Der Siegeszug des modernen Selbst in der christlichen Jugendarbeit?

Carl Trueman hat in seinem Buch The Rise and Triumph of the Modern Self die Psychologisierung und Sexualisierung des Selbst in der Moderne nachgezeichnet. Es geht dem Historiker darum, zu erklären, wie sich das Verständnis von Identität in der Neuzeit verschoben hat. Der postmoderne Mensch konzentriert sich auf sein Inneres und dieses Innere wird (vor allem durch den Einfluss von Sigmund Freud) als von Anbeginn sexuell aufgeladen verstanden. Identität wird zudem als etwas Flüssiges begriffen, ist also nicht vorgegeben und stabil, sondern in permanenter Bewegung, etwas, was ständig neu erschaffen werden muss (Trueman spricht vom „expressiven Individualismus“). Daher fällt die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ heute sehr anders aus, also noch vor einigen Jahrzehnten.

Wer meint, dass diese Entwicklungen die Jugendlichen (und Erwachsenen) in den christlichen Gemeinden nicht beeinflussen, ist ziemlich naiv. Walt Mueller zeigt, worauf daher in der Gemeindearbeit mit jungen Leuten geachtet werden sollte:

„Es geht um die Sicht auf das Individuum, das Selbst. Während Sex heute oft als schlichte Freizeitaktivität hingestellt wird, soll Sexualität der Kern dessen sein, was es bedeutet, als authentischer Mensch zu leben. Das ist ein tiefgreifender Anspruch, der wohl beispiellos in der Geschichte ist.

In einem Werbespot, der im Fernsehen und Radio läuft, kann man zu Beginn eine Vielzahl von glücklichen, lebhaften jungen Stimmen hören, die durcheinander sprechen. Dann stellt der Erzähler die Frage: „Was möchtest du denn sein?“ Einige Teenager sagen etwas über die verwirrende Suche nach ihrer Identität, dann hören wir die Einladung: „Wer auch immer du sein willst, auf Instagram kannst du es werden!“

Zwei Gedanken schossen mir dabei durch den Kopf. Der erste: Da hat die Marketing-Abteilung von Instagram wirklich das aufgespürt, was unsere Kinder mit äußerster Dringlichkeit beschäftigt – die Beantwortung der alles entscheidenden Frage: „Wer bin ich?“ Und man kann sich dafür natürlich kaum einen gefährlicheren Ratgeber vorstellen als Instagram. Was mich zu meinem zweiten Gedanken bringt, der kurz und bündig lautet: „Puh!“

Da wir alle in der gleichen „kulturellen Suppe“ schwimmen, kann uns leicht die Bedeutsamkeit dieses 30-Sekunden-Werbespots entgehen. Aber wenn wir uns etwas Zeit nehmen, um über dieses kulturelle Artefakt nachzudenken, wird deutlich, dass es sowohl direktiv als auch spiegelnd ist. Diese Werbung funktioniert direktiv, weil sie unseren beeinflussbaren jungen Leuten eine Richtungsweisung vorlegt, welchem Weg sie bei dem Projekt ihrer Identitätsfindung folgen sollen. Sie ist aber auch spiegelnd, denn sie eröffnet uns einen aufschlussreichen Blick auf unsere bestehenden Grundüberzeugungen, wer wir als Menschen sind.

Carl Trueman holt mit seinem Buch Der Siegeszug des modernen Selbst (erscheint im Herbst bei Verbum Medien; Originaltitel: The Rise and Triumph of the Modern Self) den Leser aus dieser „kulturellen Suppe“ heraus und hilft uns, das Ausmaß der aktuellen Veränderungen zu verstehen. Sein erläuternder Gang durch die Ideengeschichte, die uns zum „expressiven Individualismus“ geführt hat, ist brillant. Unsere Kinder kennen höchstwahrscheinlich dieses Wort überhaupt nicht, geschweige denn, dass sie es erklären könnten. Doch unbewusst haben sie sich ihn mit nahezu jeder Faser ihres Lebens angeeignet, am deutlichsten sichtbar in ihren progressiven Ansichten über Sexualität und Geschlecht.

