehr verengt: Die Kirche ist jetzt ein »Ort« [an dem sich Leute treffen] und keine »Daseinswirklichkeit« mehr. Der Begriff »Kirche« lässt nun an einen »Ort« denken, »an dem ganz bestimmte Dinge ausgeübt werden« wie predigen und Abendmahl halten.

Ironischerweise wird das Verständnis von Kirche als »›Ort, an dem ganz bestimmte Dinge ausgeübt werden‹ wie predigen und Abendmahl halten« von solchen Autoren dem missionarischen Aspekt gegenübergestellt, obgleich Jesus diese Gnadenmittel selbst als Missionsbefehl eingesetzt hat.
Die Verlagerung von der Evangeliumsverkündigung hin zum Gespräch über das Evangelium als weltveränderndem Werkzeug der Gemeinschaft tritt in den Versammlungen klar zutage. Jones spricht über Jacob’s Well, einer wegweisenden Gemeinschaft der Emerging Church in Kansas-City: »Die Gemeinde hat das klassisch-presbyterianische Heiligtum mit den gebeizten Kirchenbänken und der Chorbühne um die erforderlichen Bildschirme ergänzt und die Kanzel durch eine Musikkapelle ersetzt. Die Redner stehen nicht länger auf der Bühne – die gehört nur mehr den Musikern« (meine Hervorhebung). (Man fragt sich, wovon genau sich diese Gemeinde von den Megakirchen unterscheidet?) Bei den Versammlungen der vorwiegend weißen Zuhörerschaft steht auf einer Seite ein Tisch, auf dem sich ein Zitat des derzeitigen anabaptistischen Theologen John Howard Yoder befindet: »Die sichtbare Kirche ist nicht die Überbringerin der christlichen Botschaft, sie selbst ist die Botschaft.«

Auch Jones’ eigene Gemeinde in Minneapolis (Solomon’s Porch, geleitet von Doug Pagitt) geht vom herkömmlichen Gottesdienst zum Gespräch über: »Es geht darum, das Predigtwesen über Bord zu werfen, das den Protestantismus fünfhundert Jahre lang beherrscht hat«, erklärt er. »Die Predigt wird hier dekonstruiert, auf den Kopf gestellt. Die Bibel gilt uns als ,Mitglied der Gemeinschaft‘, mit dem wir im Gespräch stehen; die gemeinschaftliche Auslegung einer Bibelstelle sprudelt nur so aus dem Leben der Gemeinschaft.« Brot, Traubensaft und Wein werden in einer »lauten Partyatmosphäre angeboten; daneben gibt es noch einen stillen Raum zur Meditation.«

[Aber] dieser Teil des Gottesdienstes steht nicht unter irgend jemandes Leitung … Das Abendmahl wird von verschiedenen Leuten eingeleitet – die eine Woche mit einem Gedicht, ein andermal mit einem Zeugniss über »das, was das Herrenmahl mir bedeutet« und die Woche darauf mit den traditionellen »Einsetzungsworten« aus dem allgemeinen Gebetsbuch. [Danach] setzen wir uns, um die Ankündigungen zu hören. Die Kinder kämpfen inzwischen um die letzten Krümel »Abendmahlsbrot«, meistens Zimtkuchen mit Rosinen, Schokoladenkekse oder ein Hartkäsebrot mit Jalapeño.[Es ist ein ziemliches Durcheinander], aber echter Gottesdienst ist eben eine chaotische Sache. Daraus mache ich keinen Hehl. Es soll gar nicht »anständig und ordentlich« zugehen, sondern chaotisch und nur mit einem Anschein von Ordnung, dafür aber mit großer Freude.

Das ist nun freilich alles nicht neu: Der Pietismus ordnete die Kennzeichen der Kirche, wie sie im Missionsbefehl unseres Herrn definiert sind (Predigt, Sakrament und Kirchenzucht) einer ganzen Reihe geistlicher Disziplinen unter, die Jesus nicht angeordnet hatte; einige Erweckungsbewegungen haben dieser Entwicklung noch Vorschub geleistet. Charles Finney, der berühmt-berüchtigte Erweckungsprediger der »Zweiten großen Erweckungsbewegung«, schrieb, der Missionsbefehl laute einfach: »Geht hin … Wir unterliegen hier keinen bestimmten Vorgehensweisen; es wird keine besondere Form verlangt … Der Auftrag [an die Jünger] lautete einfach, das Evangelium auf die effektivste Weise bekannt zu machen … und dadurch Aufmerksamkeit zu erregen und den Gehorsam einer möglichst großen Zahl von Menschen zu sichern. Niemand kann der Bibel irgendwelche Methoden entnehmen.« Das scheint eine doch recht eigenwillige Auslegung zu sein, da der Missionsbefehl die »Methoden« ganz genau angibt – sie finden sich gleich nach der Aufforderung: »Gehet hin!« Nichtsdestoweniger kam es zu jenen praktischen Ergebnissen der anthropozentrischen Theologie Finneys. Derzufolge ist die Kirche nicht Gottes »Botschaft«, der der Dienst am Wort und die Sakramente anvertraut sind, sondern »eine Gesellschaft von Moralreformern«. Wie Finney brauchen die Erwecker keine besondere Ausbildung für ihre Berufung, da es ja mehr die Taten als die Glaubensbekenntnisse sind, die den Auftrag der Kirche in der Welt vorantreiben. Eine ziemlich »chaotisches« Bestreben, in der Tat. Der katholische Historiker Garry Wills schreibt:

Die Versammlung im Feld setzte den Maßstab für die Qualifizierung zum Dienst: Die Prediger wurden durch den Beifall der Menge bestätigt. Institutionelle Qualifikationen, Reinheit der Lehre und persönliche Ausbildung wurden nicht gebraucht – tatsächlich mussten einige gelehrte Diener Unwissenheit vorspielen. Der Diener wurde von den Laien ordiniert, von den Leuten also, die er bekehrt hatte … Der »do-it-yourself«-Glaube verlangte nach einem »do-it-yourself«-Gottesdienst.

Wills zeigt die Verbindung zwischen Botschaft und Methode auf: Statt Evangelium Christi heißt es nun »gute Werke« – das führt logischerweise zur Erniedrigung der Gnadenmittel Gottes zugunsten einer Methodik innerer oder gesellschaftlicher Wandlung.

Fügen wir die Teile zusammen, dann zeigt sich folgendes: Wie das neue Mönchtum das Evangelium ins Gesetz verwandelt und nicht weiter »zur Kirche geht«, sondern »Kirche ist«, so macht sie aus der versammelten Gemeinde eine versprengte Gemeinde. Oder um eine hilfreiche Kategorie Abraham Kuypers zu bemühen: Die Kirche als Institution verschwindet zugunsten »organischer« Gemeinden. Die Christen sind in dieser Welt zu vielerlei aufgerufen: Sie sollen Eltern, Berufstätige, Bürger, Freunde und Nachbarn sein. Wie alle Menschen, die nach Gottes Bild geschaffen sind, so sind auch die Gläubigen zum Gehorsam gegenüber dem Gebot aufgerufen: Liebe Gott und deinen Nächsten! Die Kirche als Gottes offizielle Botschaft der Gnade jedoch ruft die Menschen von überallher zum Fest. Um eine andere Metapher zu gebrauchen: Die versammelte Gemeinde dient den Einzelnen als »Versalzungsort«; so können wiedergeborene Sünder, die die Vergebung erlangt haben, jede Woche neu als Salz in die Welt »gestreut« werden. Ohne Wort und Sakrament verliert das Salz seine Kraft und ist zu nichts mehr nütze, als dass man es ausschüttet, damit es zertrampelt werde.

Horton: Missionale Gemeinde oder neues Mönchtum? (Teil 1)

Michael S. Horton, J. Cresham Machen Professor für Theologie und Apologetik am Westminster Seminar in California (Escondido), hat in der aktuellen Ausgabe von Modern Reformation einen Aufsatz über das »Neue Mönchtum« veröffentlicht. Die Zeitschrift hat freundlicherweise erlaubt, den Beitrag in deutscher Sprache im Theoblog zu veröffentlichen. Ivo Carobbio hat, wieder einmal, den Aufsatz übersetzt.

Ich werde:

  • Michael S. Horton: »Missional Church or New Monasticism«, Modern Reformation, Vol. 20, No. 2, March/April 2011, S. 14–21

in vier Teilen ohne Quellenangaben publizieren. Nach Veröffentlichung des letzten Teils werde ich auch eine PDF-Datei mit dem gesamten Text und den Literaturangaben anbieten. Ich bedanke mich bei Michael S. Horton, Modern Reformation und Ivo Carobbio!

 

Das neue Mönchtum

Einige von uns erinnern sich an den Song von Tears for Fears: »Everybody Wants to Rule the World« [zu deutsch: »Jeder will die Welt beherrschen«]. Heute heißt das Mantra eher »Veränderung«, nicht »Herrschaft«. Viele jüngere Christen haben genug vom geistlichen Konsumismus und von Evangelisationseinsätzen mit dem Aufruf: »Lass Jesus in dein Herz, damit du nach dem Tod in den Himmel kommst.« Das Christentum muss doch mehr sein als nur »Seelenheil«, oder? Was verbirgt sich denn hinter der Phrase »Auferstehung des Leibes und ewiges Leben«? Geht es da nicht um eine neue Schöpfung? Singen wir nicht: »Joy to the World«, ja, erwarten wir nicht, dass sich das Reich Christi erstreckt, »so weit der Fluch reicht«?

Man wird dennoch fragen dürfen: »Ist dieses neuentdeckte Interesse an einer erlösten Schöpfung nicht von einem Paradigma motiviert, das sich eher dem Mönchtum verdankt als der weltbejahenden Frömmigkeit der Reformationszeit?

Das mittelalterliche Mönchtum war geteilt: Da waren jene, die das kontemplative Leben schätzten (spiritueller Aufstieg zum Himmel durch meditative Übungen). Dann waren da noch die anderen, die dem aktiven Leben den Vorzug gaben (spiritueller Aufstieg durch gute Werke, insbesondere für die Armen). Franz von Assisi – und später der nach ihm benannte Orden – betonte die »vita activa«.

Wir erleben heute erstens eine Wiedergeburt der kontemplativen Spiritualität. Traditionell evangelikal, legt sie die Betonung auf die »persönliche Frömmigkeit«: Jüngerschaft als innere Veränderung durch geistliche Übung. Richard Fosters »Nachfolge feiern – Geistliche Übungen neu entdeckt« (1979) hat vielen Christen die mittelalterliche Mystik und einige Schriftsteller der »vita contemplativa« zugänglich gemacht. Dallas Willard hat den Aufruf zur Jüngerschaft in seinen beiden Büchern The Divine Conspiracy (1998) und The Great Omission: Reclaiming Jesus‘ Essential Teachings on Discipleship (2006) wiederholt: Es geht um die innere Veränderung durch geistliche Übung.

Willard fordert Pastoren auf, sich zu fragen: »Besteht mein wichtigstes Ziel wirklich darin, Jünger zu machen? Oder sorge ich bloß für eine ‚reibungslosen Ablauf‘?« Kenntnisreich urteilt Willard, die Jüngerschaft habe ihre spezifische Prägung:

Die theologische Rechte sieht in der Jüngerschaft die Vorbereitung zur Rettung von Menschenseelen. Diese Vorbereitung steht heute allerdings eher unter der Leitung parakirchlicher Bestrebungen, da die örtlichen Gemeinden sich nicht wirklich darum gekümmert haben. Die Linken sehen in der Jüngerschaft eher so etwas wie soziales Engagement, von der Ausspeisung sozial Benachteiligter bis hin zu politischen Protesten oder ähnlichen Tätigkeiten. Was solide psychologische oder biblische Inhalte betrifft, hat der Begriff »Jüngerschaft« alle Bedeutung verloren.

