Die Zahl der christlichen Märtyrer
Endlich stößt Thomas Schirrmacher öffentlich einen längst fälligen Disput über die Frage der christlichen Märtyrer an. Auch ich vertrete seit Jahren die Auffassung, dass die in der Regel genannten Zahlen zu hoch sind.
Seit vielen Jahren gibt es für jedes Jahr immer nur eine einzige Zahl, die jährlich als Gesamtzahl der christlichen Märtyrer pro Jahr angegeben wird, die Zahl des ›Global Status of Mission‹. Diese Zahl wird zwar von verschiedenen Institutionen zitiert, aber nur von einer Institution errechnet. Derzeit wird sie am häufigsten vom päpstlichen Missionswerk ›Kirche in Not‹ (›Aid to the Church in Need‹) zitiert, das von 130.000–170.000 Märtyrern pro Jahr spricht, aber keine eigenen Untersuchungen durchgeführt hat.
Diese Zahl wird jährlich im International Bulletin for Missionary Research vorgelegt. Für 2010 stand die Zahl bei 178.000, für 2009 bei 176.000, für 2011 ist sie – unter anderem aufgrund unseres Einspruchs – auf 100.000 korrigiert worden. Da die Zahl sich jährlich ändert, denkt jeder, es handele sich um die Zahl der Märtyrer im jeweiligen Jahr, aber tatsächlich soll den Durchschnitt des jeweils letzten vollen Jahrzehnts angeben (also z. B. 1990-2000, 2000-2010).
Der Kommentar zu ›Global Status of Mission‹ gibt selbst an, dass die Zahl die wohl am häufigsten zitierte Zahl aus dieser Statistik ist. Durch die Bücher ›World Christian Encyclopedia‹, ›World Christian Trends‹, ›Atlas of Global Christianity‹ und die elektronische ›World Christian Database‹ ist die Zahl in dieser Größenordnung weit verbreitet worden.
Es fällt mir schwer, diese Zahl wegen ihrer weiten Verbreitung zu kritisieren, zumal sie von seriösen Forschern und guten Freunden kommt. Aber als Wissenschaftler habe ich solche Zahlen zu oft vor säkularen Kollegen, Politikern weltweit, des Deutschen Bundestages oder des Europäischen Parlaments, und natürlich Journalisten zu verantworten, als dass unser Institut (das ›International Institute for Religious Freedom‹) sie einfach nur übernehmen könnte.
Da die Zahl von vielen säkularen, christlichen, darunter auch evangelikalen Forschern und Fachleuten 1. als viel zu hoch angesehen wird, und 2. als aufgrund zahlreicher Faktoren überhaupt nicht zu erheben gilt, wäre es wünschenswert, wenn es eine genaue Darstellung gäbe, aufgrund von welchen umfangreichen Recherchen die Zahl erhoben wird, welche wissenschaftliche Vorgaben dabei befolgt werden oder wie die Belastbarkeit von Forschungskollegen überprüft werden kann. All’ das liegt nicht vor – auch die ausführlichste Darstellung in den ›World Christian Trends‹ sagt nirgends, woher die Daten kommen und nach welchen Kriterien geschätzt wird.
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