Mattson und Eglinton reden über Bavinck

51yRUcNPOiLWenn zwei ausgewiesene Bavinck-Experten wie Brian Mattson und James Eglinton sich unterhalten, lohnt es sich, mal „reinzuhören“. Evangelium21 hat ihr Gespräch in die deutsche Sprache übersetzt.

Wie wahr und hilfreich, was Eglinton hier über Bavincks späte überkonfessionelle Apologetik sagt:

In meiner Biografie wird dieser Wandel auf eine Gesinnungsänderung um 1900 zurückgeführt, das Jahr, in dem der deutsche Atheist und Philosoph Friedrich Nietzsche verstarb. Zu Lebzeiten war Nietzsche in den Niederlanden relativ unbekannt. Aus dem wenigen, was Bavinck damals über ihn schrieb, kann gefolgert werden, dass er kaum mehr als die Titel seiner Bücher gelesen, Nietzsche aber nicht studiert hatte. Nach seinem Tod wuchs Nietzsches Bekanntheit jedoch in den Niederlanden enorm. Neben Nietzsches offener Abscheu gegen Jesus (aufgrund seiner freiwilligen Schwäche und dienenden Haltung) war seine revolutionärste Idee, dass wir, wenn „Gott tot ist“, nicht zur Einhaltung der moralischen Werte des Theismus verpflichtet sind. Aus diesem Grund hatte diese neue Ausrichtung des Atheismus das Potential für drastische moralische Folgen.

Angesichts der plötzlichen Popularität Nietzsches nach seinem Tod realisierte Bavinck, dass die Verteidigung des Neo-Calvinismus allein nicht ausreicht, da die Anhänger Nietzsches jede Form des Christentums verabscheuten – sowohl liberal als auch orthodox – und dem Christentum an sich ein Ende bereiten wollten. In der Biografie beschreibe ich Bavincks Erkenntnis so, dass Nietzsche nicht mit einer Gartenschere zu dem Baum des Christentums gekommen war, sondern mit einer Axt. Für Nietzsche musste das ganze Ding weg, nicht nur einige Äste. Und damit standen Bavinck und seine theologischen Rivalen vor einer gemeinsamen existenziellen Bedrohung. In diesem Kontext begann Bavinck neben seiner ungebrochenen Unterstützung des Neo-Calvinismus, das Christentum allgemeiner zu verteidigen. Die Art, wie er die Balance hält zwischen seiner Förderung des Christentums allgemein und dem Festhalten an eigenen Traditionen, erinnert an C.S. Lewis’ Pardon, ich bin Christ oder als jüngeres Beispiel Tim Keller.

Welche Relevanz hat dieser Gesinnungswandel für uns heute? Wir leben immer noch in Nietzsches Schatten. Die westliche Kultur ist unersättlich hungrig nach Macht, getrieben von der Suche nach Vorherrschaft, verachtet das Schwache und Verletzliche und hat eine moralische Vorstellungskraft (wie Nietzsche selbst), die eher an Pontius Pilatus als an Jesus erinnert. Um dies zu verstehen und darauf reagieren zu können, brauchen wir gute Ressourcen. In den letzten zwanzig Jahren im Leben Bavincks war Nietzsche wahrscheinlich sein häufigster Opponent. Wir würden davon profitieren, hier von Bavinck zu lernen.

Mehr hier: www.evangelium21.net.

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9 Kommentare
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Peter Gast

Ich verteidige Nietzsche ungern, aber von „Nietzsches offener Abscheu gegen Jesus (aufgrund seiner freiwilligen Schwäche und dienenden Haltung)“ kann nicht die Rede sein.

Nietzsche hat sich Jesus gegenüber selbst nie ablehnend, sondern eher beeindruckt ob seiner Radikalität geäußert. Er hat allein die ihm nachfolgende Theologie und die organisierte Religion mit allerschärfsten Worten abgelehnt.

Eine offen abwertende Äußerung über Jesus ist bei Nietzsche – meines Wissens nach – nicht zu finden.

Clemens Altenberg

@ Peter Gast

Es gibt von Nietzsche zwar auch ein paar wenige vereinzelte positive Äußerungen zu Jesus, aber seine Grundtendenz war ablehnend. In der Genealogie der Moral macht er Jesus hauptverantwortlich für die „Sklavenmoral“, eine Verkehrung der natürlichen Werteordnung:

„Dieser Jesus von Nazareth, als das leibhaftige Evangelium der Liebe, dieser den Armen, den Kranken, den Sündern die Seligkeit und den Sieg bringende „Erlöser“ – war er nicht gerade die Verführung in ihrer unheimlichsten und unwiderstehlichsten Form?“

Das nahm ihm Nietzsche übel, sein Ziel war es die jesuanische Werteordnung wieder umzudrehen.

Peter Gast

@Ron Kubsch Vielen Dank für Ihre Anwort und Ihren Hinweis auf die Diskussion, die unsere Diskussion in Teilen erübrigt. In der Tat, Nietzsches Jesus ist Nietzsches Jesus. Und er mag sich ein Zerrbild von ihm in seiner von Zerrbildern übervölkerten Welt gezeichnet haben. Dennoch(!) ist von ihm kein „offener Abscheu gegen Jesus“ zu finden. Bei referentiellen Aussagen spricht man notwendig über die jeweiligen subjektiven mentalen Repräsentationen des „Senders“ und des „Empfängers“ und faktisch nie über die „wirkliche“ Person mit allen ihren Eigenschaften und Bezügen zur Welt. Das wäre menschlich/sprachlich/kognitiv unmöglich. Wenn Sie also behaupten Nietzsche verträte ein größeres Zerrbild als Sie selbst es vertreten und dass Sie „den wahren Jesus“ besser kennen als Nietzsche, dann zolle ich Ihnen großen Respekt, ob Ihres außerordentlichen Selbstbewußtseins und Ihres übermenschlichen Wissens. Allerdings erinnert mich diese Argumentation an die „No true scotsman“-Fallacy: Person A: Nietzsche hat Jesus verabscheut. Person B: Aber es ist kein Zitat zu finden, in dem er Abscheu über Jesus äußert.… Weiterlesen »

Helge Beck

Peter Gast
„dann zolle ich Ihnen großen Respekt, ob Ihres außerordentlichen Selbstbewußtseins und Ihres übermenschlichen Wissens.“

Ich bin auch immer wieder erstaunt welchen Wissensvorsprung bestimmte Glaubensmeinungen so mit sich bringen.

Peter Gast

@Ron Kubsch Vielen Dank für Ihre schnelle Antwort. Sie schreiben: Nietzsche geht ja (durch den Einfluss von Baur, Overbeck, Tolstoi?) davon aus, dass der Jesus des NTs eine Entstellung ist. Er suchte den historischen Jesus hinter den Texten der Heiligen Schrift. Der Jesus eines Paulus oder Johannes hat also für ihn mit dem historischen Jesus wenig zu tun, sondern ist eine Erfindung des Christentums. Das sehe ich auch so. Aber wie Albert Schweitzer schon so schön schrieb, mündeten diese Versuche der historischen Präzisierung der Gestalt Jesu immer in einen Pygmalion-Effekt: Die Historiker erschufen sich einen Jesus nach ihrem Bild. Dies kann man sicher auch Nietzsche vorwerfen. Allerdings bemerkt Nietzsche – meiner Ansicht nach – zu recht, dass der Jesus des NT ebenfalls eine menschliche Konstruktion sei. Was auch sonst. Sie werden sicher nicht behaupten, das NT enthielte eine vollkommen erschöpfende und perfekte Beschreibung der historischen Realität. Sie schreiben weiter Nietzsches Kritik selbst zitierend: Ich sehe das eben anders. Ich denke,… Weiterlesen »

Clemens Altenberg

 
Nietzsches Jesus ist im Grunde der Jesus der Bergpredigt, der Jesus der die Abgehängten darauf vertröstet, dass sie durch den Glauben an ihn im Jenseits die Ersten sein werden. Das ist nicht der ganze Jesus, aber kein falscher. Nietzsche steht für eine auf das Diesseits bezogene Selbstoptimierung, für den Kampf hier und jetzt zu den Ersten zu gehören. Den Glauben, dass man sich nicht selbst retten kann, sondern auf ein göttliches Selbstopfer angewiesen ist nannte er „tiefstes Heidentum“.
Als Nietzsches skandalöseste Aussage im Antichrist gilt doch diese:

”Unser ganzer Begriff, unser Cultur-Begriff ‘Geist’ hat in der Welt, in der Jesus lebt, gar keinen Sinn. Mit der Strenge des Physiologen gesprochen, wäre hier ein ganz andres Wort eher noch am Platz: das Wort Idiot.”

Idiot war damals nicht das Schimpfwort, das es heute ist, aber als Kompliment war es von Nietzsche sicher nicht gemeint.

Clemens Altenberg

Bin gerade zufällig auf etwas gestoßen. Nietzsche an den dänischen Gelehrten Brandes über Ecce homo:

„Das Buch … ist ein Attentat ohne die geringste Rücksicht auf den Gekreuzigten; es endet in Donnern und Wetterschlägen gegen alles, was christlich ist … Ich schwöre Ihnen zu, dass wir in zwei Jahren die ganze Erde in Konvulsionen haben werden. Ich bin ein Verhängnis.“

Der schärfste intellektuelle Angriff auf den christlichen Glauben ist nicht von links gekommen.