Warum „cooles Christentum“ noch nie eine gute Idee war

Brett McCracken, Autor des Buches Hipster Christianity: When Church And Cool Collide, rechnet mit dem progressiven Christentum ab:

Anfang des 21. Jahrhunderts war „Relevanz“ zum wichtigsten Schlagwort der westlichen evangelikalen Christenheit geworden. Pastoren, Gemeindeleiter und andere christliche Schlüsselpersonen empfanden eine neue Dringlichkeit, das Evangelium für die nächste Generation ansprechender zu gestalten – immerhin zeigten Umfragen, dass sich junge Leute in nennenswerter Zahl vom Glauben abwandten. Also versuchte man, dem Glauben ein neues Image zu verpassen. Das war die Zeit, in der das Magazin Relevant [in den USA] ins Leben gerufen wurde, Donald Millers Buch Blue like Jazz erschien und Rob Bell zu einer Art evangelikalem Steve Jobs aufstieg. Karos, Röhrenjeans, Bart und Tattoos wurden zur inoffiziellen Standarduniform eines Pastors. Es ging darum, den Glauben neu zu vermarkten, einen weniger gesetzlichen, dafür kultur-freundlicheren, „emergenten“ Glauben zu propagieren, der anders war als die angestaubte Religion unserer Großeltern.

In meinem vor zehn Jahren erschienenen Buch Hipster Christianity: When Church and Cool Collide habe ich diese problematische Zeit mit großer Genauigkeit nachgezeichnet. In vieler Hinsicht ist dieses Buch inzwischen nur noch ein nostalgisches Relikt – ein Zeitzeuge eines bestimmten Segments des Evangelikalismus an der Schwelle zum neuen Jahrtausend. Doch die Tatsache, dass es sich um ein Buch mit Ablaufdatum handelt, bestätigt den springenden Punkt, auf den ich damals hinwies: dass „cooles Christsein“ – wenn kein Oxymoron – zumindest vergebliche Mühe ist. Ein auf Relevanz ausgerichtetes Christentum sät selbst den Samen dafür, eines Tages überholt zu sein. Statt das Christentum zu retten oder wiederzubeleben, wird es durch Hipster-Glauben auf die Ebene eines Konsumguts reduziert – ebenso schnelllebig und vergänglich wie die Mode der neuesten Laufsteg-Kollektion. Wenn man die Relevanz des Christentums an seiner Fähigkeit festmacht, die Gunst der „Coolen“ zu erlangen – die doch nur die derzeitigen sind in einer langen Geschichte der evangelikalen Vorliebe für Prestige –, dann führt das ernsthaft in die Irre.

Mehr: www.evangelium21.net.

Glaubt nicht so an die Kirche wie an Gott

Heinrich Bullinger (Schriften, Bd. III , 2006, S. 185):

Der heilige Augustin sagt in seiner Schrift über den Glauben und das Glaubensbekenntnis Folgendes: „Ich glaube, dass es eine heilige Kirche gibt.“ Er sagt nicht: „Ich glaube an die heilige Kirche.“ Außerdem werden seine Worte an die Neubekehrten im ‚Dekret‘, Teil ‚Über die Weihung‘, Distinktion 4, Kapitel „In der ersten“, so angegeben: „Ich habe nicht gesagt, dass ihr an die Kirche wie an Gott glauben sollt, vielmehr sollt ihr einsehen, dass ich gesagt habe, ihr sollt in der heiligen allgemeinen Kirche wandeln und dabei an Gott glauben.“

Abraham Kuyper starb vor 100 Jahren

De Ware Jacob 3e jaargang nr 16 16 januari 1904 Tekening van Albert HahnVor 100 Jahren, am 8. November 1920, starb Abraham Kuyper in Den Haag (Niederlande). Der Theologe und Politiker ist in Deutschland nur einer eingefleischten Subkultur vertraut. In den Niederlanden hatte er bereits zu Lebzeiten eine große Gefolgschaft. Dort, sowie in den USA und in Südafrika, gilt er bis heute als einer der bedeutendsten Vertreter einer calvinistischen Theologie, die sich unter den Bedingungen der Moderne bewährt. Sein Todestag bietet eine günstige Gelegenheit, sich mit dem Vater des Neo-Calvinismus und seiner Weltanschauung vertraut zu machen.

