2019

Das Reformationsdenkmal in Genf wurde beschädigt

Das Internationale Reformationsdenkmal in Genf erinnert an die Wirkung der Reformation auf die Welt. Das große Monument mit den Darstellungen von Calvin, Farel, Beza und Knox wurde wahrscheinlich am 15. Juli 2019 beschädigt. Die Stadt lässt nach den Tätern ermitteln. Die Tatsache, dass Regenbogenfarben auf das Denkmal geworfen wurden, deutet in eine bestimmte Richtung. Der Regenbogen ist ein Symbol der LGBT-Gruppen.

Mehr Informationen und Fotos gibt es hier: evangelicalfocus.com.

Facebook stuft Augustinus als Hassredner ein

Der katholische Journalist Domenico Bettinelli berichtet über merkwürdige Löschaktionen bei Facebook. Das soziale Netzwerk hat wiederholt ein Zitat von dem Kirchenvater Augustinus blockiert. Es handelte sich nicht um  irgendein „Feuer und Schwefel“-Zitat wie: „Sünder kommen in die Hölle!“, sondern im Gegenteil um einen Text, der zur Selbstkritik aufruft. Hier der besagte Augustinus-Text in einer Übersetzung. 

Lasst uns nie davon ausgehen, dass wir, wenn wir ein gutes Leben führen, ohne Sünde sein werden; unser Leben sollte nur dann gerühmt werden, wenn wir weiterhin um Vergebung bitten. Denn die Menschen sind hoffnungslose Geschöpfe; je weniger sie sich um ihre eigenen Sünden kümmern, desto mehr interessieren sie sich für die Sünden anderer. Sie versuchen zu kritisieren, nicht zu korrigieren. Selbst unfähig, zu vergeben, sind sie bereit, andere zu beschuldigen.

Facebook hat das Zitat mehrfach mit der Begründung gebannt, es handele sich um eine Hassrede (engl. hate speech), die wie folgt definiert wird:

Wir definieren Hassreden als einen direkten Angriff auf Menschen auf der Grundlage dessen, was wir als geschützte Merkmale bezeichnen – Rasse, Ethnie, nationale Herkunft, Religionszugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Kaste, Geschlecht, Gender, Geschlechtsidentität und schwere Krankheiten oder Behinderungen. Wir gewährleisten auch mehrere Schutzmaßnahmen für den Einwanderungsstatus. Wir definieren Angriff als gewalttätige oder entmenschlichende Rede, Aussagen über Unterlegenheit oder Aufrufe zur Ausgrenzung oder Segregation. Wir trennen Angriffe in drei Schweregrade, wie unten beschrieben.

Es ist ganz offensichtlich, dass Facebook in diesem Fall nicht vor einer Aufforderung zum Hass oder zur Gewalt schützt, sondern das Recht auf die freie Rede völlig unbegründet beschneidet. Es fällt nicht schwer, sich auszumahlen, wohin das führen kann. 

Hier die gesamte Geschichte: www.bettnet.com.

Bullinger über die Predigerausbildung

Heinrich Bullinger über die Auslegung der Schrift (Schriften, Bd. II, 2006, S. 198–199):

Und Paulus sammelte von überall her begabte und gelehrte junge Leute um sich und gab sie den Gemeinden zu Vorstehern, sooft es die Umstände verlangten [vgl. 1 Kor 4,17; Phil 2,25; Kol 4,7—9]. Er empfahl sie überall sehr dienstbereit den Bischöfen und gab die Anweisung, ihnen reichlich Unterhalt zu gewähren und sie zu unterstützen. So sagt er zu Titus, dem Bischof von Kreta (Tit 3,13 f.): »Zenas, den Gesetzeskundigen, und Apollos rüste sorgfältig für die Reise aus, damit es ihnen an nichts mangelt. Aber auch die Unsrigen sollen lernen, sich guter Werke zu befleißigen für die notwendigen Bedürfnisse, damit sie nicht ohne Frucht seien.« Wenn dies unsere heutigen Bischöfe hörten, die nicht in der Lage sind, zu predigen und das Volk zu unterrichten, wenn sie einen Rat annähmen und sich nicht Christus, unserem Herrscher, entgegenstellten, wenn sie die Studien und die unverfälschte Verkündigung des Evangeliums unterstützten und für ihre Ausbreitung sorgten, wenn sie sich außerdem mit unermüdlicher Anstrengung darum bemühten, dass sie eines Tages gebildete Nachfolger hätten, die ihrerseits den Gemeinden predigen und raten und ebenso gebildete und gottesfürchtige Prediger in ihr Amt einsetzen könnten, dann ständen sie nicht bei allen in einem so schlechten Ruf, und dem Gemeinwesen wäre besser gedient.

