Andrea, Mitarbeiterin des Hilfswerkes GAiN, befindet sich seit einigen Tagen im Nordirak. Eigentlich wollte sie zusammen mit ihren Kollegen in den neu entstandenen Camps syrischen FlĂŒchtlingen helfen, aber in der letzten Woche hat das Team natĂŒrlich vor allem die Situation in und um Mossul in Atem gehalten. Andrea hat ĂŒber das Erlebte ein Tagebuch gefĂŒhrt, dass ich hier freundlicherweise veröffentlichen darf. SĂ€mtliche Namen etc. wurden zum Schutz der betreffenden Personen pseudonymisiert. Die aktuellsten BeitrĂ€ge finden sich oben. Falls noch EintrĂ€ge hinzukommen, werde ich diese ânachreichenâ.
Freitag, 25. Juli, nachmittags
Eigentlich ist heute frei und wir drei vom Team haben uns fest vorgenommen, dass einen Tag lang jeder nur das macht, was er/sie wirklich gerne machen möchte. Die beiden anderen haben in den vier Wochen, seit sie hier sind, keinen einzigen freien Tag gehabt, und wir sind auĂerdem ziemlich fertig nach den letzten Tagen, in denen wir mit einigen einheimischen Helfern Kleider sortiert, einen Container halb ausgerĂ€umt, Matratzen und Waschmittel in der Gegend herumgeschleppt und verschiedene âunsererâ Familien wiedergesehen haben. Aber es ist schwer, das Tagesgeschehen auszublenden. Neben Johannas und meinem Zimmer ist eine neue Familie von Vertriebenen eingezogen, deren vielleicht dreijĂ€hriges Kind fast ununterbrochen schreit. Auch um die Familie, die seit letzter Woche hier wohnt, machen wir uns etwas Sorgen. Die Frau schleicht mit hĂ€ngenden Schultern durch die Wohnung und schafft es kaum, irgendwem in die Augen zu schauen. Sie ist fast nicht ansprechbar, und wir haben den Eindruck, dass das nicht nur an ihren eher dĂŒnnen Englischkenntnissen liegt. Der Mann sitzt meistens auf dem Sofa und scheint regelrecht darauf zu lauern, dass irgendwer von uns aus dem Zimmer kommt und an ihm vorbei zur KĂŒche geht. Er spricht uns immer an: Wie schreibt man dieses oder jenes englische Wort? Haben wir dieses YouTube-Video schon gesehen? Können wir ihm helfen, einen Asylantrag in einem anderen Land zu stellen â egal in welchem? Als ich eben in die KĂŒche ging und meine Wasserflasche auffĂŒllen wollte, saĂ er wieder da: â An-darea. Ich bin so traurig.â Ich glaube nicht, dass TrĂ€nen zur Standardausstattung irakischer MĂ€nner gehören, und sein leises Weinen, bei dem ihm die TrĂ€nen ĂŒber die Wangen liefen, hat mich doch etwas aus der Bahn geworfen. âEs ist gut, wenn du weinen kannstâ, habe ich hilflos gemeint. Vielleicht spĂŒlen die TrĂ€nen ein bisschen Trauer weg. Er hatte ein Handyvideo von âzuhauseâ in Mossul angeschaut: nur ein paar Sekunden Film, in denen der VierjĂ€hrige vergnĂŒgt in einem Planschbecken auf dem Hausdach quietscht. Als er mir den Film zeigt, kommt sein Sohn auch dazu und fĂ€ngt an zu jammern. âEr will schwimmen gehenâ, ĂŒbersetzt sein Vater und bricht wieder in TrĂ€nen aus. Ich flĂŒchte mich in unser Zimmer. Frei machen ist nicht ganz einfach, wenn man mit traumatisierten Menschen zusammen wohnt.
Mittwoch, 23. Juli, morgens
M., der Chef unserer Partnerorganisation, mischt sich noch vor der Morgenandacht einen Kaffee an. Einer der Mitarbeiter hat frisches Brot und Kichererbsensuppe mitgebracht, und M. nimmt sich dankbar einen Teller davon. âIch hatte noch kein FrĂŒhstĂŒckâ, erklĂ€rt er, âhier im BĂŒro ist eine Frau angekommen, die in dem Dorf untergekommen war, das gestern Abend angegriffen wurde. Sie ist die ganze Nacht durchgelaufen.â Die ISIS-Leute konnten zwar zurĂŒckgetrieben werden, aber vorher haben sie es noch geschafft, alle Christen nach Mitternacht aufzuschrecken, sie aus den HĂ€usern und aus dem Dorf zu jagen. Sie konnten zwar, als sich die Lage etwas beruhigte, wieder zurĂŒckkehren, aber man muss nicht viel Phantasie haben, um zu ahnen, was das mit ihrer Psyche anrichtet. âDie haben inzwischen das GefĂŒhl, nirgendwo mehr sicher zu seinâ, meint M. in der Morgendandacht, âund sicher werden nach und nach noch viele hier eintrudeln.â Zwei Kollegen, die gestern mit Wasser in dieses Dorf gebracht haben, schluchzen leise. Man fragt sich ja schon, wie vergeblich all unsere LiebesmĂŒh hier ist, wenn der Terror immer nĂ€her rĂŒckt. Beim Bibellesen sind wir inzwischen bei Psalm 5 angekommen. Es gibt, wie in den letzten Tagen mit Psalm 3 und 4, so wenig theoretisch darĂŒber auszutauschen; im Moment haben wir einfach nur das BedĂŒrfnis, diesen Psalm stellvertretend fĂŒr die Geschwister zu beten, die gerade in einer sehr Ă€hnlichen Situation stecken wie David damals.
Mit den Kollegen, die etwas besser Englisch sprechen, kommen wir noch ein bisschen ins GesprĂ€ch ĂŒber die politische Lage. Die Peschmerga ist eigentlich eine Armee, gilt aber offiziell als Miliz, weil Kurdistan nicht anerkannt ist. Ihre KĂ€mpfer sind gut ausgebildet und scheinen im Moment die einzigen zu sein, die sich der ISIS entgegenzustellen wagen. Die FlĂŒchtlinge aus Mossul haben berichtet, wie nach dem Einzug der ISIS nach und nach alle Staatsgewalt abzog: Die Polizei wurde mit ISIS-Leuten besetzt, die Gerichtsbarkeit von ISIS-Sympathisanten ĂŒbernommen… Und sie erinnern sich alle daran, wie das offizielle irakische MilitĂ€r die Stadt verlieĂ und ISIS das Feld ĂŒberlieĂ. Christen und andere Minderheiten, die auf der Abschussliste der ISIS standen, haben sich ausgeliefert und von ihrem Staat und ihrer Armee verraten gefĂŒhlt. In der kurdischen Autonomieregion fĂŒhlen sie sich vergleichsweise sicher. Die Kurden hoffen nun, dass die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit sie einen Schritt weiter in Richtung der offiziellen Anerkennung als Kurdenstaat bringt. WĂ€re das gut? âKeine Ahnung. Es wird eh nicht passierenâ, zuckt ein Mitarbeiter mit den Schultern. âKurdistan ist zu klein und die Region ist einfach zu unruhig.â Es ist wirklich bitter: Der Irak ist reicher an BodenschĂ€tzen als Saudi-Arabien, und wenn Frieden wĂ€re, könnten alle Iraker in Wohlstand leben. Aber es ist eben kein Frieden. Wir fragen M., wie es wohl weitergehen wird und welche Lösung sich die Christen fĂŒr ihr Land wĂŒnschen. Er schĂŒttelt nur den Kopf. âDarauf gibt es keine einfache Antwort. Bei uns scheint immer irgendwer gegen irgendwen zu kĂ€mpfen. Wir beten nur, dass in all den Unruhen keine Menschen zu Schaden kommen und dass wir in allen UmstĂ€nden Menschen ins Reich Gottes fĂŒhren können.â
Dienstag 22. Juli, abends
Wir sind bei Ărztin R. und ihrer Familie zum Abendessen eingeladen. Wir haben sie bei den Familienbesuchen gestern schĂ€tzen gelernt und freuen uns, sie etwas besser kennenzulernen. Ihr Mann ist Ingenieur bei einer internationalen Firma und hat schon in verschiedenen LĂ€ndern gelebt. Das macht das GesprĂ€ch einfacher und nimmt uns auch die Scheu, kulturell in alle möglichen FettnĂ€pfchen zu treten. Seit einigen Jahren wohnt die Familie in unserer Stadt. Vor einigen Wochen haben sie R.s Schwiegervater zu sich geholt. Er sitzt die ganze Zeit schweigend auf dem Sofa, starrt vor sich hin und kaut an seiner Unterlippe. âEr kommt nicht gut darĂŒber hinweg, was da alles passiertâ, erklĂ€rt R.s Mann, âer hat ja nicht gedacht, dass er gar nicht mehr zurĂŒck kann.â Er zeigt uns auch Bilder von Mossul aus den letzten Wochen: das âNâ an HauswĂ€nden. Das Flugblatt, mit dem das Ultimatum angekĂŒndigt wurde. Polizeiautos mit dem Signet der ISIS. Eine BrĂŒcke, unter der ein Transparent hĂ€ngt: Herzlich willkommen im Staat â wohlgemerkt nicht in der Stadt â der ISIS. âIch glaube, die Ironie von solchen Transparenten ist denen nicht so recht bewusstâ, meint R. lakonisch. âAch, und guckt mal hier auf dem Bild: das ist das Haus meiner Familie mit dem N fĂŒr Nasrani, Christen.â Kurz bevor wir gehen bekommt die Familie noch einen Anruf von Verwandten, die in einem der christlichen Dörfer nördlich von Mossul leben: ISIS-Truppen haben das Dorf ĂŒberfallen. Es gehört zu den Dörfern, in dem einige der aus Mossul GeflĂŒchteten Zuflucht gesucht haben. Gerade heute haben meine einheimischen Kollegen einen LKW mit Trinkwasser gebracht; zum GlĂŒck, so wissen wir, sind sie von ihrem Einsatz schon wieder zurĂŒck. Wir verabschieden uns schnell, weil wir ahnen, dass die Familie noch einiges zu besprechen hat und weiter mit den Verwandten telefonieren wird. R. hat ihnen schon lĂ€nger nahegelegt, auch in unsere Stadt zu ziehen, und nun macht sie sich erst recht Sorgen:, Die kurdischen Peschmerga scheinen die ISIS-KĂ€mpfer zurĂŒckgeschlagen zu haben, aber mehr ist im Moment nicht herauszufinden.
Montag, 21. Juli, abends
âSie haben uns alles weggenommen.â Diesen Satz haben wir heute in fĂŒnf HĂ€usern und immer gleich mehrfach gehört. Es ist der Refrain, der sich durch die Geschichten der Menschen zieht, die am letzten Wochenende aus Mossul geflĂŒchtet sind und an den ISIS-Kontrollpunkten alles abgeben mussten. Nur die Kleider, die sie am Leib trugen, sind ihnen geblieben. Eine Ărztin aus unserer Stadt hier hat Kontakt zu 22 dieser Familien und fĂŒhrt uns zu ihnen. Wir haben fĂŒrs Erste groĂe TĂŒten mit Reis gekauft, Ăl, Bulgur, Zucker und andere Grundnahrungsmittel, und betreten nun die kleinen, von auĂen alle gleich aussehenden HĂ€user einer schnuckeligen neuen Wohnsiedlung. Hier sind Familien zusammengerĂŒckt: Manche der Vertriebenen haben das GlĂŒck, ein Familienmitglied in unserer Stadt zu haben, bei dem sie unterschlĂŒpfen konnten. Es bedeutet, dass plötzlich 20 bis 30 Leute in RĂ€umen leben, die fĂŒr fĂŒnf oder sechs ausgelegt sind, aber immerhin mĂŒssen sie sich um die Miete im Moment keine Sorge machen.
Andere haben solche HĂ€user zur Miete bezogen und machen sich groĂe Sorgen, wie sie das Geld auftreiben sollen. Ein unmöbliertes Haus kostet rund 600 Euro im Monat (und bedeutet, dass man nicht einmal eine Matratze hat), ein möbliertes mehr als 1000. Sie hatten teilweise viel Geld auf der Bank, aber die Konten sind eingefroren worden und ohne Papiere haben sie erst recht keine Möglichkeit heranzukommen. Manche der Leute, die wir kennenlernen, sind in einem frĂŒheren Leben â das erst Tage her ist, aber ganz verloren scheint â Regierungsangestellte gewesen: Lehrer und Beamte im Finanzbereich, eine Schulleiterin und zwei UniversitĂ€tsprofessoren sind unter den Leuten, die wir besuchen. Sie machen ihrem Ărger Luft, dass die irakische Regierung ihre GehĂ€lter und Renten nicht weiter auszahlt. âDie haben am Kontrollpunkt unsere PĂ€sse vor unseren Augen vernichtetâ, sagt eine Schulleiterin Mitte 50 aufgebracht. Im kurdischen Autonomiegebiet mit seiner ganz eigenen Regierung und Infrastruktur ist es schwierig, an neue Papiere zu kommen. âDie können uns nicht in so ein Camp stecken!â, weint sie. âFĂŒr das Leben dort sind wir doch nicht gemacht.â Diese Leute gehörten zur Elite ihres Landes und sind jetzt Bettler und Hilfesuchende. âWir schĂ€men uns so,â sagt sie, âund wir verstehen nicht, warum die Weltöffentlichkeit nicht reagiert. Warum mischen sich eure Politiker aus der christlichen Welt nicht ein? Wir haben den Eindruck, dass wir vergessen sind. ErzĂ€hlt unsere Geschichten dort, wo ihr herkommt: in euren Kirchen und bei euren Regierungen. Und ist so groĂes Unrecht geschehen.â
Wie manche andere, mit denen wir an diesem Tag reden, ist diese Frau in den letzten Jahren schon viermal aus Mossul geflĂŒchtet; diesmal, so spĂŒrt sie deutlich, ist es endgĂŒltig. Jahrelange EinschĂŒchterungen haben ihre Spuren hinterlassen. Schon vor acht oder neun Jahren, erzĂ€hlt sie, sind Extremisten nachts in ihr Haus eingedrungen, als ihr Mann auf GeschĂ€ftsreise war, und haben die Familie bedroht. âMeine Tochter schlief allein in ihrem Zimmer und als sie aufwachte, standen plötzlich diese schwarz gekleideten MĂ€nner um ihr Bett herum und wollten wissen, wo ihr Vater wĂ€re. Wir haben vier Töchter und einen Sohn, und ich hatte immer solche Angst um meine Kinder.â Viele Christen wurden erpresst und sollten Geld zahlen: âWenn eine Familie nicht zahlte â und manche Leute hatten doch einfach nicht das Geld! â musste sie immer damit rechnen, dass ihre Söhne weggenommen und zu KĂ€mpfern gemacht oder dass ihre unverheirateten Töchter den KĂ€mpfern zum VergnĂŒgen gegeben wurden.â Sie schauen alle betreten zu Boden und wechseln schnell das Thema; dieses ist offenbar noch schmerzhafter als alle anderen, die wir schon unertrĂ€glich finden.
Als uns diese Frau ihre Geschichte erzĂ€hlt und meine Kollegin Johanna nach ihrem Namen fragt, gibt es eine kleine Unruhe und wir reden von etwas anderem. âWar das mit dem Namen falsch? Wir wollen sie ja nicht gefĂ€hrdenâ, sagt Johanna hinterher zu R., der Ărztin, die mit uns gekommen ist und fĂŒr uns ĂŒbersetzt. Wir fragen normalerweise aus Prinzip nicht nach Namen. âNein, neinâ, versichert R., âdie Frau hat gemeint, sie kann euch genausogut ihren Namen nennen, sie hat ja nichts mehr zu verlieren.â
âIch fĂŒhle mich wie ein Einwanderer im eigenen Landâ, meint ein anderer Mann Mitte 50. Er hatte sechs HĂ€user, von denen man ihm eins schon vor einigen Jahren abgenommen hat. Man hat ihn gezwungen es zu verkaufen. âEs war 300 Millionen Dinar wert (etwa 200.000 Euro), aber man hat mir nur 20 Millionen (13.000 Euro) dafĂŒr gegeben.â Und jetzt, nachdem alle geflĂŒchtet sind, sind auch die anderen HĂ€user an ISIS gefallen. Selbst wenn die Rebellen besiegt wĂŒrden und sie theoretisch nach Mossul zurĂŒck könnten, wĂŒrde seine Familie es nicht wagen, sagt er. Das MaĂ ist einfach voll. âIch traue niemandem mehrâ, meint er. âSchon in den letzten Jahren sind wir schlechter behandelt worden als die muslimische Bevölkerung und konnten uns an niemanden wenden, um Recht zu bekommen. Ich selbst bin einmal entfĂŒhrt und erst gegen 50.000 Dollar freigelassen worden.â (Solche Geschichten hören wir ĂŒbrigens noch öfter an diesem Tag, das jĂŒngste Opfer war zur Zeit der EntfĂŒhrung 17 Jahre alt.) âSo viele Leute, die jetzt ISIS unterstĂŒtzen, waren einmal unsere Nachbarn und Freunde, und zum Schluss haben sie nicht einmal mehr mit uns geredet.â Er will mit seiner Familie auswandern. âMeine Familie hat seit Generationen in Mossul gelebt. Aber wir gehen nicht zurĂŒck. Sie haben unsere Wurzeln abgeschnitten.â Seine Frau nickt: âWir mĂŒssen ja gar nicht mehr reich sein, wenn wir nur irgendwo sicher leben können. Wir brauchen doch nicht viel. Wir hatten so viel und jetzt sind wir schon dankbar, wenn ihr uns eine TĂŒte Lebensmittel bringt.â
Auch die jungen Leute Anfang Zwanzig machen sich Gedanken um ihre Zukunft. Manche von ihnen waren gerade in ihrem vierten, im letzten Studienjahr. Eigentlich wĂ€ren jetzt im Sommer AbschlussprĂŒfungen gewesen, aber selbst wenn sie noch stattgefunden hĂ€tten, wĂ€ren sie wohl kaum noch irgendwo anerkannt worden. âOhne Abschluss habe ich ja erst recht keine Chance, im Ausland arbeiten zu könnenâ, klagt eine Studentin. âUnd ob wir im Irak noch mal weiterstudieren können â wer weiĂ das schon.â Im Moment versuchen alle irgendeine Arbeit zu finden; Kurdistan hat extra eine Webseite mit Jobangeboten eingerichtet und bietet Bewerbertrainings an. Bisher war das nie nötig, man rief einfach einen Onkel, einen entfernten Cousin oder einen Studienfreund des GroĂvaters an und fand irgendeine Arbeit.
âDas Schlimmste ist fĂŒr uns die Ungewissheitâ, meint der Vater dieser Studentin, ein Chemieprofessor, der in England studiert hat und entsprechend flieĂend Englisch spricht. âWenn wir wĂŒssten, dass wir drei Monate hier sind oder meinetwegen auch zwei Jahre, dann könnten wir uns irgendwie mit der Situation arrangieren. Aber es ist wie ein Tunnel, bei dem am anderen Ende kein Licht zu sehen ist.â
Er wĂŒrde gerne wieder nach Mossul zurĂŒckkehren und hat weniger Bedenken als die anderen Familien, die wir besuchen: âManche meiner muslimischen Freunde haben mir zugeflĂŒstert, wie sehr sie sich schĂ€men fĂŒr das, was mit uns passiert.â Aber im Moment ist eine RĂŒckkehr fĂŒr Christen undenkbar. Das Ultimatum steht noch im Raum: Wer bis letzten Samstag Mossil nicht verlassen hat, hatte nur noch die Wahl, zum Islam zu konvertieren, âoder zwischen ihm und uns steht nur noch das Schwertâ, hieĂ es in einem Flugblatt. In einer gröĂeren Familie frage ich doch einmal nach: âIst denn eigentlich jemand, den ihr kennt, deswegen konvertiert?â Ich ernte allgemeines KopfschĂŒtteln und laute Verneinungen, eine Mischung aus Heiterkeit und EntrĂŒstung: âNach all dem, was die uns angetan haben?!â Selbst fĂŒr Leute, die es mit ihrem christlichen Glauben bisher nicht sehr ernst genommen haben, ist der Ăbertritt zum Islam keine Option.
Die Bilder, die Johanna schieĂt, zeigen auf den ersten Blick ganz normale Leute in schönen HĂ€usern, teilweise liegen Smartphones oder Laptops auf dem Tisch. Uns wird mehr Kaffee und GebĂ€ck angeboten, als wir vertragen. Man muss schon genau hinschauen, um die Armut und Verzweiflung dieser Leute zu sehen. Und ihre Scham. Offensichtlich ist ihnen die Diskrepanz zwischen dem Normalen, das man sieht, und dem Elend, das sich dahinter verbirgt, auch bewusst. âDas ist nicht unser Hausâ, hören wir gleich dreimal, als wir mit TĂŒten und ReissĂ€cken in ordentlich aufgerĂ€umte KĂŒchen treten.
Das sind Leute, die so viel mehr mit mir gemeinsam haben als einfachen Leute auf den Dörfern in Haiti oder Kenia, mit denen ich sonst zu tun hatte; wenn ĂŒberhaupt, stehen sie gesellschaftlich eigentlich ĂŒber mir. Und hier kĂ€mpfen sie um ein Restchen WĂŒrde. Da ist das vielleicht zwölfjĂ€hrige MĂ€dchen im Schlafanzug, das nicht mit seinen Schwestern aufs Foto möchte. Auch ihren GroĂvater verstecken wir beim Familienfoto in der hinteren Reihe. Er hat nur eine knielange Sweathose und ein schlabberiges T-Shirt an und entschuldigt sich mehrmals, dass er in dem Aufzug ĂŒberhaupt GĂ€ste empfĂ€ngt. Die Leute haben in diesen HĂ€usern Badezimmer, aber nichts Frisches zum Anziehen, wenn sie aus der Dusche kommen.
Vier Stunden, zwei Kaffees und drei GlĂ€ser Wasser, drei Bonbons und zwei StĂŒck GebĂ€ck spĂ€ter trennen wir uns von Ărztin R.. Sie will uns morgen eine Liste mit weiteren Familieninfos zusammenstellen. Vielleicht können wir beim nĂ€chsten Besuch gezielter Kleider, Matratzen und Textilien mitbringen. Die Ankunft unseres Containers hat sich doch noch um einige Tage verzögert, und wir sind alle ein bisschen mĂŒrbe vom Warten und Immer-wieder-vertröstet-werden.
Jetzt sind wir mĂŒde von der Hitze und wie erschlagen von all den Geschichten, die wir gehört haben. Ich glaube nicht, dass ich heute Nacht gut schlafen werde. Aber im Moment möchte ich nirgendwo anders sein als an der Seite dieser Geschwister.
Sonntag, 20. Juli
Morgenandacht mit den einheimischen Kollegen. Sie lesen jeden Morgen der Reihe nach ein oder zwei Kapitel aus der Bibel und tauschen sich darĂŒber aus. Bis letzte Woche haben sie Hiob gelesen, nun sind wir bei den Psalmen. Wir lesen Psalm 2 und ich linse auch schon in Psalm 3 hinein. Wie krass ist das denn? FĂŒr die UmstĂ€nde, die meine Geschwister in dieser Region als wirklichen Kampf zwischen Licht und Dunkelheit, als Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod erleben, gibt es klare Worte. Und es gibt eine Antwort. Die kraftvollen Worte, die David prophetisch spricht, malen eine Zukunft aus, in der die Gerechtigkeit siegt und die Bösen endgĂŒltig vernichtet werden. Ich habe in Deutschland diesen Psalm nie so recht emotional fassen können; unser Glaube ist oft so weichgespĂŒlt und sieht die Dimension kaum noch, in der es um alles oder nichts geht. âWohl denen, die bei dir ihre Zuflucht suchenâ, heiĂt der letzte Vers in meiner englischen Bibel. Die meisten von uns schnuffeln leise vor sich hin, als wir fĂŒr unsere Geschwister aus Mossul beten. Selbst fĂŒr mich, die ich erst vor fĂŒnf Tagen her gekommen bin, hat diese Christenverfolgung ein gutes Dutzend Gesichter und Namen und Geschichten.
âIn den Weltnachrichten ist die Situation in Mossul abgeschlagen auf Platz drei nach Gaza und dem Absturz des malayischen Flugzeugs, wenn sie ĂŒberhaupt vorkommtâ, seufzt M. , der Chef unserer Partnerorganisation. âDabei hat es das, was wir hier gerade erleben, seit dem Einfall der Mongolen nicht mehr gegeben: Es gibt keine Christen mehr in Mossul.â Er schĂŒttelt traurig den Kopf. Er ist selbst vor 10 Jahren aus Bagdad geflĂŒchtet, weil er als Mitarbeiter einer christlichen Organisation nicht mehr sicher war. âWir können das nicht stĂ€rker in der Welt ins GesprĂ€ch bringen, sagt seine Frau, âwir sind ja zu nahe dran, als dass man uns ernst nimmt. Aber ihr â berichtet davon, damit die Leute aus Mossul nicht vergessen sind.â
Er hat gerade mit einem Freund gesprochen, der vor kurzem noch sein Haus verkaufen konnte und mit umgerechnet rund 300.000 Euro aus Mossul unterwegs war. Vor ein paar Wochen wĂ€re er damit noch durch die Kontrollen gekommen, gestern hat man ihm das Geld abgeknöpft. âManche fliehen auch aus entlegeneren Gegendenâ, berichtet er. âSie sind tagelang unterwegs; wir hören von den ersten SĂ€uglingen, die das nicht ĂŒberleben.â Wir planen gemeinsam, wie wir am besten helfen: Die einheimischen Kollegen werden einen LKW voll mit Wasser kaufen und zu den Leuten bringen, die in christlichen Dörfern im Umland von Mossul gestrandet sind. FĂŒr uns ist es zu gefĂ€hrlich, dorthin mitzugehen. Aber wir kommen in Kontakt mit einer einheimischen Ărztin, die mehrere der neu angekommenen Familien kennt. âDie brauchen eigentlich allesâ, sagt sie, als ich frage, wie wir am besten helfen können. âWir haben sonst ja auch schon Essenspakete an BedĂŒrftige verteilt, aber dass Leute so gar nichts haben, keine Matratzen, keine ZahnbĂŒrste, nicht mal einen Topf, das kennen wir so bisher noch nicht.â
Eben haben wir Nachricht bekommen, dass unser Container durch den Zoll gekommen ist, er wird heute Abend oder morgen frĂŒh hier eintreffen. Mit Kleidern aus Deutschland, mit Waschpulver und Schuhen aus unserem Container und mit hier gekauften Lebensmitteln werden wir hoffentlich die allererste Not lindern helfen können.
Freitag, 18. Juli, abends
Wieder stehen neue Leute in unserem Flur, diesmal sind es nur zwei Ă€ltere Herren. Der eine ist gerade eben erst in der Stadt angekommen und in unsere Wohnung gekommen, um sich einfach fĂŒr ein paar Minuten hinzusetzen und ein Glas Wasser zu trinken, der andere ist schon vor einem Monat hergeflĂŒchtet und hat ihn zu uns begleitet. Auch unser Bekannter R. ist wieder da, und wir stehen zusammen in unserer KĂŒche und tauschen Neuigkeiten aus. âUnten stehen 10 Leute, die meine Eltern gerade bei Leuten aus der Gemeinde unterbringenâ, sagt der Pastorensohn. âDie sind eben aus Mossul angekommen. Sie haben nichts mehr. Nur die Klamotten, die sie am Leib trugen. Kannst du dir das vorstellen? Selbst die Trauringe hat man ihnen am Kontrollpunkt abgenommen. Ein paar haben etwas Geld in den Schuhen versteckt, haben sie erzĂ€hlt. Die konnten wenigstens den Bus in eine der StĂ€dte bezahlen.â Ich denke an den Koffer, den ich mitgebracht habe; 13 Kilo plus Geschenke und KuschelbĂ€ren. Es schien mir so wenig, als ich ihn packte. Diese Leute haben viel weniger. âUnsere Welt kehrt sich gerade umâ, meint R., der viele der Neuankömmlinge kennt. âDie bis jetzt geblieben sind, das sind die reichen Leute: Die, die eigene HĂ€user bauten oder gerade neu gebaut hatten. Sie hatten mehr zu verlieren und sind deswegen lĂ€nger geblieben. Und die verlieren jetzt alles. Ich war nie reich, ich konnte leichter alles hinter mir lassen. Und nun habe ich mehr als sie und plötzlich bin ich der, der ihnen hilft…â
Freitag, 18. Juli, nachmittags
Warum steht eigentlich heute nichts ĂŒber Mossul in den deutschen Online-Zeitungen? Kriegt keiner mit, was hier gerade passiert?
Schon seit dem Mittag ist unser Flur eine Mischung aus Newsraum und Notfallseelsorge-Zentrum. Die junge Frau, die gestern mit ihrer Familie angekommen ist, lĂ€uft rastlos weinend den Flur auf und ab, der Familienvater telefoniert ununterbrochen. Bei den vielen Mitbewohnern und Besuchern, die in unsere Wohnung hineinkommen und wieder gehen, Neuigkeiten bringen, ihre Freunde in den Arm nehmen oder neue Infos bekommen, verliere ich ein bisschen den Ăberblick. Nach einer Weile kristallisiert sich heraus, was los ist:
Heute morgen hat ISIS alle Kirchenleiter, die noch in der Stadt waren, zu sich zitiert. Manche haben gesagt, dass sie nicht kommen wollten, und zur Antwort bekommen, dass sie und ihre Gemeindeglieder dann eben gleich umgebracht werden. Es war ja nicht ohne Grund, dass alle Personalien aufgenommen wurden. Also sind sie gekommen und haben im Anschluss an ihre Leute die Nachricht weitergegeben: Sie sollten sofort die Stadt verlassen. Die allermeisten sind also mit ihren Wertsachen und Papieren aus der Stadt geflohen, manche hatten sogar noch Autos, in denen sie aufbrechen konnten. Ăberall um die Stadt herum waren Kontrollen eingerichtet, an denen man ihnen dann alles abgenommen hat: Geld, Wertsachen, und die Autos sowieso. In Autos der Rebellen wurden die Leute irgendwo in die Pampa gefahren und dort ausgesetzt; von dort aus haben sie sich zu FuĂ zu den christlichen Dörfern im Umland durchgeschlagen. Auch die Eltern und der Bruder unseres neuen Mitbewohners und die Eltern seiner Frau stecken nun in irgendwelchen Dörfern fest. Sie trauen sich alle kaum zu telefonieren, weil sie die wohl begrĂŒndete Angst haben, dass ihre Handys abgehört werden und man auch auĂerhalb des ISIS-Gebiets eigentlich nicht sicher ist. Die Dörfler sind arm und können diese Menschen nicht versorgen. Niemand traut sich im Moment, GĂŒter hinzubringen oder die Leute abzuholen.
Das Haus meiner Mitbewohner hat ISIS vermutlich lÀngst beschlagnahmt; in islamischer Sicht, so habe ich eben gelernt, gilt das als Kriegsbeute, ebenso wie die Wertsachen und Autos. Immerhin leben alle Verwandten dieser Familie, soweit wir bisher herausfinden konnten.
Den Christen in Mossul ist ein Ultimatum gestellt worden: Bis morgen um 12 Uhr können sie die Stadt noch verlassen, danach haben sie nur noch zwei Möglichkeiten: konvertieren oder sterben. Das gilt auch fĂŒr Christen, die sich zurĂŒck in die Stadt wagen. Was in den letzten Tagen noch manche gewagt haben â eben mal schnell nach Mossul fahren, in ihr Haus schlĂŒpfen und vergessene Papiere mitnehmen â wird nun wohl endgĂŒltig unverantwortlich.
Der kleine J. springt aufgedreht um unsere FĂŒĂe herum. Die junge Frau umklammert den neuen TeddybĂ€ren und starrt vor sich hin. Einer der jungen Leute surft im Internet. âVersuchst du Neuigkeiten ĂŒber Mossul herauszufindenâ, frage ich ihn. Sein Bruder schĂŒttelt nur den Kopf. âIch glaube, fĂŒr heute haben wir mehr als genug Neuigkeiten.âEs wĂ€re schön, wenn es morgen zur Abwechslung einmal gute Neuigkeiten gĂ€be. Wir beten fĂŒr ein Wunder.
Donnerstag, 17. Juli 2014, abends
Unsere neuen MitbewohnerIch habe den ganzen Tag gearbeitet und habe mich nun zu Henri auf eines der groĂen Sofas im Flur unserer Wohnung gesetzt. Es ist so ruhig hier. Die Iraker, die hier leben, sind sehr stille, unaufdringliche Leute. Wir wohnen in dieser Wohnung, die von einer einheimischen Gemeinde angemietet wurde, nĂ€mlich nicht alleine: Von den fĂŒnf oder sechs groĂen Zimmern sind zwei von uns belegt, die anderen von Christen-Familien, die in den letzten Wochen aus Mossul geflĂŒchtet sind. Sie haben GlĂŒck, dass sie bei Bekannten oder in Gemeinden unterkommen können und nicht im Camp landen; die Christen helfen einander.
Bevor ich ankam, hat Johanna erzĂ€hlt, waren in einer Nacht vierzig Leute hier: Sie legten in allen Zimmern Matratzen auf den Boden und waren einfach dankbar, eine Bleibe zu haben. Auch bei Johanna hat eine junge Frau einige NĂ€chte mit gewohnt. Immer wieder hat meine Kollegin, wenn sie durch den Flur oder in die KĂŒche ging, weinende oder ganz versteinerte Menschen auf den Sofas sitzen sehen, manchmal hat sie sich zu ihnen gesetzt und still mit ihnen geweint oder still gebetet, aber das Bewegende ist, wie sie alle einander beistehen. Die, deren Flucht schon einige Tage oder Wochen zurĂŒck liegt, versuchen die zu trösten, die gerade erst angekommen sind. FĂŒr viele von diesen Familien kann recht bald eine andere, dauerhaftere Unterkunft gefunden werden, und so waren wir in den letzten Tagen alleine mit einer sechsköpfigen Familie, die in einem der Zimmer zusammen hauste. Johanna hat sich mit den vier Kindern angefreundet, die alle zwischen Oberstufen- und Studentenalter sind. Einer von ihnen hat bis vor drei Wochen studiert, aber damit ist es wohl nun vorbei. Im Moment versuchen alle, irgendwelche Jobs zu finden, um sich ĂŒber Wasser zu halten. Ăbermorgen werden sie ausziehen und wir sind schon fast ein bisschen traurig, dass unsere âStudenten-WGâ dann vereinsamt.
Wir sitzen also so zusammen und klönen gemĂŒtlich, als die WohnungstĂŒr aufgestoĂen wird und R. hereinkommt, einer unserer neuen Bekannten hier; er ist vor einigen Wochen in unsere Stadt geflĂŒchtet. Er bringt eine Familie mit. Die junge Frau und ihr VierjĂ€hriger kauern sich in eine Ecke des Sofas, der Mann schafft es gerade noch bis zum Sofa, bevor er zusammenbricht. âIch hab noch nie einen Menschen gesehen, der so fertig warâ, meint Henri hinterher, und der ist als Feuerwehrmann schon einiges gewöhnt. Es braucht eine Weile und mehrere GlĂ€ser Wasser, bis er sich soweit gefangen hat, dass er reden kann. Eine Iraki-Kanadierin, die unter FlĂŒchtlingen arbeitet und mit hergekommen ist, ĂŒbersetzt einiges, aber manches erzĂ€hlt er auch selbst in Englisch:
âVor ein paar Tagen standen ISIS-Leute vor unserer TĂŒr. Sie haben unsere Personalien aufgenommen und unsere Telefonnummern aufgeschrieben. Am nĂ€chsten Nachmittag haben sie meine Frau auf ihrem Handy angerufen und sie bedroht; sie haben ihr aus dem Koran vorgelesen und ihr gesagt, dass wir alle umkommen, wenn wir nicht zum Islam ĂŒbertreten. Meine Frau hat groĂe Angst gehabt. Und dann standen sie plötzlich vor der TĂŒr, eine ganze Gruppe von MĂ€nnern mit schwarzen Kleidern und dunklen BĂ€rten. Sie wollen die Leute einschĂŒchtern. Mein kleiner Sohn hat gefragt: âTöten die uns jetzt?â Aber sie haben nur unser Haus von oben bis unten durchsucht. Dabei haben sie meine kleine englische Gideon-Bibel gefunden. Sie haben mich angeschrieen, woher ich die habe, und ich habe gesagt, von einem Freund. Aber wenn ich einen amerikanischen Menschen kenne, bin ich natĂŒrlich fĂŒr sie schon ein Verbrecher. Sie haben gesagt, dass sie uns schon seit einem Monat ganz genau beobachten und dass ich mich vorsehen soll. Sie sind wieder abgezogen, aber uns ist bewusst geworden, dass wir jetzt erst recht nicht mehr sicher sind. Sie brauchen ja keinen Vorwand, um Leute umzubringen, aber eine englische Bibel wĂ€re auch Vorwand genug. In den letzten Wochen haben sie mitten in der Stadt, auf offener StraĂe Filme gezeigt, in denen sie Leute hinrichten. Was sind das fĂŒr Menschen? Ich habe zu ihnen gesagt, dass Gott wie eine Kerze ist und WĂ€rme und Licht verbreitet â aber sie verbreiten nur Dunkelheit und Angst. Wie können sie sagen, dass sie fĂŒr Gott kĂ€mpfen?
Dann hat uns auch noch ein Bekannter angerufen, der schon vor einigen Wochen geflĂŒchtet ist. Er hat gesagt, dass wir unbedingt sofort weg sollen. Wir sind bisher geblieben, weil mein Bruder psychisch krank ist und sich strikt geweigert hat. Er hat seit Wochen keinen Zugang mehr zu den Medikamenten, die er eigentlich braucht, um ruhig zu sein. Wir haben ihn nicht ĂŒberzeugen und ja auch nicht mitschleppen können, und so haben meine Eltern beschlossen, dass sie mit meinem Bruder in Mossul bleiben. Wir haben einige Taschen und unsere Papiere zusammengepackt und sind gegangen. An einem GrenzĂŒbergang hatten sie uns schon durchgelassen, als sie dann doch nochmal nach uns gerufen haben, wir sollten zurĂŒck kommen. Aber ich habe mich nicht umgedreht und so getan, als hörte ich sie nicht. Sie haben nicht geschossen, und wir haben in der NĂ€he der Grenze ein Taxi gefunden, das uns hierher gebracht hat.
Im Moment sieht die ganze Welt schwarz aus. Aber ich liebe Jesus. Irgendwie muss es ja weitergehen.âInzwischen hat seine Frau das Zimmer hergerichtet, den Kleinen geduscht und auch der Vater hat genug Kraft gefunden aufzustehen und zu duschen. Der Junge kriegt den ersten meiner mitgebrachten KuschelbĂ€ren geschenkt und tobt zwei Stunden spĂ€ter unbekĂŒmmert durch unser Zimmer. Wir reden fröhlich in unserer jeweiligen Sprache aufeinander ein, ohne uns zu verstehen, und kitzeln kann man zum GlĂŒck international. Ich glaube, ich habe einen Freund gefunden. Auch unsere jungen Leute sind zurĂŒck gekommen. Heute habe zur Abwechslung mal ich gekocht und zusammen mit meiner neuen Nachbarin aus dem, was sich so im Gemeinschafts-KĂŒhlschrank fand, eine Art GemĂŒsepfanne gemacht. Henri ist zu einem Imbissstand die StraĂe runter gegangen und hat ein BrathĂ€hnchen geholt. Und dann stehen wir um den Tisch mit all den Sachen herum und beten auf Arabisch, HollĂ€ndisch und Deutsch â die FlĂŒchtlinge von vor einigen Wochen, die Neuankömmlinge und wir, die wir uns kaum vorstellen können, was diese Leute durchgemacht haben.
NormalitĂ€t â miteinander essen und VierjĂ€hrige kitzeln â und Ausnahmezustand liegen hier so dicht beieinander. Es ist schon besonders, diesen Geschwistern in dieser Zeit so nahe sein zu dĂŒrfen.
Dienstag, 15. Juli
Ich bin eben erst am Flughafen angekommen, aber manche Termine sind wichtig, auch wenn man vor MĂŒdigkeit kaum aus den Augen gucken kann: Wir nehmen an einem interdenominationellen Gebetstreffen teil. Rund 100 Leute kommen hier zusammen, und M., der Leiter unserer einheimischen Partnerorganisation, meint hinterher, dass sie aus mindestens neun oder 11 Gemeinden kommen. Das ist ungewöhnlich. Sie sind zusammengekommen, um fĂŒr Mossul zu beten. âEs ist wichtig, dass wir im Gebet eins werdenâ, sagt ein Pastor. âUnser Gebet soll die Mauern niederreiĂen, die der Teufel zwischen uns aufgerichtet hat.â
Viele der Neuankömmlinge aus Mossul sind zu dem Treffen gekommen. Manche von ihnen â wie die jungen Leute, die mit in unserer Wohnung leben, und ihre Freunde â sitzen ganz hinten. Einer zeigt Bilder von Mossul: Er hat sich vor einigen Tagen noch einmal in die Stadt zurĂŒck gewagt, um einige Dokumente zu holen, und hat dabei um sein Leben gefĂŒrchtet. ISIS haben schwarze Markierungen an den HĂ€usern der Christen angebracht, um damit ihren Anspruch darauf zu deutlich zu machen. Die StraĂen sind menschenleer, und die einzigen Autos, die man in der Stadt sieht, sind die ausgebrannten, die am StraĂenrand liegen geblieben sind.Ganz vorne sitzt ein Ă€lteres Ehepaar aus Mossul. Sie sind schon zum vierten Mal geflĂŒchtet und haben alles zurĂŒckgelassen. Jetzt haben sie schon wieder alles verloren.
Wenn sie singen, erheben viele ihre HĂ€nde in einer Geste der Anbetung, und sie scheinen ihren Lobpreis Gott streckenweise regelrecht zuzubrĂŒllen. âDu bist unser Schildâ, singen sie. âWir haben Angst, aber wenn wir zu dir als unserem Herrn aufschauen, wissen wir, dass wir Ăberwinder sind. Unser wahrer Feind, der Teufel, ist schon besiegt.
Ich bin sicher, dass sie all diese Lieder auch schon gesungen haben, als die Zeiten vergleichsweise friedlich waren, aber hier klingen sie so viel realer. Wie auch die Predigt ĂŒber den Propheten Habakuk, die ein anderer Pfarrer vortrĂ€gt: Der Prophet war verstört, weil er Gottes Gerechtigkeit nicht sehen konnte. Er musste seinen Blickwinkel Ă€ndern und den Schöpfer der Welt betrachten, um das groĂe Ganze wahrzunehmen. Habakuk wurde bewusst, dass Gott immer noch ĂŒber den Dingen stand und dass die Gerechtigkeit siegen wĂŒrde. Die Welt sah immer noch dĂŒster aus, aber Habakuk konnte sich freuen.
Ganz offensichtlich können die FlĂŒchtlinge sich mit Habakuks Erfahrungen identifizieren. Einer aus Bagdad gibt einen Zwischenstand zur Situation dort. âIn den Kirchen stehen die Leute im Gebet zusammen. Aber auĂerhalb der Kirchen sieht es sehr dĂŒster aus.â Ein anderer hat Neuigkeiten aus Mossul: Nur noch wenige Christen sind in der Stadt geblieben, und ISIS hat ihre HĂ€user ĂŒbernommen.âAlle sagen, dass es keine Hoffnung gibtâ, meint ein Bruder. âAber wir glauben an einen groĂen Gott. Unsere UmstĂ€nde sind schwierig. Aber unser Gott ist gröĂer.