Zitate

Augustinus: Vom Umgang mit der Schrift

Augustinus, Epistula 82,3 (an Hieronymus, CSEL 34/2, 354/FC 41/2, 266):

Ich habe gelernt, nur den Büchern der Schriften, die jetzt als kanonisch bezeichnet werden, solche Ehrfurcht und Achtung entgegenzubringen, dass ich felsenfest glaube, dass keinem ihrer Autoren beim Schreiben ein Irrtum unterlaufen ist. Und wenn ich in diesen Texten auf eine Stelle stoße, die der Wahrheit zu widersprechen scheint, dann habe ich keinerlei Zweifel, dass entweder die Abschrift fehlerhaft ist oder dass der Übersetzer die Aussage nicht richtig getroffen hat oder dass ich sie unzulänglich verstanden habe.

Gewährte Selbstvergessenheit

Oswald Bayer schreibt in Aus Glauben leben (Stuttgart: Calw Verlag, 1990, S. 34–35)

Der neu Geborene ist nicht mehr in sich selbst verfangen, sondern von der Selbstverfangenheit und unentwegt das Seine suchender Selbstreflexion frei; in diesem Sinn ist Glaube Selbstvergessenheit. Nicht Selbstbetäubung, nicht Flucht vor Besinnung und Verantwortung, aber gewährte Selbstvergessenheit. Das Wort der passiven Gerechtigkeit des Glaubens sagt: Du gehst dich selber gar nichts an! Indem Gott das Entscheidende in dir wirkt, lebst du außerhalb deiner selbst allein in ihm! So bin ich mir selbst verborgen und dem eigenen Urteil sowie dem der anderen über mich, sofern es ein letztes Urteil sein will, entnommen. „Wer bin ich?“ Solche Selbstreflexion kommt nicht in sich zur Ruhe. Sie löst sich vielmehr im Gebet, in das Bonhoeffer sie hineingibt, in dem er sie aufgehoben sein läßt: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ Diese neue Grundbefindlichkeit kann sich nicht in sich selbst festigen, so gewiß sie gerade die Befreiung von jedem Versuch einer Selbststabilisierung und Selbstorganisation ist. Können wir doch schon physisch keinen einzigen Augenblick lang aus eigenen Kräften Bestand haben, in uns bestehen, uns Zusammenhalten und nicht in das Nichts auseinanderfallen. Und wie ich physisch nur lebe, wenn mir jeden Augenblick Luft gewährt und nicht entzogen wird, so hat die neue Grundbefindlichkeit ihre Wirklichkeit allein im Atemholen des Gebets. „Bitte Gott, daß er Glauben in dir wecke, sonst bleibst du wohl ewiglich ohne Glauben, du dichtest und tuest, was du willst oder kannst.“ Ein solches Gebet ist uns von dem Lutheraner Tobias Clausnitzer (1618-1684) überliefert:

„Unser Wissen und Verstand
ist mit Finsternis verhüllet,
wo nicht deines Geistes Hand
uns mit hellem Licht erfüllet;
Gutes denken, tun und dichten
mußt du selbst in uns verrichten.“

Gefühle sind wunderbare Diener

Der Philosoph J.P. Moreland hat einmal gesagt:

Glück ist nach aktuellem Verständnis ein angenehmes Gefühl. Angenehme Gefühle sind sicherlich besser als unangenehme. Doch das Problem ist, dass die Menschen heute geradezu obsessiv Glücksgefühle herbeisehnen; die Menschen sind Sklaven ihrer Gefühle. Gefühle sind wunderbare Diener, aber schrecklicher Meister.

Das Urteil bleibt in Gottes Hand

Hans-Joachim Iwand schreibt (Rechtfertigungslehre und Christusglaube, 1961, S. 31):

… soviel Gott auch daran liegt, den Menschen gerecht zu machen, so wenig liegt ihm daran, ihn vor sich selbst gerecht erscheinen zu lassen. Das Urteil bleibt in Gottes Hand, in Christo, der Mensch bleibt der Beurteilte, omne bonum extra nos (dt. alles Gute außerhalb von uns).

„Anything goes“ ist eine riskante Devise

Moral ist ein Wort, das keiner mehr hören mag, zuallerletzt in der Literatur. Der israelische Schriftsteller Abraham B. Jehoschua hat die Gründe dafür abgewogen – und für zu leicht befunden. Seiner Meinung nach behandeln die heute dominierenden Massenmedien „moralische Fragen oft oberflächlich, aber äusserst schnell und effizient“. Die Literatur, die viel mehr leisten kann, dürfe sich nicht zurückziehen.

Jehoschua:

Wenn Künstler und Kulturschaffende sich von moralischen Fragestellungen verabschieden und sich stattdessen auf Werterelativismus, Postmodernismus, ethischen Nihilismus oder blosse politische Korrektheit zurückziehen, dann geben sie eine Rolle auf, die bisher in der Kulturgeschichte ebenso wichtig wie geachtet war: eine Rolle, die niemand anderes übernehmen kann.

Hier der bedenkenswerte Text des in Jerusalem geborenen Schriftstellers Abraham B. Jehoschua: www.nzz.ch.

Das Wort Gottes treiben

Gerhard Ebeling beschreibt in seiner Einführung zu Luther, wie dieser im Anschluss an die Zeit auf der Wartburg nach Wittenberg zurückkehrte, um das Wort zu predigen (Gerhard Ebeling, Luther: Einführung in sein Denken, Tübingen: Mohr Siebeck, 1965, S. 67):

In Wittenberg aber geht Luther auf die Kanzel, Tag für Tag, eine Woche lang, und hat durch das Wort dem rechten Gang der Reformation die Bahn gemacht, indem er klarstellte, daß das, was der Inhalt des Evangeliums ist, auch bestimmend sein muß für die Frage des reformatorischen Handelns, nämlich daß alles abzustellen ist auf Wort und Glauben: „Denn das Wort hat Himmel und Erde geschaffen und alle Dinge; das muß es tun und nicht wir armen Sünder. Summa Summarum: Predigen will ich’s, sagen will ich’s, schreiben will ich’s. Aber zwingen, dringen mit der Gewalt will ich niemand. Denn der Glaube will willig, ungenötigt angezogen werden. Nehmt ein Exempel von mir: Ich bin dem Ablaß und allen Papisten entgegen gewesen, aber mit keiner Gewalt. Ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst hab ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit meinem Philippus und Amsdorf getrunken habe, also viel getan, daß das Papsttum so schwach geworden ist, daß ihm noch nie kein Fürst noch Kaiser so viel Abbruch getan hat. Ich hab nichts getan, das Wort hat es alles getan und ausgerichtet.“

„Jeder Ansatz zum Selbstdenken fehlt oft“

Wilhelm Niesel beschwerte sich 1931 in einem Brief an Karl Barth über die fehlende Denkbereitschaft seiner Studenten (Brief vom 19.01.1931, in: Karl Barth und Wilhelm Niesel: Briefwechsel 1924-1968, Vandenhoeck & Ruprecht, 2015, S. 91).

Im Seminar hier muß ich immer wieder die böse Erfahrung machen, daß die Leute heute z.T. überhaupt nicht mehr wissenschaftlich arbeiten können. Jeder Ansatz zum Selbstdenken fehlt oft. Man bekommt Referate, die einfach nur aus Exzerpten bestehen (Calvin sagt, Meyer sagt, Weiß sagt, usw. … folglich: …), so daß man sich fragt, was hat für diese Leute überhaupt das Studium bedeutet. Bei den Juristen und Medizinern ist diese Art ja schon längst eingerissen, daß man nicht mehr studiert, sondern nur Stoff einpaukt. Das scheint jetzt auch bei uns so zu werden. Da ist es besonders verheerend, nicht nur wegen des Prinzipiellen, daß bei uns doch wirkliche Aneignung nötig ist, sondern weil wir ja keine feste Lehre haben, die einfach eingepaukt werden könnte. Bei den vielen Stimmen, die auf sie einstürmen (etwa bei der Exegese), wissen die Leute sich dann überhaupt nicht zu helfen.

Was würde er wohl heute sagen?

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„Man hat nicht auf den Herrn der Kirche gehört“

Der reformierte Theologe Wilhelm Niesel schrieb während des Kirchenkampfes im Dritten Reich an Karl Barth (Brief vom 21.07.1933, in: Karl Barth und Wilhelm Niesel: Briefwechsel 1924-1968, Vandenhoeck & Ruprecht, 2015, S. 113; es ging um Verhandlung mit dem Reichsbischof Ludwig Müller, der eine führende Rolle bei den mit den Nationalsozialisten kooperierenden Deutschen Christen einnahm):

Was wir heute erleben, ist die Katastrophe einer kirchengeschichtlichen Epoche, in der man in der Kirche die Wahrheitsfrage nicht ernst genommen hat. Der Ruf, die Kirche vom Bekenntnis her, vom verantwortungsvollen Verständnis des Wortes her zu gestalten, ist wirkungslos verhallt, nachdem es anfangs schien, als wollte man auf ihn hören. Man hat in Berlin im Lärm und in Loccum in der Stille auf alles Mögliche gehört, auf die Stimme seiner eigenen Überzeugung und auf die Forderung von allen möglichen Gruppen; aber man hat nicht auf den Herrn der Kirche gehört, …

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Vom Schlüssel des Bindens

Dietrich Bonhoeffer (Nachfolge, 2013, S. 285–286):

Damit ist gesagt, daß in der Gemeinde der Heiligen Vergebung nur gepredigt werden kann, wo auch Buße gepredigt wird, wo das Evangelium nicht ohne Gesetzespredigt bleibt, wo die Sünden nicht nur und nicht bedingungslos vergeben, sondern auch behalten werden. So ist es der Wille des Herrn selbst, daß das Heiligtum des Evangeliums nicht den Hunden gegeben wird, sondern daß es nur im Schutz der Bußpredigt gepredigt werden kann. Eine Gemeinde, die nicht Sünde Sünde nennt, kann auch keinen Glauben finden, wo sie Sünde vergeben will. Sie versündigt sich am Heiligtum, sie wandelt unwürdig des Evangeliums. Sie ist unheilige Gemeinde, weil sie die teure Vergebung des Herrn verschleudert. Nicht damit ist es getan, daß über die allgemeine Sündhaftigkeit des Menschen auch in seinen guten Werken geklagt wird, das ist keine Bußpredigt, sondern konkrete Sünde muß genannt, gestraft und gerichtet werden. Das ist der rechte Gebrauch der Schlüsselgewalt (Matth. 16,19; 18,18; Joh. 20,23), die der Herr seiner Kirche gegeben hat, und von der die Reformatoren noch so nachdrücklich gesprochen haben. Um des Heiligtums willen, um der Sünder willen und um der Gemeinde willen muß in der Gemeinde auch der Schlüssel des Bindens, des Sündenbehaltens geübt werden.

Zum würdigen Wandel der Gemeinde vor dem Evangelium gehört die Übung der Gemeindezucht. Ebenso wie die Heiligung die Abscheidung der Gemeinde von der Welt bewirkt, muß sie auch die Abscheidung der Welt von der Gemeinde bewirken. Eins ohne das Andre bleibt unecht und unwahr. Die Gemeinde, die von der Welt abgesondert ist, muß nach innen Gemeindezucht üben.

Die Zeit ist kurz

Dietrich Bonhoeffer (Nachfolge, 2013, S. 209):

Die Zeit ist kurz. Die Ewigkeit ist lang. Es ist Entscheidungszeit. Wer hier am Wort und am Bekenntnis bleibt, bei dem wird in der Stunde des Gerichts Jesus Christus stehen. Er wird ihn kennen und sich zu ihm stellen, wenn der Verkläger sein Recht fordern wird. Alle Welt wird Zeuge sein, wenn Jesus unsern Namen nennen wird vor seinem himmlischen Vater. Wer sich im Leben zu Jesus gehalten hat, zu dem wird sich Jesus in der Ewigkeit halten. Wer sich aber dieses Herrn und dieses Namens schämt, wer ihn verleugnet, dessen wird sich auch Jesus in der Ewigkeit schämen, den wird er verleugnen.

Diese letzte Scheidung muß schon auf Erden anheben. Der Friede Jesu Christi ist das Kreuz. Das Kreuz aber ist Gottes Schwert auf dieser Erde. Es schafft Entzweiung. Der Sohn gegen den Vater, die Tochter gegen die Mutter, die Hausgenossen gegen den Hausvater, und das alles um des Reiches Gottes und seines Friedens willen, das ist Christi Werk auf Erden! Ist es verwunderlich, daß die Welt ihn, der die Liebe Gottes den Menschen brachte, des Menschenhasses schuldig spricht? Wer darf denn über Vater- und Mutterliebe, über die Liebe zum Sohn und zur Tochter so sprechen, wenn nicht entweder der Zerstörer alles Lebens oder aber der Schöpfer eines neuen Lebens? Wer kann die Liebe und das Opfer der Menschen so für sich allein in Anspruch nehmen, als der Menschenfeind oder aber der Menschenheiland? Wer wird das Schwert in die Häuser tragen als der Teufel oder Christus, der Friedefürst? Gottes Liebe zum Menschen und der Menschen Liebe zu ihrem eigenen Geschlecht sind gar zu verschieden. Gottes Liebe zum Menschen heißt Kreuz und Nachfolge, aber eben darin Leben und Auferstehung. „Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden“. In dieser Zusage spricht der, der die Macht hat über den Tod, der Sohn Gottes, der zum Kreuz und zur Auferstehung geht und die Seinen mitnimmt.

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