Praktische Theologie

Wie alt sind die Kirchgänger?

Jim West hat gestern in seinem Blog eine Grafik veröffentlicht, die zeigt, wie alt Kirchgänger verschiedener Denominationen und Anhänger sonstiger religiöser Gemeinschaften in Nordamerika sind. Treffend die Andeutung, dass dieses Ergebnis nicht widerspiegelt, dass in den letzten Jahren mit exorbitantem Aufwand versucht wurde, junge Leute in die Gemeinden zu locken. In der Katholischen Kirche gibt es mehr junge Leute als bei den Südlichen Baptisten.

Hier die Grafik:

VD: JW

Pornografie: „Nein“ und doch „Ja“

Halee Gray Scott hat für CT einen guten Artikel über Pornografie geschrieben.

Porn advocates argue that pornography feeds our innate and uncontrollable instincts, and that healthy adults should explore those instincts freely. Christians know better. We are right to exhort each other to make every thought captive to Christ and to live into our new life in him.

But, as we have learned from abstinence campaigns, Christians need to offer a robust teaching that goes beyond simply repeating “this is wrong.” I saw the benefits of abstinence once I recognized what premarital sex did to my soul and witnessed the example of others choosing a better path. Likewise, when we argue against porn, we ought to, as an English proverb advises, “Use soft words and hard arguments.” Here, we find an ally in social science, which has linked porn with troubling biological, neurological, and relational outcomes.

The commentators and researchers are, in part, right: Porn isn’t just an individual moral problem. It strikes to the heart of what it means to be human. This is why Paul urges believers to “flee from sexual immorality. All other sins a person commits are outside the body, but whoever sins sexually, sins against their own body” (1 Cor. 6:18). Sexual sin can affect us in profound and devastating ways. Some sins we can fight. Others we must flee—even when temptation is only a Google search away.

Mehr: www.christianitytoday.com.

Mission und Transformation

Buchhinweis:

41Zu8+bvIVL SX341 BO1 204 203 200In den letzten Jahren hat die missionale Theologie weltweit für Aufsehen gesorgt. Ihre Vertreter leiten aus der Reich Gottes-Perspektive die kirchliche Verpflichtung ab, die Gesellschaft zu verändern, zum Beispiel, indem sie sich für den Umweltschutz oder „Soziale Gerechtigkeit“ einsetzen.

Auch in Deutschland wird um den Wert und das Profil der Gesellschaftstransformation gerungen. So war etwa die Jahrestagung des Arbeitskreises für evangelikale Missiologie (AfeM, heute genannt: Evangelischer Arbeitskreis für Mission, Kultur und Religion) dem Thema „Evangelisation und Transformation“ gewidmet (die Referate sind erschienen in Robert Badenberg u. Friedemann Knödler (Hg.). Evangelisation und Transformation: „Zwei Münzen oder eine Münze mit zwei Seiten?“  Edition afem Mission reports. Nürnberg u. Bonn: VTR u. VKW, 2013). Auch die Staatsunabhängige Theologische Hochschule Basel (STH) veranstaltete 2014 eine Ringvorlesungsreihe über „Mission und Transformation“.

Harald Seubert hat die Vorträge dieser Reihe nun in einem Band herausgegeben. Enthalten sind Beiträge von Rolf Hille, Peter Beyerhaus, Steffen Schweyer, Andreas Loos und Klaus W. Müller. Eingeleitet wird die Publikation durch einen Vortrag, den der Herausgeber im Jahre 2014 vor dem Professorium und den Doktoranden der STH gehalten hat.

Seubert begrüßt das in den letzten Jahrzehnten neu erwachte Interesse an den Fragen der Inkulturation. Das Evangelium gibt seiner Meinung nach keiner Kultur den Vorrang, sondern beurteilt alle Kulturen nach seinem eigenen Maßstab. Allerdings bedürfe es bei aller notwendigen Hinwendung zu Kultur keiner „unkritischen Übernahme säkular entwickelter Interkulturalitätskonzeptionen, sondern deren theologischer Kritik und Aufnahme von der Mitte des Evangeliums her“ (S. 20). „Die Welt umarmen“ reiche nicht. Der Band führt ausgewogen in die Hauptposition der aktuellen Missionswissenschaft ein und ist somit ein wichtiger Beitrag im Klärungsprozess.

Tim Keller: Beten

190943(1)Nachfolgend eine Rezension des Buches (zuerst erschienen in: Glauben und Denken heute, Ausgabe 1/2016, Nr. 17, 9. Jg., S. 36–39. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung):

Tim Keller: Beten

Wie für viele Christen ist auch für mich das Gebetsleben eine Dauerbaustelle. Gebet fordert wieder und wieder meine Entscheidung und Disziplin. Es gibt Tage, da fällt mir das Beten verhältnismäßig leicht. Dann kommen wieder Tage, in denen ich richtig zu kämpfen habe. Rituale und Werkzeuge, etwa Gebetsorte oder -listen, helfen zwar, lösen aber die Probleme nicht.

Gern habe ich zu Büchern gegriffen, die sich dem dem Gebetsleben befassen. Leider habe ich dabei mehrfach die Erfahrung gemacht, dass die Literatur mehr verspricht, als sie halten kann. Öfters habe ich mit neuem Mut eine viel verheißende Praxis oder Technik umzusetzen versucht. Bereits nach wenigen Tagen musste ich freilich betrübt feststellen, dass auch dieses Angebot keine Lösung für mich sein wird. Natürlich spricht das nicht unbedingt gegen die Literatur, sondern vielleicht nur gegen mich.

Als ich kürzlich davon erfuhr, dass ein Buch von Tim Keller über das Gebet in deutscher Sprache erschienen ist, wollte ich es nochmal wissen. Keller hat das Buch geschrieben, weil er als langjähriger Pastor noch immer keine Publikation kannte, die er mir Überzeugung und Freude Leuten empfehlen konnte, die mehr über das Gebet wissen wollten. Zwar kennt er eine Reihe guter Bücher. Die aber sind schon alt und greifen allerlei Fragen, die dem heutigen Beter ein Anliegen sind, nicht auf oder sind schlichtweg in einer zu antiquierten Sprache verfasst.

Keller geht in der Einleitung zu seinem Werk auf zwei große Denkschulen ein. Die meisten Autoren betrachten Gebet als ein Mittel, um die Liebe Gott zu erfahren. Gebet ist hier eine tiefe Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott. Es gibt jedoch Autoren, die im Gebet eher eine Art Ringkampf sehen, der meistens ohne große Gefühle auskommen muss. Zur zweiten Schule zählt er den Barthianer Donald G. Bloesch, für den das Gebet keine Gemeinschaftserfahrung ist, sondern ein Gehorsamsdienst (vgl. S. 10). Die erste Gebetshaltung bezeichnet Keller als gemeinschaftsorientiert, die zweite als gottesreichorientiert. Keller ist bemüht, beide Schulen miteinander zu versöhnen und findet in der Bibel dafür eine Grundlage. „Die traditionellen Grundformen des Gebets – Anbetung, Bekenntnis, Dank und Bitte – sind konkrete Praktiken und tiefe Erfahrungen“ (S. 13). Sein Programm heißt – und er greift dabei auf eine Formulierung von J. I. Packer und Carolyn Nystrom zurück: „Beten ist eine Reise, die uns ‚durch die Pflicht zur Freude‘ führt“ (S. 13).

Timothy Keller erzählt dann, dass er das (ernstliche) Beten erst in der zweiten Hälfte seines Lebens gelernt hat. Es gab dazu drei wichtige Anstöße, nämlich die gründliche Auseinandersetzung mit den Psalmen, die schrecklichen Anschläge am 11. September 2001 in seiner Heimatstadt New York und eine Krebsdiagnose. In dieser Zeit fingen er und seine Frau Kathy damit an, jeden Abend gemeinsam zu beten. Sie halten seit über 14 Jahren an dieser Gepflogenheit fest. Wenn einer auf Reisen ist, greifen sie auf moderne Technologien wie das Telefon zurück.

Das recht umfangreiche Buch, das vom Verlag erfreulicherweise im Hardcoverformat herausgegeben wurde, enthält fünf Teile. Im ersten Teil geht Keller der Frage nach, warum wir beten und weshalb das Gebet etwas Großartiges ist. Der zweite Teil klärt theologisch, was Beten überhaupt bedeutet. Immer wieder tritt Keller hier in den Dialog mit großen Gebetslehrern ein, darunter Aurelius Augustinus, Martin Luther, Johannes Calvin, John Owen, Jonathan Edwards oder Martin Lloyd-Jones.

Heute sind mystische Gebetsformen populär. Was hält Keller davon? Er bekennt sich dazu, dass Gebet in erster Linie Gespräch und nicht wortlose Begegnung ist. Dennoch kann und darf das Gebet von Gefühlen geprägt und Erfahrungen enthalten, die so ohne weiteres nicht zu beschreiben sind. Als einen Mann Gottes, der zu beidem steht, zitiert er den Erweckungsprediger Jonathan Edwards, der in einer Art geistlichem Tagebuch Folgendes notierte:

„Einmal … anno 1737 … ward mir, als ich über Gott nachsann und betete, ein Anblick, der für mich überwältigend war, von der Herrlichkeit des Sohnes Gottes als Mittler zwischen Gott und Mensch und von seiner wunderbaren, großen, vollen, reinen und süßen Gnade und Liebe und sanften und sachten Herablassung … Die Person Christi erschien [mir] unsäglich herrlich, mit einer Majestät, die groß genug war, alles Denken und Sinnen zu verschlucken … Dies ging, soweit ich es beurteilen kann, wohl eine Stunde lang, deren größeren Teil ich in einer Flut von Tränen und mit lautem Weinen verbrachte. Ich spürte ein Brennen der Seele, sich – ich kann es nicht anders ausdrücken – zu leeren und zunichtezuwerden, ganz im Staub zu liegen und erfüllt zu sein von Christo allein, Ihn zu lieben mit einer heiligen und reinen Liebe, Ihm zu vertrauen, von Ihm zu leben, Ihm zu dienen und nachzufolgen und vollkommen geheiligt und rein zu werden, mit einer göttlichen, himmlischen Reinheit.“ (S. 51–52)

Keller grenzt sich von Mystikern wie Thomas Merton, der übrigens Henri J. M. Nouwen stark inspiriert hat, klar ab. Die Mystiker suchen die unmittelbare Gottesvereinigung jenseits des Verstandes. „Der Mystiker möchte Gott selber und nicht Worte oder Ideen über Gott. Der Verstand wird hier als Grenze [im Sinne von „Begrenzung“, Anm. R. K.] gesehen, als Barriere zwischen dem Herzen und Gott. Aber Paulus ruft die Christen dazu auf, beim Beten ihren Verstand zu bewahren …“ (S. 66). Keller sucht einen Mittelweg:  „Wie so oft, geht es darum, die rechte Balance zu finden, und J. I. Packer findet sie. Er wendet sich entschieden gegen ‚die aus asiatischen Religionen und gnostischen und neuplatonischen Verzerrungen des Christentums stammende Auffassung, dass man sich Gott als unpersönliche Gegenwart und nicht als einen persönlichen Freund vorzustellen … habe‘, und fährt fort, dass ‚eine nicht-kognitive Nähe zu Gott, in der der Kopf von jeglichen persönlichen Gedanken über ihn, ja überhaupt von allen Gedanken geleert ist‘, nichts anderes als fernöstliche ‚Mystik in westlichem Kleid‘ ist“ (S. 68).

„Doch Packer stellt auch klar, dass ‚es [in der Tat] einen Platz für das Still-Sein vor Gott gibt … wenn, nachdem wir mit ihm gesprochen haben, die Freude über seine Liebe in unsere Seele strömt.‘ Es ist richtig, zuweilen im wortlosen Staunen und Anbeten vor Gott zu verharren, denn ‚wenn zwei Menschen einander lieben, gibt es auch Stunden, wo sie einander schweigend anlächeln und ihre Zweisamkeit: genießen, ohne dass es Worte braucht.‘ Doch andererseits suchen selbst Menschen, die über beide Ohren verliebt sind, instinktiv nach Worten und Ausrufen des Staunens, um auszudrücken, was sie fühlen. Packer kommt daher zu dem Schluss: ‚Das wortlose Beten ist nicht die Krönung …, sondern die gelegentliche Interpunktion des Gebets mit Worten.‘“ (S. 68–69)

Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem Erlernen des Betens. Tim Keller greift hier ausführlich auf die Weisheit der Väter zurück, allen voran auf Einsichten Augustinus, Luthers und Calvins. Das achte Kapitel enthält eine hilfreiche Deutung des „Vaterunsers“, die sich eng an die Sichtweise dieser drei Kirchenväter anlehnt. Das Gebet der Gebete ist eine Vorlage für unsere Gebete.

„Interessanterweise ist die Formulierung des Vaterunsers bei Lukas nicht Wort für Wort dieselbe wie bei Matthäus. Das Vaterunser ist so etwas wie die Zusammenfassung aller anderen Gebete, die große Gebetsvorlage, was die Prioritäten und Themen, den Zweck, ja den Geist allen Betens betrifft. Und so gilt: ‚Mag er [der Beter] auch noch so verschiedene Worte brauchen, so soll er doch im Sinn keine Abweichung eintreten lassen.‘ Das Vaterunser muss all unseren Gebeten seinen Stempel aufdrücken und sie durch und durch prägen, und wie könnte man das besser erreichen als durch Luthers Übung, zwei Mal täglich das Vaterunser mit eigenen Worten nachzubeten, um anschließend zum freien Lob- und Bittgebet überzugehen? Nicht minder wichtig ist die Tatsache, dass Jesus das Vaterunser im Plural und nicht im Singular formuliert hat. Wir bitten Gott, uns zu geben, was wir brauchen. Calvin schreibt: ‚Die Gebete der Christen müssen auch die anderen mit umfassen und ihr Ziel … in der Förderung der Gemeinschaft der Gläubigen haben.‘ Der amerikanische Theologe Michael S. Horton stellt klar, dass nach Calvin ‚der öffentliche Gottesdienst die private Andacht prägt und nicht umgekehrt‘. Calvin war die Gestaltung des Gemeindegottesdienstes und der Liturgie ein großes Anliegen, weil er hierin eine wichtige Vorlage für das private Gebet des einzelnen Christen sah.“ (S. 130–131)

Ausgesprochen hilfreich ist das neunte Kapitel. Keller nennt es „Die Prüfsteine des Gebets“. Ausgehend von der wohltuenden Beobachtung, dass es keinen Generalschlüssel für das richtige Beten gibt, formuliert er zwölf Prüfsteine, die uns helfen, zu erkennen, ob unsere Gebete Gott ehren. Die einzeln Punkte sind so aussagekräftig, dass ich mich darauf beschränke, sie aufzuzählen: (1) Arbeit – Beten ist Pflicht und Disziplin; (2) Dem Wort antworten – Beten ist Reden mit Gott; (3) Beten ist eine ausgewogene Mischung von Lob, Bekenntnis, Dank und Bitte; (4) Gnade – unser Gebet muss im Namen Jesu und auf der Basis des Evangeliums geschehen; (5) Ehrfurcht – Beten kommt aus einem ehrfürchtig liebenden Herzen; (6) Hilflosigkeit – Beten bedeutet, meine Schwäche und Abhängigkeit anzunehmen; (7) Eine neue Perspektive – Beten richtet uns neu auf Gott aus; (8) Innere Kraft – Beten ist Gemeinschaft mit Gott; (9) Begegnung mit Gott – das betende Herz sucht die Gegenwart Gottes; (10) Selbsterkenntnis – Beten erfordert und bewirkt Ehrlichkeit und Selbsterkenntnis; (11) Vertrauen – Beten erfordert und bewirkt stilles Vertrauen und zuversichtliche Hoffnung; (12) Hingabe – Beten erfordert und bewirkt die liebende Übergabe des ganzen Lebens an Gott.

Im vierten Teil geht es richtig zur Sache. Kellers These lautet: Wenn das Gebet ein Gespräch mit Gott ist, muss die Bibelmeditation Raum bekommen. Ausgehend von einer Betrachtung über Psalm 1 plädiert Keller für das gründliche Eintauchen in das Wort Gottes. Meditation baut also auf eine solide Textauslegung auf, ist aber gleichwohl mehr als Bibelinterpretation: „Biblische Meditation heißt, dass ich die Wahrheit Gottes in mein Herz aufnehme, bis sie dort ein Feuer entfacht, einen göttlichen Schmelzofen, der die Art, wie ich mit Gott, mit mir selber und mit der Welt umgehe, umschmiedet und verändert“ (S. 165). Keller betont, dass es nicht reicht, Gottes Wort rein intellektuell aufzunehmen. Wir müssen die Wahrheit durchdenken und dann „durchspüren“, so lange, bis sie uns groß wird und innerlich anrührt und satt macht, sodass „wir die Realität Gottes tief im Herzen spüren“.

