Zitate

Vom Vertrauen in die Schrift

Gottfried Hermann fragt in seinem ausgezeichneten Artikel zur Reformation („Mehr als ein Kinderspiel“, Theologische Handreichung und Information, Nr. 4, 11/2017, S. 3–16, hier S. 15), woher der Martin Luther sein Gottvertrauen nahm? Die Antwort:

Es beruhte auf seinem unerschütterlichen Vertrauen in die Heilige Schrift als unverbrüchliches Wort Gottes. In diesem Wort fand er Halt in allen Anfechtungen. Denn in der Bibel redet Gott klar und verständlich zu uns Menschen. Das war es, was Luther 1525 dem großen Humanisten Erasmus entgegenhielt, der behauptet hatte, die Hl. Schrift enthalte viele dunkle (unverständliche) Stellen. Luther demonstrierte ihm das Gegenteil. Und er zeigte Erasmus gleichzeitig, dass der menschliche Wille zu nichts fähig ist, wenn es darum geht, vor Gott Heil und Gnade zu erlangen. Weil es in seiner Schrift „De servo arbitrio“ (Von geknechteten Willen) um diese beiden grundlegenden Themen ging, hielt Luther diese Schrift (neben dem Katechismus) für sein wichtigstes theologisches Werk.

Lebendiger Glaube

Martin Luther schreibt zu Röm 3,28:

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

in seinen „Thesen für fünf Disputationen über Römer 3,28 (1535–1537)“ (G. Wartenberg, W. Härle, & J. Schilling (Hrsg.), Christusglaube und Rechtfertigung: Deutsche Texte, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, Bd. 2, S. 403–405):

1. Glaube muss hier als wahrer Glaube und als Gabe des Heiligen Geistes verstanden werden. 2. Wenn Paulus so verstanden wird, dass er vom erworbenen oder historischen Glauben redet, dann müht er sich ganz vergeblich. 3. Denn sogar die Scholastiker, obwohl sie von diesen Dingen keine Ahnung haben, gestehen zu, dass ein solcher Glaube nicht rechtfertigt. 4. Sie lehren ja sogar, dass selbst der vom Heiligen Geist eingegossene Glaube nicht rechtfertigt, wenn er nicht durch die Liebe geformt ist. 5. Denn das bekräftigen sie öffentlich, dass der eingegossene Glaube zusammen mit einer Todsünde bestehen und dass er verdammt werden kann. 6. Hieraus folgt: Wenn man meint, Paulus rede von einem solchen Glauben, dann meint man, er verkündige einen untätigen und erträumten Christus. 7. Denn Christus hilft und nützt solchen Gläubigen nicht mehr als selbst den Dämonen und Verdammten. 8. Da aber Paulus wortreich dem Glauben die Rechtfertigung zuschreibt, ergibt sich zwingend, dass er nicht über solche Glaubensgestalten (um sie so zu nennen) redet, die man als erworbenen, eingegossenen, ungeformten, geformten, nicht entfalteten, entfalteten, allgemeinen oder besonderen Glauben bezeichnet. 9. Diesen erworbenen Glauben gestehen sie sogar den Dämonen und den allerbösesten Menschen zu. 10. [Paulus] muss also von einem anderen Glauben sprechen, der Christus in uns zur Wirkung bringt gegen Tod, Sünde und Gesetz, 11. und der uns nicht den Dämonen und den Menschen, die zur  Hölle fahren, gleichen lässt, sondern uns den heiligen Engeln und den Kindern Gottes, die zum Himmel auffahren, gleich macht. 12. Das aber ist (wie wir ihn nennen) der Glaube, der Christus ergreift, der für unsere Sünden stirbt und um unserer Gerechtigkeit willen aufersteht, 13. das heißt, der nicht nur hört, was die Juden und Pilatus bei der Kreuzigung Christi getan haben oder was von seiner Auferstehung erzählt wird, 14. sondern der erkennt, dass die Liebe Gottes, des Vaters, dich durch Christus, der für deine Sünden hingegeben ist, erlösen und retten will. 15. Paulus verkündigt diesen Glauben, den der Heilige Geist auf die Evangeliumspredigt hin in den Herzen der Glaubenden bewirkt und erhält.

Totem des Konsumkapitalismus

Matthew Crawford schreibt in Die Wiedergewinnung des Wirklichen: Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung (Berlin, 2017, S. 121–121):

Ob man sie nun als infantil oder als höchste Errungenschaft des europäischen Denkens betrachtet: Die Vorstellungen Kants sind der philosophische Ursprung der modernen Gleichsetzung von Freiheit und Wahlmöglichkeit, wobei die Wahl als bloßer Ausdruck des unbedingten Willens verstanden wird. Das ist grundlegend für das Verständnis unserer Kultur, denn der so verstandene freie Wille dient als zentrales Totem des Konsumkapitalismus, und wir halten jene, die uns die Wahlmöglichkeiten anbieten, für Diener unserer Freiheit.

Mann kann nicht behaupten, dass Kant die Grundausrichtung dieser Eingriffe verursacht hat. Aber wenn man von der Prämisse ausgeht, die stumpfsinnige Natur bedrohe unsere Freiheit als vernünftige Wesen, ist die Verlockung groß, eine virtuelle Realität zu konstruieren, die weniger real ist – ein nettes Wunderhaus, in dem das Selbst nicht mit der Welt kollidiert und in dem es keine Kontingenz gibt, die unsere Handy-Dandy-Maschine nicht vorwegnehmen könnte. Kant versuchte, die Freiheit des Willens gegen äußere Einflüsse abzuschotten und zu einem „unbedingten“ apriorischen Gesetz zu machen, aber dazu musste er den Willen in eine separate Sphäre auslagern, aus der er keine kausale Wirkung in dieser, von der Newton’schen Kausalität beherrschten Welt entfalten kann. Der Preis für diese Illusion der Autonomie ist Machtlosigkeit.

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Ersetzung der Wirklichkeit

Matthew Crawford schreibt in Die Wiedergewinnung des Wirklichen: Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung (Berlin, 2017, S. 116):

Die schleichende Ersetzung der Wirklichkeit durch die virtuelle Realität ist ein herausragendes Merkmal des heutigen Lebens, aber sie hat Vorläufer im abendländischen Denken. Sie ist ein Kulturprojekt, das sich ausgehend von Immanuel Kants Versuch entwickelt hat, die Autonomie des menschlichen Willens zu verwirklichen, indem die materielle Wirklichkeit durch Abstraktionen gefiltert wird.

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Aufmerksamkeitslandschaften

Matthew Crawford schreibt in Die Wiedergewinnung des Wirklichen: Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung (Berlin, 2017, S. 69–70):

Man kann es auch so ausdrücken: Im Rahmen des Befreiungsprojekts der Linken wurden überkommene kulturelle Vorrichtungen beseitigt, die dem Leben des Individuums einst eine gewisse Kohärenz verliehen hatten (die vorteilhaft oder nachteilig sein mochte). Es entstand ein kulturelles Autoritätsvakuum, das mit Aufmerksamkeitslandschaften gefüllt wurde, passend entworfen vom Entscheidungsarchitekten, der sich der Aufgabe mit größter Energie widmete. Und normalerweise handelte es sich um einen Architekten, der ein Ertragspotential sah.

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Wiedergewinnung des Wirklichen

Matthew Crawford schreibt in Die Wiedergewinnung des Wirklichen: Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung (Berlin, 2017, S. 10):

Mittlerweile führen wir ein weitgehend vermitteltes Dasein, in dem wir der Welt tatsächlich immer öfter durch Repräsentationen begegnen. Und diese werden für uns erzeugt. So ist die menschliche Erfahrung heutzutage hochgradig konstruiert und folglich leicht manipulierbar.

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„Versiegle das Gesetz in meinen Schülern!“

Melanchthon schreibt in seiner Historia Lutheri über die Kirche (Theologie und Kirchenpolitik, Bd. 2. Melanchthon deutsch. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2011, S. 190):

So lasst uns mit leidenschaftlichen Bitten Gott anflehen, er möge das Licht des Evangeliums hinfort bei vielen erhalten, wie auch Jesaja für seine Schüler betete: „Versiegle das Gesetz in meinen Schülern!“ Weiterhin zeigt diese Darlegung, dass falsche abergläubische Bräuche nicht dauerhaft sind, sondern durch göttliche Fügung ausgerottet werden. Da dies die Ursache von Umwälzungen ist, muss man sich davor in Acht nehmen, dass in der Kirche Irrtümer gelehrt werden.

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Luther auf dem Reichstag zu Worms

Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms im Jahre 1521:

Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“

Die Eitlen

Friedrich Nietzsche (Morgenröte, 385):

Wir sind wie Schauläden, in denen wir selber unsere angeblichen Eigenschaften, welche andere uns zusprechen, fortwährend anordnen, verdecken oder in’s Licht stellen, – um uns zu betrügen.

Luther als Psalmbeter

Philipp Melanchthon, beschrieb 1546 in seiner Beerdigungsrede für Luther den Reformator als Psalmbeter:

Ich bin selbst oft dazu gekommen, dass er mit heißen Tränen für die ganze Kirche sein Gebet gesprochen hat; denn er nahm sich täglich besondere eigene Zeiten und Weilen, etliche Psalmen zu sprechen, darunter mengte er mit Seufzen und Weinen sein Gebet zu Gott und ward oft in täglichen Reden unwillig über die, die da aus Faulheit oder wegen ihrer Geschäfte vorgaben, es sei genug, wegen allem Gott mit einem kurzen Seufzen anzurufen. Es sind – sprach er – uns darum Gebetsformen und -weisen vorgeschrieben, dass, so wir solche lesen oder sprechen, unsere Herzen dadurch erweckt und entzündet werden und dass auch unser Mund bekenne, welchen Gott wir anrufen.

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