Syst. Theologie

Die Kultivierung der Auslese

Ernst-Wolfgang Böckenförde hatte in seinem Aufsatz »Warum nicht PID?« in der FAZ vom 14. März 2011 für den uneingeschränkten Schutz des menschlichen Lebens plädiert. Damit fand Bockenförder erwartungsgemäß nicht nur Zustimmung.

In einem am 24. März veröffentlichten Brief distanzierte sich ein Leser nicht nur von dem christlichen, sondern auch von dem kantschen Begriff der Menschenwürde, demnach der Mensch in sich selbst Zweck ist und niemals Mittel zum Zweck sein darf. Unter Berufung auf die postmoderne Kommunikationstheorie von Niklas Luhmann forderte der FAZ-Leser einen Würdebegriff der Performance. Würde verdient demnach eine Person dann und nur dann, wenn sie sich selbt als souveräne und individuelle Person darstellen kann. Die Würde für einen Embryo spiele also keine Rolle, »weil er sich noch nicht selbst darstellen« könne. Menschenwürde solle nur jemand für sich in Anspruch nehmen, der sinnvolles Kommunizieren beherrsche (siehe FAZ vom 24. März 2011, Nr. 70, S. 34).

Am 26. März veröffentlichte die FAZ ein weiteres Schreiben. Diesmal brachte ausgerechnet ein Theologieprofessors den darwinistischen Zugang ins Spiel, der an Nietzsches »Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf!« erinnert (KSA, Bd. 2, S. 90). Wir hätten, so der Autor, in den letzten 150 Jahren viel dazugelernt, was das Wesen des Lebens anbeträfe. Eine Betrachtung des Einzelnen ohne Einbeziehung der Leben ermöglichenden Population sei sinnlos. Wenn es einen ethischen Referenzpunkt gäbe, so sei das »die Tatsasche des übergreifenden Lebensprozesses, der sich seit mehr als drei Milliarden Jahren auf dieser Erde behauptet hat, innerhalb dessen wir Menschen die Fähigkeit erlangt haben, den Prozess der genetischen Entwicklung durch die seit etwa hundert tausend Jahren verfügbare Intelligenz und die seit etwa sechstausend Jahren verfügbaren Sprachen und die seit zehn Jahren verfügbare – allerdings noch recht primitive – Technologie der Gentechnik gezielt zu beschleunigen.« »Wir selbst existieren nur«, schreibt der Verfasser weiter, »weil ungeheuerlich viele Arten auf dem Weg in die Zukunft sterben mussten, aber wir verbieten den Umgang mit genetischen Änderungen, weil einzelne Zellen eliminiert werden, deren Strukturen nachweisbar zu Krankheiten und Beeinträchtigungen bei einzelnen Menschen führen.« Ein möglicher Missbrauch von Freiheit dürfe uns »nicht daran hindern, die übergreifende Bestimmung des Menschen als Teil eines planetarischen Lebensauftrages zu sehen. Und dieser Lebensauftrag sagt ganz klar, dass wir noch keinesfalls am ›Ziel‹ sind« (siehe FAZ vom 26. März 2011, Nr. 72, S. 8).

Schließlich meldete sich in einem Leserbrief, der am 5. April veröffentlicht wurde, auch noch ein Mediziner zu Wort. Auf persönliche Erlebnisse mit lebensmüden Schwerstbehinderten anspielend, fragt er, ob nicht »bei einigen genetisch geschädigten Embryonen die Menschenwürde nur dann erhalten geblieben wäre, wenn sie nicht ausgetragen worden wären?« Die Aussortierung nach PID wäre – so gesehen – »eine Möglichkeit, die Menschenwürde von Embryonen zu bewahren« (siehe FAZ vom 5. April 2011, Nr. 80, S. 17).

Düstere Stellungnahmen. Ich kann nur hoffen, dass die Autoren selbst nie in Umstände hineingeraten, die es ihnen schwer machen, ihr personales Wesen positiv unter Beweis zu stellen. Mir scheint diese Kultivierung der Auslese die Ablösung vom christlichen Menschenbild zu spiegeln. Georg Simmel schrieb in seiner Philosophie des Geldes (Georg Simmel: Philosophische Kultur, Frankfurt am Main 2008, S. 590, zitiert nach einem Newsletter des Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie):

Tatsächlich ruht die ganze vom Christentum beherrschte Entwicklung der Lebenswerte auf der Idee, dass der Mensch einen absoluten Wert besitzt; jenseits aller Einzelheiten, aller Relativitäten, aller besonderen Kräfte und Äußerungen seines empirischen Wesens steht eben »der Mensch«, als etwas einheitliches und unteilbares, dessen Wert überhaupt nicht mit irgendeinem quantitativen Maßstab gewogen und deshalb auch nicht mit einem bloßen Mehr oder Weniger eines anderen Wertes aufgewogen werden kann.

Der evangelische Bonner Ethikprofessor Ulrich Eibach hat treffend zwischen Person und Persönlichkeit unterschieden. Persönlichkeit ist das, was uns konkret von einem anderen Menschen entgegentritt. Person jedoch ist der unzerstörbare Wesenskern, den auch Personen haben, deren »Persönlichkeit« für uns nur schwer feststellbar ist: z. B. Ungeborene, geistig Behinderte oder im Koma Liegende. Die unantastbare Würde der Person hängt gerade nicht am Beweis ihrer Persönlichkeit, also an dem Vorhandensein aller Körperteile, an bestimmten geistigen Fähigkeiten oder an der Fähigkeit, sich selbst verteidigen zu können.

Nach biblischem Verständnis ist ein Mensch auch dann eine unantastbare Person, die als »Ebenbild Gottes« geschaffen wurde, wenn das Menschliche kaum noch zu erkennen ist. So war die Persönlichkeit des besessenen Geraseners, der wie ein Tier lebte, fraß und brüllte, kaum noch menschlich zu nennen (vgl. Lk 8, 26–39). Doch Jesus sah in ihm ein Ebenbild Gottes. Durch die Befreiung aus der Macht des Bösen erschien die Persönlichkeit des Mannes wieder und er saß da und redete vernünftig, als wäre nie etwas gewesen. Hätte man ihn als Tier einstufen dürfen, nur weil das Menschliche kaum noch zu erkennen war? Und wer legt dann fest, welche äußeren Kennzeichen und Verhalten einen Menschen zum Menschen zu machen?

In der biblischen Ethik ist dem Menschen die Definitionsgewalt dafür, wer Mensch ist und Menschwürde genießt, entzogen. Wenn der Mensch anfängt zu definieren, welche seiner Mitmenschen Personen sind und welche nicht, ist letztlich niemand mehr sicher.

Zeit für Gottes Gegenwart

Kürzlich habe ich mal wieder ein älteres Buch aus dem Regal genommen, um ein wenig darin zu stöbern. Die Festschrift zum 70. Geburtstag von Jürgen Moltmann erschien 1996 unter dem Titel Die Theologie auf dem Weg in das dritte Jahrtausend (Gütersloh: Chr. Kaiser).

Das Buch enthält Aufsätze renommierter Theologen, darunter Christian Link, Wolfhard Pannenberg, Nicholas Woltersdorff oder Hans Küng. Die Qualität der Beiträge ist schwankend. Der gelehrte Beitrag von Miroslav Volf spiegelt den Einfluss von George Lindbeck, Michael Foucault und Nancey Murphey auf seine Theologie. Im Zeichen der Heiligen Geistin steht der Aufsatz von Elisabeth Moltmann-Wendel, der Ehefrau von Jürgen Moltmann (die übrigens über den Theologiebegriff von Hermann Friedrich Kohlbrügge promovierte). Der Titel »Wohnt in meinem Fleisch nichts Gutes?« verrät viel. Die Zeit sei gekommen, dass der feministische Spiritualismus die frauen- und körperfeindlichen Bahnen der paulinischen Theologie aufbreche und an der anfänglichen Jesusbewegung anknüpfe. »Wir brauchen eine Frauenkirche« (S. 323).

Bemerkenswert finde ich den Aufsatz »Zeit für Gottes Gegenwart« von Ingolf U. Dalferth (Universität Zürich). Sein Text enthält so viele gute Anstöße, dass ich einige längere Zitate wiedergebe:

Wir leben in einer schnellebigen Zeit. Keine andere Generation hat so viele Aufbrüche in die Zukunft erlebt wie wir, und keine hat ihre Aufbrüche in so schneller Folge wieder korrigieren und revidieren müssen. Trägt morgen noch, was heute gilt, wenn doch schon heute kaum mehr hilft, was gestern galt? Immer schneller entschwindet die Vergangenheit, und unsere Schwierigkeiten wachsen, aus ihr für Gegenwart und Zukunft zu lernen. Wir sind skeptisch geworden und trauen unseren Traditionen nicht mehr. Erweisen sie sich doch zunehmend als untauglich, die Probleme unserer Gegenwart zu begreifen oder gar zu lösen, weil sie in Lebenserfahrungen gründen, die nicht die unserer Zeit und Epoche sind. Uns haben sie daher immer weniger zu sagen. Sie werden uns täglich fremder. (S. 146)

Gott ist gegenwärig und in seiner Liebe hier und jetzt wirksam – aus dieser Einsicht lebt der Glaube, und das und nichts anderes ist das wirklich Wesentliche, das die Kirchen auch heute den Menschen in aller Deutlichkeit zu sagen schuldig sind. Das ist keine harmlose Botschaft, denn diesen Glauben gibt es nicht ohne die permanente Anfechtung, die der oft unerträgliche Widerspruch unserer faktischen Wirklichkeitserfahrung zu diesem Glauben darstellt: Wenn Gott als Liebe gegenwärtig wirksam ist, wie kann unsere Welt und unser Leben dann so sein, wie sie sind? Ohne von Sünde und von einer Schöpfung zu reden, die noch nicht ist, was sie sein soll und sein wird, läßt sich die Glaubenswahrnehmung der gegenwärtigen Wirksamkeit von Gottes Liebe nicht öffentlich verantworten. Wer auf die Rede von Sünde, Schuld und Verhängnis verzichten will, verharmlost den Glauben und spricht ihm gerade das ab, was ihn auszeichnet: daß er aufgrund seiner Wahrnehmung der Gegenwart von Gottes Liebe höchst sensibel macht (oder doch machen sollte) für die vielfältigen offenen und verdeckten Widersprüche gegen Gottes Liebe in unserer Erfahrungswelt. Glaubende leiden an diesen Widersprüchen, suchen sie zu beseitigen und wissen doch, daß sie diese Widersprüche durch ihr eigenes Tun nicht aus der Welt schaffen können, weil sie weder die Folgen ihres Handelns zureichend kontrollieren noch die Voraussetzungen ihres Lebens umfassend in den Griff bekommen können. Glauben gibt es deshalb auch nicht ohne die Hoffnung auf Gottes eigene Vollendung dessen, was als Gegenwart seiner Liebe wahrgenommen wird und doch oft nur kontrafaktisch bekannt werden kann. (S. 151)

Die Bedeutung des Glaubens ist seine Wahrheit, und diese Wahrheit gilt für alle oder für niemand. Wenn Gott so gegenwärtig ist, wie die Christen glauben, dann haben es alle mit Gott zu tun, ob das von allen wahrgenommen wird oder nicht.

Einwände, die auf die Kontextualität des christlichen Glaubens, die angebliche Relativität seiner Wahrheit oder den autoritären Charakter seines Absolutheitsanspruchs verweisen, verwirren wohl zu unterscheidende Sachverhalte. Daß christlicher Glaube nur konkret und damit in kontextueller Bestimmtheit gelebt werden kann, macht seine Gültigkeit nicht abhängig von bestimmten Kontexten: Die Wahrheit christlichen Glaubenslebens hängt an der Wahrheit des Evangeliums, dem sich der Glaube verdankt, nicht umgekehrt. Es macht auch keinen Sinn zu sagen, dieser Glaube sei ›für mich wahr‹, aber nicht notwendig auch für andere. Was immer unter ›Wahrhei‹ verstanden wird: Wer sagt ›Das ist für mich wahr‹, sagt damit ›Ich glaube, daß es wahr ist‹, und beansprucht eben damit, daß es nicht nur für ihn, sondern auch für andere gilt. Die Wahrheit des Glaubens hängt nicht daran, daß sie geglaubt wird, sondern daß die Wirklichkeit so ist, wie geglaubt wird. Wenn aber wahr ist, daß Gott so gegenwärtig ist, wie der Glaube bekennt (nämlich als erbarmende und alles neu machende Liebe), dann gilt das universal, überall und immer und unbeschadet dessen, was wir davon halten oder wie wir uns dazu verhalten.

In diesem Sinn impliziert der Glaube an Gott eine realistische Einstellung zur Wirklichkeit. Damit ist er von grundlegend anderer Art als die postmoderne Attitüde, die vorgibt, zwischen Konstruktion und Wirklichkeit, Gott und unseren imaginativen Gottesbildern und Gottesvorstellungen nicht sinnvoll unterscheiden zu können. Wie immer, wenn eine halbe Wahrheit zur ganzen erklärt wird, wird damit alles falsch. Die richtige Einsicht in das unbegrenzte Diskurspotential der Sprache verführt dazu, sich von einer realistischen Einstellung zu den Wirklichkeiten, in denen wir leben, zu verabschieden. Daß damit eine der zentralen Errungenschaften aufgeklärten Denkens, die kritische Unterscheidung von Wahrheit und Macht, zunehmend unterminiert wird, wird meist nicht gesehen. Doch seit Sokrates gegenüber den Sophisten deutlich machte, daß die Wahrheit zu wissen etwas anderes sei als sich eine Meinung einreden zu lassen, war die Unterscheidung von Wahrheit und Macht für das europäische Denken grundlegend. An ihr hängen nicht nur Wissenschaft, Philosophie und Theologie im uns bekannten Sinn, sondern auch Moral, Politik und das Funktionieren demokratischer Gesellschaften. Auch wenn es in kaum einem Bereich völlig verläßliche Methoden zur Gewinnung von Wahrheitsgewißheit gibt, bedeutet das keineswegs, daß auf die kritische Frage nach der Wahrheit, nach dem, was unter allem Möglichen wirklich ist und in der Vielfalt des Gemeinten mit Recht Geltung beanspruchen kann, verzichtet werden könnte. Wo die damit anvisierten Unterscheidungen nicht mehr gemacht werden, wird verantwortliches Handeln und damit menschliches Leben unmöglich. Wo gehandelt wird, werden solche Unterscheidungen in Anspruch genommen, und in allen lebensrelevanten Bereichen wissen wir sie auch mehr oder weniger gut zu gebrauchen, was immer uns konstruktivistische Theoretiker einreden möchten. Versuchen wir aber nicht selbst nach bewährten Kriterien zwischen wahr und falsch, gültig und ungültig, möglich und wirklich zu unterscheiden, sondern überlassen das andern, wird Wahrheit mit der Meinung derer gleichgesetzt, die die Macht besitzen, oder – wie in unseren Gesellschaften – mit dem, was Mehrheiten glauben oder Medien glauben machen. Und wir sollten uns dann nicht wundern, daß in unseren Gesellschaften nicht mehr die Bemühung um Wahrheit und Wissen, sondern vor allem die Fähigkeit zählt, Sprache und Medien so zu benützen, daß Mehrheiten für die eigene Meinung oder die eigenen Interessen gewonnen werden. Wo die wirklichkeitserschließende Kraft der Sprache bestritten und ihr die Fähigkeit zur Referenz auf sprachunabhängige Wirklichkeit abgesprochen wird, steht zu befürchten, daß Wahrheit von Mehrheiten und Marktgesetzen abhängig gemacht wird. Selbst Religionen werden zunehmend nach diesem Muster betrachtet: als ein Markt der Möglichkeiten für Sinnangebote, aus denen wir nach unseren individuellen Wünschen und Bedürfnissen, aber nicht unter dem Gesichtspunkt von Wahrheit und Unwahrheit auswählen. (S. 154–156)

Die Theologie der vergangenen Jahrzehnte hat nicht unwesentlich zu diesen Entwicklungen beigetragen. Sie hat weithin das methodologische Dogma übernommen, daß nicht Gottes Wirklichkeit und wirksame Gegenwart, sondern allein die religiösen Phänomene menschlicher Existenz und Geschichte auf rational vertretbare und akademisch respektable Weise erforscht werden können, und sie hat – oft ohne dies zu merken – mit den Methoden der entsprechenden Wissenschaften auch deren Vorurteile übernommen. Was sich nicht auf empirischem und historischem Weg thematisieren lasse, sei Sache privater Überzeugungen, individueller Wünsche und Vorstellungen oder vielleicht noch sozialer Bedürfnisse, auf jeden Fall etwas, das allenfalls Gegenstand sozialwissenschaftlicher, nicht aber theologischer Untersuchungen sein könne. Es ist höchste Zeit, daß sich die Theologie von diesem irreführenden methodologischen Dogma verabschiedet. Es gibt nichts, wovon sie reden oder was sie erforschen könnte, wenn es Gott nicht gibt. (S. 156)

Du sollst nicht töten

Daniel Deckers schreibt am 16. April in einem FAZ-Kommentar zur PID:

Im Fall der PID reichen weder der Wunsch nach einem gesunden Kind noch die Verpflichtung, größeres Leid zu lindern, aus, um dieses Verfahren a priori oder auch nur in bestimmten Extremfällen als sittlich geboten erscheinen zu lassen. Denn die PID ist auch deswegen umstritten, weil sich auf dem Weg der Technikfolgenabschätzung – analog zu der sittlichen Bewertung der Kernenergie – Gesichtspunkte ergeben, die die Vermutung nahelegen, es könne zu einer irreversiblen Veränderung der Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens kommen: von der Unterscheidung zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben bis zu der Wahrnehmung von Schwangerschaft als einem Geschehen auf Probe, das die emotionale Bindung der Mutter an das werdende Leben wesentlich beeinträchtigt. Der stärkste Einwand gegen die PID ergibt sich noch immer aus der Abwägung von Rechtspflichten gegen Tugendpflichten. Wie kann es zulässig sein, in der Erfüllung der Tugendpflicht zu helfen eine unabdingbare Rechtspflicht (»Du sollst nicht töten«) zu verletzen?

Die Antwort auf diese Frage hängt indes von der Prämisse ab, ob der Embryo auch in vitro jener Schutzverpflichtung der Rechtsordnung unterliegt, die die Verfassung in der Achtung und im Schutz der Menschenwürde jeder Person zuspricht. An der Auslegung von Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes durch das Parlament und womöglich durch das Bundesverfassungsgericht wird sich im konkreten Fall der PID zeigen, welches Bild sich unsere Gesellschaft von sich selbst macht: Ob man in ihr von Beginn an als Mensch gleichberechtigter Teil der menschlichen Gemeinschaft ist oder ob man erst nach von der Gesellschaft festzulegenden Kriterien zum Menschen werden darf.

Hier der sehr lesenswerte Kommentar: www.faz.net.

Eine Pille für die Moral

Gibt es in Zukunft ein Medikament, das Schwerverbrecher in Gutmenschen verwandelt? Neue Studienergebnisse mit Psychopharmaka klingen vielversprechend.

Es gibt bereits Medikamente, die das Verhalten von Menschen beeinflussen: Psychopharmaka hellen die Stimmung auf, andere Medikamente beruhigen nervöse oder ängstliche Menschen, und manche Wirkstoffe verändern sogar das Sozialverhalten, wie der Arzneistoff Fluoxetin.

Er wird Patienten eigentlich verschrieben, die an einer Depression leiden, aber neuere Untersuchungen zeigen, dass er Menschen harmoniebedürftiger macht und auch Einfluss auf ihre Moralvorstellung hat.

Wenn solche Effekte möglich sind, könnten dann Pillen in Zukunft unsere Vorstellung von Gut und Böse beeinflussen? Dann würde eine Behandlung mit »Moral-Pillen« den Gefängnisbesuch ersetzen. Schwerverbrecher bekämen dann nicht 15 Jahre Knast, sondern lebenslang ein Medikament verabreicht.

»Für Schwerverbrecher könnte so eine Pille sinnvoll sein, wenn sie sicherstellt, dass sie nicht mehr straffällig werden, indem sie ihnen die Aggressivität raubt«, sagt Thorsten Galert von der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Wir hatten das alles schon mal. Vor einigen Jahrzehnten schlug man uns vor, das Trinkwasser mit LSD anzureichern. Das hebe die Stimmung.

Hier der Artikel »Eine Pille, die Menschen moralischer macht«: www.welt.de.

Soll es noch ein ärztliches Ethos geben?

Ein Beschluss der Bundesärztekammer verändert das Berufsbild des Arztes in einschneidender Weise: Die deutsche Ärzteschaft stellt sich selbst (!) die Mitwirkung bei der Selbsttötung frei.

Das Philosophin Petra Gehring beschreibt in einem Beitrag für die FAZ einen stillen aber dramatischen Wandel im Selbstverständnis der Ärzteschaft. Mit der neuen Regelung sollen die »verschiedenen und differenzierten Moralvorstellungen von Ärzten in einer pluralistischen Gesellschaft« anerkannt werden, heißt es im Vorwort der neuen Grundsätze. Praktisch ist nun die Duldung der Beteiligung von Ärzten an assistierten Suiziden ausgesprochen.

Professorin Gehring schreibt:

Die Sache klingt bürokratisch, aber es geht um Leben und Tod. Am 21. Januar 2011 hat die Bundesärztekammer ihre Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung verändert. Die zuvor geltende Fassung stammte aus dem Jahr 2004 und war zum Zeitpunkt ihrer Verabschiedung umstritten, weil sie bei schwerstgeschädigten Neugeborenen und Wachkomapatienten auch ohne Vorliegen einer Patientenverfügung den Verzicht auf lebenserhaltende Maßnahmen – auch: Ernährung und Flüssigkeit – vorsah. Die Diskussion darüber, ob ein solches Verhungernlassen von Komapatienten erlaubt sein soll, währte nur kurz. Wohl auch, weil für Sterbende unter der juristischen Formel »Änderung des Behandlungszieles« etwas Ähnliches bereits einige Jahre vorher eingeführt worden war. Tatsache ist: Arztentscheidung beziehungsweise Betreuerentscheidung können seit 2004 den Tod von schwerstbehinderten Neugeborenen und Komapatienten herbeiführen, und zwar ohne deren erklärten Willen und obwohl Wachkomapatienten lange leben und manchmal sogar wieder aufwachen, also keine Sterbenden sind.

Die neuen Grundsätze sind demgegenüber eine Revolution. Erstens eröffnen sie für neue Patientengruppen – Demenzkranke – den Pfad einer Gabe des Todes ohne erklärten Sterbewillen, also allein durch Arzt und Betreuer, zweitens verzichten sie auf jegliche Abgrenzung gegen aktive Sterbehilfe, und drittens stellen sie Ärzten die Beteiligung an Selbsttötungen frei. Die Situation Hilfloser in der Klinik verändert sich dramatisch: Auch für Verwirrte werden Betreuer nun zu Herren über Leben und Tod. Wohl noch dramatischer verwandelt sich aber das Profil des Arztberufs. Die Beteiligung an Selbsttötungen hat mit Krankenbehandlung nichts zu tun. Warum also der im Januar beschlossene Schritt?

Hier der Beitrag: www.faz.net.

Das Böse: Es macht ihnen Spaß

_images_I_41WAwWn33aL._SL160_.jpgDie Lust an der Grausamkeit ist größer als alle moralischen Hemmungen. Drei neue Studien gehen dem Ursprung des Bösen nach. Über Die Lust am Bösen: Warum Gewalt nicht heilbar ist von Eugen Sorg schreibt DIE WELT:

Für Eugen Sorg, den weitgereisten Reporter mit psychiatrisch belehrtem Blick, ist die Antwort klar. Das Böse ist eine Leidenschaft, die nur sich selbst kennt. Es ist keine Folge pathogener Zustände, keine Ausgeburt von Verzweiflung und keine Rache für erlittenes Unrecht. Das Böse ist auf der Welt, seit Menschen sich dazu entschließen, Böses zu tun.

Die Übeltäter wissen genau, dass ihre Untaten unrecht sind. Aber der Spaß an der Grausamkeit ist größer als alle Hemmnisse. Bosheit ist durch keine Zivilisation zu tilgen. Menschen sind gewalttätig, nicht weil sie müssen, sondern wenn sie dürfen. Nicht soziale, seelische, politische oder kulturelle Umstände produzieren Gewalt. Sie eröffnen nur Gelegenheiten, welche die Subjekte allzu gern nutzen.

…

Sorgs Belege für die brutalen Potenzen des Gattungswesens sind erdrückend. Umso stärker ist sein Zorn auf die Verleugnung des Bösen, auf die Torheit falscher Hoffnung, die den medialen und akademischen Diskurs bestimmt. Sorgs Buch steht in der besten Tradition einer Kritik der Illusionen und Klischees. Der populäre Therapiekult glaubt beharrlich an die Heilbarkeit des Bösen.

Hier mehr: www.welt.de.

Augustinus: Gottesstaat und Menschenstaat

Aurelius Augustinus unterscheidet in seiner – allerdings noch nicht voll entwickelten – »Staatstheorie« zwischen einem vergänglichen Staat, in dem der Mensch mit Macht regiert und einem unvergänglichen Staat, zu dem diejenigen gehören, die sich von der himmlischen Liebe leiten lassen (De civitate Dei XIV,28):

Demnach wurden die zwei Staaten durch zweierlei Liebe begründet, der irdische durch Selbstliebe, die sich bis zur Gottesverachtung steigert, der himmlische durch Gottesliebe, die sich bis zur Selbstverachtung erhebt. Jener rühmt sich seiner selbst, dieser »rühmt sich des Herrn«. Denn jener sucht Ruhm von Menschen, dieser findet seinen höchsten Ruhm in Gott, dem Zeugen des Gewissens. Jener erhebt in Selbstruhm sein Haupt, dieser spricht zu seinem Gott: »Du bist mein Ruhm und hebst mein Haupt empor.« In jenem werden Fürsten und untertworfene Völker durch Herrschsucht beherrscht, in diesem leisten Vorgesetzte und Untergebene einander in Fürsorge und Gehorsam liebevollen Dienst. Jener liebt in seinen Machthabern die eigene Stärke, dieser spricht zu seinem Gott: »Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke.«

Open Theism

201103250527.jpgZum Buch über den »Open Theism« (d.i. eine Gotteslehre, die verneint, dass Gott die Zukunft kennt):

  • J. Piper; P.K. Helseth u. J. Taylor: Beyond the Bounds: Open Theism and the Undermining of Biblical Christianity, Wheaton, Illinois: Crossway Books, 2003, 395 S.

schreibt J.I. Packer:

Here is a weighty tract for the times, in which a dozen Reformed scholars survey the »open theism« of Pinnock, Sanders, Boyd, and colleagues, and find it a confused, confusing, and unedifying hypothesis that ought to be declared off limits. Some pages are heavy sledding, but the arguing is clear and strong, and the book is essential reading for all who are caught up in this discussion.

Der hilfreiche Sammelband kann hier gratis heruntergeladen oder über den nachfolgenden Button gegen Bezahlung bestellt werden:


VD: JT

Einspruch im Namen der Menschenwürde

Am Donnerstag soll im Bundestag über PID abgestimmt werden. Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde meint, die PID sei ein Selektionsinstrument. Der Staat kann niemanden zu der Entscheidung ermächtigen, ob ein anderer weiterleben darf oder verworfen wird.

Die Würde, die ein fertiges Wesen auszeichnet, lässt sich nicht von seinem Lebensprozess abspalten, muss diesen vielmehr mit umfassen. Nimmt man nämlich eine bestimmte Phase dieses Lebensprozesses von der Anerkennung und Achtung, die dem Menschen von seiner Würde her geschuldet ist, aus oder sucht sie prozesshaft abzustufen, weil er doch erst ein Acht- oder Sechzehnzeller sei und zur ohnehin ungewissen Nidation noch nicht gekommen sei, reißt man ein Loch in die Entwicklung des einzelnen individuellen Menschen selbst. Soll die Achtung der Würde jedem Menschen als solchem gelten, muss sie ihm von Anfang an, dem ersten Beginn seines Lebens zuerkannt werden.

Dieser erste Beginn des eigenen Lebens des sich ausbildenden und entwickelnden Menschen liegt nun aber in der Verschmelzung von Samenzelle und Ei, dem Abschluss der Befruchtung. Durch sie bildet sich ein gegenüber Samen- und Eizellen, die auch Formen menschlichen Lebens sind, neues und eigenständiges menschliches Lebewesen. Das ist heute gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnis. Auch die Stellungsnahme der Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften geht davon aus, dass mit der Bildung des neuen Zellkerns das vollständige individuelle menschliche Genom entstanden ist.

Es sind, wie Herta Däubler-Gmelin in einem nun bald zehn Jahre zurückliegenden großen Interview (Däubler-Gmelin: Würde des Embryos ist unbezweifelbar) feststellte, alle Grundvoraussetzungen und Fähigkeiten dafür vorhanden, dass ein individueller Mensch entsteht beziehungsweise sich als solcher entwickelt. Das genetische Programm der Entwicklung ist fertig vorhanden, bedarf keiner Vervollständigung mehr oder eines qualitativen Sprunges, entfaltet sich vielmehr von innen her nach Maßgabe eigener Organisation. Hier, und nicht erst irgendwann später, setzt die Würde des Menschen ein und ebenso die Verpflichtung der Rechts- und Verfassungsordnung, sich schützend vor dieses Leben und seine Entwicklung zu stellen.

Hier der Artikel: www.faz.net.

Die Liebe siegt? Eine Buchbesprechung über »Love Wins« von Rob Bell

Das Buch Love Wins von Rob Bell schlägt hohe Wellen bevor es überhaupt erschienen ist. Das liegt vor allem an dem hier schon vorgestellten provokativen Videoclip (so erzielt man heute hohe Auflagen). Wer schon mehr von Rob Bell gelesen oder gehört hat, wird von dem Video übrigens kaum überrascht sein können (siehe z.B. hier). Tim Challies, Buchautor und Blogger aus Kanada, hat das Buch bereits gelesen und eine Buchbesprechung verfasst, die ich hier mit freundlicher Genehmigung wiedergebe. Übersetzt wurde die Rezension von Ivo Carobbio, dem ich dafür herzlich danke!

Die Liebe siegt?

Eine Buchbesprechung von Tim Challies über Rob Bells Buch: Love Wins: A Book About Heaven, Hell, and the Fate of Every Person Who Ever Lived, HarperOne; Auflage, 224 S.

Fragen zu stellen, ist wichtig. Durch die richtigen Fragen gelangt man zu einem tieferen Verständnis der Wahrheit und wächst in seiner Liebe zu Gott – besonders dort, wo es um die schwierigeren Lehren des christlichen Glaubens geht. Fragen können aber auch dazu missbraucht werden, die Wahrheit zu verschleiern. Sie können genauso leicht dazu verwendet werden, vom rechten Weg wegzuführen als auf ihn hinzuweisen. Eva weiß ein Lied davon zu singen …

Werfen wir einen Blick auf Rob Bell. Er hat in den vergangenen sieben Jahre viel Zeit damit verbracht, in seiner manchmal nachdenklichen und oft entmutigenden Art Fragen zu stellen. Ist er mit seinen Fragen und deren Antworten – egal wie diese ausfallen mögen – zu Ende, bleiben mehr Fragen offen als davor. Diese Tendenz zeigt auch sein neuestes Buch „Love Wins: A Book About Heaven, Hell, and the Fate of Every Person Who Ever Lived“. In diesem Buch stellt Bell seine wohl brisanteste Frage: Schickt ein liebender Gott wirklich Menschen für alle Ewigkeit zur Hölle?

Im Zuge dieser Rezension werden Sie vielleicht Antworten auf Fragen wie diese erwarten: Stimmt es, dass Rob Bell lehrt, so etwas wie die Hölle gebe es gar nicht? Ist es wahr, dass Rob Bell der Ansicht ist, niemand gehe an diesen Ort? Sie werden den Artikel schon zu Ende lesen müssen, denn offen gesagt: Die Antworten auf diese Fragen sind nicht so einfach.

Die Art seiner Fragestellung ist genauso bedeutsam wie die Fragen selbst: „Hat Gott über tausende von Jahren hinweg tatsächlich Milliarden von Menschen geschaffen, um nur einige wenige für den Himmel zu erwählen, während alle anderen ewige Höllenqualen leiden müssen? Wäre das eines Gottes würdig? Wo soll man da von einer ‚guten Nachricht‘ sprechen?“ Es heißt: Wer die Fragen stellt, gewinnt schließlich auch die Debatte. Das trifft insbesondere dort zu, wo ein Gespräch schon zu Anfang durch solche Fragestellungen präformiert wird. Egal, auf welche Seite man sich schlägt – man kann nur verlieren. Das ist nicht böse gemeint; dahinter verbirgt sich auch kein Wortspiel.

„Die gefährliche Zersetzung der Botschaft Jesu“

Bell beginnt sein Buch mit überraschender Offenheit: Die Botschaft Jesu sei zugunsten verschiedenster Erzählungen verdeckt worden, an deren Verkündung Jesus gar nicht interessiert gewesen sei. „Man hat das Eigentliche vergessen. Nun ist es an der Zeit, es wieder zu verkünden“ (Vorwort, vi).

Einer erschreckenden Mehrheit von Menschen ist erzählt worden, dass es nur einer kleinen Anzahl ausgesuchter Christen vergönnt sei, an jenen friedlich-ruhigen und freudevollen Ort zu gelangen, den man ‚Himmel‘ nennt, während der Rest der Menschheit seine Ewigkeit an einem Ort ewiger Qual und Strafe zubringen muss, ohne jemals auf eine Veränderung dieses Zustands hoffen zu dürfen … Diese Aussage ist jedoch fehlgeleitet und schädlich; sie zersetzt letztlich die ansteckende Botschaft Jesu von Liebe, Frieden, Vergebung und Freude, die unsere Welt so dringend hören muss“ (vi).

Lesen Sie dieses Zitat ruhig noch einmal. Sie haben sich nicht verlesen! Rob Bell meint es völlig ernst. Auch, wenn es erst gegen Ende deutlich wird.

„Der Himmel ist ein Ort auf dieser Welt – und wir sind seine Schöpfer“

Bell spricht in seinem Buch viel von Zeit und Raum bzw. von der eigentlichen Bedeutung der biblischen Aussagen über Zeit und Ort von Himmel und Hölle. Er bringt Offenbarung 21 ins Spiel und betont, dass die himmlische Stadt, das Neue Jerusalem schließlich auf die neue Erde herabkommt. Er bekräftigt: Der Himmel ist ein realer Ort, an welchem allein Gottes Wille geschieht; die Vereinigung von Himmel und Erde steht aber noch aus (S. 42f). Das sind Aussagen, die man als Christ wohl kaum in Frage stellen dürfte.

Bell führt seine Argumentation zu folgendem Schluss: Der Himmel wird einst auf die Erde herabkommen; nehmen wir den Himmel wirklich ernst, dann müssen wir auch das gegenwärtige Leiden auf der Welt jetzt ernst nehmen. Wir sind daher aufgerufen, „schon jetzt am künftigen Leben teilzunehmen. Genau das geschieht auch, wenn wir die Zukunft in die Gegenwart ziehen“ (S. 45). Die Rolle der Menschheit wird mit diesen Worten neu definiert: Wir sind nicht so sehr Gottes Verwalter, sondern seine Partner, denn wir „nehmen am noch andauernden Schöpfungsprozess und an der Freude der Welt teil“ (S. 180); wir setzen uns für die Schaffung einer neuen Gesellschaftsordnung mit Jesus ein (S. 77). Wenn er von sozialer Gerechtigkeit spricht, bedient sich Bell gerne der Sprache von Partnerschaft und Teilnahme.

Was ist nun mit der Hölle? Ist die Hölle eine zukünftige Wirklichkeit – oder ist sie nicht vielmehr im Hier und Jetzt? Ist die Hölle ein Ort auf Erden oder doch woanders? Es scheint, als habe die Hölle weniger mit dem zu tun, was wir Gott angetan haben, sondern mehr mit dem, was wir einander antun. Bell liest die Warnungen Jesu vor der göttlichen Strafe so, als richteten sie sich nur an das Zeitliche, nicht an das Zeitliche und an das Ewige. Die Warnungen seien an die Adresse der religiösen Führer von damals gerichtet gewesen und hätten nur sehr wenig mit der Wirklichkeit anderer Zeitalter zu tun, behauptet er (S. 82f). Die Hölle sei „ein Begriff, der das große, weitreichende und schreckliche Übel meint, das aus den geheimen, verborgenen Tiefen unserer Herzlosigkeit kommt und welches sich bis zum überwältigenden, gesellschaftsweiten Zusammenbruch und zum Chaos entwickelt, wenn wir nicht so in Gottes Welt leben, wie er sich das vorstellt“ (S. 95). Nicht mehr von Feuer und vom Zorn ist die Rede; es gibt nichts mehr, was uns nicht innerlich wäre. Leugnet Rob Bell etwa die Existenz der Hölle? Er selbst würde dies verneinen. Die Hölle gibt es, würde er sagen. Allerdings muss er sie vorher umgedeuten. Das aber ist nichts weiter als eine schlaue Form der Leugnung.

Auslegungsakrobatik

Was Bell wirklich glaubt und lehrt, ist nur äußerst schwer ausfindig zu machen. Der Leser sieht sich auf der Spur vieler Fährten, die in verschiedene Sackgassen führen. Jedesmal, wenn Bells Argumente einen kritischen Punkt erreichen, wechselt er das Thema, statt seine Argumente stichhaltig und logisch zu begründen. Einem Kreuzverhör jedenfalls hielte dieses Buch nicht stand. Es zeigt nur wenig Geschlossenheit und innere Stärke.

Dem Leser werden oft langatmige Erklärungen als Fakten verkauft: „Die christlichen Tradition hat seit dem ersten Jahrhundert der Gemeinde mit Nachdruck in den Mittelpunkt gestellt, dass die Geschichte keine Geschichte der Tragik ist und die Hölle nicht für ewig dauert, sondern dass am Ende die Liebe siegt.“ Stimmt das? Das sagt sich leicht. Nur wo bleiben die Beweise? Wieder und wieder verweist Bell auf die Ursprachen, vermeidet es aber, Ausleger zu zitieren oder Quellen anzugeben. Es sagt etwa: „‚Ewig‘ – das ist eine Kategorie, wie sie die biblischen Schreiber so nicht verwendet haben.“ Beweise hält er nicht für nötig. Wie gesagt: So etwas sagt sich leicht, doch wer beweist es uns? Kann es aus rechtmäßigen Quellen erschlossen werden?

Das ganze Buch hindurch unternimmt Bell, was man im besten Fall „Auslegungsakrobatik“ bezeichnen kann, besonders dort, wo er um den Ewigkeitsbegriff (das griechische „aion“) kreist, jenes kleine Wörtchen, das in seiner Argumentation eine zentral Stelle einnimmt.

„Aion“ wird meist mit „ewig“ oder „immerwährend“ wiedergegeben. Bell behauptet, der Begriff könne auch „Zeitalter“, „Zeitdauer“ oder sogar „die Intensität einer Erfahrung“ bedeuten. Für diesen Ansatz verweist er flüchtig auf das Gleichnis von den Schafen und den Böcken (Mt 25,31-46) und bemüht sich zu zeigen, dass die ewige Strafe gar nicht ewig andauere, sondern nur eine intensive Zeit der Sichtung bezeichne.

Doch hier ist der Knackpunkt: In der Tat können die Begriffe „aion“ und „aionos“ für „Zeitalter“ oder „Zeitdauer“ stehen; sie stehen eben aber auch für den Begriff des Ewigen. Erst der Zusammenhang des Textes erlaubt die richtige Deutung. Angenommen, diese Begriffe seien tatsächlich nur mit „Zeitalter“ oder „Zeitdauer“ wiederzugeben: was, wenn wir sie auf Johannes 3,16 anwenden (auch dort steht „aionos“)?

Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verlorengehen, sondern eine Zeitlang das Leben haben.

Das ist nicht sehr ermutigend, nicht wahr? Bell könnte einwerfen, es müsse heißen: „ein Leben in Fülle“ (wodurch an die „Intensität der Erfahrung“ angeknüpft wäre – eine Anspielung auf Johannes 10,10). Was kommt dabei heraus? Wir sehen uns mit einem Glauben konfrontiert, der sich mehr damit befasst, das bestmögliche Leben zu leben, anstatt Jesus nachzufolgen.

Die frohe Botschaft ist mehr

An einigen Stellen des Buches ist Bell durchaus recht zu geben, besonders da, wo er einige unsinnige Theorien zur Sprache bringt, die sich einige Leute zusammengedacht haben, um Gottes absolute Souveränität infrage zu stellen. Doch auch hier sind seine Antworten nicht zufriedenstellend: Selbst seine guten Kritikpunkte führen zu schlechten Schlussfolgerungen.

Bell scheint sich bei seiner Sache seiner Undurchsichtigkeit zu erfreuen. Er mag es, Karikaturen gegensätzlicher Sichtweisen zu erschaffen, die jeglicher Logik und allem Mitgefühl entbehren. Sich selbst stellt er dabei als Opfer hasserfüllter, gefährlicher, ja, giftiger Mitbewohner des Internets dar, die glauben, es sei „die höchste Form von Treue gegenüber Gott, andere anzugreifen, zu verleumden und zu verlästern, die die Glaubensfragen auf andere Art und Weise formulieren als sie selbst“ (S. 185).

Rob Bell macht sich so zum Märtyrer seiner eigenen Sache. Wer ihm widerspricht, wird schon von vornherein mundtot gemacht – eine höchst nützliche Technik, wenngleich man sie kaum als fair bezeichnen kann. Zwischenzeitlich tut er so, als ob jene, die – mit seinen eigenen Worten – glauben, „wir bekommen dieses Leben und nur dieses Leben, um an Jesus zu glauben“ – eine Sichtweise übrigens, der die große Mehrheit der Christen in der Geschichte leidenschaftlich verteidigt hat – nur Rauchwolken erzeugen, statt sich aufrichtig mit der Schrift auseinanderzusetzen. Geschickt definiert er die Fragen und Antworten neu und verrückt dabei die Kampflinien.

Mit dem Versetzen dieser Linien gerät er näher und näher in die Gefahr der Gotteslästerung, etwa wenn er auf 1 Timotheus 2 verweist (wo Paulus sagt, dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen). Er reflektiert über die traditionelle (orthodoxe) Sichtweise über die Hölle und fragt:

Wie groß ist Gott? Ist er groß genug, zu erreichen, was er sich vorgenommen hat? Oder ist er nur ein wenig groß, nur meistens groß? Wenn es um das Schicksal von Milliarden Menschen geht, dann erreicht er diese Größe nicht ganz; dann erreicht er nur eine recht bescheidene Größe.

Ein Gott, der es zulässt, dass Menschen wirklich in die Hölle kommen, kann Bell zufolge kein großer Gott sein. Die traditionelle Sichtweise, die besagt, dass er es zulassen wird, ist „verheerend … psychisch erdrückend … erschreckend, traumatisierend und unerträglich“ (S. 136f).

Gott ist bestenfalls „irgendwie“ groß, „ein wenig“ groß – groß darin, einige zu erretten, doch darin böse, andere verlorengehen zu lassen. Das sind gefährliche Worte! Gott Böses zuzuschreiben – da überkommt einen ein Grauen.

Was ist mit der frohen Botschaft? Wo bleibt sie und was macht sie aus? Bell präsentiert uns in seinem Buch ein Evangelium ohne Zweck: Seinem Bibelverständnis nach ist der Mensch im Wesentlichen in Ordnung. Klar sündigen wir, aber wir haben die freie Wahl, Gott zu unseren eigenen Bedingungen zu lieben. Selbst hier noch scheint er zu glauben, dass sich die meisten Menschen Gott zuwenden würden, bliebe ihnen nur genug Zeit.

Hier ist die Liebe!

Wenn „Love Wins“ Bells Sichtweise zu Himmel und Hölle wiedergibt (oder wenigstens unser Verständnis seines Buches seine Sichtweise zu Himmel und Hölle richtig darstellt), dann ist er als Befürworter einer Art „christlichen Universalismus“ entlarvt. Eine solche Etikettierung würde er freilich verneinen, ganz wie er dazu neigt, jede Etikettierung abzulehnen. Das Ganze sieht aus wie eine Ente, quakt wie eine Ente und – naja, Sie wissen ja, wie’s weitergeht.

Sobald den Moslems, Buddhisten und Baptisten aus Cleveland die Tür geöffnet wird, wird es vielen Christen unbehaglich. Sie sagen, Jesus spiele nun keine Rolle mehr, das Kreuz sei nicht länger von Bedeutung und überhaupt könne man glauben, was man wolle und so fort.

Das stimmt aber nicht. Nein, das ist absolut, unmissverständlich und unveränderlich falsch.

Jesus hat gesagt, er und er allein rettet jedermann.

Und dann hat der die Tür weit, weit aufgemacht und alle Arten von Möglichkeiten geschaffen. Er ist so eng wie er selbst und so weit wie das Universum.
…

Die Menschen kommen auf den verschiedensten Wegen zu Jesus.
…

Manchmal gebrauchen sie dabei seinen Namen; manchmal tun sie’s nicht.
…

Manche Menschen empfinden eine solche Last beim Namen „Jesus“; wenn sie dem Geheimnis begegnet, wie es sich überall in der Schöpfung findet – Gnade, Frieden, Liebe, Anerkennung, Heilung, Vergebung –, dann ist das letzte, an das sie zu denken geneigt sind, der Name „Jesus“.
…

Wir können beobachten, was Jesus wiederholt tut, und das bei ständiger Erinnerung an den Ernst der Nachfolge und eines Lebens, wie er es gelebt hat und daran, ihm zu vertrauen: Er vergrößert die Möglichkeit und die Reichweite seines Erlösungswerks.

Das ist genau das, was wir unter „Universalismus“ verstehen. Und das gibt Anlass, traurig zu sein. Als Christen brauchen wir nicht noch mehr Verwirrung. Was wir brauchen, ist Klarheit. Wir brauchen Lehrer, die allein das ernst nehmen, was die Bibel sagt, egal wie hart diese Wahrheiten auch sein mögen, und lassen Sie uns ehrlich sein – so manche Wahrheiten sind nun mal sehr, sehr schwer zu schlucken.

Ja, die Liebe wird siegen, aber nicht diese Art von Liebe, über die Bell in seinem Buch spricht. Denn diese Liebe gründet allein in der Ansicht, der Mensch sei der Hauptgegenstand der Liebe Gottes. Die ganze Geschichte kann – so Bell – in folgenden Worten zusammengefasst werden: „Denn so sehr liebte Gott die Welt.“ Eine solche Liebe kann jedoch der wunderbaren Liebe Gottes, wie die Bibel sie uns offenbart, nicht das Wasser reichen. Wir haben es mit einem Gott zu tun, der „seine Liebe zu uns dadurch beweist, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm 5,8), der sich nicht so sehr deshalb für uns einsetzt, weil seine Liebe zu uns so groß ist, sondern weil er so groß ist (Jes 48,9; Ez 20,9.14.22.44; 36,22; Joh 17,1–5).

Das ist die Liebe, die siegt! Das ist die Liebe, die uns bewegt, unseren Nächsten genug zu lieben, um ihn zu drängen, dem kommenden Zorn zu entfliehen. Unsere Liebe für die Menschen bedeutet gar nichts, wenn wir nicht zunächst und zumeist Gott genug lieben, um die Wahrheit über ihn zu sagen.

Tim Challies, am 3. März 2011

Dieser Text wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors von Ivo Carobbio übersetzt. Tim Challies ist über seinen Blog erreichbar: Challies_on_Love_wins.pdf.

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