2012

„Wir sind die Kirche!“ Wirklich?

Seit Jahren höre ich es: „Die Kirche ist kein Ort, zu dem wir hingehen. Wir sind die Kirche.“ Autoren wie Wayne Jacobsen (Der Schrei der Wildgänse) haben im Kirchenvolk Spuren hinterlassen und den frommen postmodernen Individualismus auf die Spitze getrieben: „Gemeinden sind Institutionen, auf die ich als Christ gut verzichten kann.“

Was Jacobsen anbetrifft, kann ich die Unterlagen von Hanniel Strebel empfehlen. Mit dem protestantischen Verständnis von „extra ecclesiam salus non est“ (dt. „Außerhalb der Gemeinde ist kein Heil“) hat sich Sebastian Heck in seinem Aufsatz „Die (Heils-)Notwendigkeit der Kirche [Gemeinde]; römisch oder reformatorisch?“ auseinandergesetzt.

Jenseits dieser wichtigen Kritiken und der Fragen um Kirchenordnung, Ämter und Sakramente, möchte ich darauf hinweisen, dass wir nicht die Kirche sind. Kirche ist nicht dort, wo wir sind, sondern dort, wo Gottes Wort von Menschen geglaubt wird und Christus als das Haupt erscheint. Der Reformator Johannes Calvin hat es 1544 gegenüber den Theologen der Pariser Universität Sorbonne so gesagt (CStA, Bd. 3, S. 72–75):

Wir alle bekennen, daß es eine allgemeine Kirche gibt und von Anfang der Welt an gegeben hat und bis zu ihrem Ende geben wird. In Frage steht die äußere Erscheinung, an der man sie erkennen kann. Nach unserer Überzeugung liegt sie im Wort Gottes. Oder besser gesagt darin, daß Christus ihr Haupt ist. Darum behaupten wir: Wie nun ein Mensch an seinem Gesicht erkannt wird, so muß man die Kirche in Christus anschauen … Laßt uns deshalb festhalten, daß die Kirche sichtbar ist, wo Christus erscheint und wo sein Wort gehört wird, wie geschrieben steht: „Meine Schafe hören meine Stimme“ (Joh 10,27).

Wie manipulativ ist Kony 2012?

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2003 wurde ich mit meinen Freunden in Uganda in einen schweren Unfall verwickelt. Todesangst und Dank lagen an diesem Abend sehr eng beieinander.

Da ich 2003 in Uganda war (und damals noch gerade mit dem Leben davon gekommen bin, siehe Foto), habe ich  viel über LRA und Joseph Kony gehört. Was dieser Mann mit seiner Armee in Uganda und anderswo angestellt hat, ist unvorstellbar grausam und bedrückend. Zugleich muss ich bekennen, dass ich gegenüber der Video-Produktion von „Invisible Children“ skeptisch bin. Mein erster Gedanke war: Das ist gut gemeint, aber hier wird der Zuschauer manipuliert. Wenn ich nun Sätze wie:

Kony 2012 wird in die Geschichte der erfolgreichsten Viralkampagnen und in die Lehrbücher für Propaganda eingehen, soviel steht fest.

lese, wird mein Misstrauen beflügelt.

Um dem Hype um Konie 2012 zu relativieren, hier der Verweis auf einige kritische Berichte:

VD: AW

Die ungeheure Härte des Glaubens

DSuF_Cover_2012.jpegDie Ausgabe 2/2012 der Zeitschrift Sinn und Form wird Gespräche publizieren, die der Arzt Heinrich Huebschmann (1913–1995) im Jahre 1942 mit einigen herausragenden Intellektuellen geführt hat. Sinn und Form schreibt über Huebschmann:

Die Lust am Widerspruch gehörte zu seinen Wesenszügen, sie war für ihn eine Art Wünschelrute, mit der er sich auf die Suche nach der Wirklichkeit begab. Die nachstehenden Aufzeichnungen zeigen dies am Beispiel seiner Galilei-Kritik, sie zeigen seine Haltung gegen eine Naturwissenschaft, die das Meßbare zum Hauptkriterium erhebt und so zu einer mechanischen Sicht des Lebens kommt.

Die FAZ hat bereits am Mittwoch das bemerkenswerte Gespräch mit dem Pädagogen Eduard Spranger abgedruckt (07.03.2012, Nr. 57, S. N5). Huebschmann bekennt dort: „Ich selbst aber muß für mich gestehen, daß ich erst wieder festen Boden unter den Füßen gewann, als ich mich mit dem Christentum mehr befaßte.“ Kontext des Bekenntnisses ist die Kritik sowohl am extremen Subjektivismus wie auch am Kollektivismus (dem „Marschiertaumel“). Spranger kritisiert anschließend die Roosveltsche und Niedermöllersche Gegenbewegung, die Niedermöllersche dafür, dass sie mehr von der Antithese lebt. In seiner Antwort spricht Huebschmann von der Lebendigkeit und Härte des christlichen Glaubens:

Ja, wenn die letztere nur vom Neinsagen lebt, dann ist auch sie dem Untergang geweiht. Aber es gibt doch auch viele Anzeichen echten Lebens. Ich selbst las kürzlich das Matthäusevangelium. Ich war auf das tiefste überrascht, daß ich eine ganz falsche Schulerinnerung daran hatte. Nichts von jener pietistisch-humanitären Weichheit, die man dem Christentum vorwirft. Welch ungeheure Härte liegt in den Gleichnissen. Das Himmelreich ist ein Fischzug. Die guten Fische werden aufgehoben, die faulen weggeworfen – endgültig! Oder wie grausam ist das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen! Für die törichten, die kein Öl in der Lampe haben, ist es erbarmungslos endgültig aus!

Evangelium als Zentrum

Keller_Carson.jpegD.A. Carson (Referent auf der E21-Konferenz im Mai 2012) und Tim Keller haben gemeinsam das Buch:

  • D. A. Carson, Timothy Keller (Hg.): The Gospel as Center: Renewing Our Faith and Reforming Our Ministry Practices, Crossway Books, 2012, 320 S., ca. 18 Euro

herausgegeben.

Das Buch enthält folgende Aufsätze:

  1. “Gospel-Centered Ministry,” D. A. Carson and Timothy Keller
  2. “Can We Know (and Tell) the Truth?,” Richard D. Phillips
  3. “The Gospel and Scripture: How to Read the Bible,” Mike Bullmore
  4. “Creation,” Andrew M. Davis
  5. “Sin and the Fall,” Reddit Andrews III
  6. “God’s Plan,” Bryan Chapell
  7. “What Is the Gospel?,” Bryan Chapell
  8. “Christ’s Redemption, Sandy Willson
  9. “Justification,” Philip Graham Ryken
  10. “The Holy Spirit,” Kevin DeYoung
  11. “The Kingdom of God,” Stephen Um
  12. “The Church: God’s New People,” Tim Savage
  13. “Baptism and the Lord’s Supper,” Thabiti Anyabwile and J. Ligon Duncan
  14. “The Restoration of All Things,” Sam Storms

Im einleitenden Kapitel von Carson und Keller heißt es:

Over the last few years there has been a major push to abandon expository preaching for what is loosely called “narrative” preaching. The diagnosis goes something like this:

These are postmodern times, marked by the collapse of confidence in the Enlightenment project and a rational certainty about “truth.” So now hearers are more intuitive than logical; they are reached more through images and stories than through propositions and principles. They are also allergic to authoritarian declarations. We must adapt to the less rational, nonauthoritarian, narrative-hungry sensibilities of our time.

In our understanding, it is a great mistake to jettison expository preaching in this way. But in some quarters, the response goes something like this: “Because postmodern people don’t like our kind of preaching, we are going to give them more of it than ever.” They are unwilling to admit that much conventional use of the expository method has tended to be pretty abstract, quite wooden, and not related to life. It is also true that many traditional expository preachers like the “neatness” of preaching through the Epistles instead of the vivid visions and narratives of the Old Testament. But most importantly, expository preaching fails if it does not tie every text, even the most discursive, into the great story of the gospel and mission of Jesus Christ.

Das Inhaltsverzeichnis kann zusammen mit dem ersten Kapitel hier heruntergeladen werden: the-gospel-as-center-download.pdf.



VD: JT

Das Karl-Barth-Archiv in Basel

Internationales Museum der Reformation in Genf

Karl Barth war international einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts. In seinem ehemaligen Wohnhaus in Basel befindet sich heute das Karl-Barth-Archiv, in dem Tausende von Büchern, Aufsätzen und Briefen des evangelischen Theologen aufbewahrt werden. Seit dem 1.März 2012 hat das Haus einen neuen Leiter, Dr. Peter Zocher.

Hier ein Interview mit dem Theologen Zocher:

Global Prayers

Ob Christen, Hindus oder Muslime. In vielen Ländern prägen religiöse Bewegungen nicht nur den Alltag und die Kultur, sondern auch das politische Geschehen. Auf einer Veranstaltung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin debattierten Wissenschaftler über religiöse Heilslehren und Fortschrittsversprechen. Der Göttinger Religionsethnologe Boris Nieswand meint:

„Das merkt man immer wieder in den Diskussionen beim Kaffee mit den Kollegen. Dass es eben Schwierigkeiten gibt, die damit zusammen hängen, dass viele Wissenschaftler Distanzierungsprozesse von Religionen hinter sich haben und auf einmal wieder Menschen begegnen, die Religiosität in einer Weise leben, die nicht in dieses akademisch reflektierte … Weltbild reinpasst.“

Weiter heißt es:

Das Weltbild der Sozialwissenschaften lasse nur rationale Erklärungen zu, meint Boris Nieswand. Deshalb werde einem nicht-rationalen Phänomen wie religiösen Bewegungen schnell eine Rolle zugeschrieben, die mit ihrem Selbstbild gar nichts zu tun habe. Etwa, dass das Gemeinschaftsgefühl im Gottesdienst die soziale Kälte im Alltag kompensieren solle. Boris Nieswand will solche Thesen gar nicht grundsätzlich zurückweisen. Aber er bezweifelt, dass sie den Erfolg der neuen religiösen Bewegungen umfassend erklären können.

Hier: www.dradio.de.

Vatikan zeigt erstmals Bannbulle gegen Luther

Zu seinem 400. Bestehen stellt das Vatikanische Geheimarchiv hundert geheimnisumwitterte Dokumente aus, darunter die Bulle, die die Reformation provozierte.

„Weil die genannten Irrtümer und viele andere in den Büchlein oder Schriften eines gewissen Martin Luther enthalten sind, verdammen, verwerfen und verstoßen wir zugleich die genannten Bücher und alle Schriften und Predigten, ob sie in lateinischer oder deutscher Sprache geschrieben sind.“

Es waren harte Worte, mit denen Papst Leo X. den Entscheidungskampf mit dem abtrünnigen Theologen aus Wittenberg einleitete. Im Juni 1520 erging die Bannbulle „Exsurge Domine“. In ihr wurde Martin Luther aufgefordert, innerhalb von 60 Tagen 41 seiner Thesen zu widerrufen. Sieben Monate später folgte die Bulle „Decet Romanum Pontificem“, in der die Exkommunikation vollzogen und Luther samt Anhängern zu Ketzern erklärt wurde. Wie so viele legendenumwitterte Schriften hat auch eine Ausfertigung dieses Dokuments vom 3. Januar 1521 im berühmt-berüchtigten Geheimarchiv des Vatikan die Zeiten überdauert. Sie gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung „Lux in Arcana“ („Licht auf die Geheimnisse“) die von Donnerstag an in den Kapitolinischen Museen Roms für das Publikum geöffnet ist.

Hier: www.welt.de.

Forscher fordern Tötung von Neugeborenen

Eltern soll es erlaubt werden, ihr Baby umbringen zu lassen – dafür plädieren zwei Wissenschaftler. Ihre Begründung: Kindsmord sei auch nichts anderes als eine Abtreibung. Sie meinen das alles ganz ernst. Wer A sagt, muss auch B sagen. Oder A überdenken?

Babys seien noch keine „wirklichen Personen“, sondern nur „mögliche Personen“, argumentieren Alberto Giubilini und Francesca Minerva im Fachmagazin „Journal of Medical Ethics“. Mütter und Väter sollen deshalb das Recht haben, ihren wenige Tage alten Säugling töten zu lassen, finden die Forscher.

Mit ihren Thesen lösen die Wissenschaftler weltweit große Empörung aus. „Folgen wir dieser Argumentation, dann ist es uns in Zukunft auch egal, wenn eine Mutter ihr Kind mit eine Decke erstickt“, sagt Trevor Stammers, Direktor am St. Mary´s University College in London.

Die Autoren setzen Neugeborene und Föten gleich, da beiden „noch die Fähigkeiten fehlen, die ein moralisches Recht auf Leben rechtfertigen.“ Ein Baby habe genau wie ein Fötus noch keinen „moralischen Status als Person“. Deshalb sei das Töten eines Babys auch nichts anderes als eine Abtreibung im Mutterleib. „Sind die Umstände nach der Geburt so, dass sie eine Abtreibung gerechtfertigt hätten, dann sollte die Abtreibung auch nach der Geburt noch möglich sein“, sagen die Wissenschaftler.

Quelle: www.focus.de.

Warhol, ein Vampir

Andy_Warhol_1977.jpegDer TV-Sender arte hat vor einigen Tagen die überzeugende Dokumentation Andy Warhol – „Godfather of Pop“ über das Leben des genialen Andy Warhol ausgestrahlt. Warhol – das wird sehr deutlich – hat seine Mitarbeiter und Freunde wie ein Vampir ausgesaugt und den Tod zahlreicher Menschen eiskalt einkalkuliert. Gelegentlich nannte man den Vater der Pop-Art Marquis de Sade. Er selbst fühlte sich meist als Opfer.

arte schreibt zur Dokumentation:

Vor 25 Jahren, am 22. Februar 1987 starb Andy Warhol, der berühmteste und wohl am meisten missverstandene Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Kunst war zugleich zugänglich und rätselhaft, direkt und schwer erfassbar, naiv und voll bitterer Ironie. Er veränderte die Vorstellung von der Malerei und führte die Kunst im Zeitalter der mechanischen Reproduzierbarkeit zu ihrem logischen Extrem. Immer wieder durchbrach er die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz. Und wie kein anderer vor oder nach ihm begriff er, welche Rolle der Ruhm in der Massengesellschaft spielt. Mit allem, was er tat, zwang er den Betrachter zur Auseinandersetzung mit der Welt, in der er lebt. Im Laufe der Zeit wurde er zum Hofdichter des amerikanischen Jahrhunderts, zum Wortführer eines der radikalsten Experimente der amerikanischen Kultur und zum einflussreichsten Künstler seiner Zeit.

Besonders erschüttert hat mich der Bericht über den ersten tödlichen Unfall in der „Factory“ von New York im Jahre 1964. In dem Atelier hatte jemand Speed genommen und glaubte, wie ein Vogel fliegen zu können. Er tanzte zum Fenster und sprang, um durch die Lüfte zu schweben. Er schlug auf dem Boden auf und starb. Als Andy Warhol davon hörte, kommentierte er:

Ist es nicht ärgerlich, dass wir nicht dort waren um es zu filmen?

Wer den Bericht über seine Grenzüberschreitungen sehen möchte, hier ab der 50. Minute: videos.arte.tv.

Sterbehilfe im Namen Jesu?

In den Niederlanden sollen ab 1. März 2012 Sterbehilfe-Teams quer durchs Land fahren und schwer kranken Menschen beim Sterben assistieren. DIE WELT schreibt:

In den Niederlanden plant laut dem Bericht der Zeitung eine Initiative, dass Teams einer Sterbehilfeorganisation quer durch das Land reisen und zu Patienten nach Hause kommen, um ihnen auf Wunsch beim Sterben zu helfen. Todkranken soll auf diese Weise ein würdevolles und schmerzloses Ende ermöglicht werden. Die sogenannten mobilen Teams bestehen aus einem Arzt und mindestens einem Pfleger.

Bei Deutschen Ärzten und Experten stößt das auf heftige Kritik. „Es könne niemals zum Arztberuf gehören, den Tod herbeizuführen“, sagte der Chef der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Und: „Wir wollen den Tod zulassen, wenn die Zeit da ist, wir wollen ihn aber nicht zuteilen.“

Ist Deutschland noch nicht reif für eine flächendeckende Euthanasie? Ich bin gespannt, wie lange die Empörung anhält. Gewinnt eine utilitaristische Ethik, die vor allem nach dem Nutzen fragt, weiter Einfluss (und es sieht so aus), wird aus dem Protest schnell eine Duldung. Wenn Menschen über alles verfügen, könnte – wie wir wissen –, der Lebensschutz von heute auf morgen unplausibel erscheinen.

Da wir gerade bei dem Thema sind: In einigen emergenten Kreisen gibt es nicht nur einen Perspektivenwechsel im Blick auf Themen wie „Mission“, „Kultur“ oder „Sexualität“, sondern auch Überlegungen für neue Zugänge zur Euthanasie. Zu entdecken ist das beispielsweise in dem Buch Different Eyes: The Art of Living Beautifully von Alan Mann und Steve Chalke.

Die beiden Autoren, die schon seit Längerem durch ihre Kritik an der Sühneopfer-Theologie bekannt sind (vgl. hier u. hier), plädieren für einen selbstkritischen Umgang mit der traditionellen christlichen Ethik. Wie zu erwarten, geben sie keine eindeutigen Antworten. Sie nähern sich dem Thema narrativ, in Form von zwei abgedruckten Briefen. Während der Autor des ersten Briefes für die Unantastbarkeit des Lebens und die liebevolle Fürsorge votiert, beschreibt der Autor des zweiten Briefes Euthanasie als Akt des Gottvertrauens. Die Gefühle dessen, der Sterben möchte, und die Gefühle seiner Angehörigen, müssten christlich ernst genommen werden. Euthanasie sei ein Akt liebenden Erbarmens. Der Leser kann nun zwischen den vorgeschlagenen Optionen wählen. Dass Krish Kandiah von der Evangelischen Allianz in Großbritannien das Buch empfiehlt und glaubt, es liefere „frische Ideen für ein schönes Leben vor Gott“, macht die Sache nicht leichter.

Hier Auszüge aus dem Brief (Alan Mann u. Steve Chalke: The Art of Living Beautifully, 2010. S. 163–165):

Lieber Leser!

Die Euthanasie zählt zu jenen Themen, die den Nerv ethischer Entscheidungsfindungen im Christentums treffen.

Naturgemäß stellt dabei der Umstand das größte Problem dar, dass die Bibel das Thema Euthanasie nicht direkt anspricht – zumindest nicht in der Form, wie wir ethische und gesetzgebende Aussagen zu formulieren pflegen. Selbstverständlich sind da die alttestamentlichen Gebote, die es verbieten, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, obgleich anschließendes Blutvergießen (manchmal direkt von Gott angeordnet) ein Erkennen eines eindeutigen Musters zur Deutung dieser Imperative schwierig macht.

Um die Sache positiv zu formulieren: Das Leben ist ein kostbares Geschenk Gottes. Daher – so heißt es – muss es um jeden Preis gewürdigt werden. Unter diesen Umständen allerdings scheint es angeraten, unsere Aufmerksamkeit weniger auf das Geschenk als vielmehr auf den Geber selbst zu richten.

So hat man behauptet, die Euthanasie sei rundweg abzulehnen, auch dort, wo das Leiden des Menschen nicht mehr zu lindern sei oder jemand im Sterben liege, weil sich der Mensch andernfalls herausnehme, selbst »Gott zu spielen«. Diese Behauptung muss jedoch gegen jene Gebote, Handlungen und Lehren der Schrift abgewogen werden, die Gott als liebenden, fürsorgenden, gütigen, mitfühlenden, barmherzigen und verständnisvollen Gott schildern – ein Gott, der sein Volk dazu aufruft, diese Eigenschaften nachzuahmen.

…

Ein krampfhaftes Festhalten an einem Leben, das ganz offensichtlich im Leiden enden wird, scheint der grundlegenden christlichen Hoffnung zu widersprechen, derzufolge dieses Leben nicht das einzige Leben ist; wo Tod nicht Ende, sondern Beginn ist, wo es kein Leiden, kein Weinen und keinen Schmerz mehr gibt (Offb 21). Und trösten wir uns nicht selbst bei dem Gedanken, die von uns Gegangenen hätten »ihren Frieden gefunden«, ihre »Leidenszeit zu Ende«? Ist es daher nicht paradox, ein ewiges Leben ohne jeden Schmerz zu verkünden und gleichzeitig zu behaupten, man müsse beharrlich am Leben festhalten, bis auch der letzte Atem den sterbenden Leib verlassen hat, egal, welch Qualen ein Mensch auch durchmacht?

Der Christ kann in der Euthanasie – und das betrifft auch die aktive Sterbehilfe – keinen Akt der autonomen Selbstbestimmung sehen, denn das stellte die Usurpation göttlichen Rechts dar, Leben zu nehmen. Eine solche Entscheidung sollte von einer fürsorglichen und mitfühlenden Gemeinschaft im Glauben getroffen werden. Sie dem Einzelnen zu überlassen, wäre ein Akt höchstmöglicher Preisgabe und widerspräche diametral der ethischen Einstellung eines jeden, der behauptet, Nachfolger Jesu zu sein.

Wir nehmen kein Leben, sondern räumen dem Einzelnen das Recht ein, von sich aus auf ein Weiterleben zu verzichten und dem Gott, der das Leben gegeben hat zu vertrauen, dass nichts uns »kann scheiden von der Liebe Christi … weder Leiden noch Tod (Röm 8,35ff.).

Wenn jemand keine Angst vor dem Tod hat, die Qual und den Schmerz jedoch nicht länger ertragen kann, dann kann man in der Euthanasie durchaus einen Akt liebenden Erbarmens sehen, der die Eigenschaften des lebensspendenden Gottes reflektiert, des Einzigen, der das Leben auch nach dem Tod aufrecht erhalten kann. Was aber noch stärker zählt: Gerade unter diesen Umständen kann und soll das Sterben zur geistlichen Erfahrung werden, indem man das eigene Leben überdenkt und sich auf etwas Gehaltvolleres, Tiefergreifendes vorbereitet.

Nichts ist unvermeidlich, doch sieht es so aus, als werde unsere Gesellschaft in der Euthanasie in Zukunft eine hoffähige – wenn vielleicht auch keine legale – Option sehen. Das aber bedeutet, das Christentum (das ja von einer hoffnungsfrohen Botschaft zu Leben und Tod getragen ist) wird sich den Konsequenzen stellen müssen in der Ablehnung, andere beim Übergang von diesem Leben ins nächste zu unterstützen. Schließlich werden weder Glaubensartikel noch theologische Positionen echte Christen davon abbringen, sich bei der Bitte um Sterbehilfe an die christliche Gemeinschaft zu wenden – und gerade hier beginnt die echteste Prüfung unseres Glaubens.

Autsch!

Schließen möchte ich mit einer mutigen und wichtigen Stellungnahme, die die Ärztin Claudia Kaminski (ALfA) anlässlich der aktuellen Debatte gegenüber der Rheinzeitung abgegeben hat:

Von der Klinik, die Anfang März in Den Haag eröffnet werden soll, dürfe keine Signalwirkung für Deutschland ausgehen, mahnte die ALfA. Kaminski appellierte an Politiker und Repräsentanten der Ärzteschaft, gegen jede Form aktiver Sterbehilfe und den ärztlich assistierten Suizid anzugehen. „Sowohl vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte als auch als direkter Nachbar der Niederlande sind wir Deutsche heute besonders gefordert, dem fehlgeleiteten Verständnis von Autonomie in den Niederlanden ein klares Bekenntnis zur wahren Humanität entgegenzusetzen“, so Kaminski.

Eine Gesellschaft, „in welcher der Tod bestellt und geliefert werden kann“, verliere auf Dauer ihr menschliches Antlitz.

VD: IC & CU

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