Theologiegeschichte

Dorothee Sölle auf der Spur

Konstantin Sacher hat zum zwanzigsten Todestag der Theologin Sölle das Buch Dorothee Sölle auf der Spur veröffentlicht. Er bemüht sich um Fairness gegenüber der Frau, die Theologie nach dem „Tode Gottes“ treiben wollte und die fragte, ob man auch atheistisch an Gott glauben könne. Insgesamt fällt das Buch kritisch aus. Inzwischen gibt es sowieso nicht mehr allzu viele Leser der radikalen Diesseitstheologie. Ein kleiner Fanclub hat sich gehalten. Der Postevangelikale Tobias Faix hält sie etwa für eine Prophetin.

Reinhard Bingener schreibt in seiner Buchvorstellung:

Theologisch startete Sölle als Adeptin Rudolf Bultmanns und dessen existenzialer Interpretation der Bibel, die in den Fünfzigerjahren kontrovers diskutiert wurde und von konservativen Kirchenleuten angefeindet wurde. Bultmann war, politisch betrachtet, allerdings kein Linker, formatierte seine Theologie sogar bewusst politikfern. Sölle wählte einen anderen Weg: Zunächst trieb sie Bultmanns Programm der Entmythologisierung auf eine rhetorische Spitze, indem sie sich ab Mitte der Sechzigerjahre einer „Theologie nach dem Tode Gottes“ verschrieb.

Sacher hält dies nicht für mehr als gelungenes Marketing, denn im Kontext der modernen Theologie seien ihre Gedanken recht üblich geblieben. Sacher geht davon aus, dass der „Tod Gottes“ ein anderes Wort für eine nachtheistische Theologie ist. Das Ende des Theismus hätten die Systematischen Theologen jedoch längst eingepreist. An dieser Stelle lässt sich fragen, ob Sacher damit nicht die Gewöhnlichkeit ihrer Entwürfe unterschätzt, die häufig eben doch den Kernbestand der hergebrachten Dogmatik durch das Feuer der Metaphysik-Kritik hindurchretten wollen – was manchmal gerade für diejenigen gilt, die dabei camouflierend mit dem „Tode Gottes“ klingeln.

Mehr: www.faz.net.

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Luther und die Autorität der Schrift

Heinrich Karpp beschreibt Luthers Weg zum Schriftprinzip wie folgt (Schrift, Geist und Wort Gottes, 1992, S. 146–147):

Fassen wir die wichtigsten Schritte auf Luthers Weg ins Auge. Eifrige Lektüre der Bibel gehörte selbstverständlich zu seinen Pflichten im Erfurter Kloster. Die kursorische Auslegung oblag ihm, als er 1509 an der Wittenberger Universität Baccalaureus biblicus wurde; danach hatte er Dogmatik zu lehren. Als Professor widmete er sich seit 1513 ausschließlich – das war eine Neuerung – der Exegese. Kenntnisse der hebräischen, später auch der griechischen Sprache und die Benutzung der neuesten wissenschaftlichen Hilfsmittel machten ihn zunehmend selbständiger gegenüber der Auslegungstradition; vollends taten dies einige neue theologische Erkenntnisse.

Schon früh wurde ihm bewußt, daß Gott seine Gnade ohne menschliche Leistungen und Verdienste schenken wolle; doch war das nur, wie er später einmal sagte (WA 54,183,27), „der Anfang (primitiae) der Erkenntnis Christi und des Glaubens an ihn“. In der Psalmenvorlesung von 1513-15 erklärte er schon, die Schrift bezeichne mit Gottes „Gerechtigkeit’u nicht nur seine Eigenschaft beim Richten, sondern auch seine Gabe an den Menschen. Beide Einsichten konnte man auch bei älteren Exegeten, besonders bei Augustin finden, aber die Scholastik hatte ihnen wenig Einfluß auf ihre von der Philosophie bestimmte Dogmatik verschafft (s. § 7, III, 1).

Bei der Auslegung des Römerbriefes (1515-16) trug Luther seinen Hörern als eine neue, aus der Bibel (Ps 32,1 f.) und den alten (also nicht den mittelalterlichen) Vätern gewonnene Erkenntnis zu Röm 4,7 f. vor, das Heil bestehe im Nichtzurechnen, d. h. in einem Urteil Gottes, nicht in einer Umwandlung des sündigen in einen gerechten Menschen, der das Gesetz erfüllen könnte.

Da der Mensch gerecht wird durch Gottes Verheißung und den eigenen Glauben, gleicht seine Gerechtigkeit der Heilung eines Kranken (die offensicht-lieh noch nicht abgeschlossen ist): der Kranke glaubt dem Versprechen des Arztes und gehorcht in Hoffnung; so ist der Glaubende – mit dem schuldhaften Keim (fomes) der Sünde – „zugleich Sünder und gerecht“ (WA 56,272,17).

So „evangelisch“ auch dieses Verständnis von Röm 1,17 und verwandter Schriftworte schon war, hat Luther doch in späterer Rückschau die abschließende Erkenntnis noch auf eine besondere Erfahrung (das sog. Turmerlebnis) zurückgeführt.2 Erst darin sei ihm aufgegangen, daß Röm 1,17 nicht „abstrakt“ von Gottes Vollzug seines Gesetzes rede, sondern „konkret“ dem einzelnen mit dem Glauben auch „Leben“ verheiße, so daß die Offenbarung der „Gerechtigkeit“ Gottes selbst „das Evangelium“ ist. Damit rückte ihm aber die Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium in die Mitte des christlichen Glaubens (s. TR 5518), und so verstanden wurde für ihn Röm 1,17 aus einem schweren Anstoß zum Schlüsselwort der Schrift.

Luthers neues Verständnis schloß wichtige andere Gedanken ein. Gottes Gericht mußte paradoxerweise als Akt der Gnade aufgefaßt werden, die unter dem Gegenteil erscheint. Aus Gal 5, 6 durfte nicht mehr geschlossen werden, der Glaube rette nur, wenn er, durch die tätige Liebe vervollkommnet, eine fides (caritate) formata sei. Wichtig war auch der – an sich nicht neue – Gedanke, wenn der Geist dem biblischen Wort Glauben verschaffe, sei darin „das Wort“, Christus, selbst gegenwärtig (vgl. §3,1,2 Anfang; §7,11,3 und III, 2; §9,1,2).

Seine Zweifel und exegetischen Anstöße hatte Luther durch die Schrift selber überwunden. Wenn nun das gewonnene persönliche Verständnis von Evangelium und Gesetz das von der Schrift – und damit von Gott, ihrem Urheber – gemeinte war, woran Luther nicht zweifelte, dann mußte es das Verständnis der ganzen Kirche werden. Das konnte nur geschehen, wenn – um des Inhaltes willen! – die Autorität der Schrift jeder anderen in der Kirche übergeordnet würde. Das neue Schriftverständnis empfahl also die Ausbildung eines Schriftprinzips.

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Das Phänomen Antifeminismus

Stellen wir uns mal vor, bei der ARD würde eine evangelikale Redakteuerin sagen: Ich bin eine Evangelikale und möchte jetzt mal wissen, warum es Frauen gibt, die die gefährliche Ideologie des Feminismus bejahen. Undenkbar, oder?

Umgekehrt geht. Eine Feministin knüpft sich einige mutige christliche Frauen vor und malt uns Zuschauern (natürlich mit Deutungshoheit und cleverem Schnitt) ihre vermeintliche ideologische Verblendung vor Augen. Die Botschaft: Wer von einer natürlichen Geschlechterordnung ausgeht, ist demokratiefeindlich. Wer den Feminismus nicht unterstützt, potentiell gefährlich. 

Hier mal reinschauen: www.ardmediathek.de.

Was ist Neo-Calvinismus?

N. Gray Sutanto und Cory Brock klären die Frage, was Neo-Calvnismus ist und ob wir ihn nach brauchen. Sie schreiben zur Frage der „zwei Reiche“:

Sicherlich waren Bavinck und Kuyper der Meinung, dass mit der Erneuerung der Menschen durch das Christentum auch die Kulturen und Institutionen, zu denen diese Menschen gehören, verändert werden. Sie waren überzeugt, dass der Glaube für die Arbeit und das ganze restliche Leben von Bedeutung ist. Die Gnade stellt schließlich die Natur wieder her. Das Christentum gibt Zeugnis von der natürlichen (oder besser: schöpferischen) Art und Weise, menschliche Beziehungen und die Gesellschaft zu gestalten.

Wenn der Einzelne zu Christus zurückgeführt wird, erkennt er, dass Christus der König ist. Die Kirche muss jedoch verstehen, dass die gegenwärtige Ordnung die Zeit der allgemeinen Gnade ist und nicht das endgültige (eschatologische) Reich Gottes. Wenn Christen also fragen: „Welche Zeit ist es?“, so antworten die Neo-Calvinisten, dass jetzt eine Zeit von Gottes Geduld ist – eine Zeit, das Reich Gottes zu bezeugen. Nur die Wiederkunft Christi kann die Familie, den Staat und die Kirche zu einem lebendigen Organismus vereinigen. Für Bavinck und Kuyper erkennt ein christlicher Herrscher daher den Unterschied zwischen der vom Geist gewirkten Kirche, der von der allgemeinen Gnade getragenen Welt und dem Staat als Diener der Gerechtigkeit Gottes.

Mehr: www.evangelium21.net.

 

Matthew Barrett: Die Reformation als Erneuerung

123393EBGestern ist das Buch The Reformation as Renewal: Retrieving the One, Holy, Catholic, and Apostolic Church (Grand Rapids, MI: Zondervan Academic, 2023) erschienen. Der Verlag schreibt über das Werk:

Das Buch ist eine frische, ganzheitliche und augenöffnende Einführung in einen der bedeutendsten Wendepunkte in der Geschichte der christlichen Kirche. Unter Berücksichtigung sowohl der historischen als auch der intellektuellen Ursprünge der Reformation im 16. Jahrhundert zeigt Matthew Barrett, dass die Reformation in ihrem Kern eine Erneuerung der evangelischen Katholizität war. Rom warf den Reformatoren Neuheit vor, als seien sie Ketzer, die von der katholischen (universalen) Kirche abwichen. Doch die Reformatoren glaubten, sie seien katholischer als Rom. In Abgrenzung zu den Radikalen waren die Reformatoren überzeugt, dass sie den Glauben ihrer patristischen und mittelalterlichen Väter wiederherstellen würden. Anstatt mit der Kirche zu brechen, sahen sich die Reformatoren als treue Verwalter der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche, die in der Geschichte bewahrt wurde. Während Rom sich auf Innovationen stützte, die ihren Ursprung im späten Mittelalter hatten, verbanden sich die Reformatoren mit der Kirche aller Epochen, der patristischen wie der mittelalterlichen, um den wahren Gottesdienst und die Erneuerung des Evangeliums in ihrer eigenen Zeit wiederherzustellen.

Ich habe schon mal reingeschaut und gelesen, was Barrett zur Debatte um die Sühnetheologie geschrieben hat.

Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts waren in ihrer Polemik mit dem Papsttum unnachgiebige Verteidiger des solus Christus. Die Rechtfertigung hing von einem Sühneopfer ab, mit dem Christus alles bezahlte. Christus setzte sich an die Stelle der Sünder und befriedigte den Zorn Gottes, den die Sünder verdient hatten. Allein durch den Glauben an Christus wird den Gottlosen nicht nur ein Teil, sondern das Ganze vergeben. Außerdem wird ihnen durch den Glauben auch die Gerechtigkeit Christi zugerechnet. Denn Christus hat nicht nur an der Stelle der Sünder gelitten, sondern auch für sie gelebt und das Gesetz bis zur Vollkommenheit befolgt, was die Sünder nicht geschafft haben. Sein makelloser Gehorsam wird den Gläubigen angerechnet und gibt allen, die an Christus glauben, die Gewissheit des ewigen Lebens.

Die mittelalterlichen Scholastiker stimmten nicht genau mit den Reformatoren überein, wenn es um die angewandte Erlösung geht, was deutlich wird, wenn man die mittelalterliche Behauptung der übertragenen Gerechtigkeit der reformatorischen Lehre von der angerechneten Gerechtigkeit gegenüberstellt. In Bezug auf die vollbrachte Erlösung – das objektive, geschichtliche Werk Christi als Mittler am Kreuz – stimmten die Reformatoren jedoch in einigen wichtigen Punkten mit namhaften Scholastikern überein. Diese Übereinstimmung mag nicht exakt gewesen sein (wie wir noch sehen werden), aber sie war bemerkenswert. Die Reformatoren standen auf einem Fundament, das nicht nur von den Kirchenvätern, sondern auch von den mittelalterlichen Scholastikern geebnet worden war. Dieses Fundament erklärt, warum die Reformatoren die Transsubstantiation anfechten konnten (siehe Kapitel 8), die ihrer Meinung nach die Hinlänglichkeit des Opfers Christi (solus Christus) verletzte. Die Reformatoren stellten jedoch die grundlegende und wesentliche Bestätigung des Kreuzes als Sühne, ja sogar als Genugtuung für die Sünde durch Rom nicht in Frage.

Die Ausgabe für die Bibelsoftware Logos gibt es hier: www.logos.com.

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Sibylle Lewitscharoff gestorben

Sibylle Lewitscharoff ist am 13. Mai 2023 69-jährig in Berlin ihrer schweren Krankheit erlegen. Viele werden sie vermissen, zählte sie doch zu jenen Intellektuellen, die eigenständig denken und sehr poientiert zu umstrittenen Themen Stellung beziehen. Sie hat den Schriftsteller-Aufruf gegen den „Gender-Unfug“ in der deutschen Sprache unterschrieben und in ihrer Dresdner Rede unvergesslich (und für manche unverzeihlich) die moderne Fortpflanzungsmedizin kritisiert. Übrirgens versuchte sie mal, mittels LSD ihr Bewusstein zu erweitern und hat diese Erfahrung interessanter Weise so beschrieben, dass es an Schattenwelten erinnert, die auch in der Bibel beschrieben werden.

Obwohl christlich erzogen, ist sie eine Zweiflerin geblieben. Die Kirche konnte sie dennoch wortstark ermahnen. Vor allem dafür, dass sie sich im Diesseits festgebissen hat. So erinnere ich hier noch mal an ihre Kritik der kirchlichen Predigt

Die Kirchen sind ja so was von lendenlahm im Predigen. Die verstehen ja vom Tod eigentlich gar nichts mehr. Das ist ja schrecklich. Die sind ja so aufs Diesseits fixiert, die Protestanten noch schärfer als die Katholiken. Aber die Katholiken sind ganz auf diesem Wege auch. Im Grunde hat sich eine areligiöse Gesellschaft in den Kirchen breitgemacht, weil sie vom Jenseits überhaupt keine Vorstellung mehr haben.

Haben Sie mal eine Predigt gehört, die irgendwie von da oben überhaupt handelt? Also, ich wüsste nicht. Also, ich höre die im Radio immer an. Ich gehe manchmal auch in die Kirche, auch mal in katholische Kirche. Das kommt nicht vor. Es gibt die Hoffnung auf Erlösung nicht in irgendeiner Form – sei es wunschnaiv, sei es schönheitstrunken, sei es in Gedichtform irgendwie ausgekleidet. Das gibt es nicht.

Das Gottvertrauen wird beschworen. Ja. Aber worauf vertraut man denn, wenn es nicht ein wirkliches Leben und ein erfülltes Leben nach dem Tod gibt? Und was bedeutet überhaupt Erlösung? Das ist doch eine interessante Frage. Darüber kann man doch predigen.

Die Zukunft der Anglikanischen Kirche

In der Anglischen Kirche hat es ein Erdbeben gegeben. Das theologisch konservative Netzwerk Gafcon in der anglikanischen Kirche (Global Anglican Future Conference) und die Gemeinschaft der Anglikanischen Kirchen des Globalen Südens (Global South Fellowship of Anglican Churches) haben sich von der Kirche von England und ihrem Oberhaupt, dem Erzbischof Justin Welby, getrennt. Die Nachrichtenagentur IDEA schrieb dazu

Welby habe durch seine öffentliche Unterstützung für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare einen Verrat an seinen Ordinations- und Weihegelübden begangen. Deshalb sei „seine Führungsrolle in der anglikanischen Gemeinschaft völlig unhaltbar“. Seine Forderung, die Vertreter unterschiedlicher Positionen zur Homo-Segnung müssten in der anglikanischen Gemeinschaft in „guter Meinungsverschiedenheit“ zusammenleben, sei inakzeptabel.

„Wir weisen die Behauptung zurück, dass zwei widersprüchliche Positionen in Fragen des Heils beide gültig sein können“, so die Erklärung. Nach biblischer Lehre dürfe Sexualität nur in einer exklusiven, lebenslangen Ehe zwischen einem Mann und einer Frau stattfinden.

Die Kirchenprovinzen, Diözesen und Kirchenleiter, die sich von dieser biblischen Lehre entfernt hätten, müssten Buße tun. „Wir sehnen uns nach dieser Umkehr, aber solange sie nicht umkehren, bleibt unsere Gemeinschaft mit ihnen unterbrochen.“

Beide Zusammenschlüsse repräsentieren gemeinsam rund 85 Prozent der anglikanischen Christen weltweit. Und erstaunlicherweise sind ihre Vertreter bei dem Treffen übereingekommen, neue Strukturen einer weltweiten Gemeinschaft ihrer Kirchen aufzubauen. Diese werden dann unabhängig von der Kirche von England und ihrem Oberhaupt arbeiten. Das ist für die liberale Kirche des Westen ein Desaster. Für Gafcon und die Kirchen des Globalen Südens ist es dagegen ein mutiger Gehorsamsschritt in die Unabhängigkeit und möglicherweise in die Armut. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass Gott sich zu seiner Kirche stellt und sie versorgen wird. 

Klaus Hickel, Pastor der anglikanischen Leipzig English Church (LEC), war bei dem Ereignis dabei und hat für den TheoBlog nachfolgend die Ergebnisse zusammengefasst: 

GAFCON IV in Kigali

Wenn christliche Denominationen und Gemeindeverbände sich immer tiefer in das theologisch liberale Labyrinth hinein verirren, stellen sich bekenntnistreue Gemeinden zwangsläufig die Frage, wie lange sie in historisch gewachsenen Strukturen verbleiben können. Für anglikanische Gemeinden und Einzelpersonen, die heterodoxe Strukturen aus ganz unterschiedlichen Gründen verlassen müssen oder aktiv daraus verdrängt werden, besteht seit 2008 dank weitsichtiger Entscheidungen ein „Rettungsboot“ mit dem Namen Global Anglican Future Conference (Gafcon). Gafcon veranstaltet seither im fünfjährigen Rhythmus die weltweite GAFCON-Konferenz für bekenntnistreue Anglikaner, zuletzt GAFCON IV vom 16. bis 21. April 2023 in Kigali, Ruanda.

Unter dem Eindruck aktueller revisionistischer Entscheidungen in der Church of England im Bereich Sexualethik stand GAFCON IV unter dem Motto „To Whom Shall We Go?“ (Joh 6,68). Die Antwort findet sich in der abschließenden Erklärung der GAFCON IV-Konferenz – dem Kigali Commitment 2023, das unter großem Beifall der Delegierten verlesen wurde. In der abschließenden Pressemitteilung heißt es:

Diese Konferenz hat deutlich gemacht, dass die Mehrheit der Anglikaner weltweit das Vertrauen in den Erzbischof von Canterbury verloren hat, einen gottgefälligen Weg in die Zukunft zu finden, der für diejenigen akzeptabel ist, die sich der Wahrhaftigkeit, Klarheit, Genugsamkeit und Autorität der Heiligen Schrift verpflichtet fühlen. Das betrübt uns, aber sie (Anm.: die Bischöfe der Church of England) sind es, die sich von uns abgewandt haben“, sagt Dr. Michael Stead, (Anm.: Bischof von South Sydney und Vorsitzender des Gafcon-Ausschusses).

