Praktische Theologie

Vertiefungskurs: Seelsorge I

In der Zeit vom 20.–26. November 2011 veranstaltet das Martin Bucer Seminar einen Vertiefungskurs im Fach Seelsorge (Fachbereich Praktische Theologie). Folgende Themen sind geplant:

  1. Psychopathologie und Psychiatrie (Referent Christoph Jung)
  2. Theologie und säkulare Psychologie (Referent Ron Kubsch)
  3. Grundlagen der Eltern-Kind-Beziehung (Referent Beat Tanner)
  4. Theologie der Ehe und Familie (Referent Beat Tanner)

Interessenten finden weitere Informationen und eine Anmeldemöglichkeit im Flyer: seminar_woltersdorf_e.pdf.

100-prozentige Kontextualisierung

Wie weit darf die Kontextualisierung des Evangeliums gehen? Hier haben wir einen Ausblick auf die kreative Verkündigung von morgen: Die Northpoint Church Adult Youth Group (USA) »performed« am Ostersonntag 2011 »Sympathy for the Devil« von den Rolling Stones. Im Refrain sowie letzter Strophe des Liedes heißt es:

Erfreut dich kennen zu lernen, ich hoffe, du errätst meinen Namen. Aber was dich verwirrt, ist die Art, wie ich mein Spiel treibe. So wie jeder Bulle kriminell und jeder Sünder heilig ist- Kopf oder Zahl! Nenn mich einfach Luzifer, denn ich könnte Zurückhaltung gebrauchen. Also, wenn du mich triffst, sei höflich, zeig Sympathie und Geschmack, benutz all deine erlernte Diplomatie und Höflichkeit – oder ich werfe deine Seele in den Müll!

Verhaltenskodex »Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt«

201107191016.jpg»Mission gehört zutiefst zum Wesen der Kirche.« Mit diesen Worten beginnt das Dokument, das kürzlich in Genf am Sitz des Weltkirchenrates in einer feierlichen Stunde der Öffentlichkeit übergeben wurde. Mehr als fünf Jahre lang hatten Repräsentanten der genannten kirchlichen Organisationen in einer Reihe von größeren und kleineren Konferenzen daran gearbeitet, was es heißt, den christlichen Glauben im 21. Jahrhundert in einer multireligösen Welt zu bezeugen und weiterzugeben. Entstanden ist ein Dokument mit klassischen Grundlagen für das christliche Zeugnis, gefolgt von Prinzipien und Empfehlungen.

Thomas Schirrmacher, Chefunterhändler für die Weltweite Evangelische Allianz, machte deutlich, dass es sich bei dem vorgelegten Dokument keineswegs um ein Kompromisspapier handele (siehe hier). Im Laufe der Jahre habe es aus dem Umfeld verschiedener Seiten immer wieder auch sehr skeptische Stimmen gegeben, die ein inhaltlich substanzielles Dokument zum Thema Religionsfreiheit und Mission nicht für möglich gehalten hätten. Am Ende stünden nun klare Empfehlungen, die einerseits den Auftrag Jesu an seine Kirche deutlich bezeugten, andererseits aber auch die Grenzen einer an der biblischen Botschaft ausgerichteten Mission aufzeigten.

Hier ein Beitrag des DLF zum Verhaltenskodex:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/07/13/dlf_20110713_0936_630bb225.mp3[/podcast]

 

»Pop« im Gottesdienst

D.H. Williams, Professor für die Theologie der Kirchenväter an der Baylor University (USA), hat einen ausgezeichneten Artikel über die wachsende Konsumkultur in den evangelikalen Gemeinden bei CT veröffentlicht:

Our consumerist culture has co-opted many churches, creating a mall-like environment marked by splashiness and simplistic messages. When the church becomes essentially a purveyor of religious goods and services, it reinforces the believer’s own consumerist habits, allowing him to pick and choose according to taste or functionality. Inhaling from the cultural atmosphere a mania for unlimited choice, churches breathe out as many different programs as possible, looking to accommodate as many different believers as possible. Perhaps unintentionally, this approach treats personal liberty and the inalienable »right« to choose as the highest goods of life.

Ironically, the weight placed on personal experience and freedom from conventional beliefs is reminiscent of early-20th-century Protestant liberalism. Updating their theology for modern fashions, the heirs of Schleiermacher and Hegel emphasized the primacy of the individual’s experience of God, setting aside complicating issues of doctrine as divisive, latently authoritarian, or just plain irrelevant. Despite many important differences between this sort of liberalism and the contemporary evangelical megachurch, there are striking similarities in their approaches to individual experience, popular culture, and socially uncomfortable doctrines.

But the big question remains: In what direction are such churches taking their members? What kind of Christianity will emerge from an overemphasis on appealing to anyone who might attend a church service for any reason? When the apostle Paul became »all things to all people so that by all possible means I might save some« (1 Cor. 9:22), he did not reinvent or re-orient the faith of which he said, »I delivered to you as of first importance what I also received« (1 Cor. 15:3, ESV). The kind of transformation Paul experienced and tried to ignite in the early church was grounded in a tradition that made Christian faith, hope, and love starting points for the believer’s growth. If our post-denominational (or post-Protestant) era continues to elevate personal freedom of choice, the stability of the church’s historical wisdom will be desperately needed.

At the very least, the mere entertainment techniques will never substitute the hard work of teaching believers to acquire the divine life of the Father by the Son through the Holy Spirit. This kind of life may well entail sacrificing certain pleasures of one’s former life or rejecting certain elements of Western culture. And the church that would foster it must have goals that eclipse inclusiveness.

Hier: www.christianitytoday.com.

Die Psalmen in der Seelsorge

Da das Zitat über den Gebetskampf einen persönlichen, tröstlichen und (zumindest für mich) hilfreichen Austausch angeregt hat, referiere ich einen weiteren Abschnitt aus der Vorrede des Psalmenkommentars (Calvin Studienausgabe, Bd. 6, Neukirchen-Vluyn: Neukirchner Verlagsgesellschaft, S. 21). Dieser kurze Text hält uns nicht nur vor Augen, dass das Psalmbuch eine »Aufgliederung aller Teile der Seele« ist, sondern gewährt Einblicke in Calvins Gemüt. Er war eben – anders als in vielen deutschen Büchern dargestellt – kein gefühlsblinder Diktator, sondern ein begnadeter Seelsorger.

Mit gutem Grund nenne ich gewöhnlich das [Psalm]buch eine Aufgliederung aller Teile der Seele. Denn jede Regung, die jemand in sich empfindet, begegnet als Abbild in diesem Spiegel. Ja, hier hat uns der Heilige Geist alle Schmerzen, Traurigkeit, Befürchtungen, Zweifel, Hoffnungen, Sorgen, Ängste, Verwirrungen, kurzum all die Gefühle, durch die Menschen innerlich hin und her geworfen werden, lebensnah vergegenwärtigt. Die übrige Schrift enthält die Gebote, die Gott seinen Dienern mitgeteilt hat, um sie uns zu verkündigen. Hier aber reden die Propheten selber mit Gott, und weil sie ihre geheimen Gedanken ans Licht bringen, sprechen sie jeden von uns an und bringen uns zur Selbstprüfung. Auf diese Weise bleibt keine der vielen Schwächen, denen wir unterworfen sind, auch keine der vielen Fehler, die in uns reichlich vorhanden sind, verborgen. Es ist ein seltener und außerordentlicher Erfolg, wenn das Herz offenbar wird, nachdem all seine Schlupfwinkel durchforscht sind und es vom schlimmsten Verderben, der Heuchelei, gereinigt ist. Wenn schließlich das Gebet zu Gott die stärkste Stütze unseres Heils ist, kann man dazu nirgendwo eine bessere und zuverlässigere Anleitung finden als im Buch [der Psalmen]. Jedem, der bei ihrem Verständnis große Fortschritte macht, wird ein gutes Stück himmlischer Weisheit zuteil.

Christozentrische Auslegung alttestamentlicher Texte

Kürzlich gab es eine hilfreiche TGC-Runde mit Antworten von Tim Keller, Don Carson, und David Murray zur Frage »Wovor würden Sie Prediger warnen, wenn diese Christus im Alten Testament predigen?«

Hier ist die Antwort von Tim Keller:

  1. Komme in der Predigt nicht zu früh auf Christus zu sprechen, so dass du keine Bedeutung und Anwendung des Textes gegenüber den ursprünglichen Hörern entfaltest. Wenn du zu schnell »zu Christus springst«, bedeutet das häufig, dass du Leute begeisterst, aber ihnen keine konkrete Anwendung dafür gibst, wie sie das zu leben haben.
  2. Komme in der Predigt nicht zu spät auf Christus zu sprechen, so dass es mehr wie ein erbaulicher Anhang wirkt. Wenn du zu lange damit wartest, auf Christus zu weisen, werden die Zuhörer nicht sehen, wie entscheidend Jesus ist, wenn sie den Text beachten oder befolgen.
  3. Komme nicht künstlich auf Christus zu sprechen. Das ist natürlich ein großes Thema. Aber ich glaube, zwei der besten Wege sind, (a) in deinem Text eines der vielen inner-kanonischen Themen zu indendifizieren, welches seinen Höhepunkt in Christus hat (in Don Carsons Sprache), und (b), in deinem Text etwas vom »gefallenen Zustand Brennpunkt«, einen Mangel in der Menschheit, den nur Christus ausfüllen kann, zu entdecken (in Bryan Chapells Sprache).

201105120523.jpgZum Thema »Christus im Alten Testament« gibt es ein hilfreiches kleines Buch von Thomas Schirrmacher:

  • Thomas Schirrmacher: Christus im Alten Testament, Hamburg: Reformatorischer Verlag, 2001, 84 S.


VD: JT

Das glücklichste Volk und eine Entkehrung

In seinem Buch Das glücklichste Volk beschreibt der Linguist Daniel Everett, wie er auszog, im brasilianischen Urwald das Volk der Pirahã zum Christentum zu bekehren (München: DVA, 2010). Fast alles kam anders als erwartet. Die Eingebohrenen wollten seinen Jesus nicht. »Die Ablehnung des Evangeliums durch die Pirahã führte« sogar dazu, dass »ich selbst meinen Glauben infrage stellte«, schreibt Everett (S. 395). Am Ende verlor er nicht nur seinen christlichen Glauben, sondern auch seine Familie.

Bevor Everett als Bibelübersetzer und Missionar zu arbeiten begann, ließ er sich am Moody Bible Institut und auf der Biola University ausbilden. Als Jahresbester sammelte der Student nicht nur Erfahrungen bei Evangelisationsveranstaltungen, er belegte auch das Fach Apologetik. Gelernt hatte er dort allerdings eine Glaubensverteidigung, die vor allem aus dem Reichtum der eigenen Erfahrung schöpfte. Diese Apologetik blieb bei den Pirahã ohne den erwünschte Erfolg, wie Everett selbst eindrücklich beschreibt: »Für das, was ich sagte, konnte ich nur subjektive Begründungen anführen, nämlich meine eigenen Gefühle« (S. 396). Warum sollte er ihnen überhaupt von Jesus erzählen? »Mein Problem war: Warum sollte ich sie von Gott überzeugen? Damit sie ein besseren Leben hätten?« (siehe den nachfolgenden Filmbeitrag).

Warum hat Everett sich »entkehrt«?. Er glaubte an einen Jesus, den er selbst noch nicht gesehen hatte. Aus der Sicht der Pirahã einfach lächerlich. »Wie ich heute weiß« schreibt Everett, »liegt das daran, »dass die Pirahã nur glauben, was sie sehen. Manchmal glauben sie auch Dinge, die ein anderer ihnen erzählt hat, vorausgesetzt, diese Person war tatsächlich Zeuge der geschilderten Ereignisse« (S. 389). Everett war es also, der mit einer Wahnvorstellung lebte, nämlich »der Illusion der Wahrheit« (398). Die Pirahã sind so glücklich wie sie sind, weil sie ohne Wahrheit leben. »Sie kennen nicht das Streben nach Wahrheit als transzendenter Realität. Schon dieses Konzept hat in ihrem Wertesystem keinen Platz« (400).

Nun, das Buch enthält viele Beispiele dafür, dass auch die Pirahã ohne ein »Konzept von Wahrheit« nicht leben können. So sagen sie beispielsweise, es sei falsch, an jemand zu glauben, den man nicht gesehen hat. Es sei auch falsch, Jesus zu vertrauen oder nur eine Frau zu lieben (S. 386). Everett selbst zeigt in seinem Buch, wie hilfreich die Unterscheidung von Wahrheit und Einbildung sein kann. Er lehnt z.B. inzwischen das Evangelium ab, weil es aus seiner Sicht ein falscher Wahn ist. Oder: Als eines Tages ein Pirahã aufgeregt erzählte, dass letzte Nacht Jesus in ihr Dorf kam und Sex mit den Frauen haben wollte, war Everett sich sicher, dass der Indianer sich das weder ausgedacht hatte, noch es tatsächlich Jesus war, der versucht hatte, die Frauen zu vergewaltigen. Solche Unterscheidungen zwischen Trug und Wirklichkeit können in der Tat sehr hilfreich sein. Gelegentlich können sie Leben retten.

Everett glaubt nicht mehr an Jesus, weil er ihn nicht gesehen hat. Es scheint an dieser Stelle wichtig zu sein, dass bereits den Autoren der neutestamentlichen Schriften dieses Problem bekannt war. Schon damals gab es Zeugen aus erster Hand und ganz viele andere Jünger, die das Evangelium nur vom Hörensagen kannten. Deshalb stellten die Autoren des Neuen Testamentes heraus, dass es sich bei der Nachricht von Jesus Christus nicht um eine erfundene Geschichte oder eine esoterische (im Sinne von rein innerliche) Erfahrung handelt. Denken wir an den Prolog des Lukasevangeliums. Wir lesen dort (1,1–4): »Schon viele haben es unternommen, über das, was unter uns geschehen und in Erfüllung gegangen ist, einen Bericht abzufassen nach der Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. So beschloss auch ich, nachdem ich allem von Anfang an sorgfältig nachgegangen war, es der Reihe nach für dich aufzuschreiben, verehrter Theophilus, damit du die Zuverlässigkeit der Lehren erkennst, in denen du unterrichtet wurdest.« Im Zweiten Petrusbrief lesen wir (1,16): »Denn nicht weil wir klug ausgedachten Mythen gefolgt sind, haben wir euch die Macht und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus kundgetan, sondern weil wir Augenzeugen seines majestätischen Wesens geworden sind.« Und auch Johannes betont, um eine letzte Stelle zu nennen, dass die Apostel zuverlässige Zeugen des Christusgeschehens sind (1Joh 1,1–4): »Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir geschaut und was unsere Hände berührt haben, das Wort des Lebens — das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist —, was wir nun gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft habt mit uns. Die Gemeinschaft mit uns aber ist Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.« Die Autoren legten also viel Wert auf gründliche Arbeit und Authentizität in der Berichterstattung.

Jedenfalls haben sie das von sich behauptet. Nun, ich höre schon den Einwand von Everett und vielen anderen: »Ach, das ist zweitausend Jahre lang her und wer sagt uns denn, dass diese Zeugenberichte tatsächlich verlässlich sind? Nur was ich aus erster Hand erfahre, kann ich glauben! Vielleicht haben sie das alles nur erfunden, um sich Geltung zu verschaffen?«

Wäre diese Rückfrage ein ernstzunehmender Einwand, hätte Daniel Everett sein Buch über die Lebensphilosophie der Pirahã besser nicht geschrieben. Was ich über die Indianer weiß, stammt aus seinem Buch. Ich muss mich darauf verlassen, dass seine Eindrücke und Erfahrungen den Tatsachen entsprechen, er sich also weder getäuscht hat, noch mich belügt. Zudem muss davon ausgehen, dass ich seine »Sprachspiele« akkurat verstehen kann. Viel mehr Gründe gibt es, die Berichte der Apostel ernst zu nehmen. Sie haben, anders als Everett mit seinem Buch, mit ihren Evangelien, Berichten und Briefen kein Geld verdient (also vordergründig die Lebensqualität gesteigert). Das Leben dieser Apostel wurde durch ihre Begegnung mit Jesus Christus völlig auf den Kopf gestellt (vgl. z.B. 2Kor 11,23ff). Viele von ihnen sind als Märtyrer gestorben. Was, wenn nicht die Echtheit ihrer schriftlich niedergelegten Erfahrungen, soll sie bewegt haben, diesen für sie so entbehrungsvollen Weg zu gehen?

Für Everett ist es eine reizvolle Vision, ohne absolute Werte, ohne Rechtschaffenheit, Heiligkeit oder ein Konzept von Sünde und Schuld zu leben (S. 399). Jedenfalls vermittelt er uns den Eindruck, als sei das das höchste zu erstrebende Glück. Der aufmerksame Leser seines Buches wird freilich schnell bemerken, dass es auch unter den Pirahã jede Menge von Schulderfahrungen gibt. Nicht nur Diebstal, auch brutaler und hinterlistiger Mord gehören zur Wahrheit des glücklichsten Volkes. Das Schuldproblem wird, so beschreibt es Everett eindrücklich, durch Ächtung oder durch Schweigen gelöst. So hat man dann eben Freunde, die man besser nicht auf ihre Morde anspricht (vgl. S. 222–223). Eine überzeugende Vision für ein Leben, dass von Vertrauen und Glück geprägt ist?

Zwei abschließende Bemerkungen:

Zum einen macht das Beispiel von Everett deutlich, wie wichtig für Missionare eine solide theologische Ausbildung ist, in der auch fundamentaltheologische Fragen durchdacht werden. Everett hat sich nach einer Zeit im Exzess und mit Drogen durch die Begegnung mit evangelikalen Christen bekehrt. Der Erfahrung seiner Schuld entsprach der erfahrene Zuspruch der Vergebung. Solche Erlebnisse sind existentiell. Nichts daran ist verwerflich. Allerdings kann aus ihnen ein Frömmigkeitsstil erwachsen, der diese Erfahrung zur Grundlage des Glaubens erklärt. Wird dann irgendwann, z.B. durch einen Kulturwechsel, die Schulderfahrung relativiert, bleibt nicht mehr viel übrig. Everett, ein nachdenklicher Mensch, scheint grundlegende Fragen des christlichen Glaubens nie wirklich durchdacht zu haben und hatte so auf dem Missionsfeld der Mystik des Augenblicks bei den Pirahã nicht mehr viel entgegenzusetzen. Leidenschaft reicht also bei einem Ruf in die Mission nicht aus. Die Klärung wichtiger theologischer Fragen gehört zur Zurüstung hinzu.

Auf Seite 394 seines Buches legt Everett ein erstaunliches Bekenntnis ab: »Hätte ich mir die Zeit genommen und etwas über dieses Volk gelesen, bevor ich es zum ersten Mal besuchte, so hätte ich erfahren, dass Missionare sich schon seit über hundert Jahren um ihre Bekehrung bemüht hatten.« Ich musste den Satz zweimal lesen. Everett hat sich tatsächlich mit seiner damaligen Familie bei einem bis dahin unerreichten Stamm niedergelassen, ohne sich vorher gründlich über die Geschichte dieses Volkes zu informieren (obwohl es Literatur dazu gibt)? Ein guter Missionar kennt seine Bibel und die Zielkultur! Also auch hier: Leidenschaft reicht nicht. Es gehört zur Pflicht eines Missionars, sich so gut als möglich über die Kultur, in der er sich niederlässt, zu informieren.

Vaughan Roberts: Gottes Plan – kein Zufall!

201104121924.jpgDie Bibel ist nach wie vor das meistverkaufte Buch. Trotzdem ist heute der durchschnittliche Europäer nahezu unwissend, was den Inhalt der Heiligen Schrift angeht. Bei Christen steht es um die Bibelkenntnis meist nur geringfügig besser. Wir kennen die zwei großen Teile, also das Alte und das Neue Testament. Wir haben unsere Lieblingsverse und -geschichten, so wie Vers 16 im 3. Kapitel des Johannesevangeliums oder das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Aber kennen wir den heilsgeschichtlich bedeutsamen Unterschied zwischen dem Noahbund und dem Abrahambund? Haben wir uns schon mal gründlich mit den Spreisevorschriften oder dem Aufbau des Tempels beschäftigt? Was eigentlich ist das Reich Gottes? Ist uns beim Bibellesen schon der Christus des Neuen Testamentes im Alten Testament begegnet?

Christen, die eine gute Sonntagsschule oder Jungschararbeit kennengelernt haben, sind im Vorteil. Sie erinnern sich an den Auszug von Ägypten, Daniel und die Löwengrube oder die Speißung der Fünftausend. Da aber auch in der Kinder- und Jugendarbeit oft das Spieleprogramm das Erlernen biblischen Stoffes ersetzt hat, ist auch die christliche Sozialisation keine Garantie dafür, dass die Bibel ein vertrautes Buch ist.

Nun ist eine Arbeitshilfe von Vaughan Roberts erschienen, die helfen kann, die Grundlinien der Bibel von Anfang bis Ende besser zu verstehen. Gottes Plan – kein Zufall!, erschienen beim 3L-Verlag, will jungen und gereiften Christen einen Überblick über die gesamte Bibel verschaffen und dabei zeigen, dass alle 66 Bücher dieses einen dicken Buches aufeinander bezogen sind und in einem engen Verhältnis zu Jesus Christus stehen.

Vaughan Roberts ist Rektor der anglikanischen St. Ebbe’s Kirche in Oxford (Großbritannien) und seit 2009 President des Proclamation Trust, einem Werk, dass besonders den auslegenden Predigtstil stärken möchte. Roberts hat viel Stoff aus dem Klassiker Gospel and Kingdom von Graeme Goldsworthy übernommen, aber dem Buch ein eigenständiges Profil verliehen. Einer kurzen Einleitung in die Bibel folgen acht Kapitel, die angefangen vom Schöpfungsbericht bis hin zum vollendeten Reich im Buch der Offenbarug führen. Die Kapitel sind mit Schlüsselversen, ansprechend gestalteten Tabellen und Abbildungen angereichert (vgl. die Abbildung anbei). Am Ende jeden Kapitels befinden sich Fragen zum vertiefenden Weiterstudium.

Da das Buch nur 158 Seiten umfasst, musste sich der Autor auf die wichtigsten Themen beschränken. Aber die Vereinfachung mitsamt einiger Unschärfen ist die klare Stärke des Buches. Der Leser erkennt schnell wichtige Grundmuster, die das erschließen der Heiligen Schrift enorm erleichtern. So lässt sich Bibel leichter im Zusammenhang lesen. Roberts:

Mit Ausnahme von einigen der Sprüche enthält die Bibel keine isolierten Aussprüche. Ich sollte mich davor in Acht nehmen, wahllos zuzugreifen und einzelne Verse ohne Rücksicht auf ihren Zusammenhang zu entnehmen. Es ist nahezu unvermeidlich, dass ich die Bibel missverstehe, wenn ich sie auf diese Weise lese. Jeder Vers muss im Kontext des Kapitels, in dem er auftaucht, verstanden werden, und jedes Kapitel im Licht des Buches als Ganzem. Und es gibt einen größeren Zusammenhang, den wir ebenso berücksichtigen müssen: die gesamte Bibel.

Roberts liest die Bibel christozentrisch. Er stellt klar heraus, dass Gott schon immer den Plan hatte, Jesus Christus als den Retter für die Welt zu senden. »Die ganze Bibel«, schreibt Roberts, »weist vom Anfang bis zum Ende auf ihn hin«. Obwohl der Autor so wegführt von der vorschnellen Frage: »Was bedeutet der Text für mich«, wird es dem Leser möglicherweise trotzdem »warm ums Herz«. Mir ging es bei der Lektüre ein wenig so wie den Jüngern von Emmaus. Nachdem Jesus ihnen Mose, die Propheten und alle Schriften »auf Christus hin« ausgelegt hatte, fragten sie sich: »Brannte nicht unser Herz, als er unterwegs mit uns redete, als er uns die Schriften aufschloss?« (Lk 24,32).

Das Buch mit kann die Bibellektüre erheblich bereichern und beleben. Ich empfehle es herzlich!

Hier eine Leseprobe und die Abbildung von oben als PDF: Schaubild.pdf.

Das Buch:

  • Vaughan Roberts: Gottes Plan – kein Zufall!: Die Bibel im Zusammenhang erklärt, Waldems: 3L Verlag 2011, 158 S., 12,20 Euro

kann hier bestellt werden:

Gemeinden und übergemeintliche Werke – Freunde oder Feinde?

Die neue Ausgabe des 9Marks-eJournals beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Kirchengemeinden und Übergemeintlichen Werken (parachurches).

Are the church and parachurch friends or foes?

The short answer is, they can be either. Healthy and accountable parachurch ministries strengthen local churches. Undiscerning and unaccountable parachurch ministries undermine them.

The question we’d like to pose to you, if you’re a leader in a church or a parachurch, is whether you know what makes the difference.

Every author in this eJournal is a fan of parachurch ministries. A majority of us work for one! But the first order of business is determining what’s unique about each and how the two should relate to one another. Mack Stiles, Carl Trueman, and Aaron Menikoff help us answer these questions by establishing a vision.

Next, we need some practical advice for both the parachurch worker and the church leader on how to pursue a wise and fruitful partnership. Byron Straughn addresses the parachurch worker, Andy Johnson and Jeramie Rinne the church leader, D. A. Carson and I everyone.

What’s the ideal partnership? It’s one where the parachurch exists to protect the local church, says Mack Stiles. It pursues its good agenda thereby enabling the church to focus on its unique Christ-given mission. In Jeramie Rinne’s words, it’s one where the parachurch gives church members a venue for fulfilling all the godly ambitions that godly preaching inspires within them.

Hier geht’s zum Journal: www.9marks.org.

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