Johannes Calvin

Calvin: Der Gebetskampf

Für Calvin enthalten die Psalmen wertvolle Hinweise für ein wirksames Gebetsleben. In seiner Vorrede zum Psalmenkommentar schreibt der Reformator (Der Psalmenkommntar: Eine Auswahl, Calvin Studienausgabe, Bd. 6, Neukirchen-Vluyn: Neukirchner Verlagsgesellschaft, S. 21–23):

Das aufrichtige Gebet wird erstens aus der Empfindung unserer Bedürftigkeit und zweitens aus dem Vertrauen auf die Verheißungen geboren. Hier werden die Leser aufs Beste aufgerüttelt, ihre Nöte zu empfinden, und auf die nötigen Heilmittel dagegen aufmerksam gemacht. Ja, alles, was beim Gebet zu Gott zu unserer Aufmunterung beitragen kann, wird uns in diesem Buch gezeigt. Denn wir treffen hier nicht nur auf Verheißungen, sondern der Beter zeigt sich uns oft in einer Situation mitten zwischen der Einladung Gottes und den Hindernissen des Fleisches. Wenn uns mancherlei Zweifel quälen, sollen wir lernen solange zu ringen, bis sich unser Geist befreit zu Gott aufrichtet. Und nicht nur das, sondern mitten in Zweifel, Furcht und Ratlosigkeit sollen wir alle Anstrengung zum Beten aufwenden, bis wir uns über [seinen] Trost freuen können. Denn es steht fest: Wenn auch Misstrauen unseren Gebeten die Tür verschließt, dürfen wir trotzdem nicht nachlassen, wenn unsere Herzen schwanken oder durch Unruhe erschüttert werden, bis der Glaube als Sieger aus diesen Kämpfen hervorgeht. An vielen Stellen [der Psalmen] können wir beobachten, wie die Diener Gottes beim Beten so verunsichert sind, dass sie abwechselnd fast überwältigt wurden und [dann doch] den Sieg nach hartem Kampf davontrugen. Dort zeigt sich einerseits die Schwachheit des Fleisches, andererseits aber entfaltet sich die Kraft des Glaubens. Auch wenn [diese Kraft] nicht so stark ist, wie man es sich wünschen möchte, ist sie doch wenigstens bereit zum Kämpfen, bis sie allmählich solide Stärke erlangt.

Calvins Bekehrung

Selten ist der Reformator Johannes Calvin so persönlich geworden wie in der Vorrede zum Psalmenkommentar (1557). Er deutet dort sogar an, wie Gott ihn unerwartet »überwunden« hat und verdeutlicht, dass er die Öffentlichkeit – wenn es nach ihm gegangen wäre – gescheut hätte (Der Psalmenkommntar: Eine Auswahl, Calvin Studienausgabe, Bd. 6, Neukirchen-Vluyn: Neukirchner Verlagsgesellschaft, S. 26–27):

Es ist gleichgültig zu erwähnen, wie viel niedriger meine Stellung ist. Doch wie [David] von den Schafweideplätzen fort zur höchsten Königswürde erhoben wurde, hat Gott mich aus meinen dunklen und geringen Anfängen emporgehoben und mich mit dem so ehrenvollen Amt betraut. Verkündiger und Diener des Evangeliums zu sein. Mein Vater hatte mich schon als kleinen Jungen zum [Studium] der Theologie bestimmt. Als er aber sah, dass die Rechtswissenschaft die, die sich ihr verschrieben haben, in aller Regel reicher macht, bewegte ihn diese Aussicht plötzlich zur Änderung seines Plans. So kam es, dass ich vom Studium der Philosophie abgebracht wurde und zur Rechtswissenschaft wechselte. So sehr ich dem Willen meines Vaters gehorsam war und versuchte, mich diesem Studium treu zu widmen, so hat doch Gott schließlich durch den verborgenen Zügel seiner Vorsehung meinen Weg in eine andere Richtung gelenkt.

