Dem Bruder zuhören

Dietrich Bonhoeffer (Gemeinsames Leben, 2012, S. 83):

Wer aber seinem Bruder nicht mehr zuhören kann, der wird auch bald Gott nicht mehr zuhören, sondern er wird auch vor Gott immer nur reden. Hier fängt der Tod des geistlichen Lebens an, und zuletzt bleibt nur noch das geistliche Geschwätz, die pfäffische Herablassung, die in frommen Worten erstickt. Wer nicht lange und geduldig zuhören kann, der wird am Andern immer vorbeireden und es selbst schließlich gar nicht mehr merken. Wer meint, seine Zeit sei zu kostbar, als daß er sie mit Zuhören verbringen dürfte, der wird nie wirklich Zeit haben für Gott und den Bruder, sondern nur immer für sich selbst, für seine eigenen Worte und Pläne.

Kommentare

  1. Eine wunderschöne, kleine Serie mit Dietrich Bonhoeffer ! Vielen Dank für das Einstellen – macht Lust, ihn mal wieder selber zu lesen. Gesegnete Adventszeit ^^

  2. Florian meint:

    Das Zuhören vernachlässigen beruht, glaube ich, auf zwei Tatsachen: 1. Desinteresse 2. Nach-denken ablehnen. Es ist eben nicht immer Desinteresse am Anderen, sondern oft die eine Ablehnung fremder Gedankenführung folgen zu müssen. (wer ungern inhaltsschwere Bücher liest oder bei Vorträgen einschläft, fällt in die 2. Kategorie).
    Daher würde ich hier ergänzen, dass es ein Fehlschluss wäre, zu glauben, dass sich wieder für den anderen (oder für Gott) zu interessieren, der allein notwendige Schritt sei. Nachdenken ist gefragt! Und die vom fremden Inhalt herbeigeführten Assoziationen unterdrücken und sich stattdessen bis zum letzten Punkt führen lassen, wo das Rederecht mir wieder zugeteilt wird mit einem konkreten Inhaltswunsch meines Gegenübers. Ja, das ist wahres Zuhören, nicht wahr?

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