Wir feiern heute den „Tag der Erde“: Zeit, Buße zu tun

Hugh Roberts hat einen bemerkenswerten Artikel zum „Tag der Erde“, der am 22. April begangen wird, in der NYT veröffentlicht. In „Dieser Tag der Erde, wir sollten Buße tun“, plädiert er dafür, dass die Völker der Erde die Natur um Vergebung bitten.

Es ist ein interessanter Text aus mindestens zwei Gründen. Zum einen stemmt sich Roberts, der früher bei den Vereinten Nationen gearbeitete hat, gegen die postmoderne Vorstellung, Natur sei nur ein soziales Konstrukt. Nein! Wenn wir gewisse Grundsätze missachten, führt das zu echten und nicht nur zu scheinbaren Problemen. Wir können also nicht einfach so leben wie wir das wollen. Zum anderen illustriert der Essay sehr schön, dass der Kampf für den Umweltschutz so etwas wie eine säkularisierte christliche Erzählung aufnimmt. Hugh Roberts spiegelt das nicht nur indirekt, sondern geht direkt darauf ein, wenn er schreibt:

Natürlich wird es Einwände geben. Zum Beispiel: Alles, was auch nur im Entferntesten der Buße ähnelt, muss ein bedrückendes Relikt des Christentums sein und sollte daher disqualifiziert werden. Dies wäre ein folgenschweres Argument. Erstens würde es uns daran hindern, jemals wirklich etwas zu bereuen. Zweitens würde es viele der Hauptgrundsätze der säkularen westlichen Gesellschaft disqualifizieren, die eindeutig dem Christentum entlehnt sind oder wiederverwendet werden. Die Idee einer universellen, linearen Bewegung zur Erlösung ist einzigartig jüdisch-christlich.

VD: WH

Kultur des Todes (11): Gericht erlaubt aktive Sterbehilfe bei Demenzkranken

In einer Patientenverfügung hatte eine Frau erklärt, dass sie im Fall einer schweren Demenz sterben möchte. Als sie an Alzheimer erkrankt, leistet eine Ärztin aktive Sterbehilfe, obwohl die Frau diese inzwischen ablehnt. Für das höchste Gericht der Niederlande war das Vorgehen rechtens. Das Urteil gilt dem Land als wegweisend und wird wohl eine Kultur des Todes weiter fördern. Das passt irgendwie nicht zu einer Kultur, die derzeit (angeblich) Gesundheit und Selbstbestimmung über alles andere stellt.

Die FAZ berichtet kurz darüber:

Es geht um den Fall einer 74 Jahre alten Frau, die schriftlich erklärt hatte, dass sie im Fall unerträglichen Leidens sterben wolle, „wenn ich denke, dass die Zeit dafür reif ist“. Kurz darauf erkrankte die Frau schwer an Alzheimer’scher Demenz. Sie äußerte mehrmals den Wunsch, zu sterben, erklärte aber, der richtige Zeitpunkt sei noch nicht gekommen. Auf entsprechende Gespräche mit dem Hausarzt reagierte sie abweisend. Als die Frau in ein Pflegeheim umzog, bat der Ehemann einen Arzt der Einrichtung, sie auf Grundlage der Patientenverfügung zu töten. Die Frau lehnte das bei verschiedenen Gelegenheiten ab, so schlimm sei es noch nicht.

Zwei Ärzte äußerten, die Voraussetzungen für aktive Sterbehilfe seien erfüllt: Das Leiden sei unerträglich und nicht behandelbar, der Todeswunsch freiwillig und durchdacht. Die Familie der Patientin beschloss daraufhin, dass sie getötet werden solle. Ohne deren Wissen verabreichte eine Ärztin der Frau zuerst ein Beruhigungsmittel und dann ein tödliches Medikament. Dabei wachte die Patientin auf und wehrte sich, wurde von ihren Angehörigen aber festgehalten, bis sie starb.

Interessant, wie DER SPIEGEL das ablehnende Verhalten der Frau sprachlich abbildet:

Doch zum Zeitpunkt der Sterbehilfe war sie nicht mehr ansprechbar und schien sich gegen die Spritze zu wehren.

Die SZ erkennt „ein wegweisendes Urteil in einem Land, das schon seit Jahren Vorreiter bei dem Thema ist“ und gibt die Beurteilung eines ausführlichen Gutachtens wieder. Die Argumentation ist frappierend. Vorausgesetzt wird zunächst die Kontinuität einer Persönlichkeit. Das ist begrüßenswert, da damit einer Person eine Identität zugestanden wird. Dann wird freilich davon gesprochen, dass das „frühere Selbst“ gegenüber dem aktuellen Selbst einen Vorrang erhalte. Der Gesetzgeber spricht dem Arzt einen Spielraum zu. Er kann sorgfältig auswählen, welchem „Selbst“ er eine größere Autorität beimisst.

Das klingt dann so:

Das sehr ausführliche Gutachten des Generalstaatsanwalts liegt dem Urteil des Hohen Rats als nähere Ausführung bei. Es stützt sich auf das Konzept der „precedent autonomy“ bei Dementen. Es geht von einer Kontinuität der Persönlichkeit aus, wobei jene Phase, in welcher der Patient noch bei vollerem Verstand ist, den Vorrang erhält hinsichtlich der Beurteilung seines Schicksals. Das „frühere Selbst“ wache über die Belange des „gegenwärtigen Selbst“. Auf diese Weise könnten Menschen ihre „kritischen Interessen“, ihre Identität und die von ihnen bevorzugte Lebensgeschichte bestmöglich in eine Form bringen. Auch könne ein Mensch auf diese Weise am ehesten vermeiden, in eine Lage zu geraten, die absehbar aussichtsloses Leiden für ihn bedeute. Der Gesetzgeber lasse dem Arzt einen „Beurteilungsspielraum“, um den schriftlich geäußerten Wunsch nach Sterbehilfe zu interpretieren.

Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Wir werden uns eines Tages für diese lebensfeindliche Kultur vor Gott verantworten müssen!

Mehr: www.faz.net.

VD: TJ

Corona und Christus

Corona und christus ipadJohn Piper fragt in seinem neuen Buch Corona und Christus: „Wir erleben eine Zeit, in der spürbar wird, wie fragil unsere Welt ist. Das anscheinend stabile Fundament gerät ins Wanken. Die Frage, die wir uns jetzt stellen müssen, ist folgende: Haben wir einen Fels unter unseren Füßen? Ein Fels, den nichts je erschüttern kann?“ 

Piper lädt Leser ein, sich auf den festen Grund, den Fels Jesus Christus, zu stellen: In Ihm, dem souveränen Gott, finden unsere Seelen Halt. Er fügt, lenkt und regiert alles so, dass seine weisen und guten Pläne für alle Wirklichkeit werden, die ihm vertrauen. Das Buch bietet sechs biblische Antworten und zeigt, wie Gott in dieser turbulenten Zeit wirkt. Das Buch ist herausfordernd, ermutigend und alles andere als flach. Zitat:

„Vor der Schöpfung gab es keinen Maßstab außer Gott. Außerhalb von ihm gab es nichts, wonach er sich hätte richten müssen. Vor der Schöpfung war Gott die einzige Wirklichkeit. Wenn es also niemanden als nur Gott gibt, wie definiert man dann, was für Gott richtig ist? Das heißt: Wie kann Gottes Heiligkeit nicht nur seine Transzendenz, sondern auch seine Gerechtigkeit umfassen?

Die Antwort ist, dass Gott selbst der Maßstab für Gottes Gerechtigkeit ist. Das zugrundeliegende biblische Prinzip ist: „[Er] kann sich selbst nicht verleugnen“ (2Tim 2,13). Er kann nicht auf eine Art und Weise handeln, die seinen unendlichen Wert und seine unendliche Schönheit und Größe verleugnet. Das ist der Maßstab dafür, was richtig für Gott ist.

