Die entstellte Gestalt der Kirche

Was Martin Luther vor rund 500 Jahren über die Verwüstung der Kirche geschrieben hat, trifft die Kirche, die katholische wie die evangelische, heute mehr als damals. Gerhard Ebeling schreibt zur Klage des Reformators (Luthers Seelsorge an seinen Briefen dargestellt, 1999, S. 226–228):

[Die] geistliche antichristliche Verwüstung der Kirche ist in Christi natürlichem Leib präfiguriert, was in Ps 89 (88),39–46 unverhüllt vorausgesagt ist. Von dort aus rückblendend auf Ps 22 (21) wird nun geradezu lawinenartig die geistliche Verwüstung der Kirche vorgeführt.

Ohne die Bezüge zum Psalmtext jetzt im einzelnen hervorzuheben, sei in Kürze nur die Fülle kirchlicher Mißstände angedeutet, die Luther hier beklagt. Die Kirche sei trotz des Übermaßes an religiösen Aktivitäten glaubensverlassen (im Sinne von „Gott-verlassen“), bei allem christlichen Anschein ohne Glaube und Liebe. Glaube und Christus seien zum Gespött geworden. Nicht der gelte als Christ, der an Christus glaubt, sondern wer dem Papst gehorcht. Unter der Herrschaft des vicarius Christi sei es mit der res Christiana aus. Die Bischöfe, unter deren Druck die Kirche steht, seien weder Priester noch Fürsten, sondern Monstren, etwas Widernatürliches, nur geschminkt nach dem Aussehen beider Stände. Die auf Christus getauften und durch sein Blut erlösten Seelen werden geringgeachtet wie verschüttetes Wasser. Mit dem Evangelium gehe man aufs nachlässigste um. So sei die Kirche in des Todes Staub gelegt, das heißt: zu Grabe getragen. Welch ein grauenhafter Anblick!

Indem Luther, dem Psalmtext folgend, das Schreckensbild der Kirche entwirft, gelangt er schließlich zu v. 19, dem anscheinend Geringfügigsten, dem Umgang der Kriegsknechte mit Christi Kleidern. Unter ekklesiologischem Aspekt vollzieht sich nun jedoch im Gegenteil eine Steigerung. Wenn alles, was Wort und Glaube betrifft, in der Kirche öffentlich unterdrückt wird, dann bleibe nur eines übrig, was noch an Christus erinnert: die heilige Schrift. In ihr ist die Wahrheit des Glaubens eingehüllt wie Christus in seinen Kleidern. Deshalb widerfährt der Kirche der äußerste Schade, wenn mit der heiligen Schrift leichtfertig umgegangen, sie in einen vierfachen Sinn zerteilt und wie im Würfelspiel aufs Geratewohl hin ausgelegt wird.

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Irmi
Irmi
30 Tage zuvor

Welche Hinweise hatte Lutter, daß er die (synodalen) Irrwege der Kirche schon vor 500 Jahren antizipieren konnte?