2019

Der LĂŒgendetektor

Pastor Gottfried Martens hat tausend Iraner und Afghanen getauft. Nun prĂŒfen Richter, ob sie wirklich fromm sind – oder nur ihre Chancen im Asylverfahren verbessern wollen. Doch wie soll man ReligiositĂ€t beweisen? Ein heißen Thema. DIE ZEIT hat sich damit beschĂ€ftigt:

Martens’ Dreieinigkeits-Gemeinde gilt als eine der Gemeinden Deutschlands mit dem grĂ¶ĂŸten Anteil an FlĂŒchtlingen, die nach ihrer Ankunft hier zum Christentum ĂŒbergetreten sind. Aber die FĂ€lle der nachtrĂ€glichen Konversion beschĂ€ftigen die Verwaltungsgerichte in ganz Deutschland. Wie viele FĂ€lle es genau sind, das weiß man auch beim Bamf in NĂŒrnberg nicht. Hierzu wĂŒrden keine Zahlen erfasst, teilt man auf Anfrage von Christ&Welt mit. Martens schĂ€tzt, dass es sich um eine vierstellige Zahl an FĂ€llen handelt, allein in seiner Gemeinde gebe es Hunderte GerichtsfĂ€lle.

Hier: www.zeit.de.

Lustvolle Befreiung?

Auf dem Sender ARTE lief kĂŒrzlich eine umfangreiche Dokumentation ĂŒber die Sexuelle Revolution unter dem Titel „Lustvolle Befreiung“ (zwei Teile, in der Mediathek noch abrufbar). Ich habe nur einige Minuten hineingeschaut, da mich das Thema langweilt. Aber schon in den ersten Minuten gibt es eintrĂ€gliche Aussagen. Zwei Beobachtungen möchte ich kurz mitteilen.

1. Der Historiker Carl Marklund, der in der Dokumentation zu Wort kommt, deutet an, dass mit der Sexuellen Revolution die christliche Moral ĂŒberschrieben wurde. Es ging um eine Entledigung von nichtnatĂŒrlichen Moralvorstellungen. Statt Menschen ein bestimmtes Sexualverhalten aufzuzwingen, sollen sie die natĂŒrlichen BedĂŒrfnissen ausleben: „Nicht das Verhalten, die Moral gehört infrage gestellt.“ Alain Giami, der ebenfalls zu Wort kommt, spricht von einer Änderung des wissenschaftlichen Diskurses. Der Diskurs „verließ die Ebene der christlichen Moral hin zu einem PlĂ€doyer fĂŒr die NatĂŒrlichkeit sexueller Lust; fĂŒr eine biologische, fast animalische NatĂŒrlichkeit sexuellen VergnĂŒgens“ (ab ca. Minute 5:00 im Teil 1). Anders gesagt: Es ging um eine „Repaganisierung“ des Sexuellen.

Das ist insofern aufschlussreich, da heute ja postevangelikale Christen gern darauf verweisen, dass die spĂ€tmoderne Sexualmoral mit der christlichen vereinbar sei. Die Behauptung ist historisch schlichtweg falsch. (Nebenbei sollten wir einmal ĂŒberlegen, was es bedeuten wĂŒrde, die Gesetze konsequent dem Begehren von Menschen anzupassen.)

2. Eine SchlĂŒsselfunktion bei der Neuformatierung der Sexualmoral kommt Alfred Charles Kinsey und seinen Berichten zu (1948 u. 1954). Darauf verweist die Dokumentation sehr klar (besonders ab Minute 7:00). Die vornehmliche Stellung von Kinsey ist auch allgemein unbestritten. Was allerdings in der Dokumentation völlig unter den Tisch fĂ€llt, ist eine kritische Aufarbeitung von Kinseys Forschungsarbeiten. Ich habe hier schon darauf hingewiesen, dass Kinsey seine Statistiken nachweislich auf perverse und verlogene Weise zustande kommen ließ (siehe dazu hier). Die Biografie von James Jones, die all das thematisiert, wurde bisher leider nicht in die deutsche Sprache ĂŒbersetzt.

DIE WELT schrieb immerhin:

James Jones und andere Forscher kritisieren Kinseys methodische Fehler; zu viele mĂ€nnliche HĂ€ftlinge und Schwule etwa verzerrten die Zahlen ĂŒber homoerotisches Verhalten. Der widersprĂŒchliche Pionier, als menschenscheuer „Kontrollfreak“, (T. C. Boyle), verrĂŒckter Professor und dirty old man beschrieben, war weder als Wissenschaftler noch als Mann ohne Tadel. Nur deshalb wuchs er zu einem „Riesen unter PygmĂ€en“, nur so spĂŒrte der „Bluthund der Begierden“, wie man Vergangenheit von Menschen „kannibalisiert“. So beschreibt ihn die Kunstfigur John Milk in Boyles Kinsey-Roman „The Inner Circle“ (der im FrĂŒhjahr unter dem Titel „Dr. Sex“ bei Hanser erscheint). Und bewundert die Reinheit der Wissenschaft.

Missbrauch, Falschdarstellungen, Überinterpretationen haben maßgeblich zur Sexuellen Revolution beigetragen. Das aber scheint nur wenige zu interessieren. The Show must go on.

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Japan erlaubt ZĂŒchtung von Mischwesen

Japan erlaubt das erste Experiment, bei dem ChimĂ€ren bis zur Geburt heranwachsen dĂŒrfen. Das behauptet SPIEGEL ONLINE mit Verweis auf das Fachjournal NATURE

Ein Japaner darf als erster Forscher weltweit Mensch-Tier-ChimĂ€ren erzeugen und bis zur Geburt wachsen lassen. Tokio erlaubt und fördert ein entsprechendes Projekt, berichtet unter anderem die Nachrichtenseite des Fachjournals „Nature“.

Die Tier-Embryonen sollen mit menschlichen Zellen bestĂŒckt und einem Muttertier eingepflanzt werden, das sie zur Welt bringt. ZunĂ€chst will die Forschergruppe um Hiromitsu Nakauchi von der University of Tokyo und der Stanford University in Kalifornien das Verfahren in MĂ€usen und Ratten testen.

Langfristiges Ziel ist es, Mischwesen aus Mensch und Tier herzustellen, denen menschliche Organe wachsen, die dann transplantiert werden können. Die Technik soll eines Tages Patienten helfen, die auf ein Spenderorgan warten.

Furchtbar, was so passiert, wenn der Mensch ohne Gott ewig Leben möchte.

Jesus Christus, Superstar

Marie-Astrid Langer hat fĂŒr die NZZ einen recht guten Beitrag ĂŒber die Megakirchen in den USA geschrieben. Darin sagt sie unter anderem ĂŒber die Lakewood Church von Joel und Victoria Osteen:

Heute ist Lakewood Church ein erfolgreiches Unternehmen mit Einnahmen von 89 Millionen Dollar allein im Jahr 2017. Auch privat profitieren die Osteens vom Erfolg der Kirche: Mit ihren zwei Kindern leben sie in einer 12-Millionen-Dollar-Villa am Stadtrand von Houston mit 13 Zimmern und 5 Feuerstellen, wie der «Houston Chronicle» schreibt. FĂŒr die Osteens ist das kein Widerspruch zum Christentum, denn sie predigen die «Prosperity Gospel». Diese zum Teil umstrittene Richtung innerhalb des Protestantismus besagt, dass derjenige persönlichen und materiellen Erfolg hat, der viel an Gott – sprich die Kirche – spendet. Überspitzt könnte man sagen, dass man Gott manipulieren kann, um materiellen Wohlstand zu erreichen. Etwa ein Viertel der «Megachurches» predigen dies Lehre. Bemerkenswert sei auch, dass inzwischen etwa ein Drittel der Megakirchen nicht mehr konfessionsgebunden sei, sagt der Religionswissenschafter Thumma vom Hartford Institute. Um möglichst viele GlĂ€ubige anzulocken, legten sich viele Megakirchen nicht auf eine Lehrmeinung fest. «Traditionelle Kirchen sind wie Boutiquen», sagt er. Der Kunde wisse genau, was er wolle. «Megakirchen sind dagegen wie Shoppingmalls, dort findet jeder irgendwo irgendetwas, das ihm gefĂ€llt.»

Hier mehr: www.nzz.ch.

Eine Theologische Arbeitsgruppe der Lausanner Bewegung hat vor einige Jahren eine Stellungnahme zum Wohlstandsevangelium verfasst, die hier heruntergeladen werden kann: lausanne_wohlstand.pdf.

Wie oft liest du deine Bibel?

Eine kĂŒrzlich von LifeWay Research gesponserte und von Facts & Trends herausgegebene Studie zeigt einige unschöne und wenig ĂŒberraschende Ergebnisse: Ein Drittel der Amerikaner, die regelmĂ€ĂŸig eine protestantische Kirche besuchen (32%), behaupten, dass sie die Bibel jeden Tag persönlich lesen. Etwa ein Viertel (27%) sagen, dass sie es ein paar Mal pro Woche lesen. Hier die Hauptergebnisse der Studie:

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Die vollstĂ€ndigen Ergebnisse und ErlĂ€uterungen gibt es hier. Tim Challies hat ein paar SchlĂŒsse aus der Umfrage gezogen: www.challies.com.

Endlich spricht Gott zum Herzen

51oz4iGH1BL SX332 BO1 204 203 200In Predigten und in Blog-BeitrĂ€gen habe ich mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass einige Voraussetzungen des sogenannten „Hörenden Gebets“ problembehaftet sind. Zum Beispiel: Jenes uns in der Bibel ĂŒberlieferte Wort Gottes wird als allgemein und abstrakt betrachtet und deshalb der göttlichen Anrede nachgeordnet. Die „persönliche Offenbarung“ ist eine höhere Offenbarung, da sie die Seele auf einer tieferen Ebene erreicht als die verstaubte und trockene Heilige Schrift.

Die Verfechter des Hörenden Gebets sind in der Regel darum bemĂŒht, diese problematischen Voraussetzungen zu verschleiern oder zu dementieren. Das klingt dann etwa so: „Wir mĂŒssen natĂŒrlich die inneren Stimmen und EindrĂŒcke an der Bibel ĂŒberprĂŒfen! Wenn wir die Stimme Gottes hören, die in eine bestimmte Situation in unserem Leben spricht, wird sie der Schrift nie widersprechen. Vielmehr wird es die zeitlosen Wahrheiten der Bibel bestĂ€tigen, ergĂ€nzen und anwenden.“

In der Praxis ist dieses PrĂŒfen allerdings schwierig. Denn oft geht es ja um private Einsichten, zu denen die Bibel schweigt. Die Bibel sagt mir nicht, wen ich heiraten, wohin ich in den Urlaub fahren oder mit welcher Person ich ein VersöhnungsgesprĂ€ch fĂŒhren soll. FĂŒr die bestimmten Anwendungen dessen, was die Bibel sagt, soll ich als Christ ja in der Regel die Verantwortung ĂŒbernehmen und nicht auf göttliche Kommentare warten.

