Zitate

H. Bullinger: Die vorzüglichste Art der Gotteserkenntnis

Heinrich Bullinger über die Menschwerdung von Jesus Christus (Schriften IV, 2006, S 412): 

Die allerdeutlichste und vorzüglichste Art der Gotteserkenntnis bietet sich uns in seinem Sohn Jesus Christus, der Mensch geworden ist. So haben wir gerade gehört, dass sich auch dem Mose der Schatten Christi gezeigt hat, als sich Gott selbst in höchst vertraulicher Weise offenbaren wollte. Auch der Apostel Paulus bemerkt, dass wir »durch die Erkenntnis von der Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Christi« erleuchtet werden (2 Kor 4,6). Und an anderer Stelle nennt er ihn (Hebr 1,3) »Abglanz der Herrlichkeit des Vaters und Ebenbild seines Wesens«. Deutlich sagt er selbst im Evangelium (Mt 11,27): »Niemand erkennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.« Denn er selbst ist der Weg zum Vater, in ihm zeigt sich der Vater (vgl. Joh 14,6). Weiter lesen wir nämlich im Evangelium (Joh 1,18): »Niemand hat Gott jemals gesehen; der einzige Sohn, der im Schoße des Vaters ist, der hat Kunde von ihm gebracht.« Auch der Apostel sagt (1Kor 1,21): »Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Predigt die zu retten, die glauben.« Die Weisheit Gottes nennt er die Schöpfung selbst oder die Erschaffung der Welt und die wunderbaren Werke Gottes, durch die sich Gott der Welt kundtun wollte und mit deren Untersuchung und Erforschung sich die gesamte Weisheit aller Weisen bisher beschäftigt hat. Da aber hierbei die weltliche Weisheit nichts erreicht hat, da sie die Ursachen aller Dinge einem anderen zuschrieb als Gott, dem alleinigen und wahren Ziel, wurden sie, wie der Lehrer der Heiden sagt, in ihrem eigenen Denken zu Narren, während sie doch glaubten, weise zu sein (vgl. Röm 1,22). Und so gefiel es Gott, der Welt auf eine andere Weise bekannt zu werden, nämlich durch die törichte Predigt des Evangeliums, die in Wirklichkeit die höchste Wahrheit ist, der menschlichen Weisheit aber töricht scheint. Den Menschen dieser Welt scheint es eine Torheit zu sein, dass der wahre Gott Fleisch angenommen, mit uns auf Erden geweilt, Entbehrung und Hunger erduldet, gelitten haben und gestorben sein soll. Aber gerade auf diese Weise wird Gott und seine Weisheit, Güte, Wahrheit, Gerechtigkeit und Macht der Welt auf das Herrlichste bekannt. Denn die unaussprechliche Weisheit Gottes leuchtet aus dem ganzen Wirken Christi und dem wunderbaren Erlösungsvorgang einzigartig auf, insbesondere wenn wir die Gründe dafür untersuchen – davon soll an anderer Stelle die Rede sein –und auch die Lehre Christi betrachten. Darin, dass der Sohn Mensch geworden ist, wird deutlich, wie wohlgesinnt Gott der in Sünden verstrickten Welt ist, da er sich ihr ja mit einem unauflöslichen Bund verbindet und die Söhne des Todes und des Satans durch Christus zu seinen Kindern und zu Erben des ewigen Lebens annimmt [vgl. Tit 3,7]. Dass Christus aber alles, was die Propheten kraft der Offenbarung durch Gott von ihm vorausgesagt haben, im Einzelnen so genau erfüllt, dass er auch das, was Gott der Vater in ihm verheißen hatte, so freigebig gewährt, beweist, wie unverrückbar und wahrhaftig der ewige Gott ist [vgl. Joh 3,33; Röm 3,4]. In den Taten und Wundem Christi, unseres Herrn, in seiner Auferstehung, in seiner herrlichen Himmelfahrt, in der überreichen Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Jünger und insbesondere in der Bekehrung des ganzen Erdkreises vom Heidentum und Judentum zur evangelischen Wahrheit eröffnet sich die Macht Gottes, seine Langmut, Erhabenheit und unaussprechliche Wohltätigkeit. Im Tode seines Sohnes leuchtet die übergroße Gerechtigkeit Gottes auf, die ja durch unsere Sünden verletzt wurde und sich daher auf keine andere Weise besänftigen ließ als durch ein derartiges Sühneopfer. Dadurch aber, dass er seinen eingeborenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für uns seinen Feinden und den Gottlosen hingegeben hat [vgl. Röm 8,32], erstrahlt die Barmherzigkeit, welche zu Recht höher als alle Werke Gottes gepriesen wird. In seinem Sohn und durch ihn zeigt sich somit Gott der Welt auf deutlichste Weise, derart, dass alles, was man über Gott und seinen Willen wissen soll und was es an himmlischer, heilsamer Weisheit gibt, durch den Sohn gänzlich offenbar und sichtbar wird.

