Theologie

Wenn der Glaube stärker ist als die Wahrheit

Pünktlich zur Osterzeit wurden in Deutschland allerlei gönnerhafte Artikel über den Glauben der Christen veröffentlicht. Franz Alt, der 20 Jahre lang das Politmagazin REPORT moderierte, behauptete in der DER WELT, dass wahrscheinlich in keinem Buch der Welt so viele „Fake News“ stehen wie in der Bibel. DER SPIEGEL demonstriert anhand von Berichten, dass sich immer mehr Katholiken und Protestanten mit den überkommenen Glaubensinhalten schwer tun: „Wer glaubt denn sowas?“

Weitaus aufschlussreicher war für mich allerdings ein Gespräch, das mit einer prominenten Vertreterin des liberalen Protestantismus geführt wurde. Nicholas Kristof hat für die NEW YORK TIMES die Theologin Serene Jones vom Union Theological Seminary interviewt. Das UTS ist eine besondere Einrichtung. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Seminar, das übrigens einen presbyterianischen Ursprung hat und an dem Dietrich Bonhoeffer für ein Jahr Stipendiat war, zu einem führenden Zentrum des liberalen Christentums in den Vereinigten Staaten. So kann es kaum überraschen, dass Pfarrerin Jones dort zur Rektorin berufen wurde, denn sie war Vorsitzende des Universitätsprogramms für Frauen-, Gender- und Sexualitätsstudien an der Yale University und ist eine würdige Vertreterin des liberalen Christentums.

In dem Interview bezieht Prof. Jones zu vielen zentralen Fragen des christlichen Glaubens Stellung. Ich fasse ihre Antworten zu bestimmten Schlagwörtern zusammen:

1. Die Auferstehung: „Diejenigen, die behaupten zu wissen, ob es passiert ist oder nicht, machen sich selbst etwas vor. Aber dieses leere Grab symbolisiert, dass die ultimative Liebe in unserem Leben nicht gekreuzigt und getötet werden kann … Für Christen, für die die physische Auferstehung zu einer Art Obsession wird, scheint mir das ein ziemlich wackeliger Glaube zu sein. Was wäre, wenn morgen jemand die Leiche Jesu noch im Grab gefunden hätte? Würde das dann bedeuten, dass das Christentum eine Lüge war? Nein, der Glaube ist stärker als das.“

2. Sühne: „Kreuzigung ist nichts, was Gott von oben inszeniert. Die allgegenwärtige Idee eines missbrauchenden Gottvaters, der sein eigenes Kind ans Kreuz schickt, damit Gott den Menschen vergeben kann, ist verrückt. Für mich ist das Kreuz eine Verkörperung unseres menschlichen Hasses. Aber was an Ostern passiert, ist der Triumph der Liebe inmitten des Leidens. Ist das nicht Grund zur Hoffnung?“

3. Gottes Allmacht: „Ich bete nicht ein allmächtiges, allkontrollierendes, allmächtiges, allwissendes Wesen an. Das ist eine Erfindung der römischen Rechtstheorie und der griechischen Mythologie. Das ist nicht der Gott des Osterfestes. Der Ostergott ist verwundbar und mit der Welt auf tiefe Weise verbunden, die nicht darin besteht, die Welt zu manipulieren, sondern uns ständig zu Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einzuladen.“

4. Wunder (Jungfrauengeburt): „Ich finde die jungfräuliche Geburt eine bizarre Behauptung. Es hat nichts mit der Botschaft Jesu zu tun. Die jungfräuliche Geburt wird nur dann wichtig, wenn man eine Theologie hat, in der Sexualität als sündhaft angesehen wird. Es fördert auch diese Vorstellung, dass der reine, unberührte weibliche Körper der beste Körper ist, und diese Idee hat zu Jahrhunderten der Unterdrückung von Frauen geführt.“

5. Gebet: „Ich glaube nicht an einen Gott, der sich wegen des Gebets entscheiden würde, den Krebs deiner Mutter zu heilen, aber nicht die Mutter deines nicht betenden Nachbarn. Wir können Gott nicht so beeinflussen.“

