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Die ausgebuchten Taylor Swift-Gottesdienste

Es gibt derzeit einen Hype um die US-Sängerin Taylor Swift – auch unter Frommen. Izaac Cowling, der für die Gospel Coalition in Australien schreibt, meint, mit Songtexten von Swift das Evangelium zusammenfassen zu können/müssen. Blake Glosson schrieb für TGC in den USA den Artikel „7 Dinge, die Christen von Taylor Swifts Eras-Tour lernen können“. Der wurde allerdings wegen vieler Proteste schnell wieder zurückgezogen. Die Heiliggeistkirche Heidelberg setzt dem Hype nun eine Krone auf, in dem sie im Mai zwei „Taylor Swift-Gottesdienste“ anbieten wird. Das Nachrichtenportal der katholischen Kirche in Deutschland meldet:

Zwei Gottesdienste am 12. Mai in Heidelberg um die Lieder der US-Sängerin Taylor Swift haben großes Interesse geweckt. Nachdem der erste Gottesdienst um 11 Uhr bereits ausgebucht ist, seien auch alle 420 Karten für die zweite Veranstaltung um 13 Uhr kurz nach der Freischaltung am Donnerstagmorgen vergriffen, sagte Citykirchenpfarrer Vincenzo Petracca dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Donnerstag. „Ganz Deutschland scheint im Swift-Fieber zu sein“, sagte der evangelische Theologe. Am Freitag wolle der SWR-Rundfunksender „Das Ding“ vier Tickets für den Gottesdienst in der ersten Reihe verlosen. In den Gottesdiensten mit dem Titel „Anti Hero“ – nach dem gleichnamigen Swift-Song – interpretiert die Sängerin Tine Wiechmann, die bis vor kurzem Professorin für Pop-Kirchenmusik an der Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg war, Stücke der Pop-Ikone. Thematisiert werde aber auch, welche Rolle der christliche Glaube im Leben der 34-jährigen Swift spiele. Mit 280 Millionen Followern auf Instagram, vier Grammys und musikalischen Milliardenumsätzen gilt Swift derzeit als eine der einflussreichsten Popstars.

Hauptsache, die Kirche ist mal wieder gefüllt. So einfach ist das.

Taylor Swift soll tatsächlich in einer christlichen Familie im US-Bundesstaat Tennessee aufgewachsen sein. In den letzten Jahren ist sie mehrfach als Missionarin der LGBTQ+Bewegung aufgetreten (siehe das eindrückliche Video zu ihrem Song „You need to calm down“).

Giles Gough hat versucht, die Dekonstruktion ihres Glaubens in „The changing faith of Taylor Swift“ nachzuvollziehen. Er schreibt dort :

Es scheint so, dass wir zwei Taylors haben. Die erste hat eine unkomplizierte, aber aufrichtige Beziehung zu Gott. Eine, die zu ihrer Bible Belt-Erziehung passt. Die zweite, die sich nur in Krisenzeiten an ihn wendet ist typisch für die säkulare Mainstream-Welt, in der sie lebt.

Natürlich ist dies eine Entwicklung, die über zwei Jahrzehnte hinweg stattgefunden hat, aber es ist verlockend, sich zu fragen, ob wir einen Wendepunkt finden können, einen Beweis für einen Moment, in dem Taylor ihren Glauben verloren haben könnte?

Vielleicht haben wir einen solchen Beweis in dem Song „Would’ve Should’ve Could’ve“ gefunden. Es wird allgemein angenommen, dass dieser Song von John Mayer handelt, einem amerikanischen Sänger, mit dem Swift angeblich eine Beziehung hatte, als er 32 und sie gerade 19 war. Die Beziehung endete unglücklich, und obwohl sie nur ein paar Monate dauerte, scheint diese Erfahrung Swift für ihr ganzes Erwachsenenleben gezeichnet zu haben. Nicht nur das, sondern sie deutet auch stark an, dass diese Beziehung ihre Beziehung zu Gott unwiderruflich beschädigt hat.

In einem Song voller biblischer Anspielungen sagt Swift uns das: „If you’d never touched me, I would’ve / Gone along with the righteous“ und „you’re a crisis of my faith“. Der Refrain „I regret you all the time“ hat zu intensiven Spekulationen geführt. Wie schlecht muss man eigentlich als Freund sein, um den Glauben an Gott zu erschüttern?

Für mich klingt Taylor Swift wie jemand, der seinen Glauben dekonstruiert hat und nun nicht mehr weiß, woran er glaubt. Das ist kein Urteil über ihren Charakter. Swift scheint sich immer noch nach Gott zu sehnen, und wenn sie ihn nicht finden kann, hat sie vielleicht versucht, ihr Heil in der romantischen Liebe zu suchen. Aber das ist nur eine fundierte Vermutung. Schließlich sprechen wir über den Glaubensweg einer Person, die sich noch auf diesem Weg befindet. Es ist durchaus möglich, dass Gott mit Taylor Swift noch nicht fertig ist.

Ein Todeswerk in Brüssel

In seinem Buch Siegeszug des modernen Selbst beschreibt Carl Trueman unter Rückgriff auf Thesen des Soziologen Philip Rieff die sogenannten „Todeswerke“.

Was sind Todeswerke?

Todeswerke sind dafür da, heilige Ordnungen zu zerstören, vor allem im Bereich der Kultur. Sie stellen einen Angriff auf etablierte schöpferische Kunstformen dar. Ein Todeswerk zielt darauf ab, die tiefere moralische Struktur einer Gesellschaft auszuhebeln.

Sie spielen daher eine große Rolle, wenn es darum geht, Veränderungen des gesellschaftlichen Ethos herbeizuführen. Sie beeinflussen das, was der kanadische Philosoph Charles Taylor das „soziale Vorstellungsschema“ nennt. Zusammengefasst ist das soziale Vorstellungsschema die Art und Weise, wie Menschen sich die Welt vorstellen und intuitiv in ihr handeln. Es ist unsere Gesamtsicht auf die Wirklichkeit, wie wir sie verstehen und welchen Sinn wir in unserem Verhalten sehen (vielleicht vergleichbar mit den Begriff „Weltbild“, der früher sehr verbreitet war).

Todeswerke bringen weniger Argumente gegen die alte Ordnung vor, sondern unterwandern sie geschickt. Sie zielen darauf ab, den ästhetischen Geschmack und die Sympathien der Gesellschaft so zu lenken, dass die Normen, auf denen sie beruht, untergraben werden. Sie lassen deshalb die alten Gebote lächerlich erscheinen.

Um genauer zu verstehen, was Rieff mit „heiligen Ordnungen“ meint, müssen wir uns kurz mit seiner Unterscheidung von drei Welten beschäftigen. Es hat – so viel sei vorausgesagt – nichts mit der Drei-Welten-Lehre von Gottlob Frege oder Karl Popper zu tun (vgl. hier).

Rieff hat die Begriffe erste, zweite und dritte Welten eingeführt, um zwischen drei Arten von Kulturen zu unterscheiden. Eine erste und zweite Welt begründet ihre Moralvorstellungen mit dem Verweis auf etwas Transzendentes – etwas, das über die Welt selbst hinausgeht. In einer ersten Welt ist dies beispielsweise ein Mythos, in einer zweiten Welt der Glaube an einen Gott. Das Christentum hat eine heilige Kultur der zweiten Welt geschaffen. Erste und zweite Welten entwickeln eine moralische und kulturelle Stabilität, weil ihr Fundament in etwas liegt, das über sie hinausgeht. Im Gegensatz dazu gründen dritte Welten ihre Kultur, Gesellschaftsordnungen und Moralvorstellungen nicht auf etwas Heiligem. Sie sind auf sich selbst angewiesen. Dritte Welten sind – so würde der Philosoph Herbert Schnädelbach sagen, reflexiv (Kant, 2018, S. 10):

Vollständig reflexiv sind Kulturen, wenn sie sich bei ihrer Selbstinterpretation nicht länger auf etwas beziehen können, was Kultur und damit menschlicher Verfügung entzogen wäre – seien es Dämonen, Götter oder „die“ Natur. So ist in der Moderne die Kultur in allen Dingen ganz auf sich selbst verwiesen; sie ist ihr eigenes Subjekt, denn es gibt hier keine höhere Instanz als das kulturelle „Wir“.

Die Todeswerke der dritten Welt richten sich nun gegen die Kulturen der ersten und zweiten Welt. Sie leben von der Dekonstruktion, da sie das Heilige der zweiten Welt lächerlich machen. Eines von Rieffs Kernbeispielen ist Andres Serranos berüchtigtes Werk Piss Christ. Dort wird ein Kruzifix gezeigt, das in den Urin des Künstlers getaucht ist. Trueman schreibt dazu:

In vielerlei Hinsicht ist dies ein Paradebeispiel für das, worauf Rieff hinweist: Ein Symbol für etwas, das der zweiten Welt zutiefst heilig ist, wird in einer Form präsentiert, die es entwürdigt und gänzlich abstoßend macht. Serrano belustigt sich mit diesem Kunstwerk nicht nur über die heilige Ordnung. Er hat sie in etwas Schmutziges, Ekelhaftes und Abscheuliches verwandelt. Die höchste Instanz der zweiten Welt, Gott, wird buchstäblich in die Kloake, in das Allerniedrigste, geworfen. Das Sakramentale wird zum Exkrementalen. Dies ist kein schlichter Angriff auf die privaten religiösen Gefühle von Katholiken. Es ist eine Attacke auf die Autorität selbst. Ein Angriff auf die heilige Ordnung, durch die die zweite Welt legitimiert wird. Seine Kraft liegt nicht in einem Argument, das vorgebracht wird, sondern vielmehr in der Art und Weise, wie das Reine durch das Schmutzige subversiv untergraben wird. Die Religion wird nicht als unwahr hingestellt, sondern als geschmacklos und abstoßend.

Wir finden heute Todeswerke an vielen Orten, etwa in Brüssel. Dort wurden gerade die Bilder der schwedischen lesbischen Fotografin Elisabeth Ohlson ausgestellt. Sie zeigen einen Jesus, der von sadomasochistische Aposteln umgegeben ist und sich sich für die Rechte der LGBTQ+Community einsetzt (siehe hier).

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Heideggers finsteres Vermächtnis

41JCuufyXGL._Derzeit ist in den Feuilletons ein Satz häufig zu hören oder zu lesen: „Die Katze ist aus dem Sack!“ Worum geht es? Der deutsche Philosoph Martin Heidegger führte in der Zeit von 1931 bis zum Anfang der siebziger Jahre mit Unterbrechungen geheime Denktagebücher, die sogenannten Schwarzen Hefte. Nur wenige Familienangehörige und Geliebte bekamen Auszüge aus den vierunddreißig Wachstuchheften zu sehen (einige Zitate waren allerdings in Frankreich bekanntgeworden). Sonst konnte nur vermutet werden, dass da noch etwas passiert. Gegenüber Vertrauten hatte Heidegger gelegentlich bemerkt, er habe die Katze noch gar nicht aus dem Sack gelassen. Er verfügte testamentarisch, dass die Hefte erst am Schluss der Werkausgabe publiziert werden. Nun sind die ersten drei Bände der Manuskripte beim Verlag Vittorio Klostermann erschienen (der erste Band: M. Heidegger: Gesamtausgabe. 4 Abteilungen / Überlegungen II-VI: (Schwarze Hefte 1931-1938).

Der Inhalt ist so bedrückend, dass der Fachwelt der Atem stockt. Selbst Heideggerschüler, die bisher ihren Lehrer gegen die längst bekannte „Nazinähe“ (vgl. dazu Victor Farías: Heidegger und der Nationalsozialismus u. von Holger Zaborowski: „Eine Frage von Irre und Schuld?“: Martin Heidegger und der Nationalsozialismus) verteidigt haben, gehen inzwischen die Argumente aus. Thomas Assheuer kommentiert für DIE ZEIT:

Die Hefte sind ein philosophischer Wahnsinn und in einigen Abschnitten ein Gedankenverbrechen. Es gibt nun keine Beruhigung mehr. Die treuherzige Geschichte, Heidegger habe sich nur kurz, nur für einen Wimpernschlag der Weltgeschichte, vom Faschismus verführen lassen, ist falsch. Selbst dort, wo er zu Hitler auf Distanz ging, tat er es nicht aus moralischer Empörung; er tat es, weil er sich vom Regime mehr erhofft hatte. „Aus der vollen Einsicht in die frühere Täuschung über das Wesen des Nationalsozialismus ergibt sich erst die Notwendigkeit seiner Bejahung, und zwar aus denkerischen Gründen.“

Die Aufzeichnungen durchzieht eine rüde Kritik des Juden- und Christentums (zu Heideggers Abkehr vom Katholizismus siehe hier), aber auch das Eingeständnis, er habe in seinem Hauptwerk Sein und Zeit den einzelnen Menschen überschätzt. Heidegger hofft nun auf den totalitären Staat, erkennt jedoch bald, dass auch der Nationalsozialismus dem Sein nicht zum Durchbruch verhilft. Nur ein Gott kann uns noch retten, sollte er später sagen. Er meinte damit nicht den jüdisch-christlichen Gott, sondern den Gott eines neuen Heidentums, einen Gott, mit dem sich der Mensch solidarisiert.

Die Tatsache, dass genau der Philosoph, der neben Nietzsche den Eintritt in das spätmoderne oder postmoderne Denken maßgeblich mitbestimmt hat, die Menschen, insbesondere die Juden, zutiefst verachtet und den deutschen Staat vergöttert hat, wird Anlass dafür geben, das Erbe der hermeneutischen und existentialistischen Philosophie noch einmal genauer zu betrachten. Die Elite der Dekonstruktion, unter ihnen der aus Litauen stammende Emmanuel Levinas oder die Franzosen Michel Foucault und Jacques Derrida, steht in der denkerischen Schuld Heideggers.

Wer einen Eindruck von der Erschütterung haben möchte, die derzeit die Philosophenwelt erfasst, sollte sich die SWR2-Sendung „Heideggers ‚Schwarze Hefte‘“ anhören. Zur Gesprächsrunde gehören Prof. Dr. Micha Brumlik (Philosoph, Senior Advisor des Zentrums für Jüdische Studien, Berlin/Brandenburg), Prof. Dr. Rainer Marten (Philosoph, Universität Freiburg) und Prof. Dr. Peter Trawny (Philosoph, Herausgeber von Martin Heideggers „Schwarzen Heften“, Bergische Universität Wuppertal) sowie der Moderator Eggert Blum.

Hier:

Evangelikal, weiblich, befreit – Beth Barrs Buch über „Biblische Weiblichkeit“

51kJBZidb4S SY264 BO1 204 203 200 QL40 ML2Beth Allison Barrs einflussreiches Buch The Making of Biblical Womanhood versucht, die historischen Wurzeln der „biblischen Weiblichkeit“ aufzuzeigen. Es ist alles in allem eine polemisch-kritische Abrechnung mit dem Komplementarianismus (bedeutet vereinfacht so viel wie: die beiden Geschlechter ergänzen einander in ihrer Unterschiedlichkeit). Nach Barrs sind die Bibeltexte in einer patriarchalischen Kultur entstanden und kommunizieren daher auch die Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau sowie eine Ordnung, in der der Mann das Oberhaupt der Familie ist und die Kirchengemeinden von Männern geleitet werden. Allerdings transportiere die Bibel diese Vorstellungen nur, weil sie von Menschen geschrieben sei. Die kulturbedingten Annahmen seien nicht das, was Gott kommunizieren wolle. Gott möchte etwas anderes sagen, nämlich, dass wir Menschen uns zum Guten hin entwickeln sollen.

Dass dieses Buch sowohl in Nordamerika wie auch in Europa großen Zuspruch erfährt, kann kaum überraschen. Die Dekonstruktion konservativer Werte (die übrigens nicht per se biblisch sein müssen) ist in einer emanzipativen Kultur in der Regel sehr willkommen. Der semi-emergente Scot McKnight schreibt etwa: „Barrs sorgfältig ausgewählten historischen Beispiele, vor allem die aus dem Mittelalter, fügen sich zu einer brillanten, donnernden Erzählung zusammen, die das komplementäre Narrativ entlarvt. Ich konnte dieses Buch nicht aus der Hand legen.“

Ein sehr gutes Beispiel für die völlig unkritischen Aufnahme der Thesen von Beth Allison Barrs ist ein Beitrag, den der Deutschlandfunk kürzlich veröffentlicht hat. Barrs wird dort euphorisch als eine Wissenschaftlerin und Historikerin gefeiert, die erfolgreich gegen die Unterdrückung der Frauen in den evangelikalen Kirchengemeinden kämpft. Nicht eine kritische Frage wird gestellt. Es kommt niemand zu Wort, der die Dinge anders beurteilt. Keiner macht sich die Mühe, herauszufinden, ob ihr hermeneutischer Ansatz redlich ist. Beth Allison Barrs setzt sich für emanzipierte Glaubensvorstellungen ein und deshalb muss das Buch einfach gut sein. Punkt.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin der Meinung, dass Vertreter der komplementären Sichtweise immer in der Gefahr stehen, Gepflogenheiten der Gegenwartskultur oder eigene sündhafte Begierden mit einem biblischen Mandat zu verwechseln. Ich selbst sehe manche Spielarten dieser Sichtweise skeptisch. Von daher ist es wichtig, dass sich jede Generation neu vergewissert, was die Heilige Schrift zu diesen Themen sagt. Gleichzeitig ist es jedoch möglich, dass Vertreter egalitärer Sichtweisen die Anliegen ihrer Gegenwartskultur in die Bibel hineinlesen. Und es ist nicht nur möglich. Es lässt sich zeigen, dass dies oft passiert.

Hier also erstens der Beitrag des DLF über das Buch The Making of Biblical Womanhood:


Für Leute, die herausfinden möchten, ob Beth Allison Barrs das Buch als Wissenschaftlerin oder als Aktivistin geschrieben hat, empfehle ich zweitens eine ausführliche Rezension von Kevin DeYoung (Themelios, Vol. 46 (2), 8/2021, S. 402–412). Sein Fazit:

Barrs historisches Argument „funktioniert“, weil es ausgeschlossen ist, dass es nicht funktioniert. Welche Beweise man auch immer vorbringen mag – aus der Bibel, von Theologen aus allen Epochen oder aus der menschlichen Natur selbst –, die für die männliche Leiterschaft in der Kirche und im Haushalt sprechen, oder für die hohe Berufung der Mutterschaft oder für den allgemeinen Grundsatz, dass Männer führen, beschützen und versorgen sollten, all das kann als Patriarchat abgetan werden. Im Gegensatz dazu kann jedes Zeugnis, das zeigt, dass Frauen andere lehren oder Führungsaufgaben wahrnehmen – ganz gleich, um welche Art von Führung oder Lehre es sich handelt, ganz gleich, in welchem historischen Kontext oder wie zuverlässig die historischen Quellen sind, und ganz gleich, wie sehr die Frauen selbst darauf bedacht waren, die Grenzen der Autorität nicht zu überschreiten – all das zählt als Widerstand gegen das Patriarchat. Angesichts dieser Hermeneutik und angesichts der gesamten menschlichen Geschichte, mit der man arbeiten kann, können Barrs These und ähnliche Thesen nicht scheitern. Sie ist nicht falsifizierbar. Jedes bisschen Patriarchat bedeutet, dass sie recht hat, und jedes bisschen Nicht-Patriarchat bedeutet, dass sie auch recht hat.

Ohne Glaubenssubstanz keine Mission

Missionarischer Gemeindeaufbau braucht einen klaren theologischen Kompass, meint  Philipp Bartholomä und schreibt:

Dekonstruktion ist ein zentraler Ansatz unserer heutigen postmodernen Zeit. So ist es auch nicht mehr nur in Kreisen üblich, die man herkömmlicherweise als „theologisch liberal“ bezeichnet hat, zentrale theologische Wahrheiten zu „dekonstruieren“, also zu hinterfragen, umzudeuten und gegebenenfalls ganz aufzugeben. Auch unter Evangelikalen sind früher unantastbare Glaubensinhalte nicht mehr selbstverständlich. Theologisch steht vieles zur Disposition, wie etwa die Inspiration, Wahrheit und Einheit der Heiligen Schrift, die vollkommene Sündhaftigkeit des Menschen, die Jungfrauengeburt, das stellvertretende Sühneopfer des Mensch gewordenen Gottessohnes, der doppelte Ausgang des Endgerichts zu ewigem Leben mit Gott oder ewiger Trennung von Gott.

Auch im ethischen Bereich kommt es zu grundlegenden Neubewertungen, beispielsweise im Blick auf vorehelichen Geschlechtsverkehr oder Homosexualität. Man müsse, so häufig die Argumentation, traditionelle theologische Deutungen im Licht heutiger Erkenntnisse neu beurteilen. Durch einen solch „neuen Blick“ auf bisher missverstandene oder falsch angewendete biblische Texte könnte man dann auch angemessener auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen reagieren und somit die Relevanz des Glaubens wieder deutlicher machen. In dieser Hinsicht sei es vielfach notwendig, sperrige, unbequeme und mit vorherrschenden kulturellen Empfindungen in Konflikt stehende Aussagen der Heiligen Schrift auszublenden, umzudeuten oder der beschriebenen Neubewertung zu unterziehen.

Dass die Kontextualisierung biblischer Inhalte notwendig ist, um intellektuelle wie emotionale Brücken zu bauen und den kulturellen Abstand zu denen zu verringern, die wir erreichen wollen, steht außer Frage. Problematisch wird es dann, wenn die theologische Substanz und damit zentrale Glaubensinhalte in ihrem Kern verändert werden. Oft kann man den Eindruck gewinnen, dass nicht mehr biblische Einsichten für Fragen des Glaubens und der Lebensgestaltung maßgeblich sind, sondern postmoderne Befindlichkeiten und Überzeugungen.

Demgegenüber wird in der Bibel immer wieder deutlich: Es schadet dem Volk Gottes, wenn Gottes Wort infrage gestellt, verdreht oder gar bewusst ignoriert wird:

„Dies ist’s, was ich dir heute gebiete: dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der HERR, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen. Wendet sich aber dein Herz und du gehorchst nicht, sondern lässt dich verführen, dass du andere Götter anbetest und ihnen dienst, so verkünde ich euch heute, dass ihr umkommen und nicht lange in dem Lande bleiben werdet, in das du über den Jordan ziehst, es einzunehmen.“ (5Mo 30,16–18, vgl. Jer 44,4–6; Neh 9,29–30; Ps 89,31–33 u.v.a.)

„Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“ (Mt 7,24–27)

Jesus hat oft davon gesprochen, dass die Liebe zu ihm und der Gehorsam gegenüber seinen Geboten zusammengehören, wie zwei Seiten einer Medaille. Wer ihm nachfolgt und ihn liebt, soll sich nicht dadurch auszeichnen, dass er göttliche Maßstäbe allzu leicht relativiert, sondern dass er sie gern befolgt, auch wenn einem der gesellschaftliche Gegenwind ins Gesicht bläst:

„Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. … Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt.“ (Joh 14,15.21; vgl. 1Joh 5,3 u.a.)

Schließlich findet sich im Neuen Testament die eindringliche Mahnung, an der Schrift als glaubwürdigem und autoritativem Wort Gottes festzuhalten und Gottes Wahrheit nicht an zeitgenössische Meinungen und kulturelle Trends anzupassen:

„Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; du weißt ja, von wem du gelernt hast und dass du von Kind auf die Heilige Schrift kennst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt. … Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihrem eigenen Begehren werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren.“ (2Tim 3,14–16 und 4,3–4; vgl. Offb 3,8.10 u.a.)

Mehr: www.evangelium21.net.

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Weder Mann noch Frau

Der sympathische Heinz-Jürgen Voß beschäftigt sich seit einigen Jahren mit der Dekonstruktion binärer Geschlechterdifferenz und möchte den postmodernen Gendertheorien eine biologische Verankerung zuschreiben. Kurz: Judith Butler geht mit ihrer Konstruktion des sozialen Geschlechts nicht weit genug. In einem Beitrag für die marxistisch–feministisch–linksradikale Zeitschrift ak – analyse & kritik, die Zeitung für linke Debatte und Praxis schreibt Voß (Nr. 547 vom 19.2.2010):

Die im folgenden dargelegte Kritik an Butlers Ansatz bezieht sich jedoch darauf, dass er nicht weitreichend genug ist. Butler verblieb auf der Ebene von „Erscheinungen“, auf der Ebene performativer Herstellung. Butler führte exzellent aus, dass Merkmale, dass Körper erst in Gesellschaft gelesen werden und dass damit geschlechtliche Deutungen auch gesellschaftliche sind. Diese These ist durch die historischen Arbeiten von Thomas Laqueur, Londa Schiebinger und Claudia Honegger gut belegt – so wandelten sich zeitlich die körperlichen (physiologischen und anatomischen) Merkmale, die als geschlechtlich gelesen wurden. Lange Zeit wurden weibliche und männliche Zeugungsstoffe gleichermaßen als „Samen“ beschrieben, z.T. mit Unterscheidung der Qualität; sie wurden allerdings nicht als binär und gegensätzlich wahrgenommen, wie es heute oftmals geschieht.

Mit der Betonung performativer Akte erscheinen Deutungen als gesellschaftlich, allerdings bleiben Körper und Organe – vermeintlich vorhandene Materialität, die anfassbar sei – unangetastet. Auch mit Butlers Ausführungen bleiben in der öffentlichen – populären und wissenschaftlichen – Debatte „Gebärmutter“, „Vagina“, „Klitoris“, „Eierstock“, „Penis“, „Hodensack“, „Hoden“ Bezeichnungen für scheinbar sichere, tatsächlich vorhandene Organe, die zur gut begründeten Einteilung von Menschen in „Frauen“ und „Männer“ bei wenigen „Abweichungen“ herangezogen werden könnten. Die derzeitige gesellschaftliche Deutungsweise von körperlichen Merkmalen als binär-geschlechtliche erscheint als selbstverständliche, die sich beim Lesen der „natürlichen Vorgegebenheiten“ aufdränge.

Die Entwicklung der Geschlechterdifferenz wird von Voß marxistisch als ein „gesellschaftliches Produkt“ interpretiert. Die binäre Unterscheidung von männlich und weiblich dient der Verfestigung von kapitalistischen Unterdrückungsstrukturen. Sie gaukeln uns Menschen Sicherheit und Eindeutigkeit vor, stehen jedoch tatsächlich der Wahrnehmung ureigenster Bedürfnisse im Weg. Also (Heinz-Jürgen Voß: „Biologisches Geschlecht ist ein Produkt von Gesellschaft!“, Soziologie Magazin, 1/2013, Jg. 6, S. 87–91, hier S. 88–89):

Produkte, Institutionen, Kategorien führen bereits von eigentlichen Bedürfnissen von Menschen weg – und führen letztlich dazu, dass wir als Menschen gar nicht (mehr) in der Lage sind, unsere Bedürfnisse außerhalb von Produkten, Institutionen und Kategorien zu formulieren. Bezogen auf Geschlecht heißt dies, dass wir gar nicht in der Lage sind, unsere Begehrensweisen, unsere vielfältigen Bedürfnisse auf Menschen zu richten, ohne diese Menschen zuvor in ein Korsett „weiblich“ oder „männlich“ zu zwängen.

Für die Befreiung des Menschen ist die Entkategorisierung des Geschlechts damit ein Politikum (Heinz-Jürgen Voß: „Biologisches Geschlecht ist ein Produkt von Gesellschaft!“, S. 91):

„Geschlecht“, auch „biologisches Geschlecht“ wird damit einmal mehr als gesellschaftliches Produkt augenscheinlich. „Geschlecht“, auch „biologisches Geschlecht“ ist wandelbar und es rückt so auch die Möglichkeit einer Gesellschaft ohne „Geschlecht“ in den Bereich des Denkbaren. Zumindest gibt es keinen, aber auch gar keinen Grund an „Geschlecht“, dieser gesellschaftlichen Kategorie/Institution, mit der historisch so viel Diskriminierung, Benachteiligung, Bevorteilung, Leid verknüpft war, weiterhin festzuhalten! Und ein Abgehen von „Geschlecht“ ermöglicht uns, Wahrnehmungen und Begehren vielfältiger auszurichten …

Der Sozialwissenschaftler ist inzwischen auch in der Evangelischen Kirche angekommen. In der aktuellen Ausgabe von Chrismon ist zu lesen, dass die Theorie der biologischen Zweiteilung auf die Nazis zurückgeht und unsere Welt viel schöner wäre, gäben wir diese Unterscheidung auf. Voß: „Das Geschlecht hätte einen Stellenwert wie heute das Sternzeichen oder ob ich Tiere mag. Man kann danach fragen, aber es ist nicht wirklich von Bedeutung“ (Chrismon, September 2013, S. 7).

Da wir nun schon mal bei dem Thema „Geschlechterkonstruktion“ sind, empfehle ich den Beitrag „Das Tabu der Gender-Theorie – Geisteswissenschaftliche Geschlechterforschung und die Biologie“ von Ferdinand Knauß (aus: Helmut Fink und Rainer Rosenzweig (Hg.): Mann, Frau, Gehirn: Geschlechterdifferenz und Neurowissenschaft, 2011, S. 115–132). Der Aufsatz, der online einsehbar ist und übrigens auch kurz das Voß-Argument kritisiert, zitiert im Epilog eine renommierte Philosophin mit folgenden Worten:

„’Naturalismus’, ‚Ontologisierung’, ‚Essentialismus’ und ‚Biologismus’ … fungieren inzwischen geradezu als Denkverbote. Jeder Versuch, anthropologische Konstanten auch nur als Grenzwerte für Transformationsprozesse zu bestimmen, jeder Versuch zu reflektieren, was es für Menschen bedeutet, sich ebenso wie Tiere fortpflanzen zu müssen (wenn sie sich denn überhaupt fortpflanzen wollen), und jeder Versuch, die Geschlechterdifferenz philosophisch zu reflektieren, ohne sie vorab als reines Konstrukt zu setzen, kann damit bereits unter Ideologieverdacht gestellt werden.“

VD: JS

Die Rückkehr des Absoluten

Im 20. Jahrhundert ist das moderne Weltbild, das stark von den Naturwissenschaften und der Suche nach  Einheit geprägt war, zunehmend unter Druck geraten. Nicht mehr die Wirklichkeit, an der sich verschiedenste Deutungen abarbeiten und bewähren müssen, stand im Zentrum menschlicher Erkenntnisbemühungen, sondern ihre ausschließlich in Sprache entworfenen Interpretationen. Anstelle der Annahme, Sprache sei ein geeignetes Mittel, um Wirklichkeit abzubilden, zu verstehen und zu vermitteln, trat die Überzeugung, Sprache sei eine unhintergehbare Bedingung menschlichen Denkens. Jede menschliche Erkenntnis sei durch Sprache strukturiert. Alle Realität jenseits von Sprache bleibe für immer unerreichbar. Der Mensch sei wie in einem Gefängnis eingeschlossen in der Welt seiner Sprache.

So wurden Dekonstruktivismus, Konstruktivismus und Relativismus populär: Da die Bedeutung unserer Begriffe durch ihren Gebrauch innerhalb von sozialen Gemeinschaften (oder Kulturen) bestimmt wird, stellen wir Wirklichkeit in einem andauernden Vollzug des miteinander Redens und Handelns her. Jede Gemeinschaft spricht dabei ihre eigene Sprache, schafft sich je eigene Welten (oder Sprachspiele). So gibt es so viele Welten, wie es soziale Gemeinschaften gibt und so viele Wahrheiten wie Gemeinschaften. Philosophie beschreibt folglich nicht die Welt, wie sie ist, sondern ist Vorstellung, die in verschiedenen Gruppenkulturen und Kontexten entworfen wird. Die Suche nach Einheit kann unter diesen Voraussetzungen nur in den Terror führen. Einer der achtenswertesten Denker der Postmoderne forderte entsprechend: „Krieg dem Ganzen, …, aktivieren wir die Widerstreite“ „Jean-François Lyotard, „Beantwortung der Frage: Was ist postmodern?“, in: Peter Engelmann (Hg.), Postmoderne und Dekonstruktion, 1990, S. 33–48, hier S. 48).

Unknown 1Mit zwei neuen geisteswissenschaftlichen Strömungen, dem „Neue Realismus“ und dem „Spekulative Realismus“, kehrt das Absolute nun allmählich zurück. Unter dem Dekonstruktionsdrang der postmodernen Denkkultur ist ihrer Meinung nach die wirkliche Welt zu einer Fabel geworden (M. Ferraris, Manifest des neuen Realismus  2014, S. 15–17). Die Kinder und Enkelkinder der postmodernen Geisteswissenschaften bereiten einen „Paradigmenwechsel“ vor. Ihr gemeinsamer Absetzungspunkt ist eine „spätestens seit Ende des 20. Jahrhunderts erschöpfte (post)moderne Kondition“. Charakteristisch für die Denkansätze ist „ihr positives Verhältnis zur Ontologie und ihr entspannter Umgang mit der Metaphysik“ (A. Avanessian (Hg.), Realismus jetzt, 2013, S. 6.). „Im Zentrum des Interesses steht eine Realität“, schreibt Avenessian, „die sich indifferent zur subjektiv-humanen Erkenntnis verhält und sich nicht über ein subjektivistisch oder anthropozentrisch bedingtes Wissen vermitteln lässt, also nicht primär kulturell, linguistisch, politisch oder historisch kodifiziert ist“ (A. Avanessian (Hg.), Realismus jetzt, 2013, S. 8).

Wolfgang Welsch trauert dem alten Denken mit keiner Silbe nach. Er schreibt (Wolfgang Welsch, Mensch und Welt, 2012, S. 23–24):

„Denn das Befangensein in dieser [postmodernen, R.K.] Denkform lähmt unser Denken. Man weiß immer schon die Antwort auf alle Fragen. Sie lautet: ‚Es ist der Mensch.‘ Diese Trivialität aber erstickt unser Denken, statt ihm Atem zu verleihen. In der Tat scheint die zeitgenössische philosophische und intellektuelle Szenerie eigentümlich gelähmt. Gewiss ist die Betriebsamkeit immens und die Differenziertheit im Detail beeindruckend. Aber alles dreht sich in einem zum Überdruss bekannten Kreis. Bei allem, was wir im Einzelnen noch nicht wissen mögen und uns zu erforschen vornehmen, halten wir doch eines stets vorweg schon für sicher: dass all unser Erkennen, das gegenwärtige wie das zukünftige, menschlich gebunden ist und nichts anderes als menschlich bedingte und bloß menschlich gültige Einsichten hervorbringen wird. Noch das heutige Alltagsbewusstsein ist davon bis zur Bewusstlosigkeit durchdrungen. Wenn wir in der Moderne noch eine Gemeinsamkeit haben, dann den Glauben, dass unser Weltzugang in allem menschgebunden (kontext-, sozial-, kulturgebunden) ist. Das ist die tiefste communis opinio des modernen Menschen. Wenn jemand diese Auffassung hingegen nicht teilt und kritische Fragen zu stellen beginnt, dann reibt man sich verwundert die Augen: Dieser Kerl scheint nicht von dieser Welt zu sein – anscheinend ist er verrückt.“

UnknownDer Postmodernismus ist aus der Überzeugung erwachsen, „dass alles Wesentliche oder überhaupt alles konstruiert sei – von der Sprache, von den Begriffsschemata, von den Medien“ (M. Ferraris, „Was ist der neue Realismus?“, in: M., Der Neue Realismus  2014, S. 52–75, hier S. 52). Viele zeitgenössischen Philosophen sagen dagegen: „Nein, irgendetwas, sogar deutlich mehr, als wir üblicherweise bereit sind zuzugeben, ist nicht konstruiert, und das ist ein Glück, andernfalls könnten wir zwischen Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden“ (M. Ferraris, „Was ist der neue Realismus?“, 2014, S. 52). „Es gibt ein Absolutes, das nicht auf das Denken angewiesen ist, sondern unabhängig von jeder kognitiven Bezugnahme existiert“ (A. Avanessian, „Editorial“, in: Armen Avanessian (Hg.), Realismus jetzt, 2013, S. 7).

31XCHlQGryL AA160Die Kultur des „anything goes“, die sowieso nur in einigen elitären Zirkeln und im Medienpopulismus zelebriert wird, erfährt also eine Umwandlung. Das neue Denken richtet sich wieder stärker an einer vorgegebenen Wirklichkeit aus. Die realistischen Strömungen rehabilitieren die durch den Postmodernismus verwischte Unterscheidung zwischen dem, was es gibt (Ontologie) und jenem, was wir erkennen (Epistemologie).

Christen, die im Blick auf die Kultur des Unglaubens sprachfähig bleiben möchten, sind gut beraten, wenn sie sich auf das neue Klima einstellen. Das Reale, die Metaphysik, das Vernünftige, das Klare, werden zurückkehren.

Wenn der Glaube stärker ist als die Wahrheit

Pünktlich zur Osterzeit wurden in Deutschland allerlei gönnerhafte Artikel über den Glauben der Christen veröffentlicht. Franz Alt, der 20 Jahre lang das Politmagazin REPORT moderierte, behauptete in der DER WELT, dass wahrscheinlich in keinem Buch der Welt so viele „Fake News“ stehen wie in der Bibel. DER SPIEGEL demonstriert anhand von Berichten, dass sich immer mehr Katholiken und Protestanten mit den überkommenen Glaubensinhalten schwer tun: „Wer glaubt denn sowas?“

Weitaus aufschlussreicher war für mich allerdings ein Gespräch, das mit einer prominenten Vertreterin des liberalen Protestantismus geführt wurde. Nicholas Kristof hat für die NEW YORK TIMES die Theologin Serene Jones vom Union Theological Seminary interviewt. Das UTS ist eine besondere Einrichtung. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Seminar, das übrigens einen presbyterianischen Ursprung hat und an dem Dietrich Bonhoeffer für ein Jahr Stipendiat war, zu einem führenden Zentrum des liberalen Christentums in den Vereinigten Staaten. So kann es kaum überraschen, dass Pfarrerin Jones dort zur Rektorin berufen wurde, denn sie war Vorsitzende des Universitätsprogramms für Frauen-, Gender- und Sexualitätsstudien an der Yale University und ist eine würdige Vertreterin des liberalen Christentums.

In dem Interview bezieht Prof. Jones zu vielen zentralen Fragen des christlichen Glaubens Stellung. Ich fasse ihre Antworten zu bestimmten Schlagwörtern zusammen:

1. Die Auferstehung: „Diejenigen, die behaupten zu wissen, ob es passiert ist oder nicht, machen sich selbst etwas vor. Aber dieses leere Grab symbolisiert, dass die ultimative Liebe in unserem Leben nicht gekreuzigt und getötet werden kann … Für Christen, für die die physische Auferstehung zu einer Art Obsession wird, scheint mir das ein ziemlich wackeliger Glaube zu sein. Was wäre, wenn morgen jemand die Leiche Jesu noch im Grab gefunden hätte? Würde das dann bedeuten, dass das Christentum eine Lüge war? Nein, der Glaube ist stärker als das.“

2. Sühne: „Kreuzigung ist nichts, was Gott von oben inszeniert. Die allgegenwärtige Idee eines missbrauchenden Gottvaters, der sein eigenes Kind ans Kreuz schickt, damit Gott den Menschen vergeben kann, ist verrückt. Für mich ist das Kreuz eine Verkörperung unseres menschlichen Hasses. Aber was an Ostern passiert, ist der Triumph der Liebe inmitten des Leidens. Ist das nicht Grund zur Hoffnung?“

3. Gottes Allmacht: „Ich bete nicht ein allmächtiges, allkontrollierendes, allmächtiges, allwissendes Wesen an. Das ist eine Erfindung der römischen Rechtstheorie und der griechischen Mythologie. Das ist nicht der Gott des Osterfestes. Der Ostergott ist verwundbar und mit der Welt auf tiefe Weise verbunden, die nicht darin besteht, die Welt zu manipulieren, sondern uns ständig zu Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einzuladen.“

4. Wunder (Jungfrauengeburt): „Ich finde die jungfräuliche Geburt eine bizarre Behauptung. Es hat nichts mit der Botschaft Jesu zu tun. Die jungfräuliche Geburt wird nur dann wichtig, wenn man eine Theologie hat, in der Sexualität als sündhaft angesehen wird. Es fördert auch diese Vorstellung, dass der reine, unberührte weibliche Körper der beste Körper ist, und diese Idee hat zu Jahrhunderten der Unterdrückung von Frauen geführt.“

5. Gebet: „Ich glaube nicht an einen Gott, der sich wegen des Gebets entscheiden würde, den Krebs deiner Mutter zu heilen, aber nicht die Mutter deines nicht betenden Nachbarn. Wir können Gott nicht so beeinflussen.“

6. Tod: „Ich weiß es nicht! Es könnte etwas sein, es könnte nichts sein. Mein Glaube ist nicht an eine göttliche Verheißung über das Leben nach dem Tod gebunden. Menschen, die sich in diesem Leben gut benehmen, nur um ein Jenseits zu erreichen, das ist ein Glaube, der von einem egoistischen Motiv getrieben wird: „Ich werde gut sein, damit Gott mich mit einem Bonbonstab namens Himmel belohnen würde?“ Für mich wird das Leben in der Liebe von der einfachen Tatsache bestimmt, dass die Liebe wahr ist. Und ich bin mir absolut sicher, dass es nach unserem Tod keine Gruppe von designierten schlechten Menschen gibt, die in der Hölle verbrannt werden sollen. Das gibt es nicht.“

7. Emergentes Christentum: „Das Christentum befindet sich an einem gewissen Wendepunkt, … Dieses Ringen mit dem Klimawandel und das Ringen mit dem Ausmaß der Gewalt in unserer Welt, das Ringen mit dem Autoritarismus und dem hartnäckigen Charakter der Geschlechterunterdrückung – es zwingt Gemeinschaften in allen Religionen zu sagen: „Etwas stimmt hier nicht“. Es ist eine spirituelle Krise. Viele nicht-religiöse Menschen spüren das auch. Wir brauchen einen neuen Weg, um darüber nachzudenken, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und was der Sinn unseres Lebens ist. Für mich fühlt sich dieser Moment apokalyptisch an, als ob etwas Neues darum kämpft, geboren zu werden … Heute fühle ich diesen spirituellen Boden um uns herum, der wieder zittert. Die Strukturen der Religion, wie wir sie kennen, sind bankrott gegangen und brechen zusammen. Was wird dabei herauskommen? Das ist es, was unsere Kinder und die Kinder unserer Kinder sich vorstellen und bauen müssen.

Eigentlich ist nichts neu an diesen Ideen. Etliche sind uralt und längst im breiten Spektrum derjenigen angekommen, die sich zum lebendigen Kern des Christentums zählen (denken wir nur an Brian McLaren, Rob Bell oder Tony Jones). Bemerkenswert ist für mich, dass die Überzeugungen von Serene Jones an keinem der genannten Punkte mehr originär christlich sind. All das, was sie sagt, kann man als Nichtchrist auch sagen. Wahrscheinlich kann man es besser sagen. Diese Religion der Mitmenschlichkeit mag für manche attraktiv erscheinen. Ich finde sie bedauernswert. Hier ist nichts, worauf ich hoffen könnte.

Noch etwas fällt mir auf: Bei bestimmten Themen ist von Dekonstruktion und Skepsis nichts mehr zu spüren. Fest steht etwa: Gott hat mit der Kreuzigung nichts zu tun; der allmächtige Gott ist eine Erfindung der griechischen Mythologie und des römischen Rechtssystems; die Hölle gibt es nicht.

Eine letzte Beobachtung sei erwähnt: Für die Pfarrerin Jones lautet das Evangelium: Menschen benehmen sich in diesem Leben gut, um ein Jenseits zu erreichen. Irgendwie muss es ja so sein, denn Jesus kann für sie nicht Gottes Sohn sein, der mit seinem Sühneopfer die Rechtfertigung aus Glauben ermöglicht. Aber ist es nicht traurig, wenn eine Botschafterin der Kirche selbst keine Ahnung davon hat, was das Evangelium ist? Ein Glaube, der den Menschen sich selbst überlässt, wird keine Berge versetzen, sondern Menschen ins Unglück zerren.

Hier das vollständige Interview: www.nytimes.com.

Die Rückkehr des Autors

Wer begreifen will, woher der Argwohn gegenüber der Verstehbarkeit von Texten stammt, wird irgendwann bei Leuten wie T.S. Eliot, Roland Barthes oder Jacques Derrida ankommen. Barthes, der französische Soziologe und Schriftsteller, Mitbegründer des Poststrukturalismus, hat die verbreitete Lust an der Dekonstruktion von Texteinheiten reichlich beflügelt. Schon 1968 sprach er vom „Tod des Autors“. Er wandte sich gegen die Annahme, der Urheber eines Textes verfolge eine dezidierte Intension. „Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die ‚Botschaft‘ des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen [écritures], von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur.“ (Roland Barthes: „Der Tod des Autors“, in: Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko (Hg.), Texte zur Autorschaft, 2000, S. 181–193, hier S. 190).

Das Subjekt ist keine statische Einheit mehr, sondern verflüssigt sich. Der Autor ist nur Kristallisationspunkt unterschiedlichster kultureller Einflüsse. Er greift notwendig auf andere Texte, Bilder oder Ideen zurück. Doch nicht nur das. Der Rezipient schreibt den Text mit. Der Leser ist nicht nur Sinnkonsument, sondern Sinnkonstrukteur. „Wir wissen, dass der Mythos umgekehrt werden muss, um der Schrift eine Zukunft zu geben. Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors“ (ebd., S. 193). Der Ort, an dem ein Text lebendig wird, ist der Geist des Lesers.

Gegen die vermeintliche Eindeutigkeit von Texten bringt Barthes das „Rauschen der Sprache“ und die Vielsinnigkeit ins Spiel, die bindende Interpretationen unmöglich machen. „Einen Text interpretieren heißt nicht, ihm einen (mehr oder weniger begründeten, mehr oder weniger freien) Sinn geben, heißt vielmehr abschätzen, aus welchem Pluralen er gebildet ist“ (Roland Barthes, S/Z, 2012 [1987], S. 9).

Barthes hat auch die strukturelle Zeichenlehre, Semiotik genannt, erweitert. Ferdinand de Saussure unterschied zwischen dem Zeicheninhalt (Signifikat) und dem Bezeichnendem (Signifikant). Schon bei ihm gibt es keine natürliche Beziehung mehr zwischen den Bezeichnungen und dem Bezeichneten. Die Beziehung wird beim Gebrauch der Sprache hergestellt. Die Sprache bildet Gedanken also nicht nur ab, sondern formt diese mit. Barthes ging weiter und sah in dem Zeichen die Gesamtheit von Signifikant und Signifikat. Ein Text ist „eine Galaxie von Signifikanten und nicht Struktur von Signifikaten“ (ebd., S. 10).

Er lenkte die Aufmerksamkeit auf die Zeichen, in denen der Sinn zu finden sei. Barthes illustrierte seine Sichtweise am Beispiel eines Rosenstraußes (Roland Barthes: Mythen des Alltags, 1964, S. 85):

Man denke an einen Rosenstrauß: ich lasse ihn meine Leidenschaft bedeuten. Gibt es hier nicht doch nur ein Bedeutendes und ein Bedeutetes, die Rose und meine Leidenschaft? Nicht einmal das, in Wahrheit gibt es hier nur die ‚verleidenschaftlichten‘ Rosen. Aber im Bereich der Analyse gibt es sehr wohl drei Begriffe, denn diese mit Leidenschaft besetzten Rosen lassen sich durchaus und zu Recht in Rosen und Leidenschaft zerlegen. Die einen ebenso wie die andere existierten, bevor sie sich verbanden und dieses dritte Objekt, das Zeichen, bildeten. Sowenig ich im Bereich des Erlebens die Rosen von der Botschaft trennen kann, die sie tragen, so wenig kann ich im Bereich der Analyse die Rosen als Bedeutende den Rosen als Zeichen gleichsetzen: das Bedeutende ist leer, das Zeichen ist erfüllt, es ist ein Sinn.

Der Poststrukturalismus hat übrigens die Bibelauslegung der letzten Jahrzehnte stark geprägt. Wenn heute von Evangelikalen „das Fortschreiben der Bibel“ oder „das nebeneinander Stehenlassen“ unterschiedlicher exegetischer Befunde gefordert wird, ist der Einfluss dieser Betrachtungsweise erkennbar. In einem Vortrag sagte ich 2016:

Während Luther und mit ihm andere große Lehrer der Reformation in der Bibel sehr klar das Evangelium von der Gerechtmachung des gottlosen Sünders vernahmen und die liberalen Aufklärungstheologen immerhin noch nach einer sittlichen Botschaft für alle Menschen suchten, vernimmt der „Postprotestantismus“ in den biblischen Texten nur noch das Schweigen Gottes. Die verbindende Grunderfahrung des postprotestantischen Nordeuropas – schreibt der bekannte Schweizer Exeget Ulrich Luz – „ist die der grundsätzlichen Verborgenheit Gottes“. Gott kommt nur noch „unter der Gestalt menschlicher Texte, menschlicher Theologie, menschlicher Geschichte und unter der Gestalt völlig pluraler und mehrdeutiger menschlicher religiöser Erfahrungen“ vor. Klaus-Peter Jörns erklärt ganz ähnlich, dass es in den biblischen Dokumenten keine göttliche Wahrheit gibt, sondern wir auf menschliche Konstruktionen angewiesen sind, die „notwendigerweise pluralistisch“ sein müssen.

Wir verstehen Bibeltexte also nicht mehr, indem wir uns ihnen unterordnen und sie im Sinne ihrer Autoren auslegen, sondern wir schaffen uns im Gespräch mit den alten Texten neue Wirklichkeiten. Der ursprüngliche Autor und sein Text sind entmachtet (Tod des Autors). Da wir sowieso nicht objektiv verstehen können, was ein Text sagt, verschiebt sich das Gewicht auf den Ausleger. Nicht das, was der Text objektiv sagt (kein Text sagt etwas objektiv), sondern das, was der Text in uns auslöst, ist entscheidend für das Textverständnis. Nicht der Ursprungstext ist autoritativ, sondern das, was dieser Text mit uns macht. Gott hat gesprochen, alles andere ist Interpretation.

Interessant ist, dass der Literaturkritiker Eric Donald Hirsch bereits Mitte der 60er-Jahre auf die Probleme dieser Position hinwies und sogar ihre Absurdität beweisen konnte. Schon damals sprach er davon, dass es Aufgabe der Kulturhistoriker sei, „herauszufinden, warum diese Doktrin in den letzten Jahren so weite Verbreitung finden konnte“ (Prinzipien der Interpretation, 1972 [1967], S. 16). E. D. Hirsch zeigte auf, dass zwar die Autoren „verbannt“ wurden, die Kritiker aber blieben. Und so darf gefragt werden: Sind nicht die Kritiker auch Autoren?

Hier mal ein längeres Zitat aus Prinzipien der Interpretation: (S. 16–18):

Von Literaturwissenschaftler ist oft das Argument ins Feld geführt worden, daß die Theorie von der Unwichtigkeit des Autors sich äußerst günstig auf Literaturkritik und philologische Gelehrsamkeit auswirkte, weil sie das Zentrum der Untersuchung vom Autor auf sein Werk verlagerte. Gestützt auf diese Theorie, haben moderne Literaturkritiker getreulich und sorgfältig ihre Texte untersucht, um deren unabhängig existierenden Sinn, anstatt der vorher für wichtig gehaltenen Bedeutung für das Leben des Autors, herauszufinden. Daß diese Verschiebung in Richtung auf die Exegese wünschenswert war, wird nur von wenigen Wissenschaftlern bestritten werden, ganz gleich, ob sie nun zu den Anhängern der Theorie der semantischen Autonomie zählen oder nicht. Es waren jedoch historische, nicht logische Gründe, die diese Theorie mit der exegetischen Bewegung in Verbindung brachten, da es keine logische Notwendigkeit gibt, die einen Kritiker zwingt, den Autor völlig auszuschalten, nur um sein Werk analysieren zu können. Nichtsdestoweniger hat die Theorie durch ihre historische Verbindung mit der Textanalyse viel Feingefühl und Intelligenz zutage gefördert. Leider hat sie auch häufig zu Eigensinnigkeit und Extravaganzen in der wissenschaftlichen Kritik beigetragen; sie war ein wichtiger Grund für den heute herrschenden Skeptizismus, der die Möglichkeit einer objektiv richtigen Interpretation in Zweifel zieht. Natürlich wären diese Nachteile zu ertragen, wenn die Theorie richtig wäre. Skepsis ist in geistigen Dingen besser als Illusionen.
Die Nachteile der Theorie konnten in jenen erregenden Zeiten, als die alte Ordnung der Literaturwissenschaft zerbrach, nicht leicht vorhergesehen werden. Damals wurden Naivitäten, wie die positivistische Einstellung der Literaturgeschichte, das Suchen nach Einflüssen und anderen kausalen Zusammenhängen, die nachromantische, den Prozeß des Schreibens umgebende Faszination über Gewohnheiten, Gefühle und Erlebnisse mit völligem Recht angegriffen. Es wurde in zunehmendem Maße deutlich, daß die theoretischen Fundamente der alten Literaturwissenschaft schwach und unzureichend waren. Man kann also nicht sagen, daß die Theorie von der Unwichtigkeit des Autors schlechter ist als die Theorien oder quasi-Theorien, die sie ersetzte; es kann auch nicht bezweifelt werden, daß die unmittelbare Wirkung der Verbannung des Autors insgesamt positiv und erneuernd war. Heute, nach mehreren Jahrzehnten, sind die Schwierigkeiten, die die Theorie der semantischen Autonomie mit sich bringt, deutlich sichtbar; sie sind für das Unbehagen verantwortlich, das an den Hochschulen herrscht, obwohl diese Theorie dort seit langem eine unbestritten dominierende Stellung innehat.
Daß dieser Zustand akademischer Skepsis und Verwirrung zum großen Teil der Theorie von der Unwichtigkeit des Autors entspringt, ist, wie ich glaube, ein geistesgeschichtliches Faktum der unmittelbar zurückliegenden Zeit. Denn nachdem der Autor als bestimmendes Element für den Sinn eines Textes radikal eliminiert worden war, wurde allmählich klar, daß kein geeignetes Prinzip für die Beurteilung der Richtigkeit einer Interpretation existierte. Durch immanente Notwendigkeit wurde aus der Frage, „was ein Text aussagt“, die Frage, was er dem einzelnen Kritiker bedeute. Es kam in Mode, über das „Textverständnis“ [Orig.: „reading“] eines Kritikers zu sprechen, ein Wort, das nun in den Titeln gelehrter Werke aufzutauchen begann. Das Wort schien zu implizieren, daß der Autor verbannt worden war, der Kritiker aber blieb, und sein neues, originelles, kultiviertes, geniales und relevantes „Verständnis“ per se Interesse beanspruchen durfte.

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Die Tragödie von Joshua Harris: Ernüchternde Gedanken für Evangelikale

Al Mohler hat sich sehr ausführlich zur Dekonversion von Joshua Harris geäußert. Christian Beese hat die Gedanken übersetzt und in der Facebook-Gruppe von E21 gepostet (Vielen Dank!).

Hier ein langer Auszug:

Auch der nächste Absatz war sehr wichtig: „Martin Luther sagte, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein sollte. In diesem Gedanken liegt eine gewisse Schönheit, unabhängig von deiner Sichtweise auf Gott. Ich habe in den letzten Jahren in der Buße gelebt“, schrieb er, „die Buße für meine Selbstgerechtigkeit, meine angstbasierte Lebensweise, die Lehre in meinen Bücher, meine Ansichten über Frauen in der Gemeinde und meine Herangehensweise an die Erziehung, um nur einige Punkte zu nennen, doch“, fuhr er fort, „ich möchte diese Liste jetzt ausdrücklich erweitern. Der LGBTQ+-Gemeinschaft möchte ich sagen, dass es mir leid tut, was ich in meinen Büchern und als Pastor über Sexualität gesagt habe. Ich bedaure, dass ich mich gegen die Ehe für alle ausgesprochen habe, dass ich euch und euren Platz in der Gemeinde nicht gestärkt habe, und dass ich durch mein Schreiben und Reden zu einer Kultur der Ausgrenzung und Fanatismus beigetragen habe. Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen.“

Das waren die wichtigsten Abschnitte des Postings, und die wichtigste Aussage ist, dass er eine massive Veränderung hinsichtlich seines Glaubens an Christus erfahren habe. Er sagte wiederum: „Die gängige Begriff dafür ist Dekonstruktion, der biblische Begriff ist Abfall vom Glauben. Gemessen an allen Richtilinien, die ich habe, um zu definieren, was ein Christ ist, bin ich kein Christ.“ Das sind absolut umwerfende Worte. Sie wären umwerfend und unglaublich beunruhigend, wenn sie von einer x-beliebigen Person kommen würden, aber vom ehemaligen Pastor einer Mega-Kirche und von jemandem, der einen sehr bedeutenden Einfluss auf die evangelikale Welt hatte, ist dies wirklich ein Meilenstein. Es erfordert auch viel Nachdenken und sehr ehrliche Rückbesinnung von Seiten amerikanischer Evangelikaler.

Viele Leute haben sich offensichtlich gefragt: „Wie kam dies nur so plötzlich aus heiterem Himmel?“ Aber es kam nicht wirklich aus heiterem Himmel. Es gab seit einiger Zeit beunruhigende Anzeichen dafür, dass Joshua Harris sich in einem sehr bedeutsamen weltanschaulichen und geistlichen Wandel befand.

Das wurde auch in einem Interview mit dem liberalen Magazin Sojourners sehr deutlich. Die Interviewerin war Sandi Villarreal, und das Interview wurde auch bei Sojourners gerade zu dem Zeitpunkt veröffentlicht, als er die Bekanntgabe der Scheidung von seiner Frau machte. Vor dieser Bekanntgabe trennte er sich demnach auch vom christlichen Glauben. In diesem Interview zeigt Joshua Harris interessanterweise, inwieweit er sich nicht nur von seinen Aussagen in I Kissed Dating Goodbye, sondern auch vom Überbau des biblischen Christentums und vor allem von dessen offenbarten Sexualethik getrennt hat.

Er hinterfragte die sogenannte „Reinheitskultur“, zu der er selbst sehr viel beigetragen hatte. Er hinterfragte auch die Lehre des Komplementarismus, doch hauptsächlich, um seine früheren Überzeugungen zu widerlegen. Was überhaupt nicht klar war – und immer noch nicht klar ist: Was genau wird an die Stelle seiner früherern Lehren treten? Eine der interessantesten und wichtigsten Momente des Interviews ist, als Villarreal sagt: „Sie sagen in der Dokumentation, dass es viele Leute gibt, die wollen, dass Sie die gesamte Grundlage Ihres Buch verwerfen“. Sie fuhr fort: „Aber ich frage mich: Wenn Sie ‚alles‘ sagen, meinen Sie damit Ihren Glauben an das Christentum in seiner Gesamtheit oder Ihre Auffassungen zu vorehelichem Sex im Allgemeinen? Ich bin neugierig, was Sie da mit einbeziehen.“

Joshua Harris antwortete: „Ich denke, einige Leuten hätten gern, dass ich sage, Sex positiv zu sehen bedeute, nun ja, die Art historischer Sexualethik, die mit Sex außerhalb der Ehe und mit Homosexualität verbunden ist, grundsätzlich abzulehnen, und eine gesunde Auffassung von Sex zu vertreten bedeute, alles anzunehmen, was in der christlichen Tradition als gut gilt“.

Er fuhr fort: „Ich denke jedoch, dass es für mich, bei einer so grundlegenden Veränderung der Deutung hinsichtlich Sexualität, einfach schwer ist, … Nunja, in gewisser Weise ist es für mich fast einfacher, darüber nachzudenken, den ganzen christlichen Glauben zu verwerfen, als ihn beizubehalten und ihn auf diesen verschiedenen Sichtweisen anzupassen.“

Das ist wirklich umwerfend. Es ist unglaublich aufschlussreich. In diesem Interview, das vor seiner Ankündigung seiner Abkehr vom Christentum kam, sagte Harris, dass er, als er anfing, die biblische Sexualethik des historischen Christentums neu zu überdenken, meinte, in dem Moment verstanden zu haben – und das ist für uns von entscheidender Bedeutung –, dass es für ihn an diesem Punkt einfacher sei, zu erwägen, den gesamten christlichen Glauben zu verwerfen, als diesen Glauben zu verändern oder neu zu formulieren, um eine neue Sexualethik zu entwickeln.

Darin –und das müssen wir anerkennen – zeigt sich eine grundlegende Ehrlichkeit. In seiner Erklärung im Interview mit Sojourners und in der ausführlichen Erklärung, in der er ankündigte, dass er sich vom Christentum verabschiedete, wird unter anderem deutlich, dass Joshua Harris versteht, dass es zwei absolut gegensätzliche Weltanschauungen gibt, die im Grunde nicht miteinander vereinbar sind. Es gibt keine Versöhnung zwischen der biblischen Weltanschauung und der modernen säkularen Weltanschauung.

Er versteht, dass es keinen Kompromiss gibt, und in diesem Sinne ist es intellektuell redlich von ihm zu verstehen, dass der theologische Liberalismus, der versucht, einen Anspruch auf das Christentum aufrechtzuerhalten, während er seine biblischen Wahrheitsansprüche ablehnt, unhaltbar ist. Darin steckt intellektuelle Ehrlichkeit. Doch jede Ankündigung, dass jeder vom christlichen Glauben abgewichen ist, birgt eine unglaubliche geistliche und theologische Tragödie, die grundlegende theologische Fragen aufwirft. Kann man Christ sein und dann irgendwann nicht mehr Christ sein?

Können Gläubige ihren Glauben verlieren? Kann man letztendlich abfallen, wenn man wirklich von neuem geboren ist? Die Antwort ist nein. Die Bibel ist an der Frage eindeutig. Wenn man einmal durch die Kraft Christi erneuert wurde, wenn man ein echter Christ geworden ist und mit Christus vereint ist, kann uns nichts von Christus trennen, nicht einmal unsere eigene Sünde.

Die historischen evangelischen Bekenntnisse, die die Bibel widerspiegeln, machen die biblische Wahrheit sehr deutlich: Auch wenn man nach der Bekehrung und dem Glauben an Christus, nach der Neugeburt, sündigen kann, ja sündigen und sogar der Gemeinde schweren Schaden zufügen wird, ist es für jemanden, der wirklich von Neuem geboren ist, unmöglich, von Christus abzufallen und von ihm getrennt zu werden.

Es mag sogar einige geben, die sündigen, indem sie den christlichen Glauben ablehnen, aber wenn sie jemals wirklich christlich waren, werden sie irgendwann aus Reue zurückkehren; und das ist eine Evangeliumsverheißung. Wenn die Menschen ihre Ablehnung des Christentums fortsetzen, dann müssen wir uns den Text 1. Johannes 2,19 ins Gedächtnis rufen, in dem uns gesagt wird: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns“, das heißt, sie waren nie echte Christen. Sie waren vorgetäuschte Gläubige.

Jesus spricht dazu auch in Matthäus 13 im Gleichnis von den vier Ackerböden. Es gibt diejenigen, die Anzeichen des Lebens zeigen, aber sie gehen schließlich weg. Jesus macht sehr deutlich, dass sie nie wahre Christen waren, und doch muss man auch verstehen, dass es sogar einige geben könnte, die in der Gemeinde zu Einfluss gekommen sind – das Neue Testament macht das deutlich –, die später abfallen würden, doch sie sind von uns ausgegangen, weil sie nicht von uns waren.

Evangelikale sollten darüber nachdenken, was diese tragische Schlagzeile uns über unsere Anfälligkeit für eine Konsumkultur und auch für eine Prominentenkultur sagt. Das ist immer eine Gefahr. Es ist unmöglich, ein gewisses Maß an Einfluss ohne eine gewisse Prominenz zu haben, aber wir müssen alles anhand der Schrift prüfen. Und wir müssen auch verstehen (wie es die frühe Gemeinde erfahren musste), dass es einige gibt, die gläubig zu sein scheinen und sogar Einfluss haben, sogar Pastoren sind, aber schließlich abfallen. Das muss zur Kenntnis genommen werden.

Es gibt noch etwas anderes, das in diesem Fall von größter Bedeutung ist, und ich sage das als Präsident eines theologischen Seminars und einer christlichen Hochschule, aber das ist ausgesprochen wichtig. Wir brauchen theologische Tiefe. Eine biblische Sexualethik und die Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus lässt sich nur aufrechtzuerhalten durch ernsthafte biblische Inhalte, ernsthafte biblische Erkenntnis, tiefe Theologie, Apologetik, biblische Theologie, ein tiefes Verständnis, eine feierliche und begeisterte Annahme des Evangelium von Jesus Christus und ein Verständnis jedes Evangeliums, des wahren Evangeliums, des biblischen Evangeliums, des Evangeliums von Jesus Christus, im Gegensatz zu allen oberflächlichen Heuchlern und auch zu falschen Theologien, einschließlich jeder Form von Gesetzlichkeit, die sich einschleichen kann.

Die Reinheitskultur, von der Joshua Harris sagt, dass er sie jetzt ablehnt, ist etwas, das wir als Evangelikale sehr genau betrachten müssen, weil wir verstehen, dass es eine gewisse gesetzliche Tendenz in dieser Reinheitskultur bei einigen gegeben hat, die eine Art von Religion aus I Kissed Dating Goodbye oder irgendeiner anderen Form von Gesetzlichkeit gemacht haben. Sie haben manchmal auch unbeabsichtigt das Evangelium untergraben, indem sie diese Art von gesetzlicher Ethik emporgehoben haben.

Aber gleichzeitig bewahrt die Bibel ihre eigene Reinheitsethik. Die Bibel offenbart Gottes Absicht für uns in unserem Geschlecht, in unserer Sexualität, in der Ehe und in allen sexuellen Ausdrucksformen, und die Bibel hält auch die Tatsache hoch, dass der einzig legitime sexuelle Ausdruck in der Ehe als heiliger Bund eines Mannes und einer Frau vor Gott liegt.

Aber wir müssen in diesem evangelikalen Schlüsselmoment sehr, sehr vorsichtig sein, dass die Anerkennung der Gefahr des Gesetzlichkeit nicht zu einer Art Antinomismus führt. Tatsache ist, dass die ursprüngliche Reinheitskultur im Evangelium selbst zu finden ist. Sie ist in der Schrift zu finden, in Gottes offenbartem Wort, aber das heißt nicht, dass wir rein geboren wurden. Im Gegenteil, es zeigt an, dass wir als Sünder geboren wurden, und die Antwort auf unsere Sünde ist nicht die Gesetzlichkeit, sondern das Evangelium von Jesus Christus.

Doch sobald wir Christus als Retter kennengelernt haben, sind wir berufen, allem zu gehorchen, was er befohlen hat, und Christus hat befohlen, so wie er gesagt hat, was von Anfang an Gottes Absicht war, dass sich der sexuelle Ausdruck auf die Bündnisvereinigung eines Mannes und einer Frau beschränkt. Wir müssen uns auch daran erinnern, dass, obwohl die Welt diese Einschränkung hasst, es nicht nur das offenbarte Wort Gottes ist, sondern auch der gute Wille Gottes. Es ist sein Plan für menschliches Glück, menschliche Ganzheit, menschliches Gedeihen.

Die Schlagzeilen über Joshua Harris – ja, über Joshua und Shannon Harris – sind zutiefst demütigend für den amerikanischen Evangelikalismus. Sie sollten sehr ernüchternd sein. Sie sollten uns dazu bringen, für die Harris und unsere Gemeinden zu beten. Sie sollten uns zu einem tieferen Verständnis des Evangeliums und zur Wertschätzung des Evangeliums Christi führen und gleichzeitig zu einer Selbstprüfung unserer biblischen Treue und der Tiefe unserer Hingabe an Christus und das biblische Christentum. Doch diese herzzerreißende Schlagzeile erinnert uns auch daran, dass wir unser Vertrauen auf keinen sündigen Menschen setzen können, sondern nur auf Christus, denjenigen, der allein unser Vertrauen verdient.

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