Juni 2011

Keller, Horton, Chandler: Kirche und Kultur

Alle drei Diskutanten sprechen sich erfreulicherweise gegen eine politische Instrumentalisierung der Institution Kirche aus und kritisieren damit (mehr oder weniger direkt) die heute so populäre transformative Theologie, die den Kulturauftrag der Kirche besonders hervorhebt. Michael Horton unterscheidet in seiner ersten Stellungnahme sehr klar zwischen Schöpfung und Reich Gottes. Alle Menschen sind zur Teilhabe an der Schöpfung und zu ihrer Gestaltung berufen. Besonderer Auftrag der Kirche bleibt die Verkündigung des Evangeliums und das »zu Jüngern machen«.

Die drei Gesprächsteilnehmer verweisen zudem angemessen auf die sehr wohl wichtige individuelle Verantwortung eines jeden Christen innerhalb der Gesellschaft (also das weltliche Regiment).

Die Feldbusch des Protestantismus

Margot Käßmanns weichgespülter Kuschelglaube manifestiert sich in dem Buch Sehnsucht nach Leben. Denken ist überflüssig – man muss ihr einfach glauben. Jemand hat das Buch für DIE WELT gelesen und bissig rezensiert:

Denn die moralisch Gefallene brauchte nur eine blitzartige Turbo-Auszeit von wenigen Monaten, um als Märtyrerin ihrer selbst vom Olymp der Halbgötter hinabzusteigen und dem geistig dürstenden Volk ihre Glaubensbotschaft zu überbringen: Die Gezeichnete als Gesegnete.

»Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand« – das Zitat von Arno Pötzsch, mit dem sie sich vor Jahresfrist in ihr amerikanisches Sühne-Sabbatical verabschiedete, ist derweil zum Leitmotiv ihrer beachtlichen Bücherproduktion geworden.

Der Satz ist so wunderbar handlich und passt zu jeder Lebenssituation. Irgendwo zwischen Hegel und Nina Ruge (»Alles wird gut«) angesiedelt, hilft er dem Gestrauchelten, wieder aufzustehen. Wären die »Pleite-Griechen« nicht Anhänger der orthodoxen Kirche, müsste man ihnen Käßmann ans Herz legen.

»Sehnsucht nach Leben« heißt ihr jüngstes Werk, das sogleich die Bestsellerlisten eroberte. Nach Veröffentlichungen wie »Was ich Dir mitgeben möchte« und »Meine Füße auf weitem Raum« geht es in der schmalen Fibel wieder einmal um das große Ganze: »Sich sehnen, das ist etwas sehr Emotionales, da geht es um ganz Eigenes, es schwingen Lebensfragen, Hoffnungen mit.«

Hier: www.welt.de.

Interview mit Ranald Macaulay

Bruce Little interviewt Ranald Macaulay über Leben und Werk von Francis Schaeffer. Ranald ist mit Susan, einer Tochter von Francis und Edith Schaeffer verheiratet. Er hat viele Jahre bei L’Abri mitgearbeitet. Heute ist der Direktor des Christian Heritage in Cambridge (England).

Das Gespräch, das viele Einblicke in das Studienzentrum von L’Abri eröffnet, geht ungefähr eine Stunde. Das Thema Grazy for God wird ab Minute 42 angerissen.


»Pop« im Gottesdienst

D.H. Williams, Professor für die Theologie der Kirchenväter an der Baylor University (USA), hat einen ausgezeichneten Artikel über die wachsende Konsumkultur in den evangelikalen Gemeinden bei CT veröffentlicht:

Our consumerist culture has co-opted many churches, creating a mall-like environment marked by splashiness and simplistic messages. When the church becomes essentially a purveyor of religious goods and services, it reinforces the believer’s own consumerist habits, allowing him to pick and choose according to taste or functionality. Inhaling from the cultural atmosphere a mania for unlimited choice, churches breathe out as many different programs as possible, looking to accommodate as many different believers as possible. Perhaps unintentionally, this approach treats personal liberty and the inalienable »right« to choose as the highest goods of life.

Ironically, the weight placed on personal experience and freedom from conventional beliefs is reminiscent of early-20th-century Protestant liberalism. Updating their theology for modern fashions, the heirs of Schleiermacher and Hegel emphasized the primacy of the individual’s experience of God, setting aside complicating issues of doctrine as divisive, latently authoritarian, or just plain irrelevant. Despite many important differences between this sort of liberalism and the contemporary evangelical megachurch, there are striking similarities in their approaches to individual experience, popular culture, and socially uncomfortable doctrines.

But the big question remains: In what direction are such churches taking their members? What kind of Christianity will emerge from an overemphasis on appealing to anyone who might attend a church service for any reason? When the apostle Paul became »all things to all people so that by all possible means I might save some« (1 Cor. 9:22), he did not reinvent or re-orient the faith of which he said, »I delivered to you as of first importance what I also received« (1 Cor. 15:3, ESV). The kind of transformation Paul experienced and tried to ignite in the early church was grounded in a tradition that made Christian faith, hope, and love starting points for the believer’s growth. If our post-denominational (or post-Protestant) era continues to elevate personal freedom of choice, the stability of the church’s historical wisdom will be desperately needed.

At the very least, the mere entertainment techniques will never substitute the hard work of teaching believers to acquire the divine life of the Father by the Son through the Holy Spirit. This kind of life may well entail sacrificing certain pleasures of one’s former life or rejecting certain elements of Western culture. And the church that would foster it must have goals that eclipse inclusiveness.

Hier: www.christianitytoday.com.

Was tun mit überzähligen Kirchen?

In Deutschland gibt es rund 27.000 evangelische Kirchen und Kapellen. Für ihren Erhalt gibt die EKD jährlich 1,2 Milliarden Euro aus – dazu kommen noch Spenden, Stiftungen und Zuwendungen der Denkmalpflege. Doch angesichts sinkender Mitgliederzahlen und schrumpfender Einnahmen können nicht mehr alle Gebäude unterhalten werden. Wie man mit dieser Situation umgehen soll, darüber diskutieren Theologen, Architekten, Stadtplaner und Soziologen beim 27. Evangelischen Kirchbautag vom 23. bis 25. Juni in Rostock.

Der Leiter des Kirchenbauinstituts der EKD, Prof. Thomas Erne (Marburg), spricht sich in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea dafür aus, über den Abriss einzelner Kirchen nachzudenken: »Man muss schon über die ein oder andere Kirche diskutieren dürfen. Nicht alle befinden sich am richtigen Standort und nicht alle sind gelungen.« Gebäude, »die nicht mehr stimmiger Ausdruck unserer Erfahrung mit Gott sind«, müsse man verabschieden können. Erne: »Wenn da keiner Einspruch erhebt, kann ich mir vorstellen, dass man da auch mal mit dem Abrissbagger kommen kann.«

Hier der Beitrag des Nachrichtenmagazins idea: www.idea.de.

Schulfach Schwul

Wir haben hier bereits mehrfach darüber diskutiert, ob es zum Auftrag der staatlichen Schulen gehört, Kinder sexuell aufzuklären (z.B. hier). Diese kleinen Debatten über Wahlprogramme hinken der Wirklichkeit weit hinterher. Jenseits des Parteiengezänks und dem (noch) verfassungsmäßig verankerten Schutz der Familie gibt es eine heimlich Übereinkunft: Unsere Kinder sollen umerzogen werden. Sie haben gefälligst so früh als möglich zu lernen, dass ›das Mensch‹ seine sexuelle Identität wählen kann wie eine Partei.

Das ist alles andere als Aufklärung. Den Kindern wird nämlich eine bestimmte Theorie des Geschlechtlichen aufgedrängt. Die Theorie ist keinesfalls plausibel. Sie setzt voraus, dass zwischen »gender« und »sex« zu unterscheiden sei. Der Begriff »gender« stammt aus der Sexualpsychologie. Er entsprang dem Anliegen, sprachlich mit der leidvollen Selbstwahrnehmung mancher Menschen, dem anderen Geschlecht anzugehören, also in einem falschen Körper zu stecken (Transsexualität), umzugehen (siehe hier). Daraus entwickelte sich die Behauptung eines vom biologischen Geschlecht (sex) gelösten sozial konstruierten Geschlechts (gender). Dahinter steckt die Grundannahme, dass Menschen bei der Geburt ein Geschlecht aufgrund von biologischen Merkmalen sprachlich zugewiesen wird. Gender entwickelte sich so zur Sammelbezeichnung für das »soziale Geschlecht«. Geschlecht ist ideologische Hypothese und gesellschaftspolitische Konstruktion. Konsequent weitergedacht bedeutet dies, dass wir Menschen zwischen unsereren Genderidentitäten losgelöst vom biologischen Geschlecht »hin und herspringen«, also latent bisexexuell oder multisexuell sind. Die Einschränkung auf ein vorgegebenes biologisches Geschlecht entspricht der Einfaltung unserer Idendität, also einer Form der Unterdrückung (Zwangsheterosexualität).

Ein Mensch kann, unabhängig vom biologischen Geschlecht, sein soziales Geschlecht frei wählen. Die Gesellschaft wird darauf verpflichtet, diese individuelle Wahl anzuerkennen und zu fördern. Der Körper wird zum passiven Objekt des Selbstentwurfs. Raum für die Erziehung im Sinne dieser »foucaultschen Überschreitung« wird in Zukunft die Grundschule sein.

Die Berliner Zeitung berichtet:

Die ersten Wörter schreiben, plus und minus rechnen, sexuelle Vielfalt kennenlernen – Unterrichtsstoff unserer Erstklässler! Konkreter: Der König heiratet einen König, Onkel Tommy küsst einen Mann, Emily hat zwei Mamis, der Rabe mit dem goldenen Federkleid ist vermutlich transsexuell …

Montag startet Bildungssenator Jürgen Zöllner (65, SPD) eine neue Aufklärungskampagne, die sich an Schüler verschiedener Altersklassen, Eltern und Lehrer richtet. Bestandteil: ein Themen-Koffer mit 25 Bilderbüchern und einem Memory-Spiel, gedacht für Grundschulkinder ab fünf Jahren.

In den Märchen und Geschichten wird Anderssein, Brechen mit Rollen-Klischees, unkonventionelles Zusammenleben thematisiert. Im Mittelpunkt: Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften aufwachsen, deren Eltern Grufties sind oder die von Oma und Opa großgezogen werden.

»Wir zeigen alles, was heute Realität ist«, sagt Conny Kempe-Schälicke (45), Leiterin der Initiative. Sie betont: »Homosexualität soll dabei nicht herausgestellt werden. Vielmehr geht es um Vielfalt. Weg von der klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie, hin zu Modellen, in denen Kindern auch glücklich sein können. Denn das Einzige, was wichtig ist, ist eine liebevolle Umgebung.«

Die Botschaft der Kampagne: Jede Lebensform soll wertgeschätzt werden! »Das muss man Kindern in diesem frühen Alter beibringen, wenn sie gerade lernen, wie Gesellschaft funktioniert«, so Kempe-Schälicke.

Kinder sollten sich Gedanken darüber machen, »wie es ist, wenn man nicht genau weiß, ob man männlich oder weiblich ist. Als Jugendliche können sie sich dann bewusst für eine sexuelle Identität entscheiden, so wie für eine Religion«.

VD: EP

Homeschoolerin: »Wir mussten uns verstecken«

Viele deutsche Homeschooler werden kriminalisiert und von den Behörden drangsaliert. Einige erhielten bereits politisches Asyl in Amerika. Die FAZ stellt heute eine ganz und gar integrierte Homeschoolerin vor:

Katharina ist 22 Jahre alt. Sie arbeitet bei einem führenden Industrieunternehmen als Controllerin. Ihr Abitur machte sie mit der Note 1,8. Anschließend studierte sie Betriebswirtschaftslehre, Abschlussnote 1,9. Sie ist eine sympathische junge Frau mit schulterlangen braunen Haaren. Mit ihrem Mann, einem Landschaftsgärtner, lebt sie in einer Zweizimmerwohnung im ersten Stock seines Elternhauses, eines Fachwerkhauses in einer ländlichen Gegend. Unten wohnt neben den Eltern auch noch sein Bruder. An diesem Abend hat Katharina gekocht, Spätzle mit Gulasch, danach eine Erdbeerkaltschale. Vor dem Essen beten sie und ihr Mann. Beide sind, wie ihre Eltern, bibeltreue Christen.

Fünf von dreizehn Schuljahren hat Katharina zu Hause verbracht, das fünfte bis achte Schuljahr und die Jahrgangsstufe elf. Ihre Eltern haben sie zu Hause unterrichtet. Damit sie nicht im Nachhinein noch angezeigt werden und weil die junge Frau selbst mögliche eigene Kinder ebenfalls zu Hause unterrichten will, möchte Katharina ihren wirklichen Namen nicht nennen. Hausunterricht ist in Deutschland, anders als in Amerika, illegal. Mehrere Kinder von Homeschoolern wurden von den Jugendämtern aus ihren Familien genommen und ins Heim gesteckt. Viele Eltern mussten Geldstrafen zahlen. Einige Familien wanderten nach Amerika aus und erhielten dort politisches Asyl.

Mehr hier: www.faz.net.

Wer sich für das Thema interessiert, findet in einem Buch von Hanniel hilfreiches Material:

  • Hanniel Strebel: Home Education: Verteidigung eines alternativen Bildungskonzepts und Lebensstils unter besonderer Berücksichtigung der Schweiz, Bonn: VKW, 2010

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