Ich möchte hier in diesem Artikel einigen Fragen nachgehen: „War unsere christliche Jugendarbeit mit daran beteiligt, dass sich der expressive Individualismus im Leib Christi wie Krebs ausbreiten konnte? Und wenn ja: Wie konnte der Siegeszug des modernen Selbst auch bei uns stattfinden und inwiefern hat er auf subtile Weise unsere Lehrinhalte wie auch die Gestalt und Praxis unserer Jugendarbeit verändert?“

„Unbewusst haben sich unsere Kinder den expressiven Individualismus mit nahezu jeder Faser ihres Lebens angeeignet.“
Bei der Lektüre von Der Siegeszug des modernen Selbst komme ich nicht umhin, mir Gedanken über die Ziele unserer Arbeit zu machen. Es geht doch darum, in den Kindern die Identität heranzubilden, mit der sie geschaffen wurden – statt ihnen die Übernahme einer entstellten Identität zu ermöglichen, die sie sich aus ihrer Gefühlswelt heraus selbst erschaffen. Unsere Jugendarbeit sollte einen Lebensstil der treuen Jesus-Nachfolge einschließlich Selbstverleugnung (vgl. Mk 8,34–37) fördern, indem wir die biblische Wahrheit durch eine wohlüberlegte Jugendarbeitspraxis vermitteln.

Mehr: www.evangelium21.net.

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4 Kommentare
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Gerhard Engel
1 Monat zuvor

Es geht doch darum, in den Kindern die Identität heranzubilden, mit der sie geschaffen wurden

Das klingt so überlegen gut. Und man muss schon einen lieben Bruder gehabt haben, um aus diesem halb erbaulich, halb aufklärerisch klingenden Dunstnebel heil herauszufinden.
Auf die quälende Frage seines Bruders: Wer bin ich? folgte die einfache Antwort: Du bist der Gerhard. — und all die „verwirrende Identitätssuche“ war nach Jahrzehnten mit einem Schlag beendet!

Leider hat mein Bruder dafür nicht den Ruhm eines Historikers oder sonst eines Gelehrten einheimsen dürfen. 54 Lebensjahre sind als Verdienst für eine solche Einsicht eigentlich zu kurz. Ich bin unendlich dankbar, dass ich von ihm auch lernen durfte, dass es doch gar nicht darum geht, „in den Kindern die Identität heranzubilden, mit der sie geschaffen wurden“. Es reicht einfach, das Kind beim Namen zu rufen. Punkt. Ende. Aus. Mickeymaus.

Udo
1 Monat zuvor

Wer diesen Blog-Beitrag von Ron liest, sollte unbedingt auch den ganzen Artikel von Walt Müller in Evangelium21 lesen.

Matze
1 Monat zuvor

Danke Ron für diesen Artikel. Ja, wir haben viel zu sehr das Individuum in der Kinder- und Jugendarbeit betont. Die persönliche Entscheidung für Jesus ist wichtig und wie das Individuum mit Jesus lebt auch. Der Aspekt aber wie geht es dem anderen, was kann ich meinem Nächsten Gutes tun ist doch oft unwichtig geworden. Und ganz praktisch: Warum gibt es so viele Jugendgemeinden, die ein völliges Eigenleben führen oder die Alten wegen der Ausrichtung sich verabschiedet haben? Natürlich soll nicht alles so bleiben wie vor 40 Jahren, aber werden in solchen Prozessen dann alle gefragt oder setzt sich dann eine Seite durch oder versucht man Kompromisse zu finden mit denen alle leben können? Das als Beispiel und da gibt es bestimmt noch viele andere. Wenn wir das wieder ändern würde auch “ einer achte den anderen höher als sich selbst“ wieder mehr in unseren Gemeinden sichtbar und die Auswüchse des Individualismus eingebremst

Udo
1 Monat zuvor

Willkommen in der Instagram-Welt. Etwas Satire dazu: „Obwohl ich sichtbar geboren wurde, identifiziere ich mich selbst jetzt als unsichtbar. Die richtige Bezeichnung dafür ist trans-parent. Meine neuen „Pronomen“ dazu heißen: Wer? Wo?“

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