Abraham Kuyper schreibt zu Jesaja 57,16: âDenn ich will nicht immerdar hadern und nicht ewiglich zĂŒrnen; sonst wĂŒrde ihr Geist vor mir verschmachten und der Lebensodem, den ich geschaffen habe.â (To Be Near unto God, 1918, S. 8â10):
Ein KĂŒnstler, der GemĂ€lde in einer Galerie ausstellt und feststellt, dass eines davon fehlt, kann nicht ruhen, bis es aufgespĂŒrt und an seinen Platz an der Wand zurĂŒckgebracht wurde. In Ă€hnlicher Weise vermisst Gott die Seele, die in die Irre gegangen ist, weil er sie gemacht hat. Die schönen Gleichnisse vom verlorenen Groschen, dem verlorenen Schaf und dem verlorenen Sohn entsprangen im Geiste Christi dem Gedanken, dass Gott die Werke seiner HĂ€nde nicht loslassen kann. Deshalb ĂŒberlĂ€sst er die Seelen der SĂŒnder nicht gleichgĂŒltig der Verderbnis als Beute. Sie sind sein Werk. Und das macht die Bitterkeit der SĂŒnde aus.
Wenn der oben erwĂ€hnte KĂŒnstler eines Tages beim Betreten der Galerie feststellen wĂŒrde, dass ein wĂŒtender Eindringling in der Nacht seine GemĂ€lde mutwillig mit einem Messer zerschnitten hĂ€tte, wĂŒrde seine Bitterkeit keine Grenzen kennen, nicht nur, weil diese GemĂ€lde als KunstschĂ€tze zerstört worden wĂ€ren, sondern auch, weil sie als Werke seiner eigenen HĂ€nde zerstört worden wĂ€ren. Diese Form der Beleidigung ist Gott zugefĂŒgt worden. Die Seele, die er gemacht hat, ist innerlich durch die SĂŒnde zerrissen worden und ist fast unkenntlich geworden. Und so oft wir der SĂŒnde nachgeben, wird die Seele noch weiter verdorben. Es ist jedes Mal die Fortsetzung mit erhobener Hand des Werkes der Zerstörung der Seele, die Gott gehört, weil er sie gemacht hat.
Die Zerstörung der eigenen Seele oder der Seele seiner Kinder oder anderer durch Beispiel oder vorsĂ€tzliche Versuchung ist immer die Zerstörung eines göttlichen Kunstwerks, einer Schöpfung Gottes, die ihn in seinem eigenen Werk verwundet und die Spuren von ihm selbst darin verdirbt. Es ist, als ob ein Kind vor den Augen seiner Mutter verwundet und getötet wird. Es ist ein Trotz gegen die Liebe des Schöpfers zu seinem Werk. Es ist ein vorsĂ€tzliches Ărgern und BetrĂŒben des Schöpfers in seinem empfindlichsten Punkt.
FĂŒr denjenigen also, dessen Herz rechtgemacht ist, hat dieses Wort des Herrn: âDie Seelen, die ich gemacht habeâ, eine doppelte Bedeutung. Erstens den tröstlichen Gedanken, dass, wenn wir glauben, Gottes Zorn ĂŒber die Seele, die er gemacht hat, nicht bis zum Ende andauern wird. Und andererseits impliziert es die hilfreiche Warnung, dass wir die Seele nicht durch das Verharren in der SĂŒnde vergiften sollten, sondern dass wir sie pflegen, schonen und vor verderblichen EinflĂŒssen schĂŒtzen sollten, weil sie Gott gehört, weil er sie gemacht hat.
Roelof Bouwman beschreibt in einem Artikel, was aus der von Abraham Kuyper gegrĂŒndeten Freien UniverstitĂ€t von Amsterdam (VU) geworden ist:
Geblieben ist die Freie UniversitĂ€t, Alma Mater einer Reihe prominenter Politiker â von Pieter Sjoerds Gerbrandy bis Jan Peter Balkenende und von Pim Fortuyn bis Dilan YeĆilgöz â aber auch von Geert Mak, Linda de Mol und Lale GĂŒl. Auf den ersten Blick scheint Kuyper nicht vergessen zu sein. AnlĂ€sslich des 140-jĂ€hrigen Bestehens der UniversitĂ€t wurde 2020 sogar ein echtes Kuyper-Jahr ausgerufen. Bei dieser Gelegenheit wurde der GrĂŒnder der VU vor allem als âsozialer Unternehmerâ und âVerfechter der Vielfaltâ gepriesen, Charakterisierungen, die seine Zeitgenossen sehr ĂŒberrascht hĂ€tten.
In Wirklichkeit gibt es an der VU keine AffinitĂ€t mehr zu Kuyper. Die 1879 in der Satzung festgeschriebene âvollstĂ€ndige und ausschlieĂliche Erziehung auf der Grundlage reformierter GrundsĂ€tzeâ ist lĂ€ngst als Ziel gestrichen worden, und auch die ökumenisch-christlichen Ambitionen, die eine Zeit lang als ZugestĂ€ndnis an die AnhĂ€nger dienten, wurden ĂŒber Bord geworfen.
Seit 2015 ist ein brahmanischer Hindu als Rector magnificus im Amt, und seit 2016 heiĂt es in der Satzung lediglich, dass die VU âchristliche Wurzelnâ hat. Das eigene Akademische Krankenhaus (ab 2001: VUmc) fusionierte 2018 mit dem Akademischen Medizinischen Zentrum (AMC), und 2023 wurde das Votum bei akademischen Zeremonien abgeschafft: weil es nicht âinklusivâ genug wĂ€re.
KĂŒrzlich berichteten die Zeitungen, dass die VU die FakultĂ€ten fĂŒr Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften und Religion & Theologie zusammenlegen wird. Sie werden zu drei Schulen â auf Englisch ausgesprochen â innerhalb einer FusionsfakultĂ€t, die ab 2025 den Namen ‚Social Sciences and Humanities ‚ tragen wird. Der Name der neuen FakultĂ€t wird das Wort âTheologieâ nicht enthalten, berichtete Trouw, âweil die beiden anderen Fusionspartner nichts wollen, was an Theologie erinnertâ.
Und das an der UniversitĂ€t von Kuyper, fĂŒr den die Theologie die Krone der Wissenschaften war und an der die theologische FakultĂ€t â die ĂŒber Generationen hinweg als âVikarsfabrikâ fungierte und die Ă€ltesten Papiere besitzt. Sollte jemals der NiederlĂ€nder gewĂ€hlt werden, dessen publizistisches, politisches und theologisches Erbe am grĂŒndlichsten vergeudet wurde, so steht der Sieger fest.
Aus dem Wikipedia-Artikel zur VU geht auĂerdem hervor, dass die Hochschule zwischenzeitlich unter dem Einfluss Chinas stand.Â
N. Gray Sutanto und Cory Brock klĂ€ren die Frage, was Neo-Calvnismus ist und ob wir ihn nach brauchen. Sie schreiben zur Frage der âzwei Reicheâ:
Sicherlich waren Bavinck und Kuyper der Meinung, dass mit der Erneuerung der Menschen durch das Christentum auch die Kulturen und Institutionen, zu denen diese Menschen gehören, verĂ€ndert werden. Sie waren ĂŒberzeugt, dass der Glaube fĂŒr die Arbeit und das ganze restliche Leben von Bedeutung ist. Die Gnade stellt schlieĂlich die Natur wieder her. Das Christentum gibt Zeugnis von der natĂŒrlichen (oder besser: schöpferischen) Art und Weise, menschliche Beziehungen und die Gesellschaft zu gestalten.
Wenn der Einzelne zu Christus zurĂŒckgefĂŒhrt wird, erkennt er, dass Christus der König ist. Die Kirche muss jedoch verstehen, dass die gegenwĂ€rtige Ordnung die Zeit der allgemeinen Gnade ist und nicht das endgĂŒltige (eschatologische) Reich Gottes. Wenn Christen also fragen: âWelche Zeit ist es?â, so antworten die Neo-Calvinisten, dass jetzt eine Zeit von Gottes Geduld ist â eine Zeit, das Reich Gottes zu bezeugen. Nur die Wiederkunft Christi kann die Familie, den Staat und die Kirche zu einem lebendigen Organismus vereinigen. FĂŒr Bavinck und Kuyper erkennt ein christlicher Herrscher daher den Unterschied zwischen der vom Geist gewirkten Kirche, der von der allgemeinen Gnade getragenen Welt und dem Staat als Diener der Gerechtigkeit Gottes.
Am Calvin Theological Seminary wurde ein Bavinck Institut gegrĂŒndet. In der Selbstdarstellung heiĂt es:
The Bavinck Institute at Calvin Theological Seminary is named after Herman Bavinck (1854â1921), the great Dutch Reformed theologian and author of the four-volume Gereformeerde Dogmatiek (Reformed Dogmatics). The Institute exists to promote scholarship related to Bavinck himself, Bavinckâs neo-Calvinist contemporaries (e.g., Abraham Kuyper, Willem Gessink), and Bavinckâs proteges, such as his nephew, Johan Herman Bavinck (1895â1964), missionary to Indonesia and pioneer Reformed missiologist.
Dem Neo-Calvinismus wird oft eine triumphalistische Sichtweise im Hinblick auf die Transformation der bestehenden VerhĂ€ltnisse unterstellt. Herman Bavinck (1854-1921), ein SchĂŒler von Abraham Kuyper (vgl. hier), hat sich jedoch deutlich zu den PrioritĂ€ten geĂ€uĂert.
Hanniel hat sich kĂŒrzlich dieser vermeintlichen Spannung angenommen:
Auch wenn sich Bavinck dankbar ĂŒber all den Fortschritt Ă€ussert, erinnert er an die PrioritĂ€ten. Das Reich Gottes ist und bleibt das höchste Gut. So beginnt er die Vorlesung ĂŒber die Offenbarung Gottes und die Zukunft mit der Feststellung, dass, obwohl die christliche Religion nicht prinzipiell mit der Kultur in Feindschaft stehe, die GĂŒter dieser Erde von untergeordnetem Wert seien. Verglichen mit dem Königreich Gottes, der Vergebung der SĂŒnden und dem ewigen in Gemeinschaft mit Gott habe die ganze Welt zweite PrioritĂ€t. Deshalb stehe die christliche Religion in direktem Widerspruch zur PrioritĂ€tensetzung des modernen Menschen. Diese programmatische Aussage steht an einer wichtigen Stelle des Werkes, nĂ€mlich am Anfang seiner Aussagen ĂŒber die Zukunft. So ist das Evangelium der wahre Standard, an denen die PhĂ€nomene und Ereignisse gemessen werden mĂŒssen. Diese Botschaft ist der FĂŒhrer âdurch das Labyrinth der gegenwĂ€rtigen Weltâ. Es erhebt uns ĂŒber diese gegenwĂ€rtige Zeit hinaus und zeigt uns die Dinge vom Standpunkt der Ewigkeit her.
Auch an anderen SchlĂŒsselstellen seines Lebens kommt Bavinck auf diese Rangordnung zurĂŒck. In seiner Rede vor dem Zentralkomitee der AntirevolutionĂ€ren Partei (ARP) nach der Wahlniederlage von 1905 merkt er an, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebe. Das Evangelium Christi sei der grösste Schatz. Er verwendet seine Standardmetapher und spricht vom Reich der Himmel als der Perle, die alles Materielle in ihrem Wert weit ĂŒbersteigt. Im Ăbrigen, fĂŒgt er hinzu, sei die christliche Beteiligung an der Regierung eines Staates eine âheilige Aufgabeâ.
Bavinck ist, um ein anderes Beispiel zu nennen, bestĂŒrzt ĂŒber die Entfremdung vom Glauben, die viele reformierte Familien erfasste, welche ihre Söhne an die Hochschulen schickte. âGanze Familien sind auf die Seite unserer Gegner ĂŒbergelaufen.â Deshalb ist er der Ăberzeugung, dass es dringend reformierte Einrichtungen brauche, um die Bildung mit einer christlichen Weltanschauung zusammen zu bringen.
Benjamin Breckinridge Warfield, bekannt als B.B. Warfield (1851–1921), war von 1887 bis 1921 Rektor des Princeton Theological Seminary. Er zählt zu den einflussreichsten calvinistischen Theologen seiner Zeit und kämpfte zusammen mit Kollegen wie A.A. Hodge oder Abraham Kuyper erfolgreich gegen den theologischen Modernismus.
Sehr empfehlen kann ich die Augustausgabe des Credomagazins zur „Old Princeton“-Theologie, die einen Artikel von Fred Zaspel zu Warfield enthält. Die Ausgabe kann hier gratis heruntergeladen werden: Credo August 2012.
Nach dem Tod seiner Frau stĂŒrzte sich Johannes Calvin noch mehr in die Arbeit. Dazu zĂ€hlte vor allem die Durchsetzung seiner Lehre in Genf. In der letzten Folge der DLF-Serie ĂŒber Calvin rĂŒckt die Auseinandersetzung mit Michael Servet in den Vordergrund. Der Arzt Servet leugnete die Dreieinigkeit und wurde deshalb zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Dieses Vorgehen entsprach dem damaligen Reichsrecht (Codex Justianus), das die Todesstrafe sowohl fĂŒr das Leugnen der TrinitĂ€t als auch der Taufe vorsah. AuĂerhalb von Genf wĂ€re Servet deshalb ebenso verurteilt worden.
Trotzdem bin ich dankbar, dass die reformierten Kirchen sich spĂ€ter fĂŒr die Religionsfreiheit geöffnet und die ZustĂ€ndigkeit von staatlicher Obrigkeit und Kirchen noch schĂ€rfer auseinandergehalten haben. So wurde beispielsweise unter dem Einfluss von Abraham Kuyper und anderen 1905 der Artikel 36 des NiederlĂ€ndischen Glaubensbekenntnisses (Confessio Belgica von 1561) geĂ€ndert. FrĂŒher hieĂ es dort:
Deshalb hat er die Obrigkeiten selbst mit dem Schwerte bewaffnet, damit sie die Bösen strafen, die Guten aber schĂŒtzen. Ihres Amtes ist es ferner, nicht nur fĂŒr die bĂŒrgerliche Verfassung besorgt zu sein, sondern auch, sich zu bemĂŒhen, dass der Gottesdienst erhalten werde, aller Götzendienst und falscher Gottesdienst entfernt werde, das Reich des Antichrists zerstört, Christi Reich aber ausgebreitet werde. Endlich ist es ihres Amtes zu bewirken, dass das heilige Wort des Evangeliums ĂŒberall gepredigt werde und dass jeder Gott auf reine Weise nach Vorschrift seines Wortes frei verehren und anbeten könne.
Abraham Kuyper sagte in seiner Vorlesung ĂŒber den Calvinismus (Calvinismus: Die Stone Lectures von 1898, 2021, S. 25â26):
Am hĂ€ufigsten wird der Name Calvinist heutzutage noch angewandt als Bezeichnung fĂŒr eine Sekte, nicht in protestantischen, aber in römischen LĂ€ndern, besonders in Ungarn und Frankreich. In Ungarn zĂ€hlt die reformierte Kirche noch zweieinhalb Millionen Seelen, die von römischer Seite und in der jĂŒdischen Presse bestĂ€ndig mit dem nicht offiziellen Namen âCalvinerâ gebrandmarkt werden, ein nicht gerade liebenswĂŒrdig gemeinter Name, der auf die Glieder der reformierten Kirche dort auch dann angewandt wird, wenn sie die letzte Sympathie fĂŒr den Glauben ihrer VĂ€ter bereits vollstĂ€ndig abgeschĂŒttelt haben. Und auf dieselbe Erscheinung stöĂt man in Frankreich, vor allem in SĂŒdfrankreich, wo âCalvinistesâ ebenso und stĂ€rker noch ein Brandmal fĂŒr Sektierer ist, wobei niemand mehr fragt, was der Gebrandmarkte persönlich glaubt oder bekennt, das vielmehr einem jeden aufgedrĂŒckt wird, der sich der âeglise reformeeâ angeschlossen hat, auch wenn er Atheist geworden ist. Georges Thiebaud [1855â1915], bekannt durch seinen Antisemitismus, hat zugleich den Anticalvinismus wieder ins Leben gerufen, und bis in die Dreyfus-AffĂ€re [1894ff.] hinein hat man âJuden und Calvinistenâ als die zwei antinationalen MĂ€chte der Macht des âesprit gauloisâ gegenĂŒbergestellt. Dieser Gebrauch von âCalvinistâ als Sektenname stammt von den römischen Polemikern, die von Anfang an gewohnt waren, die in ihren Augen gefĂ€hrlichste Form des Protestantismus unter dieser gehĂ€ssigen Bezeichnung zu bekĂ€mpfen. FĂŒr die Kenntnis und WĂŒrdigung des Calvinismus dagegen ist diese erste Bedeutung des Namens âCalvinistâ nicht von der mindesten Bedeutung, da sie rein formal und Ă€uĂerlich ist, ohne RĂŒcksicht auf irgendein geistliches Bekenntnis.
Mein Kollege Thomas K. Johnson stellt drei Schulrichtungen der niederlÀndisch-reformierten Philosophie in Nord Amerika vor (Nicholas Wolterstorff und Alvin Plantinga, Herman Dooyerweerd und Dirk Vollenhoven sowie Cornelius Van Til):
Die drei Richtungen kann man als »Neue Reformierte Erkenntnistheorie«, »Philosophie der kosmonomischen Idee« und als »reformierten Transzendentalismus« bezeichnen. Die ersten beiden Bezeichnungen werden von den TrĂ€gern dieser Richtungen selbst benutzt. Ich habe fĂŒr die Richtung, die sich selbst »Presuppositionalismus« nennt, den Namen »reformierter Transzendentalismus« gewĂ€hlt, weil das meiner Meinung nach diese Art von Philosophie besser beschreibt. Die fĂŒhrenden Köpfe der »Neuen Reformierten Erkenntnistheorie« sind Nicholas Wolterstorff (Yale Divinity School) und Alvin Plantinga (Notre Dame University), deren Grundgedanken von Denkern wie Ronald Nash und Dewey Hoitinga aufgenommen und weiterverbreitetet wurden. Return to Reason von Kelly James Clark kann als nĂŒtzliches Kompendium fĂŒr diese Philosophie dienen.
