Zitate

Vom Segen der christlichen Gemeinschaft

Dietrich Bonhoeffer (Gemeinsames Leben, 2012, S. 19–20):

„Darum braucht der Christ den Christen, der ihm Gottes Wort sagt, er braucht ihn immer wieder, wenn er ungewiss und verzagt wird; denn aus sich selbst kann er sich nicht helfen, ohne sich um die Wahrheit zu betrügen. Er braucht den Bruder als Träger und Verkündiger des göttlichen Heilswortes. Er braucht den Bruder allein um Jesu Christi willen. Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer als der Christus im Worte des Bruders; jener ist ungewiß, dieser ist gewiß. Damit ist zugleich das Ziel aller Gemeinschaft der Christen deutlich: sie begegnen einander als Bringer der Heilsbotschaft.“

Unter Feinden leben

Dietrich Bonhoeffer (Gemeinsames Leben, 2012, S. 15):

„Es ist nichts Selbstverständliches für den Christen, dass er unter Christen leben darf. Jesus Christus lebte mitten unter seinen Feinden. Zuletzt verließen ihn alle Jünger. Am Kreuz war er ganz allein, umgeben von Übeltätern und Spöttern. Dazu war er gekommen, dass er den Feinden Gottes den Frieden brächte. So gehört auch der Christ nicht in die Abgeschiedenheit eines klösterlichen Lebens, sondern mitten unter die Feinde. Dort hat er seinen Auftrag, seine Arbeit. ‚Die Herrschaft soll sein inmitten deiner Feinde. Und wer das nicht leiden will, der will nicht sein von der Herrschaft Christi, sondern er will inmitten von Freunden sein, in den Rosen und Lilien sitzen, nicht bei bösen, sondern bei frommen Leuten sein. O ihr Gotteslästerer und Christi Verräter! Wenn Christus getan hätte als ihr tut, wer wäre immer selig geworden?‘ (Luther).“

Barth: Die Verwüstung der Rede von Gott

Karl Barth schreibt in seiner Einleitung zur Kirchlichen Dogmatik (Studienausgabe, Bd. 1, 1986, S. 4):

„Direkt übernommen haben Philosophie, Geschichtswissenschaft, Psychologie usw. in jedem der drei theologischen Problemgebiete faktisch noch nie etwas anderem als der Vermehrung der Selbstentfremdung der Kirche, der Entartung und Verwüstung ihrer Rede von Gott gedient.“

Bultmann und das Reich Gottes

Der Theologe Rudolf Bultmann ist mit  einer liberalen Theologie aufgewachsen, die die Geschichtlichkeit der Heiligen Schrift und die christliche Nächstenliebe in den Mittelpunkt stellte (vgl. hier). Bei dem großen Albrecht Ritschl (1822–1889) kulminierte dieser Ansatz in dem Anspruch, durch ein sittlich an Jesus Christus orientiertes Leben das Reich Gottes im Hier und Jetzt zu bauen.

Bultmann erkannte, dass diese Theologie vom Menschen und nicht von Gott handelt. In seinem Vortrag „Die liberale Theologie und die jüngste theologische Bewegung“ beschreibt er die Tragik der liberalen Theologie und fordert deren Überwindung (Glauben und Verstehen, Bd. 1, 1961, S. 3):

Wohin führte der Weg der historisch-kritischen Theologie? War er anfangs geleitet von dem Vertrauen, daß die Kritik von der Last der Dogmatik befreit und dahin führt, das echte Jesusbild, auf das der Glaube sich gründen kann, zu erfassen, so ward diese Meinung schnell als Wahn offenbar. Die Geschichtswissenschaft kann überhaupt nicht zu irgendeinem Ergebnis führen, das für den Glauben als Fundament dienen könnte, denn alle ihre Ergebnisse haben nur relative Geltung. Wie verschieden sind die Jesusbilder der liberalen Theologie, wie unsicher das Bild des historischen Jesus: Ist er überhaupt noch für uns erkennbar? Mit einer großen Frage endigt hier die Forschung – und soll sie endigen!

Mit der „jüngsten theologischen Bewegung“ bezeichnet Bultmann die „Wort Gottes-Theologie“, die in den 20-er Jahren maßgeblich von Barth, Thurneysen Gogarten und mit Einschränkungen auch von Brunner vorangetrieben wurde. Zaghaft solidarisierte sich der Marburger Professor mit der neu aufkommenden „Offenbarungstheologie“.

Karl Barth war sehr neugierig und wollte möglichst aus erster Hand hören, was Bultmann über die neue Strömung, die damals großen Widerstand ertragen musste, denkt. Deshalb besuchte er am 6. März 1924 – damals in Göttingen lehrend – zusammen mit zwölf Studenten incognito Marburg. Er lauschte Bultmanns Vortrag und war sehr beeindruckt. Seinem Freund Eduard Thurneysen erklärte er, dass Marburg „wieder zu einem der Punkte auf der mitteleuropäischen Karte geworden“ sei.

Bultmanns Vortrag ist heute noch erhellend. Über die Reich Gottes-Theologie der Ritschlianer sagte er (Glauben und Verstehen, Bd. 1, 1961, S. 15):

Wenn man meint, daß soziale Arbeit als solche, d. h. Arbeit, die sich — ob sozialistisch orientiert oder nicht — um die Schaffung menschenwürdiger sozialer Zustände müht, als solche Reichsgottes arbeit, christliches Tun sei, so kennt man das σκάνδαλον des Wortes Gottes nicht. Und das σκάνδαλον ist um so größer, um so deutlicher, als hier gegenüber solchem Tun, das an sich pflichtmäßig, ehrenwert, bitter notwendig ist, hart gesagt wird: es ist kein christliches Tun. Denn es gibt kein Tun, das sich direkt auf Gott und sein Reich beziehen könnte. Jede Form menschlichen Gemeinschaftslebens, die schlimmste wie die idealste, steht in gleicher Weise unter dem göttlichen Gericht.

Leider konnten uns weder Bultmann noch Barth nachhaltig aus der Krise führen.

Wenn Gott Recht bekommt

Iwand (Dogmatik-Vorlesungen 1957-1960), 2013,  S. 132–133):

Wir müssen uns für gut halten, müssen von der eigenen Gerechtigkeit leben, müssen den Menschen an sich für gerecht und wahrhaftig halten, mag es auch im einzelnen Verstöße gegen diese Idee des Menschen geben. Wir sind nun einmal blind, und was wir aus uns selbst heraus wissen von Sünde und Bosheit, unser moralisches Wissen um unsere Endlichkeit und Schwäche, um unsere sittliche Verkommenheit und grässliche Pervertiertheit gleicht dem Gefühl eines Trinkers, der mal im Rausch seiner Selbstverachtung Luft macht; es hat aber mit dem Glauben und dem Bekenntnis so wenig zu tun wie der moralische Kater mit einer ernsthaften und entschlossenen Umkehr und Abwendung vom Laster. Es ist klassisch zu nennen, wie Luther hier das Bekenntnis der Sünde als ein „cedere et credere“ [Raum geben und glauben] formuliert. Er meint, dass jener Rechtfertigung des Gottlosen von Gott her aus reiner Gnade eine Rechtfertigung Gottes im Menschen aus reinem Glauben entspricht. Gott bekommt nun auch Recht in mir, ich mache mir sein Urteil über mich zu eigen, ich „gebe ihm Raum“ und „glaube“ ihm. Dass Gott Recht bekommt in einem Menschen – das ist der große, weltbewegende, alle Engel im Himmel jauchzen machende Akt, den die Schrift Glauben nennt. Der Mensch hört auf, sein eigener Arzt zu sein; die ewige Wahrheit, das was Gott in Ewigkeit vom Menschen, von uns weiß und denkt, was er für uns tut und veranstaltet, das erfüllt jetzt, im Glauben, einen Menschen. 

Iwand: „Wenn uns Gott selbst finden soll“

Der Theologe Hans Joachim Iwand folgte 1952 einem Ruf nach Bonn, wo er bis zu seinem Tod 1960 Systematische Theologie lehrte. In der Prinzipienlehre, die er in Bonn gelesen hat, setzt er sich sehr pointiert von dem neuzeitlichen Unternehmen ab, das den Menschen zum Dreh- und Angelpunkt der Wirklichkeitserkenntnis erhoben hat. In radikaler Weise betont er den reformatorischen Gedanken, dass wir Menschen die Welt und uns selbst nur dann verstehen können, wenn Gott von außen in unser Leben tritt. Anders gesagt: Die Wirklichkeit Gottes hängt nicht von meinem Selbstbewusstsein ab, sondern meine Selbsterkenntnis hängt von der Wirklichkeit Gottes ab.

Iwand (Dogmatik-Vorlesungen 1957-1960, 2013,  S. 27):

Gibt es Gott nicht, dann gibt es auch kein „extra nos“! Dann bekommen wir die Welt, die Menschen, ja dann bekomme ich auch letzten Endes mich, mich als Mensch, als dieses rätselhafte Wesen Mensch, nie zu fassen. „Ich bin ich“, was heißt denn das? Ist das nicht der leerste, gedankenloseste Satz, den es gibt? „Extra se stare“, einen Standpunkt außerhalb seiner selbst gewinnen, das hieße eben gerade diese Identität zertrümmern, das Gefängnis des „Ich bin ich“, dieser amor sui [Selbstliebe], zerbrechen, in der Lazarus begraben liegt [Joh 11]. Das ist es, was zerbrochen wird, wenn das Wort Gottes kommt. Das Wort Gottes hebt den Traum dieser Identität auf – hier liegt die Blindheit, hier liegt das Leiden, das mit uns geboren ist, die Blindheit unseres gerade so vernünftigen Wesens. Denn wenn Gottes Wort an uns geschieht, dann heißt es nicht: „Du bist Du“, dann bestätigt er mir nicht jenes „Ich bin ich“, das ich in meinem Stolz oder in meiner abgrundtiefen Verzweiflung sage, sondern er streicht jene Identität durch als die Grundtäuschung, der ich erlegen bin. Und eben damit betreten wir das Reich, wo er Herr ist, wo wir festen Boden unter den Füßen haben, wo nicht mehr die Frage zu unserer Lebensfrage wird, ob wir die Welt gestalten oder sie uns, sondern wo beide Positionen in ihrer Absolutheit aufgehoben sind weil eine dritte Position gefunden und bezogen ist: die des „extra me“!

Vielleicht ist dieses „Ich bin ich“ überhaupt der Gott geraubte Name, den der Mensch sich fälschlich, zu Unrecht angeeignet hat, der nicht sein Name ist. Er ist ein Göttername. Und wenn ihm dann, diesem sich absolut setzenden Menschen, bei seiner Einsamkeit und Isolierung bange wird, dann erträumt er sich einen Helfer über den Sternen, den nennt er Gott. Das ist sozusagen jenes Wesen, das alles das hat, was ihm fehlt, sein Partner sozusagen, der große Menschengott, den wir brauchen, damit wir nicht „aufwachen“ [vgl. Rom 13,11f]. Dieser Menschengott muss als solcher offenbar, enthüllt, zerbrochen werden, er ist die letzte und äußerste Form der Gottlosigkeit, der Unwirklichkeit unseres Lebens, wenn uns Gott selbst finden soll, wenn wir ihn und mit ihm zugleich das finden, was wir das Leben nennen. Die Wirklichkeit schlechthin.

Ich glaube an die heilige Kirche

Martin Luther:

„Wenn ich meine und meines nächsten Person ansehe, ist die Kirche nie heilig. Wenn ich aber Christus, den Versöhner, den der die Kirche reinigt, ansehe, ist sie ganz heilig. Denn er hat die Sünde der ganzen Welt getragen.“

„Ich bin eine ohnmächtige kleine Esther“

Edith Stein schrieb 1938 an ihre Schwester:

„Ich bin eine sehr arme und ohnmächtige kleine Esther, aber der König, der mich erwählt hat, ist unendlich groß und barmherzig.“

Am 7. August 1938 wurden die beiden Schwestern Stein mit der Bahn in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort am 9. August 1942 in der Gaskammer umgebracht. 

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