Glaube

Kierkegaards Sprung (Teil 5)

Dürfen Christen ihren Glauben durchdenken?

Kierkegaard diente den säkularen Existentialisten als Folie und ist Vordenker einer Theologie, die Offenbarung von Geschichte abtrennt. Er drängte bedauerlicherweise genau die Leute, die die Notwendigkeit einer lebendigen Christusbeziehung hervorhoben, in ein anti-intellektuelles Denkklima. Kierkegaard, der selbst einen erwähnenswerten Teil seines Vermögens für seine 2748 Bücher ausgab, initiierte so ungewollt eine Welle bildungsfeindlichen Christentums. Warum Verstehen, wenn Existieren im Glauben und Verstehen einander ausschließen?

Kierkegaard wollte mit seinem Rückzug in den fides qua das Christentum gegenüber der Offenbarungskritik immunisieren. Die christliche Metaphysik wurde seit Kant in den Bereich des spekulativen Denkens verwiesen und durch eine streng an den Naturwissenschaften orientierte Erkenntnistheorie ersetzt. Mit der Etablierung dieses neuzeitlichen Wissenschaftsideals setzte die massive Kritik an der historischen Zuverlässigkeit der biblischen Überlieferungen ein. Es war diese Kritik, die den ›garstigen Graben‹ tiefer und breiter machte. Und genau dieser Kritik wollte er den leidenschaftlichen Glauben entziehen. Kierkegaard reagierte auf die Kritik der Offenbarung mit dem Appell, beim Glauben stehenzubleiben oder, um es anders zu sagen, mit dem Denken in den Glaubensdingen aufzuhören. Er verkennt dabei die zentrale Stellung, die das Denken im Leben der Gläubigen ein­nimmt. Anstatt nach Antworten auf die glaubensbedrohenden Zweifel zu suchen, verbietet Kierkegaard das Denken und fordert Gehorsam. Dieser Reflex löst natürlich das Problem nicht, sondern verdrängt es. Ohne Denken gibt es keinen Glauben. Schauen wir uns deshalb abschließend kurz an, warum das Denken im Leben eines Christen von großer Bedeutung ist.

Schon auf ihren ersten Seiten hebt die Bibel die Bedeutung des Denkens heraus. Der Sündenfallbericht beginnt nämlich damit, dass die Schlange Eva auf böse Gedanken bringen will. Der Höhepunkt der Versuchung durch die Schlange ist das Versprechen: »Ihr werdet sein wie Gott und erkennen, was Gut und Böse ist« (Gen 3,5). Der Fall fand schließlich statt, als Eva sah, »dass der Baum begehrenswert war, Einsicht zu geben« (Gen 3,6). Auch in Röm 1,20–23 u. 28 lesen wir, dass der Abfall des Menschen von Gott in seinem Denken beginnt:

… weil sie Gott zwar kannten, ihn aber weder als Gott verherrlichten, noch ihm gedankt haben, sondern in ihren Gedanken in Torheit verfielen und ihr unverständiges Herz verfinstert wurde. Indem sie behaupteten, Weise zu sein, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit dem Gleichnis eines Bildes …

Paulus kritisiert hier ein Denken, dass Gott die ihm gebührende Ehre verweigert. Das undankbare Denken des Menschen bleibt auf sich selbst bezogen, ist sich also selbst Gesetz. Dieses autonome Denken richtet sich gegen Gott, wird zur Selbstverherrlichung des Menschen benutzt und ersinnt allerlei Rechtfertigungen für die Sünde. Aber die Boshaftigkeit bezieht sich nicht auf die Formen des Denkens (z.B. die Logik), sondern auch auf die Denkvoraussetzungen und Inhalte. Das Denken ist finster und böse, weil es unter dem Einfluss der Sünde missbraucht wird. Die Alternative zum verkehrten Denken ist gleich­wohl nicht die Gedankenlosigkeit, sondern das gute Denken. Wir neigen dazu, den Bericht über den Sündenfall so zu deuten, als ob Einsicht und Erkenntnis an sich verwerflich seien. Aber die Problematik des Falls ist nicht Erkenntnis allgemein, sondern Erkenntnis, die unabhängig von Gott gewonnen wird. Kurt Hübner schreibt zum Sündenfallbericht:

Unter Erkenntnis aber ist hier die Hybris gemeint, dass sich der Mensch selbst, aus eigener Kraft, ohne der Gottheit zu bedürfen und ohne Rückbeziehung (religio) oder Rücksicht auf Gott, das Wissen über das so zu verstehende Gute und Böse anmaßt.

Verwerflich ist also nicht die Einsicht oder die Vernunft, sondern die heimatlose Vernunft. Schon im Alten Testament wird deutlich, dass die Alternative zum Miss­brauch des Denkens der gottgewollte Einsatz des Denkens ist. So lesen wir z.B. in Spr 28,26: »Wer auf seinen Verstand vertraut, der ist ein Tor; wer aber in Weisheit lebt, der wird entkommen.« Und wenn wir in Spr 3,5 lesen: »Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand«, dann will damit nicht behauptet sein, dass Gottvertrauen in die Denkfaulheit führt. Der Autor warnt uns ganz im Sinne des Sündenfallberichtes davor, den Verstand autonom, also losgelöst von Gottes Gedanken, zu ge­brauchen. Wir sind berufen nachzudenken, was Gott denkt. Der Mensch, der durch den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus Vergebung für seine Schuld – auch die Schuld seines verkehrten Denkens – und ein neues Leben geschenkt bekommt, erhält ein neues Herz und damit ein neues Denken. Der unversöhnte Mensch kann die Interessen Gottes nicht erkennen. Der Mensch in der Gemeinschaft mit Gott hat jedoch »das Denken des Christus« (1Kor 2,16; vgl. 1,10). An die Stelle des bösen Denkens tritt Gottes Weisheit und ein Denken, das in Christus »alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis« sucht und findet (Kol 2,3). Der Friede mit Gott macht also das gute Denken wieder möglich. Er ist Voraussetzung dafür, dass die durch Sünde verwundete und selbstherrliche Vernunft heilt und ihre Heimat zurückfindet.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sich das Denken eines Christen automatisch dem Denken Gottes unterordnet. Jemand, der Frieden mit Gott geschenkt bekommen hat, muss lernen, Gott mit seinem Denken zu lieben. Jesus sagt in Mt 22,37: »Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und ganzem Verstand«. Paulus verfolgt mit seiner Aufforderung in Röm 12,1–2 ein ähnliches Anliegen: »Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene«. Christen sollen ihre Gedanken unter den Gehorsam Christi bringen (vgl. 2Kor 10,5). Deshalb ist ein Christ ein denkender Mensch, ein Mensch, der seine nun beheimatete Vernunft dazu einsetzt, Gott die Ehre zu geben.

Kierkegaards moralischer Appell, beim Glauben stehen zu bleiben, kann möglicherweise Zweifel und Unfrieden kurzfristig verdrängen. Langfristig steht er einer Glaubensvertiefung im Weg. Nur Gottes Worte, die tief fallen (vgl. Lk 8,12; ähnlich Mt 13,19), also denkerisch verarbeitet und in ein Verhältnis zur Lebenswirklichkeit gebracht werden, können aufgehen und Frucht bringen. Kierkegaard, der die Erbauung der lebendigen Christenheit im Sinne hatte, trug so unbeabsichtigt mit zur nihilistischen Wende des 19. Jahrhunderts bei. Seine Anschauung vom Christsein hat – wie Thomas Johnson treffend konstatiert – die westliche Gesellschaft tief verunsichert. »Eine Gesellschaft, die die Rationalität preisgibt, muss Gott, die Würde des Menschen, Sinn und all­gemeingültige moralische Werte als etwas Irrationales ansehen. Eine ganze Zivilisation verlor das intellektuelle Fundament, das ihr einst das Christentum gegeben hat.«

Schluss

Kierkegaards Sprung (Teil 4)

Die drei Ebenen des Glaubens

Betrachten wir das Problem einmal mit Hilfe der aus der lutheri­schen Orthodoxie stammenden Unterscheidung zwischen drei Ebe­nen des Glaubens (vgl. Abb. 2).