Sei es nun in Form soteriologischer Bestrebungen oder in Form sozialen Engagements – die Christen seien zu »aktivistisch«. Was sie wirklich bräuchten, sei innere Veränderung durch geistliche Übungen, besonders durch »Abgeschiedenheit, Schweigen und Fasten«. Das, so Willard, seien die »Schlüssel des Reiches Gottes«. Er schreibt: »Ich habe noch niemanden getroffen, der regelmäßig Gebrauch dieser geistlichen Übungen macht – wie sie übrigens jeder kennt, der mit dem Inhalt des Neuen Testaments vertraut ist – und dabei geistlich abgekühlt, ratlos, bekümmert oder gescheitert wäre.«

Nach der Disziplin gefragt, die derzeit am stärksten geübt werden sollte, lautet Fosters Antwort: »Die Abgeschiedenheit«:

Die Abgeschiedenheit verkörpert die grundlegendste Disziplin des Verzichts – die »via negativa«. Das christliche Bestreben nach Engagement in der Welt ist löblich, aber wie Thomas von Kempten sagt: Sicher reist nur, wer auch zu Hause bleiben kann. Und Pascal sagte, wir könnten die Probleme der Welt nur lösen, wenn wir gelernt hätten, allein zu bleiben. Abgeschiedenheit ist für ein rechtes Engagement unabdingbar.

Zweitens ist innerhalb der Christenheit heute eine stärkere Betonung auf das »franziskanische Moment« (vita activa) echter Jüngerschaft als gesellschaftlicher Wandlung spürbar, insbesondere da, wo man sich um die Benachteiligten kümmert. Zwar werden geistliche Übung und innere Veränderungen nicht völlig ignoriert; viele Verfechter dieser Lebensart – ganz besonders in der Emerging Church-Bewegung – anerkennen den Ein­fluss von Autoren wie Foster und Willard. Doch die Gebets­labyrinthe, Gesänge, Kelten­kreuze, Kerzen und »Aufzeichnungen« dienen letztlich allesamt mehr der Schaffung von Gemeinschaft, als dass sie die Abgeschiedenheit förderten; sie drängen die Gemeinschaft zum Zeugnis durch den Dienst. Die Leiter dieser Richtung zitieren gerne jenen Satz, der Franz von Assisi zugeschrieben wird: »Predige stets das Evangelium; wenn nötig, auch mit Worten.«

In diesen zwei Formen der mönchischen Frömmigkeit sind bei aller Verschiedenheit die Gemeinsamkeiten heute genauso erkennbar wie einst.

– – –

Nachtrag vom 24.03.2011: Ursprünglich lautete der Titel dieser Reihe »Missionarische Gemeinde oder neues Mönchtum«. Nach einer kleinen Diskussion über den Begriff »missional« habe ich mich entschieden, den Titel leicht zu ändern. Der Begriff »missional« soll ein Missionsverständnis etablieren, das sich nicht nur darauf konzentriert, »Menschen für den Himmel« zu gewinnen und in Gemeinden zu sammeln, sondern Christen ganzheitlich für Teilhabe und Mitgestaltung dieser Welt zurüstet. Eine missionale Gemeinde bestärkt Christen, in Familie, Berufswelt und Freizeit eine »natürliche« missionarische und prägende Ausstrahlung zu entwickeln.