Inzwischen scheint die Zeit, in der die problembehafteten Voraussetzungen des „Geistlichen Hörens“ erklĂ€rt oder entkrĂ€ftet werden, vorbei zu sein. Die Hörer und Leser sind inzwischen so leicht fĂŒr die „esoterische Gottesanrede“ zu gewinnen, dass das eigentĂŒmliche OffenbarungsverstĂ€ndnis offensiv und werbewirksam eingesetzt werden darf. Das Buch Ich sehe dich von Nancy Taylor, das im Herbst bei SCM erscheinen soll, wird vom Verlag etwa mit folgenden Worten angekĂŒndigt:

Gott spricht zu uns – auf jeder einzelnen Seite der Bibel. Doch seine Worte erreichen hĂ€uïŹg nicht unser Herz, wirken trocken oder schwer verstĂ€ndlich. In diesem Andachtsbuch kommen die Auslegungen der Bibelverse direkt von Gott selbst. Er erklĂ€rt sie und spricht dadurch direkt zu unserem Herzen, jeden Tag aufs Neue. Eine einzigartige Entdeckungsreise zu einem vertieften VerstĂ€ndnis des Wortes Gottes. Und hin zu unserem persönlichen Gott.

Nimmt man ernst, was da steht, heißt das nicht weniger als: Gott macht sich endlich auf, um die nebulösen Worte der Heilige Schrift selbst zu erklĂ€ren, jeden Tag neu. Kauft euch also diese Bibel 2.0 von Nancy Taylor und am Ende des Tages werdet ihr verstehen, was Gott euch zu sagen hat.

Also ehrlich. Das ist wenig ĂŒberzeugend. Macht euch lieber die MĂŒhe, um in der Bibel zu graben. Ja, das ist anstrengend und kostet Zeit. Aber es lohnt sich! Gott will sich nicht neben dem Wort finden lassen, sondern in seinem Wort.

Eine echte Hilfe zum Graben findet ihr ĂŒbrigens in dem Buch: Tiefer graben: Werkzeuge, um den Schatz der Bibel zu heben von Nigel Beynon und Andrew Sach (Bethanien, 2019), das von „Josia – Truth for Youth“ in deutscher Sprache herausgegeben wurde.

VD: TB

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Das Endgericht bei Paulus

Die nachfolgende Rezension zu dem Buch:

  • Christian Stettler. Das Endgericht bei Paulus: Framesemantische und exegetische Studien zur paulinischen Eschatologie und Soteriologie. WUNT II, 371. TĂŒbingen: Mohr Siebeck, 2017. ISBN 978-3-16155007-2. 415 S. € 139,00.

erschien in der Zeitschrift GLAUBEN UND DENKEN HEUTE 1/2019 (Nr. 23), S. 69–73:

31Byfs91g8L SX332 BO1 204 203 200Bei der vorliegenden Untersuchung handelt es sich um die ĂŒberarbeitete Fassung der Habilitationsschrift, die im Jahr 2014 von der Theologischen FakultĂ€t ZĂŒrich angenommen wurde. Christian Stettler, Privatdozent fĂŒr Neues Testament an gleicher UniversitĂ€t und Titularprofessor an der STH Basel, hatte schon 2011 einen Teil seiner Forschungen zu den Endgerichtserwartungen vorgelegt (Das letzte Gericht: Studien zur Endgerichtserwartung von den Schriftpropheten bis Jesus. WUNT II, 299). FĂŒr seine Studie zum Endgericht bei Paulus wurde er 2018 mit dem Johann-Tobias-Beck-Preis ausgezeichnet.

Der Autor stellt zum Eingang fest, dass das Endgericht ein in der Exegese weithin vernachlÀssigtes und in seiner Bedeutung umstrittenes Problem darstellt. Sein Anliegen ist es, diese oft ausgeklammerte Thematik der paulinischen Soteriologie und Eschatologie umfassend und systematisch zu rekonstruieren.

Die Untersuchung ist in fĂŒnf Kapitel und vier AnhĂ€nge gegliedert.

Im ersten Kapitel wird die Forschungsgeschichte von Albert Schweitzer (Geschichte der Paulinischen Forschung, 1911, und Die Mystik des Apostels Paulus, 1930) bis Kevin W. McFadden (Judgment According to Works in Romans, 2013) dargestellt und ausgewertet. Das Kapitel enthĂ€lt ebenfalls einen Exkurs zur „Neuen Paulusperspektive“ (NPP). Es ist das Verdienst der NPP, „dass sie durch ihre Kritik an einer langen Forschungstradition eine neue, intensive Erforschung des antiken Judentums ausgelöst hat, die in vielerlei Hinsicht entscheidend weitergefĂŒhrt hat“ (S. 22). Sie hat gezeigt, dass im FrĂŒhjudentum die Gnade Gottes und die ErwĂ€hlung Israels eine wichtige Rolle gespielt haben. Die pauschalisierende Annahme, das Judentum sei eine Religion der Werkgerechtigkeit gewesen, wurde so berichtigt. Nach Stettler ist allerdings die NPP ihrerseits auch mit Recht kritisiert worden. Als korrekturbedĂŒrftig nennt er konkret den Bundesnomismus (E. P. Sanders entfaltet die jĂŒdische Religionsstruktur des Bundesnomismus wie folgt: „1) Gott hat Israel erwĂ€hlt und 2) das Gesetz gegeben. Das Gesetz beinhaltet zweierlei: 3) Gottes Verheißung, an der ErwĂ€hlung festzuhalten, und 4) die Forderung, gehorsam zu sein. 5) Gott belohnt Gehorsam und bestraft Übertretungen. 6) Das Gesetz sieht SĂŒhnmittel vor, und die SĂŒhnung fĂŒhrt 7) zur Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung des BundesverhĂ€ltnisses. 8) All jene, die durch Gehorsam, SĂŒhnung und Gottes Barmherzigkeit innerhalb des Bundes gehalten werden, gehören zur Gruppe derer, die gerettet werden. Eine wichtige Interpretation des ersten und des letzten Punktes besteht darin, daß ErwĂ€hlung und letztliche Errettung nicht als menschliches Werk, sondern als Taten der Barmherzigkeit Gottes verstanden werden.“ In: E.P. Sanders, Paulus und das palĂ€stinensische Judentum, Göttingen 1985, S. 400. Zitiert nach: C. Strecker. „Paulus aus einer ‚neuen Perspektive‘“, Kirche und Israel 11 (1996), S. 3–17, hier S. 7. Original: E.P. Sanders. Paul and Palestinian Judaism, 1977, S. 422. Siehe als komprimierte EinfĂŒhrung und Kritik der NPP auch: Ron Kubsch. Der neue Paulus: Handreichung zur „Neuen Paulusperspektive“, 2017.) , die angeblich soziologische bzw. ekklesiologische Struktur der Rechtfertigungslehre, das soteriologische RechtfertigungsverstĂ€ndnis und das VerhĂ€ltnis von Gesetz und Glaube (S. 23–26). Zur Soteriologie der NPP schreibt er resĂŒmierend:

„Die paulinischen Rechtfertigungsaussagen haben deshalb nicht nur mit der soziologischen bzw. ekklesiologischen Frage der ‚badges of membership‘ zu tun, sondern eminent mit der soteriologischen Frage, wer weshalb Anteil an der ewigen Gottesherrschaft erhĂ€lt (und dadurch Glied im Volk der Gottesherrschaft wird). Bei der Rechtfertigung geht es also ‚um einen endzeitlichen Gerichtsakt‘, sie ‚hat ihren entscheidenden Ort im Endgericht‘. NatĂŒrlich macht es im normalen forensischen Setting keinen Sinn, dass ein Richter seine eigene Gerechtigkeit dem Angeklagten anrechnet, wie N. T. Wright betont. Es ist aber gerade das Ungeheuerliche und nie Dagewesene der paulinischen Rechtfertigungsbotschaft, dass sie besagt, dass der gerechte Gottessohn seine Gerechtigkeit dem Gottlosen schenkt und diesen damit ‚rechtfertigt‘, d. h. gerechtspricht, und ihm damit Heil verschafft. Hier wird das forensisch Übliche völlig auf den Kopf gestellt. Gott selber begeht diesen ‚non-sense‘ (vgl. 1Kor 1,18–25), diesen ‚category mistake‘.“ (S. 25)

Aus der Auseinandersetzung mit der Forschungsgeschichte zieht Stettler drei Folgerungen: Er will klĂ€ren, ob (1) bei Paulus tatsĂ€chlich mehrere sich ausschließende Gerichtskonzeptionen nebeneinanderstehen, ob (2) die Bedeutung von enzyklopĂ€dischen „Frames“ fĂŒr das Sprach- und Textverstehen dazu beitragen kann, das Endgericht bei Paulus systematisch zu rekonstruieren und ob (3) der Stellenwert von Gnade und Toragehorsam im Gericht anders oder genauer bezeichnet werden kann als bisher (S. 44–47).

In Kapitel 2 inspiziert der Autor die These, es gĂ€be bei Paulus verschiedene Gerichtskonzeptionen. So unterscheidet etwa Matthias Konradt zwischen einem „Vernichtungsgericht“, das die UnglĂ€ubigen betreffe, und einem „Beurteilungsgericht“, welches die Christen tangiere (vgl. Gericht und Gemeinde, 2003). Wo Paulus auf das Letztere Bezug nehme, „tue er es nur aus einer bestimmten kontextgebundenen Aussageabsicht heraus und nicht, weil er hier seine theologische Überzeugung wiedergebe. So wende er den Gedanken des Beurteilungsgerichts in 2Kor 5,10 nur innerhalb der Apologie seines Apostolats – und nur darauf bezogen – an“ (S. 49). Das verbreitete Postulat, dass Paulus die feste Erwartung hegte, auch Christen mĂŒssten sich vor Gott als Richter verantworten, lĂ€sst sich nach Konradt „an den Texten nicht verifizieren“ (S. 49). Stettler prĂŒft dann maßgebliche Paulustexte zum „Gericht nach den Werken“ (2Kor 5,10; Röm 14,10c; Röm 2,6–16 u. 1Thess 1,9f.) und kommt zu dem Ergebnis, dass ein die Werke beurteilendes Endgericht die unverzichtbare Grundvoraussetzung der paulinischen Soteriologie ist (vgl. S. 71).

Im Kapitel 3 versucht Stettler, das semantische Frame „Endgericht“ bei Paulus zu rekonstruieren. DafĂŒr erörtert er zunĂ€chst die literaturwissenschaftlichen und linguistischen Grundlagen. Im 20. Jahrhundert wurde auf unterschiedliche Weise versucht (Strukturalismus, Russischer Formalismus, New Criticism, usw.), zu begrĂŒnden, „dass weder die Intention des Autors noch die emotionale Reaktion des Lesers fĂŒr die Interpretation maßgeblich seien, sondern allein der vom Autor losgelöste, ein Eigenleben fĂŒhrende Text mit seinen immanenten Strukturen“ (S. 74). Zur RezeptionsĂ€sthetik (Reader Response Criticism) schreibt Stettler: „Ein literarischer Text hat demnach keine (vom Autor intendierte) Bedeutung in sich selber, sondern die Leser(innen) geben einem Text Bedeutung, indem sie ihre Voraussetzungen an den Text herantragen und mit ihm verbinden“ (S. 75). FĂŒr postmoderne Dekonstruktivisten wie Derrida gibt es ĂŒberhaupt keine beschreibbare Rolle der Texte mehr im Verstehensprozess. „Es gibt keinen Maßstab mehr, an dem man messen kann, ob die Interpretation eines Textes angemessen ist oder nicht. Folglich gibt es auch den feststellbaren Sinn eines Textes nicht mehr“ (S. 76–77). Bemerkenswerterweise ist jedoch die Literaturwissenschaft nicht bei der reinen Leserorientierung stehengeblieben. So weist etwa JĂŒrgen Schutte in seiner EinfĂŒhrung in die Literaturinterpretation auf die zentrale Stellung des Autors hin (vgl. S. 7879, im Text steht versehentlich „EinfĂŒhrung in die Literaturwissenschaft“). Stettler nimmt die „RĂŒckkehr des Autors“, wie sie etwa von Eric D. Hirsch vorbereitet und von Theologen wie Kevin Vanhoozer in Anspruch genommen wurde, auf und verknĂŒpft sie mit der semantischen Theorie nach James Barrs sowie modernen kognitiven AnsĂ€tzen der Semantik. Demnach ergeben sich Bedeutungen nicht nur aus dem unmittelbaren Kontext, sondern vor allem aus den enzyklopĂ€dischen Wissenskonzepten (Frames), auf welche sprachliche Aussagen verweisen. Die kognitive Semantik habe erkannt, „dass die Bedeutung eines Wortes nicht in erster Linie vom unmittelbaren literarischen Kontext, sondern umgekehrt ‚das TextverstĂ€ndnis weitestgehend von der Einsetzung der zugehörigen Szenographie [
] bestimmt wird‘“ (S. 120). Folglich werden wir den verstreuten Aussagen des Apostels zum Endgericht nicht gerecht, wenn wir nur nach ihrer Funktion im engeren Kontext fragen. „Vielmehr sind sie Ausdruck ‚des enzyklopĂ€dischen Wissens‘ des Paulus ĂŒber das Endgericht. Durch seine Anspielungen ‚evoziert‘ Paulus den Frame ‚Endgericht‘ und erwartet von seinen Adressaten, dass sie die Leerstellen entsprechend ausfĂŒllen.“ Paulus setzte demnach „bei seinen Adressaten ein klar umrissenes Vorwissen ĂŒber das Endgericht voraus“ (S. 121).

Die nachfolgende Auswertung der eindeutigsten Gerichtspassagen bringt nach Stettler ein klares Ergebnis hervor: Paulus setzt in all diesen Texten einen einzigen Frame voraus, eine Konzeption vom Endgericht nach den Werken, die weithin konstant ist und einige zentrale Elemente beinhalte, nĂ€mlich: Zeitpunkt des Gerichts, einen Richter, die Gerichteten, die Unparteilichkeit des Gerichts, einen Maßstab, ein Urteil und die entsprechende Vollstreckung sowie einige weniger gewichtige Bestandteile (vgl. S. 143).

Das 4. Kapitel bringt exegetische Vertiefungen zu drei großen Fragen: dem Maßstab des Gerichts (S. 179–206), den Konsequenzen des Gerichts fĂŒr die Christen (S. 207–241) und dem VerhĂ€ltnis von Gericht nach den Werken und Rechtfertigung aus Gnade (S. 242–277). Jesus selber bleibt als der Richter auch der Maßstab des Gerichts, „einerseits in seiner eigenen Liebe und Hingabe bis zum Tod und andererseits in seiner Tora, die die Mosetora vollendet. Die Mosetora bleibt gĂŒltig fĂŒr die Heilsgemeinde des Neuen Bundes aus Juden und Heiden, jedoch nicht nach dem ‚Buchstaben‘, sondern in einem ‚erfĂŒllten‘ Sinn“ (S. 206). Es gibt – so Stettler – bei den Dienern Gottes nach 1. Korinther 3,5–4,5 verschiedene Grade von Einsatz (ÎșÏŒÏ€ÎżÏ‚) und eine unterschiedliche QualitĂ€t des Ergebnisses der Arbeit (áŒ”ÏÎłÎżÎœ). Allein der HERR ist zur Beurteilung dieser Werke und einer „Lohnfestlegung“ berechtigt, die schließlich im Endgericht stattfinden wird (vgl. S. 239). Das Lohnmotiv soll die korinthischen Christen nicht „zu einer rĂŒckschauenden Beurteilung des eignen Lebenswerks bringen, sondern dazu anhalten, wo nötig umzukehren und fortan auf die gute QualitĂ€t ihres Beitrags zum Aufbau der Gemeinde zu achten“ (S. 239–240).

Glaubende sind nach Stettler dem Gericht nach den Werken nicht enthoben. Was sie im Gericht rettet, ist zweierlei: Erstens sind ihnen ihre SĂŒnden vergeben und zweitens sind sie mit dem Heiligen Geist dazu begabt, ein Gott wohlgefĂ€lliges Leben zu fĂŒhren (vgl. S. 276). „Beides, Vergebung und Geist, haben sie aus Gottes Gnade empfangen, aufgrund ihres Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Gottessohn. Also ist auch das neue Handeln aus dem Geist eine Wirkung des Auferstandenen, eine Wirkung der Gnade. Das neue Handeln ist ganz die Verantwortung des Menschen und zugleich ganz die Wirkung Gottes. Es ist deshalb kein Widerspruch, dass nach Paulus die Rettung und Rechtfertigung im Endgericht einerseits ganz Geschenk, ganz ‚Gnade‘ ist und denen gilt, die glauben, und andererseits eine Antwort auf das Werk der Christen, ihren Glaubensgehorsam“ (S. 276).

Wie aber kann es sein, dass Christen im Gericht bestehen, obwohl sie nicht sĂŒndlos leben? „Obwohl Verharren in SĂŒnde von der Teilhabe am Reich Gottes ausschließt, bedeutet das Vorkommen von SĂŒnde in den Gemeinden nicht, dass diese Glaubenden definitiv des Heils verlustig gegangen wĂ€ren, denn Umkehr und Vergebung ist auch fĂŒr Glaubende möglich. Ohne diese Umkehr gibt es freilich kein Heil“ (S. 276).

Stettler lehnt die klassische reformierte Interpretation von guten Werken als Erweis der Echtheit des Glaubens ab und rechnet mit einem möglichen Heilsverlust durch das Festhalten an der SĂŒnde. Er stimmt der Lehre von der „doppelten Rechtfertigung“, der zufolge die „Anfangsrechtfertigung“ allein aus Glauben geschieht, jedoch in der „Endrechtfertigung“ beim Letzten Gericht die guten Werke (nicht Gesetzeswerke) in irgendeiner Form eine Rolle spielen, im Großen und Ganzen zu (vgl. S. 253). Er denkt hier wohl in den Bahnen, die im Tridentinum als Antwort auf die Reformation vorgezeichnet wurden und die einige protestantische Exegeten (z. B. Adolf Schlatter, Karl Donfried, Kent Yinger, Paul Rainbow, vgl. S. 254) und die meisten Vertreter der NPP Ă€hnlich weitergezeichnet haben. Im Dekret ĂŒber die Rechtfertigung beim Konzil von Trient heißt es im Kapitel 10: „Die so also Gerechtfertigten und zu ‚Freunden Gottes‘ sowie ‚Hausgenossen‘ Gewordenen ‚schreiten von Tugend zu Tugend‘ und ‚werden (wie der Apostel sagt) von Tag zu Tag erneuert‘, indem sie nĂ€mlich die Glieder ihres Fleisches abtöten und sie zu Waffen der Gerechtigkeit machen fĂŒr die Heiligung, durch die Beachtung der Gebote Gottes und der Kirche; in dieser durch Christi Gnade empfangenen Gerechtigkeit wachsen sie 
“ (DS 1535).

„Durch die Gabe des Heiligen Geistes sind die Christen in der Lage, Gott so zu ‚gefallen‘, wie es die Tora vorsieht. Konsequenz dieses ‚Lebens nach dem Geist‘ ist die Rettung im Endgericht. [
] Nach Kol 3,22–24 werden diejenigen, die dem Herrn ungeteilt dienen, (im Gericht) als ‚Vergeltung‘ (áŒ€ÎœÏ„Î±Ï€ÏŒÎŽÎżÏƒÎčς) das (ewige) Erbe empfangen“ (S. 257). WĂ€hrend fĂŒr reformatorisch geprĂ€gtes Denken durch Aussagen wie diese möglicherweise eine Rechtfertigung sola fide und sola gratia preisgegeben wird, „bewegt sich Paulus in Römer 8 offenbar vollkommen im Rahmen seiner Aussagen ĂŒber die Endrechtfertigung aufgrund von Glauben, aus Gnade und durch Christus. [
] Der Heilige Geist ist also die Gabe, die Gott den Christen in ihrer Anfangsrechtfertigung geschenkt hat, und dies durch die den Glauben wirkende Botschaft, nicht aus Werken des Gesetzes, ja, nach 1Kor 6,11 ist es der Geist, der sowohl Rechtfertigung als auch Heiligung bewirkt“ (S. 258). „Somit ist es fĂŒr Paulus kein Widerspruch, wenn er einerseits die Endrechtfertigung als aus Gnade durch Glauben geschehend erwartet und andererseits das ewige Leben als Vergeltung fĂŒr das Handeln aus dem Geist“ (S. 262).

Welche Auswirkungen haben aber Verfehlungen von Christen im Endgericht? Stettler versucht diese Spannung zu lösen, indem er einerseits die Annahme ablehnt, im FrĂŒhen Judentum habe es keine Notwendigkeit des vollstĂ€ndigen Toragehorsams gegeben, sondern nur die Forderung eines auf Gott ausgerichteten Lebens. Diese Annahme lehnt er auch als unpaulinisch ab, da der Apostel Gehorsam gegenĂŒber dem „ganzen Gesetz“ einfordert (Gal 5,3, vgl. S. 255). Dennoch dĂŒrfe Paulus nicht so verstanden werden, als sei SĂŒndlosigkeit eine Vorbedingung fĂŒr das ewige Leben. Denn mehrere Texte „zeigen klar, dass fĂŒr Paulus nicht das Vorkommen von SĂŒnde an sich ein Problem fĂŒr das Endgericht darstellt, sondern ein unbußfertiges Verharren in SĂŒnde [
] Die ewige Rettung (im Endgericht!) hĂ€ngt also direkt mit der Umkehrbereitschaft der Glaubenden zusammen“ (S. 267). Ein Christ lebt im Geist, wenn auch nur unvollkommen. Stettler geht sogar davon aus, dass GlĂ€ubige errettet werden, wenn kein positiver Gehorsam erkennbar ist. Er formuliert:

„Paulus hat offensichtlich gelehrt, dass jemand im Extremfall sogar dann gerettet werden kann, wenn er zwar keine unvergebenen SĂŒnden (vgl. 1Kor 6,9f.), aber auch keinen positiven Gehorsam vorzuzeigen hat (1Kor 3,15), also keine noch so geartete ErfĂŒllung des Liebesgebots, keine Frucht des Geistes. Die Rettung geschieht dann, wie wir oben aufgrund anderer Aussagen des 1. Korintherbriefs festgestellt haben, allein aufgrund des Vertrauens einer Person auf das Rettungswerk Jesu Christi in seinem Tod und seiner Auferstehung und aufgrund der dadurch erfahrenen SĂŒndenvergebung. Rechtfertigung geschieht also nie aufgrund des Glaubensgehorsams oder aufgrund der durch Gottes Gnade gewirkten Werke, sondern allein aus Glauben im Sinne eines vertrauenden Sich-zu-eigen-Machens von Christi Heilswerk.

Die Aussage, dass im Endgericht ein Christ nicht aufgrund seines Gehorsams gerechtfertigt wird, wird auch bestĂ€tigt durch den Umgang des Paulus mit seinen Gemeinden. Paulus ist sich nicht nur der in den Gemeinden vorhandenen Frucht des Geistes bewusst, die er unumschrĂ€nkt loben kann, sondern auch der immer noch vorhandenen SĂŒnde von Christen. Die ParĂ€nese seiner Briefe tritt auf weite Strecken der ChristensĂŒnde entgegen und macht ohne die faktische Existenz von SĂŒnde in den Gemeinden keinen Sinn. Paulus erklĂ€rt das Vorkommen von SĂŒnde nach der Taufe mit dem Kampf zwischen dem Geist Gottes und dem noch nicht erneuerten Leib, dem ‚Fleisch‘, dessen Begierden dem Geist Gottes entgegenstehen.“ (S. 240–241)

Wenn Christian Stettler an anderer Stelle behauptet, dass „Christen im Endgericht aufgrund ihrer Werke gerettet und gerechtfertigt werden“ (S. 276, vgl. S. 253), zeigt sich hier m. E. eine gewisse Spannung, die sich auch nicht dadurch auflösen lĂ€sst, dass man die guten Werke als Folge oder Wirkung des Glaubens deutet (vgl. S. 254–255) und darauf beharrt, dass diese nicht mit SĂŒndlosigkeit in Verbindung gebracht werden dĂŒrfen (vgl. S. 276).

Die AnhĂ€nge zur Untersuchung enthalten die framesemantische Analyse der paulinischen Aussagen zum Endgericht, den Inventar des Frame „Endgericht“ bei Paulus, den Inventar zum proleptischen Gerichts- und Rettungshandeln Gottes sowie eine Liste der mit dem Frame „Endgericht“ verbundenen Frames.

Christian Stettler hat mit Das Endgericht bei Paulus eine grundsolide Untersuchung vorgelegt, die das Studium von Soteriologie und Eschatologie bei Paulus stimuliert. Sein VerstĂ€ndnis der doppelten Rechtfertigung (als Anfangsrechtfertigung und Endrechtfertigung) und der Stellung der guten Werke im Gericht ĂŒberzeugt mich gleichwohl nicht. Hier finde ich etwa die exegetischen Untersuchungen von Kevin W. McFadden, die Stettler durchaus wĂŒrdigt (vgl. S. 42–44), ĂŒberzeugender. McFadden wurde 2013 unter dem Neutestamentler Thomas Schreiner zum Thema Judgment According to Works in Romans: The Meaning and Function of Divine Judgment in Paul’s Most Important Letter (Fortress Press, 2013) promoviert. Seiner Auffassung nach ist die Rechtfertigung durch den SĂŒhnetod von Jesus Christus, die (instrumental) durch den Glauben empfangen wird, ein „Gegenentwurf“ zum Gericht nach den Werken. „Weil das Kreuz Christi zur ErfĂŒllung des Gesetzes durch den Geist fĂŒhrt, sind Werke ein notwendiger und wichtiger Faktor fĂŒr das endgĂŒltige Gericht. Gleichwohl ist das Ergebnis dieses Gerichts bereits durch das Kreuz Christi garantiert. FĂŒr Paulus sind der Grund der gegenwĂ€rtigen und zukĂŒnftigen Rechtfertigung letztlich derselbe – das rettende Werk Gottes in Christus“ (Judgment According to Works in Romans, S. 137). (Ich empfehle außerdem das Kapitel „Justification and the Final Judgment“ in: J. V. Fesko, Justification, Phillipsburg (New Jersey): P & R, 2008, S. 299–311.)  Diese Sichtweise des Endgerichts streitet den Wert von guten Werken nicht ab. Im Gegenteil: Sie kann darauf bestehen, dass ein guter Baum gute FrĂŒchte hervorbringt (vgl. Mt 12,33). Allerdings bleibt im letzten Gericht allein das Erlösungswerk von Jesus Christus am Kreuz Grund der Rechtfertigung. „Die Werke der Christen, die im Endgericht Thema sind, versteht McFadden in klassisch reformierter Weise als ‚evidence‘ der Rechtfertigung und Geistbegabung der Christen“ (S. 44). McFadden selbst schreibt: „Paulus begrĂŒndet, dass Christen dem Herrn in ihren Werken gefallen mĂŒssen, aber dass ihre guten Werke die grundlegendere Tatsache beweisen, dass Gott sie in Christus angenommen hat und sie gewiss im Endgericht bestehen werden (Röm 14,1–9)“ (Judgment According to Works in Romans, S. 163). Das passt auch besser zu den neutestamentlichen Befunden, die von einer prĂ€sentischen Erlösung sprechen.

Johannes kann ja durchaus schreiben, dass wir durch den Glauben schon jetzt am ewigen Leben teilhaben (vgl. Joh 3,36; Joh 5,24; 1Joh 5,13). Auch der Epheserbrief beleuchtet unsere Erlösung nicht als eine bevorstehende Möglichkeit, auf die sich der treue Christ zubewegt, sondern als ein bereits empfangenes Geschenk, das ihn zu guten Werken motiviert: „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rĂŒhme (Eph 2,8–9, vgl. a. 2,4–7.10, 2Tim 1,9).

Dem Exegeten Christian Stettler liegt viel daran, die Spannung zwischen einer gegenwĂ€rtigen und zukĂŒnftigen Rechtfertigung nicht vorschnell zugunsten einer systematischen Auskunft einzuebnen. Er will jene Texte ernst nehmen, die von einer noch ausstehenden Seligkeit in Christus sprechen. Das ist ihm hoch anzurechnen. Meiner Meinung nach ist es allerdings McFadden gelungen, diese Heilsverheißungen mit einer Errettung „allein aus Glauben“ in Einklang zu bringen, wenn er die Werke als Erweise („evidence“) oder Frucht des Glaubens versteht. Mit der Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes in Jesus Christus gibt es „einen alternativen Grund der Rechtfertigung – nicht Gehorsam gegenĂŒber dem Gesetz (3,20.21), sondern Glauben (3,22), Gnade (3,24a) und das Kreuz von Jesus Christus (3,24b–26). Dies ist die gute Nachricht gemĂ€ĂŸ Paulus – Erlösung vom endgĂŒltigen Gericht Gottes durch Christus (5,1.9–10; 8,33–34)“ (Rudiment According to Works in Romans, S. 156).

Obwohl ich manche Befunde zum Endgericht anders interpretiere, empfehle ich die BeschĂ€ftigung mit der Studie gern. Christian Stettler liefert einen substantiellen, deutschsprachigen Beitrag zur aktuellen Debatte um die angemessene Paulusdeutung. Das Endgericht bei Paulus wird gewiss in weiteren Studien zur Theologie des Apostels BerĂŒcksichtigung finden.

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Das Gebetbuch der Bibel

Dietrich Bonhoeffe schreibt:  (Gemeinsames Leben; Das Gebetbuch der Bibel, Logos-Sonderausgabe, Bd. 5, S. 108).

Gottes Sprache in Jesus Christus begegnet uns in der Heiligen Schrift. Wollen wir mit Gewißheit und Freude beten, so wird das Wort der Heiligen Schrift der feste Grund unseres Gebetes sein mĂŒssen. Hier wissen wir, daß Jesus Christus, das Wort Gottes, uns beten lehrt. Die Worte, die von Gott kommen, werden die Stufen sein, auf denen wir zu Gott finden.

Nun gibt es in der Heiligen Schrift ein Buch, das sich von allen anderen BĂŒchern der Bibel dadurch unterscheidet, daß es nur Gebete enthĂ€lt. Das sind die Psalmen. Es ist zunĂ€chst etwas sehr Verwunderliches, daß es in der Bibel ein Gebetbuch gibt. Die Heilige Schrift ist doch Gottes Wort an uns. Gebete aber sind Menschenworte. Wie kommen sie daher in die Bibel? Wir dĂŒrfen uns nicht irre machen lassen: die Bibel ist Gottes Wort, auch in den Psalmen. So sind also die Gebete zu Gott – Gottes eigenes Wort? Das scheint uns schwer verstĂ€ndlich. Wir begreifen es nur, wenn wir daran denken, daß wir das rechte Beten allein von Jesus Christus lernen können, daß es also das Wort des Sohnes Gottes, der mit uns Menschen lebt, an Gott den Vater ist, der in der Ewigkeit lebt. Jesus Christus hat alle Not, alle Freude, allen Dank und alle Hoffnung der Menschen vor Gott gebracht. In seinem Munde wird das Menschenwort zum Gotteswort, und wenn wir sein Gebet mitbeten, wird wiederum das Gotteswort zum Menschenwort. So sind alle Gebete der Bibel solche Gebete, die wir mit Jesus Christus zusammen beten, in die er uns hineinnimmt und durch die er uns vor Gottes Angesicht trĂ€gt, oder es werden keine rechten Gebete; denn nur in und mit Jesus Christus können wir recht beten.

Ehe fĂŒr alle – virtuell

Akihiko Kondo ist 35 und bezeichnet sich selbst als „otaku“, als kontaktscheuen Nerd, dem eine menschliche Liebesbeziehung zu kompliziert ist. Nun hat er eine nichtmenschliche Partnerin. Er hofft, dass diese seine Sehnsucht nach Liebe immer besser stillen wird. 

DER SPIEGEL stellt uns einen neuen Trend vor:

Es dĂŒrfte weltweit nur wenige Menschen geben, die derart kompromisslos eine Beziehung mit einem nichtmenschlichen Wesen fĂŒhren. Der schĂŒchterne Schulbeamte, der uns in seiner Wohnung mit Anzug und Krawatte empfĂ€ngt, hat rund 14.000 Dollar fĂŒr eine Hochzeit ausgegeben, die rechtlich nicht bindend ist. Er buchte sogar einen Extrasitz im Flugzeug, als er mit Miku in die Flitterwochen flog.

Kondo ist ein Extremfall, keine Frage, doch sein ungewöhnliches Eheleben verdeutlicht einen gesellschaftlichen Wandel: Roboter, Avatare und kĂŒnstliche Intelligenzen werden zu einem Teil unseres Lebens. In Deutschland fremdeln viele zwar noch, wenn sie mit Servicerobotern, Chatbots oder Amazons Alexa zu tun haben. Doch wir werden uns wohl daran gewöhnen mĂŒssen, dass solche Begegnungen immer öfter vorkommen, dass aus Begegnungen allmĂ€hlich Beziehungen werden und dass all das irgendwann alltĂ€glich ist. So wie bereits jetzt in Japan.

Mehr: www.spiegel.de.

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