November 2017

10 Jahre TheoBlog und die Weihnachtsaktion 2017

Wir sind in der Adventszeit angekommen. Bald feiern wir wieder Weihnachten, erinnern uns gegenseitig daran, dass Gott in dem Menschen Jesus Christus zu uns gekommen ist. In meiner Kindheit und Jugend war die Weihnachtszeit keine ersehnte Zeit. Weihnachten war nichts los, in der Familie gab es oft Stress und Freunde waren nicht erreichbar. Erst als ich verstand, worum es zu Weihnachten wirklich geht, konnte ich mich diesen Feiertagen innerlich nähern. Heute freue ich mich sogar auf die Tage im Kreis der Familie. Weihnachten erinnert mich daran, wie gut es Gott mit seiner Welt meint, wie sehr er uns liebt. Obwohl wir als Sünder nichts von ihm wissen wollten, ist er zu uns gekommen, hat uns gesucht. Dass er mich gefunden und mit seinem Evangelium beschenkt hat, überwältigt mich immer wieder neu.

Der TheoBlog ist 2017 übrigens 10 Jahre alt geworden. Ich habe mir in den letzten Tagen angeschaut, worüber ich vor 10 Jahren an dieser Stelle berichtet und geschrieben habe. Viel Aufmerksamkeit absorbierte damals die Emergente Bewegung. Etliche Beiträge drehten sich um die Postmoderne oder die Kontextualisierung des Evangeliums. Obwohl die Emergente Bewegung als Bewegung inzwischen keine große Rolle mehr spielt, muss ich feststellen, dass viele ihrer Ideen und Ansätze inzwischen Mainstream geworden sind. Ich zitiere mal aus einem Vortrag, den ich ziemlich genau vor 10 Jahren an der FTH in Gießen anläßlich einer Deutschlandtournee des emergenten Brian McLaren gehalten hatte:

Doch unter der scheinbar so beschaulich ruhigen Oberfläche brodelt es. Ich sehe an Bibelschulen und theologischen Seminaren eine wachsende Zahl von Studierenden, die der evangelikalen Theologie innerlich bereits aufgekündigt haben und mit Begeisterung Bücher von Brian McLaren, Dan Kimball, Frost & Herbst oder Rob Bell durcharbeiten. So manch junger Christ, der sich auf geistliche Leitungsaufgaben vorbereitet, scheint davon überzeugt zu ein, ein neues kirchengeschichtliches Kapitel sei angebrochen und die Versöhnung von liberalem und evangelikalem Christentum stünde bevor.

Noch vor wenigen Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, mit evangelikalen Freunden z.B. über folgende Fragen zu diskutieren:

  • Können wir wirklich behaupten: alle Menschen sind böse von Jugend auf?
  • Unterscheidet die Bibel zwischen einem DRIN und einem DRAUSSEN? Schafft dieses Denken nicht trennende und diskriminierende Barrieren?
  • Gibt es so etwas wie eine verbindliche biblische Sexualethik?
  • Ist nicht der Zweifel höchste Form des Glaubens und sind Wissen und Gewissheiten nicht Symptome für Selbstüberschätzung und Arroganz?
  • Ist Gott wirklich personal? Selbst wenn er es ist, müssten wir nicht unsere Gottesvorstellungen von Konzepten wie „Allwissenheit“ oder „Allmacht“ reinigen? Lernt nicht auch Gott aus seinen Fehlern?

Mein damaliges Unbehagen hat sich bestätigt. Diese und ähnliche Fragen prägen inzwischen nicht mehr nur die Diskussionen auf emergenten Foren, sondern sind in der Mitte der evangelikalen Bewegung angekommen und in gewisser Weise sogar schon zugunsten einer postmodernen Methodologie und Kultur entschieden worden. Ich sage das nicht nur, weil ich allerlei Blogs oder Zeitschriften studiere. Gespräche und ein intensiver brieflicher Austausch haben meine Wahrnehmung oft bestätigt. Die Botschaft der Kirche ist heute die eigene Relevanz. Wir wollen uns selbst als für die Welt bedeutsam und attraktiv darstellen. Und wir merken dabei nicht, dass das, was wir der Welt bieten können, ziemlich überschaubar ist. Und: Das einzige, was die Welt sich nicht selbst geben und sagen kann, wird längst unscharf oder überhaupt nicht mehr verkündigt.

Der Geist der Wahrheit redet aber nicht von sich und verherrlich auch nicht die Träume und Taten der Frommen. Der Heilige Geist leitet uns in alle Wahrheit, redet, was er vom Vater empfängt und verherrlicht Christus (vgl. Joh 16). Es geht um den Retter der Welt angesichts eines drohenden Gerichts. Paulus wusste genau, warum er den Korinthern schrieb (2Kor 4,6–6): „Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“

Was können wir angesichts dieser geistlichen Armut in Europa noch tun? Ich stehe zu dem, was ich vor 10 Jahren in dem oben erwähnten Vortrag gesagt habe:

Lernen wir von den Reformatoren und den klugen geistlichen Leitern der lebendigen Kirche! Was haben Luther, Bucer, Calvin, Jonathan Edwards oder Francis Schaeffer gemacht? Der Segen kam nicht dadurch, dass sie sich gegenüber dem Geist der Zeit geöffnet haben. Die erwecklichen Bewegungen, die wir natürlich nie produzieren können, sondern immer Gnadenakt Gottes sind, wurden durch etwas entfacht, was John Stott das „doppelte Hören“ genannt hat. Das Hören auf das, was Gott in seinem Wort sagt, und das Hören auf das, was in dieser Welt passiert. Wenn wir mit beiden Ohren hören, können wir den Menschen Gottes Interessen kommunizieren. Die Erweckungen kamen durch eine neue Hinwendung zur Selbstoffenbarung Gottes in der Heiligen Schrift und durch eine tiefe Liebe für die Not der Menschen in dieser Welt.

Was mich bei aller berechtigen Sorge und Klage fröhlicher stimmt als vor 10 Jahren, ist die Tatsache, dass immer mehr junge Christen genau die Sackgasse, in die wir uns hineingefahren haben, durchschauen. Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich Menschen getroffen, die längt bemerkt haben, dass das Japsen nach Relevanz, Transformation oder Unterhaltung nicht in den Aufbruch, sondern in die Bedeutungslosigkeit und in eine – ich formuliere bewusst dialektisch – „betörende Funkstille“ geführt hat. Die Welt wird nicht besser, indem wir uns ihr verschenken. Die Welt braucht etwas, was nicht von der Welt ist. Wenn wir nicht von der Quelle her leben und verkündigen, fehlen Würz- und Leuchtkraft. Genau deshalb ist es ja unser Auftrag, das Wort des Christus, das schriftgemäße Evangelium von der freien Rechtfertigung des Sünders, weiterzugeben (vgl. Röm 10,17). So entsteht Glaube. So werden Menschen gerettet. So werden Menschen verändert. So ziehen Menschen mit einer Botschaft in die Welt.

Es gibt also kleine Zeichen geistlichen Aufbruchs. Auch das neue Interesse an textauslegenden Predigten deutet darauf hin, dass dem Wort Gottes etwas zugetraut wird. Der Umfang ist zwar bescheiden, aber es zeigt, dass die Gemeinde lebt.

So sehr ich mich darüber freue, so sehr bin ich allerdings davon überzeugt, dass es weiter gehen muss. Ich habe in dem Beitrag „Wie Weltanschauungen Christen heute beeinflussen“ einige Anregungen dazu formuliert. Wir brauchen:

  • eine vertiefte Beschäftigung mit der (heute so unbeliebten) biblisch-christlichen Dogmatik;
  • eine apologetisch-konfrontative Auseinandersetzung mit nicht-christlichen Weltanschauungen, zu der auch die Schulung im philosophischen Denken und die Kulturapologetik gehören (z.B. Medienkritik);
  • eine Kampfansage an das Wohlfühlchristentum, welches meint, mit Entertainment, versöhnter Verschiedenheit, populistischem Lobpreis und Lebenshilfepredigten erfülle Gemeinde ihre Berufung;
  • eine Wiederbelebung der Katechese unter Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Familien- und Gemeindeumfeld;
  • radikale und greifbare Modelle einer schöpferischen Gegenkultur, die die Wahrheit und Schönheit des evangelischen Glaubens gerade auch für junge Menschen greifbar werden lässt;
  • ein Jüngerschaftstraining, welches Nachfolge nicht auf Fragen persönlicher Frömmigkeit reduziert.

In diese Richtung sollten wir betend und mutig gehen!

10 Jahre TheoBlog. Tatsächlich kenne ich Freunde, die seit 10 Jahren immer mal wieder hier vorbeischauen, kommentieren oder mir Empfehlungen zusenden. Bei Vorträgen oder nach Predigten werde ich hin und wieder von Leuten angesprochen, die mir sagen, dass sie durch Beiträge des TheoBlogs inspiriert, korrigiert oder ermutigt worden sind. Das stimmt mich sehr dankbar!

Ich möchte mich auch diesmal bei allen TheoBlog-Lesern herzlich für das Interesse und die Diskussionsbeiträge bedanken.

Etliche Besucher haben in diesem Jahr wieder Bücher, DVD’s oder Elektroartikel über TheoBlog bei Amazon bestellt (mehr dazu hier) oder über den Buchladen geordert. Mehrere Spenden zur Unterstützung des Blogs habe ich ebenfalls erhalten. Vielen herzlichen Dank dafür! Das ist eine großartige Unterstützung!

Falls jemand mit einer Weihnachtsspende über Paypal oder die angegebene Bankverbindung TheoBlog.de unter die Arme greifen möchte, kann er das über das Formular hier tun.

Wie üblich will ich mich durch eine kleine Aufmerksamkeit erkenntlich zeigen. Anläßlich des Jubiläums wird die Aktion diesmal etwas umfangreicher ausfallen. Wieder hat jeder Blog-Leser die Chance, in der Weihnachtszeit ein Päckchen zu empfangen. Allerdings verlose ich diesmal drei Bücher. Und zwar: 

Erster Preis: Johannes Calvin, Unterricht in der Christlichen Religion – Institutio Christianae Religionis, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 3. Aufl., 2008, 860 S.

Die Institutio christianae religionis ist das theologische Hauptwerk Johannes Calvins. Sie ist 1536 zum ersten Mal in Basel erschienen. In der endgültigen Fassung liegt der „Unterricht in der christlichen Religion” seit 1559 in vier Teilbüchern mit insgesamt 80 Kapiteln vor.

Calvins Hauptwerk gehört zu den zehn wichtigsten Schriften der Christenheit. Durch das aufmerksame Studieren biblischer Aussagen gelangt Calvin zu einer umfassenden theologischen Gesamtsicht des christlichen Glaubens und seiner praktischen Verantwortung.

Übrigens treffe ich immer wieder auf sendungsbewusste Calvin-Kritiker, die nicht eine Seite der Institutio gelesen haben und imprägniert sind von einem Calvin-Bild, wie es etwa der Schriftsteller Stefan Zweig vermittelt hat.

Die zu gewinnende Ausgabe gibt die hervorragende Übersetzung von Otto Weber sprachlich leicht modernisiert in lateinischer Schrift wieder.

Zweiter Preis: Berthold Schwarz (Hg.), Martin Luther – Aus Liebe zur Wahrheit, Christliche Verlagsgesellschaft, 2016, 499 S.

Martin Luther hat bereits zu seinen Lebzeiten polarisiert. Die einen waren fasziniert von ihm und von der Wiederentdeckung des biblischen Evangeliums von der Gnade. Sie ließen sich von ihm zu neuer Christus- und Glaubenstreue einladen. Die Entdeckung der Bibel als Lebens- und Glaubensbuch sowie die anbetende Anschauung des Gekreuzigten faszinierte viele. Andere waren ihm weniger wohlgesonnen. Sie wünschten ihm die Pest an den Hals, weil er mit seinen an der Bibel orientierten „Reformen“ ganz Europa in Aufruhr versetzte und die gewohnten Ordnungen von Kirche und Obrigkeit zu gefährden drohte.

Luther selbst blieb zeitlebens der „Liebe zur Wahrheit“ verpflichtet, so wie er sie verstand. Was diese Liebe zur Wahrheit bei ihm bedeutete, das will dieses Buch 500 Jahre nach dem Bekanntwerden der 95 Thesen gegen den Ablasshandel im Jahre 1517 in Erinnerung rufen und auf die eine und die andere Weise neu zur Sprache bringen.

22 Autoren haben in unterschiedlich gewichteten Beiträgen die Vielfalt der Gedanken Luthers zur Reform der Kirche „an Haupt und Gliedern“ oder Aspekte ihrer Wirkungsgeschichte ausformuliert. Dadurch können auch heute wieder interessierte Christen Luthers Bemühungen um ein an Christus (solus Christus), an der Bibel (Sola scriptura), an der Gnade (sola gratia) und am Glauben (sola fide) orientiertes Christenleben erstmals oder vertieft kennen lernen, und dabei auch wahrnehmen, was es in der Konsequenz heißen kann, zur Ehre Gottes zu leben (soli Deo gloria). Deshalb ist das Buch auch in diese fünf Kategorien nach den „sola-Begriffen“ unterteilt, die klassisch das reformatorische Erbe zusammenfassen. Diesen Oberbegriffen sind die Einzelbeiträge thematisch zugeordnet.

Dritter Preis: James I. Packer, Gott erkennen, Heroldverlag, 2014, 375 S.

James I. Packers Buch ‚Gott erkennen‘ wurde in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Klassiker des christlichen Glaubens. Erstanden ist es aus eine Reihe von Artikeln, die der Theologe geschrieben hatte. Der Grund für den Erfolg des Buches liegt darin, dass es eine Fülle von Informationen über Gott und Sein Wesen vermittelt – und das mit großer Klarheit, Tiefe und Verständlichkeit. Aber es kann noch mehr. Es hilft uns dabei, Gott wirklich zu erkennen, indem es unsere Beziehung zu ihm fördert, indem es uns in Liebe und Anbetung ihm näher bringt.

Diese Neuauflage, herausgegeben vom Herold Verlag, enthält einen Studienführer mit Fragen zu jedem Kapitel.

Um Empfänger eines dieser Bücher werden zu können, sind folgende drei Punkte zu beachten:

  • Sie müssen TheoBlog regelmäßig lesen (Vertrauenssache).
  • Sie müssen mir über das Kontaktformular Ihre E-Mail-Adresse mitteilen (und dabei unbedingt das Stichwort: „Weihnachtspäckchen 2017“ erwähnen).
  • Am 20. Dezember werde ich von meiner jüngsten Tochter unter allen übersandten Adressen die drei Empfänger über ein Losverfahren auswählen lassen und die gewählten Personen kontaktieren (Vertrauenssache). Dabei gewinnt das erste gezogene Los den ersten, das zweite den zweiten und das dritte Los den dritten Preis. Nach Übersendung der Postanschrift schicke ich das Päckchen an den Gewinner.

Vielen Dank fürs Mitmachen!

Ich wünsche eine besinnliche Adventszeit.

– – –

Hier noch die 8 Beiträge, die in den 10 Jahren am häufigsten gelesen wurden:

  1. Das Leben in zwei Reichen
  2. Die Radikalisierung der »Wort+Geist«-Bewegung
  3. Cindy Sherman – Meisterin der Verfremdung und Irritation
  4. Das Sühneopfer von Jesus Christus
  5. Die Liebe siegt? Eine Buchbesprechung über »Love Wins« von Rob Bell
  6. Drei Tipps für das Hörende Gebet
  7. Die Lutherstube auf der Wartburg
  8. Verwinkelte (kostspielige) Postmoderne

Themelios Vol. 42 2/2017

Die Ausgabe der Zeitschrift Themelios (Vol 42, Issue 2, August 2017) ist bereits im Sommer erschienen. Hier der Inhalt:

  1. EDITORIAL: On Knowing When to Resign – D. A. Carson
  2. STRANGE TIMES: The ‘Only’ Option – Daniel Strange
  3. Confession of a Reformed Philosopher: Why I Am a Compatibilist about Determinism and Moral Responsibility – John C. Wingard Jr.
  4. Natural Selection and an Epistemology of Evil: An Incompatible Pair – J. Daniel McDonald
  5. Wendell Berry’s “Risk”: In the Middle on Gay Marriage? – Jacob Shatzer
  6. The Preeminence of Knowledge in John Calvin’s Doctrine of Conversion and Its Influence Upon His Ministry in Geneva – Obbie Tyler Todd
  7. Redeeming Edwards’s Doctrine of Hell: An “Edwardsean” Account – Christopher Woznicki
  8. A Missiology of Excluded Middles: An Analysis of the T4T Scheme for Evangelism and Discipleship – George A. Terry
  9. Book Reviews

Schwedische Protestanten machen Gott zum „Es“

Das 251-köpfige Entscheidungsgremium der evangelisch-lutherischen Kirche in Schweden hat am Donnerstag in Uppsala entschieden, dass Geistliche ab dem kommenden Jahr beim Gottesdienst nur noch geschlechtsneutrale Begriffe verwenden dürfen, wenn sie von Gott sprechen.

Die Entscheidung wurde unter Antje Jackélen getroffen. Die Erzbischöfin hatte im Oktober 2016 anlässlich des Reformationsjubiläums im schwedischen Lund zusammen mit Papst Franziskus einen Gottesdienst gefeiert.

Im Vaterunser darf weiter „Vater“ gesagt werden. Ansonsten sind die Geistlichen der evangelisch-lutherischen Kirche von Schweden angewiesen, im Gottesdienst nur noch geschlechtsneutrale Begriffe zu verwenden, wenn sie von Gott reden. Statt „Herr“ oder „Er“ sei die weniger eindeutige Bezeichnung „Gott“ angebracht.

Den Beschluss hat das 251-köpfige Entscheidungsgremium der evangelisch-lutherischen Kirche am Donnerstag am Ende eines achttägigen Treffens in Uppsala gefällt. Laut „Daily Mail“ ist die Anweisung Teil des groß angelegten Updates eines 31 Jahre alten Handbuchs für die Gestaltung von Gottesdiensten.

Mehr: www.welt.de.

VD: AG

Gründlich lesen (5): „Das Evangelium passt auf einen Bierdeckel“

Dem Schweizer Kommunikationsberater Markus Baumgartner liegt sehr viel daran, die „Kernbotschaft des Evangeliums“ kurz und knackig an die Menschen zu bringen. Die Frage, wie der „christliche Glaube wieder häufiger und vor allem positiv in die Öffentlichkeit strahlen“ kann, beschäftigt ihn nach eigenen Aussagen sehr. Als Experte für gelingende Kommunikation stellt er seine Kompetenz bei der Vermittlung der Botschaft gern zur Verfügung.

Wie wichtig es ist, zunächst einmal zu klären, was das Evangelium überhaupt ist, zeigt sich in einem Interview, das Baumgartner mit dem Magazin COMMUNICATIO geführt hat. Was genau bedeutet es demnach, die Botschaft auf eine knackige „Formel“ zu bringen? Baumgartner: „Nächstenliebe ist für mich die Hauptbotschaft der Bibel.“

Ich zitiere ausführlich:

Die christliche Kommunikationsbotschaft nennt sich Evangelium – wie würden Sie diese auf den Punkt bringen?
Da zitiere ich gerne die deutsche Werbefachfrau Eva Jung aus Hamburg. Für eine Kirche hat sie das Evangelium in drei Sätzen auf einen Bierdeckel gepackt: Liebe Gott. Liebe dich selbst. Liebe die anderen.

Das reicht?
Das ist die wichtigste Botschaft der Bibel verständlich ausgedrückt.

Können Sie sich vorstellen, dass Theologen damit Schwierigkeiten haben könnten?
Selbstverständlich. Wir kommen vom reformatorischen Erbe her, sind geprägt von „sola scriptura“ – allein die Schrift. Wir sind sehr wortgeprägt, differenzierte Inhalte sind uns wichtig. Aber um wahrgenommen zu werden in der Gesellschaft reicht das nicht, da muss man knackiger kommunizieren.

Ein Theologe, nein, jeder Christ, sollte an dieser Stelle wirklich aufhorchen. Warum? Es fällt auf, dass die Kernbotschaft ganz ohne Evangelium auskommt. „Liebe Gott. Liebe dich selbst. Liebe die anderen.“ Dafür braucht es weder Jesus Christus oder das Neue Testament. Verkündet wird ein Evangelium ohne Sünde, ohne Kreuz, ohne Vergebung. (Nebenbei: Der Auftrag zur Selbstliebe finde sich überhaupt nicht in der Bibel, wohl aber die Botschaft der Selbstverleugnung.)

Kurz: Das, was hier als Evangelium kommuniziert wird, ist Gesetz. Könnten wir Gott lieben, hätte die Liebe Gottes nicht in Jesus Christus zu uns kommen müssen. Das Gesetz zeigt uns nämlich: „Du kannst Gott nicht lieben“. Das Evangelium offenbart uns: „Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden“ (1Joh 4,10).

Schade. Gegen kernige Evangeliumssprüche ist, wenn sie tatsächlich das Evangelium enthalten, nichts einzuwenden. Wilhelm Busch verstand es etwa, die Botschaft der Bibel in deftige Sprüche zu packen. Er war es auch, der sagte: „Die schlimmsten Feinde der Bibel sind nicht diejenigen, die sie offen angreifen. Viel gefährlicher sind die, welche positiv von ihr reden wollen und doch ‚das Wort Gottes in den Wörtern‘ nie gehört haben“ (Plaudereien in meinem Studierzimmer, CLV, 2009, S. 139).

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Vom Vertrauen in die Schrift

Gottfried Hermann fragt in seinem ausgezeichneten Artikel zur Reformation („Mehr als ein Kinderspiel“, Theologische Handreichung und Information, Nr. 4, 11/2017, S. 3–16, hier S. 15), woher der Martin Luther sein Gottvertrauen nahm? Die Antwort:

Es beruhte auf seinem unerschütterlichen Vertrauen in die Heilige Schrift als unverbrüchliches Wort Gottes. In diesem Wort fand er Halt in allen Anfechtungen. Denn in der Bibel redet Gott klar und verständlich zu uns Menschen. Das war es, was Luther 1525 dem großen Humanisten Erasmus entgegenhielt, der behauptet hatte, die Hl. Schrift enthalte viele dunkle (unverständliche) Stellen. Luther demonstrierte ihm das Gegenteil. Und er zeigte Erasmus gleichzeitig, dass der menschliche Wille zu nichts fähig ist, wenn es darum geht, vor Gott Heil und Gnade zu erlangen. Weil es in seiner Schrift „De servo arbitrio“ (Von geknechteten Willen) um diese beiden grundlegenden Themen ging, hielt Luther diese Schrift (neben dem Katechismus) für sein wichtigstes theologisches Werk.

Von Gender-Mainstreaming zur Akzeptanz sexueller Vielfalt

51ygbRo6ufL SX329 BO1 204 203 200Christoph Raedel hat ein zweites Buch über Gender-Mainstreaming geschrieben. Ich konnte es bisher nur überfliegen. Ohne es ganz gelesen zu haben, empfehle es gern weiter und schließe mich der Rezension, die Moritz Breckner für das MEDIENMAGAZIN PRO geschrieben hat, an:

„Der blinde Fleck im Konzept von Gender-Mainstreaming ist die fehlende Frage nach den Bedürfnissen von Kindern“, schreibt Raedel. Kinder unter drei Jahren brauchen für die optimale Entwicklung eine feste Bezugsperson, im Normalfall die Mutter – dies sei wissenschaftlich unstrittig. Auch in der Sexualpädagogik und beim Adoptionsrecht sei Ideologie wichtiger als reale Gegebenheiten.