Im Kigali Commitment heißt es: „Ziel und Auftrag der Kirche ist es, einer verlorenen Welt den herrlichen Reichtum des Evangeliums zu verkünden, indem sie den gekreuzigten und auferstandenen Christus predigt und ihre Glieder treu als seine Jünger zusammenleben.“

„Das Evangelium des auferstandenen Herrn Jesus hat für uns Priorität, und wir freuen uns darauf, uns wieder der Aufgabe zu widmen, Christus den Völkern treu zu verkünden“, so Bischof Stead.

Mit dem Kigali Commitment 2023 sieht sich Gafcon einer grundlegenden Neuausrichtung („Reset“) der anglikanischen Gemeinschaft verpflichtet. Entscheidende Bedeutung kommt hierbei der reformatorischen Glaubenslehre und insbesondere dem Schriftverständnis zu. Das Kigali Commitment stellt hierzu fest:

Die gegenwärtigen Spaltungen in der Anglikanischen Gemeinschaft sind durch radikale Abweichungen vom Evangelium des Herrn Jesus Christus verursacht worden. Einige in der Gemeinschaft haben sich von den hohlen und trügerischen Philosophien dieser Welt gefangen nehmen lassen (Kolosser 2,8). Ein solches Versagen, Gottes Wort zu hören und zu beherzigen, untergräbt die Mission der Kirche als Ganzes.

Die Bibel ist Gottes geschriebenes, von Gott ausgehauchtes Wort, wie es von seinen treuen Boten geschrieben wurde (2Timotheus 3,16). Sie trägt Gottes eigene Autorität, ist ihr eigener Ausleger und muss nicht ergänzt werden, noch kann sie jemals durch menschliche Weisheit aufgehoben werden.

Gottes gutes Wort ist die Regel für unser Leben als Jünger Jesu und die letzte Autorität in der Kirche. Es begründet, stärkt und lenkt unsere Mission in der Welt. Die Gemeinschaft, die wir mit unserem auferstandenen und aufgefahrenen Herrn genießen, wird genährt, wenn wir Gottes Wort vertrauen, ihm gehorchen und uns gegenseitig ermutigen, jeden Bereich unseres Lebens danach auszurichten.

Diese Gemeinschaft wird zerbrochen, wenn wir uns von Gottes Wort abwenden oder versuchen, es in einer Weise umzuinterpretieren, die die klare Lesart des Textes in seinem kanonischen Kontext umstößt und so seine Wahrhaftigkeit, Klarheit, Genugsamkeit und damit seine Autorität leugnet (Jerusalem Declaration #2).

Das Kigali Commitment wird über anglikanische Kreise hinaus begrüßt. Der Presbyterianer Brian Mattson schreibt:

Was für eine Freude ist es, die Kigali-Verpflichtung zu lesen und die unerschütterliche Treue von Kirchenführern in der ganzen Welt und insbesondere im globalen Süden zu sehen. Es sind größtenteils Afrikaner, die entschlossen aufstehen und Englands frühere Orthodoxie verteidigen – oder besser gesagt, den „Glauben, der den Heiligen ein für alle Mal überliefert wurde“ (Judas 3)! Welch eine Ironie! Der britische Kolonialismus hat die 39 Artikel und das Book of Common Prayer exportiert, und nun haben diese Kolonien zum Leidwesen der Briten alles ein bisschen ernster genommen, als sie es beabsichtigt hatten.

Der vollständige Text des Kigali Commitment sowie weitere Informationen zu Gafcon befinden sich auf der Homepage der Konferenz: gafcon23.org.

Mit einem Anteil von 85 Prozent vertritt Gafcon den weitaus größten Teil der weltweit etwa 85 Millionen Anglikaner. Die Gruppierung versteht sich damit nicht nur als Konferenz, sondern als authentisch anglikanische Gemeinschaft mit klarem Schwerpunkt auf dem afrikanischen Kontinent, insbesondere den Schwergewichten Uganda (11 Mio. Anglikaner) und Nigeria (18 Mio.).

Seit Gründung der Organisation hat Gafcon in besonders stark vom Liberalismus betroffenen Regionen alternative kirchliche Strukturen ins Leben gerufen, darunter auch in Europa und Deutschland (aceanglicans.org).

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Der Verfasser Klaus Hickel ist Pastor für deutschsprachige Gemeindearbeit in der Leipzig English Church. Derzeit bereitet er unter dem Banner von ACE die Gründung einer deutschsprachigen Gemeinde vor (DV).

George Verwer (1938–2023)

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Am Freitag, den 14. April 2023, ging der Missionar George Verwer und langjährige Leiter von OM im Alter von 84 Jahren nach einem zweimonatigen Kampf gegen Krebs zu seinem Herrn und Erlöser. Er hinterlässt seine Frau Drena und seine drei Kinder Ben, Daniel und Christa. Ich habe ihn in 80er-Jahren getroffen und war vor allem von seiner Bekehrungsgeschichte beeindruckt. Es fing mit dem beharrlichen Gebet einer Nachbarin an. Kurz vor seinem Heimgang sagte Verwer noch etwas über seinen „geistlichen Nachlass“.

Justin Taylor schreibt in einem Nachruf:

George Verwer war ein Mann, dem die gute Nachricht nie aus dem Kopf ging. Seine Leidenschaft war es, alle Völker der Welt endlich und für immer in Christus glücklich zu sehen.

Nur wenige Menschen haben sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr für die Unerreichten und Unbeteiligten eingesetzt, und nur wenige haben mehr Gläubige und Ungläubige mit Literatur zum Evangelium ausgestattet. Und alles begann mit einer treuen Mutter und Nachbarin, die sich verpflichtete, zu beten und einem Studenten das Johannesevangelium zu schicken, und setzte sich fort mit einem Geschäftsmann, der das Risiko einging, einen Studenten zu einer evangelistischen Veranstaltung einzuladen, und es setzte sich fort mit einem jungen Evangelisten, der die Botschaft vom Kreuz predigte. Gott hat immer Freude daran, die Torheit der Schwachen zu benutzen, um große Dinge zum Ruhm seines Namens zu vollbringen.

Mehr: www.thegospelcoalition.org.

Wie Bethel und Hillsong die Lobpreiskultur dominiert

Eine neue Studie hat nachgewiesen, dass Bethel und eine Handvoll anderer Megakirchen in den letzten Jahren den Markt für Anbetungsmusik beherrscht haben, indem sie einen Hit nach dem anderen produzierten und die Anbetungscharts dominierten.

CT schreibt: 

Die Studie untersuchte 38 Lieder, die es in die Top-25-Listen von CCLI und PraiseCharts schafften – die verfolgen, welche Lieder in Kirchen gespielt werden – und stellte fest, dass fast alle von einer der vier Megakirchen stammten. Alle in der Studie untersuchten Lieder – von „Our God“ über „God Is Able“ bis hin zu „The Blessing“ – tauchten zwischen 2010 und 2020 erstmals in diesen Charts auf. Von den untersuchten Liedern hatten 36 eine Verbindung zu einer Gruppe von vier Kirchen: Bethel, Hillsong, Passion City Church in Atlanta und Elevation in North Carolina. 

„Wenn Sie jemals das Gefühl hatten, dass die meiste Anbetungsmusik gleich klingt“, schrieben die Autoren der Studie, „dann könnte das daran liegen, dass die Anbetungsmusik, die Sie in vielen Kirchen hören, von einer Handvoll Songwritern aus einer Handvoll Kirchen geschrieben wurde.“

Mehr: www.christianitytoday.com.

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