Die erste Ebene ist notitia, die Kenntnis eines Glaubensinhaltes. Wir können solche Inhalte auch Propositionen nennen. Propositionen sind Objekte mentaler Aktivitäten wie Wollen, Glauben oder Hoffen. Sätze oder Aussagen mit propositionalem Gehalt sind prüfbar, kön­nen war oder falsch sein. Die Apostel unterschieden zwischen wah­ren und falschen Glaubensinhalten, zwischen ungesunden Lehren und der heilsamen Lehre (vgl. Röm 16,17). Eine falsche Lehre steht im Widerspruch zu dem, was Gott will und offenbart hat. Die Apostel verkündigten die Lehre des Christus, (2Joh 10), die scharf gegenüber fremden Lehren abgegrenzt werden kann (vgl. Hebr 13,9). Sie waren beispielsweise davon überzeugt, dass der Gott, dem sie sich anvertraut haben, nicht lügt (vgl. Tit 1,2 u. Hebr 6,18) oder Je­sus Christus im Fleisch gekommen ist (2Joh 9). Menschen, die diese Propositionen ablehnten, waren in ihren Augen falsche Propheten.

Drei Ebenen des Glaubens

Abbildung 2: Die drei Ebenen des Glaubens aus Sicht der lutherischen Orthodoxie.

Die zweite Ebene des Glaubens ist assensus, die Bejahung oder Annahme be­stimmter Glaubensinhalte. Jemand, der einem Sachverhalt zu­stimmt, bekundet sein Interesse und Einverständnis mit dem, was er sachlich wahrgenommen hat. Stellen wir uns vor, wir interessierten uns für die Frage, ob Jesus Christus tatsächlich gelebt habe. Wir würden geschichtliche, kritische und apologetische Bücher studieren, die sich mit der Frage des historischen Jesus befassen. Irgendwann formulierten wir dann ein Ergebnis unserer Untersuchungen. Das, was wir als Resultat unserer Bemühungen präsentierten, und sei es das zurückhaltende Bekenntnis »Wir können nichts genaues dazu sagen!«, fände unsere Zustimmung. Wir hielten das, was wir ausgearbeitet hätten, für annehmbar und vertrauenswürdig.

Die dritte Ebene, fiducia, ist das Gottvertrauen, der persönlich ge­lebte Glaube. Kierkegaard, der täglich in Kopenhagen ein Christen­tum ohne fiducia wahrnahm, verlagerte den Glauben ganz in den Be­reich des Vertrauens oder Gehorsams. Doch keine der drei Ebenen des Glaubens darf fehlen. »Man kann Gott nicht anerkennen (= assen­sus), ohne ihn zu kennen (= notitia). Man kann Gott nicht vertrauen (= fiducia), ohne ihn anzuerkennen (= assensus). Oder man könnte auch sagen: Das (Gott)Gehören (= fiducia) setzt ein Gehorchen (= as­sensus), das Gehorchen ein Anhören (= notitia) voraus.« Der Gläu­bige soll nicht glauben, weil er Ungewusstes und Unverstandenes auf die Autorität der Kirche hin glaubt, sondern weil er sich darüber klar ist, woran er glaubt.

Die existentielle Dimension des Glaubens ist eminent wichtig. Aber Leidenschaft ohne Rückbezug auf eine über- und durchdenkbare propositionale Lehrbasis kann auch die Unwahrheit sein. Wer möchte dem Selbstmordattentäter, der im Getümmel eines Marktplatzes lächelnd eine Bombe zündet, die Leidenschaft absprechen? Kierkegaard schreibt: »Der einzige wahre Ausdruck dafür, dass es noch etwas Absolutes gibt, ist, dessen Märtyrer oder Märtyrer dafür zu werden.«

Kierkegaards Wahrheitsbegriff hat viel gemein mit dem, was wir Wahrhaftigkeit nennen. Er beharrt auf Leidenschaft, die sich entwickeln kann, wenn innere Überzeugungen eines Menschen mit dem kongruieren, was er sagt und tut. Diese eingeforderte Wahrhaftigkeit bleibt auch heute eine leider zu oft uneingelöste Herausforderung für Christen. Aber innere Überzeugung ist nicht selbst Kriterium der Wahrheit von Aussagen. Sie kann nur dort An­rede Gottes sein, wo sie sich auf propositionalen Offenbarung Gottes beruft. Kierkegaards Sprung vom fides quae in den Raum des fides qua verkürzt den von den Aposteln überlieferten Glaubensbegriff auf verhängnisvolle Weise. Er koppelt den Vollzug des Glaubens vom Inhalt ab.

Sprung des Glaubens bei Kierkegaard

Abbildung 3: Kierkegaard isoliert den leidenschaftlichen Glaubensvollzug vom Glauben, der geglaubt wird.

Das Christentum ist Existenz-Mitteilung, nicht propositionale Lehre, die verstanden oder begriffen werden soll oder will, da »es keinen direkten Übergang von der Einleitung zum Christwerden gibt, sondern das Christwerden im Gegenteil der qualitative Sprung ist«. Die Konfrontation mit dem absoluten Paradox soll dem Menschen jede Möglichkeit nehmen, sich mit Erklärungen einer notwendigen Entscheidung zu entziehen.

Wissenschaft: Reine Glaubenssache

Hans-Joachim Neubauer hat ein allgemeinverständliches und antipositivistisches Essay über die Wissenschaftstheorie der neuen Priester geschrieben:

Karl Popper glaubte noch, dass die Wissenschaft Hypothesen entwickeln sollte, um sie durch Forschungen zu widerlegen. In der medial zugerichteten Expertenwissenskultur dieser Tage fände er damit wohl kaum Gehör. »Unter dem Etikett der Wahrheit lässt sich jede These besser verkaufen«, sagt Luca Giuliani, der Direktor des Berliner Wissenschaftskollegs: »Es ist schwer, einen Zweifel so zu vermitteln, dass es spannend wird. Die Wahrheit ist immer ein strahlendes Angebot.« Gebannt hängen die Bürger der Bildungsrepublik an den vor Wahrheit strahlenden Lippen der Experten.

Hier mehr: www.merkur.de.

Sido möchte in den Himmel

Der harte Rapper Sido ist das Aushängeschild des berüchtigten Labels »Aggro Berlin«, das mit gewaltverherrlichenden und sexistischen Texten Tausende Platten verkauft hat. Im Interview mit der FAZ erklärt er heute, dass er seinen Lebenstil geändert hat:

Ich bin ruhiger geworden, bin nicht mehr so aufgedreht, nehme weniger Drogen. Man kann nicht zur Ruhe kommen, wenn man weiß, dass alles um dich herum Scheiße ist. Du schläfst nicht gut, bist nicht zufrieden mit dir, mit deiner Umwelt. Das hat man mir auch angemerkt. Mittlerweile bin ich wirklich im Reinen mit mir selber. Ich habe jetzt den Anspruch, ein guter Mensch zu sein. Ich möchte in den Himmel (lacht).

Das ist prima. Allerdings bedarf es einer Klarstellung: Niemand kommt in den Himmel, indem er seinen Charakter schult und versucht, ein guter Mensch zu sein. Das reicht nicht. Gott ist heilg. Die Gemeinschaft mit Gott ist nur möglich, wenn wir durch Jesus Christus, der für unsere Sünden starb, Vergebung für unser Verfehlungen empfangen. Wer dem Sohn glaubt (ihm also vertraut), empfängt das ewige Leben (vgl. Johannesevangelium 3,36). Denke darüber nach. So reich ist seine Gnade!

Hier das Interview mit der FAZ: www.faz.net.

Calvin über Glauben und Werke

Calvin bestreitet, dass Werke irgendeinen Anteil an der Rechtfertigung des Menschen haben (vgl. hier). Aber ist der Glaube nicht ohne Werke tot (vgl. Jak 2,17)? Calvin: Da wo Christus ist, »da ist der Geist der Heiligung, der die Herzen zu neuem Leben umschafft«.

Johannes Calvin schreibt 1539 in seinem Brief an Kardinal Sadolet:

Gleichwohl tut man Christus Unrecht, wenn man unter dem Vorwand seiner Gnade gute Werke verwirft, ist er doch gekommen, das Volk »angenehm zu machen für Gott, eifrig zu guten Werken«. Und ähnliche Zeugnisse dafür gibt es in Fülle, aus denen hervorgeht, Christus sei deshalb erschienen, damit wir durch ihn als Menschen, die recht handeln, Gott angenehm sein sollen. Unsere Gegner führen freilich stets die Schmähung im Munde, daß wir mit dem Hinweis auf die Rechtfertigung aus Gnaden den Eifer nach guten Werken im christlichen Leben ersticken. Doch das ist zu lächerlich, als daß es uns ernsthaft beschweren könnte. Daß gute Werke an der Rechtfertigung des Menschen irgendeinen Anteil haben, bestreiten wir allerdings; im Leben der Gerechtfertigten aber beanspruchen wir für sie das ganze Feld. Denn wer Gerechtigkeit erlangt hat, besitzt Christus, Christus aber kann nirgends ohne seinen Geist sein. Daraus geht klar hervor, daß die Gerechtigkeit aus Gnaden notwendig mit der Wiedergeburt verbunden ist. Wenn man also genau verstehen will, wie unzertrennlich Glaube und Werke zusammengehören, muß man auf Christus sehen, der uns, wie der Apostel lehrt, zur Gerechtigkeit und Heiligung gegeben ist (1Kor 1,30). Wo immer sich also diese Glaubensgerechtigkeit findet, die wir als ein Geschenk der Gnade verkündigen, dort ist auch Christus. Wo aber Christus ist, da ist der Geist der Heiligung, der die Herzen zu neuem Leben umschafft. Und umgekehrt: Wo sich der Eifer nach Uneigennützigkeit und Heiligung nicht regt, dort ist auch weder Christi Geist noch Christus selbst. Wo aber Christus nicht ist, da gibt es auch keine Gerechtigkeit, ja nicht einmal Glaube, kann doch ohne den Geist der Heiligung der Glaube Christus nicht als [Unterpfand der] Gerechtigkeit ergreifen. Wenn also Christus nach unserer Predigt zu einem geistlichen Leben erneuert, welche er rechtfertigt, wenn er sie der Gewalt der Sünde entreißt und in das Reich seiner Gerechtigkeit versetzt28, wenn er sie in das Ebenbild Gottes verwandelt und sie schließlich durch seinen Geist zum Gehorsam gegen seinen Willen umgestaltet: dann bleibt Euch keine Möglichkeit mehr zur Klage, unsere Lehre lasse fleischlichen Begierden die Zügel schießen. Etwas anderes aber wollten die von Euch angeführten Schriftstellen doch nicht bezwecken. Wenn Ihr sie also dazu mißbrauchen wollt, die Rechtfertigung aus Gnaden niederzureißen, dann habt Ihr Euch verrechnet!

Wider die Privatisierung des Glaubens

Dominik Sikinger (DoSi) fragt in seinem Beitrag »New Perspective« Revisited:

… warum höre ich von den Kritikern der NP soviel über das jüngste Gericht und sowenig über das diesseitige Leben – und warum ist das bei ihren Vertretern genau umgekehrt?

kanzleramt.jpgDominik thematisiert damit eine Problemzone der Evangelikalen. Bei ihnen findet sich oft entweder die Neigung, sich aus der Welt zurückzuziehen, um in der Gemeinschaft mit Gott auf der sicheren Seite zu sein. Die Interaktion mit der Welt gilt dann als gefährlich und wird wenigen Spezialisten überlassen. Oder aber findet sich die Tendenz, in der Welt aufzugehen und so profilos in der Gesellschaft mitzuschwimmen.

Bedenkenswerter Weise kann sich die Privatisierungsmentalität nicht auf die Reformatoren und spätere Reformierte berufen. Die (nachreformatorische) Rückzugsethik entwickelte sich vielmehr in einigen stark von der Romantik beeinflussten pietistischen Kreisen und bei den Taufgesinnten. In einem Vortragsauszug versuche ich zu zeigen, dass Luther und Bonhoeffer (alte Paulusperspektive) für das verantwortliche und gestaltende Leben im Diesseits votiert haben.

Download des Auszugs: diesseits.pdf

Ingmar Bergman ist tot

bergmann.jpgAm 30. Juli verstarb Ingmar Bergman im Alter von 89 Jahren. Wie seine Schwester mitteilte, ist der große schwedische Filmregisseur in seinem Haus auf der Ostseeinsel Farö für immer eingeschlafen.

Bergman hat mit seinen Filmen »die Verzweiflung unserer Generation am deutlichsten dargestellt« schrieb der christliche Apologet Francis Schaeffer 1968. Mit Filmen wie Wilde Erdbeeren, Wie in einem Spiegel, Das Schweigen oder Szenen einer Ehe verstand es Bergman, die seelischen Abgründe und die Einsamkeit der modernen Menschen so eindrucksvoll darzustellen, dass man selbst heute noch beim Zuschauen physischen Schmerz empfinden kann. Wie kein anderer zeigte der Schwede, dass Menschen einander nicht selbstlos lieben können und zum Alleinsein verdammt scheinen.

Die ›Billigproduktion‹ Das Siebente Siegel (1957) mit Max von Sydow als Ritter Antonius Block in der Hauptrolle ist einer meiner Lieblingsfilme. Bergmann sagte über den Film: »Das Siegel ist einer der wenigen Filme, die meinem Herzen wirkliche nahestehen« (Bilder, S. 208). Weiter schrieb Bergman zum Film (Bilder, S. 208–209):

Damals lebte ich mit den welken Resten einer kindlichen Frömigkeit, einer völlig naiven Vorstellung von einer, wie man sie nennen könnte, außerirdischen Erlösung.

Zur gleichen Zeit manifestierte sich meine heutige Überzeugung: Der Mensch trägt seine eigene Heiligkeit, und sie ist irdisch, sie verfügt über keine außerirdischen Erklärungen. In meinem Film lebt also ein leidlich unneurotischer Rest einer aufrichtigen und kindlichen Frömmigkeit. Sie vereinigt sich friedlich mit einer schroffen, rationalen Auffassung der Wirklichkeit.

Das Siegel ist einer der absolut letzten Ausdrücke manifester Glaubensvorstellungen, Glaubensvorstellungen, die ich von meinem Vater geerbt und seit der Kindheit mit mir herumgetragen hatte.

Als ich das Siegel machte, waren Gebet und Fürbitte zentrale Realitäten meines Lebens. Das Verrichten eines Gebets war eine völlig natürliche Handlung.

Holger Lahayne hat in einem Artikel Bergmans Weg in den Unglauben nachgezeichnet.

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Die Zitate entstammen: Ingmar Bergman, Bilder, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1991. Abbildung des Buchcovers mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch (der Titel ist nicht mehr lieferbar).

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