Historische Theologie

Albert Schweizer und seine Leben-Jesu-Forschung

220px-Bundesarchiv_Bild_183-D0116-0041-019,_Albert_Schweitzer.jpgIm Jahre 1965 starben drei einflussreiche Theologen: Paul Tillich, Martin Buber und der 1875 im Elsass (Kayserberg) geborene Albert Schweizer. Schweizer, der zunächst als Hilfsprediger und Privatdozent für Neues Testament (Straßburg) tätig war, machte sich als Theologe, Arzt, Philosoph und Musiker einen Namen, so dass er zu den bekanntesten deutschsprachigen Gelehrten des 20. Jahrhunderts gehört.

Als Theologe wurde er durch seinen großen Forschungsbericht zur Leben-Jesu-Forschung (1906 u. erweitert 1912) und seine Untersuchungen zum Apostel Paulus bekannt (1930). Konsequent vertrat Schweizer die Auffassung, dass der historische Jesus sich in der Erwartung täuschte, dass Kommen des Reiches Gottes stünde unmittelbar bevor. Während die eschatologische Hoffnung auf ein hereinbrechende Himmelreich damit ein für allemal erledigt sei, bliebe für die Christen die Aufgabe, an der sittlichen Vollendung des Reiches Gottes in dieser Welt mitzuwirken (vgl. dazu auch Adolf von Harnack).

Das Deutschlandradio hat mit Professor Werner Zager (Frankfurt) über Albert Schweizers Theologie gesprochen:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2010/10/29/dlf_20101029_0949_980cde2f.mp3[/podcast]

Das undogmatische Christentum des Adolf von Harnack

Harnack.jpegDa Adolf von Harnack heute eher selten gelesen wird, übersehen wir schnell, dass Thesen Harnacks und des theologischen Liberalismus unter (irgendwie) Frommen derzeit eine Renaissance erfahren.

Harnack behauptete, dass die christlichen Dogmen Ausdruck des griechischen Geistes im Raum der Kirche seien (Nietzsche meinte ähnlich: »Christentum ist Platonismus für’s Volk«). Sein vielleicht berühmtester Satz besagt deshalb, dass das dogmatische Christentum (die Dogmen) »in seiner Konzeption und in seinem Ausbau ein Werk des griechischen Geistes auf dem Boden des Evangeliums ist« (z.B. Dogmengeschichte, 5. Aufl., S. 4).

Der Aussagegehalt christlicher Dogmen lässt sich nach Harnack nicht aus der Heiligen Schrift ableiten. Der Weg vom Wort zum Dogma wird als eine Geschichte des Abfalls von der ursprünglichen Höhe des Evangeliums beschrieben. Durch den Prozess der Dogmatisierung und die Inanspruchnahme metaphysischer Begriffe verschmolz das ursprüngliche Evangelium mit der hellenistischen Philosophie.

Die Glaubenssätze gehören für Harnack damit der Vergangenheit an und an die Stelle des Dogmas tritt das innere Erlebnis, das dem Wort Gottes entspricht (vgl. Das Wesen des Christentums, 1950, S. 160). Das Wesen des christlichen Glaubens liegt weder im kirchlichen Bekenntnis noch in der Botschaft von Jesu Kreuzigung und Auferstehung, sondern in der Verkündigung vom lebendigen Gott. Dem Gehalt des Evangeliums entsprechen der Glaube an Gott den Vater, der Wert jedes einzelnen Menschen und die Nächstenliebe.

Hauptstück der Verkündigung Jesu ist eine Sittlichkeit, die diese Welt als ihr eigentliches Arbeitsfeld in den Blick bekommt. Theologie muss sich daran messen lassen, ob sie der Gegenwartskultur verständlich ist und diese befördert. In einer seiner Vorlesungen, die der geniale Harnack übrigens meist frei hielt, sagte er (Siebente Vorlesung, zitiert nach Zahn, Die Sache mit Gott, S. 13):

Es ist ein hohes, herrliches Ideal, welches wir von der Grundlegung unserer Religion her erhalten haben, ein Ideal, welches unserer geschichtlichen Entwicklung als Ziel und Leitstern vorschweben soll. Ob die Menschheit es je erreichen wird, wer kann es sagen? Aber wir können und sollen uns ihm nähern, und heute fühlen wir bereits – anders als noch vor zwei- oder dreihundert Jahren – eine sittliche Verpflichtung in dieser Richtung, und die zarter und darum prophetisch unter uns Empfindenden blicken auf das Reich der Liebe und des Friedens nicht mehr wie auf eine bloße Utopie.

Wohin der Kulturprotestantismus geführt hat, wissen wir. Als Harnack 1914 zusammen mit 93 anderen Intellektuellen (darunter auch Adolf Schlatter, Ernst Haeckel oder Adolf Deissmann) das so genannte »Manifest der Intellektuellen« unterzeichnete und damit die Kriegspolitik des Kaisers stützte, wurde Karl Barth aus seinem theologischen Schlummer geweckt (»… bemerkte ich, … daß die Theologie des 19. Jahrhunderts jedenfalls für mich keine Zukunft mehr hatte.«).

Die Kirchen- und Dogmengeschichtlerin Gury Schneider-Ludorff stellt uns in einem kurzen Gespräch mit dem Deutschlandradio wichtige Eckpunkte der Theologie Harnacks vor:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2010/10/26/dlf_20101026_0949_38157056.mp3[/podcast]

Velvet Elvis

Hier eine gute Rezension von Greg Gilbert über das Buch Velvet Elvis von Rob Bell:

On its surface, Bell’s first book, Velvet Elvis, might seem rather innocuous. His stated goal is to rethink the Christian faith in terms that will „strip it down to the bare bones“ and get it back to „the most basic elements.“ For the most part, he pursues that goal in a style that is reasonable and to-the-point. He talks about humility, about asking questions, about wrestling with the biblical text—phrases that many evangelicals use daily.

But I am convinced that when Bell brings all these things together, the result is something far more revolutionary than what appears on the surface. In fact, it is hard to avoid the conclusion that Bell actually ends up throwing the entire Christian gospel up for grabs. God is made so mysterious, doctrine is deemed so questionable, and biblical interpretations are so relativized that in the end, Bell leaves us wondering if anything can be known for sure, or if any understanding of the Christian faith and gospel is any better than any other.

For example, take Bell’s reconception of the idea of doctrine. Bell argues that the doctrines of Christianity should be thought of as the „springs“ that hold up the trampoline on which we jump and live in Christ. The springs are not the main point; they merely facilitate the greater goal of „us finding our lives in God“ (25). Now that analogy has some truth to it. But it’s also more dangerous than it might first appear. Conceiving of Christian doctrines as springs allows Bell to say that getting the doctrines right is not really that important. If you don’t like one or two of the springs, you can just take them out of the trampoline and keep on jumping.

Here is Bell’s take on the doctrine of the Trinity, for instance: „It is a spring, and people jumped for thousands of years without it. It was added later. We can take it out and examine it. Discuss it, probe it, question it. It flexes, and it stretches“ (22). And what about Christ’s birth to a virgin? Bell asks, „What if that spring was seriously questioned? Could a person keep jumping? Could a person still love God? Could you still be a Christian?“ (26).

Bell affirms his belief in both the Trinity and the Virgin Birth, but he also says he wants to carve out some room to „question“ those doctrines.

But what does he mean by that? Is he saying that one can study them, ask questions of them, learn from them? I wish he was. Yet why does Bell even pose the question? Why does he ask, „Could a person keep jumping?“ and then not answer it? I can only conclude that Bell is saying that it wouldn’t matter very much if someone stopped affirming them. „Yes, of course you can keep jumping, even if you stop believing in the Trinity or the Virgin Birth.“

Hier der vollständige Text: www.9marks.org.

Rob Bell wird übrigens beim Willow Creek Jugendkongress im Mai 2011 in Düsseldorf einer der Hauptredner sein. Ich staune, alles andere ist Interpretation.

Evangelikale Bewegung: Quo vadis?

Guy Davis hat einen Blogeintrag über die Identitätskrise der Evangelikalen publiziert, der auf einen Artikel von Mike Grimshaw zurückgeht. Das Bild, das Guy dazu veröffentlicht hat, bringt die gegenwärtige Situation ganz gut auf den Punkt:

Clark H. Pinnock (1937–2010)

Der amerikanische Theologe Clark Pinnock ist am 15. August 2010 verstorben. Pinnock promovierte unter F.F. Bruce im Fachbereich Neues Testament zum Thema »Das Konzept des Geistes in den paulinischen Briefen«. Durch seine Mitarbeit bei Francis Schaeffer Anfang der 60er Jahre wandte er sich der reformierten Theologie zu. »Schaeffer«, so pflegte Pinnock damals zu sagen, »ist die wichtigste Person für mein Leben«.

Nichtsdestotrotz distanzierte sich Pinnock später von Schaeffer und migrierte zum Arminianismus. Seit den 90er Jahre zählt er zu den prominentesten Vertreter des so genannten »Open Theism«, gemäß dem die Allwissenheit Gottes nicht im traditionellen Sinn zu interpretieren sei und Gott die Zukunft nicht kennen könne (da sie keine reale Größe sei). Außerdem machte sich Pinnock für die annihilationistische Position (siehe hier) und den Heilsuniversalismus, demgemäß Menschen auch ohne Glauben an Jesus Christus das Heil erlangen können, stark.

Meine Kollege Titus Vogt stellt Pinnock’s Konzept der Allwissenheit Gottes in einer kurzen Ausarbeitung vor: Pinnock_ist_Gott_allwissend.pdf.

Dominus Jesus

Dominus Jesus (lat. für »Der Herr Jesus«) ist eine Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre der römisch-katholischen Kirche. Sie wurde am 6. August 2000 vom derzeitigen Papst Benedikt XVI. als damaligem Präfekten der Kongregation herausgegeben. Das Dokument befestigte das Selbstverständnis der Katholischen Kirche als einzig wahre Kirche.

Der DLF hat sich mit dem Historiker Rudolf Lill (Bonn) über Dominus Jesus unterhalten:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2010/08/06/dlf_20100806_0946_79e93b5f.mp3[/podcast]

Subkulturelles Christentum

evolhipster-560x383.jpg

Brett McCracken hat mit Hipster Christianity: When Church and Cool Collide ein Buch über subkulturelle Formen des Christentums geschrieben. Hier das Inhaltsverzeichnis:

  1. Is Christianity Cool?
  2. The History of Hip
  3. Hipsters Today
  4. The History of Hip Christianity
  5. Christian Hipsters Today
  6. Christian Hipster Churches
  7. The Emerging Church
  8. Social Justice, Missional, and the New Christian Left
  9. Reframing Christian »Art«
  10. Wannabe Hip Churches
  11. What’s So Wrong with Cool?
  12. Authentic Christian Cool
  13. Reversing the Ripple Effect

Scot McKnight schreibt zum Buch:

Brett McCracken courageously and accurately sketches the perennial temptation to sacrifice faithfulness on the altar of “cool.” Every pastor, youth pastor, college chaplain, and Christian college professor needs to sit down with Hipster Christianity, read it carefully, and take a good hard look at whether we are being faithful or being cool. The best example of generous orthodoxy I’ve seen yet.

Das erste Kapitel kann hier heruntergeladen werden: freeChapter.pdf.

Das vollständige Buch:

  • Brett McCracken: Hipster Christianity: When Church and Cool Collide, Baker Book House, 210 S., ca. 13 Euro

gibt es hier:

VD: JT

Die Zukunft der Evangelikalen

Die Evangelikale Bewegung ist keine robuste und machtbesessene, sondern eine zerbrechliche Gruppierung mit ungewisser Zukunft. Patheos hat Artikel zum Thema »Die Zukunft des Evangelikalismus« zusammengestellt und gewährt so Einblicke in kontroverse Diskussionen innerhalb der Bewegung (Christsein und Kultur, Reformierte Christen in der Evangelikalen Bewegung, Armutsbekämpfung, Apologetik, Evolution, Homosexualität usw.).

A rapidly evolving tradition with deep historical roots, evangelicalism confronts abundant opportunities and abundant challenges. How will current movements within the church shape the face of American Christianity in the next ten years? What is the best way to influence culture while retaining the distinctive qualities of evangelical faith? How should evangelicals relate to other Christian traditions, and even non-Christian ones? How ought evangelicals to engage in politics? And how are evangelical ministries responding to the swiftly changing circumstances of life in the twenty-first century?

Hier die Beiträge: www.patheos.com.

Widerwärtiger Dünkel

Die Kritik an den biblischen Sühnevorstellungen ist kein neues Phänomen. Dass ein kluger Weltmensch den Kreuzestod von Jesus Christus nicht als ein Not wendendes (also notwendiges) Heilswerk deuten könne, behaupteten schließlich schon einige Widersacher des Apostels Paulus (vgl. z.B. 1Kor). Neu ist, so jedenfalls mein Eindruck, dass die Infragestellung des stellvertretenden Sühneopfers auch in den bekennenden Christenkreisen immer häufiger zur Sprache kommt. Ich habe in den letzten Jahren mehrfach Leute getroffen, die Bücher von Anselm Grün, Steve Chalke, Brian McLaren oder William Young (Die Hütte) gelesen hatten und mich fragten: »Kann denn ein Gott, der seinen Sohn am Kreuz gewaltsam sterben lässt, ein liebender Gott sein?« »Warum kann ein allmächtiger Gott nicht einfach vergeben?« Erinnert so eine Sühnevorstellung nicht vielmehr an einen »kosmischen Kindesmissbrauch«? (siehe auch hier).

Angesichts dieser »Vertrauenskrise« bin ich angenehm überrascht, dass der Theologieprofessor Werner Thiede (Erlangen) kürzlich klare Worte fand. Thiede zeigt, dass das Neue Testament die Liebe Gottes »exakt im Kontext der Rede vom Sühnetod Jesu ansiedelt« und bekennt, dass ihm dieses doktrinäre Drängen nach Entmythologisierung inzwischen ziemlich auf die Nerven geht:

Offen gestanden: Er widert mich inzwischen nur noch an – dieser zeitgeistbeflissene Dünkel all jener Theologinnen und Theologen, die dem Kreuzestod Jesu den überlieferten Tiefensinn rationalistisch absprechen. Dieses arrogante Kaputtreden der überkommenen Heilsbotschaft, das sich über den Glauben der Väter und Mütter der letzten beiden Jahrtausende so erhaben dünkt, dass es ihn nur noch verabschieden möchte. Dieses Kokettieren mit der intellektuellen Redlichkeit, die Andersdenkenden in Theologie und Kirche zumindest indirekt abgesprochen wird, aber mit merkwürdigen Alternativen zum Ganz- und Heilwerden des Menschen oft kompatibel genug zu sein scheint.

Dieses doktrinäre Drängen nach Entmythologisierung ohne hinreichende Anzeichen dafür, die Sinn-Dimension des angeblich zu Streichenden überhaupt angemessen erfasst und durchdrungen zu haben. Solcher Mangel wäre so lange keine Schuld, als er eine Ahnung von sich selbst hätte. Weil er sich aber verkennt und für lauter Fülle hält, deren Köstlichkeit er auch anderen aufzudrängen habe, darum wird er schuldig an dem Glauben, den er kraftspendend weiterzugeben hätte, schuldig an der Kirche, deren Kerntradition er leichtsinnig verrät, ja, schuldig am Gekreuzigten, dessen Lebenshingabe er nicht mehr nötig zu haben meint.

Hier der vollständige Beitrag: zeitzeichen.net.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner