2019

Von Selbstbejahung und Selbstverleugnung

John Stott schreibt in einem Buch Die große Einladung über die Selbstliebe (Brunnen, 2004, S. 81–82):

Was die psychologischen Konsequenzen des menschlichen Paradoxes betrifft [dass wir voller Würde und zugleich Verdorbenheit sind, Anm. RK], so wissen wir alle, wie wichtig ein ausgewogenes Selbstbild für unsere seelische Gesundheit ist. Manche Menschen leiden unter entsetzlichen Minderwertigkeitsgefühlen und einem sehr negativen Bild von sich selbst. Andere fallen in das entgegengesetzte Extrem. Der Amerikaner Carl Rogers zum Beispiel, der Begründer der «klientbezogenen Psychotherapie», kam zu der Überzeugung, dass der tiefste Kern des Menschen, die tiefsten Lagen seiner Persönlichkeit, der Grund seiner «animalischen» Natur, einen positiven Charakter haben. Und deshalb sollten wir, wenn es nach ihm geht, eine «bedingungslos positive Sicht von uns selbst» entwickeln.

Dieses Denken floriert auch in der Selbstverwirklichungsbewegung und hat viele Christen eingeholt. Sie vertreten die Meinung, wir sollten Gott, unseren Nächsten, aber zuallererst uns selbst lieben. Doch in Wirklichkeit lautet das biblische Gebot, dass wir unseren Nächsten so lieben sollen, wie wir uns selbst bereits lieben, da wir ja selbstsüchtige Menschen sind. Dass das biblische Gebot keine Aufforderung ist, uns selbst zu lieben, wird aus drei Argumenten deutlich. Erstens bestätigt Jesus das alttestamentliche Doppelgebot (Lukas 10,27), Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Von einem weiteren Gebot: «Du sollst dich selbst lieben», ist nicht die Rede. Zweitens ist Selbstliebe die Essenz der Sünde (2. Timotheus 3,2). Drittens ist die Liebe, die unser Leben prägen soll, jene göttliche Agape-Liebe, die sowohl Opferbereitschaft als auch Dienstbereitschaft beinhaltet, deren «Gegenstand» wir also nicht selbst sein können. Wie könnten wir uns selbst aufopfern, um uns selbst zu dienen?

Was also ist ein angemessenes Selbstbild? Wenn wir uns selbst weder hassen noch lieben sollen, wie sollen wir dann zu uns selbst stehen? Hier kommt wieder das menschliche Paradox ins Spiel. Wir Menschen sollten daran denken, dass wir sowohl ein Produkt der Schöpfung als auch ein Produkt des Sündenfalls sind. Somit bejahen wir dankbar alles in uns, was unserer Erschaffung nach dem Bild Gottes zuzuschreiben ist, während wir alles in uns entschlossen ablehnen oder verneinen, was dem Sündenfall zuzuschreiben ist. Wir sind also sowohl zur Selbstbejahung als auch zur Selbstverleugnung berufen, und wir brauchen ein gutes Unterscheidungsvermögen, um zu erkennen, was in welcher Situation angemessen ist.

Pelagius, der Progressive

Charlotte Allen hat für das Journal FIRST THINGS das Interesse der Progressiven an Pelagius unter die Lupe genommen. Tatsächlich wird seit Jahrzehnten Pelagius rehabilitiert und der Eindruck erweckt, er sei das Opfer eines machtbesessenen Bischofs mit dem Namen Augustinus gewesen. Ali Bonner hat gar in ihrem Buch The Myth of Pelagianismus behauptet, so etwas wie einen Pelagianismus habe es nie gegeben. 

Allens Analyse ist sehr hilfreich, sieht sie doch die Gründe für das Interesse an Pelagius ganz woanders. Seine Sicht von Gott und dem Menschen passt viel mehr in das moderne Weltbild als das seiner Gegner.

In Bonner, we find the true reasons behind this historical revisionism. The rhetorical battle between Pelagius and Augustine boiled down to a political struggle between “ascetic Christians seeking imitation of Christ’s way of life as near perfect as they could achieve in a situation of autonomy,” versus “bishops wanting to extend their control over all Christians through control of access to salvation.” Augustine is the big, bad wolf of “authoritarianism,” while Pelagius is the great patron of authenticity, diversity, and other postmodern gods. The resurrection of Pelagius is, at bottom, a renunciation of Augustine’s vision of God and man, which is to say, the justification of our modern selves.

