In der gestrigen Ausgabe der FAZ sind zwei Beiträge zur Lage der Evangelischen Kirche in Deutschland erschienen. In „Z wie Zukunft oder Z wie Zement?“ gewährt Reinhard Bingener erste Einblicke in den bevorstehenden Reformprozess der Kirche (FAZ vom 11.08.2020, Nr. 185, S. 4). „Die EKD hat im vergangenen Monat ‚elf Leitsätze‘ des sogenannten Z-Teams (‚Z‘ für ‚Zukunft‘) veröffentlicht. Das Gremium beschreibt darin, wie die evangelische Kirche in Zukunft insgesamt arbeiten soll.“
Bingener schreibt:
Läutet das Papier also das Ende der klassischen Ortsgemeinde ein? In Anbetracht der sinkenden Finanzkraft und immer weniger Pfarrer steht zumindest außer Frage, dass es künftig weniger solcher Gemeinden geben wird. Über das Verhältnis der Ortsgemeinde und anderen Formen von Kirche ist damit allerdings kaum etwas gesagt. Hinzu kommt, dass der Verteilungskampf zwischen den parochialen, also ortsgemeindlichen, Strukturen und den überparochialen Einrichtungen nicht auf EKD-Ebene geführt wird, sondern da, wo der mit Abstand größte Teil des Geldes verteilt wird: in den Synoden der einzelnen Landeskirchen. Gleichwohl ist bemerkenswert, wie geringschätzig in dem Papier über die Kirchengemeinden gesprochen wird, während kirchensoziologische Studien deren bleibende Bedeutung unterstreichen.
Am Besten gefällt mir folgender Satz: „Die EKD-Synode wird auf ihrer diesjährigen Tagung im November nicht wie sonst eine politische Frage als Schwerpunktthema haben, sondern die Zukunft der evangelischen Kirche.“
Ulrich Körtner (Wien) hat zudem in dem Artikel „Der Gott der Klimaschützer“ erneut zugeschlagen (S. 11, vgl. seinen Beitrag in der ZEIT). Seiner Auffassung nach reagiert die EKD auf die Glaubenskrise mit einer Musterschüler-Theologie, die keine Antworten auf die wirklich großen Fragen gibt. „Selbst in kirchlichen Stellungnahmen, beispielsweise zu Umwelt und Klimaschutz, gerät der Glaube an Gottes fortlaufendes Schöpfungshandeln und die Erhaltung der Welt durch ihn zunehmend aus dem Blick. So wirkt der biblische Gott in kirchlichen Appellen zur Bewahrung der Schöpfung oft nur noch als Motivator für menschlichen Einsatz zum Schutz der Natur, gewissermaßen als religiöses Add-on, auf das man notfalls verzichten kann.“
Körtner zitiert Feuerbach:
„Der Geist der Zeit oder Zukunft“, notierte Ludwig Feuerbach 1842/43, „ist der des Realismus. Die neue Religion, die Religion der Zukunft ist die Politik.“ Echten Gottesglauben gebe es nicht einmal mehr in den fortbestehenden Kirchen. Die Gläubigen sprächen zwar weiter vom Segen Gottes, doch suchten sie echte Hilfe nur beim Menschen. Daher sei der Segen Gottes „nur ein blauer Dunst von Religion, in dem der gläubige Unglaube seinen praktischen Atheismus verhüllt“.
Entscheidend und stark dann die Selbstkritik. Die Gotteskrise der Gegenwart hat nämlich sehr viel damit zu tun, dass die Kirche ihren eigenen Glauben nicht mehr versteht:
Die Gotteskrise der Gegenwart ist nicht nur eine Glaubens-, sondern auch eine Sprachkrise. Damit ist nicht etwa bloß gemeint, die kirchliche Verkündigungssprache sei zu blutleer und alltagsfremd. Es geht zunächst nicht um Rhetorik, um Kommunikationstechniken und die vielbeschworene Authentizität. Vielmehr sind Theologie und Kirche selbst auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen, was Sünde und Erlösung, Gnade, Auferstehung und neues Leben überhaupt bedeuten. Sich dieser Lage mit letzter Redlichkeit zu stellen ist die Aufgabe von Theologie in dürftiger Zeit.
Bei den aktuellen Debatten um die christliche Sexualethik hört man Argumente wie: Jesus hat nie über Homosexualität gesprochen. Ergo: Das scheint ihm überhaupt nicht wichtig gewesen zu sein. Solche „Argumente“ offenbaren substantielle Schwächen im theologischen Denken. Al Mohler zeigt in dem Artikel „Biblische Theologie und die Krise der Sexualität“, wie wichtig es ist, die Bibel „methodisch“ richtig zu lesen.
Zwei Zitate:
Die Biblische Theologie ist für die Gemeinde absolut unverzichtbar, um eine angemessene Reaktion auf die aktuelle Krise der Sexualität zu finden. Die Gemeinde muss lernen, die Bibel so zu lesen, dass wir dabei den Kontext, die Einbettung in die übergeordnete Erzählung (Metanarrativ) und die fortschreitende Offenbarung hinsichtlich Gottes Bund beachten. Wir müssen lernen jedes theologische Thema vor dem Hintergrund des biblischen Metanarrativs von Schöpfung, Sündenfall, Erlösung und neuer Schöpfung zu untersuchen. Wir brauchen als Evangelikale insbesondere eine Theologie des Körpers, die im biblischen, sich fortschreitend offenbarenden Erlösungsgeschehen verankert ist.
…
Die Krise der Sexualität zeigt uns, wo die theologische Methode, die von vielen Pastoren angewendet wird, zu kurz greift. Der oben erklärte „Konkordanzreflex“ ist einfach nicht in der Lage, die Art gründliches theologisches Denken zu leisten, das in der heutigen Situation von unseren Kanzeln kommen muss. Als Pastoren und Gemeinden müssen wir lernen, dass Biblische Theologie unabdingbar ist. Wir müssen üben, die Bibel gemäß ihrer eigenen inneren Logik zu lesen – die Logik einer Geschichte, die sich fortschreitend von der Schöpfung bis zur neuen Schöpfung offenbart. Die hermeneutische Aufgabe, die vor uns liegt, ist gewaltig, doch sie ist unabdingbar für eine treue evangelikale Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft.
Nachfolgend eine Rezension zu dem Buch (zuerst erschienen in Glauben und Denken heute, 1/2020, Nr. 25, S. 69–71):
Gerhard Kardinal Müller. Der Glaube an Gott im säkularen Zeitalter. Freiburg, Basel u. Wien: Verlag Herder, 2020. 495 S., 58,00 Euro.
Gerhard Kardinal Müller, von 1982 bis 2002 Professor für Dogmatik an der Universität München, von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg und von 2012 bis 2017 Präfekt der Kongregation für Glaubenslehre, ist einer der bedeutendsten katholischen Denker der Gegenwart. Viele nicht-katholische Theologen kennen ihn durch seine Dogmatik, die inzwischen in zehn Auflagen bei Herder erschienen und in mehrere Sprachen übersetzt worden ist. Der kürzlich verstorbene Neutestamentler Klaus Berger, der übrigens nach eigener Aussage bis 1995 kein Lehrbuch der Systematischen Theologie besessen hat, bezeichnete das Lehrwerk als „ein didaktisch gelungenes Buch“ mit „gediegenen Informationen, die stets das Wesentliche bieten“ (FAZ, 12.04.1995, Nr. 87, S. 11). Ich greife genau aus diesen Gründen gern auf das kompakte Lehrbuch zurück. Entsprechend groß waren meine Erwartungen, als ich mit der Lektüre von Der Glaube an Gott im säkularen Zeitalter begonnen habe.
Der Band geht auf Vorlesungen sowie frühere Beiträge, die aktualisiert wurden, zurück. Auf Einladung der Katholischen Universität Lublin in Polen unterrichtete Kardinal Müller vom 7. bis 21. Oktober 2018 für Hörer aller Fakultäten. Viele Studenten und Professoren erbaten im Anschluss die hier besprochene Veröffentlichung, die übrigens nicht als systematisches Lehrbuch oder geschlossene Monographie verstanden werden darf (vgl. S. 19–20). In einer Zeit, in der der Glaube nur noch ein Angebot unter anderen ist, möchte Müller zu zentralen Fragen und neuralgischen Punkten Stellung nehmen. Er schreibt dabei auch als Seelsorger, der die Fragen und Nöte der Menschen kennt (vgl. S. 22).
Müller trägt seine Apologetik auf der Grundlage der katholischen Gnaden- und Erkenntnislehre vor, wie wir sie eingängig etwa bei Thomas von Aquin finden. Er steht methodisch also in der Schuld Aristoteles’, dessen Philosophie „ihrem Wesen nach nicht heidnisch, also vom Götterglauben durchdrungen, sondern vernünftig und darum geeignet“ ist, „sich argumentativ mit der durch die Vernunft erfassten Wirklichkeit von Mensch, Welt und Gott auseinanderzusetzen“ (S. 291).