A. Kuyper: Das Zeugnis des Heiligen Geistes

Abraham Kuyper sagt über das Zeugnis des Heiligen Geistes (Calvinismus, 2021 [1898], S. 63):

Die Notwendigkeit des Glaubens an die Heilige Schrift beruht darum für den Calvinisten nicht auf logischen Erwägungen, sondern auf dem immittelbaren Zeugnis des Heiligen Geistes, auf dem „testimonium Spiritus Sancti“. Seine Einsicht in die Inspiration ist abgeleitet, und abgeleitet ist jede kanonische Erklärung der Schrift, aber nicht abgeleitet, sondern unmittelbar wirkt die magnetische Kraft, womit die Schrift seine Seele wie der Magnet den Stahl anzieht und festhält. Und dies geht weder magisch noch unergründlich mystisch zu, sondern so, dass Gott zuerst sein Herz wiedergebiert, durch diese Wiedergeburt einen unversöhnlichen Streit zwischen seinem Herzen und der lügnerischen Welt um ihn her entfacht, und dann ihm in dieser Schrift eine Welt der Gedanken, eine Welt der Kraft und eine Welt des Lebens erschließt, wie sie auf sein wiedergeborenes Herz passt, damit übereinstimmt und als wahre, wesentliche Welt dazu gehört. Dass er diese Identität, die das wiedergeborene Leben seines eigenen Herzens mit der Welt der Heiligen Schrift aufweist, sehen und tasten kann, das ist dasjenige, was dieses „testimonium Spiritus Sancti“ in seinem Herzen zustande bringt. Er will seinen Gott wieder besitzen, er sucht den Heiligen, alles, was in ihm ist, dürstet nach dem Unendlichen, nun wohl, außer dieser Schrift gewährt er nur Schattenlinien, erst wenn er durch das Prisma dieser Schrift in die Höhe emporschaut, entdeckt er seinen Gott wieder wirklich. Darum legt er aber der Wissenschaft keine Fessel an: mag kritisieren, wer kritisieren will; auch die Kritik trägt in sich die Verheißung der Vertiefung unserer Einsicht in die Schrift.

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Karl Marx in Paris

In dem sehr empfehlenswerten Buch Karl Marx in Paris: Die Entdeckung des Kommunismus fand ich einen Abschnitt, in dem Jan Gerber anschaulich beschreibt, wie leichtfertig Karl Marx das Geld anderer Leute ausgegeben hat (Jan Gerber, Karl Marx in Paris, S. 59):

Der sorglose, geradezu leichtsinnige Umgang mit eigenem und fremdem Vermögen sollte zu Marx’ Markenzeichen werden. Auch später lebte die Familie regelmäßig am Rand des bürgerlichen Existenzminimums. Kam Geld ins Haus, dann wurde es innerhalb kürzester Zeit verprasst: Die Familie zog in immer größere Häuser und hielt sich zeitweise zwei Dienstmädchen; Eleanor, Laura und Jenny Marx, die drei Töchter, bekamen Klavier-, Zeichen-, Französisch- und Italienischunterricht.

Anders als vielen Marxisten des 20. Jahrhunderts, denen weniger an der Befreiung des Proletariats als an der Proletarisierung der Befreier gelegen war, ging es Marx, das stellte er schon in den Pariser Manuskripten klar, nicht um die Forderung nach gleichem Elend für alle. In seinen besten Momenten hatte er stattdessen den Lebensstil des untergehenden Adels als Blaupause für eine zukünftige Gesellschaft vor Augen.

VD: RK

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Alexis de Tocqueville: Die gewaltige Vormundsschaftsgewalt

Was Alexis de Tocqueville in den 1830er Jahren über die die seichte Abschaffung der Demokratie in Amerika geschrieben hat, klingt für mich so interessant und aktuell, dass ich den TheoBlog-Lesern ein längeres Zitat zumuten möchte. Ich wurde durch den Artikel „When Fear leads to Tyranny“ von Jonathan Sumption auf das Buch Über die Demokratie in Amerika aufmerksam. Nach Sumption beschreibt Alexis de Tocqueville unüberbietbar klar, wie ein fürsorglicher Staat seinen Bürgern Stück um Stück ihre Selbstbestimmung nimmt. Die Akteure setzten die Vormundschaftsgewalt so geschickt ein, dass die Bürger den schleichenden Prozess der Entmündigung sogar als Fürsorge wahrnehmen.

Also hier (Über die Demokratie in Amerika, 2021 [1835], S. 411–413):

Ich bin der Ansicht, die Art der Unterdrückung, die den demokratischen Völkern droht, wird mit nichts, was ihr in der Welt voraufging, zu vergleichen sein; unsere Zeitgenossen würden ihr Bild in ihren Erinnerungen vergeblich suchen. Ich selbst suche vergeblich nach einem Ausdruck, der die Vorstellung genau wiedergibt, die ich mir von ihr mache, und der sie umfasst; die alten Begriffe Despotismus und Tyrannei passen nicht. Die Sache ist neu, und da ich sie nicht benennen kann, muss ich versuchen, sie zu beschreiben. Ich will entwerfen, unter welchen neuen Zügen der Despotismus sich in der Welt einstellen könnte: Ich sehe eine unübersehbare Menge ähnlicher und gleicher Menschen, die sich rastlos um sich selbst drehen, um sich kleine und gewöhnliche Freuden zu verschaffen, die ihr Herz ausfüllen. Jeder von ihnen ist, ganz auf sich zurückgezogen, dem Schicksal aller anderen gegenüber wie unbeteiligt: Seine Kinder und seine besonderen Freunde sind für ihn die ganze Menschheit; was seine übrigen Mitbürger angeht, so ist er zwar bei ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, aber er spürt sie nicht; er lebt nur in sich und für sich selbst, und wenn ihm auch noch eine Familie bleibt, so kann man doch zumindest sagen, ein Vaterland hat er nicht mehr. Über diesen Bürgern erhebt sich eine gewaltige Vormundschaftsgewalt, die es allein übernimmt, ihr Behagen sicherzustellen und über ihr Schicksal zu wachen. Sie ist absolut, ins Einzelne gehend, pünktlich, vorausschauend und milde. Sie würde der väterlichen Gewalt gleichen, hätte sie – wie diese – die Vorbereitung der Menschen auf das Mannesalter zum Ziel; sie sucht aber, im Gegenteil, die Menschen unwiderruflich in der Kindheit festzuhalten; sie freut sich, wenn es den Bürgern gutgeht, vorausgesetzt, dass diese ausschließlich an ihr Wohlergehen denken. Sie arbeitet gern für ihr Glück; aber sie will allein daran arbeiten und allein darüber entscheiden; sie sorgt für ihre Sicherheit, sieht und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, leitet ihre gewerblichen Unternehmungen, regelt ihre Erbfolge und teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht vollends die Sorge, zu denken, abnehmen und die Mühe, zu leben? Auf diese Weise macht sie den Gebrauch des freien Willens immer überflüssiger und seltener, beschränkt die Willensbetätigung auf ein immer kleineres Feld und entwöhnt jeden Bürger allmählich der freien Selbstbestimmung. Auf all das hat die Gleichheit die Menschen vorbereitet: hat sie bereit gemacht, es zu erdulden, ja es häufig sogar für eine Wohltat zu halten. So breitet der Souverän, nachdem er jeden Einzelnen der Reihe nach in seine gewaltigen Hände genommen und nach Belieben umgestaltet hat, seine Arme über die Gesellschaft als Ganzes; er bedeckt ihre Oberfläche mit einem Netz kleiner, verwickelter, enger und einheitlicher Regeln, das nicht einmal die originellsten Geister und die stärksten Seelen zu durchdringen vermögen, wollen sie die Menge hinter sich lassen; er bricht den Willen nicht, sondern er schwächt, beugt und leitet ihn; er zwingt selten zum Handeln, steht vielmehr ständig dem Handeln im Wege; er zerstört nicht, er hindert die Entstehung; er tyrannisiert nicht, er belästigt, bedrängt, entkräftet, schwächt, verdummt und bringt jede Nation schließlich dahin, dass sie nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger Tiere ist, deren Hirte die Regierung.

VD: MRW

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Francis Schaeffer: „Sogar die ‚sicheren‘ Richtlinien unseres ethischen Systems vergehen“

Francis Schaeffer schreibt über den ethischen Relativismus (Bitte, laß mich leben!, 1981, S. 155–156):

Mit der Zeit werden sogar die »sicheren« Richtlinien unseres ethischen Systems vergehen – die Rechte in unseren Staatsgrundgesetzen, die Freiheiten in unseren Verfassungsurkunden, die Prinzipien unserer Rechtssprechung, alles. Alexander Solschenizyn versteht dies nicht nur als theoretisches Problem in der humanistischen Philosophie. Er hat die konkreten Auswirkungen am eigenen Leib verspürt. Er schreibt:

Der Kommunismus hat niemals die Tatsache verschleiert, daß er jeden absoluten Moralbegriff verneint. Er lacht über »gut« und »böse« als unbestreitbare moralische Begriffe. Für den Kommunismus ist Moralität relativ. Je nach den Umständen kann jede Handlung, auch die Ermordung von Tausenden, gut oder schlecht sein. Es hängt alles von der Klassenideologie ab, wie sie eine Handvoll Menschen definiert – Worte wie gut und böse ernsthaft in den Mund zu nehmen, wird als peinlich empfunden. Wenn wir uns aber dieser Begriff e berauben lassen, was bleibt uns dann ? – Dann werden wir zu Tieren.

Wir im Westen müssen verstehen, daß es nicht nur die Länder hinter dem Eisernen Vorhang sind, die mit Hilfe dieser relativen Moral operieren. Auch der Westen geht jetzt diesen Weg. Die materialistische Weltanschauung hat diesen Teil der Erde genauso beeinflußt. Deshalb können wir auch bei uns dieselben Unmenschlichkeiten erwarten, vor denen Solschenizyn warnt. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen und denken: »Hier kann so etwas nie geschehen.« Vor allem dürfen wir nicht der irrigen Meinung verfallen, daß dies doch zum Großteil oder überhaupt nur eine Frage der militärischen und wirtschaftlichen Macht sei. Das Problem ist viel subtiler, viel akuter, ja schon ein krebsartiges Geschwür in unserer Mitte: es ist die materialistische Philosophie, die der westlichen humanistischen Weltanschauung zugrunde liegt. Marx hat wohl ein Wirtschaftssystem vorgeschlagen, das sich von dem unseren unterscheidet, aber wir teilen seine grundsätzliche Weltanschauung.

Falsche Geistlichkeit

Screwtape erteilt dem Unterteufel Wormwood in den Dienstanweisungen für einen Unterteufel den aufschlussreichen Rat (Brief XXVII):

Falsche Geistlichkeit ist stets zu fördern.

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Charles Taylor wird 90

Der kanadische Philosoph Charles Taylor wird heute 90 Jahre alt. Christian Geyer würdigt ihn mit dem Artikel „Zauber der Vernunft“ (FAZ, 05.11.2021, Nr. 258, S. 13). Zwei Zitate: 

Warum Taylor zu den großen Säku­la­ri­sie­rungs-Theo­re­ti­kern gehört, hat damit zu tun, dass er die Frage nach Gott moder­ne­kri­tisch einfach umdreh­te. Nicht nach Art von Subs­trak­ti­ons­theo­ri­en wollte er die Moder­ne denken, also nicht so, dass der Mensch sich erst seiner Tran­szen­den­zen entle­digt hätte, bevor er das Licht der Vernunft erblickt. Sondern um­gekehrt erklär­te Taylor die Tran­szen­denz­lo­sig­keit zu einer Schwund­stu­fe der Vernunft, zur Minus-Vernunft.

Die Verleug­nung der Tran­szen­denz oder besser: den Verlust ihrer Selbst­ver­ständ­lich­keit macht Taylor verant­wort­lich für die libe­ra­lis­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen der Mo­derne. Von diesem Verlust her er­kennt er ein Versie­gen von mora­li­schen Quel­len, ohne welche das Selbst- und Welt­ver­ständ­nis des Menschen defi­zi­tär bleibe, wie er in seinem Haupt­werk „Quel­len des Selbst. Die Entste­hung der neuzeit­li­chen Iden­ti­tät“ darzu­le­gen suchte. Es ist dieser reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­sche Kern, um den herum Taylor seine An­thropologie baute, über Jahr­zehn­te in etli­chen Büchern und Aufsät­zen entfal­te­te, dabei durch­gän­gig den psycho­lo­gi­schen Beha­vio­ris­mus als Fehl­an­zei­ge brand­mar­kend. „Wie wollen wir leben?“ – diese bewusst volun­ta­ris­tisch formu­lier­ten, vom aufge­klär­ten In­di­viduum her gestell­te Frage nimmt die Sinn­fra­ge in die eigene Regie.

Die entstellte Gestalt der Kirche

Was Martin Luther vor rund 500 Jahren über die Verwüstung der Kirche geschrieben hat, trifft die Kirche, die katholische wie die evangelische, heute mehr als damals. Gerhard Ebeling schreibt zur Klage des Reformators (Luthers Seelsorge an seinen Briefen dargestellt, 1999, S. 226–228):

[Die] geistliche antichristliche Verwüstung der Kirche ist in Christi natürlichem Leib präfiguriert, was in Ps 89 (88),39–46 unverhüllt vorausgesagt ist. Von dort aus rückblendend auf Ps 22 (21) wird nun geradezu lawinenartig die geistliche Verwüstung der Kirche vorgeführt.

Ohne die Bezüge zum Psalmtext jetzt im einzelnen hervorzuheben, sei in Kürze nur die Fülle kirchlicher Mißstände angedeutet, die Luther hier beklagt. Die Kirche sei trotz des Übermaßes an religiösen Aktivitäten glaubensverlassen (im Sinne von „Gott-verlassen“), bei allem christlichen Anschein ohne Glaube und Liebe. Glaube und Christus seien zum Gespött geworden. Nicht der gelte als Christ, der an Christus glaubt, sondern wer dem Papst gehorcht. Unter der Herrschaft des vicarius Christi sei es mit der res Christiana aus. Die Bischöfe, unter deren Druck die Kirche steht, seien weder Priester noch Fürsten, sondern Monstren, etwas Widernatürliches, nur geschminkt nach dem Aussehen beider Stände. Die auf Christus getauften und durch sein Blut erlösten Seelen werden geringgeachtet wie verschüttetes Wasser. Mit dem Evangelium gehe man aufs nachlässigste um. So sei die Kirche in des Todes Staub gelegt, das heißt: zu Grabe getragen. Welch ein grauenhafter Anblick!

Indem Luther, dem Psalmtext folgend, das Schreckensbild der Kirche entwirft, gelangt er schließlich zu v. 19, dem anscheinend Geringfügigsten, dem Umgang der Kriegsknechte mit Christi Kleidern. Unter ekklesiologischem Aspekt vollzieht sich nun jedoch im Gegenteil eine Steigerung. Wenn alles, was Wort und Glaube betrifft, in der Kirche öffentlich unterdrückt wird, dann bleibe nur eines übrig, was noch an Christus erinnert: die heilige Schrift. In ihr ist die Wahrheit des Glaubens eingehüllt wie Christus in seinen Kleidern. Deshalb widerfährt der Kirche der äußerste Schade, wenn mit der heiligen Schrift leichtfertig umgegangen, sie in einen vierfachen Sinn zerteilt und wie im Würfelspiel aufs Geratewohl hin ausgelegt wird.