Hier der vollständige Artikel: www.firstthings.com.

Bindung und Identität

Dr. med. Christl Ruth Vonholdt beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Bindungsforschung und Identitätsentwicklung. Bis 2017 war sie Leiterin des „Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft“ (DIJG) und veröffentlichte in dieser Zeit zahlreiche Artikel zum Themen rund um  Geschlecht, Leiblichkeit, Identität und Sexualität. 

Inzwischen pflegt Frau Vonholdt ein eigenes Blog und publiziert zu hochbrisanten Themen wie Leib, Bindung und Identitätsentwicklung. Die Internetseite ist eine echte Fundgrube. So ist dort etwa der sehr persönliche Bericht einer Frau zu finden, die das Gefühl hatte, im falschen Körper zu leben und so via Behandlungen mit männlichen Hormonen und chirurgische Eingriffen einen „Geschlechtswechsel“ anstrebte. Doch die neue Identität als „Mann“ brachte nicht das erhoffte Glück. Schließlich fand sie zurück zu ihrem Frausein. Sie sagt:

Mein Mannsein war mein Schutzpanzer gegen das Spüren vieler tiefer Verletzungen geworden, es war wie: Das Mädchen, das verletzt wurde, das bin ich ja gar nicht.

Als ich meiner Therapeutin vor den Operationen gesagt hatte, bei mir und meiner Familie sei alles in Ordnung, war ich davon auch überzeugt. In Wirklichkeit waren meine inneren Wunden und Schmerzen so groß, dass ich sie vollständig verdrängt hatte. Ich hatte sie verdrängen müssen, um überhaupt überleben zu können. Erst jetzt hatte ich die Kraft, mich ihnen – ganz allmählich, Schritt für Schritt – zu stellen.

Um zu lernen als Frau zu leben, musste ich die wirkliche Person, die ich tief in mir vergraben hatte, zu Wort kommen lassen. Das bedeutete, dass ich mich all den Schmerzen und vielen vergrabenen Gefühlen stellen musste. Nur wenn die Frau in mir zu Wort kam, konnte sie aber auch – zum ersten Mal in ihrem Leben – Bestätigung, Annahme, Liebe erfahren. Wenn ich lernen würde, mich, mein wirkliches Ich, zu zeigen, würde ich lernen können, Positives zu empfangen, von den anderen, von Gott.

Hier die Adresse: www.christl-r-vonholdt.de.

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Transphober Feminismus

In den USA und England werden die Weichen dafür gestellt, dass die vom Einzelnen gewählte Gender-Identifikation zwingend anzuerkennen ist. Ein Mensch, der von sich behauptet, eine Frau zu sein, müsste dann rechtlich wie eine Frau behandelt werden. Bisher muss so eine Identität ärztlich attestiert und behördlich genehmigt werden. Das führt zu allerlei Problemen, auf die die Frauenbewegung inzwischen aufmerksam macht und viel Kritik erntet. 

Michael Prüller schreibt für DIE PRESSE:

Nun nehmen aber auch moderate Frauenrechtlerinnen zunehmend Anstoß daran, dass biologische Männer, die sich als Frauen deklarieren, in Frauenreservate eindringen, die zwecks Chancengleichheit oder zum Schutz der Intimsphäre oder zur Sicherheit errichtet wurden.

Da geht es etwa um Frauenhäuser, die z. B. in Kanada keine Förderung mehr bekommen, wenn sie nur biologische Frauen aufnehmen – obwohl es dort den Fall Christopher Hambrook gegeben hat, der als Transfrau Jessica im Women’s Shelter Frauen bedrängt hat. Es geht genauso etwa um den Sport: Gegen biologische Männer bleiben im Allgemeinen die biologischen Frauen aufgrund ihrer Physis auf der Strecke. Im Schulsport in Connecticut etwa ist es ohne Vorbedingungen möglich, dass ein Bub als Mädchen an Wettbewerben teilnimmt. Seit 2017 haben dort zwei Schüler 15 Mädchen-Staatsmeistertitel errungen, die davor von zehn Schülerinnen gehalten worden waren.

