Arche Pastoren Kolleg

Die Arche Gemeinde in Hamburg hat ein Pastoren Kolleg eingerichtet, um junge Männer auf einen pastoralen Dienst vorzubereiten und Pastoren in ihrer Arbeit zu stärken. Die Vorlesungsmodule sind biblisch und theologisch fundiert, wodurch die Studenten in der gesunden Lehre des Wortes Gottes gut gegründet werden. In diesem Jahr stehen wieder interessante Module auf dem Programm:

  • Islam: 27. – 28. März 2017, mit Titus Vogt, Martin Bucer Seminar, Hamburg
  • Pastorale Briefe: 08.-12. September 2017, mit Dr. Ray Van Neste, Prof. Biblische Studien am R.C. Ryan Centre
  • Systematische Theologie Teil 4, 14. – 18. Juli 2017 mit Pastor Jeff Purswell, Pastors College Sovereign Grace Gemeindebewegung

Mehr Informationen zum Kolleg gibt es hier: blog.arche-gemeinde.de. Hier auch ein Flyer mit Kontaktdaten: Arche_Pastoren_Kolleg_2017.pdf.

Dick Keyes: Fünf Ideen aus L’Abri

Vor einigen Tagen habe ich auf einen Vortrag von Dick Keyes über L’Abri hingewiesen. Freundlicherweise hat Ivo C. den Vortrag transkribiert und übersetzt. Herzlichen Dank!

Hier also der Hauptteil des Vortrag in deutscher Sprache:

Fünf Ideen aus L’Abri

Ich kann unmöglich auf die gesamte Bandbreite des Gedankenspektrums und der Philosophie von L’Abri eingehen – das wäre für heute Abend viel zu viel. Ich werde daher die nächsten Minuten darauf verwenden, fünf Bereiche, fünf Leitgedanken zu erwähnen, die in keiner Weise von uns selbst stammen, so als hätte L’Abri diese Gedanken erfunden, erdacht oder hätte sonst irgend ein besonderes Recht darauf. Vielmehr sind diese Gedanken das Eigentum der gesamten christlichen Kirche.

Allerdings sind wir der Ansicht, dass sie heute auf eigentümliche Weise unterbetont werden. Vielleicht pochen wir gerade deshalb wieder und wieder auf eine erneute Betonung dieser Überzeugungen, egal ob wir auf Reisen mit Leuten sprechen oder ob wir Vorträge für unsere Gäste halten.

Lassen Sie mich zunächst diese fünf Gedanken formulieren. Danach werde ich zu jedem der Punkte etwas sagen. Die Gedanken sind:

  1. Der christliche Glaube als Wahrheit.
  2. Die Wirklichkeit des Übernatürlichen.
  3. Die Menschlichkeit des Geistlichen.
  4. Das Leben im Schatten des Sündenfalls.
  5. Die Herrschaft Christi über das gesamte Leben.

Ich habe jetzt nur diese fünf erwähnt, denn es gibt freilich viele weitere Punkte, über die wir gesprochen haben und für die wir uns interessieren. Aber mit diesen fünf Punkten sehen wir uns immer wieder konfrontiert.

1. Der christliche Glaube als Wahrheit

Lassen Sie mich mit Punkt 1 beginnen: Der christliche Glaube als Wahrheit.

Was ich grundsätzlich damit meine: Der christliche Glaube ist wahr, ob Sie das glauben oder nicht, unabhängig davon, ob Sie das glauben oder irgendjemand das glaubt. Er ist wahr, und – seltsam genug – diese Sache wird nicht oft betont. Immer wieder kommen Leute zu uns, die sagen: Wir waren bisher nirgendwo, wo Menschen über das Christentum als Wahrheit sprechen, als etwas, das in Übereinstimmung mit der Sachlage steht. Stattdessen wird das Christentum immer wieder als etwas vorgestellt, das etwas „für dich tun kann“, als etwas, das dir eine besondere Erfahrung vermittelt, welche Kraft dir Christus im Leben schenken kann in Fragen von Sinn, Lebensziel, Freundschaften oder was auch immer. Wenn wir aber nicht wirklich verstanden haben, dass Christus die Wahrheit ist, dann tendiert das Ganze, wie ich vermute, zu folgendem:

Zunächst und zuerst wird man dazu neigen, Gott vor den eigenen Karren zu spannen, um ihn zum Erfüllungsgehilfen eigener Wünsche zu machen. Plötzlich bist du der Weinstock und er wird zur Rebe. Doch ein solcher Glaube hat nur sehr wenig Ermutigendes oder Lebendigkeit an sich. Ich halte viele Vorlesungen auf Universitäten und Colleges, und der vorrangigste Eindruck, den ich von Christen auf säkularen Universitäten und Colleges bekomme, ist dieser: Sie befinden sich auf dem Rückzug, sie rechtfertigen sich [für ihren Glauben], sie verteidigen sich und wehren Schläge ab. Die ganze Haltung ist viel zu oft eine Rückzugshaltung, insbesondere dort, wo sie es mit der akademischen Welt zu tun bekommen, in der sie leben. Ich finde sogar, Christen, die sich in der besten Lage befinden, sich mit einer nichtchristlichen Welt zu verständigen, scheuen das offene Gespräch über ihren Glauben, wenn sie mit Nichtchristen sprechen. Es könnten Fragen auftauchen, die ihren Glauben erschüttern. Das halte ich für ein ernstes und niederschmetterndes Trauerspiel! Die Haltung eines Paulus war dagegen völlig anders. Seine Einstellung war: Wenn das Ganze nicht wahr ist, dann vergiss es! Wenn  es wirklich nicht stimmt und nicht im wahrsten Sinn des Wortes wahr ist, dann kann ich es gar nicht schnell genug loswerden. Diese Einstellung müssen wir unbedingt kultivieren. Wir müssen die schwierigen Fragen anpacken, die zwischen uns und einer festen Gewissheit der Wahrheit des christlichen Glaubens stehen.

2. Die Wirklichkeit des Übernatürlichen

Nun zu Punkt zwei, der Wirklichkeit des Übernatürlichen. Wir leben in einer wahrhaft übernatürlichen Welt. Was meine ich damit? Was wir sehen können, ist längst nicht alles, was existiert. Gott ist, er lebt und es gibt sie, diese „Schlacht im Himmel“. Dazu könnte man viel sagen, aber ich möchte hier nur zwei Punkte erwähnen. Zunächst und zuerst: Die Bibel ist ein inspiriertes Buch, ein Buch, das auf übernatürliche und einzigartige Weise inspiriert ist. Das bedeutet nicht, dass Gott irgendwie in unsere Dimension hereinbricht; nicht auf diese Weise will ich den Begriff des „Übernatürlichen“ verstanden wissen. Nicht dass Gott auf eine Art mechanistische Weise die Geschichte des Menschen einbricht oder so, nein, was ich sagen will, ist einfach dies: Die Wirklichkeit ist viel mehr als nur das, was wir mit den Augen sehen können. Die Wirklichkeit Gottes im unsichtbaren Kampf bewegt sich fort, und zwar in unmittelbarem Kontakt und in der Wechselwirkung mit dieser Welt. Gott sorgte dafür, dass Menschen exakt und genau das aufschrieben, was er sie sagen lassen wollte, aber ohne ihren jeweils persönlichen Charakter oder ihre Individualität zu verletzen.

Das zweite, was ich hier erwähnen will, ist das Gebet. L’Abris Ursprung geht ja auf die Schaeffers zurück. Das ist nun Jahre her. Sie versuchten, ihre Arbeit auf sehr greifbare Weise auf das Gebet zu gründen. Das ist auch der Grund, weshalb wir auf Spendensammlungen oder Werbung verzichten. Einfach darum zu beten, das nötige Geld möge zusammenkommen, ist ein wirklich sehr echter und greifbarer Weg für uns. Da sind Rechnungen zu bezahlen, und wir müssen sehen, wie wir den nächsten Monat oder die nächste Woche über die Runden kommen. Das ist dermaßen erfahrbar und konkret, dass wir ganz aufrichtig sagen müssen: Wir hängen von der Erfüllung unserer Gebete regelrecht ab, eine wirklich gewaltige Sache für uns alle! Wir sind bestrebt, nicht nur davon zu sprechen, dass das Übernatürliche existiert und nicht nur zu betonen, wie notwendig Gebet ist, sonder wir wollen die Wichtigkeit hervorheben, in dieser Wirklichkeit auch zu leben.

