Rechtfertigungslehre

Timothy Keller über Rechtfertigung und gute Werke

Im New City Katechismus heißt es in Frage 33:

Sollten diejenigen, die an Christus glauben, ihr Heil in den eigenen Werken oder irgendwo sonst suchen?

Die Antwort lautet:

Nein, sollten sie nicht. Denn alles, was zum Heil nötig ist, ist in Christus zu finden. Wer versucht, durch gute Werke die Errettung zu erlangen, leugnet, dass Christus der einzige Retter und Erlöser ist.

Timothy Keller kommentiert die Antwort mit folgenden Worten:

Wenn Sie Glaube mit Werken vermischen, wenn Sie sagen: „Ja, ich muss an das glauben, was Jesus für mich getan hat, aber ich muss auch noch dies oder jenes hinzufügen, sonst bin ich nicht gerettet,“ dann behaupten Sie, dass das, was Sie eigentlich rettet, nicht das ist, was Jesus getan hat, sondern was Sie hinzugefügt haben. Das macht Sie zu Ihrem eigenen Erretter.

Die folgende Geschichte könnte hier helfen. Herr A hat Herrn B beauftragt, ihm einen Schrank aus Holz zu machen, weil er ein großartiger Möbelbauer ist. Herr B und Herr A waren Freunde, und deshalb sagte sich Herr B: Nun, ich werde mich wohl besser anstrengen, dass es wirklich gut wird […] vollkommen.“ Deshalb arbeitet er an dem Schrank, und arbeitet und arbeitet, bis er ihn soweit hat, dass er perfekt geschliffen und poliert ist. Er holt Herrn A in seine Werkstatt, um den Schrank anzusehen, und jetzt würde Herr A ein Stück Schleifpapier nehmen und sagen: „Ich will hier nur mal noch ein bisschen schleifen.“ Herr B. sagt: „Nein, er ist fertig, er ist vollkommen. Es gibt nichts was man noch hinzufügen könnte, was ihn nicht wieder schlechter machen würde.“

Dasselbe gilt für das Werk Jesu Christi. Weil Jesus, als er starb, gesagt hat: „Es ist vollbracht.“ Es gibt nichts mehr hinzuzufügen. Das Werk ist vollkommen. Und wenn Sie etwas dazutun wollten, dann würden Sie es nur schlechter machen. Wenn Sie sagen würden: „Er hat das getan, aber ich muss noch etwas hinzufügen,“ dann würde alles, was Sie hinzufügen, die eigentliche Basis Ihrer Errettung bilden und Sie zu Ihrem eigenen Erlöser machen.

Die protestantischen Reformatoren haben sehr eindrückliche biblische Argumente dafür gebracht, dass man Glaube und Werke nicht vermischen darf, dass Rechtfertigung und Gerechtigkeit und Errettung aus dem Glauben allein kommen müssen. Ich werde hier nicht weiter argumentieren, sondern Folgendes sagen: Ich persönlich könnte nicht leben, wenn das nicht der Fall wäre. Ich hätte keinerlei Hoffnung, wenn ich nicht jeden Tag aufstehen würde und auf dem grundsätzlichen Wissen stehen könnte:

Christi Blut und Gerechtigkeit,
das ist mein Schmuck und Ehrenkleid.
Damit will ich vor Gott bestehn,
wenn ich zum Himmel wird eingehn.

Das ist meine einzige Hoffnung.

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Abraham Booth über Rechtfertigung und Heiligung

Der englische Apologet Abraham Booth (1734–1806) ordnete Rechtfertigung und Heiligung im Leben des Christen wie folgt:

Obwohl beide, Rechtfertigung und Heiligung, untrennbare Segnungen der Gnade sind, handelt es sich doch um unterschiedliche Werke Gottes. In mancherlei Hinsicht gibt es einen großen Unterschied zwischen ihnen. Diesen Unterschied könnte man so beschreiben: Die Rechtfertigung sieht die Person im rechtlichen Sinne, ist ein einmaliges Gnadenwerk und endet mit einer rechtlichen Statusänderung; das heißt, Straffreiheit und Recht auf Leben. Die Heiligung sieht den Menschen im leiblichen Sinne, es handelt sich um ein fortdauerndes Gnadenwerk. Es mündet in einer echten Veränderung bezüglich der Qualität von Gewohnheiten und Handlungen. Die Erstere geschieht durch eine Gerechtigkeit außerhalb von uns, die Letztere durch die Heiligkeit, die in uns wirkt. Das eine geht als Ursache voran, das andere ist eine natürliche Folge daraus. Rechtfertigung geschieht durch Christus als Priester und hat die Schuld der Sünde im Blick. Heiligung geschieht durch ihn als König und bezieht sich auf die Herrschaft der Sünde. Die erste befreit von der verurteilenden Macht der Sünde, die letzte von ihrer Herrschaft. Rechtfertigung geschieht sofort und vollständig auf allen Gebieten; die Heiligung schreitet voran und vervollkommnet schrittweise.

Matthew Barrett über aktuelle Herausforderungen im Blick auf die Glaubensrechtfertigung

Matthew Barrett, der derzeit an einem Buchprojekt zur Rechtfertigungslehre arbeitet (vgl. hier), hat sich in diesem kurzen Beitrag zu aktuellen Herausforderungen im Blick auf die Glaubensrechtfertigung geäußert. Zu den Herausforderungen gehört neben Karl Barth oder der Finnischen (lutherischen) Schule auch die Neue Paulusperspektive.

Hier das Video:

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Matthew Barrett über Glaubensrechtfertigung

Matthew Barrett arbeitet derzeit an einem gigantischen Buchprojekt zur Rechtfertigungslehre. Das Werk mit ca. 900 Seiten soll im April 2019 erscheinen. Zu den Autoren gehören Robert J. Cara, Leonardo De Chirico, J. V. Fesko, Jason C. Meyer, Andy Naselli, Sam Storms, Mark D. Thompson oder David VanDrunen (mehr Informationen dazu hier).

In diesem kleinen Video erklärt Matthew Barrett, warum auch heute gründlich über die Glaubensrechtfertigung nachgedacht werden muss:

GLAUBEN UND DENKEN HEUTE 1/2018 erschienen

Die Ausgabe 21 (1/2018) der Zeitschrift Glauben und Denken heute ist erschienen und enthält folgende Beiträge:

Artikel

  • Ron Kubsch: Editorial: Carpe diem – Von Heinrich Bullinger Studieren lernen
  • Thomas Schirrmacher: Benedikts Jesus-Trilogie und die historisch-kritische Theologie
  • Jonathan R. Pratt: Die Beziehung zwischen Rechtfertigung und geistlicher Frucht in Römer 5–8
  • Ron Kubsch: Die deutsche Ausgabe von Logos 7
  • J.V. Fesko: John Owen über die Einheit mit Christus und die Rechtfertigung
  • Heinrich Bullinger (1553): Väterliche Anweisungen

Rezensionen

  • Thorsten Dietz: Sünde: Was Menschen heute von Gott trennt (Tanja Bittner)
  • Os Guinness: Als Jesusnachfolger auf dem Marktplatz der Meinungen (Hanniel Strebel)
  • Diewald, Gabriele u. Steinhauer, Anja (Hg.): Richtig gendern (Daniel Vullriede)
  • Reinhold Rieger: Martin Luthers Theologische Grundbegriffe: Von „Abendmahl“ bis „Zweifel“ (Ron Kubsch)

Buchhinweise

  • Harald Seubert: Platon – Anfang, Mitte und Ziel der Philosophie (Ron Kubsch)
  • Amy Nelson Burnett u. Emidio Campi (Hg.): Die schweizerische Reformation: Ein Handbuch (Ron Kubsch)

Die Ausgabe kann hier heruntergeladen werden: gudh_1_2018_d.pdf.

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Clemens: Rechtfertigung aus Glauben

Clemens schreibt im Ersten Brief an die Korinther, wahrscheinlich kurz vor 100 n. Chr. verfasst (Kap. 32):

Alle haben demnach Ehre und Herrlichkeit erlangt nicht durch sich selbst oder durch ihre Werke oder wegen ihrer Gerechtigkeit, die sie übten, sondern durch seinen Willen. Und auch wir, die wir durch seinen Willen in Christus Jesus berufen sind, werden nicht durch uns selbst gerechtfertigt noch durch unsere Weisheit oder Einsicht oder Frömmigkeit oder durch die Werke, die wir vollbracht haben in der Heiligkeit des Herzens, sondern durch den Glauben, durch den alle von Anbeginn an der allmächtige Gott gerechtfertigt hat. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Endgültige Rechtfertigung: Baxter oder Owen?

Die Puritaner Richard Baxter (1616–1691) und John Owen (1616–1683) haben beide ein bewegtes Leben geführt, bedeutende Bücher geschrieben und zeitweise sogar zusammen gearbeitet. (Tim Cooper hat die komplizierte Beziehung der beiden Theologen in seiner Arbeit John Owen, Richard Baxter and the Formation of Nonconformity untersucht.) Die Werke der Spätpuritaner werden noch heute in reformierten Kreisen gern gelesen (und nicht nur dort). Baxter hat vor allem durch sein Buch Der reformierte Pastor bleibenden Einfluss auf das Denken von Geistlichen. Owen wird wegen seiner hohen Sicht des Heiligen Geistes gern studiert.

Weniger bekannt ist, dass Baxter und Owen unterschiedliche Auffassungen auch in solchen theologischen Fragen hatten, die den Kern der reformatorschen Theologie, also die Soteriologie, betreffen (Wie wird der Mensch gerettet?).

Während Richard Baxter die Anrechnung (Imputation) des aktiven und passiven Gehorsams (und der Gerechtigkeit) von Jesus Christus ablehnte (wie heute etwa auch N.T. Wright), war dieser Punkt für John Owen zentral für das richtige Verständnis des Evangeliums. Und während für Baxter ein Mensch durch die Rechtfertigung aus Glauben und seinen Gehorsam errettet wird, hielt Owen daran fest, dass der begnadigte Sünder allein durch Glauben und die Anrechnung des Erlösungswerkes von Jesus Christus erlöst wird. Freilich erzeugt der Glaube auch für Owen Werke der Liebe. Doch diesen Werken kommt keine soteriologische Funktion zu. Sie entstehen auf natürliche Weise als Frucht des Geistes, weil der Mensch errettet ist. Sie werden also in der Heiligung verortet. Für Baxter hat die Rechtfertigung des Sünders auf Erden hingegen nur einen provisorischen Charakter. Die zukünftige (o. endgültige) Rechtfertigung erfolgt im letzten Gericht und bezieht die Werke des Gläubigen mit ein. Denn: „Wenn gute Werke oder aufrichtiger Gehorsam zu Christus, unserem HERRN, nicht Teil der Bedingungen für unsere vollständige Rechtfertigung sind, wo würde das enden?“ (Aphorismes of Justification, S. 325). „Unsere vollständige Rechtfertigung und unsere ewige Errettung haben die gleichen Bedingungen unsererseits. Und aufrichtiger Gehorsam ist ohne jeden Zweifel eine Bedingung für unser Heil: also auch für unsere Rechtfertigung“ (ebd., S. 311). John Owen war hingegen – meiner Meinung nach zurecht – so besorgt über die Rechtfertigungslehre von Baxter, dass er ihr eine eigene Ausarbeitung widmete („Gospel Grounds and Evidences“, in: The Works of John Owen, Bd. 5, Edinburgh: T&T Clark, S. 401–457).

Wer tieferen Einblick in die Debatte (und ähnliche reformierte Kontroversen der Gegenwart) erhalten möchte, sollte sich dieses Interview mit R. Scott Clark anhören.

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Das Urteil bleibt in Gottes Hand

Hans-Joachim Iwand schreibt (Rechtfertigungslehre und Christusglaube, 1961, S. 31):

… soviel Gott auch daran liegt, den Menschen gerecht zu machen, so wenig liegt ihm daran, ihn vor sich selbst gerecht erscheinen zu lassen. Das Urteil bleibt in Gottes Hand, in Christo, der Mensch bleibt der Beurteilte, omne bonum extra nos (dt. alles Gute außerhalb von uns).

Die tiefere Gerechtigkeit

John Stott zu Matthäus 5,19–20 (Die Botschaft der Bergpredigt, 2010, S. 79)

Die Pharisäer meinten, es sei genug, nach außen hin mit dem Gesetz übereinzustimmen. Der „Lehrer der Gerechtigkeit“, der in den Schriftrollen vom Toten Meer auftaucht, war strenger, wie Davies erklärt: „Hier wurde das Gesetz noch verzweifelter’… als bei den Pharisäern interpretiert und ernst genommen … Das ,ganze’ Gesetz sollte so, wie es in der Tradition der Sekte (der Essener von Qumran) interpretiert wurde, gehalten werden.“

Aber Jesus ist noch radikaler, denn wo die Essener nach immer mehr Gehorsam verlangen, erwartet er immer noch tieferen. Dieser tiefe Gehorsam ist es, der Gerechtigkeit des Herzens bedeutet und nur in demjenigen möglich ist, der durch den Heiligen Geist erneuert worden ist. Darum ist der Eintritt ins Reich Gottes also unmöglich ohne eine „bessere (d. h. tiefere) Gerechtigkeit“ als die der Pharisäer: Weil solch eine Gerechtigkeit die Wiedergeburt belegt, ohne die niemand ins Reich Gottes kommt.

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Die christliche Gerechtigkeit des Glaubens

Luther schreibt in seinen Anmerkungen zum Galaterbrief  (WA, Bd. 40, 40,19–41, 26):

Es gibt viele Arten von Gerechtigkeit. Die eine ist politisch, die der Kaiser, die Fürsten der Welt, die Philosophen und Juristen behandeln. Eine andere ist eine zeremonielle, die menschliche Traditionen, wie die Traditionen des Papstes und ähnliche, lehren. Diese verfolgen ohne Gefahr die Familienväter und Pädagogen, weil sie ihr nicht die Kraft zur Genugtuung für die Sünden, Gott zu gefallen und die Gnade zu erlangen, zuschreiben, sondern sie überliefern notwendige Zeremonien nur als Disziplin für die Sitten und gewisse Gebräuche. Außerdem gibt es eine andere, gesetzliche Gerechtigkeit, die des Dekalogs, den Mose lehrt. Diese lehren wir auch nach der Lehre des Glaubens.

Jenseits und über diesen allen ist die christliche Gerechtigkeit des Glaubens, die sorgfältig von den anderen unterschieden werden muss. Denn jene sind dieser ganz entgegengesetzt, weil sie aus den kaiserlichen Gesetzen, den Traditionen des Papstes und den Geboten Gottes fließen, oder weil sie sich auf unser Handeln richten und von uns vollzogen werden können, sei es aus rein natürlichen Kräften (wie die Sophisten behaupten), sei es aus der Gabe Gottes (denn es sind auch diese Arten von Gerechtigkeit der Werke Gaben Gottes, wie alles unsere). Jene außerordentliche Gerechtigkeit, die des Glaubens nämlich, die Gott durch Christus uns ohne Werke zurechnet, ist weder eine politische noch zeremonielle noch Gerechtigkeit des göttlichen Gesetzes noch richtet sie sich auf unsere Werke, sondern ist genau das Gegenteil, nämlich eine rein passive Gerechtigkeit (wie diese anderen aktive sind). Hier tun wir gar nichts und geben Gott nichts, sondern empfangen nur und erfahren einen anderen Handelnden in uns, nämlich Gott. Keine andere ist ein so fester und gewisser Trost der Gewissen als diese passive Gerechtigkeit.

Zitiert habe ich aus dem sehr hilfreichen Buch Martin Luthers theologische Grundbegriffe von Reinhold Rieger.

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