Praktische Theologie

„Gott ist für mich nicht allmächtig“

Pastorin Jil Becker hat ihren Gemeindedienst aufgegeben und kümmert sich nun um den Nachwuchs ihrer Landeskirche. In einem TAZ-Interview gewährt sie Einblicke in ihren Glauben und ihre Vorstellungen vom Dienst in der Gemeinde. Manches wirkt sympathisch und nachvollziehbar. Aber sie macht ebenso Aussagen, die Sympathien für jene wecken, die ihrer Kirche den Rücken kehren oder gar davor warnen, so eine Landeskirche überhaupt noch zu unterstützen.

Gott wird kleingemacht, etwa durch Sätze wie:

Gott ist für mich nicht allmächtig, jedenfalls nicht in dem Sinne, als dass er beeinflussen könnte, ob jemand an Krebs erkrankt oder nicht. An solche Wunder glaube ich nicht.

Mehr: www.taz.de.

VD: SL

Tim Keller: Vier Fragen, die wir klären sollten?

Tim Keller rät der PCA (Presbyterian Church in America), sich in den nächsten Jahren mit vier praktisch-theologischen Fragen auseinanderzusetzen (als Forschungsthemen):

  • das fehlende Gebet im Leben von Pastoren;
  • der Umgang mit Kontroversen im Zeitalter der Sozialen Medien;
  • die biblische Unterweisung von Jugendlichen, die stark von den kulturellen Narrativen unserer Zeit geprägt sind;
  • die (Wieder)-Entwicklung einer evangelistischen Gemeindekultur angesichts einer immer kritischer werdenden Öffentlichkeit.

Ich vermute, dass diese Fragen auch in anderen Bünden und Ländern von großer Bedeutung sind.

Also reinhören:

VD: ES

Woher kommt die Kraft, die die Kirche braucht?

Abraham Kuyper schreibt über das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche (Das Werk des Heiligen Geistes, New York; London: Funk & Wagnalls, 1900, S. 184-185):

Die Kirche hat eine Berufung in der Welt. Sie wird nicht nur von den Mächten dieser Welt, sondern vielmehr von den unsichtbaren Mächten des Satans gewaltsam angegriffen. Ohne Pause. Indem er leugnet, dass Christus gesiegt hat, glaubt Satan, dass die Zeit, die ihm bleibt, ihm noch Siege bringen kann. Daher seine rastlose Wut und seine unaufhörlichen Angriffe auf die Ordnungen der Kirche, sein ständiges Bemühen, sie zu spalten und zu verderben, und seine immer wiederkehrende Leugnung der Autorität und des Königtums Jesu in seiner Kirche. Obwohl es ihm nie ganz gelingen wird, gelingt es ihm bis zu einem gewissen Grad. Die Geschichte der Kirche in jedem Land zeigt es; sie beweist, dass ein zufriedenstellender Zustand der Kirche sehr außergewöhnlich und von kurzer Dauer ist und dass ihr Zustand acht von zehn Jahrhunderten lang traurig und bedauernswert ist, was für das Volk Gottes Schande und Leid bedeutet.

Und doch hat sie in dieser ganzen Auseinandersetzung eine Berufung, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Sie kann manchmal darin bestehen, wie bei Hiob gesiebt zu werden, um zu zeigen, dass durch das Gebet Christi der Glaube in seinem Schoß nicht zerstört werden kann. Aber was auch immer die Form der Aufgabe ist, die Kirche braucht immer geistliche Kraft, um sie zu erfüllen; eine Kraft, die nicht aus ihr selbst kommt, sondern die der König schenken muss.

Jedes Mittel, das der König für seine Arbeit zur Verfügung stellt, ist ein Charisma, ein Geschenk der Gnade. Daher die interne Verbindung zwischen Arbeit, Büro und Gabe.

Deshalb sagt der heilige Paulus: „Jedem wird die Manifestation des Geistes gegeben, um damit zu profitieren“, d.h. zu Wohl aller [in der Gemeinde] (πρὸς τὸ συμφέρον) (1Kor 12,7). Und dann noch deutlicher: „So sucht auch ihr, da ihr auf geistliche Gaben eifrig seid, dass ihr euch zur Erbauung der Kirche erhebt“ (1Kor 14,12). Daher die Bitte „Dein Reich komme“, die der Heidelberger Katechismus so auslegt: „Regiere uns durch dein Wort und deinen Geist, dass wir dir je länger, je mehr gehorchen. Erhalte und mehre deine Kirche und zerstöre die Werke des Teufels und alle Gewalt, die sich gegen dich erhebt, und alle Machenschaften, die gegen dein heiliges Wort erdacht werden, bis die Vollendung deines Reiches kommt, in dem du alles in allen sein wirst.“

Es ist daher falsch, das Leben der einzelnen Gläubigen zu sehr isoliert zu betrachten und es vom Leben der Kirche zu trennen. Sie existieren nicht für sich, sondern in Verbindung mit dem Leib und so werden sie Teilhaber der geistlichen Gaben. In diesem Sinne bekennt der Heidelberger Katechismus die Gemeinschaft der Heiligen: „Erstens: Alle Glaubenden haben als Glieder Gemeinschaft an dem Herrn Christus und an allen seinen Schätzen und Gaben. Zweitens: Darum soll auch jeder seine Gaben willig und mit Freuden zum Wohl und Heil der anderen gebrauchen.“ Das Gleichnis von den Talenten hat das gleiche Ziel; denn der Diener, der mit seinem Talent anderen nicht geholfen hat, erhält ein schreckliches Urteil. Auch das verborgene Geschenk muss gehoben werden, wie der heilige Paulus sagt; nicht, um damit zu prahlen oder unseren Stolz zu nähren, sondern weil es dem Herrn gehört und für die Gemeinde bestimmt ist.

Johannes schreibt: „Ihr habt eine Salbung vom Heiligen, und ihr wisst alle Dinge“ (1Joh 2,20), und: „Ihr braucht nicht, dass euch jemand lehrt“ (1Joh 2,27). Das bedeutet nicht, dass jeder einzelne Gläubige die volle Salbung besitzt und aufgrund dessen alles weiß. Denn wenn das so wäre, wer würde nicht an der Erlösung verzweifeln, noch wagen zu sagen: „Ich habe Glauben“? Und wie könnte die Aussage „Ihr braucht nicht, dass euch jemand lehrt“ mit dem Zeugnis desselben Apostels versöhnt werden, dass der Heilige Geist die von Jesus selbst ernannten Lehrer qualifiziert? Nicht der einzelne Gläubige, sondern die ganze Kirche als Leib besitzt die volle Salbung des Heiligen und weiß alles. Die Kirche als Leib braucht niemanden, der kommt, um sie von außen zu lehren; denn sie besitzt den ganzen Schatz der Weisheit und des Wissens, indem sie mit dem Haupt vereint ist, das die Herrlichkeit Gottes widerspiegelt und in dem alle Weisheit wohnt.

Spiritualität in und Kirche out

Auf der Bundesratstagung der Baptisten sprach in diesem Jahr Prof. Tobias Faix von der CVJM-Hochschule in Kassel zur Frage, wie von der Kirche entfremdete Menschen noch erreicht werden können. Die Antwort: Die Kirche müsse selbstkritischer werden, die übernommenen Lehren stärker hinterfragen. Wir bräuchten eine größere Offenheit für die Wirklichkeit des Unglaubens. In einer Pressemitteilung des Bundes ist zu lesen:

Um die Situation der Kirchen in diesem neuen Kontext zu verdeutlichen verwendete Faix das Bild einer Brücke, die neben einem Fluss steht, der seinen Flusslauf geändert hat: „Wir können die Brücke renovieren und schön anmalen, zum Beispiel durch modernen Lobpreis. Die Brücke führt dennoch nicht mehr über den Fluss.“ Stattdessen müssten wir unsere bisherigen Dogmen und Lehren hinterfragen, um die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit zu erreichen. Konkret wurde Faix bei klassischen Formen der Verkündigung. So sei beispielsweise die Rede von Schuld und Vergebung vielen Menschen fremd, da kein Schuldbewusstsein vorliege. Der Begriff Sünde werde als ethisch-bevormundend wahrgenommen und auch Kampfesmetaphorik, zum Beispiel der Kampf Gut gegen Böse, entspreche nicht dem pluralistischen Zeitgeist. Diese biblischen Botschaften seien für die Menschen von heute nicht mehr verständlich. Es bedürfe daher neuer Wege der Verkündigung, um die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit zu erreichen, so Faix. Gerade in der Leistungsgesellschaft seien die Themen Scham und Ausgrenzung hochaktuell. Der Mensch werde durch seine Arbeit, sein Aussehen oder seinen Verstand beurteilt, wie befreiend sei da die Rede von der bedingungslosen Annahme Christi und die gelebte Annahme von Menschen jeglicher Herkunft in den Ortsgemeinden. Christen sollten „die Sprengkraft des Kreuzes nutzen“, um bei und mit den Menschen zu sein und „anfassbar“ zu werden. Kirche dürfe nicht darin bestehen, innerhalb der eigenen vier Wände die immergleichen Dogmen rauf- und runter zu beten. Stattdessen sollten Christen ihr Umfeld sehr aufmerksam beobachten, zuhören und auf die Lebenswelt der Menschen eingehen. Es gehe nicht darum, das eigene Verständnis der biblischen Botschaft zu relativieren, sondern durch eine Haltung der Offenheit das Evangelium neu vorzuleben und verständlich zu machen. Dass dabei auch Altes hinterfragt und neu durchdacht wird, solle nicht als Gefahr verstanden werden, sondern als Aufgabe, das Evangelium lebendig in einen neuen Kontext einzupflanzen.

Nun, es gibt dazu eigentlich nicht viel zu sagen. Vieles erinnert an Vorträge, die Brian McLaren vor 11 Jahren in Deutschland gehalten hat. Die alten Wege seien zu verlassen. Wir sollten uns selbst in den Augen der vom Glauben entfremdeten Menschen attraktiv machen. Es geht nicht um Schwerpunktverlagerungen in der Evangeliumsverkündigung, sondern um die Kompatibilität von Verkündigung und dem Bedürfnishorizont des Menschen, der fern von der Kirche lebt. Wer das glaubt, wird selig.

Ich habe vor 11 Jahren auf McLarens Thesen geantwortet und will an dieser Stelle nochmals darauf verweisen: fta-emch-101.pdf.

Sollten Pastoren ihre Predigten ins Netz stellen?

Sollten Pastoren ihre Predigten ins Netz stellen? Ja und Nein. Die Predigt-Podcasts können ein Segen sein, aber sie können auch betören. So halten Predigtmitschnitte etliche Kirchenmitglieder davon ab, am Sonntag die Ortsgemeinde aufzusuchen und mit anderen Gottesdienst zu feiern. Für andere, die wegen Krankheit und oder anderer Malaisen nicht zum Gotttesdienst kommen können, sind die Mitschnitte hingegen eine erbauliche Fügung.

Was Jake Meador gesagt hat, verdient ebenfalls Beachtung:

Die größere Zuhörerschaft im digitalen Zeitalter verleitet uns dazu, uns zu wichtig zu nehmen und mit der Menschenmenge anstatt mit unserer Gemeinschaft zu kommunizieren. Predigt-Podcasts machen unsere Pastoren zu Medienmarken und verlagern das Anliegen der Botschaft weg von der Ortsgemeinde, die eine der letzten Formen nicht-kommerzieller lokaler Gemeinschaft ist, die viele von uns kennen. Wenn Stolz die große Sünde ist, dann ist Demut eine der großen Tugenden, die Christen schützen sollten, auch wenn die Welt in eine andere Richtung zieht.

Mehr hier: www.christianitytoday.com.

Zeugnis als Erweisung des Geistes

Martyn Lloyd-Jones 1970 (Vollmacht, 1984, S. 96–97):

Ich bin überzeugt, daß [1. Korinther 2] für die evangelikale Christenheit unserer Tage in vieler Hinsicht das wichtigste Kapitel der ganzen Bibel ist. Schauen wir uns doch den Apostel Paulus an. Diese überragende Persönlichkeit, ein geistiger Riese. Er war einer der größten Geister, die die Erde je gekannt hat. Und doch sagt uns dieser Paulus, daß er nach Korinth in „Schwachheit, Furcht und großem Zittern“ gegangen ist. Er ist nicht leichtfüßig ans Rednerpult getreten, Selbstsicherheit und Überlegenheit ausstrahlend. Er fing nicht mit einigen guten Witzen an, um erst mal Atmosphäre zu schaffen. Er war nicht der gekonnte Beherrscher einer Versammlung, mit der er machen konnte, was er wollte: „Schwachheit, Furcht und großes Zittern!“ Warum? Paulus kannte seine eigenen Grenzen. Er wußte, was er nicht tun konnte. Er war von der Aussicht umgetrieben, mit seiner Persönlichkeit zwischen die Menschen mit der ungewöhnlichen Botschaft zu treten, die er zu verkündigen hatte. Er hat nichts aufgetragen, von dem er wußte, daß es die Menschen beeindrucken könnte. Er machte genau das Gegenteil. Er hatte sich entschlossen, „daß ich nichts wüßte unter euch, als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten“. Weiter sagt er: „Mein Wort und meine Predigt geschah nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, auf daß euer Glaube bestehe nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.“ Paulus nahm keine Rücksicht auf den öffentlichen Geschmack, sowohl was den Inhalt seiner Rede betraf, als auch die Art und Weise, wie er die Botschaft weitergab. Daher sagten manche von ihm, seine Rede sei verachtenswert. Dennoch war Kraft dahinter, so daß Männer und Frauen innerlich überführt und bekehrt und Glieder der christlichen Gemeinde wurden. Was war das Geheimnis? Es war diese Erweisung des Geistes und der Kraft. Es war die Vollmacht des Heiligen Geistes. In 1. Thessalonicher 1, 5 sagt Paulus: „Denn unsere Predigt des Evangeliums kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Gewißheit.“ Ich bin gewiß, diese Gewißheit war nicht nur bei dem Apostel Paulus, sondern auch bei denen, die gläubig wurden. Es waren eben nicht nur Worte eines Menschen. Seine Hörer setzten sich nicht menschlicher Auslegungskunst aus. Paulus machte sie nicht mit einer seltsamen Philosophie bekannt. Es war das Wort Gottes, das „in Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Gewißheit“ zu ihnen kam.

Der Apostel Petrus sagt es ähnlich. Im 1. Petrusbrief 1,12 schreibt er von „dem, was euch verkündigt ist durch die, so euch das Evangelium verkündigt haben durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist — was auch die Engel gelüstet zu schauen.“ Es geschieht durch den Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt ist, wenn das Evangelium überführend und überzeugend gesagt werden kann.

Gott verherrlicht sich durch den „Rest“

Martyn Lloyd-Jones 1970 (Vollmacht, 1984, S. 78–80):

Die Frage wird immer wieder gestellt: „Warum kommen wir nicht an die Massen heran, die außerhalb der Kirche leben? Wie können wir mit ihnen in Verbindung kommen? Wie können wir sie dazu bringen, auf uns zu hören? Was können wir tun, damit die Aussagen und Lehren der Kirche vollmächtig werden?“ Achten wir mal darauf, auf welche Art und Weise diese Fragen angegangen werden! „Das Hauptproblem ist“, so wird gesagt, „die Kirche hat nicht mit der Entwicklung Schritt gehalten. Sie verkauft sich nicht so, wie sie es eigentlich sollte. Große Firmen sind erfolgreich, weil sie gute Reklame betreiben.“ Deshalb haben die großen Kirchen damit angefangen, Abteilungen für die Öffentlichkeitsarbeit einzurichten. Diese Büros sorgen dafür, daß die entsprechenden Anzeigen regelmäßig in der Tagespresse erscheinen. „Bringt das unters Volk, und das Volk wird darauf hören!“, so heißt das Schlagwort. Sie klammern sich an die große Reklame, an die laute Stimme.

Andere sagen: „Nein, das ist nicht der Weg. Was wir brauchen, ist soziales Engagement. Die Menschen sind zuallererst an materiellen Dingen, an sozialen Problemen interessiert. Die Kirche muß daher deutlich zeigen, daß sie sich auch dafür interessiert. Sie muß somit häufiger Stellung zu sozialen und politischen Fragen nehmen. Dann werden die Menschen auch darauf hören, was in der Kirche gepredigt wird. Andere sind wiederum der Ansicht, der einzige Weg, den Einfluß zurückzugewinnen, gehe über Rundfunk und Fernsehen. »Das sind die Instrumente mächtiger Beeinflussung“, so sagen sie.

„Die Kirche muß diese Möglichkeiten auskaufen. Laßt uns dort das Geld hineinstecken. Laßt uns diese großen Medien für Reklame und Propagierung gebrauchen!“ Andere setzen ihr ganzes Vertrauen auf Schriften und Bücher.

Dem allen liegt selbstverständlich der hohe Stellenwert von Bildung und Wissen zugrunde. Folgende Überzeugung trifft man häufig an: Wenn wir nur den Eindruck hinterlassen könnten, daß der moderne Christ sich gut in der Wissenschaft auskennt, daß er kein Dummkopf ist und kein Träumer, daß er vernünftig und intellektuell ist, dann wird seine Umgebung bereit sein, auf ihn zu hören. Das sind auch so die gängigen Überlegungen, die hinter den vielen Büchern stecken, die Glauben und Wissenschaft harmonisieren wollen. Das sind die Hauptargumente. Aber die allerwichtigste Frage, so sagt man uns, ist die Frage nach der Einheit und einer einheitlich organisierten Weltkirche. Das eigentliche Problem ist, so sagt man, daß die Christenheit so gespalten ist. Die Welt ist eine Einheit, dagegen ist die Kirche in viele Fragmente gespalten. Darum ist es unmöglich, von Vollmacht zu reden, wenn solche unsicheren Fundamente da sind. Es gibt nur einen Weg, so sagt man uns: „Wir brauchen eine große Weltkirche. Wenn wir nur eine wären und so der Welt gegenübertreten könnten, dann müßte sie auf uns hören. Das ist das Geheimnis der Vollmacht.“

Mit dem Gesagten beschreibe ich nicht nur die Teile der Kirche, die nicht bibelgläubig sind. Leider rede ich auch vom evangelikalen Flügel. Es erscheint mir so, als ob wir in den gleichen Fehler verfallen sind. Wir zitieren zwar sehr oft: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr.“

In der praktischen Druchführung vertrauen wir dann doch dem „allmächtigen Dollar“, der Macht der Presse und der Reklame. Wir scheinen überzeugt zu sein: unser Einfluß hinge von der Technik ab, von den Programmen, die wir produzieren, von den großen Zahlen und den Massen. Wir haben vergessen, daß Gott in der Geschichte der Kirche seine Taten meistens durch den „Rest“ getan hat. Es sieht so aus, als ob wir die große Geschichte um Gideon vergessen haben. Wie Gott dort darauf bestanden hat, die Zahl der Krieger von 32000 auf 300 zu reduzieren, bevor er das Heer gebrauchen konnte. Wir sind fasziniert von der Idee der Größe, und wir sind überzeugt, wenn wir nur etwas Großes »aufziehen« (ja, das ist der richtige Ausdruck) könnten vor der Welt, dann würden wir sie erschüttern und eine große Erweckung wäre die Folge. Das ist das heutige Konzept für Vollmacht und Autorität.

Klimaschutz als Religion

Die Kirche soll vor allem Gläubigen eine Heimat geben und das Wort Gottes verbreiten. Für Wärmedämmung und Elektroautos sind andere zuständig, meint Gunnar Schupeliu von der BERLINER ZEITUNG:

Das kann sich die Kirche eigentlich nicht leisten. Sie spart an allen Ecken und Enden. Sie hat Pfarrstellen gestrichen und Gemeinden zusammengelegt. Sie hat sogar die meisten Küster eingespart. Vor diesem Hintergrund wirkt das Engagement gegen CO2 etwas unverhältnismäßig. Das soll man den Mitgliedern mal erklären, dass dafür so viel Kirchensteuergeld ausgegeben wird.

Der Klimaschutz wird in der evangelischen Kirche fast wie eine Religion gehandelt. Hier geht alle Energie hinein. Das „Klimaschutzkonzept“ umfasst 172 Seiten. Dazu kommt noch ein „Umweltschutzkonzept“ mit 189 Seiten. Beide Texte zusammen sind länger als das Neue Testament.

Man würde sich wünschen, dass sich die Kirche auch mit anderen Themen so intensiv befasst wie mit dem Klimaschutz, zum Beispiel mit dem Schutz des ungeborenen Lebens. Dafür hat sie gar kein Konzept. Die Kirche soll Gläubigen eine Heimat geben und das Wort Gottes verbreiten. Für Wärmedämmung und Elektroautos sind andere zuständig.

Mehr: www.bz-berlin.de.

VD: MT

Tausende Hipster für ein Halleluja

Die ZEIT hatte im Dezember 2017 einen Beitrag über Hillsong publiziert, der die Strategie und die Schwächen der Bewegung ganz gut herausarbeitet. Etwa:

Freikirchen müssten für ihre Mitglieder attraktiv bleiben, sonst wechselten die Leute schnell zum nächsten Angebot.

Am Besten gefällt mir der Satz:

Der Gottesdienst war wie ein Helene-Fischer- Konzert: Es ist eine gute Show.

Mehr: www.zeit.de.

VD: NT

Gewährte Selbstvergessenheit

Oswald Bayer schreibt in Aus Glauben leben (Stuttgart: Calw Verlag, 1990, S. 34–35)

Der neu Geborene ist nicht mehr in sich selbst verfangen, sondern von der Selbstverfangenheit und unentwegt das Seine suchender Selbstreflexion frei; in diesem Sinn ist Glaube Selbstvergessenheit. Nicht Selbstbetäubung, nicht Flucht vor Besinnung und Verantwortung, aber gewährte Selbstvergessenheit. Das Wort der passiven Gerechtigkeit des Glaubens sagt: Du gehst dich selber gar nichts an! Indem Gott das Entscheidende in dir wirkt, lebst du außerhalb deiner selbst allein in ihm! So bin ich mir selbst verborgen und dem eigenen Urteil sowie dem der anderen über mich, sofern es ein letztes Urteil sein will, entnommen. „Wer bin ich?“ Solche Selbstreflexion kommt nicht in sich zur Ruhe. Sie löst sich vielmehr im Gebet, in das Bonhoeffer sie hineingibt, in dem er sie aufgehoben sein läßt: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ Diese neue Grundbefindlichkeit kann sich nicht in sich selbst festigen, so gewiß sie gerade die Befreiung von jedem Versuch einer Selbststabilisierung und Selbstorganisation ist. Können wir doch schon physisch keinen einzigen Augenblick lang aus eigenen Kräften Bestand haben, in uns bestehen, uns Zusammenhalten und nicht in das Nichts auseinanderfallen. Und wie ich physisch nur lebe, wenn mir jeden Augenblick Luft gewährt und nicht entzogen wird, so hat die neue Grundbefindlichkeit ihre Wirklichkeit allein im Atemholen des Gebets. „Bitte Gott, daß er Glauben in dir wecke, sonst bleibst du wohl ewiglich ohne Glauben, du dichtest und tuest, was du willst oder kannst.“ Ein solches Gebet ist uns von dem Lutheraner Tobias Clausnitzer (1618-1684) überliefert:

„Unser Wissen und Verstand
ist mit Finsternis verhüllet,
wo nicht deines Geistes Hand
uns mit hellem Licht erfüllet;
Gutes denken, tun und dichten
mußt du selbst in uns verrichten.“

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