Calvins Gebrauch von Augustinus

S.J. Han vom Chongshin Theological Seminary in Südkorea hat untersucht, wo und wie oft Calvin in seinen Schriften auf Augustinus zurückgegriffen hat. Sein Fazit:

There is no one as influential as Augustine in Calvin’s writings, though Calvin did not use the opinions of Augustine for the sake of using them. He judged and criticised them, like those of any other Church Father and any council, according to their dependability upon the single standard of Scriptures. He showed little appreciation for Augustine in certain doctrinal positions. He could accept neither the allegorical exegesis of the Biblical texts, nor the philosophical subtlety of the speculations. He regarded Augustine as the Father of the Church who had comprehensively grasped all the doctrines of the Scriptures and who is the best qualified representative of the old Church of the first five centuries, in terms of faithfulness to the Scriptures. In this context, I confirm Calvin’s own proclamation of Augustinus totus noster est. In other words, Calvin’s Augustine is the Augustine who was interpreted and used uniquely by Calvin in the sixteenth century.

Hier die Arbeit: www.ajol.info.

Augustinus: Lehrer der Gnade (Teil 7)

Augustinus behandelt weiterhin die Unentschuldbarkeit des Menschen vor Gott (S. 360–365). Er behauptet in Anlehnung an den Apostel Paulus, dass alle Menschen vor Gott schuldig sind, da Gott sein unsichtbares Wesen alle Menschen offenbart hat (vgl. Röm 1,18–20). Anschließend geht er besonders auf die Menschen ein, die den Willen Gottes kennen. Wenn schon diejenigen, die das Gesetz nicht kennen, sich eines Tages dafür verantworten müssen, dass sie Gott nicht geehrt haben, wie wird es wohl jenen Menschen ergehen, die im Gesetz unterrichtet sind aber nicht danach leben? Das Gesetz deckt unsere Sünde auf, damit wir uns an den Erlöser wenden. Er nämlich, Jesus Christus, kann uns von der Macht der Sünde befreien.



Augustinus: Die Gnade des Erlösers

Auch kann man von Erwachsenen mit Recht sagen: Sie wollten nicht Verstand annehmen, um gut zu handeln; sie haben, was ärger ist, zwar eingesehen, aber doch nicht Gehorsam geleistet, so dass an ihnen in Erfüllung geht: »Ein hartnäckiger Knecht wird durch Worte nicht gebessert; wenn er auch die Sache begreift, so wird er doch nicht gehorchen« (Spr 29.19). Warum gehorcht er nicht als aus dem Grunde, dass sein Wille sehr böse ist? Darum gebührt ihm nach göttlichem Gerichte eine schwerere Strafe; denn wem mehr gegeben ist, von dem wird auch mehr verlangt. Jene nennt die Heilige Schrift unentschuldbar, denen die Wahrheit nicht unbekannt ist und die doch in der Ungerechtigkeit verharren. »Denn es offenbart sich«, sagt der Apostel, »der Zorn Gottes vom Himmel über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit jener Menschen, die die Wahrheit Gottes in Ungerechtigkeit gefangen halten; denn was von Gott bekannt ist, ist unter ihnen kund, weil Gott es ihnen kundgetan hat. Denn von Erschaffung der Welt an ist sein unsichtbares Wesen durch die geschaffenen Werke erkennbar und sichtbar, auch seine ewige Kraft und Gottheit, so dass sie keine Entschuldigung haben« (Röm 1,21).

Wenn er also jene unentschuldbar nennt, die Gottes unsichtbares Wesen durch die geschaffenen Werke erkennen und sehen konnten, aber der Wahrheit kein Gehör schenkten, sondern ungerecht und gottlos blieben und nicht aus Unkenntnis, sondern – obwohl sie, wie es heißt, Gott erkannten – »ihn doch nicht als Gott verherrlichten oder ihm dankten« (Röm 1,18–20), wie viel unentschuldbarer sind dann diejenigen, die, in Gottes Gesetz unterrichtet, sich die Führer der Blinden zu sein getrauen und andere lehren, sich selbst aber nicht lehren, die predigen, dass man nicht stehlen dürfe, aber selbst stehlen, und was sonst der Apostel von ihnen sagt! Ihnen ruft er zu: »Deshalb bist du unentschuldbar, o Mensch, wer immer du seiest, wenn du richtest. Denn indem du einen anderen richtest, verurteilst du dich selbst. Du tust ja gerade das, worüber du richtest« (Röm 2,1).

Auch spricht der Herr selbst im Evangelium: »Wenn ich nicht gekommen wäre und zu ihnen geredet hätte, so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde« (Joh 15,22). Dies ist nicht so zu verstehen, als ob sie überhaupt keine Sünde hätten, da sie voll waren von anderen und großen Sünden; sondern es will sagen, dass sie ohne seine Ankunft jene Sünde, dass sie, obwohl sie ihn gehört, doch nicht an ihn glaubten, nicht gehabt hätten. Der Herr erklärt, dass sie jene Entschuldigung nicht haben, kraft welcher sie sprechen konnten. »Wir haben nicht gehört, darum haben wir nicht geglaubt«. Der menschliche Stolz hält sich ja im Vertrauen auf die Kraft des freien Willens für entschuldigt, wenn die Sünde von der Unwissenheit und nicht vom Willen herzurühren scheint.

Diese Entschuldigung meint die Heilige Schrift, wenn sie jene unentschuldbar nennt, die, wie sie nachweist, mit Wissen sündigen. Gottes gerechtes Gericht aber verschont selbst jene nicht, die nicht gehört haben. »Denn alle, die ohne Gesetz gesündigt haben, werden ohne Gesetz zugrunde gehen« (Röm 2,12). Und obwohl sie selbst sich entschuldigen möchten, so lässt derjenige diese Entschuldigung nicht zu, der weiß, dass er den Menschen in Geradheit erschaffen und ihm das Gebot des Gehorsams gegeben hat und dass die Sünde, ebenso wie die Erbsünde, nur aus dem Missbrauche des freien Willens entstanden ist. Auch wird hierbei niemand ohne Sünde verdammt, denn es ist jene Sünde von einem auf alle übergegangen, von jenem einen, in dem alle zusammen gesündigt haben, noch ehe bei den einzelnen persönliche Sünden vorhanden waren. Und darum ist jeder Sünder unentschuldbar, entweder wegen der Erbsünde oder außerdem noch wegen persönlicher Sünden, mag er nun davon wissen oder nicht wissen, mag er urteilen oder nicht urteilen. Denn auch die Unwissenheit selbst ist bei jenen, die nicht erkennen wollten, unzweifelhaft Sünde, bei jenen aber, die nicht erkennen konnten, Strafe der Sünde. Deshalb ist in beiden Fällen keine gerechte Entschuldigung vorhanden, sondern die Verdammung ist gerecht.

Darum aber nennt die Heilige Schrift diejenigen unentschuldbar, die nicht aus Unwissenheit, sondern mit Wissen sündigen, damit sie auch nach dem Urteile ihres Stolzes, vermöge dessen sie auf die Kräfte ihres freien Willens großes Vertrauen setzen, sich als unentschuldbar erkennen. Denn in diesem Falle können sie sich nicht mit Unwissenheit entschuldigen, und doch wäre dies noch nicht die Gerechtigkeit, zu der nach ihrer Ansicht der freie Wille ausreicht. Jener aber, dem der Herr die Gnade des Wissens und des Gehorsams verliehen hat, spricht: »Durch das Gesetz erfolgt die Erkenntnis der Sünde« (Röm 3,20), und: »Die Sünde erkannte ich nicht anders als durch das Gesetz. Denn ich würde nicht von der Begierlichkeit wissen, wenn das Gesetz nicht sagte: ›Du sollst nicht begehren‹« (Röm 7,7). Auch will er den Menschen nicht als unbekannt mit dem gebietenden Gesetze, sondern als unwürdig der errettenden Gnade aufgefasst wissen, wenn er sagt: »Ich freue mich am Gesetze Gottes dem inneren Menschen nach« (Röm 7,22); aber obwohl er nicht nur das Gesetz Gottes erkannt, sondern auch an ihm sich erfreut, spricht er später: »Ich unglückseliger Mensch! Wer wird mich befreien von dem Leibe dieses Todes? Die Gnade Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn« (Röm 7,24–25).