Raedels nicht immer ganz objektives, aber stets sachliches Buch ist eine Bereicherung für den Diskurs. „Gender“ kann ein Augenöffner sein für alle, die sich in die Thematik hineinarbeiten wollen, und ein Nachschlagewerk für Pastoren, Journalisten oder Pädagogen. Der Theologe liefert Argumente, nicht um jeden Streit zu gewinnen, aber um als Christ begründet Zweifel anzubringen am Menschen- und Geschlechterbild, das der Zeitgeist gerade vorgibt. Was es wirklich brauche, schlussfolgert Raedel, sei ein „Familien-Mainstreaming“, das die Frage stelle, „wie Familien darin unterstützt werden können, als Familien zu leben, anstatt lediglich als Projektionsfläche feministischer Gleichheitsfantasien oder als Modul marktwirtschaftlicher Rechenspiele betrachtet zu werden“.

Lebendiger Glaube

Martin Luther schreibt zu Röm 3,28:

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

in seinen „Thesen für fünf Disputationen über Römer 3,28 (1535–1537)“ (G. Wartenberg, W. Härle, & J. Schilling (Hrsg.), Christusglaube und Rechtfertigung: Deutsche Texte, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, Bd. 2, S. 403–405):

1. Glaube muss hier als wahrer Glaube und als Gabe des Heiligen Geistes verstanden werden. 2. Wenn Paulus so verstanden wird, dass er vom erworbenen oder historischen Glauben redet, dann müht er sich ganz vergeblich. 3. Denn sogar die Scholastiker, obwohl sie von diesen Dingen keine Ahnung haben, gestehen zu, dass ein solcher Glaube nicht rechtfertigt. 4. Sie lehren ja sogar, dass selbst der vom Heiligen Geist eingegossene Glaube nicht rechtfertigt, wenn er nicht durch die Liebe geformt ist. 5. Denn das bekräftigen sie öffentlich, dass der eingegossene Glaube zusammen mit einer Todsünde bestehen und dass er verdammt werden kann. 6. Hieraus folgt: Wenn man meint, Paulus rede von einem solchen Glauben, dann meint man, er verkündige einen untätigen und erträumten Christus. 7. Denn Christus hilft und nützt solchen Gläubigen nicht mehr als selbst den Dämonen und Verdammten. 8. Da aber Paulus wortreich dem Glauben die Rechtfertigung zuschreibt, ergibt sich zwingend, dass er nicht über solche Glaubensgestalten (um sie so zu nennen) redet, die man als erworbenen, eingegossenen, ungeformten, geformten, nicht entfalteten, entfalteten, allgemeinen oder besonderen Glauben bezeichnet. 9. Diesen erworbenen Glauben gestehen sie sogar den Dämonen und den allerbösesten Menschen zu. 10. [Paulus] muss also von einem anderen Glauben sprechen, der Christus in uns zur Wirkung bringt gegen Tod, Sünde und Gesetz, 11. und der uns nicht den Dämonen und den Menschen, die zur  Hölle fahren, gleichen lässt, sondern uns den heiligen Engeln und den Kindern Gottes, die zum Himmel auffahren, gleich macht. 12. Das aber ist (wie wir ihn nennen) der Glaube, der Christus ergreift, der für unsere Sünden stirbt und um unserer Gerechtigkeit willen aufersteht, 13. das heißt, der nicht nur hört, was die Juden und Pilatus bei der Kreuzigung Christi getan haben oder was von seiner Auferstehung erzählt wird, 14. sondern der erkennt, dass die Liebe Gottes, des Vaters, dich durch Christus, der für deine Sünden hingegeben ist, erlösen und retten will. 15. Paulus verkündigt diesen Glauben, den der Heilige Geist auf die Evangeliumspredigt hin in den Herzen der Glaubenden bewirkt und erhält.

Voodoo-Rituale und der Menschenhandel

Erst am 5. September habe ich darauf aufmerksam gemacht  dass sich Voodoo heute auch in Europa großer Beliebtheit erfreut und die Bedenken gegenüber dem Zauber auf Klischees und Vorurteile zurückgehen. Im Grunde verhielten sich nur noch die Evangelikalen gegenüber dem Kult „extrem intolerant“.

Zugleich wird merkwürdigerweise sichtbar, welch große Rolle der Voodoo-Kult im Menschenhandel spielt. „Grausige Rituale, skrupellose Verwandte und verängstige junge Frauen: Mit großen Versprechungen werden Mädchen aus Nigeria nach Europa gelockt, mit Hilfe der afrikanischen Voodoo-Religion gefügig gemacht und so jahrelang zur Prostitution gezwungen“, berichtet der FOCUS.

Journalisten des Magazins STERN haben beobachtet, wie Frauen in Ritualen seelisch gebunden werden:

„Ich musste meine Finger- und Fußnägel schneiden und dann den oberen Teil meines Schamhaars“, erzählt Faith. Sie nahm ein Bad zwischen Tierhäuten, schluckte heißes Gebräu, sie strichen ihr das Blut einer geschlachteten Ziege auf die Stirn. Nackt verneigte sie sich vor dem Priester, sprach ihm nach und leistete den Schwur: Sie würde nach Europa gehen, sie folge allen Anweisungen, sie zahle 35.000 Euro zurück, sie erzähle nichts der Polizei. Breche sie den Eid, würde Ayelala Vergeltung üben in ihrer Familie, bis hin zum Tod.

Die Zeitschrift DIE WELT berichtet

„Die Täter gehen oft mit großer Brutalität vor“, sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke in Berlin. Die Opfer würden durch körperliche Gewalt, Vergewaltigungen und Todesdrohungen zur Prostitution gezwungen. In schwarzafrikanischen Ländern würden zunehmend Voodoo-Rituale eingesetzt, um Frauen Angst einzujagen und ihnen vor der Schleusung nach Deutschland ein Schweigegelübde aufzuerlegen. Diese Opfer sind dann meist auch nicht bereit, mit der deutschen Polizei zusammenzuarbeiten. Ihre Aussagen aber sind notwendig, um überhaupt gegen die Täter ermitteln zu können.

Ist Voodoo also ganz harmlos? Der Kenianer Amkele Baming’a erklärte dem DLF, was heute kaum noch jemand glauben will: „Diese Witchdoctors benutzen satanische Kräfte. Denn Dämonen sind real. Das steht sogar in der Bibel: Mit satanischen Kräften kann man Wunder wirken.“

Die tödliche Versuchung

Markus Somm hat für die Basler Zeitung die lange Blutspur des Kommunismus nachgezeichnet. Das fatale Experiment hat wahrscheinlich 100 Millionen Menschen das Leben gekostet. Trotzdem hat der Kommunismus Intellektuelle angezogen und er tut es immer noch. Die Sowjetunion war der erste Staat, der Gott abschaffte und dessen Führung sich gleichzeitig für unfehlbar erklärte.

Lenins Putsch von 1917 bleibt eine der grössten Tragödien der Menschheitsgeschichte. Es war ein tollkühner, brutaler Coup, auf den das permanente Massaker folgte, das man als Kommunismus bezeichnete, und dank dem unzählige Linke, oft Söhne und Töchter aus bestem Hause wie Daniel Vischer, die alle Vorzüge des Kapitalismus kannten, sich eine gerechtere Welt erhofften. Doch selten haben Menschen anderen Menschen so viel Schlimmes, Grausames, Entsetzliches angetan, im Glauben, so das Los der Menschheit zu verbessern. Wie viele Menschen die Kommunisten in der Sowjetunion, in China, Vietnam, Kambodscha, Nordkorea, Kuba, Osteuropa oder Afrika umgebracht haben, ist Gegenstand der wissenschaftlichen Debatte nach wie vor. Unbestritten ist, dass es mindestens 65 Millionen waren, die starben, wahrscheinlich gingen gar 100 Millionen Menschen daran zugrunde. Die grössten Mörder hiessen Lenin, Stalin, Mao Zedong und Pol Pot, ihnen assistierten Abertausende kleiner Mörder.

Mehr: bazonline.ch.

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