Zitate

Das Urteil bleibt in Gottes Hand

Hans-Joachim Iwand schreibt (Rechtfertigungslehre und Christusglaube, 1961, S. 31):

… soviel Gott auch daran liegt, den Menschen gerecht zu machen, so wenig liegt ihm daran, ihn vor sich selbst gerecht erscheinen zu lassen. Das Urteil bleibt in Gottes Hand, in Christo, der Mensch bleibt der Beurteilte, omne bonum extra nos (dt. alles Gute außerhalb von uns).

„Anything goes“ ist eine riskante Devise

Moral ist ein Wort, das keiner mehr hören mag, zuallerletzt in der Literatur. Der israelische Schriftsteller Abraham B. Jehoschua hat die Gründe dafür abgewogen – und für zu leicht befunden. Seiner Meinung nach behandeln die heute dominierenden Massenmedien „moralische Fragen oft oberflächlich, aber äusserst schnell und effizient“. Die Literatur, die viel mehr leisten kann, dürfe sich nicht zurückziehen.

Jehoschua:

Wenn Künstler und Kulturschaffende sich von moralischen Fragestellungen verabschieden und sich stattdessen auf Werterelativismus, Postmodernismus, ethischen Nihilismus oder blosse politische Korrektheit zurückziehen, dann geben sie eine Rolle auf, die bisher in der Kulturgeschichte ebenso wichtig wie geachtet war: eine Rolle, die niemand anderes übernehmen kann.

Hier der bedenkenswerte Text des in Jerusalem geborenen Schriftstellers Abraham B. Jehoschua: www.nzz.ch.

Das Wort Gottes treiben

Gerhard Ebeling beschreibt in seiner Einführung zu Luther, wie dieser im Anschluss an die Zeit auf der Wartburg nach Wittenberg zurückkehrte, um das Wort zu predigen (Gerhard Ebeling, Luther: Einführung in sein Denken, Tübingen: Mohr Siebeck, 1965, S. 67):

In Wittenberg aber geht Luther auf die Kanzel, Tag für Tag, eine Woche lang, und hat durch das Wort dem rechten Gang der Reformation die Bahn gemacht, indem er klarstellte, daß das, was der Inhalt des Evangeliums ist, auch bestimmend sein muß für die Frage des reformatorischen Handelns, nämlich daß alles abzustellen ist auf Wort und Glauben: „Denn das Wort hat Himmel und Erde geschaffen und alle Dinge; das muß es tun und nicht wir armen Sünder. Summa Summarum: Predigen will ich’s, sagen will ich’s, schreiben will ich’s. Aber zwingen, dringen mit der Gewalt will ich niemand. Denn der Glaube will willig, ungenötigt angezogen werden. Nehmt ein Exempel von mir: Ich bin dem Ablaß und allen Papisten entgegen gewesen, aber mit keiner Gewalt. Ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst hab ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philippus und Amsdorf getrunken habe, also viel getan, daß das Papsttum so schwach geworden ist, daß ihm noch nie kein Fürst noch Kaiser so viel Abbruch getan hat. Ich hab nichts getan, das Wort hat es alles getan und ausgerichtet.“

„Jeder Ansatz zum Selbstdenken fehlt oft“

Wilhelm Niesel beschwerte sich 1931 in einem Brief an Karl Barth über die fehlende Denkbereitschaft seiner Studenten (Brief vom 19.01.1931, in: Karl Barth und Wilhelm Niesel: Briefwechsel 1924-1968, Vandenhoeck & Ruprecht, 2015, S. 91).

Im Seminar hier muß ich immer wieder die böse Erfahrung machen, daß die Leute heute z.T. überhaupt nicht mehr wissenschaftlich arbeiten können. Jeder Ansatz zum Selbstdenken fehlt oft. Man bekommt Referate, die einfach nur aus Exzerpten bestehen (Calvin sagt, Meyer sagt, Weiß sagt, usw. … folglich: …), so daß man sich fragt, was hat für diese Leute überhaupt das Studium bedeutet. Bei den Juristen und Medizinern ist diese Art ja schon längst eingerissen, daß man nicht mehr studiert, sondern nur Stoff einpaukt. Das scheint jetzt auch bei uns so zu werden. Da ist es besonders verheerend, nicht nur wegen des Prinzipiellen, daß bei uns doch wirkliche Aneignung nötig ist, sondern weil wir ja keine feste Lehre haben, die einfach eingepaukt werden könnte. Bei den vielen Stimmen, die auf sie einstürmen (etwa bei der Exegese), wissen die Leute sich dann überhaupt nicht zu helfen.

