2019

Bullinger: Es ist eine Sünde, von Gott und seiner Wahrheit zu reden

Man kann das nachfolgende Zitat von zwei Perspektiven gleichzeitig her deuten. Einmal im Sinne von: Vor einhundert Jahren war auch nicht alles Gold, was glänzt. Und zugleich: Bullinger spricht geradezu prophetisch in unserer Zeit hinein.

Allerdings gehe ich davon aus, dass Bullinger sich damals nicht vorstellen konnte, wie sich diese Dinge entwicklen können. Er schreibt („Der christliche Ehestand“, in: Schriften I, S. 425–575, hier S. 425–226):

Unter den schweren Sünden und schändlichen Lastern, die in der letzten Zeit, die übel und unheilvoll ist, leider stark zunehmen und denen viele Menschen verfallen sind, sind der Ehebruch, die schamlose Unzucht und allerlei Schmutzigkeiten in unflätigen Worten und unkeuschen Werken nicht die geringsten. Dies alles rührt daher, dass die Laster nicht mehr ihren eigentlichen Namen tragen und sie deshalb niemand mehr so einschätzt, wie sie an sich und vor Gott sind. Den blutrünstigen Totschläger — um hier keinen gröberen Ausdruck zu verwenden — nennt man nun einen gottesfürchtigen, rechtschaffenen Soldaten. Den Wucherer nennt man einen kundigen, fähigen Mann. Betrunken werden heißt nun „einen kleinen Schwips haben“. Wenn Unverheiratete miteinander Unzucht treiben, heißt das „menschliche Werke ausüben“ und „tun wie junge Leute, die sich nicht zum Himmel erheben können“. Viele rühmen sich des Ehebruchs, viele treiben Scherz, Spott und Gelächter damit. Schmutzige Reden führen und unflätige, grobe Lieder singen heißt nun „gute Sprüche reißen und guter Dinge sein«.

Ja, vielerorts ist es sogar so, dass diese und ähnliche Laster gar nicht richtig als Sünde betrachtet werden und es eher eine Sünde ist, von Gott und seiner Wahrheit zu reden.

Jonathan Edwards: Der christliche Glaube ist vernünftig

Jonathan Edwards schreibt über die vernünftige Basis des christlichen Glaubens (zitiert aus: Gott allein!, Herold Verlag, 2019, S. 89–90):

[Jonathan Edwards] war davon überzeugt, dass Gottes Herrlichkeit, wenn sie mit den geistlichen Augen gesehen wird, auch als majestätisch und überzeugend angesehen wird. Edwards schlägt aber noch einen anderen Weg ein. Er betont zudem noch, dass unser Glaube an die Wahrheit des Evangeliums sowohl vernünftig als auch geistlich sein muss. Die Herrlichkeit Gottes im Evangelium ist der Schlüssel für beides.

Edwards sagt, dass eine Person zwar in Bezug auf die Wahrheiten des Evangeliums starke religiöse Gefühle hegen kann, diese jedoch vollkommen wertlos sind, wenn „diese Überzeugung nicht eine vernünftige Überzeugung ist“. Was meint Edwards mit „vernünftig“?

„Mit einer vernünftigen Überzeugung meine ich eine Überzeugung, die auf reellen Beweisen oder einer guten Grundlage beruht. Jemand kann die starke Überzeugung vertreten, dass die christliche Religion wahr ist, während ihre Überzeugung überhaupt nicht auf Beweisen gründet, sondern eher der Erziehung oder der Meinung anderer geschuldet ist.
So sind viele Muslime stark von der Wahrheit ihrer Religion überzeugt, weil ihre Väter, ihre Nachbarn usw. daran glauben. So scheint im Fall des rein kulturell christlichen Glaubens zwar die Ausrichtung besser zu sein, doch der Glaube an sich ist nicht besser. Denn das, woran man glaubt, mag wahr sein, während sich der Glaube doch nicht auf die Wahrheit gründet, sondern auf die Erziehung. Somit wäre diese „christliche“ Überzeugung auch nicht besser als die der Muslime. Ebenso sind die Auswirkungen, die aus dieser Überzeugung resultieren, im Prinzip nicht besser als die der Muslime.

Die Meinungsdiktatur des Regenbogens

Selbst die deutschen Universitäten haben inzwischen ihre Unabhängigkeit weitgehend an den Nagel gehangen, während die hypermoralische Kultur des Regenbogens totalitäre Züge entwickelt und Gehorsam einfordert.

Der Historiker Andreas Rödder hat in der NZZ eine bedenkenswerte Analyse veröffentlicht:

Die Postmoderne frisst ihre Kinder. Die Kultur des Regenbogens ist aus der postmodernen Dekonstruktion traditioneller westlich-bürgerlicher Ordnungsvorstellungen in den achtziger Jahren hervorgegangen: der Geschlechterordnung, der Vorstellung von der Nation oder des Westens an sich. Was als befreiende Dekonstruktion begann, führte indessen zur Konstruktion einer neuen Ordnung. Dabei wusste Jean-François Lyotard, dass der Konsens immer auch ein Instrument ist, um das Dissente zu unterdrücken – mit Tendenz zum Terror, wie er schrieb.

Inzwischen haben sich die Herrschaftsverhältnisse umgekehrt. Heute zeichnet sich eine Meinungsdiktatur des Regenbogens und damit die Verkehrung seiner emanzipatorischen Anliegen ab. Jedenfalls besagen Allensbach-Umfragen, dass eine Mehrheit der Deutschen inzwischen der Meinung sei, man müsse aufpassen, was man öffentlich sage – womit nicht die Einhaltung elementarer Höflichkeitsregeln gemeint ist.

Mehr: www.nzz.ch.

Berliner SPD für Schließung von Pro-Femina-Beratungsstelle

Die SPD Berlin fordert, das in der Hauptstadt ansässige Beratungszentrum der Lebensschutz-Initiative Pro Femina zu schließen. Das beschloss die Partei auf ihrem Landesparteitag am 26. Oktober 2019.

Die Nachrichtenagentur Idea meldet:

Auf die Beratungsstelle, die die SPD-Vertreter schließen lassen wollen, hatten unbekannte Täter in der Nacht vom 5. zum 6. Oktober einen Anschlag verübt. Sie brachen in das Gebäude ein, zerschlugen Fensterscheiben und schmierten auf Wände und Boden mit schwarzer und weißer Farbe den Spruch „Pro Choice!“ (Für Wahlfreiheit). Linksextreme Feministinnen bekannte sich in einer Online-Erklärung auf der linksradikalen Internetplattform „Indymedia“ zu dem Angriff.

Ich vermute, dass weiten Teilen der SPD der Lebensschutz fremd geworden ist. 

Mehr: www.idea.de.

Knapp daneben ist auch vorbei

271648 web Knapp daneben ist auch vorbeiDas Buch Knapp daneben ist auch vorbei: Holzwege post-evangelikalen Glaubens setzt sich kritisch mit aktuellen Entwicklungen innerhalb der evangelikalen Bewegung auseinander. Seit einigen Jahren wird nämlich versucht, inhaltliche Positionen, die aus der liberal-bibelkritischen Theologie stammen, mit Grundüberzeugungen evangelikaler Theologie zu versöhnen. Im Ergebnis erscheint der „alte“ Glaube selbst an zentralen Stellen veraltet und deshalb erneuerungsbedürftig.

Gerade weil die Anfragen aus der Mitte der Evangelikalen kommen, müssen sie ernsthaft bedacht, aber auch klar beantwortet werden. Es geht um Fragen, wie: Wurde die Bibel bisher völlig falsch verstanden? Brauchen wir ein neues Gottesverständnis, um weiter hoffnungsvoll glauben zu können? Muss das Verständnis von Sünde der Zeit angepasst werden? Ist Vergebung durch das Sterben von Jesus wirklich die Mitte des Evangeliums?

Es zeigt sich, dass evangelikale Christen in solch zentralen Glaubensfragen ihre Einheit verlieren. Das Buch will mit klaren Stellungnahmen aufklären und Orientierung geben. So schreibt Markus Till über die Initiative Worthaus, Holger Lahayne über das Buch Freischwimmer von Torsten Hebel oder Thomas Jeising über die „Kreuzestheologie“ von N.T. Wright.

Ich empfehle das Buch vor allem jenen, die im geistlichen Dienst tätig sind und Menschen kennen, die mit der postevangelikalen Theologie sympathisieren. 

Hier eine Zusammenfassung der Beiträge: Innenteil_Knapp-daneben_DRUCK_7 bis 9.pdf

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Von Opferansprüchen und Schuldbekenntnissen

Sandra Kostner meint, die starre Einteilung in Träger von Opfer- und Schuldidentitäten führe die Gesellschaft nicht zusammen, sondern treibe sie weiter auseinander. Die Läuterungsagenda rege dazu an, immer neue Gründe dafür zu suchen, um den Läuterungsdruck aufrechterhalten zu können. In der NZZ schreibt sie:

Dass die negativen Folgen der Läuterungsagenda gerade in den letzten Jahren immer deutlicher zutage treten, hat mit dem erfolgreichen Einwirken der Identitätslinken auf Politik und Institutionen zu tun. Denn je mehr Benachteiligungen eine Gesellschaft abgebaut hat, umso schwieriger wird es für die Opferentrepreneure, den Läuterungsdruck aufrechtzuerhalten.

Um gesellschaftlich relevant zu bleiben, tun sie deshalb das Naheliegende: Sie halten fortwährend nach neuen Benachteiligungsindikatoren Ausschau. So prangern sie mittlerweile jeden statistisch feststellbaren Unterschied zwischen Opfer- und Schuldgruppen bei der Zusammensetzung von Belegschaften, Organisationen und Parlamenten als unerträgliche Benachteiligung an. Und sie verurteilen mit zunehmend unerbittlicherer Vehemenz Äusserungen und Handlungen von Mitgliedern einer Schuldgruppe, die von Opfern als ausgrenzend, abwertend oder auch nur als gefühlsverletzend wahrgenommen werden könnten, als rassistisch, sexistisch, islamophob oder transphob.

Mehr: www.nzz.ch.

VD: DV

Dreht sich die Liebe wirklich um Christus?

John Piper schreibt über ein menschenzentriertes Verständnis der Liebe (Gott allein!, Herold Verlag, 2019, S. 2–3):

Wir […] haben Gottes Liebe und das Evangelium von Jesus Christus in etwas verkehrt, bei dem es vorrangig darum geht, dass Gott uns wertvoll findet und wir unsere Freude in Dingen finden sollen, die im Vergleich zu Gott eigentlich unbedeutend sind. Um herauszufinden, ob unser Verständnis vom Evangelium biblisch ist, und ob es uns wirklich um Gott geht, sollten wir uns folgende Frage stellen: Fühle ich mich mehr von Gott geliebt, weil ich Ihm etwas bedeute, oder weil Er mich, durch das Opfer seines Sohnes, dazu befähigt hat, mein größtes Glück in Ihm zu finden? Bist du glücklich, weil du Jesu Kreuz als Beweis dafür ansiehst, wie wertvoll du in Gottes Augen bist, oder weil es dir gezeigt hat, wie wertvoll Gott ist? Ist die Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus der Grund für deine Freude?

[…]

Unsere Kultur und unsere Gemeinden sind mittlerweile sehr stark von einer menschenzentrierten Vorstellung von Liebe geprägt. Bereits unsere Kinder lernen von klein auf, dass „sich geliebt fühlen“ gleichbedeutend wäre mit „sich wichtig fühlen“. Ganze pädagogische Strukturen bauen auf dieser Sichtweise von Liebe auf (Lehrpläne, Erziehungsmaßnahmen, Motivationsstrategien, therapeutische Modelle bis hin zu Verkaufstechniken). Die meisten modernen Zeitgenossen können sich kaum vorstellen, dass „sich geliebt fühlen“ etwas anderes bedeuten könnte als sich „wertvoll“ oder „bedeutend“ zu fühlen. Der Umkehrschluss ist: Wenn du mir nicht das Gefühl gibst, wertvoll zu sein, dann liebst du mich auch nicht!

Sobald wir die Liebe zu Gott auf diese Weise definieren, schwächt es seinen Wert, untergräbt es seine Güte und wir werden niemals wahre Erfüllung erleben. Denn wenn das größte und ultimative Geschenk der Liebe nicht in der Freude an Gott selbst besteht, dann ist Gott auch nicht unser größter Schatz; dann ist seine Selbstaufopferung nicht das größte Beispiel für Barmherzigkeit; dann ist das Evangelium nicht die gute Nachricht, dass Sünder sich über ihren Schöpfer freuen können; dann hat Christus nicht gelitten, um uns zu Gott zu führen (vgl. l.Petr 3,18); und dann müssen wir, auf der Suche nach wahrer Erfüllung, woanders suchen als bei Gott selbst.

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Türkei: Aktive Christen unerwünscht

Der erneute Einmarsch der Türkei und mit ihr verbundener islamistischer Milizen in Syrien ist mit ungeheuerlichen Menschenrechtsverletzungen, insbesondere der Vertreibung von Kurden, Christen und Jesiden im türkischen Nachbarland verbunden. Fast unbemerkt „reinigt“ die Regierung Erdoğan aber auch das türkische Inland von Christen und anderen Minderheiten. Ausweisungen und Einreiseverbote für engagierte Christen nehmen ein immer größeres Ausmaß an, berichtet die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).

Seit Beginn 2019 sind bereits insgesamt 25 Personen ausgewiesen worden, die inoffiziell als Bedrohung für die nationale Sicherheit dargestellt werden. Hinzu kommen Ehepartner und weitere Familienangehörige, so dass allein in diesem Jahr bereits 60 bis 70 Personen Opfer dieser Politik geworden sind. Die Opfer sind Ausländer, die sich zum Teil bereits vor Jahrzehnten in der Türkei niedergelassen hatten und die in ihren türkischen Gemeinden als besonders aktiv gelten. Sie stammen aus Deutschland, Großbritannien, Finnland, USA, Neuseeland, Kanada und Australien. Die meisten Betroffenen erfuhren von ihrer Ausweisung bei einer Ausreise aus dem Land, manche auch erst bei der Wiedereinreise.

„Die Religionsfreiheit einschließlich des Rechts auf Mission wird in der türkischen Gesetzgebung garantiert. Eine Ausweisung von missionarisch aktiven Gläubigen ist rechtswidrig. Die Anschuldigung, die Betroffenen seien eine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit, ist lächerlich und empörend“, erklärt Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der IGFM. 

Die Ausgewiesenen sind in der Türkei integriert. Die allermeisten lebten und arbeiteten im Großraum Istanbul, Ankara und Izmir. Sie haben dort Familien und Beruf, besitzen Häuser oder haben Kinder in Ausbildung. Sie haben sich nie etwas zu Schulden kommen lassen, sind teilweise sogar Arbeitgeber für Einheimische. Die Ausgewiesenen erhalten gleichzeitig ein Einreiseverbot. Die türkische Regierung gibt keine schriftliche Erklärung ab, warum die Betroffenen plötzlich eine Bedrohung darstellen und ihnen der Code „N-82“ oder „G-82“ zugeordnet wird, der faktisch als Einreiseverbot wirkt. Etliche ausgewiesene Christen haben gegen diese Anordnung der Behörden Klage eingereicht.

Dazu IGFM-Sprecher Lessenthin: „Es ist notwendig, dass Vertreter der Bundesregierung diese Gerichtsverfahren, die ihr allesamt bekannt sind, beobachten und dafür Vertreter der Botschaften und Konsulate zu den Gerichtsverhandlungen entsenden. Das Auswärtige Amt sollte von der türkischen Regierung Erklärungen fordern, weshalb der Code N-82 oder G-82 angewendet wird.“

Die Serie der Ausweisungen begann im Juli 2017 und hat 2019 ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Es gibt bei diesen ausgewiesenen Personen keine Gemeinsamkeiten, außer der, dass sie alle protestantische Christen sind, die aktiv im Gemeindeleben stehen oder/und evangelistisch tätig sind.

Joker: Das Lachen der Postmoderne

„I used to think that my life was a tragedy but now I realize
it’s a comedy.“

Joker

Dieser Film ist brutal1 Das Setting ist Gotham City im Jahre 1981 während eines Müllstreikes. Der Protagonist heißt Arthur Fleck (gespielt von Joaquin Phoenix), ist Anfang dreißig, wohnt bei seiner kranken Mutter (die er pflegt) und arbeitet als Aushilfsclown, wobei er von einer Karriere als Standup Comedian träumt. Arthur Fleck ist ein Außenseiter, der aufgrund seines zwanghaften Lachens Verwirrung auslöst, verachtet und verhöhnt wird. Der Bruch in Flecks Biographie summiert sich aus Missbrauch in der Kindheit, mentaler Krankheit, Mobbing, Armut, Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, Vaterlosigkeit, Gewalt, Abweisung, sexueller Frustration und Verhöhnung. „Als die Demütigungen zu viel werden, reagiert er mit Gewalt und wird zum berüchtigten „Joker“. Der Film zeichnet die Charakterstudie eines Mannes, der eigentlich eine tragische Figur ist, aber zum Täter wird und damit obendrein zu einem dunklen Massenidol.“2 Nachdem der Hauptdarsteller auf dem nach Hause Weg in der U-Bahn, noch in Arbeitskleidung (Clownskostüm) drei Yuppies erschießt, wird er zum Auslöser einer gesellschaftlichen Protestbewegung, deren Symbol die Clownsmaske ist. Der sozialpolitische Protest entzündet sich hierbei zwischen Arm und Reich. Menschen aus den unteren Schichten werden in einer Szene von dem Milliardär Thomas Wayne (Batmans Vater) als „Clowns“ bezeichnet, was möglicherweise eine Anspielung an Hillary Clintons „basket of deplorables“ ist. Überhaupt ist der Joker als Vorbild einer sozialen Bewegung eine Referenz zu unserer Zeit. Ein Clown als Führungsfigur ist die maximale Kritik an den politischen Verhältnissen. Es ist als würde der Populismus dem Establishment zurufen: „Seht her, selbst der Kasper kann es besser als ihr.“3 Jedoch entzieht sich der Joker in typisch postmoderner Manier einer gesellschaftspolitischen Eindeutigkeit:

„Konservative Kritiker warfen dem Film vor, eine linke Agenda zu verfolgen. Was nicht von der Hand zu weisen ist: Eine Nebenhandlung ist eine vom „Joker“ inspirierte Protestbewegung, welche gewalttätig gegen die soziale Ungleichheit in Gotham City demonstriert. Die Reichen sind das Feindbild. Linke Kritiker wiederum werfen dem Film „toxische Maskulinität“ vor. Er legitimiere zudem genau die Agenda, die Trump ins Amt brachte.“4

Für den Charakter des Jokers gibt es bisher keine definitive Ursprungsgeschichte5, somit ist dieser Film vom Regisseur Todd Phillips als Versuch der Kanonisierung der Gründungserzählung zu verstehen.6

Joker zeigt die Metamorphose eines Mannes zum Mephisto von Gotham. Mit jedem Mord den Arthur Fleck/Joker begeht (es sind mindestens sechs) steigert sich seine Amoralität. Die Verwandlung von Mensch zum Mythos erlebt ihren Höhepunkt, als der Protagonist in die Live Comedy Show seines Vorbildes Murray Franklin (Robert DeNiro) eingeladen wird. Dort lässt er sich bereits als Joker vorstellen, propagiert Subjektivismus („comedy is subjective“) und moralischen Relativismus, bekennt sich zu den U-Bahn Morden und erschießt schließlich sein (Ex-)Vorbild vor laufender Kamera. Der Joker ist eine fluide Persönlichkeit; ein Trickster und ein Nihilist. „Der Trickster ist eine stark ambivalente Figur. Er verkörpert das Prinzip der Vereinigung von Gegensätzen […]“7 Gegen Ende des Films sagt der Joker: „I don’t believe in anything“ und „I have nothing left to lose.“ Dies sind typische nihilistische Glaubenssätze. Er akzeptiert keine Moral, die über sein eigenes Selbst hinausgeht. Daher überrascht es nicht, dass der Joker als ein Beispiel für Nietzsches Übermenschen beschrieben wird.8

Ein Unterschied besteht darin, dass der Joker weniger vom Willen zur Macht als vom Willen zum Chaos getrieben wird. Macht und Gewalt sind Mittel zum Chaos, wobei er Chaos als Zustand der Erlösung begreift. In der Anti-Philosophie des Jokers ist diese Selbstermächtigung durch Gewalt nur durch die Verneinung der Transzendenz möglich. Die Selbstverwirklichung des Jokers vollzieht sich ausschließlich im Kontext der Immanenz: Er ist ein säkularer Satan. Das Lachen des Jokers entpuppt sich als die vertonte Fratze des souveränen Selbst. Die Leistung des Films besteht darin, diesen Sachverhält durch einen tanzenden und tötenden Clown ästhetisch düster zu veranschaulichen und somit unserer Kultur den Spiegel vorzuhalten. 9 Der Joker ist ein extremes Beispiel für die spätmoderne Tendenz der westlichen Gesellschaften keine objektiven moralischen Maßstäbe anzuerkennen. Absolute sind out! In der letzten Comedy Show Szene konfrontiert der Joker Gothams Meinungsführer mit genau diesem Sachverhalt. Als er sich zu den U-Bahn-Morden bekennt wird er verurteilt; seine Rechtfertigung besteht im Verweis auf einen radikalen Subjektivismus, dem sich die Bürger Gothams längst unterworfen haben. Dadurch wird die Gesellschaft der moralischen Heuchelei überführt. Ein Unterschied zwischen der Mehrheitsgesellschaft und dem Joker besteht jedoch möglicherweise darin, dass sich erstere auf einen Konsens des Gruppenrelativismus geeinigt hat, dem sich der Joker nicht mehr anschließt. Moral ist in Gotham letztlich nur noch eine Frage der Mehrheitsverhältnisse. Die Kritik weiterer Charaktere an dem Joker lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: „Du liegst falsch, weil wir es sagen.“ Das ist eine sehr dünne Begründung für Ethik. Genau hier liegt die Krux: Die Verneinung der Transzendenz führt in ihrer Konsequenz zum Joker. Er ist der personifizierte Nihilismus, der Über-Mensch; ein wahrer Nihilist. Für den Joker ist dieser Weg der Pfad der Erlösung. Die Absolutsetzung des Ichs befreit ihn von gesellschaftlichen Zwängen, sie befreit ihn von der herabwürdigenden Außenwahrnehmung seiner Mitmenschen und letztendlich befreit sie ihn davor sich selbst zu problematisieren. Die Ursünde, totale Autonomie, wird zur Erlösung verklärt. 10 Das ist das Anti-Evangelium des Jokers. Dieser Film ist auf drei Ebenen zutiefst antichristlich:

Erstens in der Verneinung der Transzendenz. Joker widerspricht dem biblischen Weltbild; die 122 Minuten Spielzeit sind durchtränkt von einer tiefen Gottlosigkeit.

Zweitens predigt der Film Selbsterlösung. Joker verkennt, dass Erlösung von Schuld und Pein nicht im Selbst, sondern in Jesus Christus liegt. Nicht Selbstermächtigung durch radikalen Subjektivismus ist der Weg, sondern Selbstkreuzigung als Folge des rettenden Glaubens an den Sohn Gottes. Wie gut, dass der Arm Gottes nicht zu kurz ist, um selbst einen Joker (und dessen Nachfolger) zu erreichen.

Drittens in Bezug auf die Zukunftsperspektive. Die filmische Erzählung ist von einer starken Hoffnungslosigkeit geprägt.11 Das Narrativ lässt es am Ende zumindest offen, ob der Joker in der Lage sein wird das Evangelium der Selbsterlösung durch einen konstanten performativen Akt aufrechtzuerhalten. Das Christentum hingegen bietet eine bessere Zukunftsperspektive. Die christliche Offenbarung kommuniziert das Metanarrativ der Hoffnung, denn der, welcher ein gutes Werk in den Christen begonnen hat, wird es auch vollenden bis auf den Tag Jesu Christi (Phil. 1,6).

Lars Reeh

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Die Filmbesprechung wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlicht.

Beantworte diese Fragen, bevor du predigst

Peter Adam stellt sehr hilfreiche Fragen im Blick auf die Predigtvorbereitung. Hier 6 von insgesamt 14 Herausforderungen:

  1. Habe ich gefunden, was Gott wollte, dass sein Volk weiß, glaubt und tut, als er diese Worte ursprünglich geschrieben und weitergegeben hat?
  2. Habe ich alles gefunden, was Gott in diesen Abschnitt hineingelegt hat: sein Genre und seine literarischen Merkmale; seine Form, Struktur und Inhalt; seine Schlüsselwörter oder Phrasen; seine Bedeutung, seine Emotionen, seine Motivationen und seinen Zweck?
  3. Habe ich die Passage im Zusammenhang mit dem Buch der Bibel, in dem sie zu finden ist, und den pastoralen Zweck dieses Buches verstanden? Habe ich den Text im Licht der ganzen Bibel verstanden, also im Kontext der biblischen Theologie?
  4. Habe ich die Kommentare gut genutzt, die Weisheit anderer Bibelkommentatoren oder Prediger genutzt und so eine gute Exegese modelliert?
  5. Habe ich über den Text und die Predigt nachgedacht und sie auf mich selbst angewendet und mit Reue, Glauben und Gehorsam geantwortet?
  6. Habe ich für die Menschen gebetet, die die Predigt hören werden, für ihr Verständnis, ihre Antwort im Glauben und Gehorsam, ihre Veränderung und ihre Fähigkeit und Absicht, andere mit dem, was sie gelernt haben, zu lehren und zu ermahnen?

Mehr hier: www.thegospelcoalition.org.

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