6. Tod: „Ich weiß es nicht! Es könnte etwas sein, es könnte nichts sein. Mein Glaube ist nicht an eine göttliche Verheißung über das Leben nach dem Tod gebunden. Menschen, die sich in diesem Leben gut benehmen, nur um ein Jenseits zu erreichen, das ist ein Glaube, der von einem egoistischen Motiv getrieben wird: „Ich werde gut sein, damit Gott mich mit einem Bonbonstab namens Himmel belohnen würde?“ Für mich wird das Leben in der Liebe von der einfachen Tatsache bestimmt, dass die Liebe wahr ist. Und ich bin mir absolut sicher, dass es nach unserem Tod keine Gruppe von designierten schlechten Menschen gibt, die in der Hölle verbrannt werden sollen. Das gibt es nicht.“

7. Emergentes Christentum: „Das Christentum befindet sich an einem gewissen Wendepunkt, … Dieses Ringen mit dem Klimawandel und das Ringen mit dem Ausmaß der Gewalt in unserer Welt, das Ringen mit dem Autoritarismus und dem hartnäckigen Charakter der Geschlechterunterdrückung – es zwingt Gemeinschaften in allen Religionen zu sagen: „Etwas stimmt hier nicht“. Es ist eine spirituelle Krise. Viele nicht-religiöse Menschen spüren das auch. Wir brauchen einen neuen Weg, um darüber nachzudenken, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und was der Sinn unseres Lebens ist. Für mich fühlt sich dieser Moment apokalyptisch an, als ob etwas Neues darum kämpft, geboren zu werden … Heute fühle ich diesen spirituellen Boden um uns herum, der wieder zittert. Die Strukturen der Religion, wie wir sie kennen, sind bankrott gegangen und brechen zusammen. Was wird dabei herauskommen? Das ist es, was unsere Kinder und die Kinder unserer Kinder sich vorstellen und bauen müssen.

Eigentlich ist nichts neu an diesen Ideen. Etliche sind uralt und längst im breiten Spektrum derjenigen angekommen, die sich zum lebendigen Kern des Christentums zählen (denken wir nur an Brian McLaren, Rob Bell oder Tony Jones). Bemerkenswert ist für mich, dass die Überzeugungen von Serene Jones an keinem der genannten Punkte mehr originär christlich sind. All das, was sie sagt, kann man als Nichtchrist auch sagen. Wahrscheinlich kann man es besser sagen. Diese Religion der Mitmenschlichkeit mag für manche attraktiv erscheinen. Ich finde sie bedauernswert. Hier ist nichts, worauf ich hoffen könnte.

Noch etwas fällt mir auf: Bei bestimmten Themen ist von Dekonstruktion und Skepsis nichts mehr zu spüren. Fest steht etwa: Gott hat mit der Kreuzigung nichts zu tun; der allmächtige Gott ist eine Erfindung der griechischen Mythologie und des römischen Rechtssystems; die Hölle gibt es nicht.

Eine letzte Beobachtung sei erwähnt: Für die Pfarrerin Jones lautet das Evangelium: Menschen benehmen sich in diesem Leben gut, um ein Jenseits zu erreichen. Irgendwie muss es ja so sein, denn Jesus kann für sie nicht Gottes Sohn sein, der mit seinem Sühneopfer die Rechtfertigung aus Glauben ermöglicht. Aber ist es nicht traurig, wenn eine Botschafterin der Kirche selbst keine Ahnung davon hat, was das Evangelium ist? Ein Glaube, der den Menschen sich selbst überlässt, wird keine Berge versetzen, sondern Menschen ins Unglück zerren.

Hier das vollständige Interview: www.nytimes.com.

Anspruchslose Predigten

Gewiss ist das intellektuell anspruchsvolle Predigen kein Selbstzweck. Vor allem soll das Wort Gottes mit dem wunderbaren Evangelium durch die Predigt ausgelegt werden. Dennoch halte ich Aspekte der Kritik, die Béatrice Acklin Zimmermann in einem NZZ-Gastkommentar formuliert hat, für berechtigt. Viele Predigten, die heute zu hören sind, erinnern an die Trivialisierung und Infantilisierung, die auch in anderen Bereichen der Gesellschaft seit vielen Jahren wahrzunehmen sind, etwa in der Politik oder im TV-Angebot. Zimmermann schreibt:

Spaemann, der sich als Intellektueller mit christlicher Verortung und scharfsinniger Kritiker des Zeitgeistes in den öffentlichen Diskurs einbrachte, konstatierte einen zunehmenden intellektuellen Substanzverlust in der Kirche.

Auch der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf, der sich zur Gruppe der Religionsintellektuellen zählt, beklagt eine zunehmende Eventisierung der Gottesdienste und beobachtet vielfältige Tendenzen der Trivialisierung und Infantilisierung der christlichen Freiheitsbotschaft. Laut Graf hängt die Erosion der Kirchen nicht zuletzt mit der zunehmenden Sprachlosigkeit vieler Theologen und Theologinnen zusammen, die in ihren Predigten auffällig oft den Psychojargon bedienen, ein Betroffenheitspathos zelebrieren und vor allem moralisieren würden: «Moralisieren ist nämlich eine intellektuell relativ anspruchslose Veranstaltung.»

Auch wenn man Graf nicht in all seinen Kritikpunkten beipflichten mag, so lässt es sich nicht beschönigen: Den Kirchen gelingt es immer weniger, ein intellektuell anspruchsvolles Publikum anzusprechen und zu überzeugen. Viele Intellektuelle haben den Eindruck, dass in den oftmals mit Anekdoten angereicherten, spirituell vernebelten und dem Zeitgeist angedienten Predigten elementare Spannungen und Widersprüche des Lebens kaum noch eine Rolle spielen und für die entscheidenden «letzten Fragen» kein Platz mehr bleibt. 

Mehr: www.nzz.ch.

Die Sühnewirkung des Todes Jesu

In der Paulusforschung herrscht seit längerem die Annahme vor, dass der Apostel Paulus keine in sich konsistente Lehre vom Endgericht vertrete, sondern je nach Kontext auf unterschiedliche, einander teilweise widersprechende Motive zurückgegriffen habe. Christian Stettler zeigt durch die Analyse von allen paulinischen Gerichtstexten mit Hilfe der kognitiven Frame-Semantik, dass Paulus nicht von unterschiedlichen oder gar widersprüchlichen „Gerichtskonzeptionen“, sondern von einer in sich konsistenten Gerichtserwartung ausging. Zudem vertieft der Autor die gewonnenen Erkenntnisse durch weitere exegetische Analysen, welche sich kritisch mit Ergebnissen der konfessionellen Paulusexegese und der Neuen Paulusperspektive auseinandersetzen und zu einer differenzierteren Sicht führen.

In seinem Fazit schreibt der Christian Stettler über das Gericht nach den Werken bei den Christusgläubigen unter anderem:

Paulus hat also die Sühnewirkung des Todes Jesu offensichtlich nicht nur auf Sünden vor der Taufe, sondern auch auf die Sünden von Christen bezogen. Wo Sünde nach der Bekehrung vorkommt, kann ein Christ nicht aufgrund seines noch so weitgehenden Liebeswerkes gerechtfertigt werden, sondern ist weiterhin auf die Vergebung Christi angewiesen. Im Blick auf die Rechtfertigung gilt ohnehin das ganze Leben einer Person als Einheit und wird nicht in die Zeit vor und die Zeit nach der Bekehrung aufgeteilt. Abgesehen von Jesus (2Kor 5,21) gibt es niemand, der sein ganzes Leben über ohne Sünde geblieben ist (vgl. Röm 3,9-20). Rechtfertigung selbst durch einen vollkommenen Gehorsam nach der Bekehrung ist dadurch ohnehin ausgeschlossen.

Nach Paulus sind die Glaubenden dem Gericht nach den Werken nicht enthoben, vielmehr sind sie denselben Maßstäben unterworfen wie die übrige Menschheit. Was sie jedoch von nicht an Jesus glaubenden Menschen unterscheidet, ist zweierlei: erstens, dass ihre Sünden vergeben sind, auch die, die nach ihrer Taufe geschahen, sofern sie nicht im sündigen Verhalten verharrt, sondern darüber Buße getan haben, und zweitens, dass sie mit dem Heiligen Geist, der Kraft der neuen Schöpfung, begabt sind, durch den sie ein Gott wohlgefälliges Leben führen können. Beides, Vergebung und Geist, haben sie aus Gottes Gnade empfangen, aufgrund ihres Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Gottessohn. Also ist auch das neue Handeln aus dem Geist eine Wirkung des Auferstandenen, eine Wirkung der Gnade. Das neue Handeln ist ganz die Verantwortung des Menschen und zugleich ganz die Wirkung Gottes (vgl. Phil 2,12f.).

Es ist deshalb kein Widerspruch, sondern Ausdruck des typisch frühjüdischen aspekthaften Denkens des Paulus, dass nach Paulus die Rettung und Rechtfertigung im Endgericht einerseits ganz Geschenk, ganz „Gnade“ ist und denen gilt, die glauben, und andererseits Paulus dennoch die Gabe des ewigen Lebens im Endgericht auch als eine Antwort auf das Werk der Christen, auf ihren Glaubensgehorsam, ja als „Lohn“ bezeichnen kann.

Für die Untersuchung:

  • Stettler, Christian, Das Endgericht bei Paulus: Framesemantische und exegetische Studien zur paulinischen Eschatologie und Soterologie, WUNT, Band 371, Mohr Siebeck, 2017, 415 S.

wurde dem Autor der Johann-Tobias-Beck-Preis 2018 verliehen.

Die Dreieinigkeit Gottes und die Auferstehung

Prof. D. Blair Smith (RTS, Charlotte, NC) hat einen guten Aufsatz zum Thema „Wie uns die Lehre vom einen Gott in drei Personen zu einem tieferen Verständnis der Auferstehung führt“ publiziert. Darin heißt es über die zwei Zusicherungen, die für die Glaubenden mit der Auferstehung einhergehen: 

Augustins theologische Überlegungen führten uns zum Heiligen Geist als die Liebe, die uns mit dem Sohn verbindet und dadurch auch mit dem Vater. Das füllt nun auch die Lücke, die von Römer 8,11 noch offen ist. Denn das vollständige Bild des Paulus von der Auferstehung stellt nicht nur die Verbindung der drei göttlichen Personen mit dem Ereignis der Auferstehung dar, sondern zeichnet auch den Glaubenden in das Bild ein als vom Heiligen Geist erfüllt. Zwei Dinge folgen für uns aus der trinitarischen Gestalt der Auferstehung von Christus: Erstens wird uns unsere eigene körperliche Auferstehung damit zugesichert und zweitens wird uns die gegenwärtige Gemeinschaft mit der Dreieinigkeit durch die gnädige Einheit mit Christus angeboten. Derselbe Geist vom Vater, der den Körper des Sohnes von seinem Tod in der Geschichte auferweckt hat, wird auch unsere Körper in gleicher Weise erwecken. Die Auferstehung des Christus ist die Zusicherung und das Vorbild für unsere zukünftige Auferstehung (1. Johannes 3,1-2). Aber die Auferstehung ist nicht nur ein zukünftiges Ereignis für die Glaubenden. Sie ist auch eine gegenwärtige Realität.

Die gegenwärtige Realität unseres Auferstehungslebens in Christus ist, was die Gebete von Paulus befeuert (vgl. Eph 1,15- 23) und ihn dazu bringt, die trinitarischen Dimensionen des christlichen Lebens auszuloten. In Epheser 2 sieht Paulus zum Beispiel unsere Einheit mit Christus in der Liebe des Vaters wurzeln (Vers 4). Diese unverzichtbare Auferstehungs-Einheit hat die „neue Schöpfung“ in den Heiligen bewirkt (2Kor 5,17; 1Pet 1,3). Aufgrund dessen können wir befähigt durch den Heiligen Geist ein auf Gott ausgerichtetes Leben in Gerechtigkeit leben, an dem unser himmlischer Vater Gefallen hat. Es sind keine vollkommenen Leben, die wir führen. Die Bibel ist erfrischend realistisch, wenn es um die Versuchungen geht, die uns treffen und die dringende Notwendigkeit mit ihnen zu kämpfen. Genauso wie Jesus dem Tod gegenüberstand vor seiner siegreichen Auferstehung, so ist unser christliches Leben gekennzeichnet von kleinen Toden: Sünde, Sorgen und Leiden. Aber weil Christus vom Tod auferstanden ist und uns den Geist gegeben hat, ist unser Leben noch stärker gekennzeichnet von kleinen Auferstehungen (Röm 6,1-11).

 In deutscher Sprache kann er hier angerufen werden: BGDL122.pdf.

Gott ohne Leidenschaften

Klassische Bekenntnisse beschreiben Gott als leidenschaftslos, was mit der Unveränderlichkeit Gottes zusammenhängt. So sagt etwa das Westminster Bekenntnis in Artikel 2.1:

Es ist nur ein einziger, lebendiger und wahrer Gott, der unendlich in Wesen und Vollkommenheit ist, ganz reiner Geist, unsichtbare, ohne Körper, Körperteile und Leidenschaften … [engl. without passions]

Viele moderne Theologen behaupten, dass die traditionelle Sichtweise der göttlichen Unveränderlichkeit durch die griechische Philosophie inspiriert worden und somit vom Zeugnis der Schrift über den wahren Gott abgewichen sei. Craig A. Carter etwa, stand lange unter dem Einfluss von Karl Barth, John Howard Yoder, Mirosalav Volf oder Stanley Grenz (und damit auch unter dem Einfluss von Jürgen Moltmann). In der Gotteslehre der Revisionisten wird (grob gesprochen) die Beziehung als grundlegend für die Natur Gottes als Dreieinigkeit angesehen, indem die drei Personen als Einzelpersonen mit eigenem Willen betrachtet werden, die wie eine Familie zusammenarbeiten.

Als Carter begann, die Kirchväter gründlich zu studieren, führte das zu der für ihn überraschenden Einsicht, dass der klassische Theismus den Schriftbefund deutlich klarer repräsentiert als die Gotteslehre der Revisionisten.

In dem Buch, das ich gerade beende, verteidige ich den klassischen Theismus als die wahre Lehre der Schrift. Ich versuche, ebenfalls zu erklären, warum die Theologie des 20. Jahrhunderts dies nicht tat. Ich glaube, es hat mit einem massiven Wandel der Metaphysik in der Moderne zu tun, von der theologischen Metaphysik, die durch die nizänische Lehre Gottes hervorgerufen wurde, hin zu einer neo-paganen Metaphysik des philosophischen Naturalismus, die die Moderne dominierte. Der heute so verbreitete neue Soziale Trinitarismus und Relationale Theismus ist ein Versuch, die christliche Gotteslehre so zu revidieren, dass sie in die naturalistische Metaphysik passt, die in der Spätmoderne nach Kant und Hegel weit ausgebreitet hat.

Als ich über dieses Problem nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass die Revisionisten des zwanzigsten Jahrhunderts, die den klassischen Theismus einer solchen vernichtenden Kritik unterwarfen, selbst in fragwürdige, modernistische, metaphysische Annahmen verwickelt waren und Gefahr liefen, den Kontakt zur orthodoxen Tradition und den biblischen Wurzeln dieser Tradition zu verlieren. Es war ziemlich ironisch, denn der typische Zug der Revisionisten war, die Schrift zu benutzen, um die Tradition zu widerlegen und zu revidieren. Aber es begann für mich so auszusehen, als ob die moderne Hermeneutik von bestimmten philosophischen Annahmen gesteuert würde, die sich aus der postkantischen und hegelschen Metaphysik ableiten. Die Revisionisten befürworteten die „Hellenisierungsarbeit“, wonach die Kirchenväter in die Falle traten, die griechische Philosophie in die Schrift hinein zu lesen und damit den „reinen“ hebräischen Gedanken der Bibel zu verfälschen. Aber es scheint mir, dass die modernen Kritiker selbst die kantische und hegelsche Metaphysik benutzten, um die Bibel weitaus mehr zu interpretieren, als die Väter den Gedanken an Platon und Aristoteles dafür genutzt hatten.

Wir dürfen auf das Buch von Carter sehr gespannt sein. Sein vollständiger Artikel und viele andere hilfreiche Beiträge über die Leidenschaftslosigkeit Gottes sind in der aktuellen Ausgabe des Magazins CREDO zu finden: credomag.com.

HTA-Kommentare für Logos

Die Tage von Theodor Zahn oder Adolf Schlatter sind schließlich lange vorbei. Mit dem Erscheinen der Historisch-Theologischen Auslegung (HTA) hat sich das allerdings geändert. Diese Kommentarreihe zum Neuen Testament wird nun auch bei Logos verfügbar und soll in diesem Beitrag vorgestellt werden. Im Logos-Blog ist zu lesen:

Die Idee zur Veröffentlichung der HTA-Reihe geht auf die Facharbeitsgruppe Neues Testament des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT) zurück. Herausgegeben wird sie von einem vierköpfigen Team: Gerhard Maier (ehemaliger evangelischer Landesbischof von Baden-Württemberg), Rainer Riesner (emeritierter Professor für Neues Testament der TU Dortmund), Heinz-Werner Neudorfer (ehemaliger Dekan der evangelischen Landeskirche in Marbach am Neckar) und Eckhard J. Schnabel (Professor für Neues Testament am Gordon-Conwell Theological Seminary). 2004 erschien der erste Band. Bis heute sind insgesamt 14 Bände erschienen.

Der Aufbau der Historisch Theologischen Auslegung
Die Kommentare sind zwar von unterschiedlichen Autoren verfasst worden, folgen aber einem ähnlichen Aufbau. In der Einleitung wird die Entstehungsgeschichte des Buches beleuchtet. Darüber hinaus werden Aufbau und theologische Anliegen diskutiert. Im Anschluss daran folgt die Auslegung der einzelnen Abschnitte des Buches. Diese erfolgt in vier Abschnitten, die von den Herausgebern wie folgt zusammengefasst werden:

In Abschnitt I wird eine präzise und wortgetreue Übersetzung der neutestamentlichen Texte geboten.

In Abschnitt II finden sich Bemerkungen zum Kontext, zum Aufbau, zur literarischen Form oder Gattung sowie zum theologischen Hintergrund des jeweiligen Abschnitts.

Abschnitt III bietet eine gründliche Vers-für-Vers-Exegese.

Abschnitt IV ist als Zusammenfassung zu verstehen, in der auch die Wirkungsgeschichte der Verse verfolgt sowie ein Brückenschlag in die Gegenwart und die praktische Anwendung gegeben wird.

Die Historisch Theologische Auslegung (13 Bde.) ist noch für wenige Wochen zum Sonderpreis von 329,99$ vorbestellbar: de.logos.com.

Im Herzen der Spiritualität

51q6Zv9cuxL SX303 BO1 204 203 200Anselm Grün hat zusammen mit Ahmad Milad Karimi ein Buch geschrieben, um den Dialog zwischen Muslimen und Christen voranzubringen. Wolfgang Schäuble oder Nikolaus Schneider sind begeistert. Im Herzen der Spiritualität wird wieder ein Bestseller. Margot Käßmann wird Anselm-Botschafterin werden.

Zu den Leuten, die von diesem Buch beeindruckt sind, werden auch viele Evangelikale gehören. In ihren Bücherstuben, Versandhäusern und Regalen wimmelt es von Werken, die der freundliche Mönch verfasst hat. Klarer formuliert: Viele, die sich als Evangelikale verstehen, deuten den christlichen Glauben ähnlich wie Anselm. Mystisch.

Hier einige Zitate von Anselm Grün aus dem neuen Buch. Kommentare kann ich mir bei diesem Geschwurbel sparen.

Die Bibel als Wort Gottes (S. 73)

„Auch wenn wir die Heilige Schrift als Wort Gottes verstehen, das für uns bindend ist, weil es vom Heiligen Geist inspiriert ist, wissen wir doch um die verschiedenen Formen, in denen die Bibel uns das Wort Gottes verkündet. Da gibt es mythologische Erzählungen wie etwa die Erzählung von der Entstehung der Welt und des Menschen. Wir interpretieren diese biblischen Schöpfungsberichte nicht naturwissenschaftlich. Sie beschreiben vielmehr in Bildern den inneren Kern, die Schönheit und das Geheimnis der Schöpfung. Die Bibel kennt geschichtliche Erzählungen, sie kennt Gleichnisse, Berufungsgeschichten, gesetzliche Texte, prophetische Texte, Trostworte und Mahnworte. Es gibt hymnische Texte, Loblieder und Gebete wie etwa die Psalmen. Jede Form hat ihre eigene Wahrheit. Manche Fundamentalisten wollen die Bibel wörtlich auslegen. Aber sie werden damit der eigentlichen Aussageabsicht der Bibel nicht gerecht. Jede Form hat ihre eigene Wahrheit.“

Von Lesen der Bibel (S. 75–76)

„Die Bibel lesen heißt: mit den Worten solange ringen, bis wir sie verstehen. Und wir verstehen sie richtig, wenn wir freundlich mit uns umgehen, wenn wir unser eigener Freund werden. Dann erleben wir auch das Wort Gottes als unseren Freund, der uns zeigt, wie unser Leben gelingt. Wir werden nie damit fertig, die Bibel zu meditieren. Und jede Zeit legt sie immer wieder neu aus. Denn die Worte, die damals geschrieben worden sind, legen unser Leben heute aus und wollen uns Wege aufzeigen, wie unser Leben von Gott her und von Jesus Christus her gelingen kann. Entscheidend ist, dass die Worte der Bibel immer Worte des Lebens sind, Worte, die zu einem authentischen Leben nach dem Geist Jesu führen. Immer wenn uns die Worte Angst machen oder wenn wir die Worte so auslegen, dass wir anderen damit Angst machen, verstehen wir sie nicht im Sinne Jesu, sondern benutzen sie, um unsere eigenen Vorurteile zu verstärken.“

Das Dogma der Uneindeutigkeit (S. 36–37)

„Dogmen sind wahr im Sinn des griechischen Begriff von Wahrheit, aletheia, und das meint, wie Martin Heidegger dieses Wort übersetzt: Unverborgenheit. Dieser Wahrheitsbegriff meint nicht wahre Sätze. Wahrheit bedeutet vielmehr: Der Schleier, der über aller Wirklichkeit liegt, wird gelüftet, und wir erkennen etwas von der tiefsten Wirklichkeit. Wir schauen auf den Grund des Seins. Es wird uns etwas klar, ohne dass wir das in sozusagen mathematisch klare Sätze kleiden könnten. Die Wahrheit ist auch nicht etwas, was ich habe oder besitzen kann. Die Wahrheit kann einem aufgehen. Dogmen sind also keine Festschreibungen, nicht Ausdruck von Rechthaberei, sondern der Versuch, einen Rahmen zu geben, innerhalb dessen die Wahrheit aufleuchtet. Dogmen sind Auslegungen und bedürfen zudem selbst der Auslegung. Für mich ist Dogmatik die Kunst, das Geheimnis offenzuhalten.“

Jesu Gottheit (S. 97):

„Für mich als Theologen ist klar: Dogma heißt nicht, dass ich alles ganz genau erklären kann. Dogma ist für mich vielmehr die Kunst, das Geheimnis offenzuhalten. Auch Dogmen sind letztlich bildhafte Annäherungen an das Geheimnis Gottes und das Geheimnis Jesu. Was die dogmatische Aussage, dass Gott und Mensch in Jesus eins sind, bedeutet, das kann also niemand letztlich ganz verstehen und erschöpfend beschreiben. Unsere Aussagen bleiben offen für das Geheimnis. Ich wehre mich auch gegen Aussagen, die reduzieren. Wenn ich sage: Jesus war nichts als ein religiös besonders begabter Mensch, dann kann ich mich von ihm distanzieren und mich über ihn stellen. Wenn ich aber sage: Jesus ist Gottes Sohn, dann weiß ich zwar auch noch lange nicht, was es wirklich bedeutet. Aber diese Formulierung sagt: Jesus steht mir gegenüber mit einem Anspruch, der dem Anspruch Gottes gleichkommt. Ich erinnere an Paul Tillichs Aussage: „Gott ist das, was uns unbedingt angeht.“ Wenn ich sage, Jesus sei Gottes Sohn, so geht mich dieser Jesus an. Ich nehme seine Worte ernst. Ich ringe mit ihnen. Ich stelle mich nicht über seine Worte. Ich kritisiere Jesus nicht als eine geschichtlich bedingte und beschränkte Persönlichkeit, sondern ich stelle mich seinem göttlichen Anspruch.“

Der Weg der Mystik (S. 222)

„Die Mystiker, die Gott erfahren haben, nageln Gott nicht fest auf starre Dogmen. Sie beschreiben die Erfahrung Gottes in Bildern, die für alle offen sind, die sich auf den Weg zu Gott gemacht haben. Die mystischen Wege aller Religionen verstehen einander, weil sie von ähnlichen Erfahrungen sprechen. Sie deuten diese Erfahrungen nur jeweils auf dem Hintergrund ihrer eigenen theologischen Tradition.“

Sexualethik (S. 207)