Das bedeutet: Die moralische Dimension von Gottes Heiligkeit – seine Gerechtigkeit – ist seine konsequente Selbstverpflichtung, so zu handeln, wie es seinem Wert, seiner Schönheit und seiner Größe entspricht.“

Das Buch wurde von Mitarbeitern des Netzwerkes „Evangelium21“ übersetzt und steht ab sofort unter folgender Adresse kostenlos als elektronisches Buch zur Verfügung: www.evangelium21.net/corona-und-christus. Ein Hörbuch wird in den nächsten Tagen nachgeliefert.

Wunder­schöne Tränen

In dem Artikel „Wunder­schöne Tränen: Was sichtbar wird, weil Jesus weinte“ beschäftigt sich der Künstler Makoto Fujimura mit einem Evangelientext, in dem es heißt: „Jesus weinte“ (Joh 11,35). Er schreibt: 

Jesu Tränen veränderten Marias Sicht auf ihren Herrn. Als diese langsam im verhärteten Boden von Bethanien versickerten, vermischten sich Jesu Tränen mit den ihren. Jesus war nicht nur ein Retter, sondern erwies sich als persönlicher Freund; durch diese tiefe Freundschaft mit dem Sohn des Menschen leuchtete die Herrlichkeit Gottes auf. Johannes bemerkte das.

Für die alten Japaner war Schönheit die Klammer, die das Vergängliche mit dem Heiligen zusammenhielt. Kirschblüten sind am schönsten, wenn sie fallen, und die Würdigung dieser Beobachtung führte die Japaner dazu, ihre eigene Sterblichkeit zu bedenken. Hakana bi (vergängliche Schönheit) bedeutet Traurigkeit, und doch liegt für Japaner in dem Bewusstsein für die Vergänglichkeit des Lebens eine tiefe Schönheit. Der Nobelpreisträger Yasunari Kawabata zitiert aus den Selbstmordnotizen des japanischen Nachkriegsautors Ryunosuke Akutagawa: „Aber die Natur ist schön, weil sie vor meinen Augen ihr äußerstes Ausmaß erreicht“ (Japan, the Beautiful, and Myself, S. 63).

Kawabata beging wenige Jahre später ebenfalls Selbstmord. Für Japaner ist der Sinn für Schönheit eine tief tragische Angelegenheit und mit der Unvermeidbarkeit des Todes verknüpft.

Auch Jesu Tränen waren vergänglich und schön. Seine Tränen bleiben uns gegenwärtig als eine fortdauernde Erinnerung an den Retter, der weint. Doch anstelle von Verzweiflung zeigen uns Jesu Tränen den Weg zur größten Hoffnung: der Auferstehung. Statt in den Selbstmord führen Jesu Tränen zur Fülle des Lebens.

Mehr: www.evangelium21.net.

Abendmahl – öffentlich oder privat?

Ist das Abendmahl ein öffentliches oder persönliches Mahl? Heinrich Bullinger schreibt (Schriften V, 2006, S.471):

Da nun das Abendmahl des Herrn öffentlich ist und eine heilige Speise für die ganze versammelte Gemeinde, in der das Brechen und Austeilen des Brotes, das Essen und Trinken geschehen und die Gemeinschaft des Leibes und des Blutes Christi erklärt und besiegelt werden soll, so darf das Abendmahl folglich niemandem, ob er gesund oder krank, bettlägerig oder sterbend sei, gereicht werden, sei es nun zuhause oder in der Kirche, und die Gläubigen dürfen das Abendmahl zu solchen persönlichen Zwecken auch nicht verlangen. Denn man darf die Stiftung Christi des Herrn nicht durch menschlichen Beschluss oder Gewohnheit ändern. Paulus fordert eine öffentliche Versammlung der Gemeinde, und zwar eine allgemeine Zusammenkunft, um das Abendmahl recht zu feiern. Er sagt [1Kor 11,20]: »Wenn ihr nun an einen Ort zusammenkommt, so ist es nicht möglich, ein Mahl des Herrn zu essen«, d.h., so esst ihr nicht das Abendmahl. Der Grund ist [1Kor 11,21]: »Denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg.« Daher will er nicht, dass hier etwas im Stillen geschehe. An derselben Stelle sagt er auch, dass diejenigen zu ihrer Verdammnis Zusammenkommen und das Abendmahl essen, die sich mit dem Essen beeilen und nicht warten, bis alle Gemeindeglieder zusammengekommen sind, und erst dann mit allen gemeinsam essen und trinken. Er sagt [1Kor 11,33f.]: »Darum, meine Brüder, wenn ihr zum Essen zusammenkommt, so wartet aufeinander! Hungert jemand, so esse er daheim« – damit er nicht aus Hunger dazu getrieben wird, vor den anderen zu essen —, »damit ihr nicht euch zum Gericht zusammenkommt.« Somit ist das Abendmahl nicht ein persönliches, sondern ein gemeinschaftliches Mahl, das keiner Einzelperson gespendet werden darf.  