Mehr hier: diepresse.com.

Herman Bavinck: 6 kritische Gedanken zur Mystik

41AoGcyQAZL SX331 BO1 204 203 200In seiner Ethik hat Herman Bavinck sechs kritische Gedanken zur Mystik formuliert, die ich den Lesern des TheoBlogs nicht vorenthalten möchte (Herman Bavinck, Reformed Ethics, Bd. 1, 2019, S. 309):

1. Mystik und Pietismus verlegen den Sitz des Glaubens in das Gefühl und nehmen daher nicht die Ganzheit unserer Menschlichkeit auf. Das, was am meisten beeinflusst und die Gefühle weckt, wird zentral.

2. Dies führt zu einer Verleugnung der Zielsetzung des Glaubens, d.h. des Wortes, des Briefes, der Sakramente, der Kirche und sogar der Lehre (z.B. Zufriedenheit).

3. Eine weitere Folge ist die Bildung einer schädlichen Gruppen-Mentalität. Die Bekehrten trennen sich selbst, leben getrennt und verlassen Familie und Welt, um für sich selbst zu sorgen. Sie sind Salz nicht innerhalb, sondern am Rand der Welt.

4. Die Idee des Bundes geht völlig verloren. Die Bekehrten und die Nichtbekehrten leben jeweils ihr eigenes Leben, völlig losgelöst voneinander. Der gegenseitige Kontakt erfolgt nur mechanisch und nicht organisch. Die Unbekehrten werden auf sich allein gestellt.

5. Dies hat auch negative Auswirkungen auf die Ungläubigen. Die Religion beschränkt sich darauf, sich mit den Dingen Gottes zu beschäftigen (Lesen, Beten). Die tägliche Arbeit wird allein zu einer Frage der Notwendigkeit und nicht zu einer heiligen Berufung. Der Sonntag bleibt vom Rest der Woche getrennt; der Glaube wird in der Welt nicht geprüft. Christen werden passiv, quietistisch.

6. Indem sie sich ständig der Selbstbesinnung widmen, machen die Menschen ihre Erfahrung zur Norm für alle anderen, und so treten ungesunde, unbiblische Elemente ein. Einfachheit und der kindliche Charakter des Glaubens weichen der Sentimentalität. Die Erfahrung leitet die Exegese der Schrift und wird sogar zur Quelle des Wissens, sowohl materiell als auch formal.

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Die Erklärung von Abu Dhab und ihre Probleme

Es wurde als historischer Moment markiert: am 4. Februar 2019 haben Papst Franziskus und der Kairoer Großimam Ahmad Mohammad Al-Tayyeb in Abu Dhabi das „Dokument über die Geschwisterlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ unterzeichnet.

In einem Interview hat Bischof Athanasius Schneider Probleme in der vom Vatikan unterstützten Erklärung deutlich benannt:

Der Papst bezog sich hier leider nicht auf den objektiv falschen Satz aus dem Abu Dhabi-Dokument, der besagt: „Der Pluralismus und die Vielfalt der Religionen, der Hautfarbe, des Geschlechts, der Rasse und der Sprache werden von Gott in seiner Weisheit gewollt.“ Dieser Satz ist in sich selbst falsch und widerspricht der Göttlichen Offenbarung, weil Gott uns geoffenbart hat, dass Er keine verschiedenen Religionen will, sondern nur die eine Religion, die er im ersten Gebot des Dekalogs befohlen hat: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich herausgeführt hat aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Sklaverei. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Du sollst dir kein geschnitztes Bild oder eine Abbildung von irgendetwas machen, das sich im Himmel oder auf der Erde oder im Wasser oder unter der Erde befindet. Du sollst dich nicht vor ihnen verneigen und ihnen nicht dienen“ (Ex. 20, 2-5). Unser Herr Jesus Christus bestätigte die beständige Gültigkeit dieses Gebotes und sagte: „Es steht geschrieben:“ Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und Ihm allein dienen“ (Mt. 4,10).

Mehr: www.kath.net.

Warum Pastoren B.B. Warfield lesen sollten

Fred Zaspel hat für das Magazin CREDO kurz begründet, warum Pastoren B.B. Warfield lesen sollten.

Fazit: 

Ich habe viel von vielen Männern gelernt, und ich habe andere Theologen, die zu meiner „Lieblingskategorie“ gehören. Aber ich habe niemanden kennengelernt, der Kopf und Herz bei christlichen Amtsträger besser prägt. Wenn man Warfield breit und tief liest, kann man nicht anders, als Geist [von Old Princeton] einzufangen.

Deshalb sollten sich Pastoren mit B.B. Warfield beschäftigen.

Ein guter Einstieg ist Zaspels Buch: The Theology of B. B. Warfield: A Systematic Summary.

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„Er hat alle Fülle himmlischer Güter zur Erde herniedersteigend mit sich gebracht“

Johannes Calvin (Christliche Glaubenslehre: Erstausgabe der „Institutio“ von 1536, 2. Auflage, Bonn: VKW, Logos Edition, S. 25):

Er hat alle Fülle himmlischer Güter zur Erde herniedersteigend mit sich gebracht, um dieselbe mit reichlich spendender Hand auf uns auszugießen (Joh 1,14.16; 7,38; Röm 8,32). Dies sind aber die Gaben des Heiligen Geistes, durch welchen wir wiedergeboren, aus der Gewalt und den Fesseln des Teufels befreit, zu Söhnen Gottes aus Gnaden (unentgeltlich) angenommen und zu jedem guten Werke geheiligt werden. Durch Ihn ersterben auch, solange wir in diesem sterblichen Leibe gehalten werden, in uns die schlechten Begierden und Fleischeslüste, kurz, alles Böse, was nur noch die verdrehte und verkehrte Verderbtheit unserer Natur erzeugt; durch Ihn werden wir von Tag zu Tag erneuert, um in einem neuen Leben (in der Erneuerung des Lebens) zu wandeln und der Gerechtigkeit zu leben.
Alle diese Güter werden uns von Gott angeboten und geschenkt in unserem Herrn Christo: nämlich unentgeltliche Sündenvergebung, Friede und Versöhnung mit Gott, die Gaben und Gnaden des Heiligen Geistes, wenn wir mit sicherem Glauben sie ergreifen und annehmen, mit großer Zuversicht auf die göttliche Güte gestützt und gleichsam darauf ruhend, ohne Zaudern und Zweifeln, dass das Wort Gottes, welches uns alle diese Heilsgüter zusichert (Röm 3,21f; 5,1f), Kraft und Wahrheit sei. Mit einem Wort, wenn wir mit Christo Gemeinschaft haben, so besitzen wir in Ihm selbst alle himmlischen Schätze und Gaben des Heiligen Geistes, die uns zum Heil und Leben hinleiten.

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Freie Rede im freien Fall

Niall Ferguson ist Senior Fellow am Zentrum für europäische Studien in Harvard und forscht gegenwärtig als Milbank Family Senior Fellow an der Hoover Institution in Stanford, Kalifornien (USA). In einem Essay, der kürzlich in der SUNDAY TIMES erschienen ist, prangert er die politische Zensur durch große Technologiekonzerne in der westlichen Welt an. Im Internet können demnach Technologiefirmen als „als Legislative, Exekutive, Justiz und Presse“ gleichzeitig agieren. Auf diese Weise wird die Meinungsfreiheit massiv bedroht.

Der Text ist exklusiv in der NZZ unter dem Titel „Freie Rede im freien Fall“ erschienen (18.082019, S. 37). Darin heißt es:

In einem Bericht brüstete Facebook sich vor einiger Zeit damit, der Anteil der Hassäusserungen, die man «proaktiv» – ehe Nutzer sie anzeigten – gefunden habe, sei im ersten Quartal 2019 auf 65 Prozent gestiegen. Hatten die grossen Technologiefirmen sich anfangs damit begnügt, pädophile und terroristische Inhalte zu entfernen, betreiben sie inzwischen offen politische Zensur. Google räumt es ein: Eine interne Präsentation im letzten März war mit «Der gute Zensor» überschrieben. In der Praxis heisst das, dass Zehntausende junger ContentModeratoren … entscheiden, was man online sehen kann oder eben nicht.

VD: PP

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