Hartmut Leppin: Die frühen Christen

Die nachfolgende Rezension zu dem Buch:

  • Hartmut Leppin. Die frühen Christen: Von den Anfängen bis Konstantin. C. H. Beck. ISBN: 9783406725104, 2018, S. 511. € 29,95.

erschien in der Zeitschrift GLAUBEN UND DENKEN HEUTE 1/2019 (Nr. 23), S. 58–59):

51F5nD6WRyL SX320 BO1 204 203 200Der Leibnitzpreisträger Hartmut Leppin lehrt als Professor für Alte Geschichte an der Goethe-Universität zu Frankfurt/ Main und zählt zu den renommiertesten Althistorikern Deutschlands. Er hat nun jenen Christen, die in den ersten 300 Jahren nach Christus lebten und von der Entscheidung Kaiser Konstantins, den christlichen Glauben anzunehmen, überrascht wurden, ein Buch gewidmet. Es handelt von ihrem Leben in der Welt und von den Irritationen, die sie unter ihren Zeitgenossen auslösten. Leppin hat kein apologetisches oder dekonstruierendes Buch geschrieben. Er hat vielmehr beobachtet, wie sich die frühen Christen in der Welt eingerichtet haben, ohne in ihr aufzugehen.

Mit den theologischen Voraussetzungen des Christentums setzt sich der Autor nicht ausführlich auseinander. Er nimmt an, dass Jesus eine historische Person ist, aber in den Evangelien nicht als historische Gestalt erscheint, sondern vielmehr als Gegenstand von Erzählungen und Zuschreibungen. In einem Prolog betrachtet Leppin kurz die Auferstehung von Jesus Christus. Er erkennt sie immerhin insofern als historisches Ereignis an, als sie das Leben der ersten Christen auf den Kopf stellte, also sie insofern eine große Wirkung entfaltete: „Es bedarf nach wie vor beachtlicher Anstrengungen der Theologie, um die Ideen von Auferstehung und Himmelfahrt in unsere Zeit zu übersetzen. Der schlichte Historiker aber kann gar nicht anders, als beide ernst zu nehmen, da sie wirkmächtig waren. Denn antike Christen glaubten daran und handelten entsprechend; sehr bald scheinen einige als Missionare diese Nachricht weitergetragen zu haben. Die Erfahrung der Mitteilbarkeit des Glaubens verdichtete sich im Bericht über das Pfingsterlebnis, als die Jünger vom Heiligen Geist erfüllt wurden und in den verschiedensten Sprachen zu predigen begannen, wie man sich berichtete (Apg 2,1–13). Gleichwohl: Der Auferstehungsglaube war nicht selbstverständlich, wurde bestritten und unterlag Änderungen. So waren die Christen auch späterer Zeiten unterschiedlicher Auffassung darüber, ob die Auferstehung Jesu ein reales, einmaliges Ereignis sei oder eher eine Vision, die Menschen immer wieder zuteilwerden könne. Die erstere Position sollte sich in der Kirche durchsetzen, die zweite galt als gnostisch“ (S. 26).

Eigentlich setzt das Buch aber nach dem Osterereignis ein. Es enthält vier Hauptkapitel.

Im ersten Kapitel geht um die Aufhebung ethnischer und sozialer Grenzziehungen unter den ersten Christen. Behandelt werden Themen wie Taufe, christliche Feste, Dämonen oder Speisegewohnheiten. Eindrücklich stellt der Autor heraus, dass der Glaube bei Christen eine Identität stiftete, die tiefer ging als die Volkszugehörigkeit oder der gesellschaftliche Status. „Weder ethnisch-religiöse Grenzen sollen gelten noch solche des sozialen Status noch die zwischen den Geschlechtern. Nichts von dem, was die Gesellschaft gliederte, sollte weitergelten, nein, alle sollten eins in Christus sein. Und das ist bemerkenswert. Denn in der antiken Welt hatte Religion viel mit sozialer Zugehörigkeit zu tun. Die meisten religiösen Praktiken waren an bestimmte Städte oder Völker gebunden“ (S. 34–35). Christen dienten dem lebendigen Gott. Eine Konsequenz war, dass sie keinen anderen Kult mehr praktizierten, „eine ungeheuerliche Vorstellung und keineswegs unumstritten“ (S. 35).

Im zweiten Kapitel erörtert Leppin, wie sich die frühen Christen organisierten und welche Autoritäten unter ihnen um Einfluss rangen. Beschrieben wird, unter Rückgriff auf die Bezeichnung von Max Weber, die Entwicklung von Charisma und Amt. Auch das Phänomen der frühchristlichen Prophetie wird behandelt. Adressiert werden zudem das Bischofsamt, das Sammeln von Geld in den Gemeinden, das Aufkommen der Reliquienverehrung und die Entstehung erster christlicher Zentren.