Weise ist es daher, was Erasmus den Bischöfen im ersten Buch seines Werks ›Der Prediger‹ rät: Der Bischof, der »selbst oft predigt und die Möglichkeit hat, andere hinzuzuziehen, die für diese Aufgabe geeignet sind, würde meiner Meinung nach einen höheren Lohn für seine Mühe erzielen, wenn er gewissenhaft, in eigener Person und durch seine Helfer, darüber wachte, dass in den einzelnen Gemeinden geeignete und ›didaktikoi‹ (›gut ausgebildete‹) Hirten als Vorsteher eingesetzt, offenkundig unbrauchbare aber ihres Amtes enthoben würden, als wenn er selbst sich einzig und allein der Aufgabe des Predigens widmete. Damit aber eine ausreichende Anzahl solcher Männer zur Verfügung steht, wird es von größtem Nutzen sein, wenn er sich um die Ausbildung begabter junger Leute an öffentlichen Hochschulen kümmert und nur den zur Priesterweihe zulässt, der vermuten lässt, er werde ein ehrenwertes Vorbild abgeben, so dass er einmal als guter Kirchenvorsteher tätig sein kann. Hier nämlich liegt die Quelle, der das Unheil für die Kirche zum großen Teil entspringt. Der Bischof kann nicht in allen Ortskirchen predigen, doch selbst wenn er allein ist, kann er allen zu einem getreuen Hirten verhelfen; und wenn das vielleicht auch nicht sofort geschehen kann, kann es doch allmählich, nach und nach, geschehen. Wenn nun jemand Bischof sein sollte, der eher zur Verwaltung als zur Lehre geeignet ist, kann er durch seine sorgende Aufsicht leicht ausgleichen, woran es ihm fehlt. Doch mit noch größerer Tatkraft wird er sie ausüben, wenn er sich vor Augen hält, dass der höchste Hirte ihm selbst alles als Schuld anrechnen wird, worin die übel getan haben, welche er mit seiner Stellvertretung betraut hat. So muss denn für Bischöfe unter allen Obliegenheiten dies die erste und vorrangigste sein. Kluge Gebieter betreiben nichts sorgfältiger und umsichtiger, als sich zuverlässige und kundige Kriegsführer zu verschaffen, um ihnen das Heer anzuvertrauen, zumal sie davon überzeugt sind, dass von ihnen das Kriegsglück abhängt.«

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Gott verteidigt seine Schafe

Philipp Melanchthon (Nunc denuo cura et diligentia Summa recogniti multisque in locis copiose illustrati 1559, Bd. 1, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2018, S. 29):

Denn wenn auch der Teufel, der ein Menschenmörder ist, mit außerordentlichen Fallen die Einzelnen bestürmt, um sie von Gott loszureißen und zu vernichten, so verteidigt doch Gott im Gegenteil seine Schafe, wenn sie auch noch so schwach und bedrängt sind, wie er sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme und niemand wird sie aus meiner Hand reißen“.

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Nur noch 38 Prozent der Briten bezeichnet sich als Christen

Der Anteil der Briten, die sich als Christen identifizieren, hat – seit dem Umfragen dieser Art vorgenommen werden – einen Tiefpunkt erreicht. Das National Centre for Social Research, das vorgibt, Großbritanniens größte unabhängige Sozialforschungsagentur zu sein, veröffentlichte diese Woche seinen 36. „British Social Attitudes Report“, der auf einer Umfrage unter 3.879 Personen basiert. Der Bericht bestätigte den anhaltenden Trend in Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika, demzufolge immer mehr Menschen keiner Religion angehören. Laut Studie  identifizieren sich nur noch 38 Prozent der Befragten mit dem christlichen Glauben, im Jahr 2008 waren es noch rund 50 Prozent.

Hier der Bericht: 1_bsa36_religion.pdf.

Kirche, die nicht alles mitmacht

Nicht nur die Politik, auch Redaktionen und Journalisten, setzen Kirchen, die eine „Ehe für alle“ ablehnen, massiv unter Druck. Anders formuliert: Wer sich gegen den moralischen Mainstream in Europa und Nordamerika stellt, wird diffamiert.

Wie wird es weitergehen? Wird die „Elite“ Kirchen oder einzelne Pastoren, die sich dem Druck nicht beugen, sanktionieren? Das wäre ein deutlicher Übergriff, denn die Lehre der Kirche ist frei. Eine Kirche, die diesem Druck nachgibt, um relevant zu sein oder geliebt zu werden, verramscht nicht nur ihre Freiheit, sondern wird zum Spielball weltlicher Mächte. So eine Kirche darf sich dann vielleicht (kurzfristig) darüber freuen, den Segen der Welt zu empfangen. Den Segen Gottes verspielt sie. Und genau auf diesen Segen kommt es an.

Hier ein aktuelles Beispiel aus der Schweiz:

Die Reformierten [in der Schweiz, Anm. R.K.] haben sich stets dadurch ausgezeichnet, dass sie auf gesellschaftliche Öffnungsprozesse schneller reagieren als der Vatikan: Frauenordination oder Trauungen von Geschiedenen sind für sie eine Selbstverständlichkeit, ebenso wie Segnungsfeiern für Homosexuelle. Wenn sich der Schweizerische Evangelische Kirchenbund nun schwertut, den kleinen Schritt hin zu kirchlichen Trauungen für Lesben und Schwule zu tun, ist das alarmierend. Zu vermuten ist, dass nur eine überschaubare Anzahl von Homosexuellen überhaupt vor den Altar treten will. Doch darum geht es nicht. Wichtiger ist das Signal, das die Protestanten aussenden: Wollen sie Liberalisierungbestrebungen mitmachen, hinter denen deutliche Mehrheiten der Bevölkerung stehen – oder entscheiden sie sich für das Verharren in antiquierten Positionen?

Mehr: www.nzz.ch.

Calvin: Gott erkennen

Johannes Calvin wurde am 10. Juli vor 510 Jahren geboren. Es lohnt sich, sein Hauptwerk dreimal zu lesen. Hier ein Zitat aus der Institutio I,2,1:

Erkenntnis Gottes ist nun für mein Verständnis nicht allein darin beschlossen, daß wir wissen: es ist ein Gott. Wir sollen auch festhalten, was uns von ihm zu wissen nottut, was zu seiner Ehre dient, was uns zuträglich ist. Denn es kann von einem eigentlichen Erkennen Gottes keine Rede sein, wo Ehrfurcht (religio) und Fröm­migkeit fehlt. Und dabei denke ich noch nicht einmal an jene Weise der Erkenntnis Gottes, durch welche in sich verlorene und verdammte Menschen in Christus, dem Mittler, Gott als Erlöser ergreifen. Hier ist bloß von jener ursprünglichen und einfachen Erkenntnisweise die Rede, zu welcher schon die Ordnung der Natur führen würde, wenn Adam nicht gefallen wäre. Es kann zwar gewiß in dieser Verderbnis der Menschheit kein Mensch Gott als den Vater, den Urheber seines Heils, noch irgendwie als den gnädigen Gott erkennen, ehe denn Christus ins Mittel tritt, um uns den Frieden mit Gott zu erringen. Gleichwohl ist es etwas anderes, Gott zu erkennen als den Schöpfer, der uns mit seiner Macht trägt, mit seiner Vorsehung leitet, seiner Güte pflegt, mit der Fülle seiner Segnungen begleitet, und wiederum etwas anderes, die Gnade der Versöhnung zu ergreifen, die uns in Christus zukommt. Weil uns nun der Herr erstlich einfach als der Schöpfer entgegentritt — in seinem Werke, der Welt, wie auch der allgemeinen Lehre der Schrift — und dann fernerhin im Angesicht Christi als der Erlöser, so ergibt sich eine zwiefache Erkenntnis Gottes.

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Die Leiblichkeit der Gemeinde

Dietrich Bonhoeffer schreibt über die Leiblichkeit der Gemeinde (Nachfolge, 2015, Sonderausgabe, Bd. 4, S. 241–242):

Eine Wahrheit, eine Lehre, eine Religion braucht keinen eigenen Raum. Sie ist leiblos. Sie wird gehört, gelernt, begriffen. Das ist alles. Aber der menschgewordene Sohn Gottes braucht nicht nur Ohren oder auch Herzen, sondern er braucht leibhaftige Menschen, die ihm nachfolgen. Darum berief er seine Jünger in seine leibliche Nachfolge, und seine Gemeinschaft mit ihnen war jedermann sichtbar. Sie war begründet und zusammengehalten durch Jesus Christus den Menschgewordenen selbst, das fleischgewordene Wort hatte gerufen, hatte die leibliche sichtbare Gemeinschaft geschaffen. Die Gerufenen konnten nicht mehr verborgen bleiben, sie waren das Licht, das leuchten muß, die Stadt auf dem Berge, die gesehen werden muß. Über ihrer Gemeinschaft stand sichtbar das Kreuz und Leiden Jesu Christi. Um seiner Gemeinschaft willen mußten die Jünger alles aufgeben, mußten sie leiden und verfolgt werden, und doch empfingen sie gerade unter Verfolgungen in seiner Gemeinschaft sichtbar wieder, was sie verloren, Brüder und Schwestern, Äcker und Häuser. Die Gemeinde der Nachfolgenden war offenbar vor der Welt. Hier waren Leiber, die handelten, arbeiteten und litten in der Gemeinschaft Jesu.

Induktives Bibelstudium

Die nachfolgende Rezension zu dem Buch:

  • Richard Alan Fuhr u. Andreas J. Köstenberger. Induktives Bibelstudium: Beobachtung, Auslegung und Anwendung aus dem Blickwinkel der Geschichte, Literatur und Theologie. Precept Ministries International, 2018, 352 S. € 24,95..

erschien in der Zeitschrift GLAUBEN UND DENKEN HEUTE 1/2019 (Nr. 23), S. 56–57:

Inductive Cover 96b1d2d3Das Induktive Bibelstudium ist eine praxisorientierte Methode, um die Bedeutung von Bibeltexten zu erschließen. Das Prinzip ist sehr einfach. Der Bibelleser kommt in drei Schritten zum Ziel: Er (1) beobachtet, (2) interpretiert und (3) wendet an.

Beobachten, interpretieren und anwenden

Beim Beobachten wird der Bibeltext gründlich gelesen. Dabei werden wichtige Informationen aus dem Text „eingesammelt“. Der Leser schaut genau hin, markiert Schlüsselwörter, Gegensätze, Vergleiche, Themen und so fort. Beim Interpretieren setzt der Leser die gerade gesammelten Informationen in ein Verhältnis zum innerbiblischen Kontext. Er versucht also, zu verstehen, was die Hörer des Textes in ihrer damaligen Zeit verstanden haben. Bei der Anwendung geht es schließlich darum, den Ertrag der Interpretation mit dem eigenen Leben in Verbindung zu bringen. Also: Was bedeutet der Text für mich oder für uns? Was sind die Konsequenzen?

Neue Entwicklungen in der Hermeneutik eingearbeitet

In den letzten Jahrzehnten wurden viele Anleitungen zum Induktiven Bibelstudium veröffentlicht. Zugleich wurde aber auch erkennbar, dass diese insgesamt eingängige Methode mit jüngeren Entwicklungen in der Bibelhermeneutik nicht Schritt halten kann. Die neue Publikation Induktives Bibelstudium von Richard Alan Fuhr und Andreas J. Köstenberger versucht nun, innovative Entwicklungen der Hermeneutik mit dem praxisbezogenen Bibelstudium zusammenzufassen. Wissenschaftliche Grundlage für dieses Projekt ist die voluminöse Hermeneutik von Köstenberger und Patterson (Invitation to Biblical Interpretation: Exploring the Hermeneutical Triad of History, Literature, and Theology. Grand Rapids, MI: Kregel Academic & Professional, 2011). Die dort herausgearbeitete Triade von Geschichte, Literatur und Theologie wird in diesem Buch mit der traditionellen Methode des induktiven Textstudiums zusammengeführt. Ausgehend von der Prämisse, dass die Bibel ein historischer, literarischer und theologischer Text ist und aus dem Blickwinkel dieser drei Dimensionen gelesen werden sollte, bietet die induktive Methode hier den Rahmen für ein schrittweises Studium, das alle Facetten der sogenannten hermeneutischen Triade berücksichtigt.

Durch die grundlegenden Schritte der Beobachtung, Auslegung und Anwendung liefert das Werk konkrete Handlungsanweisungen für den Umgang mit Bibeltexten. Es ist in vier Abschnitte unterteilt. Der erste Teil stellt die induktive Methode vor und führt in aktuelle Herausforderungen ein. Der zweite Teil stellt fünf Schritte der Beobachtung vor. Diese Schritte versetzen den Leser in die Lage, die Bibel mit großer Sorgfalt beobachtend anhand gezielter Fragen zu erforschen. Hier werden unterschiedliche Übersetzungen verglichen oder auch besondere Merkmale der verschiedenen Textgattungen erörtert. Sogar eine Einführung in die Strukturanalyse ist enthalten. Der dritte Teil macht den Leser mit dem zweiten Schritt der induktiven Methode vertraut: der Auslegung. Behandelt werden Einleitungsfragen und das Ernstnehmen der historischen, literarischen und theologischen Zusammenhänge. Auch das Studium von Wortbedeutungen und literarischen Einheiten wird hier vorgestellt und bewertet. In dem vierten und letzten Teil setzen sich die beiden Autoren mit verschiedenen Schritten und Problemstellungen auseinander, die die Anwendung eines aus der Antike stammenden Textes für die Gegenwart betreffen. Es wird also untersucht, wie die Erträge der Auslegung in unser Leben heute übertragen werden können.

Viele Beispiele enthalten

Erfreulicherweise werden Themen wie Übersetzungstheorie, Bildersprache oder wissenschaftliche Hilfsmittel erörtert. Als besonders hilfreich erachte ich es, dass sehr viele konkrete Bibeltexte behandelt werden. Immer wieder wird an biblischen Texten durchexerziert, was bestimmte Einsichten oder methodische Schritte für die Auslegungspraxis bedeuten. Um zwei Beispiele zu nennen: Die Autoren diskutieren ausführlich, ob in Psalm 8,6 der hebräische Begriff elohim besser mit „Gott“ oder „Engel“ übersetzt werden sollte. Grammatikalisch sind beide Varianten möglich. Lexikalisch ist der Begriff „Gott“ dem Wort „Engel“ vorzuziehen. „Engel“ passt allerdings besser in den Zusammenhang. Freilich ließe sich elohim auch einfach mit „himmlische Wesen“ übersetzen, so wie es die Englisch Standard Version (ESV) oder die New International Version 1984 (NIV) getan hat (vgl. S. 45–48). Ebenfalls exemplarisch wird erörtert, ob 1. Korinther 7,1 die Meinung des Paulus wiedergibt oder aber der Apostel dort die Position der Korinther zitiert, um diese anschließend zu widerlegen. Die Züricher 2007 sagt etwa: „Nun zu der Ansicht, die ihr in eurem Brief vertretet, dass es für einen Mann gut sei, keine Frau zu berühren“, und markiert damit die Aussage als Zitat. Anders hingegen die Elberfelder: „Wovon ihr aber geschrieben habt, darauf antworte ich: Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren.“ Demnach ist es die Meinung des Paulus, dass ein Mann möglichst ledig bleiben soll. Da der griechische Text keine Satzzeichen kennt, muss der Übersetzer bzw. Leser entscheiden, wie diese Stelle zu deuten ist (S. 49–51).

Oft fehlt bei der Betrachtung von Beispieltexten eine explizite Stellungnahme der Autoren. Manche Leser wird das enttäuschen. Ich selbst finde das didaktisch klug, da auf diese Weise signalisiert wird, dass der Leser in der Verantwortung steht, zwischen verschiedenen exegetischen Alternativen zu wählen. Da das Buch für Laien geschrieben wurde und keine Kenntnisse der Altsprachen voraussetzt, wird immer wieder darauf hingewiesen, dass beim Studium der Schrift auf verschiedene Übersetzungen zurückzugreifen ist. Wer nur mit einer Übersetzung arbeitet, kann die Varianten nicht entdecken.

Deutschsprachige Ausgabe vorbildlich kontextualisiert

Die deutsche Ausgabe des Buches erschien nur zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Originals. Der Übersetzer und die Herausgeber haben folglich sehr hart und schnell gearbeitet. Es wurden nicht nur die drei Register übersetzt (Bibelstellen, Autoren und Stichwörter), sondern auch deutsche Bibelübersetzungen vollumfänglich eingearbeitet. Diese Fleißarbeit steigert den Wert des Buches für deutschsprachige Leser enorm. Vermutlich ist es diesem zeitlichen Druck zu verdanken, dass hin und wieder Sätze verschachtelt daherkommen oder Begriffe unglücklich übersetzt worden sind. So wurde beispielsweise das engl. gap mit „Lücke“ übertragen, was dann zu der Redewendung „kulturelle Lücke“ oder „sprachliche Lücke“ geführt hat (vgl. S. 11–16). Hier hätte meiner Meinung nach „Graben“ besser gepasst, da sich Formulierungen wie „Kultureller Graben“ oder „Sprachlicher Graben“ in der deutschsprachigen Literatur etablieren konnten.

Aber das sind Geringfügigkeiten, die den Nutzen des Buches insgesamt nicht schmälern. Wir dürfen dem herausgebenden Verein „Precept Ministries International“ e. V. für die zügige Übertragung des Buches sehr dankbar sein. Deutschsprachige Leser erhalten eine wertvolle Anleitung zum induktiven Schriftstudium, verfasst von Autoren, die sich zur Inspiration der Bibel bekennen und zugleich von der Notwendigkeit methodischer Sorgfalt bei ihrer Auslegung überzeugt sind.

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