Zunächst aber war ich dem Aberglauben des Papsttums so hartnäckig erlegen, dass es nicht leicht war, mich aus diesem tiefen Sumpf herauszuziehen. Darum hat [Gott] mein trotz seiner Jugend schon recht starres Herz durch eine unerwartete Bekehrung zur Gelehrsamkeit gebracht. Erfüllt vom Geschmack an wahrer Frömmigkeit, entbrannte ich in einem solchen Eifer, darin Fortschritte zu machen, dass ich die übrigen Studien zwar nicht fallen ließ, wohl aber ziemlich nachlässig betrieb. Noch war kein Jahr vergangen, da kamen alle, die nach der reinen Lehre verlangten, zu mir, dem Neuling und Anfänger, um zu lernen. Von Natur aus schüchtern, habe ich die Zurückgezogenheit und Ruhe stets geschätzt und deshalb danach gestrebt, im Verborgenen zu leben. Das ist mir aber so wenig vergönnt gewesen, dass aus jedem Versteck gleichsam eine öffentliche Schule wurde. Während es meine einzige Absicht war, unbeachtet in Ruhe leben zu können, hat Gott mich so von Ort zu Ort getrieben, dass er mich nirgends Ruhe finden ließ, bis ich meinem Widerstand zum Trotz ins helle Licht [der Öffentlichkeit] gezogen wurde. Ich verließ mein Vaterland und reiste nach Deutschland in der Absicht, in irgendeinem verborgenen Winkel versteckt meine mir seit langem versagte Ruhe zu genießen.

Calvin – Ein großer Reformator

201105211546.jpgJoel hat mich darauf hingewiesen, dass die Calvin-Biografie von TH. L. Parker, erschienen bei Hänssler, derzeit sehr günstig zu haben ist. Vielen Dank für den Hinweis! Parker, eine Calvin-Kenner, porträtiert den Theologen und Prediger Johannes Calvin und lässt viele authentische Quellen sprechen.

Das Buch mit 340 Seiten gibt es zur Zeit für ca. 10 Euro neuwertig aus zweiter Hand oder auch bei Hänssler.

Zum Beispiel hier:

 

Calvin über Martin Bucer

Der Reformator Johannes Calvin schrieb 1540 in einem Brief an Professor Simon Grynäus über Martin Bucer:

Dieser Mann ist, wie du weißt, abgesehen von seiner tiefen Bildung, seiner reichen Kenntnis auf verschiedenen Wissensgebieten, seinem scharfsinnigen Geist, seiner umfassenden Literaturkenntnis und seinen vielen anderen unterschiedlichen Leistungen, in denen ihn heute kaum jemand übertrifft, mit ganz wenigen zu vergleichen und überragt die meisten. Er kann das Lob für sich verbuchen, dass keiner zu unserer Zeit eine ausgeprägtere Sorgfalt auf die Auslegung der Schrift verwandt hat.

Calvins Bibel- und Gesetzesverständnis

201105191603.jpgReiner Zimmermann schreibt in:

  • Reiner Zimmermann: Calvinismus in seiner Vielfalt: Die Bedeutung des Reformators für die evangelische Christenheit, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlagsgesellschaft, 2011, S. 98

Calvin wusste sich – wie wir sahen – durchaus als Schüler Luthers. So konnte auch er sein »Sola scriptura« anerkennen. Aber Calvin glaubt nicht, dass Gott die Absicht habe, alle Menschen zu erlösen, im Mittelpunkt seines Bibelverständnisses steht Gottes Ehre, die die Erwählten durch ihren Glauben und Gehorsam bekennen und verkünden sollen. Calvin vertritt, wie auch Zwingli, die Verbalinspiration aller biblischen Bücher: »Die Theologie soll darstellen, was in der Bibel niedergelegt ist. Der Gedanke der Inspiration der Schrift wird damit zur Lehre vom Diktat des Heiligen Geistes, unfehlbar von jenen Menschen vermittelt, die die Worte der Schrift niederschrieben.« Dementsprechend galten auch bei den Puritanern – als Schülern von Knox und Calvin – alle Texte der Bibel als gleichwertig, die alttestamentlichen wie die des Neuen Testaments, es sei denn, alttestamentliche Ordnungen wurden ausdrücklich von Jesus oder den Aposteln für nicht mehr gültig erklärt. »Das Alte Testament nimmt bei Calvin eine andere Stellung als in der lutherischen Theologie ein: Das zeremonielle Mosaische Gesetz ist mit dem Erscheinen Christi abgeschafft. Dagegen gilt das alttestamentliche Moralgesetz auch für die Christen. Sie stehen unter seiner Verpflichtung und sollen ihren Wandel nach den Vorschriften führen, die man der Gesetzesverkündigung der Schrift entnehmen kann. Desgleichen soll das gesellschaftliche Leben nach der Richtschnur des biblischen Gesetzes gestaltet werden.«

 

Der Tod Christ als einzigartiges Opfer

Im »Bekenntnis der zerstreuten Kirche«, das in der nachfolgend zitierten Genfer Fassung (Entwurf zur Confessio Callicana von 1559) auf Calvin zurückgeht, heißt es zum Osterereignis:

12. Wir glauben, daß Gott bei der Sendung seines Sohnes kein anderes 
Ziel verfolgt hat, als seine unschätzbare Liebe und Güte gegen uns zu
erweisen (Joh 3,16; 1Joh 4,9) und, indem er ihn sterben und auferste
hen ließ, alle Gerechtigkeit zu erfüllen (Röm 4,25), um uns das
 Leben in seinem himmlischen Reich zu erwerben.

13. Wir glauben, daß wir durch das einzigartige Opfer, das er am Kreuz 
dargebracht hat, mit Gott versöhnt sind, so daß wir vor ihm als gerecht
 gelten und angesehen werden (Eph 5,2; Hebr 10,10.12.14). Denn wir
 können ihm nicht gefallen, auch an seiner Kindschaft keinen Anteil
bekommen, es sei denn, daß er uns unsere Fehler vergibt und sie 
begräbt. So bekennen wir, daß Jesus Christus uns gänzlich und vollkom
men reinigt (Eph 5,26; Tit 3,5), und daß sein Tod voll und ganz
 genügt, um uns von unseren frevelhaften und unrechten Taten loszu
sprechen, deren wir schuldig sind (Hebr 9,14; 1Petr 1,19; 1Joh 1,7). Wir 
können durch kein anderes Mittel davon frei werden.

Amen!

Calvins Gebrauch von Augustinus

S.J. Han vom Chongshin Theological Seminary in Südkorea hat untersucht, wo und wie oft Calvin in seinen Schriften auf Augustinus zurückgegriffen hat. Sein Fazit:

There is no one as influential as Augustine in Calvin’s writings, though Calvin did not use the opinions of Augustine for the sake of using them. He judged and criticised them, like those of any other Church Father and any council, according to their dependability upon the single standard of Scriptures. He showed little appreciation for Augustine in certain doctrinal positions. He could accept neither the allegorical exegesis of the Biblical texts, nor the philosophical subtlety of the speculations. He regarded Augustine as the Father of the Church who had comprehensively grasped all the doctrines of the Scriptures and who is the best qualified representative of the old Church of the first five centuries, in terms of faithfulness to the Scriptures. In this context, I confirm Calvin’s own proclamation of Augustinus totus noster est. In other words, Calvin’s Augustine is the Augustine who was interpreted and used uniquely by Calvin in the sixteenth century.

Hier die Arbeit: www.ajol.info.

Calvins Erwählungslehre

Wieder und wieder musste ich in den letzten Wochen lesen, Calvins Erwählungslehre sei das Resultat philosophischer Reflexionen, nicht das Ergebnis einer sorgfältigen Bibelauslegung. Wie wohltuend schreibt dagegen Christian Link (Prädestination und Erwählung, Calvin-Studien, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 2009, S. 38):

Calvin hat seine Prädestinationslehre im Gespräch mit Paulus entwickelt. Es ist in der neueren Forschung immer deutlicher geworden, dass seine wichtigsten dogmatischen Entscheidungen in und über der exegetischen Arbeit gefallen sind. Sein 1540 in Straßburg erschienener und in zwei weiteren Auflagen (1551 und 1556) von ihm gründlich überarbeiteter Römerbriefkommentar ist die Quelle, aus der sich die lehrhaften Darstellungen der Institutio (1559) speisen. Die Leitbegriffe, mit denen er arbeitet – Erwählung, Berufung und allen voran der göttliche Vorsatz – stammen von Paulus. Er lässt sich vom Text des Römerbriefs in dessen Gedankenbewegung hineinziehen, findet in diesen Texten also keineswegs das für ihn dogmatische Feststehende bloß wieder.

Sehr schön bei Link auch (S. 3):

Die moderne Frage: Was ist relevant? was ist zeitgemäß? wäre ihm [Calvin] nie über die Lippen gekommen.

Die Bedeutung der Inspiration für die Autorität der Schrift bei Calvin

Shin Hye Yang hat an der Humboldt Universität zu Berlin über das Thema: »Die Bedeutung der Inspiration für die Autorität der Schrift bei Calvin« promoviert (Anlass gaben Kontroversen in der süd-koreanischen presbyterianischen Kirche). Shin Hye Yang widerspricht in seiner Arbeit B.B. Warfield, J.I. Packer, R. Nicole und vielen anderen, die davon ausgehen, dass Calvin an eine wörtliche Inspiration der biblischen Schriften glaubte.

Die Überprüfung der Argumente, die in der Forschung zum Beweis von Calvins Überzeugung von der inspirierten Unfehlbarkeit des Textes der Schrift vorgebracht werden, hat ergeben, dass die Belege, die herangezogen werden, diese Argumente nicht tragen.

1) Calvins Reden vom dictare des Heiligen Geistes und von den biblischen Verfassern als Werkzeugen, Sekretären oder Schreibern dieses Geistes legt den Ton darauf, dass der allem menschlichen Zeugnis vorangehende Gott der Urheber der Schrift ist. Die Autorität der Schrift stammt von ihm, indem er durch seinen Geist Menschen antreibt, seinem Willen entsprechend das von ihm Empfangene aufzuschreiben. Er fordert dabei den Gehorsam von Menschen als von ihm Beauftragten und sorgt durch seine Vorsehung dafür, dass sie seiner Herrschaft und ihrem Ziel dienen. Es ist aber nicht erkennbar, dass Gott im Sinne Calvins damit den Buchstaben und Wörtern, welche diese Beauftragten verwenden, eine ihnen immanente göttliche Qualität verleiht. Auch daraus, dass das dictare die Aufforderung an die biblischen Verfasser impliziert, nichts Eigenes hinzuzufügen, ist nicht mit W. Krusche zu folgern, dass die Inspiration auch die Form der Schrift betrifft.

2) Wie ich unter 3.2. schon summiert habe, leitet die Unterscheidung zwischen einem inspirierten unfehlbaren Urtext der Bibel und fehlerhaften Abschriften Calvins Umgang mit Fehlern und Versehen in vorliegenden Texten nicht.

3) In der Bibel berichtete Wunder und Weissagungen sowie die Überlieferungsgeschichte der Heiligen Schrift unterstützen nach Calvin die Glaubwürdigkeit und die Autorität der Schrift. Sie unterstreichen das ungewöhnliche und unbegreifbare Handeln Gottes, von dem die Texte berichten, verleihen der schriftlichen Form, in der das geschieht, aber keinen göttlichen Charakter. Dennoch gehören sie zur Verwirklichung des Heilswillens Gottes, für den Gott mit seiner allmächtigen Vorsehung sorgt, indem er Menschen für das Aufschreiben seines Handelns und das Überliefern der Schriften durch seinen Geist in Anspruch nimmt. Diese Schriften gehören darum in den dynamischen Prozess hinein, in dem Gott die Geschichte der erwählten Menschheit zu ihrem eschatologischen Ziel führt.

Obwohl mich Shin Hye Yang mit seiner These nicht überzeugt, bietet die Dissertation eine Menge Quellenmaterial und »Denkstoff«. Ich hoffe, dass sich bald jemand intensiv mit dem Ertrag auseinandersetzt und (vielleicht sogar) eine Antwort formuliert.

Die Dissertation kann hier heruntergeladen werden: yang.pdf.

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