Gibt es ein nachmodernes Christsein?

Kardinal Gerhard Müller hat in einem Manifest zur Glaubenslehre katholische Grundeinsichten reformuliert, von denen er glaubt, dass sie selbst unter katholischen Christen kaum noch bekannt sind. Das Manifest, das grundlegende Lehren des Katholizismus in ungewohnter Klarheit bekennt (da steht etwa: „Der Priester setzt auf Erden das Erlösungswerk fort.“ o. „Wir wollen Mut machen, den Weg Jesu Christi mit Entschiedenheit zu gehen, um durch die Befolgung Seiner Gebote das ewige Leben zu erlangen.“), ist erwartungsgemäß von vielen Seiten kritisiert worden.

Ein Kritiker, der FAZ-Redakteur Christian Geyer-Hindemith, resümiert, das Manifest sei durch und durch prämodern. Und er fragt, ob das Christentum anders überhaupt zu haben sei. Er meint: „ja“ und fordert eine Kirche in „moderner Ordnung“. Die sähe dann so aus:

In ihr wären Angriffe auf metaphysische Überhöhungen nicht länger häresiefähig, nicht als „verwirrt“ klassifizierbar, einfach weil Metaphysisches im Christentum als solches eingeklammert und unter Beibehaltung der überlieferten Texte dergestalt umgedeutet würde, dass es seine vormodernen Schlacken verlöre. Und weil der Christ sich zuvörderst als humanitärer Helfer, als Mensch im Dienst der Humanität empfehlen würde, darin seiner Kirche als Urbild einer global agierenden NGO verbunden, die mit beseeltem Aktionismus statt mit Müllerschen Drohbotschaften von sich reden machte.

Die Theologie hat sich, wie es scheint, in solch einer Dystopie schon eingerichtet. Man lese dazu nur die minutiöse Recherche des Religionssoziologen Michael Ebertz, der unter dem Titel „Die Zivilisierung Gottes“ den Wandel der Jenseitsvorstellungen in Theologie und Verkündigung analysiert und in dieser Sozialgeschichte der Letzten Dinge zeigt, wie Himmel und Hölle den Charakter humanitärer Chiffren annehmen.

Auf genau dieses Ziel, nämlich ein Christentum ohne Metaphysik, zielen die progressiven Jesusjünger ab, egal ob katholisch, evangelisch oder evangelikal. Was vom Prozess der Entmetaphysierung übrig bleibt, ist eine Ethik der humanitären Zuwendung.

Nein. Der christliche Glaube ist ohne Dreieinigkeit, Jesu Sühnetod und Auferstehung sowie Weltgericht nicht zu haben. Daran werden auch die Fortschritts- und Überlegenheitsgesten der vermeintlich aufgeklärten Postmodernen nichts ändern.

Kommentare

  1. Theophil Isegrim meint

    Eins haben beide gemein. Sie wollen sich das Himmelreich verdienen und das Erlösungserk Christi, welches im Zentrum steht an den Rand drängen. Seit 2000 Jahren immer das Gleiche und es ist im NT ja auch so angekündigt.

  2. Nein, gibt es nicht.
    Es gibt das Christentum.

    Es gibt noch das Gutmenschenleitungsgremium der so genannten „evangelischen Kirche“, deren „Evangelium“ nur mehr in der Diesseitsvertröstung besteht. Ihre „Hirten“ können ihren Unglauben schon lange nicht mehr verbergen.
    Durch Worthülsen und geschickte begriffliche Gedankenverstümmelungen machen sie den Menschen vor, das Reich Gottes sei eine in der Welt zu verwirklichende Größe. Also gilt: heilig ist, wer feste mit anpackt.
    Tja, liebe „evangelische“ Kirche: alle Wege führen letztlich nach Rom, nicht wahr?

    Was früher fauler Kompromiss war, heißt heute Konsensbereitschaft, auch Dialogbereitschaft.

    Geyer-Hindemith:
    – metaphysische Überhöhungen (was ist das?)
    – was ist häresiefähig?
    – Metaphysisches wird „eingeklammert“ (was ist damit gemeint?)
    – was sind „vormoderne Schlacken“ zum Beispiel?

    Wer sich hinter solchen Begriffen verbirgt, ist sich seiner Sache nicht sicher.

Ihre Meinung ist uns wichtig

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.