Mai 2011

Bob Dylan: Der Meister der blauen Stunde

Wie das Betreten einer alten und zugleich völlig neuen Welt: Drei Jahre lang moderierte Bob Dylan seine »Theme Time Radio Hour«, im Netz kann man sie noch heute hören. Sie ist Kunstwerk und Musikenzyklopädie zugleich.

Der literarische Charakter von »Theme Time« erweist sich, wenn der Moderator rezitiert. Wie Bob Dylan aus der Bibel liest, ist ein Ereignis, Gedichte von Shakespeare oder Dylan Thomas, selbst das Vorlesen eines weihnachtlichen Rezepts für »Figgy Pudding« ist eindrucksvoll. In einer Folge der Sendung, die das Medium Radio selbst zum Thema hat, zitiert Dylan einen Ausspruch T. S. Eliots, nach dem dieses Medium es Millionen von Menschen ermögliche, zur gleichen Zeit über den gleichen Witz zu lachen und dabei dennoch einsam zu sein. Eine Übertragung auf die heutigen »social media«, die echte, persönliche soziale Kontakte eben nicht ersetzen können, klingt dabei mit, so wie denn auch die gesamte Anlage von »Theme Time« als Retro-Sendung nicht als pure Nostalgie zu verstehen ist, sondern als Möglichkeit der Verfremdung oder Kenntlichmachung aktueller Phänomene dient – in etwa so, wie es die Fernsehserie »Mad Men« leistet.

Hier: www.faz.net.

Interview mit Franky Schaeffer

Paul Edwards hat kürzlich am Telefon mit Franky Schaeffer gesprochen. Franky hat schon vor 30 Jahren darauf hingewiesen, dass die Evangelikalen in Nordamerika Teil der Unterhaltungsindustrie zu werden drohen. In diesem aktuellen Interview, dass sich vor allem um das Thema »Kunst« dreht (Anlass ist der Anschlag auf Andres Serranos »Piss Christ«), unterstreicht er seine scharfe Kritik.

Hier geht’s zum Interview (Audiomitschnitt unten): www.godandculture.com.

Gaga: »Born This Way« – ein gescheiterter Versuch

Kein Popstar war in den vergangenen Jahren so präsent wie Lady Gaga. Jetzt haben wir alle eine Pause verdient, meint DIE WELT:

»Born This Way« ist nicht die geplante Schwulenhymne geworden, sondern der gescheiterte Versuch, eine klare Aussage zu treffen. Da wird die sexuelle Orientierung unnötigerweise in den Bezug zur Religion gesetzt (»It doesn’t matter if you love him or capital H-I-M«), da finden, um niemanden zu vergessen, alle möglichen sexuellen Orientierungen Erwähnung (»No matter gay, straight or bi, lesbian, transgendered life«) wie auch sämtliche Hautfarbigkeiten (»You’re black, white, beige, chola descent, you’re Lebanese, you’re orient«) genannt werden, um dann zu der Schlussfolgerung zu kommen, dass alles okay sei, weil Gott keine Fehler mache. Und man denkt: Um wen geht es hier eigentlich?

Mit ihrer Single »Judas« wird die Sache nicht besser. Der Titel und die Veröffentlichung zu Ostern waren eine müde Provokation, die aber noch nicht müde genug war, um unausgeschlafene Christen einen Skandal wittern zu lassen. Dabei sind es nicht religiöse Gefühle, die das Lied beleidigt, sondern ästhetische. Er lässt sich weder schönreden noch -denken.

Hier die Bekenntnisse eines enttäuschten Fans: www.welt.de.

Sanfte Umdeutung des Evangeliums

Rob Bell versteht es meisterhaft, die Botschaft der Bibel sanft umzudeuten. Als eindrückliches Beispiel für das »Reframing« des biblischen Evangeliums lässt sich seine Auslegung von Matthäus 14,22–36 anführen. In diesem Abschnitt erzählt der Evangelist Matthäus, wie Jesus auf dem See seinen Jüngern entgegengeht. Die Schüler erschraken und schrien vor Furcht. Nachdem Jesus sich zu erkennen gab, sprach Petrus: »Herr, wenn du es bist, so heisse mich über das Wasser zu dir kommen!« (14,29). Weiter lesen wir (14,28–31):

Er sprach: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot, und er konnte auf dem Wasser gehen und ging auf Jesus zu. Als er aber den Wind spürte, fürchtete er sich, und als er zu sinken begann, schrie er: Herr, rette mich! Sogleich streckte Jesus seine Hand aus, hielt ihn fest, und er sagt zu ihm: Du Kleingläubiger! Warum hast du gezweifelt?

Traditionell wird diese Episode so verstanden, dass Petrus Jesus nicht glaubte und deshalb unterzugehen drohte. Der Apostel nahm die Elemente dieser Welt und sich selbst wichtiger als Jesus und seine Zusage »Komm!«. Rob bricht mit dieser Auslegungstradition und behauptet, das mangelnde Selbstvertrauen des Petrus sei das eigentliche Problem gewesen. Petrus zweifelte an sich selbst. Hätte er an sich selbst geglaubt, seine Selbstzweifel also überwunden, hätte er trotz starken Windes auf dem Wasser gehen können.

Nun gäbe es ›exegetisch‹ viel über diese Textinterpretation zu sagen. Ich will hier nur darauf verweisen, dass es ja gerade das Errettende an der Botschaft des Evangeliums ist, dass die Hilfe von außen an uns herantritt. Die Lösungen für unsere Nöte liegen nicht in uns oder dem Appell, an uns zu glauben, sondern außerhalb von uns bei Jesus Christus. Die Quelle für eine geheilte Gottesbeziehung und ein gelingendes Leben ist nicht im Subjekt zu finden (lat. in nobis), sondern außerhalb von uns in Jesus Christus (lat. extra nos). Es ist Christus, der uns – um im Bild zu bleiben – mit seiner Hand rettet.

Der Glaube an sich selbst mag dabei helfen, über Glassplitter zu gehen. Das Unmögliche, nämlich auf dem Wasser laufen, wird auch einem Menschen mit überstarkem Selbstvertrauen unmöglich bleiben. Genau das ist Evangelium: Gott tritt in das Leben von Menschen hinein, die an sich selbst zweifeln. Gerade jener, der von sich selbst enttäuscht ist, also an sich verzweifelt, wird bei Jesus Rettung finden, wenn er ihm vertraut. Auf das »Herr, rette mich!« kommt es an. Wer das glaubt, kann bekennen: »Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!« (Mt 14,33).

Wie wunderbar hat doch Calvin im Ersten Buch seiner Institutio dazu geschrieben:

Wir empfinden unsere Unwissenheit, Eitelkeit, Armut, Schwachheit, unsere Bosheit und Verderbnis – und so kommen wir zu der Erkenntnis, dass nur in dem Herrn das wahre Licht der Weisheit, wirkliche Kraft und Tugend, unermesslicher Reichtum an allem Gut und reine Gerechtigkeit zu finden ist. So bringt uns gerade unser Elend dahin, Gottes Güter zu betrachten, und wir kommen erst dann dazu, uns ernstlich nach ihm auszustrecken, wenn wir angefangen haben, uns selber zu missfallen. Denn (von Natur) hat jeder Mensch viel mehr Freude daran, sich auf sich selber zu verlassen, und das gelingt ihm auch durchaus – solange er sich selber noch nicht kennt, also mit seinen Fähigkeiten zufrieden ist und nichts von seinem Elende weiß oder wissen will. Wer sich also selbst erkennt, der wird dadurch nicht nur angeregt, Gott zu suchen, sondern gewissermaßen mit der Hand geleitet, ihn zu finden.

Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG)

201105062310.jpgDie RGG4 bietet in lexikalischer Form in 15.665 Artikeln und Teilartikeln einen fundierten Überblick über Religion und Religionen, wie sie gelebt und gedacht wurden und werden. Sie zeigt den neuesten (kritischen!) Forschungsstand in geographischer und konfessioneller Weite, dargestellt von 3.972 ausgewiesenen Kennern der jeweiligen Materie aus 74 Ländern. Das Handwörterbuch besteht aus 8 Teilbänden und einem Registerband, der das Werk nach weiteren Suchbegriffen erschließt. Das editorisch vorzüglich gearbeitete und typographisch ausgezeichnet ausgestattete Werk zum unentbehrlichen Hilfsmittel sowohl für alle akademischen Theologen und Pfarrer als auch für alle Kulturwissenschaftler – und darüber hinaus für jeden geistig Interessierten werden.