Bullinger: Von der Beschaffenheit der Liebe

Heinrich Bullinger schreibt über die Liebe und die Werke der Barmherzigkeit (Schriften III, 2006, S. 216–217):

Nun will ich noch einige Schriftzeugnisse hinzufugen, aus denen sich die Beschaffenheit der Liebe besser erkennen lässt, falls das, was bisher angeführt worden ist, etwas offen lassen sollte. Paulus schreibt Folgendes an die Korinther [1 Kor 13,4–7]: »Die Liebe ist langmütig, sie ist gütig; die Liebe eifert nicht, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf, sie tut nichts Unschickliches, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht an; sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber mit der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.« Und im Römerbrief schreibt der Apostel Paulus [vgl. Röm 12,10.13–16]: »Die Liebe schätzt den andern höher, sie nimmt sich der Bedürfnisse der Heiligen an, sie pflegt die Gastfreundschaft. Sie segnet, die sie verfolgen, und wünscht kein Unheil auf sie herab, sie freut sich mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden und lässt sich in die Gemeinschaft mit den Niedriggestellten hineinziehen.« Auch heißt es [Röm 13,8–10]: »Seid niemandem etwas etwas schuldig, außer dass ihr einander liebet. Denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn das Gebot: »Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren«, und wenn es irgendein anderes Gebot gibt, ist in diesem Wort zusammengefasst, in dem: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!« Die Liebe fügt dem Nächsten nichts Böses zu; so ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.«

Hierher gehören auch die Werke der Barmherzigkeit, die so, wie sie aus der Liebe hervorgehen, auch vom Herrn im Matthäusevangelium aufgezählt werden. Es sind vor allem: die Hungernden sättigen, den Dürstenden zu trinken geben, die Heimatlosen und Fremden aufnehmen, die Nackten bedecken und bekleiden und die Kranken und Gefangenen besuchen und trösten [vgl. Mt 25,3 5f.]. Im Hinblick darauf sagt Laktanz in seinen »Göttlichen Unterweisungen«, Buch 6, Kapitel 12,191 »Eine besonders vornehme Tugend ist die Gastfreundschaft und das Speisen von Bedürftigen. Auch der Loskauf von Gefangenen ist ein großes und lobenswertes Werk der Gerechtigkeit. Ein nicht minder großes Werk der Gerechtigkeit ist es, Waisen und Witwen zu beschützen und zu verteidigen, wie es das Gesetz Gottes überall vorschreibt. Auch Kranke, die niemanden mehr haben, der sich um sie kümmert, zu pflegen und zu unterstützen, ist ein großes Werk und entspricht höchster Menschlichkeit. Die letzte und höchste Aufgabe der Barmherzigkeit ist es, die Fremden und die Armen zu begraben.« So viel sei zu den Werken der Menschlichkeit gesagt, welche die wahre Nächstenliebe fordert.

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Calvins engagierte Predigten

41ym4jA4wtS SX331 BO1 204 203 200Peter Adam schreibt in „‚Preaching of a Lively Kind‘  – Calvin’s Engaged Expository Preaching“ (in: Mark D. Thompson (Hg.), Engaging with Calvin, S. 13–41, hier S. 13–14):

Calvin hat drei Arten von Schriften veröffentlicht, jede mit einem bestimmten Zweck, einer eigenen Gattung und einem speziellen Publikum. Die erste war sein theologisches Schrifttum , vor allem die Institutio. Hier wandte er sich an die Weltkirche und ging auf ihre Probleme ein. Die Gattung war die dichte Erläuterung eines Überblicks über theologische Themen. Der zweite Stil war die Erläuterung der Bibeltexte in seinen Kommentaren, die seine Vorlesungen für Studenten oder Geistliche in schriftlicher Form darstellten. Auch diese waren für die Weltkirche bestimmt.

Der dritte Stil war der seiner Predigten. Diese richteten sich an die Genfer Gemeinden und gingen auf ihre Probleme ein. Das Genre war die Auslegung und Anwendung der Bücher der Bibel. Dieser Stil war ursprünglich eher zum Hören als zum Lesen gedacht. Ab 1549 wurden seine Predigten jedoch systematisch stenografisch aufgezeichnet und anschließend veröffentlicht. So wurden die Predigten, die für die Genfer Kirche bestimmt waren, für das gesamte Volk Gottes zugänglich … Er ist der bedeutendste und zugleich der am meisten vernachlässigte Stil Calvins … Sie sind deshalb so bedeutsam, weil Calvin wusste, dass die großen Wahrheiten der christlichen Offenbarung ein Geschenk Gottes an sein Volk waren. Sie richteten sich nicht in erster Linie an Theologen und Pfarrer. Das Predigen, nicht die Theologie oder Bibelkommentare, ist das Herzstück des Dienstes und der Kirche.

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