„Die Kirche kann die Sexualmoral nicht festschreiben. Sie kann nur im Dialog mit der heutigen Psychologie und Genderforschung theologische Grundsätze aufstellen. Aber gerade in moraltheologischen Fragen gibt es keine festen Dogmen, sondern eine Entwicklung im Dialog mit der jeweiligen Zeit.“

Allerlösung (S. 259)

„Im Tod werden wir Menschen, Christen wie Muslime, Juden, Buddhisten oder Hindus, in die Liebe Gottes hineinsterben. Es ist der eine Gott, der uns alle erwartet. Wenn wir Gott schauen, dann hören unsere Bilder und Vorstellungen, dann hören unsere theologischen Lehren auf. Und wir schauen gemeinsam auf den Gott jenseits aller Bilder, auf den Gott des absoluten Geheimnisses. Aber in diesem Gott werden wir alle eins werden, wenn wir uns von Gott richten, ausrichten lassen auf ihn hin und auf die absolute Liebe hin, in der wir eins werden miteinander und mit Gott. So ist der Blick auf das, was uns erwartet, auch ein Weg, uns schon jetzt miteinander auf Gott hin auszurichten, nicht gegeneinander zu kämpfen, sondern uns darauf vorzubereiten, dass es im Tod keine Differenzen mehr gibt, sondern wir alle in Gott eins werden.“

Die Werteumkehr in den 1960er-Jahren

Michaela Huber weist auf folgende Analogie hin (Trauma und die Folgen, 2009, S. 180–181):

Anton LaVeys in den 1960er-Jahren verfasste „Satanische Bibel“ machte die Runde, viele interessierten sich seither für seine „Church of Satan“ (die auch in Deutschland Ableger hat); gleichzeitig stieg die Faszination für faschistisches Gedankengut. (Bücher wie „The Occult Reich“ oder „Hitler: The Occult Messiah“ wurden in den USA Bestseller.) Ebenfalls im gleichen Zeitraum veränderte sich die gesellschaftliche Akzeptanz nicht nur von Softporno, sondern auch von Kinderpornografie, Sadomasochismus, Horror- bis hin zu Snuff-Filmen – und alle, die sich dagegen wehren wollten, wurden massiv diffamiert. Plötzlich galt zum Beispiel die POR-NO!-Kampagne von EMMA (seit den 1990er-Jahren immer wiederholt) auch in der „linken“ und „alternativen“ Presse als „spießig“, ja es wurde den Aktivistinnen der Antiporno-Kampagne rechte Gesinnung unterstellt, sie wollten Zensur und einen Law-und-Order-Staat etc.

Klaus Vollmer: Geistliches Leben zeigt sich in vier Dingen

Zum Abschluss der kleinen Reihe mit Texten von Klaus Vollmer zitiere ich die Zusammenfassung seiner Ausführungen zum Gemeindebau (Alte Wege – neu entdeckt, 1975, S. 91–92):

Ohne das Wirken Jesu können wir nichts tun, aber mit ihm werden wir über alle Maßen gesegnet. Diese Wahrheit verbaut jeden eigenwilligen Aktivismus, aber sie befreit zu großem Glauben gegenüber dem Herrn, der sich bitten lassen will.

Geistliches Leben zeigt sich in vier Dingen:

Im einfältigen Gebet: Hier weiß der Glaubende, wo alle Macht und Vollmacht verfügt wird!

Im Ernst nehmen der Heiligen Schrift: Hier sucht der Glaubende, um nichts aus sich, sondern alles aus dem Wort Gottes zu tun!

Im Wagnis der kleinen Schritte: Der Glaubende weiß, daß alle Nachfolge auch zu Wagnissen führen muß!

In der Einmütigkeit der Gemeinde: Wo in Wahrheit und Liebe das Leben gestaltet und geführt wird, und wo aller Dienst seinen Platz hat.

Wie nun jeder von uns geführt wird, und wie er seinen Glauben umzusetzen gedenkt, darüber soll jeder seine Gewissheit erlangen. Aber wir kommen alle nicht an der Einfalt des Glaubens, an der Reinigung von unseren Sünden, am Ernstnehmen der Heiligen Schrift, am Wagnis der kleinen Schritte und an der Liebe zum Aufbau der Gemeinde vorbei, wenn wir als geistliche Menschen angesprochen sein wollen.

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