Niemand also errettet von den Wunden jenes Würgers als die Gnade des Erlösers; niemand befreit die wegen der Sünde Verkauften von den Fesseln ihres Kerkermeisters als die Gnade des Erlösers.

So werden also alle, die sich wegen ihrer Sünden und Ungerechtigkeiten entschuldigen wollen, deshalb mit vollster Gerechtigkeit bestraft, weil alle, die gerettet werden, nur durch die Gnade errettet werden. Wenn aber jene Entschuldigung gerecht wäre, dann würde nicht mehr die Gnade, sondern die Gerechtigkeit befreien. Wenn aber die Gnade befreit, so findet sie in dem, den sie befreit, nichts Gerechtes, weder den Willen noch die Handlungsweise, nicht einmal die Entschuldigung. Wäre diese gerecht, so würde jeder, der sie gebraucht, nach Recht und nicht nach Gnade befreit werden. Wir wissen ja, dass durch die Gnade Christi auch einige von denen gerettet werden, die sprechen: »Warum beklagt er sich also? Denn wer widersteht seinem Willen?« (Röm 9,19). Wenn diese Entschuldigung gerecht ist, so werden sie nicht mehr durch unverdiente Gnade, sondern wegen der Gerechtigkeit dieser Entschuldigung gerettet. Wenn es aber die Gnade ist, durch die sie gerettet werden, so ist offenbar diese Entschuldigung nicht gerecht; dann ist es wahrhaft Gnade, wodurch der Mensch gerettet wird, wenn sie nicht aus Gerechtigkeitspflicht gespendet wird. An jenen also, die sprechen: »Warum klagt er noch? Wer widersteht seinem Willen?« geschieht nichts anderes, als was im Buche Salomons geschrieben steht: »Die Torheit des Mannes verdirbt ihm den Weg; gegen Gott aber murrt er in seinem Herzen« (Spr 19,3).

Obwohl also Gott die Gefäße des Zornes zum Verderben bereitet, um seinen Zorn zu offenbaren und seine Macht zu zeigen, vermöge welcher er auch die Bösen zum Guten gebraucht, und um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit kundzutun, die er zur Ehre bildet, die aber nicht dem verdammlichen Stoffe gebührt, sondern durch die Freigebigkeit seiner Gnade verliehen wird, so wußte doch Gott an diesen Gefäßen des Zornes, die wegen der Verdammlichkeit des Stoffes zur gebührenden Schmach bereitet sind, d.h. an den Menschen, die zwar wegen der natürlichen Güter erschaffen, aber wegen der Sünde zur Strafe bestimmt sind, die von der Wahrheit mit allem Rechte verworfene Ungerechtigkeit zu verdammen, nicht aber diese selbst zu vollbringen. Denn wie die ohne Zweifel lobenswerte menschliche Natur im göttlichen Willen ihren Grund hat, so hat die unstreitig verdammenswerte Sünde im Willen des Menschen ihren Grund. Dieser Wille des Menschen hat entweder die Erbschuld auf die Nachkommen gebracht, die, als er sündigte, in ihm eingeschlossen waren, oder die übrigen Sünden sich zugezogen, da jeder für sich ein schlechtes Leben führte. Aber weder von dieser Erbschuld noch von jenen Sünden, die ein jeder in seinem eigenen Leben, ohne es zu erkennen oder ohne es erkennen zu wollen, aufhäuft oder auch trotz der Belehrung durch das Gesetz infolge fortgesetzter Übertretung zum Übermaß bringt, auch von diesen wird niemand befreit und niemand gerechtfertigt außer vermittels der Gnade Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, der uns erbarmungsvoll Liebe und Gebet und Erfolg unseres Gebetes verleiht, bis er alle unsere Schwachheiten heilt, unser Leben vom Verderben errettet und uns in Erbarmung und Gnade krönet.

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