Der Preis wurde gerade von 498,00 auf 99,00 Euro reduziert.

Themelios 36.1

Themelios36.1.jpgDie neue Ausgabe der Zeitschrift Themelios ist erschienen. Neben zahlreichen Rezensionen enthält Themelios 36.1 folgende Beiträge:

  • D. A. Carson: On Abusing Matthew 18
  • Carl Trueman: Know your Limits: The Key Secret of Theological Controversy
  • Keith E. Johnson: Trinitarian Agency and the Eternal Subordination of the Son: An Augustinian Perspective
  • Uche Anizor: A Spirited Humanity: The Trinitarian Ecclesiology of Colin Gunton
  • Stephen Dempster: Magnum Opus and Magna Carta: The Meaning of the Pentateuch
  • Robert H. Gundry: The Hopelessness of the 48 Unevangelized

Hier die Zeitschrift als PDF-Datei: Themelios36.1.pdf.

Satanskulte in Italien

Italien ist eine Hochburg für satanistische Kulte. In jüngster Zeit stieg die Zahl der Opfer von ritueller Gewalt. Hier ein kurzer Beitrag des DLF über das wachsende Interesse am Okkultismus in Italien:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/05/06/dlf_20110506_0948_5e95e3ea.mp3[/podcast]

USA: Viele Katholiken werden protestantisch

In jüngster Zeit häufen sich die Berichte darüber, dass Protestanten oder Anglikaner der Katholischen Kirche beitreten. Eine Untersuchung des U.S. Religious Landscape Survey by the Pew Research Center’s Forum on Religion & Public Life (PEW) hat nun überraschend ergeben, dass von 100 Menschen, die aus der Katholischen Kirche austreten, fast 50 protestantisch werden:

Pew’s data shows that those leaving the church are not homogenous. They can be divided into two major groups: those who become unaffiliated and those who become Protestant. Almost half of those leaving the church become unaffiliated and almost half become Protestant. Only about 10 percent of ex-Catholics join non-Christian religions.

Hier mehr: ncronline.org.

SBL Greek New Testament

Greek SBL.pngBibleGateway.com hat den Text und den textkritischen Apparat des SBL Greek New Testament (herausgegeben von Michael Holmes) veröffentlicht. Damit gibt es einen ziemlich hochwertigen griechischen Text im Unicode-Format gratis im Internet. Über die SBL heißt es:

The Society of Biblical Literature, in keeping with its mission to foster biblical scholarship, is pleased to sponsor, in association with Logos Bible Software, a new, critically edited edition of the Greek New Testament. The Greek New Testament: SBL Edition (SBLGNT), which is freely available in electronic form, will be useful to students, teachers, translators, and scholars in a wide variety of settings and contexts.

VD: DB

Was denkt P. Helm über die reformierte Dogmatik?

Paul Helm hat die neue Systematische Theologie von Michael Horton gelesen und seine Eindrücke in eine Buchbesprechung gepackt. Ich habe das Buch inzwischen auch angelesen und kann Helm in einigen Punkten zustimmen. Obwohl ich das Werk von Horton schätze, glaube ich z.B. nicht, dass es sich so lange halten wird wir die Dogmatik von Louis Berkhof (vgl. hier).

Bemerkenswert ist folgende Beobachtung von Helm:

A final general comment. Horton’s systematic theology, like many another’s, is very much an intramural product, consisting of lots of conversations among exclusively Christian theologians. The general features or movements of current culture only merit discussion insofar as they have been taken up by or unconsciously reflected in the published work of members of the guild. As far as I can see the numerous works in systematic theology recently produced among conservative theologians (Grudem, Frame, Reymond, Kelly and now Horton) all seem to play on the same field and in more or less the same way, so that while we all may have our favourite, there is, frankly, little to choose between them, except depth of pocket or size of shelf. Is this, a kind of Theological Correctness, what contributes to the feeling of many that systematic theology is inherently dull? I hazard the hope that when the present cycle of systematic theology writing has run its course, the next cycle, while thoroughly conservative in orientation, will be wider, broader, more expansive, allowing some genuine, substantive differences of opinion and so, if nothing else, widening consumer choice.

Eine kluge Anmerkung.

Hier die vollständige Rezension: www.reformation21.org.

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