3. Die Menschlichkeit des Geistlichen

Das führt uns zu Punkt drei: der Menschlichkeit des Spirituellen. Geistlich sein heißt nicht, das Menschliche zu überspringen, es heißt nicht, dreißig oder vierzig Zentimeter über dem Boden zu schweben. Es heißt nicht, nie wirklich mit menschlichen Dingen, mit körperlichen Tatsachen zu tun zu bekommen. Geistlich sein heißt vielmehr, das Menschsein wieder zurückzuerhalten, zu heilen. Jesus war der „zweite Adam“, er war die „Wiederherstellung“ des ersten Adam. Ich möchte dies am Beispiel „Führung“ erläutern. Es ist nicht „geistlicher“, eine Stimme aus dem Himmel zu hören, als seinen Verstand und seine Denkkraft zu gebrauchen, um die Heilige Schrift zu verstehen, wenn es darum geht, ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Es ist nicht so, dass das Denken an sich ungeistlich wäre! Ich kenne eine christliche Gruppe, die hatte eine große Lostrommel, worin sich tausende Bibelverse fanden. Jeden Tag drehten sie diese Lostrommel. In der Trommel war ein Loch, und jeder griff sich täglich einen Bibelvers heraus. Aus dem, was darin stand, leiteten sie konkrete Anweisungen ab für das, was sie an diesem Tage gerade tun wollten, und sie trafen allerlei Arten von Entscheidungen auf der Grundlage dessen, was sie da jeweils lasen. Ich sage, eine solche Vorgehensweise gründet in der Annahme: Je mehr du deinen Verstand unterdrückst, desto geistlicher wirst du. Verstehen Sie, was ich meine? Je mehr Sie das eigene, verstandesgemäße Nachdenken ausschalten und verdrängen, desto stärker können Sie sich darauf verlassen, „geistlich“ zu sein. Aber so etwas hat keinerlei Grundlage in der Heiligen Schrift. Unser Denken soll erneuert werden, soll erfrischt, soll wiederhergestellt werden usf. Ein weiteres wohlbekanntes Zitat eines christlichen Lehrers spiegelt dieselbe Geisteshaltung wider mit der Folge, dass Harvard und Yale gute Lehrstätten waren, bis sie sich mit der Qualitätsfrage [ca. ab Min 10:41] beschäftigten. Denken Sie dabei an die Voraussetzung, die einem solchen Denken zugrunde liegt. Ich glaube, ich weiß, was dieser Lehrer sagen wollte (es waren beide wirklich wunderbare christliche Lehrstätten, keine Frage, und heute sind sie es mit Sicherheit nicht mehr). Nun, die Grundannahme hinter dieser Aussage ist: Qualität, die sich um Qualität kümmert, ist nicht geistlich; geistlich sein heißt, sich mit Qualitätsfragen überhaupt nicht zu befassen. Sie sehen selbst, dass die Bibel mit solchem Denken nichts zu schaffen hat. Die ganze Blickrichtung der Bibel geht in eine andere Richtung; geistlich sein heißt Qualität zu bejahen, Ausbildung zu bejahen, Schönheit zu bejahen, heißt die Bejahung all dessen, was zutiefst menschlich ist. Es bedeutet, fürsorglich und einfühlsam auf Menschen zuzugehen, Mitgefühl zu haben mit den Mitmenschen.

4. Das Leben im Schatten des Sündenfalls

Viertens: Das Leben im Schatten des Sündenfalls. Wir leben in einer gefallenen Welt. Darüber sprechen wir so viel, dass sich Studenten bei L’Abri geradezu geflügelte Worte daraus hergeleitet haben. Aber wir finden, Christen, die „technisch“ gesehen zwar in dieser gefallenen Welt leben, haben in Wahrheit gar nicht begriffen, was dieser Fall überhaupt bedeutet. Die Welt ist unvollkommen, sie seufzt, die ganze Schöpfung ächzt, und das wird so bleiben, bis der Herr wiederkommt. Gottes vollkommener Wille geschieht hier und jetzt gerade nicht. Im Vaterunser heißt es: Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Gerade weil er jetzt auf Erden nicht geschieht, wie dies im Himmel der Fall ist, sollen wir darum bitten und uns dafür auch einsetzen. Aber der Wille Gottes erfüllt sich hier auf Erden nicht vollkommen, egal wie viele schöne Dinge hier auch geschehen mögen. Frau Schaeffer sagt in ihrem Buch über die Familie einmal: Wenn du darauf bestehst: Entweder Vollkommenheit oder nichts, dann wirst du immer leer ausgehen. Das ist wahr, nicht nur in der Ehe, sondern auch in der Kirche, im Staat, in jeder Beziehung zu Menschen und auch in der Beziehung zu uns selbst. Weil also die ganze Schöpfung wie unter Geburtswehen seufzt, werden wir mit Enttäuschungen leben müssen. Auch das Leben des geistlichsten Christen hat seine Enttäuschungen. Sie glauben es nicht? Dann lesen Sie den zweiten Korintherbrief. Leuten, die Schwierigkeiten haben mit Enttäuschungen, verordne ich die Lektüre des 2. Korintherbriefes. Darin schildert Paulus seine zahlreichen und schwerwiegenden Enttäuschungen in allen möglichen Lebenslagen. Es ist leichter, Schmerz und Leid zu verleugnen und sich das typisch-christliche „Plastiklächeln“ aufzusetzen und zu sagen: „Alles in Ordnung, alles läuft gut, alles wunderbar, preist den Herrn, und das angesichts all der entsetzlichen Dinge, die geschehen, oder?“ Es ist auch einfacher, sich vor den schlimmen Dingen in dieser Welt zurückzuziehen und zu sagen: „Jaja, wir leben in einer gefallenen Welt, im Grunde ist’s ein Desaster, es gibt kaum etwas, das nicht geschehen kann, es hat wohl kaum Sinn, sich da große Mühe zu geben.“ Aber keine dieser Möglichkeiten steht dem Christen offen, obschon Christen oft zu diesen Alternativen Zuflucht nehmen. Wir müssen in dieser Spannung leben; die Welt wird uns Enttäuschung bringen, wir werden in unserem Leben enttäuscht werden, selbst in Dingen, für die wir beten oder in Dingen, für die wir hart gearbeitet haben. Aber wir sollen dranbleiben, sollen weitermachen und der himmlischen Berufung folgen. Wir werden Gott am Werk sehen, wenn auch nicht in vollkommener Weise. Das wird erst geschehen, wenn der Herr wiederkommt.

5. Die Herrschaft Christi über das gesamte Leben

Zuletzt zur Herrschaft Christi über das Leben. Ich glaube, ich werde gleich morgen in der Früh ein Seminar dazu geben, daher halte ich mich hier sehr kurz. Ich erinnere an die Worte des Paulus in 2. Korinther 10: Jeden Gedanken sollen wir Christus gehorsam unterordnen! Das heißt nicht, wir sollen Christus alle Glaubensfragen unterordnen, sondern alles Denken sollen wir ihm unterordnen, buchstäblich alles und jedes! Dazu gehört, wie du über deine Freizeit denkst, dazu gehören auch deine Gedanken zur Politik, zu Ausbildungsfragen, zur Ehe, ja einfach alle Gedanken, die man sich über was auch immer machen kann – alles soll Christus untergeordnet werden, denn er sorgt für all dies. Es gibt da keine Spannung zwischen „sakral“ und „säkular“, denn das ganze Leben untersteht der Herrschaft Christi. Das ganze Leben, wie Dr. Schaeffer oft gesagt hat, das ganze Leben ist „geistlich“, mit Ausnahme freilich der Sünde.

Ich habe diese fünf Gedanken erwähnt, Dinge, über die ihr kommendes Wochenende immer wieder stolpern werdet und die wir immer wieder betonen werden, gerade weil sie dermaßen vernachlässigt werden. Es sind dies keine Dinge, von denen wir „besessen“ sind oder so, sondern das sind Dinge, die mit aller Kraft geglaubt werden und mit denen wir heute in der Kirche umgehen müssen. Will die Kirche wirklich neues Leben haben, will sie neue Kraft erhalten, dann muss sie von der Grundlage der genannten Vorstellungen ausgehen.

„Du hast das Blei hinweggenommen“

Ein Gebet von Anselm von Canterbury, gefunden auf der wunderbaren Internetseite Lebensquellen:

O meine Seele, auf finsterem, schlüpfrigem Wege glittest du immerdar zur Wüste der Hölle hinab. Ein Bleigewicht hing an deinem Halse, eine unerträgliche Last drückte dich und unsichtbare Feinde stürmten mit aller Macht auf dich ein. Ganz von Hülfe verlassen sankest du, und merktest doch nichts, weil du also empfangen und geboren warest. Erschrecke bei dem Gedanken, erbebe bei der Erinnerung! O lieber Herr Jesus Christus, in solcher Lage bist Du mir ohne mein Bitten und Meinen als leuchtende Sonne aufgegangen. Du hast das Blei hinweggenommen und die Last entfernt, die auf mir lag. Du hast Dich für mich in den Kampf gestellt und meine Feinde in die Flucht geschlagen. Mit einem neuen Namen, mit Deinem Namen hast Du mich genannt, und da ich krumm und gebückt vor Dir stand, erhobest Du mich und sprachest: Sei getrost, ich habe dich erlöst, ich habe mein Leben für dich gelassen, ich nehme dich in mein Reich auf, ich mache dich zum Erben Gottes, zu meinem Miterben. Siehe, Herr, so tief war ich gesunken, so hoch hast Du mich erhoben! Nimm mich nun ganz in Deine Liebesarme auf.

Anselm von Canterbury

Evidenzparadogma

Empirischen Daten, Umfragen, Netzwerke und Statistiken treiben heute die Wissenschaft und Politik vor sich her. Das Rezept für erfolgreiches Forschen lautet: „Man nehme zentrale ‚qualitätstragende‘ Schlag- und Signalwörter in ausreichender Menge, verwende reichlich einschlägige Messwertangaben in Abbildungen und Tabellen und garniere das Ganze mit vielversprechenden Zitationen und internationalen Kooperationen“. Das meinen jedenfalls die Pädagogen Katja Koch und Stephan Ellinger, die derzeit für viel Aufruhr sorgen. Sie haben so etwas wie die deutsche „Sokal-Affäre“ angestoßen.

Die Sokal-Affaire

Der Physiker Alan Sokal sorgte 1996 für einen Skandal, indem er in einer angesehenen Fachzeitschrift eine Parodie auf das postmoderne Denken publizierte. In seinem anspruchsvollen Aufsatz „Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation“ übertrug er typisch postmoderne Denkweisen auf die Naturwissenschaften. Auf diese Weise erweckte er den Eindruck, dass auch in den harten Wissenschaften nicht Tatsachen und Beweise, sondern subjektive Interessen und Perspektiven zählen. Der Beitrag, der vom intellektuellen Establishment dankbar aufgenommen wurde, war freilich eine Aneinanderreihung von barem Unsinn (siehe meine Schilderung hier).

„Kuno bleibt am Ball (KUBA)“

Einen ähnlichen „Fake“ produzierten Koch und Ellinger kürzlich in der Zeitschrift für Heilpädagogik (11/2016). Dort stellten sie die Behauptung auf, durch ein evidenzbasiertes Förderprogramm mit dem Titel „Kuno bleibt am Ball (KUBA)“ könnten die individuellen Folgen sozialer Übervorteilung bei Kindern nachhaltig abgeschwächt werden.

Nicht nur den Namen des Programms haben sie frei erfunden. Ähnlich wie bei Sokal ist der gesamte Aufsatz eine Zusammenfügung unsinniger Floskeln. Durch Signalwörter, Messwertangaben und Querverweise wurde der Unfug clever getarnt. Die Autoren wollten so den Nachweis erbringen, dass in der pädagogischen Fachwelt die absurdesten Thesen durchgehen, wenn der Sprachduktus passt.

Die Sonderpädagogen erklärten ihr Experiment später mit den Worten:

„Nun ist nicht weiter verwunderlich, wenn niemand bemerkt, dass statistische Kennwerte frei erfunden und Effektstärken nur ausgedacht sind. Solange die Zahlen plausibel sind, kann man das auch gar nicht bemerken. Offenkundig aber ist, und genau darum ging es uns, dass der vorgelegten Empirie eine schlüssige theoretische Grundannahme fehlt. Wir wollen auf die Tendenz hinweisen, dass immer häufiger nicht mehr die Plausibilität einer Theorie oder Logik eines Arguments, sondern einzig die Überzeugungskraft der dargestellten Daten, Zahlen und Forschungsmethoden über die Diskussionswürdigkeit eines Beitrages entscheidet. Wir sehen Anlass zur Sorge, dass durch die Dominanz ‚evidenzbasierter‘ Ausrichtung innerhalb der Sonderpädagogik ernsthafte pädagogische Überlegungen zu drängenden Fragestellungen und offene Diskussionen bald gänzlich verdrängt werden.“

Kurz: Mit Berechnungen lässt sich viel illustrieren, erklären und begründen. Die Frage ist: Stimmen die Grundannahmen, auf denen die Kalküle beruhen?

Ein SPD-Politiker verteidigt das Experiment

Der Aufsatz brachte Heiterkeit und große Empörung. Sogar die Schlichtungsstellen der Universitäten Rostock und Würzburg sind angerufen worden.

Der SPD-Politiker Mathias Brodkorb hat erfreulicherweise in der FAZ Stephan Ellinger und Katja Koch jetzt ehrwürdig verteidigt. Spitz bemerkt der Finanzminister Mecklenburg-Vorpommerns: „Während noch vor zwanzig Jahren in den Geisteswissenschaften das postmoderne Kauderwelsch hoch im Kurs stand, sind es im Zeitalter der empirischen Bildungsforschung Zahlen, Tabellen und stochastisches Vokabular“ (FAZ vom 01.12.2017, Nr. 27, S. N4).

Drei Thesen

Brodkorb geht noch weiter und stellt drei Thesen auf, die es in sich haben:

  1. Es gibt für die Wissenschaft nichts Wichtigeres als Wahrheit und Aufrichtigkeit: „Wenn es einen systematischen Unterschied zwischen tatsächlichem Wissen und bloßem Meinen gibt und dieser genau darin besteht, dass wirkliches Wissen aus wahren Sätzen besteht, für deren Richtigkeit sich Gründe angeben lassen (logon didonai), gibt es für jeden Wissenschaftler keinen helleren Stern als die Wahrheit und keine wichtiger Disposition als die Aufrichtigkeit.“
  2. Leider ist auch die sonderpädagogische Community durch Machtspiele gezeichnet [man denke an Lyotards: „Forscher kauft man sich“]: „In der pädagogischen Wissenschaft haben seit Pisa jene Fachvertreter eine hegemoniale Stellung inne, die besonders gut rechnen können oder zumindest so viele Forschungsgelder eintreiben, dass sie wissenschaftliche Mitarbeiter bezahlen können.“ Die Vertreter der evidenzbasierten Sonderpädagogik wollen „nicht wahrhaben und vor allem nicht dulden, dass ihre hegemoniale Stellung in Frage gestellt wird“.
  3. Die Wissenschaftswelt braucht dringend mehr Bereitschaft für Selbstkritik: „Wenn die Wissenschaft die unbedingte Wahrheitssuche für sich reklamiert, kann sie damit vor ihren eigenen Toren nicht halt machen. Eine wissenschaftliche Disziplin, die zwar beansprucht, die Welt da draußen nach Herzenslust zu beurteilen und zu kritisieren, aber nicht bereit ist, eben diese Kritik für sich selbst gelten zu lassen, wird zur bloßen Ideologie.“

So kann es weiter gehen!

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Credo 12/2016

SolaDie neue Ausgabe des Magazins Credo hat wieder einmal hervorragende Beiträge zu bieten. Hauptsächlich beschäftigt sich die Dezemberausgabe mit dem Thema „allein die Schrift“. Gavin Ortlund schreibt über das „Sola Scriptura damals und heute“ und der vielleicht derzeit profilierteste Lutheraner aus Nordamerika, Robert Kolb, spricht über „Martin Luther und das Wort Gottes“. Kurz vorgestellt werden bedeutende protestantische Lehrbücher, z.B. die Institutio (1559) von Calvin und die Institutio theologiae elencticae (1696) von Francis Turretin oder die Reformierte Dogmatik von Herman Bavinck (ab 1895).

Sehr gefreut habe ich mich über ein Interview mit Professor Paul House über Bonhoeffers Sicht auf das theologische Studium. Zwei Zitate:

Bonhoeffer wanted to help students do the following: learn to read the Bible and to pray, which their university studies had not taught them; learn to live in community with other pastors as brothers rather than as competitors; learn to live alone in communion with God while serving, not dominating, God’s people. He believed that spiritual discipline and academic excellence in community were necessary for these traits to develop.

Studying Bonhoeffer has helped me recommit to following Jesus whatever the concrete cost may turn out to be, to make hearing God in his Word a chief daily priority, to persevere in slow, careful formative work, to refuse to separate intellectual and spiritual formation, and to stress the value of face-to-face ministry with students and colleagues.

Die Ausgabe kann hier heruntergeladen werden: Sola%20scriptura.pdf.

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D. Keyes: Die „Philosophie“ von L’Abri

Bisher habe ich keine so gute Einführung in die „Philosophie“ von L’Abri gehört wie die von Dick Keyes. Keyes sprach 1984 auf einer Konferenz in Knoxville (USA) über fünf Hauptideen der von Francis und Edith Schaeffer gegründeten Studiengemeinschaft. Diejenigen, die die Theologie des Niederländers Abraham Kuyper schätzen, werden sofort wissen, um was es geht. Für andere wird allerlei befremdlich klingen.

Ich selbst habe 1982 angefangen, Bücher von Francis Schaeffer zu lesen. Damals haben sie mir geholfen, mein Denken erneuern zu lassen und mein Christusvertrauen zu festigen. Wenn ich nun, 35 Jahre später, diesen Vortrag höre, denke ich: Wir brauchen diese Sichtweisen mehr als wir sie schon damals brauchten  (den Vortrag sollte m.E. jemand transkribieren und übersetzen). Hören wir mal auf ein Zitat von Schaeffer aus dem Jahr 1968 (Gott ist keine Illusion, 1974 (1968), S. 8):

Die Tragik unserer heutigen Situation liegt darin, dass die neue Einstellung zur Wahrheit Männer und Frauen in ihren Lebensgrundlagen erschüttert hat, ohne dass sie sich jemals Rechenschaft über den neuen Kurs gegeben haben. Die jungen Menschen werden zunächst im Rahmen des alten Wahrheitsverständnisses erzogen. Dann geraten sie unter den Einfluss der modernen Auffassung. Mit der Zeit werden sie unsicher, weil sie die ihnen vorgelegte Alternative nicht durchschauen. Diese Unsicherheit führt zu Verwirrung und bald zu einem inneren Zerbruch — unglücklicherweise nicht nur bei jungen Menschen, sondern auch bei vielen Pfarrern, Lehrern, Evangelisten und Missionaren.

Wie aktuell! Ich möchte hinzufügen: Wir sind inzwischen viel weiter. Etliche Leute, die ich treffe, haben das „alte Wahrheitsverständnis“ gar nicht mehr kennengelernt.

Eine Einführung in den Ansatz von L’Abri gibt es auf Deutsch in dem Buch Wahrheit und Liebe (besonders die Aufsätze „L’Abri – wie bitte?“ von Rüdiger Sumann und „Den Glauben verständlich machen in einer nichtchristlichen Gesellschaft“ von Dick Keyes).

Hier die fünf Hauptideen, die Dick Keyes erklärt:

  1. Christlicher Glaube als wahre Wahrheit
  2. Die Realität des Übernatürlichen
  3. Die Menschlichkeit der Geistlichkeit
  4. Leben im Schatten des Sündenfalls
  5. Die Herrschaft Jesu Christi über das gesamte Leben

Und hier der Vortragsmitschnitt (vielen Dank an Soundword):

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Glaubenssache

Das MEDIENMAGAZIN PRO berichtet darüber, wie sich Jessica Brautzsch den christlichen Glauben angeschaut, Gottesdienste besucht und sich mit Jesus und der Bibel auseinandergesetzt hat. Im August 2016 hat sich die MDR-Journalistin schließlich taufen lassen. In einem crossmedialen Projekt des MDR zeichnet sie ihren Weg zum Glauben nach.

Nun, es lassen sich da Dinge hören und finden, die noch nicht ganz ausgereift und abgeklärt sind. Aber insgesamt ist das sehenswert und macht neugierig: reportage.mdr.de.

„Der Mensch will nicht, dass er Sünder sei“

Gerhard Ebeling schreibt in Anlehnung an Luther über den christlichen Sündenbegriff (Dogmatik des christlichen Glaubens, Bd. 1, 1979, S. 365):

„Wie man die Sünde als ein Nichtwollen, daß Gott Gott sei, charakterisieren kann, so will auch der Sünder nicht, daß er Sünder sei, wie er gleichfalls nicht will, daß er Geschöpf sei. Der Sünder will also die Sünde nicht wahrhaben.

Eine Zensur findet doch statt

Im Grundgesetz heißt es (Art. 5):

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre. Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Mit neuen Gesetzen will die Bundesregierung nun allerdings Internet und soziale Medien bändigen. Lästige Kritik im Netz soll verstummen. China oder die Türkei sind hier Vorbilder.

Justizminister Heiko Maas will, dass der Staat über „falsch“ und „richtig“ entscheiden lässt.

Roland Tichy schreibt dazu:

Am deutlichsten wird der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Grosse-Brömer. In der Sendung „Berlin Direkt“ erklärte er die Notwendigkeit staatlicher Aufsicht über Onlinegespräche. „Im Netz sind ’ne Menge Leute unterwegs, die destabilisieren wollen, die falsche Meinungen verbreiten, die manipulieren wollen, und da muss Politik mit umgehen, insbesondere vor Wahlkämpfen.“

Die falsche Meinung zu Wahlkampfzeiten – übrigens ist dieses Interview in der ZDF-Mediathek nur ohne diese verräterische Stelle abrufbar – Grosse-Brömer will statt „Meinungen“ „Meldungen“ gemeint haben. Konzedieren wir ihm das. Es läuft jedenfalls.

Aber wer entscheidet über „falsche“ und „richtige“ Meldungen? Etwa das „Abwehrzentrum gegen Desinformation“? Der „Spiegel“ berichtet, dass es ausgerechnet im Bundespresseamt eingerichtet werden soll.

Soll das Sprachrohr der Bundesregierung zu einem „Wahrheitsministerium“ aufgebaut werden? Ein Begriff, den George Orwell für seine düstere Vision der Totalüberwachung im Roman „1984“ prägte. Es ist ein ungeheuerlicher Vorgang, und deshalb wohl wird ein drohender Krieg mit Russland aus der Mottenkiste geholt.

Selbstverständlich ist Kommunikation schon länger grenzüberschreitend. Der Fall des Sowjetimperiums fällt zusammen mit Fernsehprogrammen aus dem Westen, die per Satellit auch in die letzten Winkel den Traum von Wohlstand und Freiheit transportieren. Der Krieg im Äther gehörte zum Alltag im Kalten Krieg – Deutsche Qelle sowie RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) strahlten gezielt in die DDR und Radio Free Europe nach Osteuropa; übrigens noch heute in 28 Sprachen. Die DDR funkte zurück – mit „Stimme der DDR“ und mächtigen Störsendern, die die Westwellen in Verwirrung bringen sollten.

Jetzt wird im Internet ein neuer Ätherkrieg ausgerufen, dem sich alle, die guten Willens sind, anschließen.

Wie kürzlich dokumentiert, gibt es bereits Forderungen, für bestimmte Leute das Internet zu sperren. Georg Orwells 1984 soll sich, so habe ich kürzlich irgendwo gelesen, zur Zeit ganz hervorragend verkaufen.

Lesenswert: www.tichyseinblick.de.

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