Mehr dazu gibt es hier: www.evangelium21.net.

Der Vatikan erklärt die Worte des Papstes

Vor einigen Tagen habe ich darüber berichtet, dass Papst Franziskus in einer Dokumentation die zivilrechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partner befürwortet hat und damit innerkirchlichen Diskussionen ein Steilvorlage gegeben hat (siehe hier). Der Vatikan hat sich inzwischen in die Auseinandersetzung um die richtige Deutung der zitierten Worte eingeschaltet. Er weist laut FAZ darauf hin, „dass es sich um aus dem Zusammenhang gerissene Aussagen aus einem früheren Interview handele“. Die FAZ weiter:

Der Vatikan teilte den Bischöfen nun mit, es handle sich um zwei Aussagen aus einem früheren Interview des Papstes, das er 2019 mit dem mexikanischen Fernsehsender Televisa geführt habe. Die beiden Sätze stammten ursprünglich aus unterschiedlichen Zusammenhängen, seien in dem Dokumentarfilm jedoch zu einer Antwort zusammengefügt worden. Das habe Verwirrung gestiftet.

Der Satz über das Recht auf eine Familie bezieht sich laut vatikanischer Darstellung in seinem ursprünglichen Zusammenhang darauf, dass Homosexuelle von ihrer Familie nicht diskriminiert werden sollten. In diesem Sinne hatte sich Franziskus 2016 auch in seinem Schreiben „Amoris laetitia“ geäußert. Der Satz über die rechtliche Anerkennung fiel demnach in einem anderen Teil des Interviews, in dem es um die Ablehnung eines Gesetzes zur Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe 2010 in Argentinien ging. Der heutige Papst und damalige Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, hatte dieses Gesetz damals abgelehnt.

Hier der vollständige Artikel von Thomas Jansen: www.faz.net.

Hamed Abdel-Samad: „Irgendetwas läuft schief“

Hamed Abdel-Samad hat am 3. November 2020 in der Kulturzeit Klartext gesprochen. Ich empfehle das Gespräch gern:

Peter J. Williams: Glaubwürdig

Williams GlaubwuerdigSo manche Christen und solche, die sich für den christlichen Glauben interessieren, kämpfen mit der Frage, ob die Evangelien verlässlich über das Leben und den Dienst von Jesus Christus berichten. Peter J. Williams hat ein kleines, hilfreiches Buch über die Vertrauenswürdigkeit der Evangelien geschrieben. John Stoller stellt das Buch vor:

Peter J. Williams gelingt es, in einer relativen Kürze viele Argumente für die historische Zuverlässigkeit der Evangelien zu erörtern. Dies tut er überzeugend und auch sachlich, ohne dabei zu voreiligen Schlüssen für die Glaubwürdigkeit der Evangelien zu kommen. Das zeigt sich schon daran, dass er nicht mit einer Untersuchung der Evangelien selbst beginnt, sondern mit Überlieferungen von drei säkularen bedeutenden Schriftstellern der Antike und ihren Aussagen über das frühe Christentum (S. 15ff). Positiv finde ich persönlich, dass Williams nicht nur klassische Argumente für die Glaubwürdigkeit der Evangelien anführt, wie etwa ihre zuverlässige Überlieferung. So vergleicht er auch parallele Evangelienberichte, und zeigt an mehreren Beispielen auf, dass die Autoren der Evangelien häufig ungeplant übereinstimmen, was ihre Beschreibungen als echt erscheinen lässt (S. 87 ff).

Das Buch ist für Christen geeignet, die möglicherweise in Zweifel über die Vertrauenswürdigkeit der Bibel geraten sind. Hier finden sie gute und nachvollziehbare Gründe für die Echtheit der Evangelien, wodurch sie zugleich auch in eine Begegnung mit ihrer zentralen Person, Jesus Christus, gebracht werden. Ebenso ist die Lektüre Christen eine Hilfe, die im Austausch mit Kirchendistanzierten nach Argumenten suchen, um ihren Glauben überzeugend darzustellen.

Mehr: www.evangelium21.net.

Politische Korrektheit und identitäre Weltbilder

Die Migrationsforscherin Sandra Kostner sieht in linker Identitätspolitik eine große Gefahr für die Freiheit. Sie erklärt in einem Gespräch mit der Tageszeitung Die Welt, wie „Läuterungsentrepreneure“ eine ganze Gesellschaft vor sich hertreiben können.

Als die Idee der politischen Korrektheit entstand, ging es um Begriffe, deren Zweck darin lag, Menschen abzuwerten. Daher war es absolut berechtigt, die Verwendung solcher Begriffe zu problematisieren. […] Kostner: Heute geht es darum, der Gesellschaft ein identitäres Weltbild aufzuzwingen. Ein Weltbild, in dem es keine Individuen, sondern nur noch Träger von Opfer- und Schuldidentitäten gibt. Dieses Weltbild beeinflusst in den USA schon den Unterricht.

Mehr: www.welt.de.

Ist reformatorische Theologie heute noch wichtig?

Matthew Barrett stellt heute, also zum Reformationstag, die Frage, ob wir heute die reformatorische Theologie noch brauchen:

Ist reformatorische Theologie denn heute noch wichtig? Unbedingt. Es ist verlockend, die Reformation lediglich als eine politische oder soziale Bewegung zu betrachten. Aber in Wirklichkeit war die Reformation ein Kampf um das Evangelium. Die Reformatoren zeigten auf, dass das Herzstück des Evangeliums Gottes freie und gnädige Annahme schuldiger Sünder allein aufgrund des Werkes Christi ist. Auch wenn sich der politische und soziale Kontext seit dem 16. Jahrhundert verändert hat, dieses Thema bleibt aktuell. Man könnte viel dazu sagen, aber an dieser Stelle seien zumindest zwei Gründe genannt, weshalb die Reformation immer noch wichtig ist.

Erstens ist nach Luther die Rechtfertigung aus Glauben allein der Artikel, mit dem die Kirche steht oder fällt. Heute stellen jedoch viele die zentrale Bedeutung der Rechtfertigung in Frage oder lehnen sie völlig ab. So meint beispielsweise der verstorbene Clark Pinnock, die Fixierung Luthers und der Protestanten auf die Rechtfertigung beruhe auf ihrer Angst vor einem zornigen Gott. Konsequenterweise behauptet Pinnock, dass „die juristische Dimension unser Denken über die Erlösung dominiert hat“ (Flame of Love, S. 155). Auch wenn diese juristische Dimension wichtig sei, so sei sie doch „nicht unbedingt das zentrale Motiv“. Rechtfertigung sei lediglich ein Schritt auf dem Weg zur Veränderung. Daher sei sie „nicht das Hauptstück aller christlichen Lehre, wie Luther das meinte“. Was bietet Pinnock als Alternative an? „Gerettet werden ist eher so, wie sich in Gott zu verlieben.“ Tatsächlich behauptet Pinnock, „juristisches Denken und die Lehre der Rechtfertigung sind in der Bibel nicht so prominent, wie wir sie gemacht haben“. Und dann kommt der springende Punkt: „Luthers Wiederentdeckung der Rechtfertigung war für ihn selbst und die Reformen des 16. Jahrhunderts wichtig, aber für uns ist sie nicht gleichermaßen zentral, und noch nicht einmal für eine clevere Interpretation der Theologie des Paulus.“ Aber: Gottes Rechtfertigung der Gottlosen steht mitten im Zentrum von Paulus’ Theologie (Röm 4,5). Deshalb ist das Evangelium eine solch gute Nachricht! Die Nachricht ist deswegen so gut, weil Christus nicht nur gestorben und auferstanden ist (Apg 2,22–36), sondern weil wir jetzt die Vergebung der Sünden haben können (Apg 2,38). Kein Wunder, dass Paulus sagen kann, das Evangelium sei Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen, denn „es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte wird aus Glauben leben‘“ (Röm 1,17). Daher war Luthers Erweckung, nachdem er Römer 1,17 gelesen hatte, im Kern Evangeliums-Erweckung. Die Rechtfertigung vom Evangelium abzutrennen bedeutet, unser grundlegendes menschliches Dilemma zu ignorieren: Wer sind wir, die wir doch schuldige Sünder sind, dass wir Gunst vor einem heiligen Gott finden sollten? Offensichtlich steht Paulus diese Frage vor Augen, wenn er folgert: „Da wir nun aus Glauben gerechtfertigt sind, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm 5,1).

Mehr: www.evangelium21.net.

Nährboden des Terrors

Ich wurde schon mehrfach – auch innerhalb evangelikaler Kreise – dafür kritisiert, wenn ich vor eine schleichenden Islamisierung Europas gewarnt habe. Bis hin zu Aussagen: „Das mit der Islamisierung ist ein Mythos!“ Wenn ich mich zu dem Thema geäußert habe, dann immer mit Rückgriff auf die wichtige Unterscheidung zwischen Muslimen, die ihren Glauben friedlich leben möchten, und dem politischen Islam, der einen Machtanspruch stellt.

Inzwischen ist das Thema – zumindest in Frankreich – so präsent, dass man sich nicht mehr verstecken kann. Wegschauen hilft nicht. Susanne Schröter schrieb kürzlich in der FAZ:

Die unheilvolle Allianz zwischen ihnen und den Islamisten hat kürzlich der angesehene Islamwissenschaftler Bernard Rougier in seiner Monographie „Les territoires conquis de l’islamisme“ beschrieben. 150 Kommunen, so Rougier, seien bereits vollkommen in der Hand radikaler Islamisten. Dort gebe es keine Bildung mehr für Kinder, sondern nur noch islamistische Indoktrination, die Frauen seien aus der Öffentlichkeit verbannt, Repräsentanten des Staates gelten als Feinde. Diese Zustände sind nicht neu. Bereits in den neunziger Jahren gab es Aufstände in den Banlieues, die sich gleichermaßen gegen den französischen Staat und seine Symbole, aber auch gegen Muslime richteten, die säkular gesinnt waren. Schon damals schlossen sich junge Männer unter islamistischen Parolen zu Gruppen zusammen, um vermeintlich islamische Normen in ihren Wohnvierteln durchzusetzen, und terrorisierten dabei vor allem muslimische Mädchen. Sie wurden genötigt, sich zu verschleiern und nicht mehr ohne „Grund“ und ohne die Begleitung eines männlichen Verwandten aus dem Haus zu gehen. Wer sich dem widersetzte, wurde mit Gruppenvergewaltigungen bestraft.

Ich empfehle gern die Schrift Islam oder Islamismus? – Argumente zu seiner Beurteilung des Experten Eberhard Troeger: sonderdruck05.pdf.

After Evangelicalism

In einer Q-Session-Diskussion mit dem Moderator und Gründer von Q Ideas, Gabe Lyons, erklärte Tim Keller vor einigen Monaten, dass die säkulare Kultur in Amerika jetzt an einem Punkt angelangt sei, an dem „die einzige Sünde darin besteht, den Menschen zu sagen, dass sie sündigen“. Keller sagte:

Das bedeutet, dass wir die erste Kultur sind, die nicht nur nicht glaubt, dass es hier draussen eine Wahrheit gibt, es ist alles subjektiv. Es ist auch die erste Kultur, die nicht nur glaubt, dass die Christen falsch liegen, sondern dass sie das Problem sind, erklärte er.

Den Eindruck, dass Christen, die ihren Glauben sehr ernst nehmen, ein Problem sind, vermittelt auch der DLF-Beitrag „Evangelikale Front bröckelt“ von Katja Ridderbusch, der sich den Narrativ der progressiven Evangelikalen oder Postevangelikalen aneignet. Demnach erfahren Christen eine tiefe Befreiung, wenn sie sich von einer sklavischen Bindung an die Heilige Schrift lösen. Eingeräumt wird sogar, dass das Exil aus der Welt der Evangelikalen letztlich im Atheismus enden könne. So wie bei Amy Hayes:

Ihr Glaube sei ihr wichtig, sagt Hayes, immer noch. Aber einer Konfession oder Kirche fühlt sie sich heute nicht mehr zugehörig. Sie würde sich am ehesten bezeichnen als Post-Evangelikale bezeichnen, auf der Suche nach Spiritualität. Ihre Mutter fürchte manchmal, dass sie während ihres Studiums zur Atheistin werde. Eine Sorge, die nicht ganz unberechtigt sei, sagt Hayes, lacht hinter ihrer lindgrünen Stoffmaske und zuckt mit den Schultern.

Grayson Hester, der in dem Beitrag ebenfalls interviewt wird, will hingegen Christ bleiben. Allerdings grenzt auch er sich von einer Bekenntnisorientierung ab:

Ich identifiziere mich als Christ, als queerer Christ. Und als Baptist, aber mit Einschränkungen. Ich mag einige Prinzipien der Baptisten, die strikte Trennung von Kirche und Staat oder die Unabhängigkeit der lokalen Kirchengemeinde. Und ich halte die Bibel sehr hoch, nicht als absolute und alleinige Richtschnur, aber als Autorität. Einige Elemente meines Glaubens sind klassisch evangelikal, aber mit der politischen Bedeutung, die der Begriff angenommen hat, identifiziere ich mich in keiner Weise.

Natürlich kommt auch David Gushees, der Autor des Buches After Evangelicalism, reichlich zur Wort. Er stellt einen Nexus zwischen Donald Trump und dem Evangelikalismus her. Beide verbinde eine gewisse toxische Wirkung, die Amerika und die Welt auch dann noch ertragen müssten, falls Trump die Wahl verliere:

Es gibt noch immer viele von ihnen und sie sind hochmotiviert. Die meisten weißen konservativen Evangelikalen sind mittlerweile komplett vom Geist des Trumpismus durchsetzt – von Gemeinheit und Bösartigkeit. Das wird noch lange nach Trump zu spüren sein, und es wird dauern, die politische und die religiöse Kultur in den USA zu entgiften.

Um nicht missverstanden zu werden: Donald Trump darf kritisiert werden und ich kritisiere ihn. Eine Politisierung des Glaubens ist meines Erachtens in einem sehr grundsätzlichen Sinn problematisch. Ich kann deshalb zum Beispiel nicht verstehen, warum MacArthur sagen kann, dass jeder „wahre Gläubige“ Donald Trump wählen wird. Will MacArthur wirklich jemanden, der nicht wählt oder die Demokraten wählt, aus der Gemeinde ausschließen? Ich hoffe nicht!

Hier also der Beitrag, der den Evangelikalismus letztlich einfältig mit dem Trump-Lager verknüpft und folglich in ihm auch eine Gefahr sieht, der man sich entziehen kann, wenn man sich „theologisch weiterentwickelt“. Queere Mission, wenn mal so will:

Der Islamismus ist tief verankert

Der französische Intellektuelle Pascal Bruckner hat sich in der FAZ (27.10.2020, Nr. 250, S. 11) zum im Land tief verankerten Islamismus geäußert und stellt dabei fest, dass der Islam gegenüber dem Judentum und Christentum in der Kritik geschont wird. Hintergrund des Interviews ist das islamistische Attentat auf einen Lehrer in Paris.

Pascal Bruckner sagt:

Ich will damit sagen, dass die Aufklärung über Dschihadismus im Namen des Antirassismus, des Kampfes gegen „Islamophobie“, behindert wird. Sogar das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo wurde von manchen heruntergespielt. Wer sich über den Propheten lustig mache, diskriminiere den Islam, während man Jesus oder Moses ruhig lächerlich machen dürfe. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Der Islam soll die einzige unberührbare Religion sein. Ich verwende das Wort „Islamophobie“ nicht, weil ich nicht weiß, was es bedeuten soll: Wir haben alle das Recht, Religionen nicht zu mögen oder sie zu kritisieren. Das ist ein fundamentaler Bestandteil der Meinungsfreiheit. Verboten ist nur, Gläubige zu verfolgen oder ihre Kultstätten anzugreifen. Es ist auch völlig berechtigt, den westlichen Kolonialismus zu kritisieren, aber soll man darüber den osmanischen Imperialismus vergessen, der so viele Jahrhunderte das östliche Europa und den Mittelmeerraum besetzt hat und heute in Berg-Karabach den Genozid an Christen und Armeniern vollenden will, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts begangen wurde? Es handelt sich hier um ein expansives Imperium, das Europa für vergangene Verbrechen schuldig spricht und sich gleichzeitig weigert, seine eigenen anzuerkennen, das überall Dschihadisten bewaffnet und antreibt. Ich bedaure, dass Deutschland der Türkei so furchtsam gegenübertritt.

Wie leicht es fällt, die Verantwortung islamistischer Attentäter herunterzuspielen, demonstriert der Leserbrief eines deutschen Professors, der am 28. Oktober ebenfalls in der FAZ erschienen ist (28.10.2020, Nr. 251, S. 6). Er fragt dort nach Ursachen für den islamischen Terrorismus und meint:

Es gibt mittlerweile genügend soziologische Studien, die zeigen, wie die verweigerte Integration dazu beiträgt, dass die Identitätsangebote eines zunehmend militanten Islams bei einem Teil dieser Bevölkerung Widerhall finden – als Gegenidentifikation gegen eine Gesellschaft und eine Politik, die sie ausgrenzen. Und die Schule, der Auslöser der Mordtat, ist der Ort, an dem schon die Jugendlichen aus diesem sozialen Milieu ihre Ausgrenzung erfahren und gegen die sich einige blindwütig und keineswegs nur in diesem Fall zur Wehr setzen. Entgegen den hehren Werten der Republik, die dort gelehrt werden, der Gleichheit und Brüderlichkeit, ist sie eine hoch selektive Institution der Elitebildung und der Ausgrenzung der Benachteiligten. Trotz aller Absichtserklärungen und Programme hat sich an dieser Situation der Benachteiligung in den letzten Jahrzehnten nichts geändert (die spektakulären Aufstände in den Banlieues sind mittlerweile fünfzehn Jahre her!). Ein Kollektiv von Soziologen hat damals die Schule als eine Fortsetzung der kolonialen Situation analysiert, „in der Lehrer aus der weißen Mittelklasse die Ausgrenzung der Armen festschreiben, die aus den Ländern des Südens stammen“ (Autin „Banlieues, lendemains de révolte“, Paris 2006), und diese Analyse ist bis heute gültig. Die radikale Ablehnung der Schule und der von ihr propagierten Werte hat darin ihre Ursache. Dass der terroristische Akt seine gesellschaftlichen Wurzeln hat, rechtfertigt ihn natürlich nicht, macht ihn aber doch besser verständlich als die rituelle Verurteilung im Namen von Werten, die in den Banlieues für viele gerade unter den Jugendlichen ihre Glaubwürdigkeit längst eingebüßt haben. Solange hier keine grundlegenden Reformen in Angriff genommen werden, wird die französische Gesellschaft mit der Attraktionskraft des militanten Islamismus leben müssen.

Ich will gar nicht bestreiten, das misslungene Integration eine Radikalisierung junger Muslime beschleunigt. Insgesamt ist diese Analyse allerdings dann doch eher eindimensional. Denn nicht alle Gruppen mit Ausgrenzungserfahrungen radikalisieren sich. Die Weltanschauung, die Menschen mitbringen, spielt eben doch eine substantielle Rolle bei der Verarbeitung ungünstiger Begleitumstände.

Markus Gabriel: „Kulturrelativisten haben zu viel Bullshit gelesen“

Die NZZ hat heute ein Gespräch mit dem Bonner Philosophen Markus Gabriel über den Kulturrelativismus und die Cancel-Culture veröffentlicht, das ich gern empfehle (27.10.2020, S. 30–31). Hier ein Auszug:

NZZ: Ist es ein Ausweis von Toleranz zu sagen,
dass man selbst eine Wahrheit habe und
die anderen eben eine andere?

M. Gabriel: Nein. Es verhält sich genau andersherum
– das führt zu fundamentalistischen
Aussagen ersten Ranges und ist
ausserdem furchtbar verworren.

NZZ: Weil Menschen in unterschiedlichen Welten
leben würden, wenn es unterschiedliche
Wahrheiten gäbe?

M. Gabriel: Genau. Und wenn jeder in seiner Welt
lebte, dann hätten wir uns nichts mehr zu
sagen, sondern könnten nur noch kämpfen.
Diese Ansicht ist zwar nachweislich
falsch, aber wenn wir uns so gebärden,
als wäre sie wahr, dann werden wir uns
irgendwann tatsächlich die Köpfe einschlagen.
Wer also auf diese Weise von
der Wahrheit im Plural spricht und meint,
was er sagt, droht mit Gewalt.

NZZ: Kulturrelativisten sehen das aber tatsächlich
so: andere Länder, andere Sitten.
Und der Kulturrelativismus hat ja mittlerweile
an den Universitäten eine ziemlich
starke Lobby.

M. Gabriel: Überzeugte Kulturrelativisten haben zu
viel Bullshit gelesen, an den sie irgendwann
zu glauben beginnen, und verwechseln
Toleranz mit Arroganz. Das ist traurig,
doch bleiben sie letztlich eine ideologisch
verblendete Minderheit. Zu ihren
Gunsten wäre immerhin zu sagen, dass
sie in der Imbezillität ihrer Position
immer noch besser sind als die Vertreter
der Cancel-Culture.

VD: PP

Logos 9 ist da

Die Bibel-Software Logos ist in der Version 9 erschienen. Es gibt einige neue Funktionen und weitere Werke für die deutschsprachige Bibliothek, etwa das RGG4. Vieler User werden sich darüber freuen, dass ein Dark Mode implementiert wurde (also ein dunkler Bildschirm). Ich selbst bezweifle, dass der Dark Mode die Bildschirmarbeit angenehmer macht, wenn viel mit Texten gearbeitet wird (vgl. dazu Was der Dark Mode wirklich bringt).

Die neuen Funktionen und Module werden hier vorgestellt. Hilfreich ist auch ein kurzer Blogbeitrag von Benjamin Misja, indem Neuerungen erwähnt werden, die besonders für Pastoren und Prediger hilfreich sein dürften.

Neu ist übrigens auch der Seelsorge-Assistent. Die Vorstellung, dass ich in Seelsorgesprächen auf Logos zugreife und nach Antworten suche, weckt bei mir freilich nicht gerade angenehme Assoziationen.

Hier noch ein Video von Jason Mayfield, in dem die neuen Features vorgestellt werden (eventuell ist die Art, wie er das macht, für manche Leute etwas gewöhnungsbedürftig):

Tenet – ein säkulares Dogma

Don’t try to understand it, feel it.

Christopher Nolan hat es mal wieder geschafft. Ein Meisterwerk von einem Film: einmalig, neuartig, ästhetisch anspruchsvoll (voll von schönen Menschen in schöner Kleidung) und total abgefahren.

Wie ein Schüler von mir sagte: „Der Regisseur wollte zu viel in dem Film“. Ein namenloser CIA Geheimagent (gespielt von Denzel Washingtons Sohn) wird zu einem noch geheimeren Geheimdienst berufen: TENET. Es gilt den dritten Weltkrieg zu verhindern, aber keinen Atomkrieg, sondern einen Angriff der Zukunft auf die Gegenwart.1 In der ZEIT (no pun intended) heißt es dazu:

Eine zukünftige Technologie macht es möglich, durch die quantenmechanische Umkehrung der Entropie eines Körpers die Richtung zu ändern, in der dieser sich durch die Zeit bewegt. Das „invertierte“ Projektil unterliegt den gleichen Naturgesetzen wie unsere gegenwärtige Welt. Es scheint aber aus unserer Perspektive von der Wirkung zur Ursache, dem Abfeuern der Waffe, zurückzufliegen.“2

Diese Inversionen werden in cineastisch atemberaubender Weise visualisiert; z.B. in Kampfszenen in denen der Protagonist Kugeln ausweicht, welche vom Einschussloch zurück in die Waffe fliegen. Ein Tanz von Gewalt und ihrer Rücknahme,3 indem sich die Zeitebenen überlagern.4

The Guardian schreibt:

„Tenet ist ein gigantisch verwirrender, gigantisch unterhaltender und gigantisch gigantischer metaphysischer Actionthriller, indem der Protagonist nur Der Protagonist heißt. Dieser kämpft gegen kosmische Eingriffe aus der Zukunft, während die Zeit gleichzeitig rückwärts und vorwärtsläuft.“5

Die Dynamik der Umkehrung transzendiert die Zeit, um sie anschließend wieder in die Immanenz einzubetten. Eine Art säkularer Magie, durch die letztlich die Transzendenz in der Immanenz aufgelöst wird.6 Das ist die Metaphysik der Erzählung.7

Die Essenz von Tenet ist die Überschneidung der Zeitebenen. Aus diesem chronologischen Antagonismus zieht der Film seine Kraft. Das Palindrome Narrativ des Films manifestiert sich in seinem Titel (T-E-N-E-T),8 wobei das N für den Konvergenzpunkt der Zeitachsen steht.  

Dieser Logos ist die Erlösung. Die Chronologie wird zur Soteriologie und Christus zu Chronos.

Der Drehbuchautor Christopher Nolan ist weniger Materialist, als Temporalist; am meisten wohl Physikalist. In der chiastischen Struktur (T-E-N-E-T) findet der säkulare Glaube seine eschatologische Form. Nolan präsentiert eine Philosophie der Zeit, welche dem biblischen Verständnis fremd ist. Die christliche Theologie der Zeit kennt einen konkreten Anfang, Linearität und einen Endpunkt.9

Nicht die Inversion des Menschen, sondern die Inkarnation des LOGOS initiiert die Erlösung.10

Nicht die Inversion des Subjekts, sondern die Konversion des Sünders führt zum Heil.

Die Vergöttlichung der Zeit in Tenet ist hochproblematisch; jedoch nicht neu. Bereits aus der griechischen Mythologie ist Chronos bekannt: der Zeitgott. Tenet bringt den Chronos-Mythos auf die Leinwand des 21igsten Jahrhunderts. Heute ist die Antwort darauf die gleiche wie immer:

Christus allein ist der Herr. In Ihm und durch Ihn wurden alle Dinge erschaffen – auch die Zeit.11 Christus, nicht Chronos, ist Herr über die Zeit!

Lars Reeh

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Die Filmbesprechung wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht.