Ein Gotteshaus? Oh Gott! Versteckt es!

Aus Angst vor „Zwangschristianisierung“ verhunzten Linke und bürokratische Zauderer den Wiederaufbau der Leipziger Paulinerkirche. Dankwart Guratzsch schreibt:

Es war „Leipzigs 68“, denn genau am 30. Mai 1968 detonierten die Sprengladungen, die das instand gesetzte ehrwürdige Gotteshaus, in dem Luther gepredigt und Bach und Mendelssohn die Orgel gespielt hatten, in einen Trümmerhaufen verwandelten. Der Dialog von Religion und Wissenschaft war beendet. Der Schutt wurde eiligst an kaum noch auffindbaren Orten verscharrt.

Trotzdem retteten Beherzte in letzter Minute 80 Prozent der Ausstattung. Bis heute lagern sie in Depots. Mit seinem Entwurf für den Wiederaufbau hatte der holländische Architekt Erick van Egeraat fast so etwas wie die Quadratur des Kreises geliefert. Das neue Hauptgebäude der Universität „umarmt“ gleichsam die Kirche, nimmt sie förmlich mit unter sein Dach. Die Kirche wiederum wird zum Mittelrisalit und Hauptgiebel des Neubaus – Glaube und Wissen scheinen geschwisterlich versöhnt. Diese bestrickende Geste ist es vermutlich gewesen, die auch die Kritiker einer allzu modernen, modischen Lösung beschwichtigt hat. Sie haben dem Projekt mit den zebrastreifenförmigen Fensterbändern verhalten applaudiert, obwohl sie damit ihre eigentliche Wunschvorstellung, den originalgetreuen Wiederaufbau der gotischen Kirche, aufgeben mussten. Aber aus der versöhnlichen Lösung erwuchs neuer Streit, als der Architekt seine Pläne auf einseitiges Insistieren der Universitätsleitung hin änderte. Plötzlich sollte die Kirche keine Kirche mehr sein, weil, so hatten linke Fundamentalisten gewarnt, der Universität von dem Kirchengebäude eine „Zwangschristianisierung“ drohe.

Mit Entsetzen nahmen Theologen, Musiker und Mitglieder des Paulinervereins wahr, dass die Steinsäulen abgesägt, das Steingewölbe in Gips und Plaste ausgeführt und der Altarraum mit einer Plexiglaswand vom Hauptschiff abgetrennt werden sollten. Für den Wiedereinbau wichtiger Ausstattungsstücke wie der barocken Kanzel war damit kein Platz mehr. Führende Theologen, darunter Sachsens Landesbischof Jochen Bohl, appellierten an die Universität, auf die Trennwand zu verzichten. Bohle Vorgänger Johannes Tempel schrieb an den sächsischen Ministerpräsidenten, es werde ein „halbsäkularer Mehrzweckbau, aber keine Kirche“ errichtet. Damit werde der „bewusste böse Traditionsabbruch“ eines Walter Ulbricht „in der heutigen demokratischen Gesellschaft bewusst und dauerhaft erneuert“.

Fünf Professoren für Mathematik und Informatik beklagten: „Die Errichtung einer Trennwand, ganz gleich aus welchem Material und ganz gleich wie beweglich, stellt eine Bestätigung und Erneuerung des Bruches mit einer 560-jährigen Tradition dar, einer Tradition, zu der nur wenige Universitäten Vergleichbares vorweisen können.“ Die deutlichsten Worte fand Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe in Wittenberg: „Sollte hier Ulbricht noch einmal siegen? Wir Ostdeutsche haben genug von Absperrwänden.“Der Bau stagnierte und ruht bis heute. Aber keines der Argumente wurde gehört. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich versteckte sich hinter dem Maschinenbauprofessor und (seit 2008) Finanzminister Georg Unland und der hinter der Ausflucht, der Auftrag für die Plexiglaswand sei „schon vergeben“.

Mehr: www.welt.de.

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Alexander
Gast
Alexander

Ron, ganz im Ernst: Der Artikel ist schlecht und hat ganz offensichtlich keinerlei Ahnung von der jahrelangen, zwar in der Tat kontroversen, aber in jedem Fall differenzierter geführten Debatte als in dem Artikel dargestellt. Es ist seit Jahren klar, dass der Neubau des Leipziger Uni-Hauptgebäudes keine ‚Kirche‘ in funktionalem Sinne einschließen wird. Darum ist innerhalb der Universität lange debattiert worden. Dass man sich letzlich entschlossen hat, keine funktionale Kirche wieder zu errichten, sondern eine Aula, die auch gottesdienstlich genutzt werden kann, kann man gut finden oder auch nicht. Als „Wiederaufbau der Paulinerkirche“ war der Neubau schon lange, lange nicht mehr… Weiterlesen »