Accordance – derzeit günstig

Accordance gehört seit Jahrzehnten zur ersten Wahl, wenn es um Bibelsoftware geht. Ursprünglich nur für den Mac angeboten, ist Accordance mittlerweile auf fast allen Plattformen angekommen. Der Focus von Accordance liegt seit jeher auf der Arbeit am biblischen Grundtext. Wer die Software ausprobieren möchte, kann eine kostenlose, aber eingeschränkte Lite-Version herunterladen.

Für langjährige Accordance-Benutzer ist vielleicht interessant, dass Empfänger des Newsletters seit kurzem monatlich ein Accordance-Modul geschenkt bekommen.

Außerdem wird bis Anfang Mai die Basis-Version für nur $24,90 angeboten – 50% günstiger als sonst. Damit ist der Einstieg in die Accordance-Welt sehr preiswert. Weitere Module und Modul-Pakete lassen sich nach Belieben und Vermögen hinzukaufen und ergänzen. Mehr zum derzeitigen Angebot hier: www.accordancebible.com.

Einige kostenlose Accordance-Module gibt es auch hier: accordancebible.de.

Autor: J.O.

Die „Neue Apostolische Reformation“

51OPLdiaWIL SX326 BO1 204 203 200In seinem Buch Entwurzelt: Aktuelle christliche Irrtümer untersucht Richard P. Moore die theologischen Kennzeichen der drei Bewegungen „Wort des Glaubens“, „Dritte Welle“ und „Neue Apostolische Reformation“ (NAR). Während die ersten beiden Strömungen im 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht haben, ist die dynamische Bewegung der „Neuen Apostolische Reformation“ die am schnellsten wachsende nicht-katholische Strömung in der christlichen Welt des 21. Jahrhunderts.

Ich habe mich mit Richard und seiner Frau Simone über mehrere problematische Aspekte der NAR-Theologie unterhalten.

Hier mehr: www.evangelium21.net.

Im Gespräch mit Tom Holland

Der Historiker und Schriftsteller Tom Holland hat eine Reihe von vielbeachteten Büchern zur römischen und europäischen Geschichte verfasst, darunter Dominion: The Making of the Western Mind (Little, Brown and Company, 2019) oder Millennium: Die Geburt Europas aus dem Mittelalter (dt. Klett-Cotta, 2009).

Ein Freund hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Tom Holland in einem Gespräch mit Nicky Gumbel seine Sichtweise zur historischen Bedeutung des Leidens und der Kreuzigung Jesu Christi geäußert hat.

Ich muss das Interview empfehlen, da hier ein gewissenhafter und aufrichtiger Historiker, der sich als Teenie bewusst vom christlichen Glauben abwandte, davon spricht, dass das, was da am Kreuz geschah, ihn inzwischen wirklich packt. Möge er Zugang zum Christusglauben finden.

VD: WH

Die Aufer­stehung verändert alles

Matthew Barrett schreibt über den Ostersonntag: 

Losgelöst von Christi Auferstehung haben wir keine Hoffnung für die Zukunft. Wie Paulus klar und deutlich schreibt: Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann „sind wir die elendesten unter allen Menschen“, weil unsere Hoffnung in Christus nicht über dieses Leben hinausgeht (1Kor 15,19). Doch da Christus auferstanden ist, können wir dem Tod ins Angesicht blicken und wissen, dass er nicht den letzten Sieg davontragen wird und dass sein Stachel nicht von Dauer ist (1Kor 15,54–55).

Ich liebe das Ende von 1. Korinther 15, wo Paulus abschließend schreibt: „Darum, meine geliebten Brüder, seid fest, unerschütterlich, nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist im Herrn!“ (15,58). Weil Christus auferstanden ist, haben wir, wenn wir in Christus sind, alle Gewissheit, dass unsere Arbeit in der Verbreitung des Evangeliums vom auferstandenen Christus nicht sinnlos oder zwecklos ist, sondern für alle Ewigkeit zählt. Denk darum diese Ostern daran: Christi Auferstehung verändert alles! Ohne die Auferstehung haben wir kein Evangelium, keine Errettung, keine rettende Botschaft und definitiv keine Hoffnung für die Zukunft.

Mehr: www.evangelium21.net.

Moderne Pharisäer

Norbert Bolz kritisiert die auf ein Soziales Evangelium konzentrierte kirchliche Verkündigung in den Ostertagen scharf:

So hört man von ihren Repräsentanten und Pfarrern nur noch selten etwas über das Ärgernis und den Skandal des Wortes vom Kreuz, so wie es im Zentrum der Paulus-Briefe und damit des Neuen Testaments steht. Aber man bekommt am Sonntag sehr viel zu hören über die unzähligen kleinen Kreuze dieser Welt wie Hunger, Flüchtlingselend, Klimakatastrophe usf.

Der Pfarrer tritt immer häufiger als Gutmensch auf – und das heißt in der Sprache des Neuen Testaments: als Pharisäer. Dabei missbraucht er seine Predigt für einen sentimentalen Moralismus. Er ersetzt den Skandal des Gekreuzigten zunehmend durch einen neutralen Kult der Menschheit. Thomas Mann hat das schon vor hundert Jahren „Verrat am Kreuz“ genannt. Was dann noch bleibt, ist die Sentimentalität einer unrealistischen Menschenfreundlichkeit.

Mehr (allerdings hinter der Bezahlwand): www.welt.de.

„Religion ist etwas sehr Unselbstverständliches“

Der Religionsphilosoph Hartmut von Sass hat dem Landeskirchliches-Forum ein kluges Interview gegeben. Ich kann ihm nicht in allem zustimmen, aber seine Kritik an der Säkularisierung, auch an der in den Kirchen, ist solide. Trefflich vor allem ist seine Kritik an der Verzweckung des Glaubens, die sollte gelesen und durchdacht werden. 

Hier zwei Zitate:

Habermas und andere, auch Christa Wolf, standen am Grab des Dichters. In der NZZ beschrieb er dann sein Unbehagen an der Leere dieser Szene. An der (von Frisch selbst verordneten) Rituallosigkeit und Beliebigkeit – die ihm nicht gerecht wird. Habermas blickt als säkularer Philosoph am Grab Frischs in sich hinein und fragt, was denn hier nicht stimmt. Und kommt zur Vermutung, dass der Symbol- und Sprachhaushalt der christlichen Religion – nicht nur am Grab, sondern vielleicht auch davor – eine wesentliche Rolle spielen könnte.

Ich stelle das in den weiteren Kontext des Statements des deutschen Verfassungsjuristen Ernst-Wolfgang Böckenförde. Der katholische Rechtsphilosoph hielt in den 60er Jahren fest, dass der freiheitliche Rechtsstaat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht liefern kann. Habermas griff diese Doktrin auf seine Weise auf: Der Rechtsstaat nimmt auf etwas Bezug, darunter etwas Religiöses, Existentielles, nicht rechtsstaatlich Verfasstes, was selber aber zu den Bedingungen des gelingenden Rechtsstaates gehört.

Da wird gesagt: Wir brauchen irgendetwas anderes, damit der Rechtsstaat funktioniert. Unter anderem die Religion. Also bauen wir sie bei uns ein. Das ist ungefähr so, als wenn man einen Ferrari fährt und etwas am Vergaser nicht funktioniert. Die Religion ist dann wie ein Modul, das zum gesamten Auto gehört – aber die anderen Teile haben damit gar nichts zu tun. Es wird eingebaut…

Das läuft alles unter der Verzweckungslogik: Solange die Kirchen bestimmte Zwecke erfüllen – Diakonie –, sind sie willkommen. Wenn nicht mehr, drehen wir den Hahn zu. Habermas ist nicht gut darin, das Eigentümliche, Unverwechselbare der Religion zu beleuchten – da wo sie widerständig ist, wo sie keine Zwecke erfüllt, sondern möglicherweise sogar der troublemaker ist.

Ich plädiere dafür, dass die Religion, auch die Kirche eine konstante Quelle der Irritation ist. Also nicht etwas, was sich einfügt und verzwecken lässt, sondern was eingefahrene Muster und Routinen aufbricht – das Gegenteil von Verzweckung.

Hier Mehr: lkf.ch.

VD: FL

Richtet nicht!

Mbstexte193 theo deu a Seite 1„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ (Mt 7,1), ist laut Erwin Lutzer der „meistzitierte Vers der Bibel“. Damit scheint klar zu sein, dass es Nachfolgern von Jesus Christus nicht erlaubt ist, andere oder anderes zu beurteilen. Doch so ganz einfach das mit dem Bedeutungsspektrum von „sondern, sichten“ (griech. κρίνω) jedoch nicht. Und der Kontext, in dem Jesus dieses Aussage macht, sollte ebenfalls beachtet werden.

Tanja Bittner schreibt:

Auf den ersten Blick scheint alles ganz klar. Jesus mahnt in der Bergpredigt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1). Was kann das anderes bedeuten, als dass sich Christen tunlichst eines Negativurteils über andere enthalten sollen, um selbst einem solchen zu entgehen? Was für eine positive Atmosphäre würde in unseren christlichen Gemeinden herrschen, wenn unser Umgang miteinander von purer Ermutigung geprägt wäre! Jeder Einzelne – wer auch immer er sein mag – würde sich ohne den Schatten eines Vorbehalts ganz genau so, wie er nun mal ist, angenommen fühlen. Entspricht das nicht einem Idealbild von Gemeinde, wie man es sich nur wünschen kann? Klingt das nicht nach typisch Jesus: Liebe wird ganz groß geschrieben?

Doch schon auf den zweiten Blick wird die Sache holpriger: Denn bereits hier in der Bergpredigt scheint sich Jesus selbst nicht an seine eigenen Vorgaben zu halten. Im Gegenteil, er spricht deutliche Negativurteile aus (z.B. Mt 5,20; 6,5; 7,15). Auch seine Nachfolger verbreiten nicht nur Ermutigung pur. Bei Bedarf nehmen Petrus (z.B. 2Petr 2,12–14) oder Paulus (z.B. 2Tim 2,16–17) kein Blatt vor den Mund und tun ihr Urteil über das Leben anderer kund. Tatsächlich kritisiert Paulus die Korinther sogar, weil sie es unterlassen haben zu urteilen (1Kor 5,2f; 6,2). Die Sache scheint etwas widersprüchlich zu sein.

Noch verwirrender wird das Ganze, wenn man feststellt, dass im Urtext jeweils ein- und dasselbe Wort verwendet wird: κρίνω (krinō). Was nun? Einerseits ist es mir als Christ offenbar untersagt, zu κρίνειν (krinein) – andererseits kann es auch falsch sein, es zu unterlassen?

Die Sympathiepunkte dürften sich wohl klar dem Verbot zuneigen. Erwin Lutzer vermutet gar, dass Mt 7,1 „der meistzitierte Vers der Bibel“ ist, noch vor Joh 3,16. Natürlich: Wie attraktiv kann schon eine Gemeinde mit Stasi-Flair sein – jeder beobachtet jeden, jeglicher Regelverstoß wird sofort angeprangert? Und gebietet es nicht bereits die Toleranz, erst recht aber die Liebe, jedem das Recht zuzugestehen, so zu leben, wie er es für richtig hält? Schließlich möchte ich auch nicht, dass mir jemand dreinredet. Andererseits müssen wir so ehrlich sein, diesen Gedankengang zu hinterfragen: Klingt hier wirklich der Geist der Bibel an? Oder bringt sich bei dieser Überlegung vielleicht doch eher unsere individualistisch geprägte Kultur zu Gehör?

Der erste und der zweite Blick reichen hier also nicht aus, wir müssen genauer hinsehen. Wenn man die ganze Bibel als Gottes Wort ernst nimmt, dann gilt uns offenbar wirklich beides. Wir sollen κρίνειν (krinein) und sollen es auch wiederum nicht. Unter welchen Vorzeichen ist aber was davon das Richtige? Wann ist κρίνειν (krinein) nötig, wann ist es zu unterlassen?

Die Untersuchung „Soll ich meines Bruders Hüter sein?: Vom Urteilen“ (MBS TEXTE, Theologische Akzente, 193, 2020, zuerst in;  Glauben und Denken heute, Nr. 24 (2/2019), kann hier heruntergeladen werden: mbstexte193_theo_deu_a.pdf.

Nächstenliebe in der Zeit der Pandemie

Rosaria Butterfield ist der Meinung, dass Nächstenliebe und Gastfreundschaft in einer Zeit der Pandemie besonders wichtig sind. Dazu gehört auch, dass wir sorgfältig mit den Informationen umgehen und drauf achten, nicht Botschafter manipulierter und manipulierender Nachrichten zu sein. Sie schreibt: 

Daniel Defoe, bekannt durch sein Werk „Robinson Crusoe“, schrieb Jahre vor seinem Bestseller ein kleines Buch mit dem Titel A Journal of the Plague Year (dt. „Die Pest zu London“). Dies ist Crusoes historisch-fiktives Tagebuch über das Leben während der Beulenpest des Jahres 1665. Crusoe war fünf Jahre alt, als die Pest seine Welt verwüstete. Sein aufschlussreiches Buch beginnt mit einem Dank an Gott für etwas, das mich zum Lachen brachte. Defoe bedankt sich dafür, dass es 1665 keine Zeitung – oder demnach kein anderes Mittel zur Verbreitung „berichtenswerter Informationen“ über die Beulenpest – gab. Crusoe schreibt: „Wir hatten damals keine gedruckten Zeitungen, um Gerüchte und Berichte über Dinge zu verbreiten, und diese durch menschliches Hinzutun noch zu vergrößern.“

Crusoe verstand, dass die Pest schlimm genug ist; wir sollten sie nicht noch durch emotionale Manipulation vergrößern. Im Jahr 2020 können wir uns der Berichterstattung in den Medien über das Coronavirus kaum entziehen. Wir scheinen auch nicht in der Lage zu sein, den abscheulichen Strom von Klatsch und Verleumdung von vermeintlichen Experten, der uns als „Information“ weitergegeben wird, richtig einzuordnen. Wenn wir selbst nicht dem zwanghaften Schauen von Nachrichten oder anderen Newsfeeds unterlegen sind, ist zumindest jemand in unserem Bekanntenkreis mehr als bereit, neue (schlechte) Nachrichten mit uns zu teilen. Wir möchten selbstverständlich etwas über dieses neuartige Virus erfahren, aber neue Viren kommen eben nie mit einer Gebrauchsanweisung.

Mehr hier: www.evangelium21.net.

„So musst du doch bald sterben“

Heinrich Bullinger schreibt über den Tod („Unterweisung der Kranken“, Schriften I, 2004 [1535], S. 118–120):

Der Tod ist wie alle anderen menschlichen Gebrechen und Mühseligkeiten eine verdiente, von Gott dem Menschen auferlegte Buße als Strafe für die Sünde. Anfangs wurde Adam von Gott unsterblich, vollkommen und ohne Gebrechen geschaffen, o dass ihm nichts fehlte. Erst nachdem er gesündigt hatte, folgte dies Elend und insbesondere der Tod. Denn Gott spricht im Buch Genesis, Kapitel 3 [Gen 3,17–19]: »Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von lern ich dir gebot, dass du nicht davon essen sollst, so sei auch der Erdboden um deinetwillen verflucht. Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Domen und Disteln soll er dir tragen, und das Kraut des Feldes sollst du essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde wirst, von der du genommen bist; denn Staub bist du, und zu Staub musst du wiederum werden.« Da es nun hinlänglich bekannt ist, dass allen Menschen der Tod auferlegt, ja von Gott als Strafe der Sünde auferlegt wurde, so soll der kranke Mensch mit Recht durch diese Tatsache Erleichterung finden und Folgendes bedenken: Wenn niemand dem Tod entrinnen kann, so musst du doch bald sterben, auch wenn du jetzt gesund werden solltest. Und wenn es auch keinen anderen Grund dafür gibt, sollst du dennoch aus der Not eine Tugend machen. Denn da der Tod von Gott zur Buße der Sünde eingesetzt worden ist und du ein armer Sünder bist, der in Sünden geboren und empfangen worden ist, und doch Gott als deinen getreuen Vater hast, sollst du die Buße für die Sünden bereitwillig zahlen und dem gütigen Vater die schuldige Pflicht gehorsam leisten.

Jeder soll bedenken, wie groß und heilig die Gemeinschaft derer ist, die auch gestorben sind. Der Sohn Gottes und Marias, Jesus Christus, unser Herr, der doch selbst keine Sünden begangen hat, der vom Heiligen Geist empfangen und von einer unbefleckten Jungfrau geboren wurde, hat für uns den Tod erlitten, um den ewigen Tod hinwegzunehmen und den zeitlichen für die Gläubigen zu erleichtern. Alle auserwählten Freunde Gottes haben die Buße des Todes bezahlt, etwa der rechtschaffene Abraham, Mose, dem Gott seine Herrlichkeit offenbarte, David, der dem Herrn wohlgefiel, ebenso der Heiligste, der von einer Frau geboren wurde, Johannes der Täufer, die ewig reine Jungfrau Maria, Johannes, der geliebte Jünger Christi, die auserwählten Apostel Petrus, Paulus und Jakobus, kurz: Alle heiligen Propheten und Apostel, alle heiligen Väter, Lehrer und Märtyrer, sie alle sind durch den Tod aus diesem Leben geschieden. Jeder soll also daran denken, welche hohen und heiligen Gefährten er hat und dass er sich nicht vermessen soll, besser als diese sein zu wollen, die doch willig gestorben sind. Es wäre auch eine unerhörte Unfähigkeit zu leiden, wenn jemand nicht erdulden will, was doch alle Menschen, ja alle Gläubigen von je her erduldet haben.

Francis Schaeffer kritisierte christlichen Antisemitismus

Francis Schaeffer hat im Jahre 1943 einen Artikel publiziert, in dem er den christliche Antisemitismus scharf kritisiert. Er schrieb (The Independent Board Bulletin, October 1943, S. 16–19):

Wir leben in einer Zeit, in der der Antisemitismus eine mächtige Kraft ist. In vielen Ländern hat er zum Tod unzähliger Juden geführt. Sogar in unserem eigenen Land zeigt er sich von Zeit zu Zeit in verschiedenen Erscheinungsformen. Selbst unter denen, die sich als fundamentalistische Christen bezeichnen, finden wir gelegentlich eine Person, die einen großen Teil ihrer Zeit damit verbringt, über die Juden herzufallen.

Wenn man den Antisemitismus betrachtet, ist das Erste, was sich in meinem Denken fixiert, die Tatsache, dass Christus ein Jude war. Wenn wir das Neue Testament bei Matthäus 1,1 öffnen, finden wir als allererste Aussage über Christus, dass er von Abraham abstammt und ein Nachkomme Davids war. Die Bibel sagt nicht, dass Jesus zufällig ein Jude war, sondern das Wort unterstreicht immer wieder, dass er ein Jude war.

Mehr: www.pcahistory.org.