Was würde er wohl heute sagen?

[asa]3525560192[/asa]

 

„Man hat nicht auf den Herrn der Kirche gehört“

Der reformierte Theologe Wilhelm Niesel schrieb während des Kirchenkampfes im Dritten Reich an Karl Barth (Brief vom 21.07.1933, in: Karl Barth und Wilhelm Niesel: Briefwechsel 1924-1968, Vandenhoeck & Ruprecht, 2015, S. 113; es ging um Verhandlung mit dem Reichsbischof Ludwig Müller, der eine führende Rolle bei den mit den Nationalsozialisten kooperierenden Deutschen Christen einnahm):

Was wir heute erleben, ist die Katastrophe einer kirchengeschichtlichen Epoche, in der man in der Kirche die Wahrheitsfrage nicht ernst genommen hat. Der Ruf, die Kirche vom Bekenntnis her, vom verantwortungsvollen Verständnis des Wortes her zu gestalten, ist wirkungslos verhallt, nachdem es anfangs schien, als wollte man auf ihn hören. Man hat in Berlin im Lärm und in Loccum in der Stille auf alles Mögliche gehört, auf die Stimme seiner eigenen Überzeugung und auf die Forderung von allen möglichen Gruppen; aber man hat nicht auf den Herrn der Kirche gehört, …

[asa]3525560192[/asa]

 

Vom Schlüssel des Bindens

Dietrich Bonhoeffer (Nachfolge, 2013, S. 285–286):

Damit ist gesagt, daß in der Gemeinde der Heiligen Vergebung nur gepredigt werden kann, wo auch Buße gepredigt wird, wo das Evangelium nicht ohne Gesetzespredigt bleibt, wo die Sünden nicht nur und nicht bedingungslos vergeben, sondern auch behalten werden. So ist es der Wille des Herrn selbst, daß das Heiligtum des Evangeliums nicht den Hunden gegeben wird, sondern daß es nur im Schutz der Bußpredigt gepredigt werden kann. Eine Gemeinde, die nicht Sünde Sünde nennt, kann auch keinen Glauben finden, wo sie Sünde vergeben will. Sie versündigt sich am Heiligtum, sie wandelt unwürdig des Evangeliums. Sie ist unheilige Gemeinde, weil sie die teure Vergebung des Herrn verschleudert. Nicht damit ist es getan, daß über die allgemeine Sündhaftigkeit des Menschen auch in seinen guten Werken geklagt wird, das ist keine Bußpredigt, sondern konkrete Sünde muß genannt, gestraft und gerichtet werden. Das ist der rechte Gebrauch der Schlüsselgewalt (Matth. 16,19; 18,18; Joh. 20,23), die der Herr seiner Kirche gegeben hat, und von der die Reformatoren noch so nachdrücklich gesprochen haben. Um des Heiligtums willen, um der Sünder willen und um der Gemeinde willen muß in der Gemeinde auch der Schlüssel des Bindens, des Sündenbehaltens geübt werden.

Zum würdigen Wandel der Gemeinde vor dem Evangelium gehört die Übung der Gemeindezucht. Ebenso wie die Heiligung die Abscheidung der Gemeinde von der Welt bewirkt, muß sie auch die Abscheidung der Welt von der Gemeinde bewirken. Eins ohne das Andre bleibt unecht und unwahr. Die Gemeinde, die von der Welt abgesondert ist, muß nach innen Gemeindezucht üben.

