„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Blaise Pascal schreibt („Beschreibung des Lebens Jesu Christi“, in: Kleine Schriften zur Religion und Philosophie, Meiner, 208, S. 149–194, hier S. 183):

Und ungefähr um drei Uhr oder, nach der Zeiteinteilung der Hebräer, um die neunte Stunde schrie Jesus laut: »Eli, Eli, lama asabthani?«, das ist: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« – nämlich verlassen in seiner menschlichen Natur, die ohne Trost allen ihm durch seine Henker und seine Feinde bereiteten Qualen preisgegeben war. Und er wendet sich an Gott, um nach dem Grund für dieses Verlassensein zu fragen, folglich (sieht man hieran), daß er die Sünde der Menschen in seinem unschuldigen Fleisch sühnte. Gleichwohl wird diese Sünde von den Menschen nicht richtig erkannt, und deren Greuel wird nur von Gott allein richtig erkannt. Und selbst diese Rede kann als ein Gebet verstanden werden, das Jesus an den Vater richtet, damit er des Endzwecks gedenke, um dessentwillen er ihn betrübt und verläßt, als wollte er sagen: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ? Du weißt, mein Gott, daß dies für das Heil der Welt geschieht, laß also die Frucht dieses Opfers dem Menschengeschlecht zuteil werden, für das du sie bestimmt hast.« Und diese Worte sind voller Hoffnung und nicht voller Verzweiflung, denn er sagt ja: »Mein Gott, mein Gott!«, nun ist Gott aber nicht ein Gott der Toten und auch nicht der Verzweifelten.

Kleine Schriften zur Religion und Philosophie (Philosophische Bibliothek) von Blaise Pascal

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Kommentare

  1. Frank Schulz meint:

    Es ist und bleibt für uns wohl unvorstellbar, was Christus dort am Kreuz für uns erlitten hat. Die körperlichen Umstände unter denen er starb können wir vielleicht noch irgendwie nachvollziehen. Aber am Zorn Gottes über unsere Sünden zu sterben, bleibt meiner Vorstellungskraft verschlossen und lässt mich immer wieder in stiller Dankbarkeit verharren.

  2. Amen! Geht mir auch so.
    Liebe Grüße, Ron

  3. Pascal war mir u.a. als Mathematiker und Erbauer einer Rechenmaschine bekannt.
    Seinen theologischen Äußerungen zum heutigen Gedenktag der Kreuzigung Christi
    kann ich leider nicht folgen. Werden wohl die fast 400 Jahre Zeitdifferenz sein.
    Sein Ausruf kann er IMHO nur als Mensch Jesus getätigt haben.
    Die Trinität ist ja eine Erfindung der Menschen.
    Aber ich halte es mit Popper und kann dazulernen.

  4. PeterG meint:

    @Rudolf Drabek

    Die Trinität ist ja eine Erfindung der Menschen.

    Der Begriff: Ja. Die Tatsache: Nein. Christus ist der wahrhaftige Gott 😉

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