Bullinger: Die Stellung der Armenfürsorge

Heinrich Bullinger über die Armenfürsorge (Schriften VI, 2006, S. 349–350):

Die seligen Apostel unseres Heilands haben sich gleich nach der Himmelfahrt Christi, nachdem sie den Heiligen Geist empfangen hatten, verpflichtet, den Armen zu dienen, und sie sind einige Zeit deren Verwalter gewesen. Als aber ihre Pflichten Zunahmen, sorgten sie dafür, dass sieben gottesfürchtige, zuverlässige, redliche Männer zu Verwaltern für die Armen bestimmt wurden; sie selbst aber kümmerten sich vor allem um die Lehre [vgl. Apg 6,2—4]. Nicht dass sie sich der Armen nicht weiterhin annahmen und Acht auf sie gaben. Denn im Konzil von Jerusalem haben insbesondere Petrus, Jakobus und Johannes dem Paulus die Armen anbefohlen, fiir die sie auch umsichtig sorgten. Ja, Paulus ist selbst aus Mazedonien mit dem Schiff nach Syrien gefahren, um die Spenden fiir die Armen zu überbringen, wie er selbst bezeugt im Römerbrief, Kapitel 15 [vgl. Röm 15,25—27]. Da nahm er sich der Sache der Armen sehr gewissenhaft an, wie es im zweiten Brief an die Korinther, Kapitel 8 und 9, heißt [vgl. 2 Kor 8,16-24; 9,1-5]. Im ersten Brief, Kapitel 16, bietet er sich selbst zum Dienst an den Armen an [vgl. 1 Kor 16,1—4]. Deshalb kümmerten sich die Bischöfe und Pfarrer der frühen Kirche, die noch nicht durch Habsucht, Prachtliebe und Ehrgeiz verdorben war, sorgfältig um die Armen und um die Spenden zugunsten der Armen, damit sie gut und gerecht verwendet würden. Aus allen diesen Gründen haben eure Vorgänger und habt auch ihr Vorjahren beschlossen und verordnet, dass die Pfarrer in der Stadt bei der Abrechnung des Almosenguts und die Pfarrer auf dem Land bei der Abrechnung ihrer Kirchgemeinde anwesend sein sollten, um dafür zu sorgen, dass den Armen zukommt, was ihnen zusteht. Dies alles erwähnen wir nur deshalb, damit niemand denkt, wenn wir uns hier der Armen annehmen, so nähmen wir uns einer Sache an, die uns eigentlich nichts angehe.

F. Schaeffer: Gottes Kirche inmitten der Verwirrungen des 20. Jahrhunderts

Am 23. September 1981 war Francis A. Schaeffer der Hauptredner für den Mittwochabend-Gottesdienst der 1. Generalversammlung in der Ward Presbyterian Church in Livonia, Michigan (USA). Der Vortrag wurde mitgeschnitten. Obwohl die Qualität zu wünschen übrig lässt, erlaubt die Aufnahme einen guten Einblick in die Art, wie Schaeffer in den letzten Lebensjahren zu den Gemeinden sprach. Er hatte gerade das Manuskript des Buches A Christian Manifesto abgeschlossen. Schaeffer zeigte in dem Buch, wie Recht, Regierung, Bildungseinrichtungen und die Medien zu einer Abkehr von den jüdisch-christlichen Wurzeln beigetragen haben.

Verherrlicht durch Gottes Willen

Der Vorwurf, klassisch reformatorische Einsichten seien auf Neuschöpfungen des Kirchenvaters Augustinus zurückzuführen, ist schon recht alt. Die Reformatoren erster und zweiter Generation mussten sich immer wieder gegen diese Anwürfe zur Wehr setzen. Sie haben ganze Kataloge mit kirchengeschichtlichen Zeugen erstellt. Nicht nur das. Einige Reformatoren, etwa Heinrich Bullinger, sind durch die Lektüre der Väter zur Reformation durchgedrungen.

Wirklich Ruhe in dieser Diskussion gab es nie. Auch heute ist das Argument immer wieder zu hören. „Hat etwa Augustinus die Lehre von der Ursünde erfunden?“ Oder: „Stammt die Vorstellung von der Glaubensgerechtigkeit aus Nordafrika?“

Nun trifft es gewiss zu, dass Augustinus durch seine Konfrontationen mit den Manichäern, Donatisten und Pelagianern herausgefordert wurde, die Dinge sehr pointiert zu formulieren. Wir dürfen ruhig sagen, dass Augustinus den Weg der Theologie sehr maßgeblich beeinflusst hat. Dennoch gab es ausreichend Material, auf das der Kirchenvater (natürlich neben der Bibel) zurückgreifen konnte. Er selbst bemühte ja die Väter als Zeugen für seine Erkenntnisse.

Hier zwei Zitate, die aus dem 1. Jahrhundert stammen. Es handelt sich um eine apokryphe Schrift, die es sogar in den Anhang der Vulgata geschafft hat, nämlich das 4. Buch Esra (4Esr). Dort heißt es in 3,21–22:

Denn da Adam ein böses Herz in sich trug, hat er sich als erster vergangen und ist bezwungen worden, aber auch alle, die von ihm abstammen. Und die Schwäche wurde dauerhaft und das Gesetz mit dem Herzen des Volkes mit der Bosheit seiner Wurzel, und das, was gut ist, verschwand, und es blieb das Böse.

Oder in 7,45–46:

… Wer ist denn unter denen, die jetzt da sind, der nicht gesündigt hat, oder wer ist von den Geborenen, der nicht deine Verheißung übergangen hat? Und nun sehe ich, dass nur für wenige gilt, dass ihnen die künftige Welt Freude bereiten wird, vielen hingegen Qualen. Denn uns ist ein böses Herz eingewachsen, das uns diesem entfremdet und uns in die Verderbnis geführt hat und uns die Wege des Todes gezeigt hat, die Pfade des Verderbens, und uns weit entfernt hat vom Leben; und das nicht wenige, sondern beinahe alle, die geschaffen worden sind.

Im Blick auf die Glaubensgerechtigkeit (und Erwählung) gibt es einen außerordentlich bemerkenswerten Befund. Der 1. Clemensbrief gehört zu den ältesten literarischen Zeugnissen des frühen Christentums außerhalb des Neuen Testaments. Es gilt als sicher, dass der Text vor der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts verfasst wurde, wahrscheinlich sogar um die Jahrhundertwende. Wir lesen im Kapitel 32,3–4:

Alle nun sind verherrlicht und groß gemacht worden nicht durch sich selbst oder durch ihre Werke oder durch das gerechte Handeln, das sie vollbrachten, sondern durch seinen Willen. Auch wir also, die wir durch seinen Willen in Christus Jesus berufen worden sind, werden nicht durch uns selbst gerechtfertigt (δικαιούμεθα), auch nicht durch unsere Weisheit oder Einsicht oder Frömmigkeit oder durch Werke, die wir vollbracht haben mit frommem Herzen, sondern durch den Glauben, durch den der allmächtige Gott alle von Ewigkeit her gerechtfertigt hat. Ihm sei die Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Bitte nicht falsch verstehen. Bei den Kirchenvätern lässt sich viel, auch viel Unsinn, finden! Wir sind deshalb gut beraten, wenn wir unsere Theologie mit der Heiligen Schrift begründen. Aber wer sagt, die abendländische Theologie sei eine Erfindung Augustins, macht es sich zu einfach.

„Keine leere Zeit“

Georg Huntemann schreibt über die Zeit unter den Augen Gottes (Was wird kommen?, 2. Aufl., 1974, S. 19):

Im Johannesevangelium (1,45 ff.) gibt es die Geschichte von einem Mann, der (sein Name ist Nathanael) sich nicht vorstellen konnte, daß aus Nazareth etwas Gutes kommen könne. Er stand Jesus kritisch gegenüber. Als Jesus Nathanael sah, sagte er zu ihm: „Ein echter Israelit, in dem kein Falsch ist“ (Joh. 1,47). Nathanael — immer noch kritisch — fragt zurück, woher Jesus ihn überhaupt kenne. Da kommt die entscheidende Antwort Jesu: „… da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.“ Und Nathanael bekennt sofort: „… Du bist Gottes Sohn.“ 

Als Nathanael „unter dem Feigenbaum war“, war er allein. Er muß sehr allein gewesen sein in einer für ihn bedeutsamen, vielleicht quälenden Stunde, denn er erinnerte sich ja noch sehr genau daran. Jetzt wird ihm gesagt, daß er damals nicht allein war, daß Christus ihn sah! Also: Keine einsame, keine leere Zeit! Die Zeit ist unter den Augen Gottes.