Die Zeit ist kurz

Dietrich Bonhoeffer (Nachfolge, 2013, S. 209):

Die Zeit ist kurz. Die Ewigkeit ist lang. Es ist Entscheidungszeit. Wer hier am Wort und am Bekenntnis bleibt, bei dem wird in der Stunde des Gerichts Jesus Christus stehen. Er wird ihn kennen und sich zu ihm stellen, wenn der Verkläger sein Recht fordern wird. Alle Welt wird Zeuge sein, wenn Jesus unsern Namen nennen wird vor seinem himmlischen Vater. Wer sich im Leben zu Jesus gehalten hat, zu dem wird sich Jesus in der Ewigkeit halten. Wer sich aber dieses Herrn und dieses Namens schämt, wer ihn verleugnet, dessen wird sich auch Jesus in der Ewigkeit schämen, den wird er verleugnen.

Diese letzte Scheidung muß schon auf Erden anheben. Der Friede Jesu Christi ist das Kreuz. Das Kreuz aber ist Gottes Schwert auf dieser Erde. Es schafft Entzweiung. Der Sohn gegen den Vater, die Tochter gegen die Mutter, die Hausgenossen gegen den Hausvater, und das alles um des Reiches Gottes und seines Friedens willen, das ist Christi Werk auf Erden! Ist es verwunderlich, daß die Welt ihn, der die Liebe Gottes den Menschen brachte, des Menschenhasses schuldig spricht? Wer darf denn über Vater- und Mutterliebe, über die Liebe zum Sohn und zur Tochter so sprechen, wenn nicht entweder der Zerstörer alles Lebens oder aber der Schöpfer eines neuen Lebens? Wer kann die Liebe und das Opfer der Menschen so für sich allein in Anspruch nehmen, als der Menschenfeind oder aber der Menschenheiland? Wer wird das Schwert in die Häuser tragen als der Teufel oder Christus, der Friedefürst? Gottes Liebe zum Menschen und der Menschen Liebe zu ihrem eigenen Geschlecht sind gar zu verschieden. Gottes Liebe zum Menschen heißt Kreuz und Nachfolge, aber eben darin Leben und Auferstehung. „Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden“. In dieser Zusage spricht der, der die Macht hat über den Tod, der Sohn Gottes, der zum Kreuz und zur Auferstehung geht und die Seinen mitnimmt.

[asa]357907136X[/asa]

Vom Vertrauen in die Schrift

Gottfried Hermann fragt in seinem ausgezeichneten Artikel zur Reformation („Mehr als ein Kinderspiel“, Theologische Handreichung und Information, Nr. 4, 11/2017, S. 3–16, hier S. 15), woher der Martin Luther sein Gottvertrauen nahm? Die Antwort:

Es beruhte auf seinem unerschütterlichen Vertrauen in die Heilige Schrift als unverbrüchliches Wort Gottes. In diesem Wort fand er Halt in allen Anfechtungen. Denn in der Bibel redet Gott klar und verständlich zu uns Menschen. Das war es, was Luther 1525 dem großen Humanisten Erasmus entgegenhielt, der behauptet hatte, die Hl. Schrift enthalte viele dunkle (unverständliche) Stellen. Luther demonstrierte ihm das Gegenteil. Und er zeigte Erasmus gleichzeitig, dass der menschliche Wille zu nichts fähig ist, wenn es darum geht, vor Gott Heil und Gnade zu erlangen. Weil es in seiner Schrift „De servo arbitrio“ (Von geknechteten Willen) um diese beiden grundlegenden Themen ging, hielt Luther diese Schrift (neben dem Katechismus) für sein wichtigstes theologisches Werk.

Lebendiger Glaube

Martin Luther schreibt zu Röm 3,28:

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

in seinen „Thesen für fünf Disputationen über Römer 3,28 (1535–1537)“ (G. Wartenberg, W. Härle, & J. Schilling (Hrsg.), Christusglaube und Rechtfertigung: Deutsche Texte, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, Bd. 2, S. 403–405):

