Herman Bavinck

Die Tage Noahs werden am Ende wiederkehren

Hermann Bavink sagt über das Ende der irdischen Zeit (Dogmatik, Bd. 4, S. 674):

Die Gläubigen, von denen nicht viele weise, mächtig oder von edler Geburt sind (1Kor 1,26), haben auf Erden nichts anderes zu erwarten als Leid und Unterdrückung (Röm 8,36; Phil 1,29). Sie sind Fremdlinge und Fremde (Hebr 11,13); ihr Bürgerrecht ist in den Himmeln (Phil 3,20); sie schauen nicht auf das Sichtbare (2Kor 4,18), sondern auf das, was droben ist (Kol 3,2). Sie haben hier keine bleibende Stadt, sondern warten auf die künftige Stadt (Hebr 13,14). Sie sind in Hoffnung gerettet (Röm 8,24) und wissen, dass sie, wenn sie mit Christus leiden, auch mit ihm verherrlicht werden (Röm 6,8; 8,17; Kol 3,4). Deshalb warten sie mit der ganzen seufzenden Schöpfung sehnsüchtig auf die Zukunft Christi und auf die Offenbarung der Herrlichkeit der Kinder Gottes (Röm 8,19.21; 1Kor 15,48ff.), eine Herrlichkeit, mit der die Leiden der gegenwärtigen Zeit nicht zu vergleichen sind (Röm 8,18; 2Kor 4,17). Nirgendwo im Neuen Testament gibt es einen Hoffnungsschimmer, dass die Kirche Christi wieder zu Macht und Herrschaft auf Erden kommen wird. Sie darf höchstens darauf hoffen, dass sie unter Königen und allen, die ein hohes Amt bekleiden, ein ruhiges und friedliches Leben in aller Frömmigkeit und Würde führen kann (Röm 13,1; 1 Tim 2,2). Deshalb empfiehlt das Neue Testament nicht in erster Linie die Tugenden, die den Gläubigen befähigen, die Welt zu erobern, sondern nennt als Früchte des Geistes die Tugenden „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Großzügigkeit, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5,22–23; Eph 4,32; 1Thess 5,14ff.; 1Petr 3,8ff.; 2Petr 1,5–7; 1Joh 2,15; usw.).

Es ist eine ständige neutestamentliche Erwartung, dass in dem Maße, in dem das Evangelium vom Kreuz in der Welt verbreitet wird, auch die Feindseligkeit der Welt zum Ausdruck kommen wird. Christus ist dazu bestimmt, viele aufzurichten, aber auch dafür, viele zu Fall und ihre feindseligen Gedanken an den Tag zu bringen. Er ist zum Gericht (κρισις, krisis) in die Welt gekommen, damit die, die nicht sehen, sehen und die, die sehen, blind werden (Mt 21,44; Lk 2,34; Joh 3,19–21; 8,39; Röm 9,32–33; 1Kor 1,23; 2Kor 2,16; Hebr 4,12; 1Petr 2,7–8). In der Endzeit, der Zeit vor der Wiederkunft Christi, wird die Bosheit der Menschen ein furchtbares Ausmaß annehmen. Die Tage Noahs werden wiederkehren. Wollust, Sinneslust, Gesetzlosigkeit, Habgier, Unglaube, Hochmut, Spott und Verleumdung werden in furchtbarer Weise ausbrechen (Mt 24,37ff.; Lk 17,26ff.; 2Tim 3,1ff.; 2Petr 3,3; Judas 18). Auch unter den Gläubigen wird es zu einem weitreichenden Glaubensabfall kommen. Die Versuchungen werden so stark sein, dass, wenn es möglich wäre, sogar die Auserwählten zu Fall gebracht würden. Die Liebe vieler wird erkalten, und die Wachsamkeit wird so weit nachlassen, dass die klugen wie die törichten Jungfrauen einschlafen werden. Der Abfall wird so allgemein sein, dass Jesus fragen kann, ob der Menschensohn bei seinem Kommen noch Glauben auf der Erde finden wird (Mt 24,24.44ff.; 25,1ff.; Lk 18,8; 1Tim 4,1).

