2010

Gottes Wort als Aufgabe der Theologie

Hans Joachim Iwand schreibt in Glauben und Wissen (Nachgelassene Werke 1, S. 189–190):

Wir werden also zur Kenntnis nehmen müssen, daß wir mit Gott nur so und in der Weise ins Verhältnis treten können, daß Gott selbst ein solches Verhältnis — aus freier Gnade und eben in dem Akt seiner Hinwendung zu uns setzt. Dies Verhältnis ist nicht je schon da. Alles je schon als Verhältnis Daseiende ist von der Art, daß wir zwar von ihm ausgehen können, also etwa davon, daß wir Geschöpfe sind, etwa davon, daß wir in unserem Existenzverständnis uns schlechthin abhängig wissen, etwa davon, daß wir im Gewissen den Ruf Gottes vernehmen, etwa davon, daß im allgemeinen Sittengesetz eine Verantwortung für mein Tun vorliegt, — es gibt viele, immer wieder benutzte religiöse und ethische Aprioris (Anknüpfungspunkte!), von denen man ausgehen kann. Aber deren keines führt in Wahrheit zu Gott. Denn zu Gott führt nur, was von ihm selbst her kommt. Und eben dies ist die besondere, die ausgezeichnete Stellung, die dem Wort zukommt. Das erst heißt an die Offenbarung glauben, daß wir das Wort unter uns haben. Daß wir es als eine Sache sui generis haben, mitten in allem, was wir hier an Religionen und an ethischen Kämpfen und Möglichkeiten in dieser Gigantomachie des Geistes besitzen. Fremd und souverän, nicht von unten, sondern wirklich von oben, immer diese seine Herkunft bezeugend, sich in nichts einordnend, sondern alles Geordnete, weil ohne Gott Geordnete, in Frage stellend, so steht das Wort in unserer Menschheitsgeschichte. Und die Bibel ist die Erzählung von dem Geschehen dieser Fremdlingschaft des Wortes Gottes mitten unter den nationalen und spirituellen Kulten und Religionen des alten und jüngeren Orients. Auf einmal geht da eine Erscheinung auf, wie der Stern von Bethlehem, auf einmal ist das Wort da und es sind ein paar Menschen da, die von daher, die aus der Verheißung leben! Und eben damit ist der Glaube da.

Brilliant!

Die Evangelikalen sind eigentlich nicht gefährlich …

Thomas Schirrmacher hat die Kritik an Christians Wulffs Verbindung zu ProChrist genauer unter die Lupe genommen. Im Deutschlandradio hat Kirsten Dietrich in einem Interview am 22.6.2010 Anklage gegen ProChrist als »fundamentalistische Bewegung« erhoben (Quelle hier). Anlass war ihre Kritik an der Mitgliedschaft von Christian Wulff im Kuratorium von ProChrist.

Schirrmacher schreibt:

Einmal ganz davon abgesehen, dass Frau Dietrich offensichtlich mit religiösen Veranstaltungen überhaupt wenig anfangen kann, etwa wenn sie am Beispiel von Wulff vor allem erst einmal erkennt »dass jede Religion immer auch irrationale Elemente hat« (seit wann gilt das nur für Religion und nicht auch für Medien, Kunst oder Politik?) und sie Irrationales offensichtlich lieber verbieten würde. Also ganz davon abgesehen, klingen ihre Beschreibungen der ProChrist-Veranstaltungen immer irgendwie negativ und verschwörerisch. Die Veranstaltungen sind ‚perfekt organisiert‘! Ist das etwas Schlimmes oder einfach nur typisch deutsch? Und dann: »Also da gibt es Vernetzungen.« Ja, gibt es die denn irgendwo nicht mehr? Wieso klingt der Vorwurf ›Netzwerk‹ in Dietrichs Mund mehr nach Al Kaida als nach Facebook?

Die entscheidende Frage ist nun aber: Welche Belege hat Dietrich vorzubringen, dass ProChrist in ähnlicher Weise als fundamentalistisch einzustufen ist, wie Osama bin Laden oder fundamentalistische Hindus, die derzeit in Indien Muslime und Christen töten, da das Land nur Hindus gehöre?

Nein, nein, in diesem modernen Sinn sind sie gar keine Fundamentalisten, so Dietrich, sondern im »eigentlichen Sinn des Wortes«, womit eine Gruppe Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichnet wurde. (»Ja, es ist eine fundamentalistische Bewegung, wenn man den eigentlichen Sinn des Wortes Fundamentalismus nimmt. Das bedeutet ja eigentlich nicht von der Entstehung her den bärtigen Terroristen, den man heute damit assoziiert.«)

Hier mehr: www.thomasschirrmacher.info.

Gottesleugnung als Verkaufsschlager

Der Physiker Stephen Hawking hat die Schwerkraft zum alleinigen Geburtshelfer allen Lebens erklärt und damit Schwung in den Buchmarkt gebracht. Norbert Lassau schreibt für DIE WELT:

Die beste Werbung für ein neues Buch sind provokative, polarisierende Zitate, die man ungefähr eine Woche vor Erscheinen des Werkes lanciert. Diese sollten bei möglichst vielen Zeitgenossen große Emotionen hervorrufen, dabei ruhig auch bestimmte Gruppen der Bevölkerung verletzen und zugleich von anderen inbrünstige Zustimmung erheischen. Autoren, denen dieses Kunststück gelingt, dürfen vom ersten Verkaufstag an mit einem Platz in den Bestsellerlisten rechnen. Das gilt sogar für populärwissenschaftliche Bücher.

Der katholischer Pater Robert Barron hat inzwischen Hawkings Szientismus treffend kritisiert:

So another prominent British academic has weighed in on the God question. Stephen Hawking, probably the best-known scientist in the world, has said, in a book to be published a week before the Pope’s visit to Britain, that the universe required no Creator. (I’m sure, of course, that there was no »intelligent design« behind that choice of publication date!). I confess that something in me tightens whenever I hear a scientist pontificating on issues that belong to the arena of philosophy or metaphysics. I will gladly listen to Stephen Hawking when he holds forth on matters of theoretical physics, but he’s as qualified to talk about philosophical and religious issues as any college freshman. There is a qualitative difference between the sciences, which speak of objects, forces, and phenomena within the observable universe, and philosophy or religion which speak of ultimate origins and final purposes. Science, as such, simply cannot adjudicate questions that lie outside of its proper purview—and this is precisely why scientists tend to make lots of silly statements when they attempt to philosophize.

Hier mehr: wordonfire.org.

East Asia Journal of Theology ist online

Rob Bradshaw hat etliche Ausgaben des East Asia Journal of Theology digitalisiert. Rob:

Ich sehe in dieser Ergänzung einen bedeutenden Meilenstein für die Entwicklung der Theologie im Internet, da es sich um die erste nicht-westliche theologische Zeitschrift handelt, die ich anbiete. Das ist auch insofern wichtig, da immer mehr Besucher der Seite aus Ostasien stammen.

Hier das Archiv: www.biblicalstudies.org.uk.

Der verschwenderische Gott

201008311018.jpgIn seinem Buch Der verschwenderische Gott legt Keller das Gleichnis vom verlorenen Sohn aus. Oder: das Gleichnis von den zwei verlorenen Söhnen, wie es besser heißen müsste. Denn Keller zeigt, dass der ältere Sohn ebenso verloren ist wie der jüngere – und womöglich noch schwerer aus seiner Verlorenheit zu befreien.

Mit frischer, ungestelzter Sprache, scharfsinniger Menschenkenntnis und Beispielen aus aktuellen Büchern und Filmen führt Keller uns vor Augen, dass Jesus in diesem Gleichnis seinen Zuhörern die gesamte biblische Botschaft in einer unnachahmlich verdichteten Form präsentierte.

Das Buch:

  • Timothy Keller: Der verschwenderische Gott: Von zwei verlorenen Söhnen und einem liebenden Vater, Gießen: Brunnen, 2010, 140 S., 11,95 Euro

kann hier bestellt werden:

Glauben fängt mit dem Zweifel an

Der postmoderne Skeptizismus hält es für eine Wahrheit, dass nichts wahr ist. Erst wenn auch diese Wahrheit radikal in Zweifel gezogen wird, kommt man zum Grund der Erkenntnis.

In der Nacht vom 10. zum 11. November 1619 hatte der damals 23 Jahre alte René Descartes drei Träume mit grossen Folgen für Europa. Alles, was Descartes bis dahin bestimmt hatte, will er in dieser Nacht hinter sich gelassen haben. In seinen Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, die ungefähr 20 Jahre später erschienen (1641), beschreibt er es folgendermas sen: «… ich will so lange weiter vordringen, bis ich irgendetwas Gewisses, oder, wenn nichts anderes, so doch wenigstens das für gewiss erkenne, dass es nichts Gewisses gibt» (Meditationen, S. 21).

Descartes hat das Bedürfnis nach Gewissheit. Mittels des radikalen und methodischen Zweifels sucht er nach dem, was nicht mehr bezweifelt werden kann. Er scheint selbst überrascht darüber, dass man so gut wie alles anzweifeln kann. Er sieht sich gezwungen, einzugestehen, «dass an allem», was er früher für wahr hielt, «zu zweifeln möglich ist» (Meditationen, S. 41). Das Letzte, was er nicht mehr bezweifeln kann, entdeckt Descartes im Selbstbewusstsein: «Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schliesslich zu der Feststellung, dass dieser Satz: ‹Ich bin, ich existiere›, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist» (Meditationen, S. 22). Descartes hatte sein Fundament gefunden. Sein «cogito ergo sum» («Ich denke, also bin ich») ist für ihn eine unerschütterliche Grundlage für das Erschliessen der Welt.

Hier geht es weiter: www.factum-magazin.ch.

Der Nation die Ehre zurückgeben?

Sarah Palin rief am Wochenende vielen Tausenden Demonstranten zu: »Wir müssen Amerika erneuern, wir müssen die Ehre Amerikas wiederherstellen«. Organisator der Veranstaltung war der ultra-konservative TV-Moderator Glenn Beck. Der Mormone stand vor dem Lincoln Memorial und rief Amerikas Christen zur Erweckung auf: »Heute beginnt Amerika damit, sich wieder Gott zuzuwenden.«

Russel D. Moore hat die bizarre Kundgebung treffend kommentiert:

Rather than cultivating a Christian vision of justice and the common good (which would have, by necessity, been nuanced enough to put us sometimes at odds with our political allies), we’ve relied on populist God-and-country sloganeering and outrage-generating talking heads. We’ve tolerated heresy and buffoonery in our leadership as long as with it there is sufficient political »conservatism« and a sufficient commercial venue to sell our books and products.

Too often, and for too long, American »Christianity« has been a political agenda in search of a gospel useful enough to accommodate it. There is a liberation theology of the Left, and there is also a liberation theology of the Right, and both are at heart mammon worship. The liberation theology of the Left often wants a Barabbas, to fight off the oppressors as though our ultimate problem were the reign of Rome and not the reign of death. The liberation theology of the Right wants a golden calf, to represent religion and to remind us of all the economic security we had in Egypt. Both want a Caesar or a Pharaoh, not a Messiah.

Hier der vollständige Text: www.russellmoore.com.

Der gefälschte Glaube

51BvWNbkAeL._SL160_.jpgKenda Creasy Dean hat den Glauben von Jugendlichen in Amerika untersucht. Das Ergebnis überrascht mich nicht. Das, was den Teenies geboten wird, nennt sie »moralistischen, therapeutischen Deismus«. CNN hat mit der Professorin des Princeton Theological Seminary gesprochen:

Your child is following a »mutant« form of Christianity, and you may be responsible. Dean says more American teenagers are embracing what she calls »moralistic therapeutic deism.« Translation: It’s a watered-down faith that portrays God as a »divine therapist« whose chief goal is to boost people’s self-esteem. Dean is a minister, a professor at Princeton Theological Seminary and the author of »Almost Christian,« a new book that argues that many parents and pastors are unwittingly passing on this self-serving strain of Christianity. She says this »imposter’« faith is one reason teenagers abandon churches. »If this is the God they’re seeing in church, they are right to leave us in the dust,« Dean says. »Churches don’t give them enough to be passionate about.«

Mir gefällt das Zitat von Elizabeth Corrie im CNN Artikel:

Wir denken, dass sie [gemeint sind die Jugendlichen] Kuchen wollen, aber sie wollen eigentlich Steak mit Kartoffeln. Wir aber geben ihnen einfach weiterhin Kuchen.

Das Buch mit der Forschungsarbeit:

  • Kenda Creasy Dean: Almost Christian: What the Faith of Our Teenagers Is Telling the American Church, Oxford University Press, 2010, 264 S.

gibt es hier:

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