1. Glaube muss hier als wahrer Glaube und als Gabe des Heiligen Geistes verstanden werden. 2. Wenn Paulus so verstanden wird, dass er vom erworbenen oder historischen Glauben redet, dann müht er sich ganz vergeblich. 3. Denn sogar die Scholastiker, obwohl sie von diesen Dingen keine Ahnung haben, gestehen zu, dass ein solcher Glaube nicht rechtfertigt. 4. Sie lehren ja sogar, dass selbst der vom Heiligen Geist eingegossene Glaube nicht rechtfertigt, wenn er nicht durch die Liebe geformt ist. 5. Denn das bekräftigen sie öffentlich, dass der eingegossene Glaube zusammen mit einer Todsünde bestehen und dass er verdammt werden kann. 6. Hieraus folgt: Wenn man meint, Paulus rede von einem solchen Glauben, dann meint man, er verkündige einen untätigen und erträumten Christus. 7. Denn Christus hilft und nützt solchen Gläubigen nicht mehr als selbst den Dämonen und Verdammten. 8. Da aber Paulus wortreich dem Glauben die Rechtfertigung zuschreibt, ergibt sich zwingend, dass er nicht über solche Glaubensgestalten (um sie so zu nennen) redet, die man als erworbenen, eingegossenen, ungeformten, geformten, nicht entfalteten, entfalteten, allgemeinen oder besonderen Glauben bezeichnet. 9. Diesen erworbenen Glauben gestehen sie sogar den Dämonen und den allerbösesten Menschen zu. 10. [Paulus] muss also von einem anderen Glauben sprechen, der Christus in uns zur Wirkung bringt gegen Tod, Sünde und Gesetz, 11. und der uns nicht den Dämonen und den Menschen, die zur  Hölle fahren, gleichen lässt, sondern uns den heiligen Engeln und den Kindern Gottes, die zum Himmel auffahren, gleich macht. 12. Das aber ist (wie wir ihn nennen) der Glaube, der Christus ergreift, der für unsere Sünden stirbt und um unserer Gerechtigkeit willen aufersteht, 13. das heißt, der nicht nur hört, was die Juden und Pilatus bei der Kreuzigung Christi getan haben oder was von seiner Auferstehung erzählt wird, 14. sondern der erkennt, dass die Liebe Gottes, des Vaters, dich durch Christus, der für deine Sünden hingegeben ist, erlösen und retten will. 15. Paulus verkündigt diesen Glauben, den der Heilige Geist auf die Evangeliumspredigt hin in den Herzen der Glaubenden bewirkt und erhält.

Totem des Konsumkapitalismus

Matthew Crawford schreibt in Die Wiedergewinnung des Wirklichen: Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Zerstreuung (Berlin, 2017, S. 121–121):

Ob man sie nun als infantil oder als höchste Errungenschaft des europäischen Denkens betrachtet: Die Vorstellungen Kants sind der philosophische Ursprung der modernen Gleichsetzung von Freiheit und Wahlmöglichkeit, wobei die Wahl als bloßer Ausdruck des unbedingten Willens verstanden wird. Das ist grundlegend für das Verständnis unserer Kultur, denn der so verstandene freie Wille dient als zentrales Totem des Konsumkapitalismus, und wir halten jene, die uns die Wahlmöglichkeiten anbieten, für Diener unserer Freiheit.

Mann kann nicht behaupten, dass Kant die Grundausrichtung dieser Eingriffe verursacht hat. Aber wenn man von der Prämisse ausgeht, die stumpfsinnige Natur bedrohe unsere Freiheit als vernünftige Wesen, ist die Verlockung groß, eine virtuelle Realität zu konstruieren, die weniger real ist – ein nettes Wunderhaus, in dem das Selbst nicht mit der Welt kollidiert und in dem es keine Kontingenz gibt, die unsere Handy-Dandy-Maschine nicht vorwegnehmen könnte. Kant versuchte, die Freiheit des Willens gegen äußere Einflüsse abzuschotten und zu einem „unbedingten“ apriorischen Gesetz zu machen, aber dazu musste er den Willen in eine separate Sphäre auslagern, aus der er keine kausale Wirkung in dieser, von der Newton’schen Kausalität beherrschten Welt entfalten kann. Der Preis für diese Illusion der Autonomie ist Machtlosigkeit.

[asa]3550081197[/asa]

 

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner