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A. Kuyper: Nur wenn Gott hinzukommt

ScannenIm Jahre 1924 verteidigte Karl Barth die beiden niederländischen Theologen Abraham Kuyper und Herman Bavinck gegen die Nörgelei Emil Brunners: „Auch das Geschrei über Kuyper mache ich nicht mit. K. und sein Nachfolger Bavinck waren Theologen, die jedenfalls Stil hatten“, schrieb er seinem Freund Eduard Thurneysen.

Leider sind Kuyper und Bavinck in Deutschland einigermaßen in Vergessenheit geraten. Aber es gibt gute Nachrichten: Das wichtigste Werk Herman Bavincks wird bald in deutscher Sprache zugänglich sein. Die Herausgabe seiner vierbändige Dogmatik wird derzeit vorbereitet (siehe zudem die Schrift Christliche Weltanschauung hier).

Kuyper wird dagegen Lesern, die keine Frakturschriften beherrschen, bis auf absehbare Zeit verwehrt bleiben. Jedenfalls ist mir nicht bekannt, dass vom Vater des Neo-Calvinismus demnächst etwas auf Deutsch publiziert werden soll.

Schade, denn die Beschäftigung mit Kuyper lohnt sich. Wer mehr über sein Leben und Werk erfahren möchte, findet auf diesem Blog eine kleine Einführung:

Hanniel hat überdies gerade die Biographie Abraham Kuyper: Modern Calvinist, Christian  besprochen. Zwischenfazit:

[Dem Autor] Bratt gelingt es das Bildnis einer faszinierenden Persönlichkeit einzufangen und sie in ihrem geschichtlichen, theologischen und biografischen Kontext einzubetten. Es sind so viele Stränge miteinander verwoben, dass das Lesen nicht nur alle Konzentration erfordert, sondern ab und zu ein Zurückblättern nötig macht. Ich habe dieses Buch in drei Etappen gelesen: Zuerst interessierte mich das Kapitel „Höhepunkt der Macht“ (Zeit als Ministerpräsident, 1901-1905) und Kuypers „Verdauen“ der Wahlniederlage. In einem zweiten Anlauf las ich einige Kapitel über seine erste Lebenshälfte des Aufbaus (woher er seine theologischen und politischen Überzeugungen bezog). Ich legte das Buch nochmals zur Seite, um dann den Rest zu studieren.

Ich werde in den nächsten Wochen hier einige Aphorismen von A. Kuyper veröffentlichen. Die Texte stammen aus einer Sammlung Wilhelm Kolfhaus’, die 1926 im Furche Verlag herausgegeben wurde. Leider sind dort die niederländischen Quellen nicht genannt. Die Schrift ist vergriffen.

Beginnen werde ich mit einigen Worten zum Wesen der Kirche. Das erste Zitat zeigt eindrücklich, dass es sich bei der heute umschwärmten Losung „Wir sind die Kirche“ bestenfalls um eine Halbwahrheit handelt. Kuyper schreibt:

Ein Gebäude, ein Prediger, eine Bibel und eine Versammlung machen noch keine Kirche und keine Predigt. Das alles wird erst Kirche und Predigt, wenn Gott hinzukommt.

Abraham Kuyper (Teil 3)

 

Abraham Kuyper: Der Wissenschaftler

Zurück in Holland, geht er weder in die Politik noch in den Pfarrdienst, sondern widmet sich zwei anderen immensen Herausforderungen: „Einerseits die Entwicklung des Calvinismus sowohl als Theologie wie als Lebensanschauung in einem System, das in den neuen Kontext des 19. Jahrhunderts paßt, und andererseits die Ausbildung junger Menschen, die dieses Programm theoretisch auszubauen und in die Praxis umzusetzen gewillt sind“ (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 296). Er sah kaum Chancen, diese ambitionierten Pläne an bestehenden Universitäten umzusetzen, da er sich dort hätte mit dem akademischen Establishment arrangieren müssen. Er griff den bereits 1875 geäußerten Gedanken einer Universitätsgründung wieder auf und beabsichtigte die Bildung einer Lehrstätte auf Grundlage einer reformierten Weltanschauung. Kuyper wollte nicht nur das reformierte Bekenntnis gegenüber Liberalismus, Modernismus und Vermittlungstheologie behaupten, sondern offensiv den „christlichen Glauben für alle Fakultäten fruchtbar machen“ (Johannes Schick, Das Denken des Ganzen: Eine vergleichende Studie zu den Wirklichkeitsanschauungen Karl Heims und Herman Dooyeweerds angesichts der Herausforderungen durch Postmoderne und neue Metaphysik, Göttingen: Vandehoeck & Ruprecht, S. 89). 1880 wurde die Freie Universität Amsterdam (holländ. „Vrije Universiteit Amsterdam“, abgekürzt VU) eröffnet. „Frei“ bedeutet in diesem Fall, dass die Hochschule „frei“ von Kirche und Staat arbeitet und ausschließlich von privaten Trägern finanziert wird. Die Hochschule verfolgte das erklärte Ziel, „die reformierten Studenten zur Übernahme verantwortlicher gesellschaftlicher Positionen vorzubereiten“ (D. van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 34). „Hier kommt das Ideal einer Wissenschaft zum Ausdruck, die ‚souverän im eigenen Bereich‘ bleibt und weder unter der Vormundschaft des Staates noch unter kirchlichem Kuratel sich ihrer eigenen Art entfremdet‘. Im Jahre 1880 hatte sie 5 Studenten, 1885 zählte sie 50 und 1900 126, davon studierten 76 Theologie. Sie hat ihrer Aufgabe jedoch erfüllt, zur Entwicklung einer einheitlichen Geistesart der reformierten Volksschicht beigetragen und die nötigen führenden Köpfe geliefert“ (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 296).

Kuyper wird Professor an der VU und lehrt vor allem Dogmatik, Enzyklopädie der Theologie, niederländische Sprachwissenschaft, Linguistik und Ästhetik. In dieser Zeit schreibt er seine größten theologischen Bücher (Eine umfassende Bibliographie ist 2011 erschienen als: Kuipers, Tjitze, Abraham Kuyper: An Annotated Bibliography 1857–2010, Leiden : Brill ; Biggleswade: Extenza Turpin, 2011). Das einzige wissenschaftliche Werk im engeren Sinn bildet seine drei Bände umfassende Enzyklopädie der Theologie. Schon im Vorwort dieser Schrift macht er deutlich, dass er eine Wiederbelebung des reformierten Glaubens beabsichtigt. Kuyper will den kraftlos gewordenen Calvinismus, der teilweise sektiererische Züge mit starken Absonderungstendenzen aufwies, aus seiner Enge herausführen und für einen lebendigen Dialog mit der Gegenwartskultur zurüsten. Er beabsichtigt keine „Repristination des ursprünglichen Calvinismus. Vielmehr gelte es, diesen ‚in Berührung [zu] bringen mit dem menschlichen Bewusstsein, wie sich dieses am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt hat‘“ (D. van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 345–346). Zu seinen anderen bedeutenden Werken gehören seine Pneumatologie (3 Bde.), die Erklärungen zum Heidelberger Katechismus (4 Bde.), eine Ausarbeitung zur Allgemeinen Gnade (3 Bde.) sowie eine Veröffentlichung zur reformierten Liturgie. All diese Publikationen sind Sammlungen von Aufsätzen, die ursprünglich in der Wochenzeitschrift „Der Herold“ erschienen sind.

A. Kuyper: Die Königsherrschaft Christi

Abraham Kuyper über die Herrschaft Jesu Christi:

Sobald die Königsherrschaft Christi in den Schatten gestellt wird, entsteht zweierlei Leben: ein Leben in der Kirche, ein anderes außerhalb derselben. Die Einheit von beiden kommt nicht mehr zu ihrem Recht. Man gerät schließlich dahin, dass man mit der Majestät Christi außerhalb der der Kirche gar nicht mehr rechnet.

A. Kuyper: Der falsche Prediger

Abraham Kuyper über das selbstherrliche Predigen:

Verächtlich ist uns der Prediger, der im Dienst des Wortes sich selbst sucht und nach der Predigt sich nicht fragt, ab er die Seelen zu Gott erhoben, getröstet und gesegnet hat, sondern zu erfahren wünscht, ob seine Predigt auch schön war, gefallen und seinen Ruf als Prediger verkündigt hat. Wer als Prediger nicht die Ehre Gottes sucht, ist eine unheilige Gestalt auf der Kanzel.

A. Kuyper: Christ und Welt

Abraham Kuyper:

Das Geheimnis, von der Welt frei zu werden, liegt nicht darin, dass ihr immer wieder einen Schlagbaum zwischen sie und euch bringt, sondern dass ihr für immer den Schlagbaum wegnehmt, der euch von Christus trennt.

Fürchtet nicht, ungeistlich zu werden, wenn du Gottes Ordnungen auch auf nicht geistlichem Gebiet ehrst. Eher leidet umgekehrt das Geistliche Schaden durch Übergeistlichkeit.

A. Kuyper: Kirche und Gesellschaft

Abraham Kuyper schreibt über das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft:

Kirche und bürgerliche Gesellschaft sind zweierlei. Es wäre Selbstzerstörung der Kirche, wollte sie das Wohl der Gesellschaft ihr einziges Ziel nennen. Aber ebenso wenig darf die Kirche sich [so] stellen, als ginge die Gesellschaft sie nichts an. Vielmehr ist sie es, die Licht in ihre Dunkelheit, Leben in ihren Tod, Kraft in ihre Ermattung bringen muss. Nur die Kirche kann überall die heilige Freiheit verkünden, angesichts des Sklavenjobs, das die Gesellschaft quält.

A. Kuyper: Martin Luther

Abraham Kuyper über Martin Luther:

Luther ist wahrlich nicht nur der Glaubensheld der lutherischen Kirchen, sondern ebenso für uns Reformierte der Mann unserer Sympathie, der Vertraute auch unseres Herzens, dessen Wort und Werk alle Kirchen der Reformation nicht nur vieles zu danken haben, sondern, was mehr sagt, das beseelende Element ihrer Erneuerung. Wir Reformierten können uns Calvin nicht denken ohne die breiten Schultern Luthers, auf denen sich eine schlanke Gestalt erhebt. 

Kuyper: Wider die Staatsomnipotenz

Das, was Professor Emil Knodt Anfang des 20. Jahrhunderts über die Souveränitätslehre von Abraham Kuyper sagte (siehe zur „Souveränität im eigenen Kreis“ hier), ist heute wieder aktuell und bedeutsam (Emil Knodt, Die Bedeutung Calvins  und des Calvinismus  für die protestantische Welt  im Lichte der neueren und neuesten Forschung, 1910, S. 14):

Ganz vorzüglich sind die Ausführungen über Volkssouveränität, Staatssouveränität und calvinistische Gottessouveränität, durch welche das konstitutionelle Staatsrecht regeneriert wird. Gegen die Staatsomnipotenz, die auch die Lebenskreise der Wissenschaft, Kunst, Schule, Familie und Gemeinde zu absorbieren droht, wendet sich Kuyper mit scharfen Worten und weist nach, wie in diesen Kreisen Freiheit herrschen muß, und das diesen Kreisen ein­ erschaffene Lebensgesetz zu respektieren ist, wie es der Calvinismus anstrebe. „Gott herrscht in diesen Sphären ebenso freimächtig, wie er im Staat durch die Obrigkeit die Herrschaft führt. Ge­bunden durch ihr eignes Mandat, darf also die Obrigkeit das göttliche Mandat, worunter diese Sphären stehen, nicht ignorieren, noch abändern, noch verkürzen … Weder das wissenschaftliche Leben, noch das Kunstleben, noch der Landbau, noch die Industrie, noch der Handel, noch die Schiffahrt, noch das Hausgesinde, noch das Familienleben, noch das Gemeindeleben darf gezwungen werden, sich der Gnade der Obrigkeit zu fügen.

Der Staat darf keine Wucherpflanze sein, die alles Leben aufsaugt. Auf eigner Wurzel hat er inmitten der andern Stämme seinen Platz in dem Wald einzunehmen und somit alles Leben, das selbständig aufschießt, in seiner heiligen Autonomie zu erhalten.“ „Wie auch die Form sich änderte, bleibt es der calvinistische Gedanke, dem Volke in allen seinen Rängen und Ständen, in allen seinen Kreisen und Sphären, in allen seinen Korporationen und selb­ständigen Instituten in gesund demokratischem Sinn gesetzlich geregelten Einfluß auf die Gesetzgebung zu geben.“ (S. 88 ff.)

A. Kuyper: Liebt einander

Abraham Kuyper mahnt zur brüderlichen Liebe über Gemeindegrenzen hinweg:

Welchen Segen der Einzelne auch von seiner besonderen Kirche haben möge, sobald es dahin kommt, dass er sich deswegen einschließt in den eigenen Kreis und abschließt von den anderen Kindern Gottes, dann ist ihm seine Kirche, wie gut und tadellos sie auch sei, zur Ursache der Sünde geworden, und diese Sünde wird sich rächen in seinem geistlichen Leben. Daher muss jedes Kind Gottes über die eignen kirchlichen Zäune hin allen Kindern Gottes die Hand brüderlicher Liebe reichen, nicht kühler platonischer, sondern warmer christlicher Liebe. Selbst wo zuweilen ernster kirchlicher Streit uns zu scheiden droht, darf nie und nimmer eine bittere Wurzel aufwachsen.

A. Kuyper: „Dein Reich komme“

Abraham Kuyper über das Gebet „Dein Reich komme“:

Bei der Bitte „Dein Reich komme“ wird an das eigene Ich kaum gedacht. Die Bewegung der Seele richtet sich auf Gottes Ehre, nicht auf unsere Seligkeit, und was unsere Seele verzehrt, ist nicht der Wunsch, es selbst gut zu haben, sondern den Tag sich nähern zu sehen, an dem Gott herrschen wird als der ewige König.

A. Kuyper: Kirche und Staat

Abraham Kuyper über das Verhältnis von Kirche und Staat:

In der Regierung des Staates darf die Gemeinde nicht herrschen wollen. Ihr Werkzeug ist das freie Wort, ihre Macht der Einfluss von Mensch auf Mensch in seinem Gewissen, seinem Haus, der Welt seines Denkens, dort lasst Christi Geist herrschen, und ganz von selbst wird er es tun in der Verwaltung des Landes. Wird dieser Geist eine Macht in der Welt der Geister, so widersteht ihm nichts. Wo Christi Geist in Wahrheit zur Herrschaft gelangt, geht gerade aus dem Mutterschoß dieser Autorität die Freiheit hervor.

Aber der Geist Christi muss herrschen! Also nicht „Geist“ im Allgemeinen, sondern der Geist des Einen, der in unserem Fleisch und Blut erschien, der Geist einer historischen Person, womit jedes Schweben in eigenen Phantasien radikal abgeschnitten ist.

A: Kuyper: Kirche muss unabhängig sein

Abraham Kuyper legt sehr viel Wert auf die Souveränität der Kirche:

Mag eine Kirche auch noch so laut für frei erklärt sein, sie bleibt abhängig, solange sie einer Macht außerhalb ihrer Mauern für das Brot danken muss, das ist isst. Selbständigkeit ist also gebunden an ein Leben aus eigenen Mitteln.

A. Kuyper: Über Seligkeit und Verderben predigen

Abraham Kuyper sagt:

Ewige Seligkeit ist etwas so unbeschreiblich Herrliches und ewiges Verderben etwas so unaussprechlich Schreckliches, dass ein Prediger, der wirklich glaubt, dass er ein berufener Diener am Wort ist, die Menschen bei ihrer Wahl zu leiten, jeden Sonntag auch in seiner Einfalt beredet sein wird.

A. Kuyper: Der falsche König

Abraham Kuyper schreibt über die Anbetung des falschen Königs:

Auch der moderne Mensch kennt einen König in Menschengestalt, wie ihn die Christenheit anbetet in ihrem Christus, aber an Stelle des Jerusalem, das droben ist, hat er ein Babylon auf Erden, statt eines durch den allmächtigen Gott Gekrönten die Selbstkrönung, statt der Macht des Heiligen Geistes die sich alles unterwerfende Macht von Silber und Gold. Der Gegensatz gegen Christi Königsherrschaft wird absolut. Dieser Prozess ist nichts Willkürliches, sondern verläuft nach innerer Notwendigkeit. Der Mensch will und muss einen König haben, und nachdem einmal das Auge sich schloss gegen die Herrlichkeit des Königtums Jesu, kann gemäß dem Wesen der Sünde und der Anlage unserer menschlichen Natur keine andere Folge eintreten, als dass der Mensch sich selbst mit Hilfe von lauter weltlichen Faktoren zum König über unser ganzes menschliches Leben ausruft.

Abraham Kuyper (Schluß)

 

Abraham Kuyper: Der reformierte Denker 

Denkerischer Ausgangspunkt für Kuyper ist das Bekenntnis zur absoluten Souveränität Gottes. Dieser Glaube an die allumfassende Königsherrschaft von Jesus Christus (engl. Lordship Principle) bedeutete ihm, dass der Calvinismus als eine Lebensanschauung (engl. Life-System) anzusehen ist, die jeden Bereich der Wirklichkeit berührt. Die Herrschaft von Jesus Christus über die gesamte Wirklichkeit konkretisiert sich in drei Ordnungen, die jeweils unmittelbar Gott unterstellt sind, nämlich Staat, Gesellschaft und Kirche (Abraham Kuyper, Lectures on Calvinism, Grand Rapids, MI: Erdmans, Reprint 2002, S. 79). 
 
Einerseits verteidigte Kuyper große (Wieder-)Entdeckungen der Reformatoren wie die tiefe Sündhaftigkeit aller Menschen, die Glaubensgerechtigkeit oder die Erwählung, andererseits gab er dem Calvinismus ein aufgeschlossenes und der Welt zugewandtes Gesicht. Gelingen konnte ihm das durch die gleichzeitige Betonung von Antithese und allgemeiner Gnade.
 
Mit der Antithese hebt Kuyper den Gegensatz von Kirche und Welt heraus. Die Kinder Gottes leben versöhnt nach dem Glauben zur Ehre Gottes. Die Kinder der Welt richten sich nach ihrem eigenen verdorbenen Herzen und rebellieren gegen Gott. Diese vorausgesetzte Antithese führt allerdings nicht in den Kulturpessimismus, dem Kuyper die „allgemeine Gnade“ gegenüberstellt. 
 
Während die spezielle Gnade die erwählten Menschen erleuchtet und mit Gott versöhnt, schenkt uns die allgemeine Gnade, was wir zum Leben benötigen und begrenzt die sündhaften und destruktiven Mächte dieser gefallenen Welt. Von der allgemeinen Gnade profitieren also alle Menschen. Gott versprach im Noahbund, die Erde trotz der Bosheit der Menschen zu erhalten (vgl. Gen 8,21). „Solange die Erde währt, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ Gen 8,22). Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Die allgemeine Gnade gibt den Ebenbildern Gottes das Mandat für die Erforschung und Gestaltung dieser Welt. Für die Christen heißt das, dass sie zusammen mit den Heiden kulturschaffend tätig sind. Sie arbeiten, sie engagieren sich für Gerechtigkeit und Wohlfahrt, sie sind künstlerisch tätig oder treiben Sport. All das verbindet sie nicht nur mit den Christen, sondern auch mit ihren ungläubigen Freunden und Nachbarn, deren Leistungen sie wertschätzen. Eine besondere Stellung räumte Kuyper übrigens der Wissenschaft ein, indem er sie in der Schöpfung ansiedelte. „Ohne Sünde“, schrieb Kuyper, „gäbe es weder einen Staat noch die christliche Kirche, aber die Wissenschaft“ (Wisdom & Wonder, Grand Rapids, Michigan, 2011, S. 35). 
 
Im niederländischen Protestantismus erntete der Neo-Calvinismus mitunter scharfe Kritik. Kuyper wurde und wird vorgeworfen, er habe das reformierte Christentum von der überlieferten reformierten Theologie entfremdet. Tatsächlich veränderte sich unter ihm das „reformierte Selbstverständnis“. 
 
Kuyper verlor beispielsweise vertraute Mitstreiter, als er eine Korrektur des Niederländischen Glaubensbekenntnisses (lat. Confessio Belgica) einforderte. Er störte sich am Artikel 36, wo zur Bestimmung des Staates gesagt wird, dass dieser nicht nur für die bürgerliche Verfassung zu sorgen hat, sondern auch darum bemüht sein soll, „dass der Gottesdienst erhalten werde, aller Götzendienst und falscher Gottesdienst entfernt werde, das Reich des Antichrists zerstört, Christi Reich aber ausgebreitet werde. Endlich ist es ihres Amtes zu bewirken, dass das heilige Wort des Evangeliums überall gepredigt werde und dass jeder Gott auf reine Weise nach Vorschrift seines Wortes frei verehren und anbeten könne“. Kuyper sah hier eine unzulässige Verknüpfung von Staat und Kirche und deshalb eine Verletzung der „Souveränität im eigenen Kreis“. Er war überzeugt, dass Familie, Staat und Kirche jeweils eigene Domänen sind, die sich gegenseitig nicht „hineinregieren“ sollten. R. S. de Bruïne (1869–1941) hat diese kuypersche „Sphärensouveränität“ einmal markant formuliert: „Es ist unsere Überzeugung, dass es nicht zur Berufung des Staates gehört, das soziale Leben von oben zu kontrollieren und es in vorgefertigte Bahnen zu pressen … Wir unterscheiden mehrere Kreise: den Staat, die Gesellschaft, die Kirche und die Familie, um nur einige zu nennen. Diese haben alle ihre eigene Natur, ihre eigene Autorität und Verantwortung. (zitiert nach: Joop M. Roebroek, The Imprisoned State, 1993, S. 55). Für Kuyper war es unerträglich, wenn der Staat kirchliche Aufgaben übernahm oder die Institution Kirche versuchte, Politik zu machen. Seine Bemühungen, die Korrektur des Artikels durchzusetzen, traf auf harten Widerstand (vgl. dazu: Peter Heslam, Creating a Christian Worldview: Abraham Kuyper‘s Lectures on Calvanism, 1998, S. 162–164). Schlussendlich wurde die Passage 1905 von den Reformierten Kirchen aber aus dem Bekenntnis gestrichen (Dirk van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 356). 
 
Noch ein Beispiel: Vor Kuyper bestritten die Reformierten zwar nicht, dass Christen den Auftrag haben, Gesellschaft zu gestalten. Betont wurde aber vor allem die Erlösung von Sündern. Die Predigten befasste sich meist mit den großen biblischen Themen wie Buße, Glaube, Wiedergeburt, Rechtfertigung, Heiligung usw. Durch Kuyper verschob sich der Schwerpunkt hin zur Weltverantwortung. Die Frage, was der Heilige Geist in den Herzen der Sünder durch das Wort wirkt, wurde zwar nicht ausgeblendet, aber oft von dem überlagert, was Christen tun sollten, um Gesellschaft und Kultur zu prägen (vgl. Cornelius Pronk, „Neo-Calvinism“, S. 49). 
 
Gern wird Kuyper deshalb heute für die sogenannte „transformative Kulturauffassung“ oder „Gesellschaftstransformation“ in Anspruch genommen. Demnach sind Christen dazu beauftragt, sich in gesellschaftliche Prozesse einzumischen und diese auf Mikro-, Meso- und Makroebene zu verändern. Ist diese Vereinnahmung von Kuyper berechtigt? Ja und nein. Tatsächlich wollte Kuyper den Protestantismus entprivatisieren und entwickelte eine „öffentliche Theologie“, die viele neue Anstöße für die parteiische Einmischung und Weltverantwortung lieferte. 
 
Damit überwand er die von Immanuel Kant (1724–1804) angestoßene und noch heute gefragte Aufspaltung der Vernunft in einen öffentlichen und einen privaten Gebrauch. Es bedürfe der Freiheit, „von seiner eigenen Vernunft in allen Stücken öffentlich Gebrauch zu machen“, sagte Kant (Kant, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, 1974, S. 11). Er kontrastiert den öffentlichen Gebrauch der Vernunft mit dem privaten. Unter öffentlichem Gebrauch versteht er „denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht“ (Ibid., S. 9). Der Privatgebrauch der Vernunft könne dagegen eingeschränkt sein (Ibid., S. 11). Kuyper holte den Glauben, der sich auf Offenbarung berief, wieder
in den öffentlichen Diskurs zurück. Sein Ansatz hob dabei entschieden vom liberalen Kulturprotestantismus ab, der Evangelium und Kultur durchmischte. Zugleich unterschied er – wie oben bereits angesprochen –, scharf zwischen allgemeiner und rettender Gnade. Um es anders auszudrücken: Kuyper verwechselte die Erhaltungsethik nicht mit dem Aufbau von Gottes Reich. Darum wissend, dass das geistliche Reich nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36), schrieb er (A. Kuyper, „Common Crace“ zitiert aus: David VanDrunen, Natural Law and The Two Kingdoms, 2010, S. 295):
 
Wir müssen zwischen zwei Dimensionen dieser Manifestation der Gnade unterscheiden. 1.a. eine rettende Gnade, die am Ende Sünde abschafft und ihre Folgen vollständig rückgängig macht; und 2. eine zeitliche zurückhaltende Gnade, die die Wirkung der Sünde abmildert und aufhält. Die erste … ist ihrer Natur nach eine besondere und auf die Auserwählten Gottes begrenzt. Die zweite … erstreckt sich auf das gesamte menschliche Leben.
 
Die Frucht der besonderen Gnade, die Menschen mit Gott durch Jesus Christus versöhnt, war eindeutig das Herzensanliegen von Kuyper (vgl. S.U. Zuidema, Common Grace und Christian Action in Abraham Kuyper, S. 6). Die Kirche als Institution sollte deshalb treu das Evangelium verkündigen. Kulturpräsenz wird erreicht, da die Kirche als Organismus in der Welt wohnt.
 
Kuypers Wirkung ist ambivalent. Er stärkte das nachmoderne Christentum auf dem Weg zu einem kulturpräsenten Christsein und inspirierte herausragene christliche Vordenker, unter ihnen Herman Bavinck (1854–1921), Hermann Dooyeweerd (1894–1977), Hans Rookmaaker (1922–1977) oder Francis Schaeffer (1912–1984). Doch auch Bewegungen wie der „Christian Reconstructionism“ von Rousas J. Rushdoony (1916–2001) und Greg L. Bahnsen (1948–1995) oder der „shalom-Neo-Calvinismus“, wie er von Alvin Plantinga (* 1932) und Nicholas Wolterstorff (* 1932) vertreten wird, sind von Kuyper inspiriert. Interessanterweise ist der „Christian Reconstructionism“ anti-sozialistisch ausgerichtet und hebt die „Antithese“ zwischen christlichem und weltlichem Denken heraus (vgl. dazu: Thomas Schirrmacher, Anfang und Ende von Christian Reconstruction (1959–1995), 2001). Der „shalom-Neo-Calvinismus“ ist demgegenüber sozialistischen Idealen aufgeschlossen und neigt dazu, die Immanenz Gottes und die Kontinuität zwischen der jetzigen und der zukünftigen Welt zu idealisieren (vgl. dazu: Williams Dennison, „Dutch Neo-Calvinism and the Roots for Transformation“, JETS 42 (1999), Nr. 2, S. 271–291). Gelegentlich wird von den „Transformisten“ deshalb eingestanden, dass sie sich mehr mit dem Beispiel als mit den inhaltlichen Anliegen des niederländischen Theologen identifizieren (z.B. Phillip Morgen, „Abraham Kuyper: Christ Transforming Culture, Helwys Society Forum, URL: http://www.helwyssocietyforum.com).
 
Alles in allem leitete Kuyper vor ungefähr einhundert Jahren eine notwendige und begrüßenswerte Renaissance des reformierten Denkens ein. Wir dürfen dankbar sein, dass er die christliche Weltdeutung aus der Defensivhaltung herausführte und zahlreiche Christen ermutigte, den ideologischen Götzendienst des Modernismus zu dekonstruieren und christliches Denken einzuüben. Wer Jesus Christus nachfolgt, sieht die ganze Welt mit anderen Augen. Wir können und sollten viel von ihm lernen.
 

Kuyper: Das Wort Gottes

Abraham Kuyper schreibt über das Wort Gottes:

Man muss wohl unterscheiden zwischen „Wort Gottes“ im absoluten Sinn und dem Wort Gottes, wie es uns geoffenbart und der Kirche in der Heiligen Schrift gegeben ist. Die Heilige Schrift hört einmal auf. Wenn das Ende aller Dinge gekommen ist, wird auch die Schrift mit dieser ganzen Erde dahin sein. Es ist nicht so, als wäre in der Bibel als Buch irgendeine magische Kraft vorhanden, die schon als solche auch ohne die Einwirkung des Heiligen Geistes ihren Dienst täte. Das Buch als solches ist eine Sammlung bedruckten Papiers. Was darin Kraft besitzt, ist allein das Wort Gottes, das durch die Schrift rauscht, und dieses Wort Gottes wird uns nur bewusst durch die erleuchtende und versichernde Wirkung des Heiligen Geistes.

Wenn wir von der Heiligen Schrift als „Wort Gottes“ reden, meinen wir ein bestimmtes Wort Gottes, und zwar das Wort, wodurch er seine Gnade oder sein Evangelium geoffenbart hat mit alledem, was zum rechten Verstand dieses Evangeliums nötig ist. Daher unser ernster Protest gegen die Behauptung, wir hätten wohl in der Schrift ein Wort Gottes, aber die Heilige Schrift sei nicht selbst Gottes Wort. Das ist Unsinn … Obwohl das, was der Mensch sprach, Menschenwort bleibt, so dient es doch alles dazu, um uns das eine Wort von Gottes Gnade in seinem Reichtum und seiner Wirkung auf unser Herz verstehen zu lehren.

Abraham Kuyper: Politische Theologie

Der Verlag Hexham Press publiziert in Zusammenarbeit mit dem Acton Institut und der Kuyper Translation Society 12 Bände mit der politische Theologie von Abraham Kuyper in englischer Sprache. Es heißt dazu in einer Mitteilung zum Geburtstag von Kuyper:

Kuyper’s Collected Works in Public Theology include eight key works spread across 12 volumes:

  • In Kuyper’s seminal three-volume work, Common Grace, he presents a constructive public theology of cultural engagement rooted in the common humanity Christians share with the rest of the world.
  • In Pro Rege, Kuyper applies the principles laid out in Common Grace to life under the lordship of Christ.
  • In Our Program, Kuyper constructs a Christian alternative to the secular politics of his day. His political program sees the church and state engaging fully with each other while remaining fully separate.
  • The six other volumes in the collection are anthologies of Kuyper’s thoughts, writings, and speeches on a wide variety of subjects: caring for the poor and personal social ethics; Christianity’s relationship to Islam; the church and ecclesiology; business & economics; and education.

Die Bände können elektronisch für die Software Logos oder als gedruckte Bücher erworben werden. Ein Kombi-Angebot gibt es ebenfalls.

Mehr Informationen und ein kurzes Einführungsvideo gibt es hier: blog.logos.com.

Da Abraham Kuyper in Deutschland weniger bekannt ist, hier noch ein zur Werkausgabe passender Auszug aus dem Aufsatz „Abraham Kuyper“, aus: Vergangenheit als Lernfeld, Bonn, 2015, S. 255–266, hier S. 258–262):

[Kuyper] hoffte, die Volkskirche theologisch und strukturell reformieren zu können, stieß jedoch auf so viele Widerstände, dass es schließlich wie schon 1834 zu einer Abspaltung kam. 1886 entstand unter Kuypers Einfluss die neue Gereformeerde Kerken in Nederland, in der unter großen Mühen ungefähr 400.000 „Abgetrennte“ zusammengeführt werden konnten.

Kuyper fragte nicht nur nach dem angemessenen christlichen Einfluss auf die Kultur und die Gestalt der Kirche, sondern schenkte auch den christlichen Schulen große Aufmerksamkeit. Die reformierten Schulen wurden 1806 in öffentliche Einrichtungen umgewandelt. „In ihnen sollte die Erziehung ‚zur Bildung aller christlichen und gesellschaftlichen Tugenden‘ dienen“, wie es das Schulgesetz von 1857 später formulierte. Kuyper nahm an der Verchristlichung staatlicher Schulen Anstoß und plädierte für die Errichtung konfessioneller Schulen. Neben den staatlichen wurden so auch protestantische und katholische Schulen eingerichtet, die freilich erst ab 1920 Fiskalen staatlichen Schulen gleichgestellt wurden.

Durch sein Interesse an der Schulpolitik lernte Kuyper den von ihm sehr geschätzten niederländischen Politiker und Historiker Guillaume Groen van Prinsterer kennen und wurde von ihm in die Politik eingeführt. 1874 erfolgt die Wahl als Abgeordneter in die zweite Kammer des niederländischen Parlaments. Da Geistliche keine Parlamentsmitglieder sein durften, musste er seinen Pastorenberuf aufgeben. Groen und Kuyper machten sich für eine Reformierung der niederländischen Gesellschaft in calvinistischem Sinne stark und bekämpften gegen den als Übel ihrer Zeit angesehenen Geist der Französischen Revolution. Auf diese Weise entstand die „erste wirklich organisierte politische Partei der Niederlande, die ‚Antirevolutionäre‘ oder ‚Christlich-Historische Partei‘, deren Grundsätze Kuyper 1878 mit dem Manifest ‚Ons Program‘ aufstellte und durch ausführliche Erklärungen erläuterte.“ Kuyper wollte die katholischen und liberalen Einflüsse in den Niederlanden keinesfalls leugnen, stellt aber den durch die Reformation erlangten besonderen Charakter im Volke heraus. Er konnte allerdings als Parlamentsmitglied zu seiner großen Enttäuschung nur wenig bewirken. Die Aufgaben im Parlament und große publizistische Aktivitäten wurden ihm bald zu viel. Er erlitt 1876, wie schon 1862, wegen Überarbeitung einen dramatischen Schwächeanfall und musste sich für ein Jahr bei einem Auslandsaufenthalt in der Schweiz, in Italien und in Frankreich regenerieren. Er selbst schrieb, dass er in dieser Zeit der Krise „zur Entschiedenheit der entschiedenen und tiefgreifenden Religion“ seiner Vorfahren geführt wurde. Später, in den Jahren 1901 bis 1905, wurde er allerdings in Personalunion Ministerpräsident und Innenminister der Niederlande und griff so nochmals aktiv in die Politik ein.

Als er nach Holland zurückkehrt, geht er weder in die Politik noch in den Pfarrdienst, sondern widmet sich zwei anderen gewaltigen Herausforderungen: Einerseits der Entwicklung „des Calvinismus sowohl als Theologie wie als Lebensanschauung in einem System, das in den neuen Kontext des 19. Jahrhunderts paßt“, und andererseits der „Ausbildung junger Menschen, die dieses Programm theoretisch auszubauen und in die Praxis umzusetzen gewillt sind.“ Er sah kaum Chancen, diese ambitionierten Pläne an bestehenden Universitäten umzusetzen, da er sich dort hätte mit dem akademischen Establishment arrangieren müssen. Er griff den bereits 1875 geäußerten Gedanken einer Universitätsgründung wieder auf und beabsichtigte die Bildung einer Universität auf der Grundlage einer reformierten Weltanschauung. Kuyper wollte nicht nur das reformierte Bekenntnis gegenüber Liberalismus, Modernismus und Vermittlungstheologie behaupten, sondern offensiv den „christlichen Glauben für alle Fakultäten fruchtbar machen“. 1880 wurde die Freie Universität Amsterdam (holländ. „Vrije Universiteit Amsterdam“, abgekürzt VU) eröffnet. „Frei“ bedeutet in diesem Fall, dass die Hochschule „frei“ von Kirche und Staat arbeitet und ausschließlich von privaten Trägern finanziert wird. Die Hochschule verfolgte das erklärte Ziel, „die reformierten Studenten zur Übernahme verantwortlicher gesellschaftlicher Positionen vorzubereiten“. „Hier kommt das Ideal einer Wissenschaft zum Ausdruck, die ‚souverän im eigenen Bereich‘ bleibt und weder unter der Vormundschaft des Staates noch unter kirchlichem Kuratel sich ihrer eigenen Art entfremdet‘. Im Jahre 1880 hatte sie 5 Studenten, 1885 zählte sie 50 und 1900 126, davon studierten 76 Theologie. Sie hat ihrer Aufgabe jedoch erfüllt, zur Entwicklung einer einheitlichen Geistesart der reformierten Volksschicht beigetragen und die nötigen führenden Köpfe geliefert.“

Kuyper wird Professor an der VU und lehrt vor allem Dogmatik, Enzyklopädie der Theologie, niederländische Sprachwissenschaft, Linguistik und Ästhetik. In dieser Zeit schreibt er seine größten theologischen Bücher. Das einzige wissenschaftliche Werk im engeren Sinn bildet seine drei Bände umfassende Enzyklopädie der Theologie. Schon im Vorwort dieser wissenschaftstheoretischen Schrift machter deutlich, dass er „eine Renaissance des Calvinismus intendiert“. Kuyper möchte den kraftlos gewordenen Calvinismus, der teilweise sektiererische Züge mit starken Absonderungstendenzen aufwies, aus seiner Enge herausführen und für einen lebendigen Dialog mit der Gegenwartskultur zurüsten. Er beabsichtigt also „keine Repristination des ursprünglichen Calvinismus. Vielmehr gelte es, diesen‚ in Berührung [zu] bringen mit dem menschlichen Bewusstsein, wie sich dieses am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt hat‘.“ Zu den anderen bedeutenden Werken gehören seine Pneumatologie (3 Bde.), die Erklärungen zum Heidelberger Katechismus (4 Bde.), eine Ausarbeitung zur Allgemeinen Gnade (3 Bde.) sowie eine Veröffentlichung zu reformierten Liturgie. All diese Publikationen sind Sammlungen von Aufsätzen, die ursprünglich in der Wochenzeitschrift „Der Herold“ erschienen sind.

Es muss erwähnt werden, dass Kuyper zu dieser Zeit einen sehr großen Einfluss auf den ebenfalls bedeutenden Theologen Herman Bavinck ausgeübte und es ihm nach mehreren vergeblichen Anläufen 1902 endlich gelang, Bavinck als Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an die VU zu holen. Bavinck hat viel von Kuyper gelernt und ein durchaus freundschaftliches Verhältnis zu ihm gepflegt. Andererseits konnte der ziemlich eitle Kuyper die Attitüden eines Generals entwickeln und Menschen derb verletzen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Beziehung zwischen Kuyper und dem eher feinsinnigen „Schüler“ später abkühlte und Bavinck vereinzelt auch gegen Kuyper Stellung bezog.

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A. Kuyper: Das Zeugnis des Heiligen Geistes

Abraham Kuyper sagt über das Zeugnis des Heiligen Geistes (Calvinismus, 2021 [1898], S. 63):

Die Notwendigkeit des Glaubens an die Heilige Schrift beruht darum für den Calvinisten nicht auf logischen Erwägungen, sondern auf dem immittelbaren Zeugnis des Heiligen Geistes, auf dem „testimonium Spiritus Sancti“. Seine Einsicht in die Inspiration ist abgeleitet, und abgeleitet ist jede kanonische Erklärung der Schrift, aber nicht abgeleitet, sondern unmittelbar wirkt die magnetische Kraft, womit die Schrift seine Seele wie der Magnet den Stahl anzieht und festhält. Und dies geht weder magisch noch unergründlich mystisch zu, sondern so, dass Gott zuerst sein Herz wiedergebiert, durch diese Wiedergeburt einen unversöhnlichen Streit zwischen seinem Herzen und der lügnerischen Welt um ihn her entfacht, und dann ihm in dieser Schrift eine Welt der Gedanken, eine Welt der Kraft und eine Welt des Lebens erschließt, wie sie auf sein wiedergeborenes Herz passt, damit übereinstimmt und als wahre, wesentliche Welt dazu gehört. Dass er diese Identität, die das wiedergeborene Leben seines eigenen Herzens mit der Welt der Heiligen Schrift aufweist, sehen und tasten kann, das ist dasjenige, was dieses „testimonium Spiritus Sancti“ in seinem Herzen zustande bringt. Er will seinen Gott wieder besitzen, er sucht den Heiligen, alles, was in ihm ist, dürstet nach dem Unendlichen, nun wohl, außer dieser Schrift gewährt er nur Schattenlinien, erst wenn er durch das Prisma dieser Schrift in die Höhe emporschaut, entdeckt er seinen Gott wieder wirklich. Darum legt er aber der Wissenschaft keine Fessel an: mag kritisieren, wer kritisieren will; auch die Kritik trägt in sich die Verheißung der Vertiefung unserer Einsicht in die Schrift.

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A. Kuyper: Zeitgeist

Abraham Kyuper schrieb vor ungefähr einhundert Jahren über die neue urbane Einheitskultur:

Im modernen Leben wühlt und herrscht ein Gemeingeist, der diesem Leben Einheit gibt in Ton und Streben, und dieser Gemeingeist wird geboren in den großen Weltstädten und zieht von dort in das Land hinein, um allmählich ganze Nationen zu erobern. Sie bestimmen Mode und Lebenshaltung, sie bilden die Lebensauffassung, die die abirrenden Geister doch wieder in einer gewissen Einheit zusammenfügt. In diesen Weltstädten lebt auf, was die Schrift mit dem Namen „Babylon“ andeutet. Das moderne Babylon ist es, das heute als Königin unsere moderne Gesellschaft mehr und mehr in jeder Lebensäußerung beherrscht, und zwar so tyrannisch, dass niemand, der auf der Höhe der Zeit sein und mitzählen will, auch nur wagt, sich seinen Bestimmungen zu widersetzen. Sklavisch folgt der Mann der Mode, den Gebräuchen und Meinungen dieser Königin. Kräftig organisiert erhebt sich so das Königreich der Welt gegenüber dem Königreich des Christus. Man fühlt, dass, was noch übrig ist von kirchlichem Einfluss auf das Leben, dem Streben jenes Reiches der Welt im Wege steht, und dass diese Hemmungen aus der Vergangenheit den modernen Geist hindern, seine Fittiche frei und fröhlich auszubreiten. Daher das zunehmende Streben, jene kirchlichen Einflüsse von allen Gebieten zurückzuzwingen, … Wissenschaft und Kunst, Genusssucht und Habsucht, alle muss zusammenwirken als Werkzeug im Dienst des allgemeinen Weltgeistes, der immer stärker das ganze Leben modernisiert und von dem modernen „Babylon“ aus seine unaufhaltsamen Triumphe feiert. Dieser Geist ist es, der kosmopolitisch geartet, alle mitlebenden Nationen zu einem Ganzen vereinigt, die ganze zivilisierte Welt unter sein Zepter sammelt und so den Platz einnimmt, der vormals von der Herrschaft Christi eingenommen wurde, und von dem das Reich Christi immer mehr verdrängt wird … Im Mittelpunkt des Lebens ist nicht mehr der von Christus ausgehende Geist tonangebend, sondern der moderne Weltgeist. Und den Brennpunkt seiner Macht findet dieser moderne Zeitgeist, der jeder Religion gleichgültig oder feindlich gesinnt ist, im modernen Babel unserer verschiedenen, aber in Harmonie zusammenwirkenden Weltstädte.

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