Die »Philosophie der kosmonomischen Idee« wurde von amerikanischen und kanadischen AnhĂ€ngern der hollĂ€ndischen Gelehrten Herman Dooyerweerd und Dirk Vollenhoven entwickelt. Gordon Spykman hat die Konsequenzen, die sich aus dieser Philosophie fĂŒr die systematische Theologie ergeben, untersucht. Roy Clouser hat dasselbe fĂŒr die Theorie der Erkenntnis und der Vernunft unternommen, Al Wolters tat dies fĂŒr das Studium von Weltanschauung und Hendrik Hart fĂŒr die systematische Philosophie. WĂ€hrenddessen hat James Skillen aus diesem philosophischen Ansatz heraus zahlreiche BĂŒcher ĂŒber Bildungstheorie und politische Theorie verfasst. Patterns of the Western Mind von John H. Kok bietet im Blick auf diese zweite Richtung eine gute EinfĂŒhrung.
Der »Reformierte Transzendentalismus« umfasst zum groĂen Teil das Werk von Cornelius Van Til (1895â1987). Van Til fĂŒhlte sich stark den hollĂ€ndischen Theologen Abraham Kuyper und Herman Bavinck verpflichtet. Seine Ansichten wurden von Autoren wie John Frame, Richard Smith und Scott Oliphant weiterentwickelt und verbreitet. Van Tilâs Apologetic: Readings and Analysis von Greg L. Bahnsen ist eine grĂŒndliche EinfĂŒhrung in diese dritte Richtung.
Hier der Aufsatz: »Ist der Glaube an Gott rational?«: mbstexte120.pdf.
Was passiert, wenn eine Journalistin in Glaubensfragen ĂŒberfordert ist und trotzdem darĂŒber schreibt, kann in der FAZ-Ausgabe vom 26. Januar nachgelesen werden (26.01.2021, Nr. 21, S. 3). Frauke Steffens liefert dort in âDer Glaube ist nicht genugâ den ultimativen Nachweis dafĂŒr, dass der neue US-PrĂ€sident Joe Biden ein ĂŒberzeugter Christ ist und jene, die daran zweifeln, mehrheitlich dem rechten und vor allem rassistischem Spektrum zuzuschlagen sind.
Was macht Joe Biden zum frommen Mann? Nun, er nutzte in seiner Antrittsrede biblische Metaphern und stellte im Oval Office ein Bild von Papst Franziskus und sich auf. Dies zeige, dass er und die Trump-AnhĂ€nger christliche Werte teilten und er fĂŒr den Dialog mit ihnen offen sei. Doch da ein wesentlicher Teil der republikanischen Machtbasis und der Trump-AnhĂ€nger christliche Nationalisten seien, werde es keinen Dialog geben.
Sie zitiert beispielsweise den Trump-UnterstĂŒtzer Josh Hawley, der 2017 gesagt habe, dass es keinen Zentimeter des Lebens gebe, ĂŒber den Jesus Christus nicht herrsche. Das deute darauf hin, âdass in diesem Denken in letzter Konsequenz nur Christen Anspruch auf volle Rechte oder etwa auch staatliche Hilfe erheben könntenâ. Dass der Spruch auf Abraham Kuyper zurĂŒckgeht und dieser von der SouverĂ€nitĂ€t im eigenen Kreise gesprochen hat, kann ein religiös unmusikalischer Mensch nicht wissen. Aber muss er dann darĂŒber schreiben? Kuyper jedenfalls war Verfechter einer pluralistischen Demokratie, betonte scharf, dass alle Menschen und alle Völker vor Gott gleich sind und förderte die Religionsfreiheit.
Auch den Baptismus meint Frauke Steffens bestens zu verstehen. âViele weiĂe Baptisten hĂ€ngen der Vorstellung anâ, schreibt sie, âdass es etwa göttliche Belohnungen fĂŒr FleiĂ gibt und Armut durch SĂŒnde entstehe. Das gipfelt in der Vorstellung, durch groĂe Spenden und viel Arbeit Heil erlangen zu können.â Wirklich?
Dass Biden das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch in Gesetzesform gieĂen möchte, ist hingegen eine feine Sache. Der kann sich dabei freilich weder auf die Bibel, den Katholischen Katechismus oder Franziskus persönlich berufen. Aber wen interessiert so etwas schon?
Sowohl Trump als auch Biden profitieren von einem verbreiteten Storytelling, das sich fĂŒr die Wahrheit kaum noch interessiert (Trump mochte alternative Fakten, Biden nimmt die Wahrheit wichtiger als Tatsachen). Bei vielen Leuten kommt gut an, was sich gut anfĂŒhlt. Aufgabe der Presse wĂ€re es freilich, eine missbrĂ€uchliche Inanspruchnahme des christlichen Narratives zu benennen, wo immer es geschieht.
Das ist Steffens zumindest bei Biden nicht gelungen. TatsĂ€chlich beherrscht dieser (oder sein Redenschreiber) das Instrument der rhetorischen Betörung brillant. Der katholische Dogmatiker C.C. Pecknold hat das an dem in der Antrittsrede verwendeten Augustinuszitat eindrĂŒcklich demonstriert. âVor vielen Jahrhundertenâ, so Biden, âschrieb der heilige Augustinus, ein Heiliger meiner Kirche, dass ein Volk eine Menge ist, die durch die gemeinsamen Objekte ihrer Liebe definiert wird. Was sind die gemeinsamen Objekte, die wir lieben, die uns als Amerikaner definieren?â Die Antwort, die Biden gibt, hat mit den Vorstellungen von Augustinus nichts zu tun. WĂ€hrend der Kirchenvater darauf bestand, dass es objektive moralische Normen gibt und ein funktionierendes Gemeinwesen darauf angewiesen ist, dass Gott durch Gnade eine âStadtâ regiert und es Gesetze gibt, die mit der Liebe zu Gott und zum NĂ€chsten ĂŒbereinstimmen, spricht der neue PrĂ€sident von âChancen, Sicherheit, Freiheit, WĂŒrde, Respekt, Ehre und ja, die Wahrheitâ.
C.C. Pecknold schreibt:
Sind wir uns einig darĂŒber, was eines dieser Worte bedeutet? Stimmt der gewöhnliche amerikanische Arbeiter, der das GefĂŒhl hat, dass alle seine Möglichkeiten nach China ausgelagert wurden, zu, dass wir einen Konsens ĂŒber unsere gemeinsamen Möglichkeiten haben? WĂŒrden die Ungeborenen im Mutterleib oder die Nonnen, die versuchen, im Einklang mit der Tugend zu leben, oder die Studenten, die mit verwirrenden sexuellen und rassistischen Ideologien bombardiert werden, ein GefĂŒhl dafĂŒr haben, dass alle Amerikaner eine gemeinsame Vereinbarung ĂŒber MenschenwĂŒrde, Respekt und Ehre haben? Das sind die Arten von Fragen, die Augustins alternative Definition [von Gemeinwohl] hervorrufen sollte. Aber weil er den Zweck der neuen Definition herausgeschnitten hat, gibt Biden uns einen sehr schlaffen Augustinus, der nur vage liberale PfrĂŒnde von âFrieden, Friedenâ liefert.
Der reformierte Theologe Cornelius Van Til (1895â1987) gilt als BegrĂŒnder der sogenannten voraussetzungsbewussten Apologetik (im englischen Sprachraum spricht man von âPresuppositionalismâ, ein Begriff, der gelegentlich auch mit âPrĂ€suppositionalismusâ oder âprĂ€suppositionaler Apologetikâ ĂŒbersetzt wird). Er studierte am Calvin College, dem Princeton Theological Seminary und promovierte 1927 an der UniversitĂ€t Princeton. Da sich das Princeton Theological Seminary nach dem segensreichen Wirken von Charles Hodge (1797â1878) und Benjamin Warfield (1851â1921) Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts fĂŒr den theologischen Liberalismus öffnete, grĂŒndete der Presbyterianer John Gresham Machen (1881â1931) im Jahr 1929 das konservative Westminster Theological Seminary. Dort wurde Cornelius Van Til 1930 als Professor fĂŒr Apologetik berufen und erst nach ĂŒber 40-jĂ€hriger erfolgreicher LehrtĂ€tigkeit im Jahre 1972 emeritiert.
Van Til verbrachte sein erstes Lebensjahrzent in den Niederlanden. In diese Zeit fĂ€llt das erfolgreiche Wirken des Theologen und Politikers Abraham Kuyper (1837â1920). (A. Kuyper gilt als BegrĂŒnder des Neo-Calvinismus, grĂŒndetet 1880 die Freie UniversitĂ€t in Amsterdam und lehrte dort als Professor Theologie. Von 1901 bis 1905 war er niederlĂ€ndischer MinisterprĂ€sident, siehe dazu auch hier). Nachdem seine Familie nach Nordamerika ausgewandert war, knĂŒpfte Van Til an die akademischen Leistungen der NiederlĂ€nder A. Kuyper, D.âŻH.âŻTh. Vollenhoven (1892â1978) und H. Dooyeweerd (1894â1977) sowie H. Bavinck (1854â1921) an und entwickelte seine eigene apologetische Vorgehensweise.
Van Til beeinflusste besonders die nordamerikanische Apologetik. Unter den vielen Theologen, die den Ansatz der voraussetzungsbewussten Apologetik ĂŒbernahmen, sind Greg L. Bahnsen (1948â1995) und John M. Frame (*1939) herauszuheben. Beide haben im Sinne ihres Lehrers apologetisch gearbeitet und eigene Interpretationen seiner Methodologie vorgelegt. Da Frame signifikante Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Van Til offenlegte, ist er bei einigen engen âVan Tilianernâ umstritten. Dagegen gilt Bahnsen in diesen Kreisen als treuer Gefolgsmann seines Westminster Lehrers. Auch der Theologe Jay Adams studierte bei Van Til und hat die voraussetzungsbewusste Apologetik in den Bereich der Seelsorgelehre ĂŒbertragen. Mehrere von Van Tils Studenten sind heute zudem renommierte Apologeten, obwohl sie die Vorgehensweise ihres Lehrers modifizierten oder sogar ablehnten. So avancierte beispielsweise Edward John Carnell (1919â1967) zum Professor fĂŒr Apologetik am Fuller Seminary in Pasadena (USA). Francis Schaeffer reifte in den evangelikalen Kreisen zum einflussreichsten apologetischen Denker des vergangenen Jahrhunderts. (Van Til war ĂŒber die Verfremdung und EntschĂ€rfung seiner voraussetzungsbewussten Apologetik alles andere als erfreut und verfasste entsprechende Kritiken, die auf der CD-ROM Werkausgabe enthalten sind. Vor Francis Schaeffer hatte Van Til groĂen Respekt und die Schrift âThe Apologetic Methodology Of Francis A. Schaefferâ wurde zu Lebzeiten des Verfassers nicht publiziert, sondern nur unter den Studenten verteilt. FĂŒr weitere Informationen siehe: C. Van Til, The Works of Cornelius Van Til, 1997.)
Schauen wir uns an, was den Ansatz von Van Til gegenĂŒber der klassischen Apologetik auszeichnet:
Van Til war vom traditionellen Ansatz der Apologetik enttĂ€uscht, gelegentlich wird ihm sogar vorgeworfen, die evidentialistische Methode scharf bekĂ€mpft zu haben. Dies trifft nur eingeschrĂ€nkt zu, da fĂŒr ihn die evidentialistische Apologetik nicht durchweg verwerflich war, sondern lediglich kurz griff. In seinem Buch Common Grace and the Gospel schreibt er:
âSoweit zwischen den beiden Positionen entschieden werden musste, wĂ€hlte ich die Position von Kuyper anstelle der von Hodge und Warfield. Aber zwei Ăberlegungen nötigten mich, letztlich die Kombination einiger Elemente aus beiden Positionen zu suchen.â (C. V. Til, Common Grace and the Gospel, 1995, S. 184.)
Von der so genannten Old Princeton-Schule, fĂŒr die Charles Hodge und Benjamin Warfield stehen, ĂŒbernahm Van Til die Auffassung, der christliche Glaube sei vernĂŒnftig zu rechtfertigen. Noch fester als sie war er davon ĂŒberzeugt, dass allein christlicher Glaube intellektuell verantwortbar sei. Van Til nahm auch die von der Old Princeton-Schule behauptete Antithese zwischen christlichem und nicht-christlichem Denken auf, allerdings meinte er, dass diese Antithese von der Old Princeton-Schule im theologischen Denken zwar gut begrĂŒndet und berĂŒcksichtigt, aber nicht konsequent auf die apologetische Arbeitsweise ĂŒbertragen wurde.
Wie Hodge oder Warfield glaubte Van Til, dass wir Christen uns auf unsere Sinnesorgane, auf die Logik und auf ErfahrungssĂ€tze verlassen können, da wir wissen, dass Gott diese Welt schuf und die Sinnesorgane dafĂŒr da sind, Orientierung in dieser Welt zu ermöglichen. Aber er kombinierte diesen sogenannten Common Sense-Realismus mit der schĂ€rferen âKuyperianischen Formâ der Antithese (die so genannte Amsterdamer-Schule).
Der Common Sense-Realismus behauptet, dass Nicht-Christen in einer von Gott geschaffenen Welt leben und deshalb auf der Grundlage christlicher Denkvoraussetzungen operieren, ob sie diese nun anerkennen oder nicht. FĂŒr die Old Princeton-Schule heiĂt das, dass Christen viele Denkvoraussetzungen mit den Nicht-Christen teilen. Christen wie Nicht-Christen sind Geschöpfe Gottes und in eine gemeinsame Welt hineingestellt. Auf diesem gemeinsamen Fundament stehend, können nun Argumente fĂŒr oder gegen die Existenz Gottes vorgetragen werden. Warfield, Hodge oder auch Montgomery sind der Auffassung, dass die Summe der Argumente deutlich dafĂŒr spricht, dass Gott da ist.
Van Til war dagegen wie Kuyper ĂŒberzeugt, dass Nicht-Christen die christlichen Denkvoraussetzungen besonders in den Glaubensfragen unterdrĂŒcken und damit die klassischen Argumente fĂŒr das Dasein Gottes ins Leere laufen. Er behauptete wiederholt, dass es diese gemeinsamen Denkvoraussetzungen oder diesen âneutralen Bodenâ nicht gĂ€be. Der natĂŒrliche Mensch revoltiere als SĂŒnder gegen die Wahrheit Gottes und interpretiere deshalb die Wirklichkeit anders als ein Christ. Van Til schreibt:
âDer reformierte Apologet stimmt nicht ĂŒberein mit der Interpretation des natĂŒrlichen Menschen, er selbst [also der natĂŒrliche Mensch] sei der letztgĂŒltige Bezugspunkt. Er muss daher seinen AnknĂŒpfungspunkt mit dem natĂŒrlichen Menschen in dem suchen, was unterhalb der Schwelle seines Bewusstseins liegt, nĂ€mlich in dem Sinn fĂŒr das Göttliche, den er zu unterdrĂŒcken sucht. Und um das zu tun, muss der reformierte Apologet auch einen AnknĂŒpfungspunkt suchen mit den Systemen, die vom natĂŒrlichen Menschen errichtet wurden. Aber dieser AnknĂŒpfungspunkt muss zu einer Art FrontalzusammenstoĂ fĂŒhren. Wenn es keinen FrontalzusammenstoĂ mit den Systemen des natĂŒrlichen Menschen gibt, dann wird es keinen AnknĂŒpfungspunkt an den Sinn fĂŒr das Göttliche im natĂŒrlichen Menschen geben. Das heiĂt also: Wenn der reformierte Apologet mit dem natĂŒrlichen Menschen nicht ĂŒber das Objekt des Wissens ĂŒbereinstimmt, darf er mit ihm auch nicht ĂŒber die Methode ĂŒbereinstimmen, die angewandt wird, um Wissen zu erlangen. GemÀà der Lehre des reformierten Glaubens sind alle Tatsachen der Natur und der Geschichte das, was sie sind, und tun das, was sie tun, in Ăbereinstimmung mit dem einen umfassenden Ratschluss Gottes. Alles, was vom Menschen gewusst werden mag, weiĂ Gott schon. Es wird von Gott bereits gewusst, weil es von ihm kontrolliert wird.â (C. V. Til, Common Grace and the Gospel, 1995, S. 98â99)
Unsere Denkvoraussetzungen fungieren wie ein Rahmen fĂŒr unsere Beobachtungen und Ăberlegungen. Nur wenn die Selbstoffenbarung Gottes unser letzter Bezugsrahmen ist, kann die richtige Interpretation unserer Welt und der geistlichen Wirklichkeiten gelingen.
In der deutschen Sprache ist bisher so gut wie nichts von Cornelius Van Til erschienen. Christian Beese hat allerdings nun das Buch Der reformierte Pastor und die Verteidigung des christlichen Glaubens (ein Kapitel aus dem Buch The Reformed Pastor and Modern Thought) herausgegeben. Der Text, der sich mit der katholischen Dogmatik, dem Ăkumenismus und dem Protestantismus (einschlieĂlich Kant) befasst, wird durch die berĂŒhmte Schrift âMein Credoâ ergĂ€nzt. âMein Credoâ erschien zuerst im Band Jerusalem and Athens. Der Herausgeber der deutschen Ausgabe schreibt dazu:
âMein Credoâ ist eine einfĂŒhrende, grundlegende Zusammenstellung seiner Gedanken, erschienen in Jerusalem and Athens, Critical Discussions on the Philosophy and Apologetics of Cornelius Van Til. Dieser 500 Seiten starke Band, herausgegeben von E. R. Geehan, ist Dr. Van Til aus Anlass seines 75. Geburtstages und seines 40-jĂ€hrigen DienstjubilĂ€ums als Professor fĂŒr Apologetik am Westminster Theological Seminary gewidmet. ZusĂ€tzlich zu zwei gröĂeren Essays von Herman Dooyeweerd und Hendrik G. Stoker sind in Jerusalem and Athens BeitrĂ€ge folgender Autoren enthalten: Berkouwer, Trimp, Packer, Rogers, Zuidema, Jewett, Hughes, Gaffin, Ridderbos, Mekkes, Weaver, Rushdoony, Singer, Lewis, Home, Lane, Knudsen, Montgomery, Pinnock, Reid, Howe und Holmes. Ein Merkmal dieser Festschrift ist, dass Dr. Van Til in den meisten FĂ€llen auf die BeitrĂ€ge antwortet.
Meine Hoffnung ist, dass diese beiden vergleichsweise kurzen AuszĂŒge sich als eine gute EinfĂŒhrung in das Denken von Cornelius Van Til erweisen werden.
Die reformierte Tradition steht seit langem in einem kreativen SpannungsverhĂ€ltnis zum Konzept des Naturrechts. Einerseits bekrĂ€ftigte Johannes Calvin die doppelte Erkenntnis Gottes â sowohl die allgemeine Offenbarung durch die Natur als auch die besondere Offenbarung durch die Heilige Schrift â, blieb dabei jedoch zutiefst realistisch hinsichtlich der noetischen Auswirkungen der SĂŒnde und der SĂŒndhaftigkeit des Menschen. Auf diesem Realismus aufbauend kritisierten Denker wie Cornelius Van Til und Abraham Kuyper die Idee der moralischen NeutralitĂ€t und stellten in Frage, ob sĂŒndige Menschen wirklich eine gemeinsame rationale Grundlage fĂŒr Ethik haben können. Trotz dieser Skepsis gaben Calvin und die ĂŒbrigen Vertreter der reformierten Tradition bis hin zu den reformierten Scholastikern das Naturrecht nicht auf. In seiner Institutio und seinen Bibelkommentaren bekrĂ€ftigte er die Rolle der bĂŒrgerlichen Moral und das bleibende Zeugnis des Gewissens und zeigte, dass das Naturrecht, obwohl beeintrĂ€chtigt, in Gottes vorsehender Ordnung der Gesellschaft weiterhin funktioniert. Das Naturrecht ist eine bĂŒrgerliche Moral, die Gott in das Gewissen und Herz des Menschen eingepflanzt hat und die ein MindestmaĂ an StabilitĂ€t ermöglicht.
Trotz seiner Grenzen mĂŒssen wir uns weiterhin auf das Naturrecht berufen, da es eine Form der allgemeinen Gnade bleibt. Obwohl es durch die SĂŒnde getrĂŒbt ist, ist das Naturrecht in der Imago Dei verwurzelt und taucht weiterhin im Gewissen und in den kulturellen Normen der Menschen auf. Selbst in einer gefallenen Welt reagieren Menschen oft auf moralische AnsprĂŒche, die in der Schöpfungsordnung begrĂŒndet sind. Dies zeigt sich auf zehntausend subtile Arten â in der FĂŒrsorge einer Mutter fĂŒr ihr Kind, in der Verpflichtung der Kinder gegenĂŒber ihren alternden Eltern, in dem schreienden Verlangen nach Gerechtigkeit. Der Apostel Paulus zeigt dies in der Heiligen Schrift, indem er sich in seinem Brief an die Römer und in seiner Rede auf dem Areopag auf das Naturrecht beruft. DarĂŒber hinaus benötigt jede funktionierende Gesellschaft eine gemeinsame moralische Grammatik, um den sozialen Zusammenhalt aufrechtzuerhalten. Ohne eine Ethik des kleinsten gemeinsamen Nenners wie das Naturrecht bleiben der Gesellschaft nur MachtkĂ€mpfe oder Tribalismus, um moralische Meinungsverschiedenheiten zu entscheiden.
Bisher habe ich keine so gute EinfĂŒhrung in die âPhilosophieâ von LâAbri gehört wie die von Dick Keyes. Keyes sprach 1984 auf einer Konferenz in Knoxville (USA) ĂŒber fĂŒnf Hauptideen der von Francis und Edith Schaeffer gegrĂŒndeten Studiengemeinschaft. Diejenigen, die die Theologie des NiederlĂ€nders Abraham Kuyper schĂ€tzen, werden sofort wissen, um was es geht. FĂŒr andere wird allerlei befremdlich klingen.
Ich selbst habe 1982 angefangen, BĂŒcher von Francis Schaeffer zu lesen. Damals haben sie mir geholfen, mein Denken erneuern zu lassen und mein Christusvertrauen zu festigen. Wenn ich nun, 35 Jahre spĂ€ter, diesen Vortrag höre, denke ich: Wir brauchen diese Sichtweisen mehr als wir sie schon damals brauchten (den Vortrag sollte m.E. jemand transkribieren und ĂŒbersetzen). Hören wir mal auf ein Zitat von Schaeffer aus dem Jahr 1968 (Gott ist keine Illusion, 1974 (1968), S. 8):
Die Tragik unserer heutigen Situation liegt darin, dass die neue Einstellung zur Wahrheit MĂ€nner und Frauen in ihren Lebensgrundlagen erschĂŒttert hat, ohne dass sie sich jemals Rechenschaft ĂŒber den neuen Kurs gegeben haben. Die jungen Menschen werden zunĂ€chst im Rahmen des alten WahrheitsverstĂ€ndnisses erzogen. Dann geraten sie unter den Einfluss der modernen Auffassung. Mit der Zeit werden sie unsicher, weil sie die ihnen vorgelegte Alternative nicht durchschauen. Diese Unsicherheit fĂŒhrt zu Verwirrung und bald zu einem inneren Zerbruch â unglĂŒcklicherweise nicht nur bei jungen Menschen, sondern auch bei vielen Pfarrern, Lehrern, Evangelisten und Missionaren.
Wie aktuell! Ich möchte hinzufĂŒgen: Wir sind inzwischen viel weiter. Etliche Leute, die ich treffe, haben das âalte WahrheitsverstĂ€ndnisâ gar nicht mehr kennengelernt.
Eine EinfĂŒhrung in den Ansatz von LâAbri gibt es auf Deutsch in dem Buch Wahrheit und Liebe (besonders die AufsĂ€tze âLâAbri â wie bitte?â von RĂŒdiger Sumann und âDen Glauben verstĂ€ndlich machen in einer nichtchristlichen Gesellschaftâ von Dick Keyes).
Hier die fĂŒnf Hauptideen, die Dick Keyes erklĂ€rt:
Christlicher Glaube als wahre Wahrheit
Die RealitĂ€t des ĂbernatĂŒrlichen
Die Menschlichkeit der Geistlichkeit
Leben im Schatten des SĂŒndenfalls
Die Herrschaft Jesu Christi ĂŒber das gesamte Leben
Und hier der Vortragsmitschnitt (vielen Dank an Soundword):
Der niederlĂ€ndische Theologe Herman Bavinck gehörte zu den Mitgliedern der Anti-Revolutionaire Partij, die sich öffentlich fĂŒr das Frauenwahlrecht starkmachten. In einer biographischen Notiz der Freien UniversitĂ€t Amsterdam wird hervorgehoben, dass er sich fĂŒr die EinfĂŒhrung des Frauenwahlrechts einsetzte und sich damit gegen Abraham Kuyper stellte, der sich vehement dagegen aussprach (vgl. a. #ad James Eglinton, Bavinck: A Critical Biography, 2020, S. 279â280).
Wer hĂ€tte gedacht, dass es eine erneute Diskussion um das Frauenwahlrecht gibt? In den USA hatte Doug Wilson aus Idaho die Idee geĂ€uĂert, ein âHaushaltswahlrechtâ einzufĂŒhren. Der Gedanke ist, dass das Familienoberhaupt die Gesamtfamilie reprĂ€sentiert und daher nur der Ehemann eine Stimme fĂŒr die gesamte Familie abgeben darf.
Allerdings wĂŒrde diese EinschrĂ€nkung wohl zu Ergebnissen fĂŒhren, mit denen Wilson nicht glĂŒcklich wĂ€re. Da die Heiratsraten in Amerika stark zurĂŒckgegangen sind, gibt es viele alleinstehende weibliche HaushaltsvorstĂ€nde. Unverheiratete Frauen tendieren eher zur Demokratischen Partei. WĂŒrde Wilsons Plan umgesetzt, wĂŒrde dies die Demokratische Partei fĂŒr Jahrzehnte stĂ€rken und die Republikaner aus dem WeiĂen Haus ausschlieĂen. Daher will Wilson nach eigenen Angaben derzeit doch noch kein Haushaltswahlrecht einfĂŒhren.
Die Ausgabe Nr. 30 (2/2022) der Zeitschrift fĂŒr Theologie und Gesellschaft Glauben und Denken heute ist erschienen. Wieder sind allerlei nĂŒtzliche BeitrĂ€ge enthalten. Joseph Pak liefert eine kleine Theologie der âSelbsttĂ€uschungâ und Luke Stannard untersucht aktuelle Trends innerhalb der Bewegung des âOpen Theismâ. James R. Wood erzĂ€hlt, warum er sich von der Apologetik des von ihm geschĂ€tzten Pastors Tim Keller gelöst hat. Wieder enthĂ€lt die Ausgabe etliche Rezensionen. Unter anderem wird das Buch Unterm Gnadenhimmel oder: Unter Weinstock und Feigenbaum, hrsg. von Wolf Christian Jaeschke, vorgestellt. Hanniel Strebel informiert ĂŒber A Theology of Paul and His Letters von Douglas J. Moo. Empfohlen sei auch die Besprechung des Lutherbuches von Lydnal Roper durch Klaus Giebel.
Allen Autoren und Mitarbeitern sei fĂŒr ihren Einsatz herzlich gedankt. Den Lesern des TheoBlogs wĂŒnsche ich frohe Weihnachten!
Artikel
Editorial: Atemlos jappend laufen sie hinter der Zeit her (Ron Kubsch)
Theologische SelbsttÀuschung (Joseph Pak)
Gott nach unserem Bild (Luke Stannard)
Warum ich mich von Tim Kellers Apologetik abgenabelt habe (James R. Wood)
Die enge Verbindung zwischen hĂ€uslicher Frömmigkeit und hĂ€uslichem GlĂŒck (August Wilhelm HĂŒlsmann)
Rezensionen
Ralf Frisch. Widerstand und Versuchung: Als Bonhoeffers Theologie die Fassung verlor (Ron Kubsch)
Wolf Christian Jaeschke (Hrsg.). Hermann Friedrich KohlbrĂŒgge. Unterm Gnadenhimmel oder: Unter Weinstock und Feigenbaum: Ein Querschnitt durch das Werk eines zeitlos relevanten VerkĂŒndigers der freien Gnade Gottes (Ron Kubsch)
Hans-Georg Ulrichs (Hrsg.). Abraham Kuyper. Calvinismus: Die Stone Lectures von 1898 (Ron Kubsch)
Thorsten Dietz. Menschen mit Mission: Eine Landkarte der evangelikalen Welt (Gerhard Gronauer)
Douglas J. Moo. A Theology of Paul and His Letters: The Gift of the New Realm in Christ (Hanniel Strebel)
Guy M. Richard. Die Taufe â Antworten auf hĂ€ufige Fragen (Micha Heimsoth)
Monika Hausammann. Die grosse Verkehrung: Dem Humanismus mit biblischem Denken begegnen. Eine Ansage (Michael Freiburghaus)
Lydnal Roper. âIm Leben war ich Eure Plageâ â Luthers Welt und sein VermĂ€chtnis (Klaus Giebel)
Jonathan Bernier. Rethinking the Dates of the New Testament: The Evidence for Early Composition (Franz Graf-Stuhlhofer)
Buchhinweise
Ariane Albisser u. Peter Opitz (Hrsg.). Die ZĂŒricher Reformation in Europa (Ron Kubsch)
Michael Wilkinson, Connie Au, Jörg Haustein u. Todd M. Johnson (Hrsg.). Brillâs Encyclopedia of Global Pentecostalism (Gottfried Sommer)
Die Ausgabe kann hier heruntergeladen werden: GuDh030.pdf.
Die Lehre von den zwei Reichen ist in der Theologie der Gegenwart nicht sonderlich beliebt. »Muss die Vorstellung, dass ein Christ gleichzeitig in zwei Reichen lebt, nicht in eine Form von Schizophrenie fĂŒhren?«, hört man. Ich glaube das nicht und will mit diesem kleinen Beitrag versuchen, einige StĂ€rken von Luthers Sicht (wahrlich nicht nur Luthers Sicht) herauszustellen.
Der Begriff »Zwei Reiche-Lehre« stammt von Harald Diem (1938). Vorher benutzten bereits dialektische Theologen seit etwa 1920 den Ausdruck »Lehre von den Zwei Reichen«. Nach 1945 wurde im Gefolge von Johannes Heckel bevorzugt von der »Zwei-Regimenten-Lehre« gesprochen. Der deutsche Reformator selbst sprach zunĂ€chst von »zwei Regimenten«, spĂ€ter auch von »zwei Reichen«. In seiner Schrift »Von weltlicher Obrigkeit« (Neujahr 1523), die fĂŒr die Entwicklung der Zwei Reiche-Lehre von besonderer Bedeutung ist, benutzt er beide Begriffe.
Was wollte Luther eigentlich deutlich machen?
Luther behauptet (Althaus, »Luthers Lehre von den beiden Reichen im Feuer der Kritik«, Luther-Jahrbuch, 1957, S. 42):
Gott regiert die Welt auf eine doppelte Weise. Die eine Weise hilft zur Erhaltung dieses leiblichen, irdischen, zeitlichen Lebens, damit zur Erhaltung der Welt. Die andere Weise hilft zum ewigen Leben, das heiĂt: zur Erlösung der Welt. Das erste Regiment fĂŒhrt Gott mit der linken Hand, das zweite mit der rechten Hand.
Im Reiche Gottes mit der rechten Hand ist Christus König und Herr. Jesus regiert durch das Evangelium, das »dargeboten« ist »in Wort und Sakrament«. Er befreit die »Seinen« vom Zorn Gottes durch die Vergebung der SĂŒnden; er bringt die Freiheit »von dem verklagenden Gesetze«. Das Evangelium wird durch Glauben empfangen und fĂŒhrt zur Liebe, welche im Menschen durch den Heiligen Geist gewirkt wird.
Gottes Reich mit der linken Hand dagegen umfasst die weltliche Obrigkeit und alles, was zur Erhaltung und Ordnung dieses zeitlichen Lebens dient, also auch Ehe und Familie, Eigentum, Wirtschaft, Stand und Beruf usw.
Beim VerhĂ€ltnis der beiden Regimente zueinander betont Luther die tiefe Einheit, da sie beide von dem einen Gott eingesetzt sind. Das weltliche Regiment darf keinesfalls mit dem »Satansreich« verwechselt werden. Auch wenn das »weltliche Regiment um der SĂŒnde willen da ist«, ist es trotzdem göttliche Ordnung. In beiden Regimenten waltet Gottes Liebe und GĂŒte. Selbst der Zorn Gottes steht »im Dienste der Barmherzigkeit«, nĂ€mlich um die »Bösen … zu zwingen und zu strafen« und »die Frommen zu schĂŒtzen«.
Auch wenn beide Regimente göttlichen Ursprungs sind, wird Luther nicht mĂŒde, vor einer Vermischung der Regimente zu warnen:
Dieser Unterschied zwischen dem weltlichen Regimente, dem Hausstande und der Kirche muĂ fleiĂig bewahrt, und ein jeglicher Stand in seinen gehörigen Schranken gehalten werden. Und wiewohl wir aus allen KrĂ€ften darauf hingearbeitet haben, so wird doch der Satan nicht aufhören, dieses unter einander zu mischen und zu verwirren, und es wird niemals an Leuten mangeln, die sich nicht in den Schranken ihres Amts halten werden. Die mit falschem Geist erfĂŒllten (spirituosi), schwĂ€rmerischen und aufrĂŒhrerischen Lehrer, mit ihrem Amte nicht zufrieden, reiĂen auch das weltliche Regiment an sich. Dagegen die weltliche Obrigkeit und die FĂŒrsten senden auch ihre Sichel in eine fremde Ernte, und legen ihre HĂ€nde an das Ruder des Kirchenregiments, und nehmen sich auch hier die Herrschaft heraus. So hat der Teufel allezeit seine Werkzeuge, die uns hier Unruhen erregen und die vorgeschriebenen Grenzen ihres Berufs ĂŒberschreiten. (Luther, SĂ€mtliche Schriften, Bd. 6, Sp. 170)
Mit dieser Unterscheidung untermauert Luther die fĂŒr das Abendland so bedeutende Unterteilung von Kirche und Staat. Weder darf die Kirche mit staatlichen Mitteln, z.âB. mit dem Schwert, geistliche Ziele durchsetzen. Noch darf der Staat sich autoritĂ€r in die pastoralen Belange der Kirche einmischen. Durch die Unterscheidung, nicht vollstĂ€ndige Trennung oder Abspaltung, beider göttlicher Regimente, wird also gewĂ€hrleistet, dass der Staat der Kirche einen eigenen Raum ĂŒberlĂ€sst und die Kirche andersherum nicht den Staat instrumentalisiert. Auch heute sehen wir, welch verhĂ€ngnisvolle Folgen die Vermischung von Politik und Religion haben kann.
Die Trennung von geistlicher und staatlicher Kompetenz ist nicht etwa eine Erfindung Luthers. Sie zieht sich durch das Neue Testament und wird â entgegen mancher Vorurteile â bereits im Alten Testament gefordert. So finden wir z.âB. folgende Unterscheidungen:
Könige und FĂŒrsten sowie Priester und Propheten (vgl. z.B. Jer 32,32);
Barak als Feldherr und Deborah als Prophetin (vgl. Ri 4,4â9);
Nehemia als Statthalter und Esra als Priester: Als der Politiker Nehemia verfolgt wurde, widerstand er der Versuchung, in den Tempel zu flĂŒchten und dort sein Leben zu retten. Es wĂ€re eine SĂŒnde gewesen, seine gesellschaftliche Verantwortung nicht ernst zu nehmen. Gott erwartete von ihm, dass er sich seinem Kompetenzbereich als Statthalter stellt, auch wenn es gefĂ€hrlich wird (vgl. Neh 6,10â14).
Uns Christen ist es nicht erlaubt, das Reich Gottes mit dem Schwert zu bauen (vgl. Mt 26,52)! Abraham Kuyper (1837â1920), ein bedeutender reformierter Theologe und zeitweilig niederlĂ€ndischer MinisterprĂ€sident, schrieb trotz seines beeindruckenden politischen EnÂgagements:
In der Regierung des Staates darf die Gemeinde nicht herrschen wollen. Ihr Werkzeug ist das freie Wort, ihre Macht der Einfluss von Mensch auf Mensch in seinem Gewissen, seinem Haus, der Welt seiÂnes Denkens, ⊠(Kuyper, Die Kirche Jesu Christi: Worte aus Reden und Schriften, 1926, S. 44)
Anmerkungen:
âą Weitere Fragen zur Zwei Reiche-Lehre hat Michael Horton aus reformierter Sicht in einer aktuellen Serie beantwortet, die hier zusammenhĂ€ngend herunter geladen werden kann. (Leider nur auf Englisch. Will es jemand ĂŒbersetzen?): www.whitehorseinn.org.
Der NiederlĂ€nder Herman Bavinck (1854â1921) beschĂ€ftigte sich sein ganzes Leben lang mit dem Spannungsfeld von christlichem Glauben und moderner Kultur. Nach einer kurzen TĂ€tigkeit als Pastor einer Gemeinde in Friesland wurde Herman Bavinck 1882 als Professor der Systematischen Theologie an die Theologische Hochschule nach Kampen berufen. 1902 wechselte er nach Amsterdam und lehrte dort als Professor der Theologie an der freien UniversitĂ€t. Heute gilt Bavinck zusammen mit Abraham Kuyper als Hauptvertreter der ersten Generation der neo-calvinistischen Theologie.
Eine im Jahre 1904 gehalten Rektoratsrede mit dem Titel »Christliche Weltanschauung« wurde jetzt in einer deutschen Ausgabe neu herausgegeben. Bavinck behandelt darin drei groĂe Fragen der Philosophie: Wie verhalten sich Denken und Sein und wie Sein und Werden zueinander? Und: Welche Normen gibt es fĂŒr rechtes Handeln? Bavinck trĂ€gt seine AusfĂŒhrungen mit der Ăberzeugung vor, dass allein der christliche Glaube befriedigende Antworten auf diese Hauptthemen menschlichen Lebens anzubieten hat.
Vor ĂŒber einhundert Jahren, als die Dichter und Gelehrten im deutschen Sprachraum noch mit der Verarbeitung des Nietzsche-Schocks beschĂ€ftigt waren, beschrieb der glĂ€ubige Theologe das gesellschaftliche Denkklima mit folgen Worten:
Gemeinsam aber ⊠ist die Abkehr von dem allgemeinen, ungezweifelten christlichen Glauben. Worin man auch im einzelnen voneinander abweichen möge, es steht fest, dass die Zeit des historischen Christentums vorbei ist. Es passt nicht mehr zu unserer kopernikanischen Weltanschauung, zu unserer Kenntnis der Natur und ihrer unverĂ€nderlichen Gesetze. Es passt nicht mehr zu unserer modernen Kultur, zu der »Diesseitigkeit« unserer Lebensauffassung, zu unserer WertschĂ€tzung der materiellen GĂŒter. Die Gedankenwelt der Schrift lĂ€sst sich in den Zyklus unserer Vorstellungen nicht mehr einfĂŒgen. Das ganze Christentum mit seiner TrinitĂ€t und Inkarnation, mit seiner Schöpfung und seinem SĂŒndenfall, mit seiner Schuld und Versöhnung, mit seinem Himmel und seiner Hölle gehört in eine veraltete Weltanschauung und ist mit dieser endgĂŒltig abgetan. Es hat unserem Geschlecht nichts mehr zu sagen und ist durch eine tiefe Kluft von modernem Denken und Leben geschieden. Die Schlagwörter Gott, Seele, Unsterblichkeit, sagt Meyer-Benfey, haben ihren Sinn fĂŒr uns verloren. Wer fĂŒhlt heute noch das BedĂŒrfnis, ĂŒber das Dasein Gottes zu disputieren? Wir brauchen Gott nicht mehr, fĂŒr ihn ist auf unserer Welt kein Raum mehr. Möge der greise Einsiedler in seiner Klause sitzen und seinen Gott verehren. Wir, JĂŒnger des Zarathustra, wir wissen, dass Gott tot ist und nicht mehr auferstehen wird.
Das Buch ist beziehbar als:
Herman Bavinck, Christliche Weltanschaung, neu hrsg. von Thomas K. Johnson u. Ron Kubsch, Bonn: VKW, 2008, ISBN: 978-3-938116-38-8, 91 S., Preis ⏠8,00.
Papst Franziskus hat am Mittwoch eine Ansprache ĂŒber das Gute gehalten (reinhören kann man beim Radio Vatikan hier). Er sagte dort (Quelle:):
Gott hat uns nach seinem Abbild geschaffen, und wir haben deswegen im Herzen dieses Gebot: Tue das Gute und tue nicht das Böse. Alle. âAber Pater, der da ist doch nicht Katholisch, der kann doch gar nicht Gutes tun! Doch, das kann er. Das muss er! Aber Pater, der da ist doch kein Christ, der kann doch gar nichts Gutes tun! Doch, das kann er. Das muss er! Nicht können, sondern mĂŒssen! Weil er das Gebot Gottes in sich trĂ€gt. Dieses sich AbschlieĂen gegen den Gedanken, das auch andere Gutes tun können, ist eine Mauer, die uns zu Krieg fĂŒhrt und dazu, wie einige in der Geschichte gedacht haben: Töten im Namen Gottes. Das ist GotteslĂ€sterung. Zu sagen, dass man im Namen Gottes töten dĂŒrfe, ist GotteslĂ€sterung.
Bis hier hin kann ich ihm völlig zustimmen. Heiden können in einem bestimmten Sinne sogar die besseren Menschen sein. Obwohl in den âhimmlischen Dingenâ blind, sind sie in den âirdischen Angelegenheitenâ oft ehrbar. Nicht selten sind sie pflichteifrige BĂŒrger. In einem Bereich, den die Reformatoren justitia civilis genannt haben, können sie sich tugendhafter als Christen benehmen. Der SĂŒnder ist fĂ€hig, EinzelsĂŒnden, wie z. B. das Stehlen oder BetrĂŒgen, zu meiden. Allerdings ist er unfĂ€hig, kein SĂŒnder zu sein, also Gott versöhnt mit ganzem Herzen zu lieben.
Deshalb muss ich Papst Franziskus deutlich widersprechen, wenn er weiter sagt (Quelle):
Der Herr hat uns alle erlöst, uns alle, mit dem Blut Christi: alle von uns, nicht nur die Katholiken. Jeden! âVater, und die Atheisten?â Auch die Atheisten, jeden, und das Blut macht uns zu Kindern Gottes der ersten Klasse! Wir sind Kinder in dem Bilde Gottes geschaffen und das Blut Christi hat uns alle erlöst! Und wir alle haben die Pflicht, Gutes zu tun.
Hier vermischt nun Papst Franziskus die allgemeine mit der besonderen Gnade. Die letztere schenkt Gott denen, die Jesus Christus vertrauen (siehe dazu hier). Wer aus Gott geboren ist und an den Sohn Gottes glaubt, ist ein Kind Gottes. So heiĂt es im Johannesevangelium (Joh 1,9â13):
Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Â Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Â Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Â Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
In den letzten Monate wurde viel darĂŒber gerĂ€tselt, wo denn der neue Papst theologisch verortet sei. Ist er ein Befreiungstheologe, ein Charismatiker oder ein evangelikaler Katholik? Am Mittwoch ist er dem Denken Karl Rahners gefolgt. Dieser hat sich in seinem Aufsatz âDie bleibende Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzilsâ (StdZ 12/1979, S. 795â806) ausdrĂŒcklich gegen Augustinus gewandt und dem âZweiten Vatikanischen Konzilâ einen universellen Heilsoptimismus zugeschrieben (S. 804):
Das Konzil aber sagt, daĂ selbst der, der meint Atheist sein zu sollen, mit dem österlichen Geheimnis Christi verbunden ist, wenn er nur seinem Gewissen folgt, daĂ jeder Mensch in einer Weise, die nur Gott kennt, mit dessen Offenbarung in BerĂŒhrung steht und wirklich, im theologischen Sinn einer heilshaften Tat, glauben kann. Da wird gesagt, daĂ auch die, die in Schatten und Bildern den unbekannten Gott suchen, dem wahren Gott nicht fern sind, der will, daĂ alle Menschen gerettet werden, wenn sie nur ein rechtes Leben zu fĂŒhren sich bemĂŒhen. Da wird betont, daĂ die Kirche nicht so sehr die Gemeinschaft der allein Geretteten ist, sondern das sakramentale Ur-Zeichen und die Keimzelle des Heils fĂŒr die ganze Welt.
Mit freundlicher Genehmigung darf ich hier einen Artikel wiedergeben, den Dr. Jan Gerrit Beuker fĂŒr die Zeitschrift Der Grenzbote verfasst hat (Nr. 5, 30. Mai 2021, S. 47â48):
Vor 100 Jahren starb Herman Bavinck
Herman Bavinck (1854 â 1921) ist der Ă€lteste Sohn von Jan Bavinck (1826 â 1909), der aus Bentheim stammte. Jan Bavinck war von 1848 bis 1853 der erste altreformierte Pastor, anfangs fĂŒr die gesamte Niedergrafschaft, 1849 nur fĂŒr Wilsum und Uelsen und 1850 bis 1853 nur fĂŒr Uelsen. Von Uelsen aus wurde Jan Bavinck Dozent an der Theologischen Schule in Ruinerwold/Hoogeveen, wo er schon in seiner Studienzeit wie auch spĂ€ter in Uelsen angehende Theologen unterwiesen hatte.Eine Ernennung als Professor an der 1854 neu gegrĂŒndeten Theologischen Schule in Kampen lehnte er ab. Er lieĂ ĂŒber diese Entscheidung das Los den Ausschlag geben. Er arbeitete von 1853 bis 1857 zusĂ€tzlich als Pastor in Hoogeveen und von 1857 bis 1862 in Bunschoten. Nach zehn Jahren als Pastorin Almkerk-Nieuwendijk (1862 bis 1873) betreute er von 1873 bis 1903 die Gemeinde Kampen. Gleichzeitig gehörte er viele Jahrzehnte zur Leitung der Theologischen Schule Kampen. Jan Bavinck starb am 28. November 1909 in Amsterdam. WeitereInformationen ĂŒber Jan Bavinck sind derBiografie zu entnehmen, die im Internet abrufbar ist: biografien/Biogr-Bavink-J-.pdf.
Sein Sohn Herman studierte 1873 in Kampen und 1874 bis 1880 in Leiden, wo er sein Studium mit der Promotion abschloss.1881/82 war er kurz Pastor in Franeker, 1882 wurde er Dozent an der Schule in Kampen, 1902 ĂŒbernahm er einen Lehrstuhl an der Freien UniversitĂ€t (VU) in Amsterdam. Seine vierbĂ€ndige Dogmatik ist in verschiedene Sprachen ĂŒbersetzt, eine deutsche Ăbersetzung wird seit vielen Jahren vorbereitet. Seine Ethik ist vor kurzem in den Niederlanden neu erschienen.
Sein Buch Christliche Weltanschauung wurde 2007 in deutscher Sprache neu herausgegeben. Herman Bavinck schreibt darin ĂŒber Fragen der Philosophie: Wie verhalten sich Denken und Sein und wie Sein und Werden zueinander? Oder: Welche Normen gibt es fĂŒr rechtes Handeln? Bavinck meint, allein der christliche Glaube gibt befriedigende Antworten. Die englische Ăbersetzung war 2020 die Nummer eins der Amazon-Bestsellerliste fĂŒr christliche theologische Literatur in den USA und in England. Allein vier verschiedene dicke BĂŒcheraus den Jahren 1921, 1966, 2010 und 2020 beschreiben das Leben und die Wirkung von Herman Bavinck.
Die letzte Biografie von James Eglinton (Jg. 1982) zĂ€hlt 2021 schon drei Auflagen und erscheint gerade in Chinesisch und Koreanisch. Die Monatsschrift âProtestants Nederlandâ widmet Herman Bavinck die gesamte Nummer vom Februar 2021 mit etwa 60 Seiten. Autoren aus Korea, England, den USA und natĂŒrlich auch den Niederlanden wĂŒrdigen seine Weitsicht. Er schrieb neben Dogmatik und Ethik auch ĂŒber PĂ€dagogik, Psychologie und Philosophie. Man nennt ihn wohl einmal einen âcalvinistischen Alleskönnerâ.
Herman Bavinck versuchte im Dialog mit Abraham Kuyper, den christlichen Glauben und die moderne Welt miteinander ins GesprĂ€ch zu bringen. Er behielt die pietistische Einstellung seines Elternhauses, fĂŒr die Wiedergeburt und Bekehrung wichtige Themen waren und wo man Gottes Willen mit dem Los erforschte und bestimmte Bibeltexte âbekamâ, die einen Menschen versicherten, Gottes Kind zu sein. Diese abgeschiedene Frömmigkeit verband Bavinck schon in seinem Studium und dann auch lebenslang mit den Fragen der modernen Welt. Es war ĂŒbrigens 1874 âunerhörtâ, dass der Sohn eines altreformierten Pastors nicht in Kampen, sondern in Leiden Theologie studierte. Bavinck wollte mehr als nur das eigene Seelenheil, das viele Altreformierte bekĂŒmmerte. Er wollte in einem guten Sinn die Welt mit dem christlichen Glauben gewinnen. Wenn Jesus Herr der ganzen Welt ist, dann ist unser ganzes Leben von ihm geprĂ€gt und nicht nur unsere Frömmigkeit oder unsere Gottesdienste.
In den USA, Korea, Asien oder auch Schottland ist Bavinck heute bekannter als in Mitteleuropa. Bavinck ruft dort bis heute auf, die Welt mit dem christlichen Glauben zu durchdringen. Es wĂŒrde Europa gut tun, seine Stimme neu zu hören.
Abraham Kuyper schreibt ĂŒber das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche (Das Werk des Heiligen Geistes, New York; London: Funk & Wagnalls, 1900, S. 184-185):
Die Kirche hat eine Berufung in der Welt. Sie wird nicht nur von den MĂ€chten dieser Welt, sondern vielmehr von den unsichtbaren MĂ€chten des Satans gewaltsam angegriffen. Ohne Pause. Indem er leugnet, dass Christus gesiegt hat, glaubt Satan, dass die Zeit, die ihm bleibt, ihm noch Siege bringen kann. Daher seine rastlose Wut und seine unaufhörlichen Angriffe auf die Ordnungen der Kirche, sein stĂ€ndiges BemĂŒhen, sie zu spalten und zu verderben, und seine immer wiederkehrende Leugnung der AutoritĂ€t und des Königtums Jesu in seiner Kirche. Obwohl es ihm nie ganz gelingen wird, gelingt es ihm bis zu einem gewissen Grad. Die Geschichte der Kirche in jedem Land zeigt es; sie beweist, dass ein zufriedenstellender Zustand der Kirche sehr auĂergewöhnlich und von kurzer Dauer ist und dass ihr Zustand acht von zehn Jahrhunderten lang traurig und bedauernswert ist, was fĂŒr das Volk Gottes Schande und Leid bedeutet.
Und doch hat sie in dieser ganzen Auseinandersetzung eine Berufung, eine bestimmte Aufgabe zu erfĂŒllen. Sie kann manchmal darin bestehen, wie bei Hiob gesiebt zu werden, um zu zeigen, dass durch das Gebet Christi der Glaube in seinem SchoĂ nicht zerstört werden kann. Aber was auch immer die Form der Aufgabe ist, die Kirche braucht immer geistliche Kraft, um sie zu erfĂŒllen; eine Kraft, die nicht aus ihr selbst kommt, sondern die der König schenken muss.
Jedes Mittel, das der König fĂŒr seine Arbeit zur VerfĂŒgung stellt, ist ein Charisma, ein Geschenk der Gnade. Daher die interne Verbindung zwischen Arbeit, BĂŒro und Gabe.
Deshalb sagt der heilige Paulus: âJedem wird die Manifestation des Geistes gegeben, um damit zu profitierenâ, d.h. zu Wohl aller [in der Gemeinde] (ÏÏáœžÏ Ï᜞ ÏÏ ÎŒÏÎÏÎżÎœ) (1Kor 12,7). Und dann noch deutlicher: âSo sucht auch ihr, da ihr auf geistliche Gaben eifrig seid, dass ihr euch zur Erbauung der Kirche erhebtâ (1Kor 14,12). Daher die Bitte âDein Reich kommeâ, die der Heidelberger Katechismus so auslegt: âRegiere uns durch dein Wort und deinen Geist, dass wir dir je lĂ€nger, je mehr gehorchen. Erhalte und mehre deine Kirche und zerstöre die Werke des Teufels und alle Gewalt, die sich gegen dich erhebt, und alle Machenschaften, die gegen dein heiliges Wort erdacht werden, bis die Vollendung deines Reiches kommt, in dem du alles in allen sein wirst.â
Es ist daher falsch, das Leben der einzelnen GlĂ€ubigen zu sehr isoliert zu betrachten und es vom Leben der Kirche zu trennen. Sie existieren nicht fĂŒr sich, sondern in Verbindung mit dem Leib und so werden sie Teilhaber der geistlichen Gaben. In diesem Sinne bekennt der Heidelberger Katechismus die Gemeinschaft der Heiligen: âErstens: Alle Glaubenden haben als Glieder Gemeinschaft an dem Herrn Christus und an allen seinen SchĂ€tzen und Gaben. Zweitens: Darum soll auch jeder seine Gaben willig und mit Freuden zum Wohl und Heil der anderen gebrauchen.â Das Gleichnis von den Talenten hat das gleiche Ziel; denn der Diener, der mit seinem Talent anderen nicht geholfen hat, erhĂ€lt ein schreckliches Urteil. Auch das verborgene Geschenk muss gehoben werden, wie der heilige Paulus sagt; nicht, um damit zu prahlen oder unseren Stolz zu nĂ€hren, sondern weil es dem Herrn gehört und fĂŒr die Gemeinde bestimmt ist.
Johannes schreibt: âIhr habt eine Salbung vom Heiligen, und ihr wisst alle Dingeâ (1Joh 2,20), und: âIhr braucht nicht, dass euch jemand lehrtâ (1Joh 2,27). Das bedeutet nicht, dass jeder einzelne GlĂ€ubige die volle Salbung besitzt und aufgrund dessen alles weiĂ. Denn wenn das so wĂ€re, wer wĂŒrde nicht an der Erlösung verzweifeln, noch wagen zu sagen: âIch habe Glaubenâ? Und wie könnte die Aussage âIhr braucht nicht, dass euch jemand lehrtâ mit dem Zeugnis desselben Apostels versöhnt werden, dass der Heilige Geist die von Jesus selbst ernannten Lehrer qualifiziert? Nicht der einzelne GlĂ€ubige, sondern die ganze Kirche als Leib besitzt die volle Salbung des Heiligen und weiĂ alles. Die Kirche als Leib braucht niemanden, der kommt, um sie von auĂen zu lehren; denn sie besitzt den ganzen Schatz der Weisheit und des Wissens, indem sie mit dem Haupt vereint ist, das die Herrlichkeit Gottes widerspiegelt und in dem alle Weisheit wohnt.