Das dritte Hauptkapitel ist dem Alltagsverhalten der ersten Christen gewidmet. Hier werden Familie, Sexualität, Sklavenhaltung, Reichtum oder auch Armenfürsorge behandelt. Eine generelle Körperfeindlichkeit kann man den frühen Christen laut Leppin nicht unterstellen. Sie bejahten die Geschöpflichkeit des Leibes und die Natürlichkeit des Sexualdrangs. Freilich wussten sie, dass dieser auch zur Sünde verleiten konnte (vgl. S. 277). Sie verantworteten, anders als ihre heidnische Umwelt, ihre Sexualität vor Gott: „Wenn sich die Christen in ihrer Sexualität grundsätzlich vor Gott verantwortlich fühlten, galt eine Überschreitung der Grenzen zunächst als Sünde vor ihm, während sie für Nichtchristen oft eher […] eine Peinlichkeit gegenüber der Umwelt war, deren man sich vor seinesgleichen schämte, aber nicht vor den Göttern“ (S. 277–278). Christen betonten die eheliche Treue: „War eine Ehe einmal geschlossen, sollten die Partner Treue in einer vorbildlichen Weise leben, und zwar beide: Frau und Mann. Das unterstrichen Christen nachdrücklich, aber zunehmend auch Heiden, zumal in der Kaiserzeit. Indem Christen danach strebten, eine besonders gute Ehe zu leben, werteten sie diese Institution auf, schon deutlich im Scheidungsverbot, das Evangelisten Jesus aussprechen ließen“ (S. 278). Nur wenige Philosophen und die Christen betonten, „dass bestimmte Werte für alle Menschen gültig seien, mithin auch die Intimität von Sklaven Schutz verdiene“ (S. 280). Das gilt besonders vor dem Hintergrund, dass Sklaven für sexuelle Perversionen herhalten mussten. So war die Akzeptanz von Päderastie in bestimmten Kreisen damals verbreitet und die Sklaven im Unterschied zu den freien Bürgern diesem Begehren schutzlos ausgeliefert. Leppin erklärt, dass vielen antiken Autoren wichtig war, die eheliche Sexualität zwischen Mann und Frau zu stärken, da von ihr der Fortbestand der Gesellschaft abhing (vgl. S. 281). So wurden damals homoerotische Praktiken keinesfalls begrüßt. Im Laufe der Kaiserzeit verloren homoerotische und insbesondere päderastische Praktiken sogar an Akzeptanz, „ohne dass sie so stark verdammt wurden wie in manchen späteren Epochen“ (S. 281). Anders als die Heiden verneinten Juden wie Christen weibliche wie männliche homoerotische Beziehungen prinzipiell. „Jüdische Autoren, die wir hören, lehnten homoerotische Praktiken jedweder Art ohnehin konsequent ab. In demselben Sinne lassen sich Christen vernehmen. Über die Ablehnung päderastischer und homoerotischer Praktiken bestand nach allem, was wir sehen können, unter ihnen Konsens. Bereits Paulus setzte sich damit auseinander und erwähnt Lustknaben und Kinderschänder als Menschen, die vom Reich Gottes ausgeschlossen seien, wenn sie sich nicht änderten, und verwendet dabei ein Wort (arsenokoites), das im paganen Kontext nicht auftaucht (1. Kor 6,9). Er sieht in widernatürlichen, wie er es formuliert, Beziehungen einen Ausdruck der Gottlosigkeit der Welt; …“ (S. 281).

Das letzte Kapitel behandelt das Verhältnis der Christen zur politischen Obrigkeit. Nach Leppin war die Synthese von Christentum und Kaisertum keineswegs ein natürlicher Prozess. Die meisten Christen bekundeten zwar die Loyalität gegenüber dem Kaiser, zahlten Steuern und beteten für ihn, „alle aber lehnten es ab, ihn kultisch zu verehren“ und viele verweigerten den Militärdienst (S. 12). Das christliche Kaisertum stellte die Christus-Jünger deshalb vor neue Herausforderungen. Sie mussten das „nur einem Herren dienen“ nun ganz neu überdenken und um Lösungen für diese Konstellation ringen. „Viele Christen akzeptierten, ja priesen das römische Imperium, andere verurteilten es. Doch keiner von ihnen benannte eine politische Alternative; anders als die Juden unternahmen die Christen keine Aufstände oder strebten nach Unabhängigkeit“ (S. 354).

Hartmut Leppin hat eine didaktisch gut aufbereitete, ausgezeichnet lesbare Geschichte der frühen Christen geschrieben. Als Historiker hat er Quellenmaterial souverän eingearbeitet. Gerade Theologen sei empfohlen, sich mit der Perspektive eines Experten für die Geschichte des frühen Christentums vertraut zu machen. Hier und dort dürfen und sollen sie kritisch rückfragen. Alles in allem wird für sie das Studium des Buches ein anregendes Leseerlebnis sein.

Kommentare

  1. Vielen Dank für die Mühe, Ron. Bin überzeugt!

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