Bavinck: Es gibt keine atheistische Welt

Herman Bavinck schreibt (Reformed Dogmatics: God and Creation, Bd. 2, S. 56–57):

Nun ist die Tatsache, dass die Welt die Bühne der Selbstoffenbarung Gottes ist, kaum zu leugnen. Daran lässt die Heilige Schrift zu keinem Zeitpunkt einen Zweifel aufkommen. Sie errichtet keinen Altar für den unbekannten Gott, sondern verkündet den Gott, der die Welt geschaffen hat (vgl. Apg 17,23–24), dessen Macht und Gottheit vom menschlichen Verstand in den geschaffenen Dingen deutlich wahrgenommen werden kann (vgl. Röm 1,19–20), der vor allem die Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat (vgl. Gen 1,26), als seine Nachkommen, die in ihm leben und sich bewegen (vgl. Apg 17,28). Er hat zu ihnen durch Propheten und Apostel gesprochen, vor allem durch seinen Sohn selbst (vgl. Hebr 1,1), und offenbart sich ihnen nun ständig (vgl. Mt 16,17; Joh 14,22-23 usw.). Nach der Heiligen Schrift ist das ganze Universum eine Schöpfung und damit auch eine Offenbarung Gottes.

In einem absoluten Sinn ist also nichts atheistisch. Und dieses Zeugnis der Heiligen Schrift wird von allen Seiten bestätigt. Es gibt keine atheistische Welt. Es gibt keine atheistischen Völker. Es gibt auch keine atheistischen Personen. Die Welt kann nicht atheistisch gedacht werden, denn dann könnte sie nicht das Werk Gottes sein, sondern müsste die Schöpfung eines Anti-Gottes sein.

Glauben und Denken heute 1/2022

GuDh029Die Ausgabe Nr. 29 (1/2022) der Zeitschrift für Theologie und Gesellschaft Glauben und Denken heute ist erschienen. Wieder sind allerlei hilfreiche Beiträge enthalten. Einleitend fragt Tanja Bittner, wer heutzutage noch „aus Werken“ gerechtfertigt werden möchte, und zeigt, dass das hinter der „Werksgerechtigkeit“ stehende Prinzip nach wie vor aktuell ist. Johannes Lang untersucht die herausfordernde „Verstümmelungsanweisung“ in 5Mose 25,11–12. Franz Graf-Stuhlhofer setzt sich in einem ersten Beitrag mit den Entstehungs- und Veröffentlichungszeiten der synoptischen Evangelien und in einem zweiten mit dem Zusammenhang von Korruption und Konfession auseinander. Der aus Asien stammende Theologe Jackson Wu hat den Anlauf unternommen, eine kleine Theologie der Scham zu entwickeln. Daniel Facius fragt nach dem „abwesenden Gott“ angesichts von schwerem Leid. Frank Liesen stellt in seinem ausführlichen Beitrag die These auf, dass die Bethel Church Elemente eines New-Age-Synkretismus einverleibt hat und die Evangelikale Bewegung herausgefordert ist, darauf zu reagieren. In der Rubrik „Von den Vätern lernen“ zeichnet der niederländischen Theologe Herman Bavinck die Abkehr von christlichen Glauben unter den Gelehrten im ehemaligen Abendland nach.

Artikel

  • Editorial: Wer will denn heute noch „aus Werken“ gerechtfertigt werden? (Tanja Bittner)
  • Übersehen Theologen die Scham? (Jackson Wu)
  • Bethel Church: New-Age-Synkretismus und die Suche nach einer evangelikalen Antwort (Frank Liesen)
  • Warum die Hand? (Johannes Lang)
  • Zur Abkehr vom christlichen Glauben (Herman Bavinck)
  • Ein oder zwei Jahrzehnte zwischen Entstehung und Veröffentlichung der Evangelien (Franz Graf-Stuhlhofer)
  • Der abwesende Gott (Daniel Facius)
  • Korrelieren Konfession und Korruption? (Franz Graf-Stuhlhofer)

Rezensionen

  • Islay Burns: The Pastor of Kilsyth: The Life and Times of W.H. Burns (Daniel Vullriede)
  • Markus Heide, Fabian Mederacke (Hrsg.): Gotteswort im Menschenwort – Die Bibel lesen, verstehen und auslegen (Daniel Facius)
  • Richard Rice: The Future of Open Theism: From Antecedents to Opportunities (Luke Stannard)
  • Jens Kaldewey: Großer Himmel – kleine Hölle? (Tanja Bittner)

Buchhinweise

  • Collin Hansen, Jonathan Leeman: Gemeinde wiederentdecken (Tanja Bittner)
  • Eckhard Kuhla (Hrsg.): Die Gender-Fibel: Ein irres Konversationslexikon (Michael Freiburghaus)
  • Bernd Kollmann: Martin Luthers Bibel: Entstehung – Bedeutung – Wirkung (Ron Kubsch)
  • Josef Bordat: Würde, Freiheit, Selbstbestimmung (Claudia Sperlich) | Beilage: Das größte Geschenk (Bettina Klix)
  • Tom Holland: Herrschaft: Die Entstehung des Westens (Michael Freiburghaus)
  • Michael Allen u. Scott R. Swain: The Oxford Handbook of Reformed Theology (Ron Kubsch)

Die Ausgabe kann hier heruntergeladen werden: GuDh029.pdf.

Alle lieben Bavinck

James Eglinton, Autor der besten Bavinck-Biographie, geht in einem Artikel, den er für CT geschrieben hat, der Frage nach, weshalb Bavinck auch heutzutage noch gelesen wird:

Manche sagen, ein theologischer Gigant zeichne sich dadurch aus, dass er die Vorstellungskraft von Lesern fesseln kann, die weit von ihrer eigenen historischen Epoche, ihrem kulturellen Kontext und vor allem ihrer theologischen Tradition entfernt sind. In der Geschichte des Christentums ist die Liste der Persönlichkeiten, die diese Art von Reichweite genießen, klein – und sie wächst auch nicht schnell.

In den letzten zehn Jahren ist jedoch ein neuer Stern am Firmament aufgegangen: der niederländische neokalvinistische Theologe Herman Bavinck (1854-1921). In den Niederlanden war Bavinck zu seiner Zeit ein bekannter Name. Bavinck war nicht nur der beste niederländische Theologe seiner Generation, sondern auch eine bemerkenswerte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens in einer Zeit enormer gesellschaftlicher Umwälzungen – er hinterließ seine Spuren in den Bereichen Politik, Bildung, Frauenrechte und Journalismus. Im ganzen Land wurden Straßen und Schulen nach ihm benannt. Darüber hinaus war Bavinck auch als Person von internationalem Rang bekannt. Auf einer Reise in die Vereinigten Staaten im Jahr 1908 wurde er zum Beispiel von Theodore Roosevelt im Weißen Haus empfangen. Obwohl solche Ehrungen viel aussagen, geriet Bavincks Erbe im Inland in den Jahrzehnten nach seinem Tod immer mehr in Vergessenheit.

Das änderte sich in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts – dank der Bemühungen von John Bolt und John Vriend, deren englische Übersetzung von Bavincks Reformierter Dogmatik zwischen 2003 und 2008 in vier Teilen veröffentlicht wurde. Bis heute wurden von diesen Bänden über 90.000 Exemplare verkauft – eine erstaunliche Leistung für ein Werk dieser Art. Ganz zu schweigen von den portugiesischen und koreanischen Versionen oder den spanischen, russischen und chinesischen Übersetzungen, die derzeit in Arbeit sind. Es wäre jedoch falsch, von der Veröffentlichung von Bavincks Dogmatik in englischer Sprache bis zu seiner heutigen Popularität vorzuspulen und einfach zu sagen: „Der Rest ist Geschichte“. Damit würde man die wichtige Frage übersehen, warum diese Figur für so viele Menschen heute zur ersten Adresse für Theologie wurde – von Peking bis São Paulo, von New York bis Seoul. Wie konnte Herman Bavinck ein so vielfältiges globales Publikum gewinnen?

Mehr: www.christianitytoday.com.

Das Herman Bavinck-Archiv

Der Nachlass von Herman Bavinck (1854–1921) wurde in den 1950er Jahren der Freien Universität von Amsterdam (Niedelande) vermacht. Die Papiere sind inzwischen durch eine Kooperation zwischen dem Historischen Dokumentationszentrum für den niederländischen Protestantismus und dem Forschungsinstitut für Neo-Calvinismus (NRI) an der Theologischen Hochschule Kampen digitalisiert und öffentlich zugänglich gemacht worden.

Das Archiv enthält mehr als 900 Briefe an und von Herman Bavinck, Dokumente über sein persönliches Leben und seine Familie, Tagebücher, und Dokumente, die mit Bavincks öffentlicher Rolle als Pastor, Journalist, Politiker, Professor, Kirchenleiter und Autor zusammenhängen: Manuskripte, Notizbücher, Vorträge, Unterrichtsmitschriften.

Hier geht es zum Archiv: sources.neocalvinism.org.

Vor 100 Jahren starb Herman Bavinck

Mit freundlicher Genehmigung darf ich hier einen Artikel wiedergeben, den Dr. Jan Gerrit Beuker für die Zeitschrift Der Grenzbote verfasst hat (Nr. 5, 30. Mai 2021, S. 47–48):

Vor 100 Jahren starb Herman Bavinck

Herman Bavinck (1854 – 1921) ist der älteste Sohn von Jan Bavinck (1826 – 1909), der aus Bentheim stammte. Jan Bavinck war von 1848 bis 1853 der erste altreformierte Pastor, anfangs für die gesamte Niedergrafschaft, 1849 nur für Wilsum und Uelsen und 1850 bis 1853 nur für Uelsen. Von Uelsen aus wurde Jan Bavinck Dozent an der Theologischen Schule in Ruinerwold/Hoogeveen, wo er schon in seiner Studienzeit wie auch später in Uelsen angehende Theologen unterwiesen hatte.Eine Ernennung als Professor an der 1854 neu gegründeten Theologischen Schule in Kampen lehnte er ab. Er ließ über diese Entscheidung das Los den Ausschlag geben. Er arbeitete von 1853 bis 1857 zusätzlich als Pastor in Hoogeveen und von 1857 bis 1862 in Bunschoten. Nach zehn Jahren als Pastorin Almkerk-Nieuwendijk (1862 bis 1873) betreute er von 1873 bis 1903 die Gemeinde Kampen. Gleichzeitig gehörte er viele Jahrzehnte zur Leitung der Theologischen Schule Kampen. Jan Bavinck starb am 28. November 1909 in Amsterdam. WeitereInformationen über Jan Bavinck sind derBiografie zu entnehmen, die im Internet abrufbar ist: biografien/Biogr-Bavink-J-.pdf.

Sein Sohn Herman studierte 1873 in Kampen und 1874 bis 1880 in Leiden, wo er sein Studium mit der Promotion abschloss.1881/82 war er kurz Pastor in Franeker, 1882 wurde er Dozent an der Schule in Kampen, 1902 übernahm er einen Lehrstuhl an der Freien Universität (VU) in Amsterdam. Seine vierbändige Dogmatik ist in verschiedene Sprachen übersetzt, eine deutsche Übersetzung wird seit vielen Jahren vorbereitet. Seine Ethik ist vor kurzem in den Niederlanden neu erschienen.

Sein Buch Christliche Weltanschauung wurde 2007 in deutscher Sprache neu herausgegeben. Herman Bavinck schreibt darin über Fragen der Philosophie: Wie verhalten sich Denken und Sein und wie Sein und Werden zueinander? Oder: Welche Normen gibt es für rechtes Handeln? Bavinck meint, allein der christliche Glaube gibt befriedigende Antworten. Die englische Übersetzung war 2020 die Nummer eins der Amazon-Bestsellerliste für christliche theologische Literatur in den USA und in England. Allein vier verschiedene dicke Bücheraus den Jahren 1921, 1966, 2010 und 2020 beschreiben das Leben und die Wirkung von Herman Bavinck.

Die letzte Biografie von James Eglinton (Jg. 1982) zählt 2021 schon drei Auflagen und erscheint gerade in Chinesisch und Koreanisch. Die Monatsschrift „Protestants Nederland“ widmet Herman Bavinck die gesamte Nummer vom Februar 2021 mit etwa 60 Seiten. Autoren aus Korea, England, den USA und natürlich auch den Niederlanden würdigen seine Weitsicht. Er schrieb neben Dogmatik und Ethik auch über Pädagogik, Psychologie und Philosophie. Man nennt ihn wohl einmal einen „calvinistischen Alleskönner“.

Herman Bavinck versuchte im Dialog mit Abraham Kuyper, den christlichen Glauben und die moderne Welt miteinander ins Gespräch zu bringen. Er behielt die pietistische Einstellung seines Elternhauses, für die Wiedergeburt und Bekehrung wichtige Themen waren und wo man Gottes Willen mit dem Los erforschte und bestimmte Bibeltexte „bekam“, die einen Menschen versicherten, Gottes Kind zu sein. Diese abgeschiedene Frömmigkeit verband Bavinck schon in seinem Studium und dann auch lebenslang mit den Fragen der modernen Welt. Es war übrigens 1874 „unerhört“, dass der Sohn eines altreformierten Pastors nicht in Kampen, sondern in Leiden Theologie studierte. Bavinck wollte mehr als nur das eigene Seelenheil, das viele Altreformierte bekümmerte. Er wollte in einem guten Sinn die Welt mit dem christlichen Glauben gewinnen. Wenn Jesus Herr der ganzen Welt ist, dann ist unser ganzes Leben von ihm geprägt und nicht nur unsere Frömmigkeit oder unsere Gottesdienste.

In den USA, Korea, Asien oder auch Schottland ist Bavinck heute bekannter als in Mitteleuropa. Bavinck ruft dort bis heute auf, die Welt mit dem christlichen Glauben zu durchdringen. Es würde Europa gut tun, seine Stimme neu zu hören.

Dr. Gerrit Jan Beuker, Neuenhaus

VD: UN

Mattson und Eglinton reden über Bavinck

51yRUcNPOiLWenn zwei ausgewiesene Bavinck-Experten wie Brian Mattson und James Eglinton sich unterhalten, lohnt es sich, mal „reinzuhören“. Evangelium21 hat ihr Gespräch in die deutsche Sprache übersetzt.

Wie wahr und hilfreich, was Eglinton hier über Bavincks späte überkonfessionelle Apologetik sagt:

In meiner Biografie wird dieser Wandel auf eine Gesinnungsänderung um 1900 zurückgeführt, das Jahr, in dem der deutsche Atheist und Philosoph Friedrich Nietzsche verstarb. Zu Lebzeiten war Nietzsche in den Niederlanden relativ unbekannt. Aus dem wenigen, was Bavinck damals über ihn schrieb, kann gefolgert werden, dass er kaum mehr als die Titel seiner Bücher gelesen, Nietzsche aber nicht studiert hatte. Nach seinem Tod wuchs Nietzsches Bekanntheit jedoch in den Niederlanden enorm. Neben Nietzsches offener Abscheu gegen Jesus (aufgrund seiner freiwilligen Schwäche und dienenden Haltung) war seine revolutionärste Idee, dass wir, wenn „Gott tot ist“, nicht zur Einhaltung der moralischen Werte des Theismus verpflichtet sind. Aus diesem Grund hatte diese neue Ausrichtung des Atheismus das Potential für drastische moralische Folgen.

Angesichts der plötzlichen Popularität Nietzsches nach seinem Tod realisierte Bavinck, dass die Verteidigung des Neo-Calvinismus allein nicht ausreicht, da die Anhänger Nietzsches jede Form des Christentums verabscheuten – sowohl liberal als auch orthodox – und dem Christentum an sich ein Ende bereiten wollten. In der Biografie beschreibe ich Bavincks Erkenntnis so, dass Nietzsche nicht mit einer Gartenschere zu dem Baum des Christentums gekommen war, sondern mit einer Axt. Für Nietzsche musste das ganze Ding weg, nicht nur einige Äste. Und damit standen Bavinck und seine theologischen Rivalen vor einer gemeinsamen existenziellen Bedrohung. In diesem Kontext begann Bavinck neben seiner ungebrochenen Unterstützung des Neo-Calvinismus, das Christentum allgemeiner zu verteidigen. Die Art, wie er die Balance hält zwischen seiner Förderung des Christentums allgemein und dem Festhalten an eigenen Traditionen, erinnert an C.S. Lewis’ Pardon, ich bin Christ oder als jüngeres Beispiel Tim Keller.

Welche Relevanz hat dieser Gesinnungswandel für uns heute? Wir leben immer noch in Nietzsches Schatten. Die westliche Kultur ist unersättlich hungrig nach Macht, getrieben von der Suche nach Vorherrschaft, verachtet das Schwache und Verletzliche und hat eine moralische Vorstellungskraft (wie Nietzsche selbst), die eher an Pontius Pilatus als an Jesus erinnert. Um dies zu verstehen und darauf reagieren zu können, brauchen wir gute Ressourcen. In den letzten zwanzig Jahren im Leben Bavincks war Nietzsche wahrscheinlich sein häufigster Opponent. Wir würden davon profitieren, hier von Bavinck zu lernen.

Mehr hier: www.evangelium21.net.

Bavinck: Eine kritische Biographie

51yRUcNPOiL SX332 BO1 204 203 200Die kritische Biographie über Herman Bavinck von James Eglinton wird von vielen Liebhabern der reformierten Theologie sehnsüchtig erwartet. Anknüpfend an das Buch Trinity and Organism entwirft Eglinton einen frischen Blick auf das Leben und Werk von Bavinck und sieht in ihm einen kreativen Denker, der die Rechtgläubigkeit (lehrmäßige Othodoxie) nicht verleugnete und zugleich Teilhaber der Moderne war.

Hier schon mal das Inhaltsverzeichnis mit der Einführung: Excerpt_Eglinton_short.pdf.

 

Herman Bavinck: 6 kritische Gedanken zur Mystik

41AoGcyQAZL SX331 BO1 204 203 200In seiner Ethik hat Herman Bavinck sechs kritische Gedanken zur Mystik formuliert, die ich den Lesern des TheoBlogs nicht vorenthalten möchte (Herman Bavinck, Reformed Ethics, Bd. 1, 2019, S. 309):

1. Mystik und Pietismus verlegen den Sitz des Glaubens in das Gefühl und nehmen daher nicht die Ganzheit unserer Menschlichkeit auf. Das, was am meisten beeinflusst und die Gefühle weckt, wird zentral.

2. Dies führt zu einer Verleugnung der Zielsetzung des Glaubens, d.h. des Wortes, des Briefes, der Sakramente, der Kirche und sogar der Lehre (z.B. Zufriedenheit).

3. Eine weitere Folge ist die Bildung einer schädlichen Gruppen-Mentalität. Die Bekehrten trennen sich selbst, leben getrennt und verlassen Familie und Welt, um für sich selbst zu sorgen. Sie sind Salz nicht innerhalb, sondern am Rand der Welt.

4. Die Idee des Bundes geht völlig verloren. Die Bekehrten und die Nichtbekehrten leben jeweils ihr eigenes Leben, völlig losgelöst voneinander. Der gegenseitige Kontakt erfolgt nur mechanisch und nicht organisch. Die Unbekehrten werden auf sich allein gestellt.

5. Dies hat auch negative Auswirkungen auf die Ungläubigen. Die Religion beschränkt sich darauf, sich mit den Dingen Gottes zu beschäftigen (Lesen, Beten). Die tägliche Arbeit wird allein zu einer Frage der Notwendigkeit und nicht zu einer heiligen Berufung. Der Sonntag bleibt vom Rest der Woche getrennt; der Glaube wird in der Welt nicht geprüft. Christen werden passiv, quietistisch.

6. Indem sie sich ständig der Selbstbesinnung widmen, machen die Menschen ihre Erfahrung zur Norm für alle anderen, und so treten ungesunde, unbiblische Elemente ein. Einfachheit und der kindliche Charakter des Glaubens weichen der Sentimentalität. Die Erfahrung leitet die Exegese der Schrift und wird sogar zur Quelle des Wissens, sowohl materiell als auch formal.

Restored To Our Destiny

Brian Mattson ist  nicht nur ein guter Gitarrist (das Soloalbum „Beckon Me“ gibt es auf iTunes), sondern vor allem ein exzellenter Theologe. Das Bavinck-Institut hat mit ihm über seine Dissertation:

gesprochen. Mattson hat völlig recht, wenn er meint, die Metaphysik lasse sich nicht dauerhaft ausblenden. Die neusten Entwicklungen in der Philosophie und Theologie signalisieren denn auch eine mächtige Rückkehr metaphysischen Denkens.

Mattson sagt:

But metaphysics more broadly has clearly fallen on hard times, and we often think its demise is of more recent vintage than it really is. One of the benefits of reading Bavinck is that it becomes clear that the rejection of metaphysics is not, as conventional wisdom sometimes has it, a byproduct of postmodernism’s critique of foundationalism. Bavinck’s entire theology is presented in contrast to the anti-metaphysical climate of the late nineteenth century. What is so significant, to me, at any rate (and getting at your question), is how modernism’s rejection of metaphysics invariably resulted in a collapse of the Creator/creature distinction, seen, for example, in Bavinck’s relentless critiques of the pantheism of Hegel and Schelling. This is one thing that certainly hasn’t changed in the much-vaunted “postmodern turn.” Rejecting “metaphysics” seems as much today the “gateway drug” for pantheism just as much as it was in Bavinck’s context.

I am not sure I am adequately answering your question, so I’ll stick with this: I do believe, as did Bavinck, that metaphysics cannot be wished away. With respect to his modernist interlocutors he recognized that they were not rejecting metaphysics; they were providing an alternative metaphysics. I believe the same is true with postmodernism. And if we want to replace the metaphysical worldview the Bible presents to us we will not be improving matters. Depart from the Trinitarian Creator/creature distinction at your own risk. Not only will you not have an adequate doctrine of covenant, in the end you won’t have a doctrine of God or creation left either.

Hier das Interview: bavinckinstitute.org.

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