Der Gottesdienst und die Psalmen

Dietrich Bonhoeffer schreibt (Gemeinsames Leben; Das Gebetbuch der Bibel, Werkausgabe, Bd. 5, S. 115–116, unter Logos):

In vielen Kirchen werden sonntäglich oder sogar täglich Psalmen im Wechsel gelesen oder gesungen. Diese Kirchen haben sich einen unermeßlichen Reichtum bewahrt, denn nur im täglichen Gebrauch wächst man in jenes göttliche Gebetbuch hinein. Bei nur gelegentlichem Lesen sind uns diese Gebete zu übermächtig in Gedanken und Kraft, als daß wir uns nicht immer wieder zu leichterer Kost wendeten. Wer aber den Psalter ernstlich und regelmäßig zu beten angefangen hat, der wird den anderen, leichten, eigenen „andächtigen Gebetlein bald Urlaub geben und sagen: ach, es ist nicht der Saft, Kraft, Brunst und Feuer, die ich im Psalter finde, es schmeckt mir zu kalt und zu hart“ (Luther).

Wo wir also in unseren Kirchen die Psalmen nicht mehr beten, da müssen wir den Psalter um so mehr in unsere täglichen Morgen- und Abendandachten aufnehmen, jeden Tag mehrere Psalmen möglichst gemeinsam lesen und beten, damit wir mehrmals im Jahr durch dieses Buch hindurchkommen und immer tiefer eindringen. Wir dürfen dann auch keine Auswahl nach eigenem Gutdünken vornehmen, damit tun wir dem Gebetbuch der Bibel Unehre und meinen besser zu wissen, was wir beten sollen, als Gott selbst. In der alten Kirche war es nichts Ungewöhnliches, „den ganzen David“ auswendig zu können. In einer orientalischen Kirche war dies Voraussetzung für das kirchliche Amt. Der Kirchenvater Hieronymus erzählt, daß man zu seiner Zeit in Feldern und Gärten Psalmen singen hörte. Der Psalter erfüllte das Leben der jungen Christenheit. Wichtiger als dies alles aber ist, daß Jesus mit Worten der Psalmen auf den Lippen am Kreuz gestorben ist.

Kommentare

  1. Aber was genau verbessert sich dann?
    Was gewinnt man dadurch?
    Von welchem „unermeßlichen Reichtum“ spricht der Autor da?
    Ich würde das gerne verstehen.

  2. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …“
    Die Psalmen sind Gebete und Glaubenzeugnisse, geschrieben von Menschen (wohl überwiegend David) in Not oder zur Verehrung Gottes, für quasi jede Lebenssituation findet man einen Psalm zum Trost, zur Erbauung, oder auch mit Zusagen Gottes, auf die ich mich verlassen und im eigenen Gebet berufen kann.
    Spurgeon hat einen dicken Wälzer namens „Die Schatzkammer Davids“ herausgegeben, das Ergebnis von 20 Jahren Auslegung, über 5000 Seiten. Das Buch findet man mittlerweile auch im Internet und es ist lohnenswert, mal einen Psalm samt Auslegung exemplarisch zu studieren – und vieleicht bekommst Du dann ja Lust auf mehr 😉
    Das dürfte Deine Fragen (was verbessert sich, was gewinnt man dadurch, von welchem Reichtum wird da gesprochen) erheblich besser beantworten als die meisten hier es können. Ich kann nur Zeugnis geben: es gibt manchmal besondere Situationen im Leben, da suche ich dann nach einem passenden Psalm, und erfahre erheblichen Zuspruch. (Besser wäre es, die Psalmen so gut zu kennen, dass ich nicht erst in oder nach ihnen suchen müßte.)

  3. Stephan ist nur zuzustimmen. Als Christ aus einer Freikirche schätze ich es sehr, wenn in einer evangelischen Kirche ein Psalm zusammen gesprochen wird und erlebe daraus sehr viel Trost und Ermutigung.

  4. @Matze:
    In der evangelischen Liturgie (ähnlich wie auch in der katholischen Liturgie) ist eigentlich eine (gemeinsame) Psalmlesung vorgesehen, direkt vor dem Gloria patri (kleines Gloria). Der Psalm sollte also immer im Gottesdienst vorkommen (in mancher Hinsicht hat eine feste Liturgie auch ihre Vorteile, auch wenn kaum noch jemand die Intention einer Liturgie versteht).
    Allerdings habe ich in freikirchlicher Zeit recht selten einen Psalm im Gottesdienst gehört. Und leider wird selten oder nie mal über einen Psalm gepredigt.

  5. @Stephan
    die evangelische Liturgie ist ja je nach Landeskirche unterschiedlich. In Württemberg wo wir sind ist das ja alles etwas „abgespeckter“ wie in anderen Landeskirchen. Als Freikirchler schätze ich immer mehr den Wert von liturgischen Abläufen, wobei der immer gleiche Ablauf in einer Freikirche Begrüßung, Lobpreis, Predigt, Schluß fast genauso ist, was ich aber nicht meine. Es kommt eben auch dazu, dass in einem kirchlichen liturgischen Ablauf eine stärkere Konzentration der Zuhörer erfolgt, als in vielen Freikirchen, wo fast alles mit Musikuntermalung erfolgt ob Gebet oder Abendmahl. In meinem freikirchlichen Umfeld habe ich in den letzten gefühlt 25 Jahren keine gemeinsame Psalmlesung erlebt

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