Hier läuten wahrscheinlich bei eher gefühlsarmen Leuten (wobei ich bezweifle, dass es solche gibt) und Mystizismuskritikern die Alarmglocken. Dennoch glaube ich, dass Keller recht hat und das Wort Gottes nicht nur unseren Verstand, sondern das ganze Herz, also unser Persönlichkeitszentrum, erreichen will. Die ausführliche Fußnote 283 (S. 332–334) zeigt, dass Keller nicht auf die vier Schritte der lectio divina abzielt (Lesen, Meditation, Gebet und Kontemplation), sondern an Martin Luther und besonders John Owen anknüpft. Es geht daher nicht darum, ein persönliches Wort jenseits des Textsinns zu suchen oder nur nach der Liebe Gottes Ausschau zu halten. Es geht im Gebet auch nicht darum, „sich leer zu machen“, damit Gott sprechen kann. Das Wort ist das Mittel, durch das Gott zu uns spricht. Er zitiert Edmund Clowney: Das Gebet ohne Meditation „führt zu einer Gemeinschaft mit Gott, die armselig und distanziert ist“ (S. 160).

Im fünften Teil widmet sich Keller der Praxis des Gebets. Erneut knüpft er an Augustinus, aber auch an Thomas Cranmer und C. S. Lewis, an. Vorbildlich ausgewogen geht er dabei auf Sünde und Gnade ein: „Wenn wir nicht begreifen, was Gott unsere Vergebung gekostet hat, wird unser Sündenbekenntnis oberflächlich sein, und unser Herz und unser Leben werden sich nicht wirklich ändern. Und wenn wir nicht sehen, dass Gott uns gerne und bereitwillig vergibt, werden wir im Sumpf des schlechten Gewissens, der Scham und der Selbstverachtung stecken bleiben. Nur dann, wenn wir beides sehen – dass Gott uns gerne vergibt und was ihn dies gekostet hat –, werden wir auch frei von beidem: nämlich von der Schuld und von der Macht der Sünde in unserem Leben“ (S. 226–227).  Nur wer versteht, was Gott unsere Erlösung gekostet hat, weiß, was Sünde ist und kann Buße tun. Die Bitte um Vergebung ist konstitutiv für das Gebetsleben. Er zitiert John Stott, der darauf hingewiesen hat, dass zu echter Sündenerkenntnis nicht nur Freude über die empfangene Vergebung, sondern auch Betrübnis und Entsetzen über die Sünde gehört. Nur so verliert die Sünde Macht über unser Leben. „Für Stott hat echte Buße zwei Grundkomponenten – das Zugeben und Neinsagen. Wir fangen damit an, dass wir die Sünde als Sünde sehen, aber dann ‚kommt das Zweite: Wir sagen ihr ab, wir sagen Nein zu ihr … [Damit] nehmen wir die richtige Einstellung sowohl gegenüber Gott als auch gegenüber der Sünde ein“ (S. 233).

Keller vertieft das Thema „Buße“ weiter und beruft sich dabei auf die Puritaner. Hier geht es wirklich ans „Eingemachte“. Demnach reicht die Einsicht, dass Sünde mir schadet, nicht aus, um sie abzutöten. Es ist nicht genug, zu meinen: „Ich muss mit dieser Sache aufhören, sonst straft mich Gott.“ Das Meiden der Sünde allein führt aus der Ichbezogenheit nicht heraus. Jesus Christus gehört in das Zentrum unseres Denkens, da ihm unsere Liebe gilt. Er zitiert ein Selbstgespräch von John Owen: „Wie kann ich Jesus das antun, der doch für mich gestorben ist, damit ich der verdienten Strafe entgehe? Sollte ich den, der mir grenzenlose Liebe gebracht hat, so behandeln? Soll das der Dank dafür sein, dass er all das für mich getan hat? Wie kann ich mich weigern, anderen zu vergeben, wenn Jesus gestorben ist, damit ich Vergebung bekomme? Wie kann ich mich um mein Geld sorgen, wenn er mir sich selber als meine Sicherheit und wahren Reichtum gegeben hat? Sollte ich meinen Stolz pflegen, wenn Jesus sich seiner Herrlichkeit entäußerte, um mich zu erlösen?“ (S. 236). Weiter: „Diese auf Gott zentrierte Art, seine Sünde zu bekennen und aufzugeben, ist ein kräftiges Mittel zur Veränderung. Die Angst vor den Folgen verändert unser äußeres Verhalten durch äußeren Druck; die inneren Neigungen bleiben. Doch der Wunsch, dem Freude und Ehre zu machen, der mich erlöst hat und der alle Anbetung wert ist – das verändert das Herz von Grund auf. Der puritanische Autor Richard Sibbes schreibt in seinem Klassiker The Bruised Reed [dt. etwa „Das geknickte Rohr“], dass echte Buße nicht darin besteht, dass ‚wir ein wenig unseren Kopf hängen lassen‘, sondern darin, dass wir unser Herz zu solch einem Schmerz bringen, dass uns die Sünde mehr zuwider wird als die Strafe“ (S. 237).

Im 15. Kapitel präsentiert Keller resümierend seine Sichtweise auf das tägliche Gebets- und Andachtsleben. Er grenzt sich von mittelalterlichen Formen und evangelikalen Vorgehensweisen (inklusive der „Stillen Zeit“) ab und formuliert in Anlehnung an die Puritaner vier Anliegen: Erstens sollen wir öfter beten als nur einmal am Tag. Zweitens muss das tägliche Gebet auf das systematische Lesen und Studieren der Bibel gegründet sein. Drittens verknüpft er die persönliche Andacht mehr mit dem gemeinsamen Gebet in der Gemeinde. Viertens soll auch die Meditation zum Gebet gehören (vgl. S. 265–266).

Keller liefert schließlich ein Muster für die tägliche Andacht. Für das Morgengebet empfiehlt er ungefähr 25 Minuten, für das Abendgebet 15 Minuten. Eine tägliche Kurzandacht kann gleichfalls in den Alltag integriert werden und auch 15 Minuten lang sein. Im Anhang sind noch eine zweite Variante sowie tägliche Gebete des Reformators Johannes Calvin, die dem Genfer Katechismus von 1545 entnommen sind, zu finden.

Ein Buch ohne Mängel? Es gibt Kleinigkeiten, die meiner Meinung nach nicht ideal gelöst wurden. Eine sei kurz erwähnt: Tim Keller geht auf die Stundengebete von Phyllis Tickle ein und zählt einige ihrer wichtigsten Werke auf (siehe S. 264 und Fn 380). Eine kritische Stellungnahme zu der 2015 verstorbenen Mystikerin wäre aber angebracht gewesen, propagierte sie doch die für Mystiker bezeichnende Auffassung, Religionen unterschieden sich voneinander nur, weil sie sich in jeweils unterschiedlichen kulturellen Kontexten entwickelt hätten. Kellers Bemühtheit, möglichst „viele Leute mitzunehmen“, verdrängt gelegentlich klare Bewertungen.

Aber insgesamt tut das dem Wert des Buches keinerlei Abbruch. Es ist nicht nur das beste Buch, dass ich jemals über das Gebet gelesen habe. Es ist für mich obendrein das bisher beste Buch, das Tim Keller geschrieben hat (und ich weiß, das von ihm einige gute Bücher geschrieben wurden). Ich hoffe, dass es mein Gebetsleben auf lange Sicht verändert. Ob das tatsächlich der Fall sein wird, werde ich freilich erst in ein bis zwei Jahren wissen.

 

Die „Entstaltung“ der Gottesdienstkultur

Gottesdienste sind heute vielerorts eine Spielfläche für Experimente geworden. Wir sorgen dafür, dass wir in den Gottesdiensten immer häufiger dem begegnen, was wir sowieso gut kennen, nämlich unserer Alltagskultur. Sind Gottesdienste dafür da?

Mehr im Aufsatz „Gottesdienst als Spielwiese – Geistlicher Aufbruch durch neue Gottesdienstkulturen?“ (Bekennende Kirche, Nr. 52, 3/2013, S. 19–27): www.bekennende-kirche.de/heft/52.

Funktionalisierte Kirche

Pfarrer Christoph Bergner erklärt uns, mit was für Aufgaben ein typischer Pfarrer heute beschäftigt ist. Die funktionale Kirche hat übernommen; eigentlich kann der Pfarrberuf abgeschafft werden.

Funktionalisierung heißt auch Spezialisierung. Öffentlichkeitsarbeit, Umgang mit Medien, Umweltfragen, technologische Entwicklungen, Friedenspolitik u.v.a.m. gehören auch zu den Themenfeldern, für die sich die Kirche zu interessieren hat und zu denen sie Stellung nehmen muss. Die Vielfalt der Fragestellungen geht weit über den pastoralen Dienst hinaus. Sie ist schier unerschöpflich. Und je mehr Aufgaben in den Blick kommen, umso weniger werden sie im pastoralen Dienst gelöst werden können. Es ist also nur zu verständlich, wenn die Kirche ihr Personal an den gewandelten Kirchenbegriff oder besser an die gewandelten gesellschaftlichen Bedingungen anpasst. Unter diesen Gesichtspunkten ist es nur konsequent, dass Pfarrstellen in Stellen für Öffentlichkeitsarbeit umgewidmet und von Journalisten besetzt werden oder die Seelsorge von Psychologen übernommen wird.

Funktionalisierung heißt aber auch Hierarchisierung. Da die Gesellschaft sich ständig weiter entwickelt, muss immer wieder neu darüber entschieden werden, in welchem gesellschaftlichen Feld kirchliche Aktivitäten gebraucht werden. Vor einem Jahr etwa wusste die Kirche noch nichts von den neuen Aufgaben der Flüchtlingshilfe, mit denen sie sich für viele Jahre wird beschäftigen können. Die kirchenleitenden Gremien sind also verpflichtet, ständig die Funktionen zu überprüfen, die sie gerade wahrnimmt, und den finanziellen und personellen Möglichkeiten anzupassen. Das lässt sich nicht ohne einen Ausbau der Hierarchie umsetzen.

Mehr: wort-meldungen.de.

VD: JS

Suppe, Seife, Seelenheil

Sie stehen in blauen Uniformen und mit Blasmusikkapelle auf der Straße und missionieren – getreu ihrem Motto „Seife, Suppe, Seelenheil“. Die Heilsarmee, eine evangelische Freikirche, finanziert sich aus Spenden. In ihrem militärischen Auftreten kommt sie altmodisch daher. Doch immer wieder wollen junge Menschen Offiziere werden bei der Heilsarmee.

Hier ein Beitrag von Franziska Langhammer:

 

„Seht, da ist der Mensch!“ dekonstruiert

Mit „ecce homo“ benennt nach dem Johannesevangelium der römische Statthalter Pontius Pilatus den gefolterten und mit einer Dornenkrone gekrönten Jesus, weil er keinen Grund für dessen Verurteilung sieht (vgl. Joh 19,5, wo „ecce homo“ in Luther 1984 mit „Sehet, welch ein Mensch“ übersetzt wird).

Christian Geyer weist uns als Beobachter des Katholischen Kirchentages darauf hin, dass das „ecco homo“ gern schon mal „zweckentfremdet“ wird. Gemeint ist dann eben nicht mehr der Mensch „Jesus Christus“ im Kontext der Passionsgeschichte, sondern die Lebenswirklichkeit des Menschen in der Gesellschaft. Ein hermeneutischer Schachzug, von dem nicht nur Kardinal Marx beim Leipziger Abschlussgottesdienst Gebrauch gemacht hat. Er ist geradezu symptomatisch für Kirchen, die nicht mehr von Gott her denken, sondern vom Menschen aus und auf den Menschen hin.

Geyer:

Von alldem unberührt legt Reinhard Kardinal Marx beim Leipziger Abschlussgottesdienst das Motto des Katholikentags „Seht, da ist der Mensch!“ in der angesagten inklusiven Lesart aus, nämlich eben gerade nicht im Kontext der Passionsgeschichte als Wort des Pilatus über Jesus Christus (das klassische „Ecce homo!“, wie es in die christliche Tradition und Kunstgeschichte einging), sondern im Sinne der normativen Kraft menschlicher „Lebenswirklichkeit“. Gibt sie nun dem „Ecce homo“ das Maß vor statt umgekehrt? Alles von dieser Lebenswirklichkeit müsse zu seinem Recht kommen, wenn es in die christliche Perspektive gerückt werde (Marx sagt wirklich „Perspektive“, wenn es um die Erlösung geht; Blickwinkel sind allemal inklusionstauglicher als die Bekehrungsaufrufe der alten Schule). Er weiß sich da mit seinem Papst einig, welcher unterstreiche, dass die „Suchbewegung“ Gottes „im Grunde inklusiv“ sei, was bedeute, „möglichst alle in die Perspektive der Hoffnung mitzunehmen“.

Kurzum gehe es darum, und hier schlägt der Kardinal einen nachgerade begehrlichen Ton an, „dass wir als Kirche in Deutschland unseren Weg so gehen, dass wir die Wirklichkeit des Menschen nicht aus dem Blick verlieren“. Statt um „kirchliche Identität“ solle man sich um „den Menschen“, um „die Erde“ sorgen. Aber tun das nicht auch Greenpeace et al.? Der Markenkern der Kirche wird unscharf, wenn sie ihre Marketingstrategen „Ecce homo“ mit „ja zur gesamten Wirklichkeit des Menschen“ übersetzen lässt.

Wie kommt, nebenbei gefragt, die Kirche darauf, dass sie umso attraktiver sei, je mehr „Nähe“ sie nicht nur zum Sünder, sondern neuerdings auch zu seiner Sünde demonstriert? So inklusiv, so schamlos paternalistisch möchte man sich um Himmels willen doch gar nicht verstanden wissen.

Sehr lesenswert: www.faz.net.

VD: JH

Kirche muss intellektueller werden

Wenn die Predigt Allgemeinplätze und harmlose Anekdötchen verkoppelt, dann wird das als langweilig, vormodern oder überflüssig empfunden, meint der evangelische Theologe Knut Berner.

Wenn routiniert auf den Skandal des Kreuzes Christi verwiesen, aber zugleich ein Kuschelgott offeriert wird, der niemanden in Frage stellt und wenig erhellende Potentiale für den Umgang mit sperrigen Lebenssituationen anbietet, dann kann man sich gleich selber sein Gottesbild konstruieren.

Oder:

Wo aber nicht mehr geboten wird als die lahme These ‚Wir glauben alle irgendwie an denselben Gott‘, da verwundert es nicht, wenn Menschen von anderen Instanzen als der Kirche Antworten bevorzugen, die religiöse Bedürfnisse befriedigen.

Obwohl sich auch Berner einige Rückfragen gefallen lassen sollte (sicher auch wird) und die Rückkehr zum Bildungschristentum keine Lösung für die geistliche Öde wäre, unterstütze ich viele Facetten des Appells:  Wir brauchen anspruchsvollere Theologie und Predigten und dürfen einige Hörer ruhig überfordern.

Hier der Deutschlandradio Kultur-Beitrag vom 12. Juni 2016:

 

Gehet hin und lehret alle Völker

Reinhard Bingener und Friederike Böge haben für die FAZ einen ausgewogenen Artikel über zum christlichen Glauben konvertierende Muslime in Berlin geschrieben.

Vor fünf Jahren saß Pastor Gottfried Martens bei seinen Bibelstunden noch einer Handvoll älterer Herrschaften gegenüber. Wegen der geringen Mitgliederzahl gab es nur einen Gottesdienst pro Woche, ansonsten stand die Kirche leer. Inzwischen aber ist die Dreieinigkeitskirche im Berliner Stadtteil Steglitz vermutlich die am schnellsten wachsende Gemeinde Deutschlands. Zu den älteren Herrschaften sind inzwischen 850 Persisch-sprachige Konvertiten hinzugekommen. Weitere 350 Anwärter befinden sich derzeit in einem der viermonatigen Kurse zur Vorbereitung auf die Taufe. Fast alle Mitglieder und Taufwilligen sind Flüchtlinge, größtenteils aus Iran und in geringerem Maße aus Afghanistan, geboren und aufgewachsen als Muslime. Sie sind erst seit einigen Monaten oder wenigen Jahren in Deutschland, mehrheitlich leben sie noch in Migrantenunterkünften.

An einem Mittwoch haben sich in der schlichten Steglitzer Kirche rund 200 Taufschüler versammelt, die Holzbänke sind fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Es sind vor allem junge Männer und eine Handvoll Frauen. Viele tragen zum Zeichen ihrer Gläubigkeit einen Kreuzanhänger an einer Kette oder einem Armband. Sie lauschen den Worten von Pastor Martens, der zwischen den Bänken auf- und abschreitet, gefolgt von einem Übersetzer, der jeden seiner Sätze in persischer Sprache wiederholt. „Es gibt einige unter euch, die sich bei der Taufe zwischen Gott und ihren Eltern entscheiden müssen“, sagt Martens.

Mehr: www.faz.net.

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