Da der thomistische Ansatz bei der Behandlung konkreter Sachverhalte vorausgesetzt wird, sei er kurz skizziert: Unser Wissen von Gott kann nicht aus der Gottesidee logisch deduziert und damit rationalisiert werden. Wir können uns aber durch die Vernunft der Existenz Gottes versichern und sie vermittels seiner Wirkungen argumentativ darstellen, wenn er sich „im ‚Gleichnis des Seins‘ durch die Werke der Schöpfung (Röm 1,10 [vermutlich Röm 1,20, Anm. R. K.]) und im Urteilsspruch des Gewissens (Röm 2,16 [vermutlich Röm 2,15, Anm. R. K.])“ kundtut, ohne „dass er sein Wesen und Sein kund macht, so dass er mittels der Begriffsbildung unter die Herrschaft einer endlichen Vernunft geraten und somit verdinglicht werden könnte“ (S. 62–63). „Dem Glauben des Menschen an Gott geht die Liebe Gottes zu ihm voraus, die unser Herz öffnet und den Geist empfänglich macht, so dass der Glaube an Gott im Menschen nichts weniger als die antwortetende Liebe ist“ (S. 64). Der Mensch erkennt den sich offenbarenden Gott nicht „kraft des eigenen Lichts seines natürlichen Denkvermögens (lumen naturale), sondern durch das eingegossene Licht des Glaubens (lumen fidei)“ (S. 64). Wir Menschen können also mit der Vernunft die Welt denkend erkennen und durchdringen. Gotteserkenntnis braucht hingegen die Unterstützung von „Gnade und Offenbarung“, die quasi die natürliche Reichweite unendlich steigert (vgl. S. 64). Die Aufgabe der Theologie ist es, die „innere Vernünftigkeit aufzuzeigen, die sich aus der Selbstmitteilung Gottes als ‚Gnade und Wahrheit‘ (Joh 1,17) ergibt, um zum rechten Handeln in Kirche und Welt anzuleiten“ (S. 65). Versuche, den Glauben rationalistisch, also mit der natürlichen Vernunft begründen zu wollen, bedeuteten nur, den christlichen Glauben „dem Spott der Ungläubigen auszusetzen“ (S. 65–66). „Der Glaubende ist gehalten, jedem der nach dem Logos des Glaubens fragt (1Petr 3,15), eine rationale Antwort (= Apo-Logia) zu geben und Schwierigkeiten seiner freien Annahme zu überwinden. Der Glaube bleibt aber frei und kann nicht durch Vernunftgründe logisch erzwungen werden oder rationalistisch ad absurdum geführt werden. Der theologale Glaube ist von Seiten Gottes ein Geschenk seiner Gnade; aber von Seiten des Menschen eine Sache des freien Willens – credere est voluntatis“ (S. 289). Die natürliche Vernunft erkennt maximal, dass Gott ist. Wer Gott ist, kann aus dem Seienden nicht erschlossen werden. Kardinal Müller beruft sich hier auf Gedanken, die Dietrich Bonhoeffer in seiner Habilitationsschrift Akt und Sein (1931) geäußert hat: „Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht; Gott ‚ist‘ im Person-bezug, und das Sein ist sein Personsein“ (S. 67–68). Die Offenbarung Gottes durch Jesus Christus in seinem Wort geht über die Wirkungen der Schöpfung hinaus und vermittelt uns Menschen diese personale Beziehung zu Gott dank der inneren Kraft des Heiligen Geistes (vgl. S. 67).
Von diesen Voraussetzungen ausgehend nähert sich Müller nun den verschiedenen Anfragen, mit denen der christliche Glauben im säkularen Zeitalter konfrontiert wird. Wenn er vom säkularen Zeitalter spricht, dann bezieht er sich vor allem auf die Analyse des kanadischen Philosophen Charles Taylor, nach der der Glaube nicht mehr die alles bestimmende Wirklichkeit, sondern nur eine Option ist.1 „Gott darf im öffentlichen Leben, im Staat und allen Kulturinstitutionen, den Wissenschaften, dem öffentlichen Recht, der Moral, der Wirtschaft und Politik, der Schule und Erziehung, der Kunst und Literatur nicht mehr vorkommen. Er gilt nicht mehr fraglos als gemeinsamer Bezugspunkt der Wirklichkeitserschließung und Lebensbewältigung“ (S. 96).
Kardinal Müller erörtert insgesamt 20 Themen. Der Band wird mit einem Beitrag über Polen, ein Land, das die Freiheit liebt und einen christlichen Humanismus hervorgebracht hat, eröffnet. Es folgen Kapitel über die Gotteslehre, die kirchliche Tradition, die Selbstsäkularisierung des Christentums, Glaube und Vernunft, die Dreieinigkeitslehre, die Theodizee und so fort. Er kritisiert Atheismus, Posthumanismus, Relativismus und die Genderideologie. Stellenweise deckt der Kardinal den totalitären Anspruch atheistischer oder positivistischer Strömungen rigoros auf: „Gegenwärtig erleben wir im ‚Westen‘ eine neue Phase der De-Christianisierung von Gesellschaft, Kultur, der Wissenschaften, Erziehung und den Medien. Sie wird vorangetrieben durch demokratisch nicht legitimierte überstaatliche Organisationen“ (S. 371). Gleich anschließend schreibt er:
Der nihilistische Atheismus hat unübersehbare Konsequenzen für das im Glauben an Gott den Schöpfer und Erlöser gründende christliche Menschenbild. Wo er sich als Staatsideologie und in kämpferischen Atheistenclubs unter den [sic!] Slogan ‚Religion ist Privatsache‘ die Vernichtung der Kirche Christi oder ihre Marginalisierung zum erklärten Ziel gesetzt hat, bewirbt er sich als neuer selbsterlöserischer Humanismus im Namen von Vernunft und Wissenschaft, Freiheit und Fortschritt in der Technik. Sein Ziel ist die restlose Kontrolle über die Natur und die Gesellschaft und über die Sprache und die innersten Gedanken und das Gewissen jedes einzelnen und aller Menschen. Wir stehen in einer totalen Gesinnungsdiktatur, wie sie die Welt noch nicht kannte oder lückenlos durchsetzen konnte. (S. 372)
Stark ist sein Verweis auf das Selbstmissverständnis, dass jede Theologie oder Epoche der Theologiegeschichte „sich der jeweils vorherrschenden philosophischen Richtung oder einem Systemdenker kritiklos“ anschließt (S. 310). Der Mahnung, dass ein Theologe die Welt in Kultur und Wissenschaft nicht sich selbst als „Raum des Unglaubens und der Gottlosigkeit“ überlassen darf, werden viele christliche Sozialethiker gern zustimmen (S. 366). Brillant auch die – aus seiner Sicht von Thomas herkommende – Überzeugung, dass nicht nur konkrete Evidenzen säkularen Denkens beantwortet werden müssen, sondern auch ihre Entstehungszusammenhänge auszuloten sind: Die Theologie „muss vielmehr die soziologischen und intellektuellen Bedingungen des Geisteslebens der modernen Welt in den Blick nehmen, um aus ihnen heraus den Zugang zur Tatsache der Selbsterschließung Gottes in Jesus Christus als das Heil jedes Menschen offenzuhalten. (S. 368)
Wer das Buch Der Glaube an Gott im säkularen Zeitalter genau liest, wird freilich schnell merken, dass der Titel eigentlich für „Der katholische Glaube an Gott im säkularen Zeitalter“ steht. Die vorgetragene Apologetik richtet sich nämlich nicht nur gegen gottlose Denkwege, sondern fernerhin gegen die Theologie der Reformation. Das folgende Zitat ist dafür programmatisch:
Die reformatorischen Formal- und Materialprinzipien (solus Christus, sola fide et gratia, sola scriptura) erfassen das Gott-Menschverhältnis dialektisch als eine Widerspruchs-Einheit auf [sic.]. Die katholische Theologie geht von einer analogen Vermittlung aus, so dass Vernunft und Glaube, Natur und Gnade, menschliche Empfänglichkeit und göttliche Gabe eher als Synthese gedacht werden, die in der Annahme der menschlichen Natur durch das göttliche Wort ihr tragendes Fundament und das Prinzip ihres Erkenntniswerdens hat. Die Analogia entis ist die Voraussetzung der Analogia fidei. Daraus ergibt sich das katholische et-et; aber in der unumkehrbaren Reihenfolge: Christus und die Kirche, Glaube und Vernunft, Gnade und Sakramente, Gottesliebe und Nächstenliebe (gute Werke). (S. 402)
Die Apologetik der katholischen Theologie blitzt da auf, wo Gerhard Müller die Heiligenverehrung verteidigt (S. 58) oder unter Berufung auf Stefan Zweig dem Genfer Reformator Johannes Calvin vorwirft, die grausame Hinrichtung des Miguel Serveto betrieben zu haben (vgl. S. 36–37). Müllers Sicht auf Calvin verwundert, hat doch die Forschung bereits vor vielen Jahren nachgewiesen, dass Zweig Castellio gegen Calvin in agitatorischer Absicht verfasste und Calvin nicht der Hauptverantwortliche für die Hinrichtung von Serveto war.2
Die weitreichende Differenz zwischen katholischer und protestantischer Apologetik tritt vor allem dort offen zutage, wo Müller herausstreicht, dass nach katholischer Ursündenlehre die Fähigkeiten der natürlichen Vernunft nicht gravierend betroffen sind, auch nicht im Blick auf den theologischen Horizont der Ontologie, also „der Erkenntnis der Existenz Gottes durch die natürliche Vernunft“ (S. 312). Hier grenzt er sich drastisch von der reformatorischen Erkenntnislehre ab, nach der die menschliche Vernunft keinen Weg zu Gott findet, da sie selbst erlösungsbedürftig ist. Reformatorische Theologie deutet den Menschen nicht als ein Geschöpf, das seinen Schöpfer sehnsüchtig sucht und ihn hören will (vgl. dagegen S. 74), sondern als „Feind Gottes“ (Röm 5,10; Kol 1,21; Eph 2,16) und „Gotthasser“ (Röm 1,30). Der Mensch lebt im Stand der Sünde eben nicht im neutralen Raum auf die Gnade wartend, sondern im aktiven Widerspruch gegen Gott. Es braucht einen göttlichen Eingriff, der ihn in die Krise stürzt und zugleich zu neuem Leben erweckt.
Gerhard Kardinal Müller hat mit Der Glaube an Gott im säkularen Zeitalter einen respektablen Sammelband zur Fundamentaltheologie vorgelegt. Er formuliert seine Argumente erwartungsgemäß präzise und glänzt stellenweise mit seiner Kritik des Zeitgeistes. Dass er als ehemaliger Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre ein durch und durch katholisches Buch geschrieben hat, wird ihm niemand vorwerfen. Vor allem katholische Christen werden daher gern auf das Buch zurückgreifen. Protestanten können von der Lektüre ebenfalls profitieren, da es solide und aktuell in die konfessionelle Fundamentaltheologie einführt und die Unterschiede zwischen thomistischer und reformatorischer Verteidigung des Glaubens veranschaulicht.
Die Abkehr vom christlichen Familienideal wurde mit der sogenannten „Ehe für alle“ mit großer Zustimmung besiegelt. Nun müssen andere Gesetze an diese neue Wirklichkeit angepasst werden. Wie kompliziert das ist, kann man einem Interview mit Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) entnehmen, das sie kürzlich dem Domradio gegeben hat (vgl. den Gesetzentwurf von 2019). Vor allem Kinderrechte sollen gestärkt werden. Dass damit den Eltern, die eigentlich für die Erziehung zuständig sind, Rechte genommen werden, wird nicht so laut gesagt (vgl. dazu hier). Die Ministerin fordert die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz. Im Abstammungsrecht wird zudem dafür gesorgt werden, dass bald ein Kind zwei Mütter haben darf. Wer das kritisch sieht, wird sich in Zukunft mit dem Vorwurf des Biologismus konfrontiert sehen.
Für die ganz große Familienrechtsreform reicht die Zeit tatsächlich nicht. Ich möchte aber das regeln, was besonders dringlich ist, um Rechtssicherheit zu schaffen. Dabei geht es mir besonders um die Interessen des Kindes und das Kindeswohl. Es soll möglichst in gesicherten Verhältnissen aufwachsen. Deshalb soll etwa bei lesbischen Paaren künftig neben der Geburtsmutter eine weitere Frau Mutter sein können, ohne dass hierzu ein aufwendiges Adoptionsverfahren geführt werden muss. Es bleibt aber dabei, dass ein Kind immer nur zwei Eltern haben kann.
Warum dankt Paulus seinem Gott für den Glauben der Christen in Rom? Müsste er nicht eigentlich seinen Geschwistern für ihren Glauben danken? Er dankt Gott, da Er der Geber ihres Glaubens ist. Römer 1,8 bringt sehr schön zum Ausdruck, dass der Glaube eine gute Gabe Gottes ist: „Als Erstes möchte ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle danken, denn in der ganzen Welt spricht man von eurem Glauben.“
Johannes Calvin schreibt in seinem Kommentar:
Zuerst ist nun der Aufmerksamkeit wert, dass er [also Paulus] ihren Glauben lobt und ihn dennoch als Geschenk Gottes betrachtet. Daraus lernen wir, dass der Glaube eine Gabe Gottes ist. Denn wenn Danken die Anerkennung einer Wohltat bedeutet, so gesteht jemand, dass der Glaube von Gott kommt, wenn er ihm dafür dankt. Wenn wir nun sehen, dass der Apostel seine Lobsprüche immer mit einem Dank beginnt, sollen wir damit ermahnt werden, dass alles Gute, das wir haben, Gottes Wohltat ist.
Mit einer solchen [festen] Redeweise möchte er uns daran gewöhnen, dass wir so immer mehr dazu gebracht werden, Gott als den Spender alles Guten anzuerkennen und andere zur selben Betrachtung zu ermutigen. Wenn dies schon bei den Gaben beachtet werden soll, dann umso mehr beim Glauben, der keine unbedeutende oder gewöhnliche Gnade Gottes ist.
Wir haben also keinerlei Grund, auf unseren Glauben stolz zu sein. Er ist nicht belohnungswürdige menschliche Leistung, sondern ein zutiefst persönliches Vertrauen, welches uns Gott durch seinen Geist schenkt. Deshalb schreibt Paulus an anderer Stelle (2Thess 2,13):
Für euch hingegen, vom Herrn geliebte Geschwister, können wir Gott immer nur danken, denn ihr gehört zu den Erstgeborenen seiner neuen Schöpfung. Er hat euch dazu erwählt, durch das heiligende Wirken seines Geistes und durch den Glauben an die Wahrheit gerettet zu werden.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat für eine Kampagne den Kabarettisten Dieter Nuhr engagiert. Als deshalb im Netz die Leute protestierten, entfernte sie eilig dessen Beitrag. Die NZZ rät dazu, nicht wie in diesem Fall die Cancel-Culture zu unterstützen, sondern die Ruhe zu bewahren und die Sache genau zu prüfen. Sonst ist es nämlich so, dass der, der am lautesten Schreit, auch recht bekommt. So funktioniert nämlich weder Wissenschaft noch Demokratie.
Marc Felix Serrao schreibt für die NZZ:
Nicht einzuknicken, wäre ein dritter Schritt. Ein Online-Mob will keinen Meinungsaustausch. Er will die Person, über die er sich empört, entlassen oder gelöscht sehen. Diesen Gefallen darf man ihm nicht tun, weil er sonst bei nächster Gelegenheit wiederkommt und weitere Köpfe fordert. Wer unsicher ist, kann sich fragen, ob er auch ohne Shitstorm etwas unternehmen würde – weil das, was ein Mitarbeiter oder Partner gesagt oder geschrieben hat, im Widerspruch zu den eigenen Werten oder denen der Institution steht. In Nuhrs Fall ist die Antwort abermals klar: Bevor der Mob kam, hatte die DFG nur warme Worte für ihn übrig. Die einzige Antwort, die die Organisation den Gegnern des Kabarettisten hätte geben dürfen, ist diese: «Wir haben Ihre Kritik geprüft, und wir schliessen uns dieser nicht an.»
Warum schrieb Luther eigentlich diese scharfen Worte?
Darauf sind wir aus, daß wir untersuchen, was der freie Wille vermag …, wie er sich zur Gnade Gottes verhält. Wenn wir das nicht wissen, wissen wir rein gar nichts von den Angelegenheiten der Christen und werden schlimmer sein als alle Heiden. … Denn wenn ich nicht weiß, was, wieweit und wieviel ich in bezug auf Gott kann und zu tun vermag, so wird es mir ebenso ungewiß und unbekannt sein, was, wieweit und wieviel Gott in bezug auf mich vermag, da Gott doch alles in allem wirkt. Wenn ich aber die Werke und die Wirkungsmacht Gottes nicht kenne, so kenne ich Gott selbst nicht. Kenne ich Gott nicht, so kann ich ihn auch nicht verehren, preisen, ihm Dank sagen und ihm dienen …
Nun, Luther schrieb betroffen und besorgt, da sein Freund Erasmus von Rotterdam und andere dem menschlichen Willen die Vollmacht zugeschrieben haben, sich Gott zu nähern oder sich von ihm abzuwenden. Es geht bei der Frage um den „unfreien Willen“ also für Luther um nicht weniger als den „Kern der Sache“. Fragen über das Papsttum, das Fegefeuer, den Ablass usw. sind im Vergleich dazu mehr oder weniger Lappalien. Berührt wird nämlich hier die Frage der Glaubensgerechtigkeit.
Und was sagte Erasmus über den Willen des Menschen?
Weiter verstehen wir an dieser Stelle unter dem freien Willen die Kraft des menschlichen Willens, mit der der Mensch sich zu dem hinwenden kann, was zum ewigen Heil führt, oder sich davon abwenden kann.
Wer sich die Mühe macht, das Buch War Augustinus der erste Calvinist? durchzulesen (vgl. dazu hier), wird schnell erkennen, dass der Autor Ken Wilson im Geiste von Erasmus schreibt. Anders ausgedrückt: Das Buch richtet sich nicht gegen Calvinisten, sondern gegen alle Anhänger der Reformation. Wie sagte doch der große Lutheraner H.J. Iwand: „Wer diese Schrift [gemeint ist Luthers Werk Vom unfreien Willen] nicht aus der Hand legt mit der Erkenntnis, daß die evangelische Theologie mit dieser Lehre vom unfreien Willen steht und fällt, der hat sie umsonst gelesen.“
Das und sehr viel mehr kann man nachlesen in dem allgemeinverständlichen Buch Typisch evangelisch von Siegfried Kettling. Ich empfehle zum Thema insbesondere die Lektüre des dritten Kapitels. Zwar ist das Buch vergriffen, erfreulicherweise gibt es aber die Möglichkeit, es hier herunterzuladen: Typisch_Evangelisch_1992.pdf.
Heinrich Meier schreibt in seinem Buch über Ecce homo und der Antichrist (Heinrich Meier, Nietzsches Vermächtnis: Ecce homo und Der Antichrist, München: C.H. Beck, 2019, S. 189):
Es ist Teil von Nietzsches Politik der Umwertung, daß sie ein Vorurteil gegen die Theologen zu wecken und zu pflanzen sucht. Dazu zählen die polemische Faustregel, was ein Theologe als wahr empfindet, das muß falsch sein, woran man beinahe «ein Kriterium der Wahrheit» habe, oder die nicht weniger hyperbolische Behauptung, der «Selbsterhaltungs-Instinkt» des Theologen verbiete, «dass die Realität in irgend einem Punkte zu Ehren oder auch nur zu Worte käme». Die Politik der Umwertung übersetzt den Streit um die Wahrheit in einen Kampf, in dem die Bejahung des Lebens auf den «Willen zum Ende» trifft, und in einen Konflikt, in dem das Wir der Philosophen sich gegen den «nihilistischen Willen» der Theologen wappnen muß, der zur Macht will.
Nietzsche verstand es gut, den Geist der Zeit zu bündeln und vorausschauend die Dinge auf den Punkt zu bringen.
Die christliche Theologie nimmt heute in den intellektuellen und ethischen Debatten kaum noch jemand ernst. Sicher ist das Ausdruck der Säkularisierung. Ich rate den Theologen freilich, sich an die eigene Nase zu fassen. Was haben denn Theologen heute noch zu sagen? Statt in die Säkularisierung einzustimmen, wäre es so wichtig, zu zeigen, dass Gott wirklich gesprochen hat. Die Heilige Schrift gibt Antworten auf die Fragen, die wirklich wichtig sind. Das aber kann heute kaum ein Theologe noch so sagen.
Im Original klingt Nietzsche übrigens so (Friedrich Nietzsche, Der Antichrist, Absatz 9–10):
Diesem Theologen-Instinkte mache ich den Krieg: ich fand seine Spur überall. Wer Theologen-Blut im Leibe hat, steht von vornherein zu allen Dingen schief und unehrlich. Das Pathos, das sich daraus entwickelt, heißt sich Glaube: das Auge ein für alle Mal vor sich schließen, um nicht am Aspekt unheilbarer Falschheit zu leiden. Man macht bei sich eine Moral, eine Tugend, eine Heiligkeit aus dieser fehlerhaften Optik zu allen Dingen, man knüpft das gute Gewissen an das Falschsehen – man fordert, daß keine andre Art Optik mehr Wert haben dürfe, nachdem man die eigne mit den Namen »Gott«, »Erlösung«, »Ewigkeit« sakrosankt gemacht hat. Ich grub den Theologen-Instinkt noch überall aus: er ist die verbreitetste, die eigentlich unterirdische Form der Falschheit, die es auf Erden gibt. Was ein Theologe als wahr empfindet, daß muß falsch sein: man hat daran beinahe ein Kriterium der Wahrheit. Es ist sein unterster Selbsterhaltungs-Instinkt, der verbietet, daß die Realität in irgendeinem Punkte zu Ehren oder auch nur zu Worte käme. So weit der Theologen-Einfluß reicht, ist das Wert-Urteil auf den Kopf gestellt, sind die Begriffe »wahr« und »falsch« notwendig umgekehrt: was dem Leben am schädlichsten ist, das heißt hier »wahr«, was es hebt, steigert, bejaht, rechtfertigt und triumphieren macht, das heißt »falsch«… Kommt es vor, daß Theologen durch das »Gewissen« der Fürsten (oder der Völker –)hindurch nach der Macht die Hand ausstrecken, zweifeln wir nicht, was jedesmal im Grunde sich begibt: der Wille zum Ende, der nihilistische Wille will zur Macht …
Unter Deutschen versteht man sofort, wenn ich sage, daß die Philosophie durch Theologen-Blut verderbt ist. Der protestantische Pfarrer ist Großvater der deutschen Philosophie, der Protestantismus selbst ihr peccatum originale. Definition des Protestantismus: die halbseitige Lähmung des Christentums – und der Vernunft… Man hat nur das Wort »Tübinger Stift« auszusprechen, um zu begreifen, was die deutsche Philosophie im Grunde ist – eine hinterlistige Theologie… Die Schwaben sind die besten Lügner in Deutschland, sie lügen unschuldig… Woher das Frohlocken, das beim Auftreten Kants durch die deutsche Gelehrtenwelt ging, die zu drei Vierteln aus Pfarrer- und Lehrer-Söhnen besteht – woher die deutsche Überzeugung, die auch heute noch ihr Echo findet, daß mit Kant eine Wendung zum Besseren beginne? Der Theologen-Instinkt im deutschen Gelehrten erriet, was nunmehr wieder möglich war… Ein Schleichweg zum alten Ideal stand offen, der Begriff »wahre Welt«, der Begriff der Moral als Essenz der Welt (– diese zwei bösartigsten Irrtümer, die es gibt!) waren jetzt wieder, dank einer verschmitzt-klugen Skepsis, wenn nicht beweisbar, so doch nicht mehr widerlegbar… Die Vernunft, das Recht der Vernunft reicht nicht so weit… Man hatte aus der Realität eine »Scheinbarkeit« gemacht; man hatte eine vollkommen erlogne Welt, die des Seienden, zur Realität gemacht… Der Erfolg Kants ist bloß ein Theologen-Erfolg: Kant war, gleich Luther, gleich Leibniz, ein Hemmschuh mehr in der an sich nicht taktfesten deutschen Rechtschaffenheit – –
Der Systematiker Ulrich Körtner (Wien, Österreich) hat der EKD für ihr Zukunftspapier „Kirche auf gutem Grund – Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ kräftig die Leviten gelesen. Kurz: Wenn die Kirche so weitermacht, ist sie weder systemrelevant noch existenzrelevant (Wolfgang Huber). Körtner knackig:
Kein Wort […] von Tod und Auferstehung Jesu, seiner Heilsbedeutung für den Einzelnen wie die Welt im Ganzen. Kein Wort von Sünde und Vergebung, es sei denn nur von Schuld in einem moralischen Sinne, aber nicht als Synonym für eine zerrüttete Gottesbeziehung. Kein Wort von Gottesferne oder davon, dass Gott in irgendeiner Weise fehlen könnte.
Dafür findet man in dem Papier Transformationstheologie ohne Ende, die Umdeutung des Missionsbegriffs inklusive:
Zwar liest man irgendetwas von authentischer Frömmigkeit und Glaubenswissen, das weiterzugeben sei, doch wie kann es sein, dass ein Papier mit dem Titel „Kirche auf gutem Grund“ von diesem so wenig zu sagen weiß? Als Bibelleser würde man doch zumindest einen Hinweis auf den Apostel Paulus erwarten, der im 1. Korintherbrief, Kapitel 3, schreibt: „Einen anderen Grund kann niemand legen, als der, welcher gelegt ist in Jesus Christus.“ Zwar will auch die EKD weiter „öffentlich relevant auf Christus verweisen“. Aber das geschieht bloß im Sinne einer Urbild- und Vorbildchristologie – oder sollte man besser sagen: Jesulogie. Christus, so lässt uns das Zukunfts-Team der EKD wissen, sei Urbild und Vorbild dessen, was die Kirche „für die Vielen“ tue. Die Kirche folge ihm und seinem Geist, wenn sie sich für die Schwachen, Ausgegrenzten, Verletzten und Bedrohten sowie für Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetze. In dieser moralisierenden Auslegung des Evangeliums treffen sich kulturprotestantischer Liberalismus und eine linksliberale politische Theologie, die sich heute gern „Öffentliche Theologie“ nennt. Wenn es im EKD-Papier heißt, die Kirche der Zukunft müsse missionarisch sein, so ist doch nicht an Verkündigung und Seelsorge, sondern in erster Linie an ein sozialpolitisches Handeln gedacht, das „zeichenhaft und exemplarisch“ sein soll.
Justus Bender von der FAZ beobachtet eine Spaltung der linken Bewegung. Auf der einen Seite gibt es die Linksliberalen, die sich auf Leute wie Immanuel Kant, Martin Luther King, Mahatma Gandhi, John Rawls oder Jürgen Habermas berufen. Diese sehen sich als die Gleichstellungsbeauftragten der Weltgeschichte: Alle Menschen waren gleich und sollten gleich behandelt werden. „Ihr Liberalismus war eine solche Selbstverständlichkeit, dass links und linksliberal wie Synonyme verwendet wurden, es sei denn, es ging um Maoisten einer K-Gruppe, aber selbst von denen redeten manche über Freiheit und Gleichheit, wenn es ihnen in den Kram passte.“
Dann kamen die jungen Linken, die anfingen, die Identität von Menschen in das Zentrum der Diskurse zu rücken.
Identität stand in der antiken Philosophie immer für Gleichheit. Platon und Aristoteles fragten, ob ein Kind, das zum Greis altere, noch derselbe Mensch sei. Für die neuen Linken stand Identität nun für Ungleichheit. Ein Schwarzer ist kein Weißer, ein Mann keine Frau, ein Schwuler kein Hetero. Es ging darum, den Opfern von Diskriminierung nicht ihre Erfahrung abzusprechen. Sie sollten berichten, ihnen sollte geglaubt werden und sie sollten ihr Recht bekommen. Kein Weißer sollte sie einschüchtern, kein Mann und erst recht kein weißer Mann.
Aus dem Wunsch, Opfer in den Vordergrund zu stellen, entstand eine Hierarchie. Wer als schwarze lesbische Frau sprach, stand ganz oben, der weiße Mann hingegen ganz unten. Wer als Weißer für Farbenblindheit argumentierte oder anmerkte, alle Menschen seien gleich, wurde unter Verdacht gestellt. Erkannte er die Opferperspektive nicht an? Verwei- gerte er die Auseinandersetzung mit der Hegemonie seiner Ethnie? „Heraus kommt die schleichende kulturelle Entwertung fast aller Werte der Aufklärung: alles von Universalismus, über Autonomie zu Freiheit. Sie werden alle zweitrangige Prinzipien“, sagt der Soziologe Frank Furedi.
Ein interessante Beobachtung, für die es sich lohnt, die FAS zu besorgen (FAS vom 02.08.20, Nr. 31, S. 4).