GLAUBEN UND DENKEN HEUTE 2/2019 online

Gudh 2 2019 coverMit etwas Verspätung ist die Ausgabe 2/2019, Nr. 24, online gegangen. Sie enthält zwei längere Beiträge. In einem Offenen Brief befragt Thomas Schirrmacher das Streitverständnis des Publizisten Jürgen Mette, der sich in den letzten Jahren immer wieder ablehnend zur evangelikalen Debattenkultur geäußert hat. Schirrmacher erklärt, was ihm an seiner Streithaltung aufgefallen ist und stellt hilfreiche Rückfragen. In ihrem Aufsatz „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ untersucht Tanja Bittner die inzwischen klassische Auslegung des Herrenwortes: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1). Das Ergebnis dürfte einige überraschen.

Hanniel Strebel geht in dem Beitrag „Wenn Bavinck nur Farbe bekannt hätte“ der Frage nach, ob der große Theologe Hermann Bavinck zum Ende des Lebens seine Schrifthaltung verwässert hat. In der Rubrik „Von den Vätern lernen“ erscheint diesmal ein Schreiben von Huldrich Zwingli zum Thema: „Von der Klarheit und der Gewissheit des Wortes Gottes“. Außerdem sprach Hanniel Strebel mit Fabian Grassl über seine Forschungen zu Helmut Thielicke.

Wie gewohnt enthält diese Ausgabe zahlreiche Rezensionen und Buchhinweise. Ein großes Dankeschön gilt allen, die zum Gelingen dieser Ausgabe beigetragen haben.

Hier der Inhalt:

Artikel

  • Editorial: Über Erzählungen (Hanniel Strebel)
  • Theologischer Streit muss sein (Thomas Schirrmacher)
  • Soll ich meines Bruders Hüter sein? (Tanja Bittner)
  • Von den Vätern lernen | Von der Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes (Huldrych Zwingli)
  • Lohnt sich die Auseinandersetzung mit Helmut Thielicke? (Hanniel Strebel u. Fabian F. Grassl)
  • Wenn Bavinck nur Farbe bekannt hätte (Hanniel Strebel)

Rezensionen

  • Peter J. Williams. Können wir den Evangelien vertrauen? (Johannes Lang)
  • Matthias Neugebauer. Ulrich Zwinglis Ethik (Christian Enderli)
  • Timothy Keller. Glauben wozu? (Andreas Münch)
  • Nigel Beynon, Andrew Sach. Tiefer graben (Tanja Bittner)
  • Ralf B. Bergmann. Gott und die Erklärung der Welt (Fabian F. Grassl)
  • Michael Horton. Rediscovering the Holy Spirit (Daniel Vullriede)
  • Fabian F. Grassl. In the Face of Death: Thielicke (Hanniel Strebel)

Buchhinweise

  • Jen Pollock Michel. Überrascht von biblischen Paradoxien (Michael Freiburghaus)
  • Volker Henning Drecoll und Christoph Scheerer (Hrsg.) unter Mitarbeit von Benjamin Gleede. Augustinus. Späte Schriften zur Gnadenlehre (Ron Kubsch)
  • Oda Wischmeyer. Liebe als Agape (Daniel Facius)
  • Thomas Kaufmann. Die Täufer (Daniel Facius)
  • Philipp Melanchthon. Loci praecipui theologici (Ron Kubsch)
  • Ed Shaw. Vertrautheit wagen! (Ron Kubsch)

Die Ausgabe kann hier heruntergeladen werden: gudh_2_2019_final.pdf.

Kirche ohne Mission?

Mit dem Roman Der Vorleser habe ich so meine Probleme. Aber als Schriftsteller schätze ich Bernhard Schlink. Seine jüngste Anregung, Kirchenaustritte in Zukunft nicht mehr gegenüber dem Staat, also etwa dem Amtsgericht, sondern gegen über der Kirche zu erklären, beeindruckt.

Schlink fragt, warum eigentlich ein Austrittswilliger nicht zum Pfarrer geht. Die Antwort: Es ist eine lange Tradition. Sie stammt aus der Weimarer Republik und hat in der Bundesrepublik, mit Ausnahme von Bremen, wo es ein sowohl als auch gibt, bis heute überlebt. Das erspart den Pfarrern bedrückende Abschiedsgespräche und, so sah es die Politik, es sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der Pfarrer scheidende Schäfchen einem Gewissenszwang aussetzt. Schlink plädiert dafür, dass die Austritte wieder ins Pfarramt einziehen. Das mache aus dem dem „hilflosen“ Pfarrer einen Beteiligten. „Der Pfarrer wird mehr über die Urachen der Kirchenaustritte erfahren, mehr über seine Gemeinde, mehr über die Menschen, die zur Gemeinde gehören, aber nicht am Leben der Gemeinde teilnehmen.“

Die EKD will die Anregungen aufnehmen. Ich selbst finde sie sehr überzeugend. Sie sollten schnellsten umgesetzt werden. Noch stärker als Schlink bezweifle ich freilich, dass damit die Entkirchlichung gebremst würde. Es könnte immerhin die Gemeinden nachdenklicher stimmen.

Was mir an Schlinks Einmischung besonders gefallen hat, ist seine nüchterne Beschreibung des Kirchensterbens. Der Leser darf es durchaus – überinterpretiert – so verstehen: Vielleicht muss ja eine Kirche, die missionarisch völlig stumpf geworden ist, sterben?

Schlink schreibt (FAZ, 16.01.2020, Nr. 13, S. 6):

Auf die Zunahme der Kirchenaustritte reagieren die Kirchen hilflos. Dass die meisten Mitglieder sonntags nicht mehr in die Kirche gehen, dass vielen Mitgliedern die Kirchen fremd und gleichgültig geworden sind, dass die Kirchen Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Bedeutung verloren haben – die Kirchen wissen es. Sie wollen es auch nicht einfach hinnehmen. Die katholische Kirche setzt, so der Sekretär der Bischofskonferenz, auf den synodalen Weg, auf stärkere Beteiligung von Gemeinden und Mitgliedern. Die evangelische Kirche will, so ihr Ratsvorsitzender, die Bedeutung der christlichen Botschaft deutlicher machen. Aber stärker beteiligen lassen sich nur die, die schon am Kirchen- und Gemeindeleben beteiligt sind, und deutlicher kann die Bedeutung der christlichen Botschaft nur denen gemacht werden, denen die christliche Botschaft überhaupt noch etwas bedeutet. Wie steht es mit denen, die mit der christlichen Botschaft, mit Kirche und Gemeinde abgeschlossen haben?

Der Text ist inzwischen online verfügbar (leider hinter einer Bezahlwand): www.faz.net.

Die linke Elite und die Pansexualisierung des Alltags

Als der emeritierte Papst Joseph Ratzinger der 68er-Generation eine Mitverantwortung an der sexuellen Verwahrlosung und dem verbreiteten Missbrauch unter Minderjährigen gab, löste dies im Feuilleton eine Welle der Entrüstung aus. Die TAZ sprach schnell von einer Umkehrung. Ratzinger erkläre die Täter, also vor allem die Geistlichen, zu Opfern. Den Emanzipationsprozess, den die 68er herbeigeführt hätten, instrumentalisiere er nur, um die totalitäre Herrschaft der Kirche zu sichern.

Ich will die Probleme in den Kirchen nicht kleinreden. Allerdings bin ich der Auffassung, dass die journalistische Elite gern übersieht, wie tief das existentialistische und postmoderne Vordenkermilieu in die Pansexualisierung des Alltags verstrickt ist. Wer mir nicht glaubt, beschäftige sich etwa mit Georges Bataille oder den Überschreitungen von Michel Foucault (dem großen Pädagogen der Gegenwart, siehe dazu z.B. hier). Und Libération, früher maoistisches Kampfblatt der Linken in Frankreich, setzte in den 70ern starke Akzente für die Entkriminalisierung und kulturelle Wertschätzung der Pädophilie. Offensichtlich durften sich manche Mentoren der Bewegung bis in unsere Tage hinein austoben, ohne das jemand daran Anstoß genommen hat.

Das sollte sich ändern. Der aktuelle Skandal um den Schriftsteller Gabriel Matzneff, der gerade den Kulturbetrieb Frankreichs erschüttert, dürfte nur ein Vorbeben sein.

Die FAZ berichtet:

Im Jahr 1977 erschien in „Le Monde“ ein Aufruf, in dem die Aufhebung des französischen Verbots der Pädophilie gefordert wurde. Anlass war ein Prozess wegen Unzucht mit Zwölfjährigen. Unterzeichnet hatten den Text Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Louis Aragon, Roland Barthes, Gilles Deleuze. Auch Jacques Derrida, Françoise Dolto, Louis Althusser, André Glucksmann, Philippe Sollers und Catherine Millet. Die späteren Minister Bernard Kouchner (Ärzte ohne Grenzen) und Jack Lang, die emblematische Figur der linken Kulturpolitik, zählten gleichfalls zu den Unterzeichnern. „Es reicht“, forderte die Petition: „Drei Jahre Gefängnis für Zärtlichkeiten und Küsse ohne Gewalt“ drohten den Angeklagten.

Wenn Ratzinger als zentrale Ursache für Missbrauch die Gottlosigkeit nennt, dürfte er – das werden wohl die meisten erst im Rückblick verstehen – Recht haben. Ergänzen sollten wir freilich: Die Gottlosigkeit fühlt sich auch in den Kirchen recht wohl.

Eine klare Leseempfehlung, auch wenn es für manche schwere Kost sein dürfte: www.faz.net.

Die Vergesellschaftung der menschlichen Organe

Wir stehen kurz vor der Abstimmung über die Neuregelung der Organspende im Deutschen Bundestag. Ich halte den von Gesundheitsminister Jens Span eingebrachten Gesetzentwurf zur Einführung der Widerspruchslösung für grundfalsch. Warum? Eine Mitteilung der Christdemokraten für das Leben (CDL) bringt das sehr schön auf den Punkt:

Bislang kann jeder Bürger ganz freiwillig entscheiden, ob er Organspender sein will. Mit der Widerspruchslösung generiert der Staat aber eine „Organabgabepflicht“, von der man sich quasi „loskaufen“ muss durch den aktiven Widerspruch zu Lebzeiten. Das ist für die CDL ein völlig inakzeptabler Verstoß gegen das garantierte Selbstbestimmungsrecht des Menschen und gegen sein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Darüber hinaus benötigt heute jede sonstige Datenweitergabe (DSGVO) inzwischen die explizite und aktive Zustimmung des Einzelnen. Aber wenn es um so etwas Ultimatives wie unseren Sterbeprozess geht, soll künftig ohne erklärte Zustimmung unser Leben künstlich verlängert oder möglicherweise auch vorzeitig beendet werden können, um unsere Organe entnehmen zu können. Schweigen soll ganz selbstverständlich als Zustimmung gewertet werden, wenn es um das Sterben und den Sterbeprozess geht. Das widerspricht deutlich der Würde des Einzelnen, die doch nach unserem Grundgesetz als „unantastbar“ definiert wird. (Art. 1)

Immer noch sind viele Bürger in unserem Land nicht ausreichend über den tatsächlichen Ablauf einer Organentnahme oder die damit zusammenhängenden vorbereitenden intensivmedizinischen Interventionen und organprotektiven Maßnahmen informiert. Jeder Organspender wird bis zum Zeitpunkt der Organentnahme künstlich weiter am Leben gehalten, bis die Organentnahme erfolgen kann. Mit der Widerspruchslösung würde der Staat für seine Bürger eine generelle Vorentscheidung treffen und damit völlig unzulässig am Lebensende in den Entscheidungsbereich und die Freiheit des Einzelnen eingreifen.

Besonders schwerwiegend ist für die CDL, dass die Angehörigen künftig keinerlei Mitsprachemöglichkeit mehr haben. Denn der Gesetzentwurf zur Widerspruchslösung schließt explizit ein eigenes Entscheidungsrecht der nächsten Angehörigen aus. Auch der sogenannte „mutmaßliche Wille“ der final Erkrankten spielt keine Rolle. Die Angehörigen sollen künftig lediglich darüber befragt werden, ob sie Kenntnis von einem schriftlichen Widerspruch gegen die Organ- oder Gewebeentnahme haben. Ansonsten kann der Arzt/die DSO jederzeit und sofort auch gegen den von Angehörigen erklärten mutmaßlichen Willen entscheiden. Angehörige werden in dieser extrem belastenden Lebenssituation so lediglich zum „Boten“ ohne eigene Betroffenheit degradiert, haben ansonsten aber kein eigenes Widerspruchs- oder Entscheidungsrecht darüber, was mit ihrem schwerstkranken Familienmitglied geschieht. In Deutschland entscheiden angefragte Angehörige derzeit mehrheitlich gegen eine Organentnahme, was mit der vorgesehenen Regelung vollkommen ausgehebelt würde. Sie würden gezwungen in jedem Fall die Organentnahme hinzunehmen.

In einer offenen und freiheitlich-demokratischen Gesellschaft muss gerade der Sterbeprozess dem aktiven Handeln des Staates durch fremdnützige Verfügung entzogen bleiben.
Für die CDL steht fest: In einer offenen und freiheitlich-demokratischen Gesellschaft muss gerade der Sterbeprozess dem aktiven Handeln des Staates durch fremdnützige Verfügung entzogen bleiben. Die Entscheidung für oder gegen eine Organspende muss uneingeschränkt freiwillig bleiben. Schon jetzt sind freiwillig 39 % der Menschen in Deutschland Organspender. Dennoch reicht dies angeblich nicht aus, um mehr als 1000 Organspender pro Jahr zu „generieren“? Hier liegen dann offensichtlich ganz andere Probleme in der Umsetzung vor, die das neue Transplantationsgesetz vom April 2019 erst langsam verändern wird. Die Lösung darf jetzt  jedoch nicht in einer durch den Gesetzgeber entschiedenen Vergesellschaftung der Organe liegen, die zukünftig alle Bürger zwingen will, sich in der Frage der Organspende zu entscheiden oder ansonsten automatisch potentieller „Organlieferant“ zu sein.

Deshalb erwartet die CDL von der Mehrheit des Bundestages die Beachtung und Stärkung des Bürgerrechtes auf Selbstbestimmung, den Verzicht auf übergriffige, paternalistische Staatsanmaßung bei Sterbenden und ein klares Nein zur Widerspruchslösung. Es ist mehr als erstaunlich, dass derzeitig im Kabinett ausgerechnet die Justizministerin, Christine Lambrecht (SPD), die Verfassungsmäßigkeit der Widerspruchslösung deutlich bezweifelt. Auch die evangelische und die katholische Kirche kritisieren die Anmaßung der vorgeschlagenen Widerspruchslösung: Sie würde eine höchstpersönliche, lebenswichtige Entscheidung durch einen autoritären staatlichen Verfügungsanspruch ersetzen.“

Ihr Männer, liebt eure Frauen

Brad Merchant gibt in einem Beitrag für Evangelium21 sechst Tipps für Ehemänner:

  1. Stelle gute Fragen
  2. Diene
  3. Nimm dir Zeit
  4. Lerne sie immer besser kennen
  5. Lernt und wachst gemeinsam
  6. Berausche dich an ihrer Liebe

Hier mehr: www.evangelium21.net.

E21-Regionalkonferenz Schweiz: „… tue das Werk eines Evangelisten …“

„Tue das Werk eines Evangelisten“, ermahnt Paulus seinen Mitarbeiter Timotheus in 2. Timotheus 4,5. Was aber bedeutet das konkret?

Dieser Frage stellt sich die nächste Evangelium21-Regionalkonferenz in der Schweiz, die vom 31. Januar bis 1. Februar 2020 in Riehen bei Basel stattfinden wird. Unter dem Titel „Ihr werdet meine Zeugen sein – Evangelisation in der Kraft des Heiligen Geistes“ sollen verschiedene Aspekte unseres evangelistischen Auftrags beleuchtet werden. Mit Referenten aus der Schweiz und Deutschland aus dem Umfeld des Netzwerkes Evangelium21 geht es dabei um theologische und praktische Fragen wie z.B., was das Evangelium eigentlich ist, wie es Teil des Predigtdienstes wird und wie wir es weitergeben, was Buße ist und durch welche Kraft Menschen zum Glauben an Jesus Christus kommen; immer wieder spannend auch die Frage, wie der Auftrag zur Evangelisation und die Souveränität Gottes zusammenpassen. Und überhaupt, woher kommt unsere Evangelisationspraxis? Ein Ausflug in die Geschichte wird uns einige Hintergründe aufzeigen.

Neben den Vorträgen soll wieder Zeit für Austausch und Begegnungen sein; wie immer wird es einen Büchertisch mit ausgewählter Literatur geben.

Weitere Informationen zu den Referenten, den Vortragstiteln, den Zeiten und die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es unter: www.evangelium21.net.

Was ist nur mit den Evangelikalen los?

Die evangelikale Bewegung wirkt zunehmend zerrissen. Sie streitet um das Bibelverständnis und die Ausrichtung. Die Evangelische Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) hat ein Gespräch zwischen Jürgen Mette und Thomas Jeising moderiert. Ich bin dankbar für die Stellungnahmen von Thomas Jeising: 

Dem Verlagsleiter zufolge nimmt ein Teil der Evangelikalen an der Krise der Volkskirchen teil. So schrumpften der Evangelische Gnadauer Gemeinschaftsverband (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften), die Methodisten und Teile des Baptismus. Dazu komme eine Krise der Verkündigung. Teilweise würden Elemente des Evangeliums aufgegeben und zunehmend evangelikale Überzeugungen infrage gestellt. Die Bibel werde nicht gründlicher, sondern beliebiger gelesen. Jeising: „Der christliche Glaube hat Grenzen, und wenn man ihn verkünden will, dann muss man auch von diesen Grenzen reden, um nicht beliebig zu sein.“ Wenn beispielsweise auch evangelikale Theologen sagten, auf das leere Grab komme es gar nicht so sehr an, sei eine Grenze erreicht. Jeising forderte zudem, auch vom Zorn Gottes zu predigen. Diese Botschaft sei im Alten wie im Neuen Testament gleichermaßen vorhanden: „Wir können nicht einfach darüber schweigen, weil es nicht in die Zeit passt. Der Zorn Gottes hat noch nie in die Zeit gepasst.“

Mehr: www.idea.de.

Gedankenpolizei

Frank Furedi, Professor für Soziologie an der University of Kent in Großbritannien, warnt in einem Beitrag vor der Sprach- und Gedankenpolizei, die den Narrativ einer Elite etablieren möchte. Er untermauert seine Behauptung anhand konkreter Beispiele. Erschienen ist der Artikel bei SPIKED, in einer Übersetzung hier einsehbar. Ich zitiere:

Sprache, Denken und Kultur werden in einem erschreckenden Ausmaß überwacht. Während des letzten Jahrzehnts und besonders im letzten Jahr haben einflussreiche Personen versucht, das Narrativ, durch das sich die Gesellschaft selbst versteht, zu verändern.

Ein heimtückischer Kreuzzug ist im Gange, der darauf abzielt, zu kontrollieren, was die Öffentlichkeit sieht, hört, denkt und glaubt. Dieses Projekt, das in verschiedenen westlichen Kulturen nach Hegemonie strebt, ist nicht weniger gefährlich als frühere Versuche der Gedankenkontrolle durch totalitäre und theokratische Regime. Aber da diese Kampagne keinen Namen hat und keine explizite Ideologie fördert, wird ihre Bedeutung tendenziell unterschätzt, auch von denen, die sich den vielen Versuchen der Sprach- und Gedankenkontrolle widersetzen. Eine neue identitätsbesessene, antihumanistische und antizivilisatorische Erzählung hat sich durchgesetzt. Wir werden zunehmend gedrängt, unsere Sprache zu ändern, bisher unbekannte Wörter zu verwenden und zutiefst fragwürdige Behauptungen zu akzeptieren. Diese Kampagne ist deshalb so erfolgreich, weil ihre Gegner ihre Bedeutung nicht begriffen haben.

Das Dilemma der Künstler

Hans Rookmaaker (aus: Art Needs No Justification): 

Wir wollen, dass Künstler ernsthaft sind und tiefe Dinge schaffen, die fast einen ewigen Wert haben, Dinge, über die die Menschen der Kultur noch Jahrhunderte später sprechen können. Aber wenn sie erfolgreich sein wollen, müssen sich die Künstler dem gegenwärtigen Geschmack beugen, kommerziell sein und den Clown spielen, statt den Weisen. Künstler stehen also inmitten widersprüchlicher Anforderungen.

Agendawissenschaft

Die Welt nicht verstehen, sondern verbessern: Das ist das Ziel vieler akademischer Aktivisten. So gut die Absicht sein mag, so schlecht ist oftmals das Resultat. Denn am Ende zählt die richtige Gesinnung mehr als das Wissen. Sandra Kostner, die Diversitätsbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, plädiert in der NZZ für die freie Lehre und Forschung. 

Zitat: 

Studenten, die das agendawissenschaftliche Programm radikalisieren oder einfach nur Macht über andere ausüben möchten. So haben es sich manche zur Aufgabe gemacht, Disziplinarmassnahmen für Dozenten einzufordern, deren Lehrinhalte oder deren Sprachgebrauch von der «richtigen» Gesinnung abweichen. Die Anklage lautet stets: rassistisch, sexistisch, anschlussfähig an rechte Diskurse, femo-/homonationalistisch oder islamophob. Vorgebracht werden die Anschuldigungen über Social-Media-Accounts oder über Beschwerdebriefe an Leitungsebenen. Die Zahl der Studenten, die Sanktionen für Lehrende fordern, deren Seminarinhalte nicht deckungsgleich mit ihrer moralischen Komfortzone sind, wächst auch im deutschsprachigen Raum. Hochschulen – und hier sind zuvörderst die Leitungsebenen gefragt – müssen wissenschaftsfeindlichen Tendenzen resolut entgegentreten, solange sie können. 

Hier: www.nzz.ch.

Redefreiheit in der Wissenschaft?

Die Maria-Sibylla Lotter sieht die Redefreiheit an den deutschen Universitäten bedroht. Sie sagt in einem DLF-Kommentar:

Ist die Rede von der Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit also Humbug, wie unlängst in einer ARD-Kontraste-Sendung behauptet wurde? Leider nein, denn zur Wissenschaftsfreiheit gehört nicht nur der Schutz vor staatlicher Willkür. Sondern auch die Freiheit, unübliche Thesen zur Diskussion zu stellen. Das ist aber nur in einer Kultur der intellektuellen Bescheidenheit, moralischen Zurückhaltung, Toleranz und Neugierde möglich.

Nur wer weiß, dass er in fachlichen wie in moralischen Fragen falsch liegen könnte, freut sich über die Konfrontation mit beunruhigenden Thesen oder Nachfragen: Weil sie einen dazu zwingen, die eigenen oft vagen und ungeklärten Meinungen einmal genau aus zu buchstabieren und zu überprüfen. Heute scheint jedoch oft das Bedürfnis zu überwiegen, seine moralische und politische Orientierung nicht in Frage stellen zu müssen. Eine Selbstüberschätzung mit Folgen für die Freiheit der Wissenschaft. Sie scheint dann nur ein Vorwand, falschen, feindlichen und bösen Ansichten eine Plattform zu bieten.

Hier: