Abraham Kuyper (Teil 1)

Kuyper.jpgHeute starte ich eine kleine Reihe über das Leben von Abraham Kuyper. Teil 1 der vierteiligen Reihe ist seiner Jugend und Ausbildung gewidmet.

Abraham Kuyper: Der Meisterschüler

Im Europa des 19. Jahrhunderts erwachte ein neuerliches Interesse am reformierten Glauben. Der sogenannte „Neo-Calvinismus“ spielte dabei eine maßgebliche Rolle. Der „Neo-Calvinismus“ als Bezeichnung für eine reformierte Weltanschauung ist unlösbar mit dem Namen des Niederländers Abraham Kuyper (1837–1920) verbunden.

Abraham Kuyper wurde am 29. Oktober 1837 als Sohn des reformierten Pfarrers Jan Fredrik Kuyper und von Henriette Huber, die schweizerische Vorfahren hat, in Maassluis (Südholland) geboren. Obwohl in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Niederlanden die meisten Pfarrhäuser wohlhabend waren, wuchs er in eher bescheidenen Verhältnissen auf. Um das Schulgeld zu sparen, wurde der Grundschulunterricht zu Hause erteilt. Als Abraham mit zwölf Jahren das erste Mal eine Schule betrat, zählte er schnell zu den besten Schülern.

Ab 1855 studierte er in Leiden Theologie und Sprachwissenschaften. Er galt als exzellenter Akademiker mit großem Interesse für systematische und historische Theologie. Die Universität war zu jener Zeit eine Hochburg der liberalen Theologie. Ihr prominentester Gelehrter an der theologischen Fakultät, der Systematiker J.H. Scholten (1811–1885), gilt als Mitbegründer des Modernismus.

In den Jahren 1859/60 befasste sich Kuyper akribisch mit dem Kirchenbegriff des polnischen Reformators Johannes a Lasco (1499–1560) und verglich ihn mit dem Kirchenverständnis bei Calvin (1509–1564). Anlass war ein Preisausschreiben der Universität Groningen. Kuypers Untersuchung mit dem Titel „Commentatio“ erhielt den Siegespreis. Der erster Teil dieser Schrift wurde 1862 von der Universität Leiden als Dissertation mit „summa cum laude“ angenommen.

1863 heiratete Abraham seine langjährige Verlobte Johanna Hendrika Schaaij. Das frisch vermählte Paar zog in das kleine Dorf Beesd in der Betuwe, wo Kuyper eine Pfarrerstelle innerhalb der Reformierten Kirche antrat. Die Abkehr vom liberalen Modernismus und Hinwendung zum Calvinismus fallen mutmaßlich in diese Schaffensperiode. Die genauen Vorgänge lassen sich nicht mehr rekonstruieren. Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Kuyper übertrieb, wenn er seinen Aufenthalt in Beesd als Wendepunkt für seine theologischen Entwicklung herausstrich (Dirk van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, in: Marco Hofheinz, Wolfgang Lienemann u. Martin Sallmann (Hg.), Calvins Erbe: Beiträge zur Wirkungsgeschichte Johannes Calvins, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, S. 338–359, hier S. 341–342. ). Wahrscheinlich geht sein Sinneswandel auf den Einfluss der ungebildeten aber gottesfürchtigen Dame Pietje Baltus zurück (Cornelius Pronk, „Neo-Calvinism“, Reformed Theological Journal, Nov. 1995, S. 45–46).

„Bei den sehr einfachen Leuten in der Gemeinde auf dem Lande“ begegneten Kuyper Ideen, „die ihm zwar durch seine Calvinstudien geläufig waren, die aber in der damaligen Kirche kaum noch lebten“ (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 291.) Vier Jahre nach seinem Pfarrdienst in dem Dorf Beesd wird Kuyper nach Utrecht berufen. Obwohl diese reformierte Kirche als orthodox galt, ist der junge Pfarrer von der oberflächlichen Volksfrömmigkeit sehr enttäuscht. Er spricht von der „Lüge in der Kirche“ und hat „tiefgreifende Bedenken und formuliert ernsthafte theologische Einwände gegen die institutionalisierte Volkskirche“ (D. van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 342). Hier festigt sich sein Augenmerk für eine Bekenntniskirche, die sich an die reformierten Bekenntnisse des 16. und 17. Jahrhunderts bindet. Schon nach drei Jahren verlässt Kuyper Utrecht und nimmt eine Amsterdamer Pfarrstelle in der größten reformierten Gemeinde des Landes an (ca. 130.000 Mitglieder). Spätestens ab 1876/77 ist Kuyper ein durch und durch überzeugter Calvinist (vgl. C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 291).

Kommentare

  1. Johannes Strehle meint:

    Ich bin auf die weiteren Folgen gespannt.

    Wir können und sollten von Kuyper sehr viel lernen,
    nicht zuletzt über politisches Engagement.

    Ich finde sehr lesenswert:
    Dr. Abraham Kuyper
    Ein Lebensbericht von Wilhelm Kolfhaus

  2. @ Johannes: Kolfhaus ist in der Tat lesenswert, auch wenn er zur „Heldenverehrung“ neigt.

    Zur Reflexion seines politischen Engagement siehe John Bolt, A Free Church, a Holy Nation: Abraham Kuyper’s American Public Theology, http://www.amazon.de/Free-Church-Holy-Nation-American/dp/0802842542/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1353685343&sr=8-2

    Viele wichtige Texte von Kuyper gibt es in der englischen Fassung von James D. Bratt, Abraham Kuyper: A Centennial Reader, http://www.amazon.de/Abraham-Kuyper-Centennial-James-Bratt/dp/0802843212/ref=sr_1_1?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1353685439&sr=1-1

    Princeton Theological Seminary hat ein Kuyper Center und bereits viel Material digitalisiert. http://diglib.ptsem.edu/?q=Abraham+Kuyper&collection=all&action=search

  3. Roderich meint:

    @Hanniel,

    weißt Du schon, wann die „Lectures on Calvinism“ auf Deutsch erscheinen?

  4. @Ron: Unter dem Titel „Reformation wider Revolution. Sechs Vorlesungen über den Calvinismus.“ gibt es das Buch zumindest antiquarisch.

  5. Mir wird angeboten den letzten Kommentar zu bearbeiten, das funktioniert wohl nicht.

    Ich wollte @Ron durch @Roderich ersetzen.

  6. Roderich meint:

    @Andreas,

    besten Dank. Ja, das wußte ich schon. Hanniel hatte mal hier auf Theoblog gesagt, dass das Buch derzeit überarbeitet wird und bald neu herausgegeben wird. Das war sicher vor gut über einem Jahr, daher meine Nachfrage.

  7. @Roderich: Angesichts meiner anderen Verpflichtungen zu aufwendig, zurückgestellt. Willst du in die Stiefel steigen?

  8. Roderich meint:

    @Hanniel,
    das müsste man mal aufgreifen. Kuypers Buch ist sehr wichtig!
    (Nur ist es gewiss gar nicht so einfach, das Buch stilistisch auf den neuesten Stand zu bringen – vielleicht ist die Neuübersetzung billiger?)
    Mehr am besten per email…

Trackbacks/ Pingbacks

  1. […] Kuyper: A Centennial Reader) Hier einige Zitate aus der deutschen Übersetzung. (Ron Kubsch beginnt hier einen Überblick zu […]

  2. […] Theologie. Von 1901 bis 1905 war er niederländischer Ministerpräsident, siehe dazu auch hier). Nachdem seine Familie nach Nordamerika ausgewandert war, knüpfte Van Til an die akademischen […]

Deine Meinung ist uns wichtig

*